und gehemmt wurde durch die Trümmer, die seine unzähligen Kanäle ihm
zutrugen. Wir haben gesehen, daß bei all ihrer vielgepriesenen
Menschenliebe die Zivilisation sich selbst als die größte Bedrohung für
den Menschen erwies, eine weit schlimmere als die plötzlichen Überfälle
nomadischer Barbaren, durch die die Menschen in früheren Zeitaltern
litten. Wir haben gesehen, daß sie, trotzdem sie mit ihrer
Freiheitsliebe prahlte, schlimmere Formen der Sklaverei schuf, als je in
einer menschlichen Gesellschaft üblich waren -- eine Sklaverei, deren
Ketten unzerbrechlich sind, entweder weil sie unsichtbar sind oder weil
sie Namen und äußeren Schein der Freiheit haben. Wir haben gesehen, wie
der Mensch im Bann ihrer ungeheuren Gemeinheit den Glauben verliert an
all die hohen Ideale des Lebens, die ihn groß gemacht haben.
Daher könnt ihr Japaner nicht leichten Herzens die moderne Zivilisation
annehmen mit all ihren Tendenzen, Methoden und Einrichtungen, in der
Meinung, daß das alles dazu gehört. Ihr müßt euren östlichen Sinn, eure
geistige Kraft, eure Liebe zur Einfachheit, eure Gefühle für soziale
Verpflichtungen einsetzen, um einen neuen Weg zu bahnen für diesen
großen, ungelenken, mißtönig rollenden Triumphwagen des Fortschritts.
Ihr müßt die ungeheuren Opfer an Menschenleben und Freiheit, die er bei
jedem Schritt auf seinem Wege fordert, auf das kleinste Maß bringen.
Viele Menschenalter hindurch habt ihr auf eure eigene Art gefühlt,
gedacht und gearbeitet, euch gefreut und eure Götter verehrt. Diese eure
Art könnt ihr nicht wie ein altes Gewand ablegen. Denn sie ist in eurem
Blut, in dem Mark eurer Knochen, in dem Gewebe eures Fleisches, in den
Windungen eures Gehirns, und sie muß allem, was ihr berührt, ihren
Stempel geben, ohne euer Wissen, selbst gegen euren Willen. Einst fandet
ihr doch eine Lösung für die menschlichen Probleme, die euch
befriedigte, und ihr hattet eure eigene Lebensphilosophie und eure
eigene Lebenskunst. Dies alles müßt ihr jetzt auf die gegenwärtige Lage
anwenden, und daraus wird eine neue Schöpfung entstehen, keine bloße
Wiederholung -- eine Schöpfung, welche ganz der Seele eures Volkes
gehört und welche sie stolz der Welt darbietet als ihren Beitrag zum
Wohl der Menschheit. Von allen Ländern in Asien habt ihr in Japan die
Freiheit, das, was ihr vom Westen bekommen habt, nach eurem Sinn und
eurem Bedürfnis zu nutzen. Ihr habt das Glück, nicht eingeengt zu sein
von außen; daher ist eure Verantwortlichkeit um so größer, denn ihr
antwortet im Namen ganz Asiens auf die Fragen, die Europa der Menschheit
vorgelegt hat. In eurem Lande werden die Versuche fortgeführt, wodurch
der Osten das Bild der modernen Zivilisation ändern wird, indem er da
Leben einhaucht, wo sie Maschine ist, an Stelle kalter Berechnung
menschliches Gefühl setzt, nicht so sehr nach Macht und Erfolg fragt,
als nach harmonischem und lebendigem Wachstum, nach Wahrheit und
Schönheit.
Ich muß euch an jene Zeiten erinnern, als der ganze Osten Asiens von
Birma bis Japan mit Indien verbunden war durch das Band engster
Freundschaft, das einzig natürliche Band, das zwischen Völkern bestehen
kann. Damals bestand eine unmittelbare Verbindung von Herz zu Herz; wir
bildeten alle zusammen ein lebendiges Nervensystem, wir spürten
gleichzeitig die tiefsten Bedürfnisse der Menschheit. Wir lebten nicht
in Furcht voreinander, wir brauchten uns nicht zu bewaffnen, um einander
in Schach zu halten. Nicht Eigennutz und Habgier trieb uns zueinander,
Ideen und Ideale wurden ausgetauscht, Gaben der höchsten Liebe
dargeboten und empfangen. Verschiedenheit der Sprachen und Sitten
hinderten nicht die innigste Seelengemeinschaft; kein Rassenstolz, keine
freche Überhebung im Bewußtsein körperlicher oder geistiger
Überlegenheit störte unsere Beziehung; neue Blätter und Blüten
entsprossen dem Boden unserer Kunst und Literatur unter dem Sonnenlicht
der Menschenliebe, und Völker von verschiedenen Ländern, Sprachen und
Vergangenheiten bekannten sich zu dem, was die höchste Einheit der
Menschen bildet und das stärkste Liebesband. Wollen wir nicht auch daran
denken, daß damals, in jenem goldenen Zeitalter, als die Menschen
gemeinsam nach den höchsten Lebenszielen strebten, eure Natur den Balsam
der Unsterblichkeit für sich aufspeicherte, der eurem Volk zur
Wiedergeburt in einem neuen Zeitalter verholfen hat und ihm die Kraft
gegeben, seinen alten verbrauchten Leib abzutun und einen neuen Leib
anzulegen und unversehrt hervorzugehen aus der Erschütterung der
wunderbarsten Umwälzung, die die Welt je gesehen hat?
