Der Osten hat durch seine Abneigung hindurch instinktiv gefühlt, daß er

viel von Europa zu lernen hat, nicht nur in bezug auf die materiellen

Mittel seiner Macht, sondern auch auf ihre inneren Quellen, die dem

Geist und der sittlichen Natur des Menschen angehören. Europa hat uns

gelehrt, daß wir neben den Pflichten gegen die Familie und den Stamm

höhere haben gegen die Allgemeinheit; es hat uns die Heiligkeit des

Gesetzes gelehrt, das die Gesellschaft unabhängig macht von der Laune

des einzelnen, ihr dauernder Fortschritt und allen Menschen in allen

Lebenslagen gleiches Recht sichert. Vor allem hat Europa in

jahrhundertelangem Leiden und Kämpfen das Banner der Freiheit

hochgehalten, der Freiheit des Gewissens, der Freiheit des Denkens und

Handelns, der Freiheit für seine Ideale in der Kunst und Literatur. Und

weil sich Europa unsere tiefe Achtung erworben hat, ist es so gefährlich

für uns geworden da, wo es schwach und falsch ist, -- gefährlich wie

Gift, das man uns in unsere beste Speise mischt. Es gibt eine Rettung

für uns, auf die wir hoffen können: wir können Europa selbst als

Bundesgenossen anrufen im Kampf gegen seine Verführungen und gewaltsamen

Übergriffe; denn da es immer sein sittliches Ideal hochgehalten hat, an

dem wir es messen und seinen Abfall ihm nachweisen können, so können wir

es vor sein eigenes Gericht fordern und es beschämen, und solche Scham

ist das Zeichen wahren Adelsstolzes.

Doch wir fürchten, daß das Gift wirksamer ist als die Speise, und daß

das, was sich heute als Kraft äußert, nicht Zeichen von Gesundheit,

sondern vom Gegenteil ist. Wir fürchten, daß das Böse, wenn es so

ungeheure Formen annimmt, einen verhängnisvollen Zauber ausübt, und

wenn es auch sicher durch sein abnormes Mißverhältnis das Gleichgewicht

verliert, so ist doch das Unheil, das es vor seinem Sturz anrichtet,

vielleicht nicht wieder gutzumachen.

Daher bitte ich euch, habt die Kraft des Glaubens und die Klarheit des

Geistes einzusehen, daß der schwerfällige Bau des modernen Fortschritts,

der durch die eisernen Klammern der Nützlichkeit zusammengehalten wird

und auf den Rädern des Ehrgeizes rollt, nicht lange halten kann. Es

werden sicher Zusammenstöße kommen, denn er muß auf den Schienen der

Organisation laufen, er kann seinen Weg nicht frei wählen, und wenn er

einmal entgleist, entgleist mit ihm der ganze Wagenzug. Es wird ein Tag

kommen, wo er in Trümmer fallen und zu einer ernstlichen Verkehrshemmung

in der Welt werden wird. Sehen wir nicht schon jetzt Anzeichen davon?

Hören wir nicht eine Stimme durch den Lärm des Krieges, durch das

Haßgeschrei, das Jammern der Verzweiflung, durch das Aufrühren des

unsagbaren Schmutzes, der sich jahrhundertelang auf dem Boden der

modernen Zivilisation angesammelt hat, eine Stimme, die unserer Seele

zuruft, daß der Turm der nationalen Selbstsucht, der sich Patriotismus

nennt und sein Banner des Verrats frech zum Himmel wehen läßt, ins

Schwanken geraten und mit gewaltigem Krach zusammenstürzen wird, durch

seine eigene Masse herabgezogen, so daß seine Fahne den Staub küßt und

sein Licht erlischt? Meine Brüder, wenn die roten Flammen dieses

gewaltigen Brandes prasselnd ihr Gelächter zu den Sternen schicken,

setzt ihr euer Vertrauen auf die Sterne und nicht auf das vernichtende

Feuer. Denn wenn dieser Brand sich verzehrt hat und erlischt und einen

Aschenhaufen als Denkzeichen zurückläßt, wird das ewige Licht wieder im

Osten leuchten -- im Osten, wo das Morgenlicht der Menschheitsgeschichte

geboren ist. Und wer weiß, ob nicht dieser Tag schon dämmert, ob nicht

am östlichen Horizont Asiens die Sonne schon aufgegangen ist? Dann

begrüße ich wie die Sänger meiner Vorfahren das Morgenrot dieser

östlichen Sonne, die bestimmt ist, noch einmal die ganze Welt zu

erleuchten.

