Erfahrung aus. Europa scheint am tiefsten den Widerstreit der Dinge im
Weltall empfunden zu haben, dessen man nur Herr wird, indem man sie
erobert. Daher ist es immer zum Kampf gerüstet und richtet seine ganze
Aufmerksamkeit darauf, Kräfte zu organisieren. Japan dagegen hat in
seiner Welt die Berührung mit einem Wesen gespürt, vor dem seine Seele
sich in Ehrfurcht beugt. Daher rühmt es sich nicht, die Natur zu
beherrschen, sondern bringt ihr mit unendlichem und freudigem Bemühen
die Opfer seiner Liebe dar. Seine Verwandtschaft mit der Welt ist die
tiefere Verwandschaft der Seele. Dieses geistige Liebesband verknüpft es
mit den Hügeln seines Landes, mit dem Meer und den Strömen, mit den
Wäldern und ihrem ganzen Reichtum an Schönheit und Stimmung; es hat das
Rauschen und Flüstern und Seufzen der Wälder und das Schluchzen der
Wellen in seine Seele aufgenommen; es hat in stillem, staunendem Schauen
die Sonne des Tags auf ihrem Pfad begleitet und den Mond des Nachts, und
es ist froh, wenn es seine Werkstätten und Läden schließen darf, um
draußen in den Obstgärten und Kornfeldern die Jahreszeiten zu
begrüßen. -- Und so sein Herz der Seele der Welt öffnen, ist nicht das
Vorrecht eines Teils eurer bevorzugten Klassen, es ist nicht künstlich
erworbenes exotisches Kulturprodukt, sondern es ist allen eigen, allen
Männern und Frauen aller Stände. Diese Erfahrung eurer Seele, daß ihr
ein persönliches Wesen im Innersten der Welt gespürt habt, ist in eurer
Kultur verkörpert. Es ist die Kultur der Brüderlichkeit. So hat eure
Pflicht gegen den Staat den Charakter der Kindespflicht angenommen, und
euer Volk ist eine Familie geworden, deren Haupt der Kaiser ist. Eure
nationale Einheit gründet sich nicht auf Waffenbrüderschaft zu
Verteidigung und Angriff, oder auf Spießgesellenschaft zu räuberischen
Abenteuern, wobei jedes Mitglied gleichen Anteil an Gefahr und Beute
hat. Sie ergibt sich nicht aus der Notwendigkeit, sich zu irgendeinem
über diesen Kreis hinausgreifenden Zweck zu organisieren, sondern sie
ist nur die Ausdehnung des Familiengefühls und der Verpflichtungen des
Herzens auf ein nach Raum und Zeit viel weiteres Feld. Eure Kultur
gründet sich auf das Ideal der »maitri«[2], -- maitri gegenüber den
Menschen und maitri gegenüber der Natur. Und der wahre Ausdruck dieser
Liebe ist die Sprache der Schönheit, die die allgemeine Sprache dieses
Landes ist. Sie macht es, daß ein Fremder wie ich nicht mit einem Gefühl
des Neides oder der Demütigung all diesen Offenbarungen von Schönheit
und Liebe gegenübersteht, sondern mit Freude und Frohlocken die
Herrlichkeit und Größe des Menschenherzens preist, die sich in ihnen
kundgibt.
[2] Sanskrit maitri »Freundschaft«, im Buddhismus Ausdruck für
Wohlwollen (eines der vier Gefühle -- Wohlwollen, Mitleid, Heiterkeit,
Gleichmut -- die als Vorbereitung auf das höhere geistige Streben
gepflegt werden sollen).
Und aus diesem Grunde fürchte ich die Veränderung, die die japanische
Kultur bedroht, wie eine Gefahr für mich selbst. Denn die ungeheure
Andersartigkeit des modernen Zeitalters, wo der Nutzen das einzige Band
ist, das die Menschen verbindet, sticht nirgends so kläglich ab von der
Würde und verborgenen Kraft stiller Schönheit wie in Japan.