Die politische Kultur, die auf dem Boden Europas gewachsen ist und sich
wie üppig wucherndes Unkraut über die ganze Erde ausgebreitet hat,
gründet sich auf Ausschließlichkeit. Sie ist immer darauf bedacht,
Fremde in Schach zu halten oder zu vernichten. Sie ist kannibalisch in
ihren Neigungen, nährt sich von dem, was andere Völker notwendig zu
ihrem Leben brauchen, und versucht, deren ganze Zukunft zu verschlingen.
Sie fürchtet immer, daß andere Rassen auch zu Bedeutung gelangen, und
erklärt es als eine Gefahr, und sie versucht, alle Keime von Größe
außerhalb ihrer Grenzen zu ersticken, indem sie die Rassen, die
schwächer sind als sie, zu Boden wirft, damit sie auf ewig in ihrer
Schwäche verharren. Bevor diese politische Kultur zur Herrschaft kam und
ihren hungrigen Rachen weit genug öffnete, um ganze Erdteile zu
verschlingen, hatten wir wohl Kriege, Plünderungen, gewaltsame
Thronwechsel, die Elend im Gefolge hatten, aber nie sahen wir solche
furchtbare und hoffnungslose Raubgier, solch ein gegenseitiges
Sichauffressen von Nationen, solche riesigen Maschinen zum Zerhacken
ganzer Erdteile, nie sahen wir solche entsetzlichen Ausgeburten von
Eifersucht, die immer ihre scheußlichen Zähne und Klauen bereit haben,
sich gegenseitig die Eingeweide zu zerfleischen. Diese politische Kultur
ist wissenschaftlich, nicht menschlich. Sie ist mächtig, weil sie alle
ihre Kräfte auf ~ein~ Ziel richtet, wie der Millionär, der Geld erwirbt
auf Kosten seiner Seele. Sie verrät das Vertrauen, schamlos spinnt sie
Lügennetze, stellt riesige Götzenbilder der Gier in ihren Tempeln auf
und ist sehr stolz auf die kostspieligen Zeremonien ihres
Gottesdienstes, den sie Patriotismus nennt. Und man kann mit Gewißheit
prophezeien, daß solch Treiben ein Ende finden muß, denn es gibt in
dieser Welt ein sittliches Gesetz, dem nicht nur der einzelne, sondern
auch die organisierten Gemeinschaften unterworfen sind. Ihr könnt nicht
diese Gesetze im Namen eurer Nation beständig verletzen und als
Individuen ihren Segen genießen. Dies öffentliche Untergraben der
menschlichen Ideale wirkt auf jedes Mitglied der Gesellschaft, es macht
allmählich und unmerklich die Menschen schwach und erzeugt jenes
zynische Mißtrauen gegen alles, was in der menschlichen Natur heilig und
ehrwürdig ist, das sichere Anzeichen von Greisenhaftigkeit. Ihr müßt
bedenken, daß diese politische Kultur, diese Religion des nationalen
Patriotismus, noch nicht lange auf die Probe gestellt ist. Die Fackel
des alten Griechenlands ist in dem Lande, wo sie zuerst entzündet wurde,
erloschen. Roms Macht liegt tot und begraben unter den Trümmern seines
großen Reiches. Aber die Kultur, die sich auf die natürliche
Gesellschaft und auf die geistigen Ideale der Menschen gründet, lebt
noch in China und Indien. Wenn sie, an dem Maßstab der mechanischen
Kraft unserer heutigen Zeit gemessen, auch schwach und klein aussieht,
so gleicht sie doch den kleinen Samenkörnern, die Leben enthalten; sie
wird emporsprießen und wachsen, ihre wohltätigen Zweige ausbreiten und
Blüten und Früchte hervorbringen, wenn ihre Zeit kommt und der
befruchtende Segen des Himmels auf sie herabströmt. Aber die Trümmer von
Wolkenkratzern und zerbrochenen Maschinen, die traurigen Reste von Macht
und Gier, kann selbst Gottes Segen nicht wieder aufrichten, denn sie
waren nicht Kinder des Lebens, sondern Feinde allen Lebens -- sie sind
Spuren des Aufruhrs, der im Kampf gegen das Ewige zerschellte.