Ich weiß, meine Stimme ist zu schwach, sich über den Lärm dieser

hastenden Zeit zu erheben, und es ist leicht für jeden Gassenbuben, mir

das Wort »unpraktisch« nachzuwerfen. Es bleibt an mir kleben und läßt

sich nicht abwischen und bewirkt, daß alle achtbaren Menschen über mich

hinwegsehen. Ich weiß, welche Gefahr man bei der robusten Menge läuft,

wenn man Idealist genannt wird, heutzutage, wo Throne ihre Würde

verloren haben und Propheten ein Anachronismus geworden sind, wo das

Geschrei des Marktes alle anderen Stimmen übertönt. Doch als ich eines

Tages an der äußeren Häusergrenze der Stadt Jokohama stand, die von

modernen Dingen strotzte, und die Sonne langsam hinabtauchen sah in euer

südliches Meer, als ich es in seiner stillen Majestät daliegen sah

zwischen euren mit Fichten bedeckten Hügeln, -- als ich den großen

Fudschijama am goldenen Horizont verblassen sah wie einen Gott, der von

seinem eigenen Glanz überwältigt wird -- da quoll die Musik der Ewigkeit

herauf zu mir durch das Abendschweigen, und ich wußte, daß Himmel und

Erde mit all ihrer Schönheit auf seiten der Dichter und Idealisten sind,

und nicht auf seiten der Marktleute mit ihrer derben Verachtung für

alles Gefühlswesen; ich wußte, daß der Mensch, nachdem er eine Zeitlang

seinen göttlichen Ursprung vergessen hat, sich wieder daran erinnern

wird, daß der Himmel stets in Berührung mit seiner Erde ist und sie

nicht für immer den raubgierigen Wölfen unserer heutigen Zeit

preisgibt.

NATIONALISMUS IN INDIEN

Indiens wahre Aufgabe liegt nicht auf dem Gebiete der Politik; sie ist

sozialer Art. Und dies ist nicht nur in Indien, sondern in überwiegendem

Maße bei allen Völkern der Fall. Ich glaube nicht an ein ausschließlich

politisches Interesse. Im Westen hat die Politik auf die Ideale

beherrschenden Einfluß gehabt, und wir Inder versuchen, eurem Beispiel

zu folgen. Wir müssen bedenken, daß in Europa, wo die Völker von Anfang

an ihre Rasseneinheit hatten und wo die Natur den Bewohnern nicht genug

bot, um ihr Bedürfnis zu befriedigen, die Kultur ganz von selbst den

Charakter politischer und kommerzieller Aggressivität annehmen mußte.

Denn einerseits hatten sie keine innern Schwierigkeiten, und

andererseits hatten sie es mit Nachbarn zu tun, die stark und raublustig

waren. So schien ihre einzige Aufgabe zu sein, nach innen fest

zusammenzuhalten und nach außen eine wachsame und feindselige Haltung zu

wahren. In früheren Zeiten organisierten sie sich, um zu plündern, heute

ist der Geist, der bei ihnen herrscht, derselbe -- sie organisieren, um

die ganze Welt auszubeuten.

Aber seit den ersten Anfängen unserer Geschichte hat Indien beständig

sein Problem vor Augen gehabt -- das Rassenproblem. Jedes Volk muß sich

seiner Mission bewußt sein, und wir Inder müssen uns klarmachen, daß wir

eine armselige Rolle spielen, wenn wir versuchen, Politik zu treiben,

nur weil wir es noch nicht fertig gebracht haben, das zu leisten, was

die Vorsehung uns aufgegeben hat.