Aber die Gefahr liegt darin, daß die organisierte Häßlichkeit den Geist
bestürmt und den Sieg davonträgt durch die Wucht ihrer Masse, durch die
Hartnäckigkeit ihres Angriffs, durch die Macht des Spottes, den sie
gegen die tieferen Gefühle des Herzens richtet. Ihre grobe
Aufdringlichkeit zieht gewaltsam unseren Blick auf sich und übermannt
unsere Sinne, -- und wir opfern auf ihrem Altar wie der Wilde dem
Fetisch opfert, der ihm wegen seiner grauenhaften Häßlichkeit mächtig
erscheint. Daher ist ihre Nebenbuhlerschaft den Dingen, die still und
tief und zart sind, so gefährlich.
Ich bin sicher, daß es bei euch Menschen gibt, die kein Gefühl für eure
Ideale haben; die nur gewinnen wollen, nicht wachsen. Sie prahlen laut,
daß sie Japan modernisiert haben. Wenn ich ihnen auch zugebe, daß der
Geist eines Volkes mit dem Geist seiner Zeit übereinstimmen muß, so muß
ich ihnen doch zu bedenken geben, daß das Modernisierte ebensowenig das
wahrhaft Moderne ist, wie Versmacherei wahre Dichtkunst. Es ist nichts
als Nachahmung, nur ist die Nachahmung lauter als das Original und folgt
ihm zu sklavisch. Wir müssen bedenken, daß die wahrhaft vom modernen
Geist Beseelten es nicht nötig haben, zu modernisieren, ebensowenig wie
die wahrhaft Tapfern Prahler sind. Das Moderne besteht nicht in
europäischer Kleidung oder in den häßlichen Gebäuden, worin man die
Kinder beim Unterricht einsperrt, oder in den viereckigen, von
parallelen Fensterreihen durchlöcherten Häuserkästen, worin die Menschen
zeitlebens eingekerkert sind. Und sicher zeigt sich der moderne Geist
nicht in den mit allen möglichen Widersinnigkeiten beladenen
Damenhüten. Diese Dinge sind nicht modern, sondern nur europäisch. Das
wahrhaft Moderne ist Freiheit des Geistes, nicht Sklaverei des
Geschmacks. Es ist Unabhängigkeit des Denkens und Handelns, nicht
Unmündigkeit unter der Vormundschaft europäischer Schulmeister. Es ist
Wissenschaft, aber nicht ihre verkehrte Anwendung im Leben, eine bloße
Nachahmung unserer Lehrmeister in der Naturwissenschaft, die sie zum
törichten Aberglauben herabwürdigen, indem sie ihre Hilfe zu allen
möglichen und unmöglichen Zwecken anrufen.
Das Leben, das sich auf bloße Wissenschaft gründet, hat für manche einen
Reiz, weil es das Wesen des Sports hat: es gibt sich als Ernst und ist
im Grunde nur eine Unterhaltung. Wer auf die Jagd geht, muß möglichst
wenig von Mitleid wissen, denn sein einziges Ziel ist, das Wild zu jagen
und zu töten, zu fühlen, daß er das stärkere Tier ist, daß seine
Vernichtungsmethode gründlich und wissenschaftlich ist. Und ein Leben,
das in der Wissenschaft aufgeht, ist solch ein oberflächliches
Sportsleben. Es strebt mit Geschick und Gründlichkeit nach Erfolg und
kümmert sich nicht um die höhere Natur des Menschen. Aber die, die roh
genug sind, wirklich glauben zu können, daß der Mensch nichts weiter als
ein Jäger und sein Paradies ein Paradies für Sportsleute ist, und die
danach ihr Leben einrichten, werden eines Tages mitten unter ihren
Jagdtrophäen von Schädeln und Skeletten mit rauher Hand aus ihrem Wahn
herausgerissen.
Ich will damit durchaus nicht sagen, daß Japan nicht darauf bedacht sein
sollte, sich moderne Waffen zu seiner Verteidigung zu verschaffen. Aber
dies sollte nie über das, was der Selbsterhaltungstrieb verlangt,
hinausgehen. Japan muß bedenken, daß die wahre Macht nicht in den Waffen
selbst liegt, sondern in dem Mann, der diese Waffen schwingt; und wenn
er in seinem eifrigen Streben nach Macht seine Waffen auf Kosten seiner
Seele vervielfältigt, so ist er selbst in größerer Gefahr als seine
Feinde.
Lebendiges ist so leicht zu verletzen, daher bedarf es des Schutzes. In
der Natur schützt das Leben sich durch Hüllen, die selbst aus lebendigem
Stoff gebaut sind. Daher halten sie mit dem Wachstum des Lebens
Schritt, oder sie lösen sich leicht ab, wenn die Zeit kommt, und werden
vergessen. Der wahre Schutz des Menschen sind seine Ideale, die in
lebendigem Zusammenhang mit seinem Leben stehen und mit ihm wachsen.
