Aber gerade dieser Riesenumfang und seine endlose Kompliziertheit sind

sichere Zeichen seines Versagens und seiner inneren Schwäche. Ein

geübter Schwimmer zeigt seine Muskelkraft nicht durch heftige

Bewegungen; seine Kraft ist unsichtbar und äußert sich in vollkommener

Anmut und Ruhe. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine

innere Kraft und sein innerer Wert, die beide nicht von außen sichtbar

sind. Aber die heutige Handelskultur braucht nicht nur zuviel Zeit und

Raum, sondern tötet Zeit und Raum. Ihre Bewegungen sind heftig, ihre

Stimme laut und mißtönend. Sie trägt ihren Fluch in sich, weil sie die

Menschheit, auf der sie steht, zu einer unförmlichen Masse zertrampelt.

Sie ist rastlos bemüht, Glück in Geld umzuwandeln. Der Mensch sucht

seine Menschlichkeit in die kleinste Ecke zusammenzudrücken, um für ihre

Organisation ausgiebigen Raum zu schaffen. Er spottet seine menschlichen

Gefühle zuschanden, weil sie seinen Maschinen im Wege sein könnten.

In unserer Mythologie haben wir die Sage, daß der, der sich Kasteiungen

auferlegt, um die Unsterblichkeit zu gewinnen, Versuchungen zu bestehen

hat, die ihm von Indra, dem Herrn der Unsterblichen, geschickt werden.

Wenn er sich von ihnen verlocken läßt, ist er verloren. Der Westen hat

seit Jahrhunderten nach Unsterblichkeit gestrebt. Indra hat ihm die

Versuchung geschickt, um ihn zu prüfen. Diese ungeheure Versuchung heißt

Reichtum. Der Westen hat nicht widerstanden, und seine menschliche

Kultur hat sich in der Wüste des Maschinenwesens verirrt.

Dieser Handelsgeist mit seinem barbarisch häßlichen Schmuck ist eine

furchtbare Gefahr für die ganze Menschheit, weil er das Ideal der Macht

über das der Vollkommenheit stellt. Er läßt den Kultus der Selbstsucht

in schamloser Nacktheit triumphieren. Unsere Nerven sind zarter als

unsere Muskeln. Das Feinste und Wertvollste in uns wird hilflos und

schwach, wenn wir ihm den Schutz nehmen, den es gerade wegen seiner

Feinheit braucht. Wenn daher die gefühllose, rohe Macht in blinder Wut

über die Straße der Menschheit hinstürmt, so verscheucht sie durch ihre

Roheit die Ideale, die wir in jahrhundertelangem Martyrium gehegt haben.

Die Versuchung, die schon dem Starken verhängnisvoll ist, wird es dem

Schwachen noch mehr. Und daher kann ich sie bei uns in Indien nicht

willkommen heißen, wenn auch der Herr der Unsterblichen sie gesandt

hat. Laßt unser Leben einfach in seiner äußeren Erscheinung und reich an

innerem Gewinn sein. Laßt unsere Kultur sich auf die feste Basis

sozialen Zusammenwirkens gründen, und nicht auf Kampf und

wirtschaftliche Ausbeutung. Wie wir dies heute können, wo wir in den

Zähnen des wirtschaftlichen Drachen sind, der unser Lebensblut aussaugt,

dies zu finden, ist die Aufgabe der Denker aller östlichen Völker, die

an die menschliche Seele glauben. Es ist ein Zeichen von Ohnmacht und

Trägheit, wenn wir Lebensbedingungen annehmen, die andere mit andern

Idealen uns auferlegen. Wir sollten uns aufraffen und die Kräfte der

Welt uns dazu dienstbar machen, unsere Geschichte zu ihrem eigenen Ziel,

der Vollkommenheit, zu führen.

Aus dem Gesagten wird man sehen, daß ich kein Volkswirtschaftler bin.

Ich will zugeben, daß es ein Gesetz von Angebot und Nachfrage gibt und

daß der Trieb des Menschen immer dahin geht, mehr haben zu wollen, als

gut für ihn ist. Und doch halte ich an meinem Glauben fest, daß es so

etwas gibt wie die Harmonie vollen Menschentums. Wer sie hat, der ist

reich bei aller Armut, er ist Sieger, wenn er auch besiegt wird, ihn

führt der Tod zur Unsterblichkeit, wo die ewige Gerechtigkeit seine

Schmach in strahlenden Triumph wandelt.

DER SONNENUNTERGANG

DES JAHRHUNDERTS

Geschrieben in bengalischer Sprache am letzten Tage des letzten

Jahrhunderts

1.

Die letzte Sonne des Jahrhunderts versinkt in den blutigroten Wolken des

Westens und im Wirbelsturm des Hasses.

Die nackte Selbstsucht der Völker tanzt in wahnsinniger, trunkener Gier

zu den Klängen der klirrenden Schwerter und der heulenden Rachegesänge.

2.

Doch der hungrige Leib der Nation wird im Augenblick der höchsten

Raserei zerplatzen von ihrem schamlosen Fressen.

Denn sie hat die Welt zu ihrem Fraß gemacht.

Und während sie sie gierig beleckt und zermalmt und in großen Bissen

hinabschlingt,

Schwillt sie mehr und mehr,

Bis mitten in diesem unheiligen Festmahl der Strahl des Himmels

plötzlich herabfährt und ihr brutales Herz durchbohrt.

3.

Das purpurne Leuchten am Horizont ist nicht die Morgenröte deines

Friedens, mein Mutterland,

Es ist der Widerschein des Scheiterhaufens, auf dem ein ungeheurer

Leichnam zu Asche verbrennt; die Selbstsucht der Nation, die sich den

Tod gefressen.

Dein Morgen wartet hinter dem stillen Dunkel des Ostens,

Er wartet geduldig und schweigend.

4.

Sei wach, Indien!

Halt' dein Opfer bereit für den heiligen Sonnenaufgang!

Laß deine Stimme die erste sein, die ihn begrüßt, und singe:

»Komm Friede, du aus Gottes großem Schmerz geborene Tochter,

Komm mit deinem Schatz von stillem Glück,

Komm mit dem Schwert der Tapferkeit,

Komm mit dem Kranz der Sanftmut auf der Stirn!«

5.

Oh, meine Brüder, schämt euch nicht, vor den Stolzen und Mächtigen zu

stehen

In dem weißen Gewande eurer Einfalt!

Eure Krone sei die Demut, und eure Freiheit die Freiheit der Seele.

Auf der kahlen Stätte eurer Armut errichtet täglich von neuem Gottes

Thron,

Und wisset: das Ungeheure ist nicht das Große, und Stolz währt nicht

ewig.

INHALT

Nationalismus im Westen 5

Nationalismus in Japan 61

Nationalismus in Indien 120

Der Sonnenuntergang des Jahrhunderts 164

[Illustration]

Gedruckt

im Sommer 1921

bei Poeschel & Trepte

in Leipzig

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Nationalismus · 第 7 / 7 段