Vor dies Problem der Rasseneinheit, das wir so viele Jahre lang zu lösen

versucht haben, seid auch ihr hier in Amerika gestellt. Viele Leute in

diesem Lande fragen mich, wie es mit den Kastenunterschieden in Indien

sei. Aber wenn sie diese Frage an mich richten, so tun sie es gewöhnlich

mit überlegener Miene. Und ich fühle mich versucht, unseren

amerikanischen Kritikern dieselbe Frage zu stellen, nur mit einer

kleinen Abänderung: »Was habt ihr eigentlich mit dem Indianer und dem

Neger gemacht?« Denn ihnen gegenüber seid ihr über euren Kastengeist

noch nicht hinausgekommen. Ihr habt gewaltsame Methoden angewandt, um

andere Rassen von euch fernzuhalten, aber solange ihr hier in Amerika

nicht die Frage gelöst habt, habt ihr kein Recht, Indien zu fragen.

Jedoch trotz der großen Schwierigkeit hat Indien etwas getan. Es hat

versucht, die Rassen einander anzupassen, die wirklichen Unterschiede,

da wo sie existieren, bestehen zu lassen und doch eine gemeinsame Basis

zu finden. Diese Basis haben unsere heiligen Männer wie Nanak, Kabir,

Tschaitanja und andere gefunden, die allen Rassen Indiens den einen Gott

predigten.

Wenn wir die Lösung unseres Problems gefunden haben, so haben wir damit

zugleich geholfen, das Weltproblem zu lösen. Denn was Indien gewesen

ist, das ist die ganze Welt jetzt. Die Welt ist im Begriff, durch die

technischen Erleichterungen zu einem einzigen Lande zu werden. Und der

Augenblick kommt, wo ihr auch nach einer Basis für eure Einheit suchen

müßt, die nicht politischer Art ist. Wenn Indien seine Aufgabe gelöst

hat, so hat es dies für die ganze Menschheit getan. Es gibt überhaupt

nur eine Geschichte -- die Geschichte des Menschen. Die Geschichten der

Völker sind nur einzelne Kapitel dieser großen Geschichte. Und wir Inder

wollen gern für eine so große Sache leiden.

Jedes Individuum hat seine Selbstliebe. Daher wird es von seinem

tierischen Instinkt getrieben, nur um seines eigenen Interesses willen

mit andern zu kämpfen. Aber der Mensch hat auch seine höheren Instinkte:

Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Die Menschen, denen es an dieser

höheren sittlichen Kraft fehlt, und die sich daher nicht mit andern zu

einer Gemeinschaft verbinden können, müssen umkommen oder in einem

Zustande der Erniedrigung leben. Nur die Völker haben fortgelebt und es

zur Kultur gebracht, in denen dieser Gemeinschaftsgeist stark lebendig

ist. So finden wir, daß vom Anfang der Geschichte an die Menschen zu

wählen hatten zwischen Kampf und Gemeinschaft, Eigeninteresse und

Allgemeininteresse.

In den Zeiten unserer frühen Geschichte, als die geographischen Grenzen

des einzelnen Landes nur klein und die Verkehrsmöglichkeiten gering

waren, hatte auch dies Problem nur verhältnismäßig geringen Umfang. Es

genügte, wenn die Menschen ihr Gemeinschaftsgefühl nur innerhalb der

Grenzen ihres abgesonderten Gebiets entwickelten. Zu jenen Zeiten

schlossen sie sich zusammen und kämpften gegen andere. Aber es war dies

sittliche Gefühl der Gemeinschaft, das die wahre Grundlage ihrer Größe

wurde, auf der sich Kunst, Wissenschaft und Religion entwickeln konnten.

In jenen frühen Zeiten war die wichtigste Tatsache, deren der Mensch

sich bewußt sein mußte, daß er in einer engeren Rassengemeinschaft

lebte. Wem diese Tatsache wahrhaft in sein sittliches Bewußtsein

eingegangen war, der machte sich um die Geschichte verdient.