Aber zu seinem Unglück sind nicht alle seine Schutzhüllen lebendig,
einige sind aus trägem und totem Stahl gemacht. Daher muß der Mensch,
während er sie gebraucht, achtgeben, daß sie ihm nicht zu Tyrannen
werden. Wenn er so schwach ist, daß er sich kleiner macht, um sich
seiner Schutzhülle anzupassen, dann wird es ein langsamer Selbstmord,
indem die Seele nach und nach zusammenschrumpft. Wenn Japan diese Gefahr
vermeiden will, muß es den festen Glauben an das sittliche Lebensgesetz
haben und überzeugt sein, daß die Völker des Westens diesen Pfad zum
Selbstmord gehen, indem sie ihr Menschentum ersticken unter dem
ungeheuren Gewicht ihrer Organisationen, um sich selbst in der Macht und
andere in Sklaverei zu halten.
Das Gefährliche für Japan ist nicht die Nachahmung der äußeren
Erscheinungen der westlichen Kultur, sondern die Übernahme ihrer
inneren Triebkräfte. Seine sozialen Ideale fangen schon an
zurückzuweichen im Kampf gegen die Politik, und es zeigt schon Neigung
zum politischen Hazardspiel, bei dem die Beteiligten ihre Seele
einsetzen, um das Spiel zu gewinnen. Ich sehe ihr Motto, das sie von
der Naturwissenschaft übernommen haben: »Das Überleben des
Passendsten« -- ich sehe es in großen Buchstaben über dem Eingang ihrer
gegenwärtigen Geschichte, das Motto, dessen Sinn ist: »Hilf dir, und
kümmere dich nicht darum, was es andere kostet« -- das Motto des
Blinden, der nur an das glaubt, was er berührt, weil er nicht sehen
kann. Aber die, die sehen können, wissen sich so eng mit den Menschen
verbunden, daß, wenn sie andere schlagen, der Schlag auf sie
zurückfällt. Die größte Entdeckung, die der Mensch je gemacht hat, ist
die Entdeckung des sittlichen Gesetzes, daß der Mensch der Wahrheit um
so näher kommt, je mehr er sich in andern erkennt und empfindet. Diese
Wahrheit hat nicht nur subjektiven Wert, sondern sie offenbart sich in
jeder Lebenssphäre. Und Völker, die eifrig sittliche Blindheit als
Vaterlandsliebe kultivieren, werden jäh und gewaltsam zugrunde gehen. In
früheren Zeiten hatten wir die Einfälle fremder Eroberer zu erdulden, es
gab Grausamkeit und Blutvergießen, Eifersuchtsintrigen und Habgier. Aber
die Seele des Volkes wurde von alledem nicht in ihrer Tiefe berührt,
denn das Volk als Ganzes war an diesem Treiben nicht aktiv beteiligt.