Die wichtigste Tatsache der heutigen Zeit ist, daß die verschiedenen

Menschenrassen in nahe Berührung miteinander gekommen sind. Und wieder

haben wir zwischen zwei Wegen die Wahl: die Frage ist, ob die

verschiedenen Völkergruppen fortfahren sollen einander zu bekämpfen,

oder ob sie versuchen sollen, eine Grundlage für Versöhnung und

gegenseitige Hilfe zu finden; ob ewiger Wettstreit oder Zusammenarbeiten

die Losung sein soll.

Ich bin gewiß, daß die, die mit der sittlichen Kraft der Liebe und dem

Ideal einer geistigen Einheit unter den Völkern begnadet sind, die am

wenigsten von Feindseligkeit den fremden Nationen gegenüber wissen und

Verständnis und Mitgefühl genug haben, um sich in die Lage der andern zu

versetzen, ich glaube, daß diese die Geeignetsten sein werden, ihren

Platz in dem kommenden Zeitalter zu behaupten, während die, die

beständig ihren angeborenen Trieb zu Kampf und Unduldsamkeit pflegen,

untergehen werden. Denn dies ist das Problem, das jetzt vor uns liegt,

und wir müssen unser höheres Menschentum dadurch beweisen, daß wir es

auf sittlichem Wege lösen. Die riesigen Organisationen, die dazu dienen,

andere anzugreifen und ihre Angriffe abzuwehren, Geld zu erringen, indem

man andere beiseite stößt, diese werden uns nicht helfen. Im Gegenteil,

durch ihr zermalmendes Gewicht, ihre ungeheuren Kosten und ihre

ertötende Wirkung auf das lebendige Menschentum werden sie unsere Kraft

in dem großzügigeren Leben einer höheren Kultur ernstlich gefährden.

Als die Nation noch in der Entwicklung begriffen war, da war die

sittliche Kultur der Brüderlichkeit in geographische Grenzen

eingeschlossen, weil damals jene Grenzen auch wirkliche Grenzen waren.

Jetzt sind sie zu traditionellen Linien geworden, die nur in der

Einbildung bestehen und den Charakter wirklicher Schranken verloren

haben. So ist die Zeit gekommen, wo die sittliche Natur des Menschen in

allem Ernst mit dieser wichtigen Tatsache rechnen oder sich verloren

geben muß. Die erste Folge von diesem Wechsel der Umstände war, daß die

niederen Leidenschaften des Menschen, Gier und wilder Haß, jäh

emporschäumten. Wenn dies unbegrenzt weitergeht, wenn die

Kriegsrüstungen immer weiter bis ins Phantastische und Sinnlose

gesteigert werden, wenn Maschinen und Lagerhäuser mit ihrem Rauch und

Schmutz und mit all ihrer Scheußlichkeit diese schöne Erde einhüllen, so

wird sie in einem Weltbrand ein selbstmörderisches Ende nehmen. Daher

muß der Mensch die ganze Kraft seiner Liebe und seines schauenden

Geistes anstrengen, um eine neue sittliche Ordnung aufzurichten, die die

ganze Menschheit umfaßt und nicht nur einzelne Nationen, die immer nur

einen Bruchteil ausmachen. Der Ruf ergeht heute an jeden einzelnen, sich

und seine Umgebung vorzubereiten für die Morgendämmerung einer neuen

Weltperiode, wo der Mensch in der geistigen Einheit aller menschlichen

Wesen seine Seele entdecken wird.

Wenn es überhaupt dem Westen beschieden ist, aus diesem Gestrüpp der

tieferen Abhänge sich zu dem geistigen Gipfel der Menschheit

emporzuarbeiten, so ist es, glaube ich, die besondere Mission Amerikas,

diese Hoffnung Gottes und der Menschheit zu erfüllen. Ihr seid das Land

der Erwartung, das über das Gegebene hinausstrebt. Europa hat seine

geistigen Gewohnheiten und Konventionen. Aber Amerika hat sich bis jetzt

noch nirgends festgelegt. Mir ist klar geworden, wie frei Amerika von

allen Traditionen der Vergangenheit ist, und ich weiß die Neigung zum

Experimentieren als ein Zeichen seiner Jugend zu schätzen. Amerikas Ruhm

und Größe gründet sich mehr auf die Zukunft als auf die Vergangenheit,

und wer die Gabe des Hellsehens hat, wird das Amerika der Zukunft lieben

müssen.

Amerika hat die Aufgabe, dem Osten gegenüber die westliche Kultur zu

rechtfertigen. Europa hat den Glauben an die Menschheit verloren und ist

mißtrauisch und kränklich geworden. Amerika dagegen ist weder

pessimistisch noch blasiert. Ihr wißt als Volk, daß, wenn man das Gute

hat, man das Bessere und Beste suchen kann, und daß man um so mehr zu

wissen strebt, je mehr man weiß. Traditionen aber und Gewohnheiten

bewirken das Gegenteil. Und es gibt Gewohnheiten, die nicht nur durch

träges Beharren hemmen, sondern anmaßend und aggressiv sind. Sie sind

nicht bloße Mauern, sondern stachlige Distelhecken. Europa hat jahrelang

diese Hecken von Gewohnheiten großgezogen, bis sie es dicht und stark

und hoch eingeschlossen haben. Der Stolz auf seine Traditionen hat tief

in seinem Herzen Wurzel geschlagen. Ich will nicht behaupten, daß dieser

Stolz unberechtigt ist. Aber jede Art von Stolz macht schließlich blind.

Wie bei allen künstlichen Reizmitteln ist seine erste Wirkung eine

Erhöhung des Lebensgefühls, aber bei vermehrter Dosis wird das

Bewußtsein getrübt und ein Rausch erzeugt, der es irreführt. Europas

Herz hat sich allmählich verhärtet in dem Stolz auf seine Traditionen.

Es kann nicht nur nicht vergessen, daß es der kultivierte Westen ist,

sondern ergreift auch jede Gelegenheit, andern die Tatsache ins Gesicht

zu schleudern, um sie zu demütigen. Dadurch macht es sich unfähig,

sowohl dem Osten sein Bestes zu geben als auch im rechten Geiste die

Weisheit aufzunehmen, die der Osten seit Jahrhunderten aufgespeichert

hat.

In Amerika haben nationale Gewohnheiten und Traditionen noch nicht Zeit

gehabt, ihre klammernden Wurzeln um euer Herz zu schlagen. Ihr habt

beständig die Nachteile auf eurer Seite empfunden und beklagt, wenn ihr

eure nomadische Ruhelosigkeit mit den festen Traditionen Europas

vergleicht, jenes Europas, das das Bild seiner Größe so wirkungsvoll vom

Hintergrund seiner Vergangenheit sich abheben lassen kann. Aber in

dieser gegenwärtigen Übergangszeit, wo ein neues Zeitalter der Kultur

seinen Trompetenruf erschallen läßt an alle Völker der Welt in eine

unbegrenzte Zukunft hinein, da wird gerade diese Ungebundenheit euch

befähigen, seinem Ruf zu folgen und das Ziel zu erreichen, das Europa

erstrebte, aber zu dem es auf halbem Wege steckenblieb. Denn es ließ

sich durch den Stolz auf seine Macht und durch die Gier nach Besitz von

seiner Bahn ablenken.

Nicht nur die Freiheit der einzelnen von festen Denkgewohnheiten,

sondern auch die Freiheit eurer Geschichte von allen Verwicklungen, die

sie hätten beflecken können, macht euch fähig, die Bannerträger der

künftigen Kultur zu sein. Alle großen Nationen Europas haben irgendwo in

der Welt ihre Opfer. Dies ertötet nicht nur ihre seelische, sondern auch

ihre intellektuelle Sympathie, die zum Verständnis fremder Rassen so

nötig ist. Die Engländer können Indien nie wahrhaft verstehen, weil ihr

Geist in bezug auf dies Land nicht frei von eigennützigem Interesse ist.