Diese Dinge gingen nur aus dem Ehrgeiz einzelner hervor. Das Volk
selbst, da es frei war von der Verantwortlichkeit für die niedrige und
verbrecherische Seite jener Abenteuer, hatte davon nur den sittlichen
Gewinn, daß seine Anlagen zum Heldentum und zur Menschlichkeit dadurch
entwickelt wurden: seine nicht wankende Untertanentreue, seine
unbedingte Hingabe an die Pflichten der Ehre, seine Fähigkeit, sich ganz
aufzuopfern, und seine Furchtlosigkeit gegenüber Tod und Gefahr. Daher
wurden die Ideale, die im Herzen des Volkes ihren Sitz hatten, nicht
ernstlich gefährdet durch die wechselnde Politik der Könige und
Heerführer. Aber jetzt, wo der Geist der westlichen Zivilisation zur
Herrschaft gekommen ist, wird in dem ganzen Volk von Kindheit an Haß
und Ehrgeiz genährt durch alle möglichen Mittel: dadurch, daß man die
Geschichte halb wahr oder unwahr darstellt, daß man falsche
Vorstellungen von andern Völkern erweckt und unfreundliche Gefühle gegen
sie großzieht, daß man Ereignisse, die um der Menschlichkeit willen
möglichst schnell vergessen werden sollten, in Denkschriften festhält,
häufig auf Kosten der Wahrheit, und so beständig schlimme Bedrohungen
gegen Nachbarn und fremde Völker schafft. Dies heißt die Menschlichkeit
an ihrer Quelle vergiften. Es heißt die Ideale entwerten, die aus dem
Leben unserer Größten und Besten geboren sind. Es heißt die Selbstsucht
als riesiges Götzenbild aufstellen für alle Völker der Erde. Wir können
alles andere aus den Händen der Naturwissenschaft annehmen, nur nicht
dieses Elixir sittlichen Todes. Glaubt doch keinen Augenblick, daß das
Übel, das ihr andern Völkern zufügt, euch nicht anstecken wird, und daß
die Feindschaft, die ihr rings um euch sät, für alle Zukunft eine
Schutzmauer für euch werden könnte! Wenn man den Geist eines ganzen
Volkes mit maßloser Eitelkeit auf seine Überlegenheit erfüllt, wenn man
es lehrt, stolz zu sein auf sittliche Stumpfheit und auf seinen durch
Unrecht erworbenen Reichtum, wenn man die Demütigung besiegter Völker
dauernd macht, indem man Siegestrophäen zur Schau stellt und sie in den
Schulen benutzt, um im Herzen der Kinder Verachtung für andere
großzuziehen, so ahmt man dem Westen da nach, wo er ein eiterndes
Geschwür hat, das immer weiter um sich frißt, bis in seinen Lebenskern.
Unsere Nährpflanzen, die zu unserem Lebensunterhalt nötig sind, sind
Produkte jahrhundertelanger sorgfältiger Auslese und Pflege. Aber die
Pflanzen, die wir nicht zu Lebenssaft in uns umschaffen, bedürfen nicht
der geduldigen Pflege ganzer Menschenalter. Es ist nicht leicht, Unkraut
loszuwerden, aber es ist leicht, durch dauernde Vernachlässigung die
Nährpflanzen wieder verwildern zu lassen. So verlangte auch die Kultur,
die sich so gütig eurem Boden angepaßt hat und so mit eurem Leben und
eurer Menschlichkeit verwachsen ist, nicht nur in früheren Zeiten
fleißiges Umgraben und Jäten, sondern sie bedarf noch jetzt
sorgfältiger Arbeit und Wachsamkeit. Das, was nur modern ist, wie die
Naturwissenschaft und die Organisation, läßt sich verpflanzen; aber das,
was zum Wesen des Menschen gehört, hat so zarte Fasern und so zahlreiche
und weitgreifende Wurzeln, daß es stirbt, wenn es aus seinem Boden
gerissen wird. Daher macht es mich besorgt, wenn ihr mit rauher Hand die
politischen Ideale des Westens euren eigenen aufdrückt. In der
westlichen Politik ist der Staat ein abstrakter Begriff und eine
Verbindung der Menschen auf Grund des Nützlichkeitsprinzips. Weil solche
Zivilisation nicht im Gefühl wurzelt, ist sie so gefährlich leicht zu
handhaben. Ein halbes Jahrhundert hat für euch genügt, um diese Maschine
zu meistern, und es gibt Menschen unter euch, die sie lieber haben als
die lebendigen Ideale, die mit eurem Volk geboren und jahrhundertelang
von euch gepflegt wurden. Sie sind wie Kinder, die in der Begeisterung
des Spiels glauben, ihre Spielsachen mehr zu lieben als ihre Mutter.
Wo der Mensch am größten ist, ist er unbewußt. Eure Kultur, die aus
eurem Gemeinschaftsgefühl entsprungen ist, wurzelt in der Tiefe eines
gesunden Lebens, wohin der Späherblick der Selbstbeobachtung nicht
reicht. Aber eine rein politische Zusammengehörigkeit ist durchaus
bewußt, sie äußert sich als ein plötzlich ausbrechendes Fieber der
Angriffslust, wie es sich jetzt gewaltsam eurer Seele bemächtigt hat.
Und die Zeit ist gekommen, wo ihr zu vollem Bewußtsein aufgerüttelt
werden müßt, damit ihr eure wahre Lebensquelle noch rechtzeitig erkennt,
ehe es zu spät ist. Die Vergangenheit wurde euch von Gott geschenkt, für
die Gegenwart müßt ihr selbst die Wahl treffen.