Wenn man England mit Deutschland oder Frankreich vergleicht, so findet

man, daß es die kleinste Anzahl von Gelehrten aufzuweisen hat, die

indische Literatur und Philosophie mit einem gewissen Grad von

Verständnis und Gründlichkeit studiert haben. Diese Haltung von

Gleichgültigkeit und Verachtung ist natürlich, wo das Verhältnis

unnormal und auf nationalen Stolz und Egoismus gegründet ist. Aber eure

Geschichte ist selbstlos gewesen, und daher habt ihr Japan helfen

können, als es nach westlicher Kultur verlangte; daher kann auch China

in seiner gegenwärtigen so schwer wie noch nie bedrohten Lage auf euch

seine beste Hoffnung setzen. Ja, ihr tragt die ganze Verantwortung für

eine große Zukunft, weil ihr nicht in den Klauen einer engherzigen

Vergangenheit zurückgehalten werdet. Daher muß von allen Völkern der

Erde Amerika am festesten diese Zukunft ins Auge fassen; es darf seinen

Blick nicht trüben lassen, und sein Glaube an die Menschheit muß

jugendlich stark bleiben.

Eine Ähnlichkeit besteht zwischen Amerika und Indien: beide müssen

verschiedene Rassen zu einer Einheit verschmelzen.

In meinem Lande haben wir versucht, etwas zu finden, was allen Rassen

gemeinsam ist und worauf sich ihre wirkliche Einheit gründen läßt. Eine

Nation, die diese Einheit auf eine rein politische oder wirtschaftliche

Basis zu gründen sucht, wird finden, daß diese Basis nicht genügt.

Denkende und einflußreiche Männer werden entdecken, worin diese geistige

Einheit besteht, sie werden sich ihr Bild im Geiste ausmalen und es

ihrem Volk verkünden.

Indien hat nie den wirklichen Sinn für Nationalismus gehabt. Obgleich

man mich von klein auf gelehrt hat, daß der Götzendienst der Nation fast

noch besser ist als die Ehrfurcht vor Gott und der Menschheit, so bin

ich, glaube ich, doch dieser Lehre entwachsen, und ich bin überzeugt,

daß meine Landsleute ihr Indien in Wahrheit dadurch gewinnen werden, daß

sie gegen eine Lehre kämpfen, die ihnen sagt, ein Land stände höher als

die Ideale der Menschheit.

Der gebildete Inder versucht heutzutage Lehren aus der Geschichte zu

entnehmen, die den Lehren unserer Vorfahren widersprechen. Ja, der Osten

versucht, sich eine Geschichte anzueignen, die gar nicht das Ergebnis

seines eigenen Lebens ist. Japan zum Beispiel glaubt, dadurch mächtig

zu werden, daß es europäische Methoden übernimmt, aber nachdem es sein

eigenes Erbe vergeudet hat, wird es nur die geborgten Waffen der äußeren

Kultur in der Hand behalten. Denn es hat sich nicht aus sich heraus

entwickelt.

Europa hat seine Vergangenheit. Europas Stärke liegt daher in seiner

Geschichte. Wir in Indien müssen uns klarmachen, daß wir nicht die

Geschichte eines andern Volkes übernehmen können und daß wir Selbstmord

begehen, wenn wir unsere eigene ersticken. Wer seinem Leben künstlich

etwas Fremdes aufsetzt, der erdrückt es.

Und daher glaube ich, daß es nicht gut für Indien ist, wenn es sich mit

der westlichen Kultur auf ihrem Felde zu messen sucht. Wenn wir dagegen

der uns vom Schicksal gewiesenen Bahn treu bleiben, so werden uns alle

Schmähungen, mit denen man uns überhäufen mag, reichlich vergütet

werden.

Es gibt Lehren, die uns unterweisen und uns zu geistiger Arbeit tüchtig

machen. Diese sind einfach und können mit Nutzen erworben und angewandt

werden. Aber es gibt andere, die uns tiefer berühren und unsere

Lebensrichtung ändern. Bevor wir sie annehmen und ihren Wert mit unserem

eigenen Erbe bezahlen, müssen wir haltmachen und ernsthaft nachdenken.