Daher müßt ihr diese Fragen an euch stellen: Haben wir die Welt falsch
verstanden und unsere Beziehung zu ihr auf Unkenntnis der menschlichen
Natur gegründet? Hat der Instinkt des Westens recht, der sein nationales
Wohl aufbauen will hinter einer Mauer von Mißtrauen gegen die ganze
Menschheit?
Ihr müßt immer einen starken Unterton von Furcht gespürt haben, wenn der
Westen von der Möglichkeit sprach, daß ein östliches Volk emporkommen
könnte. Der Grund dafür ist, daß die Macht, wodurch der Westen
herrscht, eine böse Macht ist. Solange er sie allein auf seiner Seite
hat, ist er sicher, während die übrige Welt zittert. Die gegenwärtige
Zivilisation Europas muß, wenn sie leben soll, trachten, den Satan und
seine Mächte ausschließlich in ihrem Dienst zu haben. Ihre ganze
Kriegsausrüstung und Diplomatie richten sich auf dies eine Ziel. Aber
all diese kostspieligen Riten zur Beschwörung des bösen Geistes führen
auf einem Weg äußeren Gedeihens zum Rand eines Abgrunds. Die
Schreckensfurien, die der Westen auf Gottes Welt losgelassen hat, werden
zu ihm zurückkommen und ihn selbst bedrohen und ihn zu immer
furchtbareren Rüstungen treiben, und er wird keine Ruhe finden und alles
vergessen und an nichts anderes denken können als an die Gefahren, die
er für andere bewirkt und die er selbst auf sich lädt. Dieser Politik
des Teufels opfert er andere Länder. Er nährt sich von den Erschlagenen
und wird fett davon, solange die Leichname frisch sind; aber sie werden
zuletzt faulen und ihr Rachewerk beginnen, indem sie weithin ihre
unreinen Stoffe verbreiten und die Lebenskraft derer vergiften, die
sich von ihnen nähren. Japan hatte all seinen Reichtum an
Menschlichkeit, seine Begeisterung für Heldentum und Schönheit, seine
bewundernswerte Kraft, sich zu beherrschen und sein Wesen in der Kunst
zum Ausdruck zu bringen; doch die westlichen Völker hatten keine
Ehrfurcht vor ihm, bis es ihnen zeigte, daß die Bluthunde des Satans
nicht nur in den Hundehütten Europas gezüchtet werden, sondern daß man
sie auch in Japan zähmen und mit dem Elend der Menschen füttern kann.
Sie geben Japans Gleichberechtigung nur zu, wenn sie wissen, daß Japan
auch den Schlüssel besitzt, um die Schleusen der Hölle zu öffnen und
diese schöne Erde mit ihrer Flut zu überschwemmen, sobald es will, und
daß es nach ihrer eigenen Melodie den Höllentanz von Plünderung, Mord
und Frauenschändung tanzen kann, während die Welt zugrunde geht. Wir
wissen, daß der sittlich noch unreife Mensch nur vor dem Gott Ehrfurcht
hat, dessen Tücke er fürchtet. Aber ist dies das Ideal des Menschen, zu
dem wir mit Stolz aufsehen können? Wenn nach Jahrhunderten der
Zivilisation die Völker einander fürchten wie in der Nacht nach Beute
herumstreifende Raubtiere, wenn sie ihre Türen ungastlich verschließen
und sich nur zum Angriff oder zur Verteidigung zusammentun, wenn sie
ihre Handelsgeheimnisse, Staatsgeheimnisse, Rüstungsgeheimnisse in ihren
Höhlen verbergen, wenn sie den bellenden Hunden der andern Fleisch zur
Beschwichtigung bieten, das ihnen nicht gehört, wenn sie gesunkene
Völker, die versuchen sich aufzurichten, mit Gewalt niederhalten, wenn
sie ihre Sicherheit nur in der Schwäche der übrigen Menschheit sehen,
wenn sie schwächeren Völkern mit der Rechten Religion reichen und sie
mit der Linken berauben, -- ist darin irgend etwas, das uns zur
Nacheiferung anspornen könnte? Sollen wir unsere Knie vor dem Geiste
dieser Zivilisation beugen, der Samen von Furcht, Gier und Mißtrauen und
salbungsvolle Lügen von seiner Friedensliebe und seinem guten Willen und
von der allgemeinen Brüderlichkeit mit breitem Wurf über die ganze Welt
sät? Können wir ohne Mißtrauen im Herzen auf den Markt des Westens
eilen, um für unser Erbe jenes ausländische Erzeugnis einzutauschen? Ich
weiß, wie schwer es ist, sich selbst zu kennen, und daß der Mann, der
betrunken ist, wütend seine Trunksucht ableugnet; doch der Westen selbst
denkt mit Sorge über seine Schäden nach und sucht nach Heilmitteln. Aber
er ist wie der Schlemmer, der nicht das Herz hat, seine Unmäßigkeit im
Essen aufzugeben, und der sich töricht an die Hoffnung klammert, er
könnte seine Verdauungsbeschwerden durch Arznei heilen. Europa ist nicht
gewillt, seine unmenschliche Politik und all die niederen
Leidenschaften, die dazu gehören, aufzugeben; es glaubt nur an eine
Änderung des Systems, aber nicht an eine Umwandlung des Herzens.
Wir wollen uns wohl ihre Maschinen aneignen, doch nicht mit dem Herzen,
sondern nur mit dem Hirn. Wir werden sie ausprobieren und Schuppen für
sie bauen, doch in unser Heim und unsere Tempel lassen wir sie nicht
ein. Es gibt Völker, welchen die Tiere, die sie töten, heilig sind; wir
können wohl Fleisch von ihnen kaufen, wenn wir hungrig sind, aber den
Kult übernehmen wir nicht mit. Wir dürfen nicht die Herzen unserer
Kinder vergiften mit dem Aberglauben: Geschäft ist Geschäft, Krieg ist
Krieg, Politik ist Politik. Wir müssen wissen, daß das Geschäft dem
Menschen mehr sein muß als bloßes Geschäft, und ebenso Krieg und
Politik. Ihr hattet eure eigene Industrie in Japan; wie peinlich ehrlich
und gediegen sie war, sieht man an den Erzeugnissen, an ihrer Feinheit
und Haltbarkeit, an der gewissenhaften Ausführung der kleinen
Einzelheiten, die man beim Einkauf kaum bemerkt. Aber die Flutwoge des
Betrugs ist über euer Land gefegt von dem Teil der Welt her, wo Geschäft
Geschäft ist und Ehrlichkeit dabei nur als die beste Politik befolgt
wird. Habt ihr euch nie geschämt, wenn ihr saht, wie die Reklamezettel
nicht nur die ganze Stadt mit Lügen und Übertreibungen bekleben, sondern
auch in die grünen Felder dringen, wo der Landmann seine ehrliche Arbeit
tut, und auf die Spitzen der Hügel, die das erste reine Licht des
Morgens begrüßt? Es ist leicht, unseren Sinn für Ehrlichkeit und unser
Zartgefühl durch beständiges Reiben abzustumpfen, während die Lüge im
Namen von Handel, Politik und Patriotismus mit stolzem Schritt
einherstelzt, so daß jeder Protest gegen ihr fortwährendes Eindringen
in unser Leben als Sentimentalität gilt, die eines rechten Mannes
unwürdig ist.
Und so weit ist es gekommen, daß die Nachkommen jener Helden, die um ihr
Leben nicht wortbrüchig geworden wären, die es verwerflich gefunden
hätten, Menschen um gemeinen Vorteils willen zu betrügen, die selbst im
Kampf die Niederlage einem unehrenhaften Sieg vorgezogen hätten, -- daß
diese Nachkommen sich eifrig der Lügen bedienen und sich nicht schämen,
dadurch Vorteile zu gewinnen. Und dies ist bewirkt durch den Zauber des
Wortes »modern«. Aber wenn reine Nützlichkeit modern ist, so ist die
Schönheit ewig; wenn niedere Selbstsucht modern ist, so sind die
menschlichen Ideale keine neuen Erfindungen. Und wir müssen überzeugt
sein, wie modern auch die technische Fertigkeit ist, die den Menschen um
Methoden und Maschinen willen stutzt und verkrüppelt, alt werden wird
sie nicht.