Es kommen in der menschlichen Geschichte zuweilen Perioden, wo gewaltige

Ereignisse wie Feuerwerke uns blenden durch ihre Stärke und

Schnelligkeit. Sie verlachen nicht nur die bescheidenen Lampen unseres

Heims, sondern auch die ewigen Sterne. Aber laßt uns durch ihre

Herausforderung nicht zu dem Wunsch gereizt werden, unsere Lampen

wegzuwerfen. Laßt uns geduldig den gegenwärtigen Schimpf ertragen und

bedenken, daß diese Feuerwerke wohl hellen Glanz, aber keine Dauer haben

wegen ihrer großen Explosionskraft, die die Ursache ihrer Stärke, aber

auch zugleich die ihres schnellen Erlöschens ist. Sie verbrauchen ein

verhängnisvolles Quantum von Energie und Substanz im Verhältnis zu dem,

was sie leisten und einbringen.

Jedenfalls sind unsere Ideale durch unsere eigene Geschichte entwickelt

worden, und wenn wir ein Feuerwerk aus ihnen machen wollten, so würde

es doch nur kläglich ausfallen, da sie aus anderem Stoff sind als eure,

wie auch ihr sittliches Ziel ein anderes ist. Wenn wir den Wunsch hegen,

unsere ganze Habe gegen politischen Nationalismus einzutauschen, so ist

dies ebenso unsinnig, als wenn die Schweiz ihr Leben an die Erfüllung

des ehrgeizigen Wunsches setzte, eine Flotte zu bauen, die es mit der

englischen aufnehmen könnte. Der Fehler, den wir machen, ist der, daß

wir glauben, es gäbe nur einen Weg zu menschlicher Größe -- den, den wir

heute zu unserem Schmerz als breite Straße über die Welt des Westens

laufen sehen und auf dem freche Anmaßung die Führerin ist.

Wir müssen die Gewißheit haben, daß eine Zukunft vor uns liegt und daß

diese Zukunft die erwartet, welche reich an sittlichen Idealen sind und

nicht an bloßen Dingen. Und es ist das Vorrecht des Menschen, für

Früchte zu arbeiten, die er noch nicht sogleich sammeln kann, und sein

Leben nicht durch den Erfolg des Augenblicks bestimmen zu lassen oder

auch durch eine vorsichtige, in ihren Zielen begrenzte Vergangenheit,

sondern durch eine unendliche Zukunft, die unsere höchsten Ideale in

sich birgt.

Wir müssen erkennen, daß die göttliche Vorsehung selbst den Westen nach

Indien führte. Und doch muß jemand kommen, der dem Westen den Osten

deutet und ihm klarmacht, daß der Osten sein Teil beizusteuern hat zur

Geschichte der Kultur. Indien kommt nicht als Bettler zum Westen. Und

mag auch der Westen dies glauben, so rate ich doch nicht, daß wir die

westliche Kultur verschmähen und uns in stolzer Unabhängigkeit

absondern. Nein, laßt uns uns innerlich mit ihm tief verbinden. Wenn die

Vorsehung England dazu ausersehen hat, daß es diesen Bund, diesen

inneren Bund, stifte und leite, so will ich mich dem in aller Demut

beugen. Ich habe einen großen Glauben an die menschliche Natur, und so

glaube ich auch, daß der Westen seine wahre Mission erkennen wird. Ich

spreche mit Bitterkeit von der westlichen Kultur, wenn ich sehe, wie sie

das ihr Anvertraute verrät und ihrem eigenen Ziel entgegenarbeitet. Der

Westen darf sich nicht zu einem Fluch für die Welt machen, indem er

seine Macht zu selbstischen Zwecken braucht, sondern dadurch, daß er

die Unwissenden belehrt und den Schwachen hilft, sollte er sich vor der

Gefahr schützen, die dem Starken drohen kann, wenn er den Schwachen

stark genug werden läßt, seinem Eindringen zu widerstehen. Auch muß er

seinen Materialismus nicht als das Höchste und Letzte predigen, sondern

er muß erkennen, daß er sich um die Menschheit verdient macht, wenn er

den Geist von der Tyrannei der Materie befreit.

Ich wende mich nicht gegen eine Nation im besonderen, sondern gegen

Nationen im allgemeinen. Was ist eine Nation?

Nationalismus · 第 5 / 7 段