Aber während wir versuchen, uns von den Anmaßungen Europas und von
unserer eigenen Verblendung zu befreien, können wir leicht in den
gegenteiligen Fehler verfallen und durch ein allgemeines Mißtrauen gegen
den Westen unsere Augen der Wahrheit verschließen. Wenn wir aus einer
Täuschung gerissen werden, so treibt uns der Rückschlag der Enttäuschung
immer genau so weit von der Wirklichkeit ab wie der erste Schwung des
Wahns. Wir müssen versuchen, zu der normalen Gemütsverfassung zu kommen,
wo wir deutlich die Gefahr für uns sehen und vermeiden können, ohne
gegen die Ursache der Gefahr ungerecht zu sein. Wir sind immer von Natur
versucht, Europa in seiner eigenen Münze heimzuzahlen und Verachtung mit
Verachtung, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber das hieße wieder einen
der schlimmsten Charakterzüge Europas nachahmen, der sich in seinem
Betragen gegen die Völker zeigt, die es als gelbe oder rote, braune oder
schwarze Rassen bezeichnet. (Hier ist übrigens ein Punkt, wo wir
östlichen Völker uns ebenso schuldig bekennen müssen, da wir die
Menschheit beleidigten, indem wir Menschen, die zu einem besonderen
Glauben, einer besonderen Farbe oder Kaste gehörten, mit äußerster
Verachtung und Grausamkeit behandelten.) Nur weil wir uns vor unserer
eigenen Schwäche fürchten, die sich durch den Anblick der Macht
überwältigen läßt, versuchen wir, eine andere Schwäche an ihre Stelle zu
setzen, die uns blind macht gegen das, was den wahren Ruhm des Westens
ausmacht. Erst wenn wir das Europa wahrhaft kennen, das groß und gut
ist, können wir uns wirksam vor dem Europa bewahren, das niedrig und
habgierig ist. Man wird leicht unbillig in seinem Urteil, wenn man dem
menschlichen Elend gegenübersteht, -- und man wird pessimistisch in
seinen Theorien, wenn das Herz leidet. Aber nur der kann an der
Menschheit verzweifeln, der den Glauben an die höhere Macht verliert,
die ihr wieder Kraft gibt, wenn sie am kläglichsten darniederliegt, und
die aus ihren Ruinen neues Leben weckt. Wir müssen nicht verkennen, daß
im Westen eine lebendige Seele ist, die einen stillen Kampf kämpft gegen
die ungeheuren Organisationen, unter denen Männer, Frauen und Kinder
zermalmt werden, weil ihr Mechanismus keine geistigen und menschlichen
Gesetze kennt -- eine lebendige Seele, deren Gefühl sich nicht ganz
abstumpfen läßt durch die gefährliche Gewohnheit, rücksichtslos gegen
die Völker zu verfahren, für die ihr die natürliche Sympathie fehlt. Der
Westen hätte sich nie zu der Höhe erheben können, die er erreicht hat,
wenn seine Stärke nur die Stärke des wilden Tieres oder der Maschine
wäre. Das Göttliche in seinem Herzen leidet bei den Wunden, die seine
Hand der Welt schlägt, -- aus diesem Schmerz seiner besseren Natur
fließt der geheime Balsam, der all jene Wunden heilen wird. Immer wieder
hat er gegen sich selbst gekämpft und die Fesseln gelöst, die seine
eigenen Hände um hilflose Glieder gelegt hatten; und wenn er ein großes
Volk mit dem Schwerte zwang, das Gift, das er ihm bot, zu trinken, nur
um schnöden Geldgewinn, so rüttelte er sich doch selbst auf zur
Erkenntnis seiner Tat und suchte sie wieder gutzumachen. Dies zeigt, daß
an scheinbar öden, unfruchtbaren Stellen verborgene Quellen von
Menschlichkeit fließen. Es zeigt, daß der wahre Kern seiner Natur, der
all diese Feigheit und Grausamkeit überleben kann, nicht Selbstsucht
ist, sondern Ehrfurcht vor selbstlosen Idealen. Wir würden sowohl
Europa als auch uns selbst unrecht tun, wenn wir sagten, es hätte den
modernen Osten nur durch die bloße Schaustellung seiner Macht bestrickt.
Durch den Rauch der Kanonen und durch den Staub der Märkte hat das Licht
seiner sittlichen Natur hell geleuchtet und uns das Ideal sittlicher
Freiheit gebracht, das tiefere Grundlagen hat als gesellschaftliche
Konventionen, und dessen Wirkungsbereich die ganze Welt ist.