Aber man macht uns den Vorwurf, daß unsere Ideale unbeweglich sind, daß
sie nicht die Triebkraft haben, uns zu neuen Ausblicken zu führen und
neue Gebiete von Wissen und Macht zu erschließen, daß die
philosophischen Systeme, die Hauptstützen der morschen östlichen Kultur,
alle äußeren Beweise verschmähen und in ihrer subjektiven Gewißheit
sich töricht zufriedengeben. Dies beweist nur, daß wir, wenn unser
Wissen unklar ist, geneigt sind, dem Gegenstand unseres Wissens
Unklarheit vorzuwerfen. Für einen europäischen Beobachter ist unsere
Kultur nichts als Metaphysik, wie für einen Tauben das Klavierspiel nur
Fingerbewegung, aber nicht Musik ist. Er kann es nicht glauben, daß
diese Kultur eine tiefe, lebendige Wirklichkeit als Grundlage hat, auf
der sich unser Leben aufbaut.
Unglücklicherweise ist der Beweis für die Wirklichkeit eines Dinges nur
seine sichtbare Vergegenwärtigung. An die Wirklichkeit eurer Umgebung
glaubt ihr, weil ihr sie seht, aber es ist schwer, einem Ungläubigen zu
beweisen, daß unsere Kultur nicht ein nebelhaftes System von abstrakten
Spekulationen ist, daß sie uns etwas gegeben hat, was positive Wahrheit
ist -- eine Wahrheit, die dem Menschenherzen Schutz und Nahrung gibt.
Sie hat einen innern Sinn in uns entwickelt, die Gabe, in allen
endlichen Dingen das Unendliche zu schauen.
»Aber«, sagt der Europäer weiter, »ihr macht gar keine Fortschritte, in
euch ist keine Bewegung.« Ich frage ihn: Woher wißt ihr das?
Fortschritte wollen nach ihrem Ziel beurteilt werden. Der Eisenbahnzug
macht seine Fortschritte auf die Endstation zu -- das ist Bewegung. Aber
ein ausgewachsener Baum hat keine Bewegung dieser Art, sein Fortschritt
ist der Fortschritt des Lebens in ihm. Er lebt, und sein Streben zum
Licht tönt in seinen Blättern und rinnt in seinem Saft.
Auch wir haben jahrhundertelang gelebt, leben noch und streben nach
einer Wirklichkeit, deren Erfüllung kein Ende hat -- nach einer
Wirklichkeit, die über den Tod hinausgeht und ihm erst einen Sinn gibt,
die sich über alles Elend und alle Trübsal dieser Welt erhebt und in
freudiger Entsagung Frieden und Reinheit bringt. Die Frucht dieses
inneren Lebens ist lebendige Frucht. Nach ihr verlangt der Jüngling,
wenn er müde und staubbedeckt heimkehrt, der Soldat, wenn er verwundet
ist; nach ihr verlangt man, wenn der Reichtum verpraßt und der Stolz
gedemütigt ist, wenn das Menschenherz in dem verwirrenden Durcheinander
der Tatsachen nach Wahrheit und im Widerstreit seiner Neigungen nach
Harmonie ruft. Ihr Wert liegt nicht in ihrer äußeren Fülle, sondern in
ihrer Vollkommenheit.
Es gibt Dinge, die nicht warten können. Wollt ihr kämpfen oder den
besten Platz auf dem Markt haben, so müßt ihr euch in Marsch setzen und
laufen und stürzen. Ihr spannt eure Nerven aufs äußerste an und seid
immer auf dem Posten, wenn ihr Gelegenheiten ergreifen wollt, die sich
nur im Fluge erhaschen lassen. Aber es gibt Ideale, die nicht ein
Versteckspiel treiben mit unserm Leben; sie wachsen langsam vom
Samenkorn zur Blüte und von der Blüte zur Frucht; sie brauchen unendlich
viel Raum und Himmelslicht, um zu reifen, und die Früchte, die sie
tragen, können jahrelang verschmäht und vergessen liegen, ohne daß sie
faulen. Der Osten mit seinen Idealen, der in seinem Busen das Licht der
Sonne und das Schweigen der Sterne von Jahrhunderten bewahrt, kann
geduldig warten, bis dem Westen, der dem Nutzen nacheilt, der Atem
ausgeht und er stillsteht. Europa wirft, während es eiligst zu seinen
Geschäften fährt, einen verächtlichen Blick aus dem Wagenfenster des
Zuges auf den Schnitter, der auf dem Felde sein Getreide mäht, und in
der rasenden Geschwindigkeit der Fahrt muß es ihm vorkommen, als ob der
da draußen sehr langsam wäre und immer weiter zurückginge. Aber die
Geschwindigkeit nimmt einmal ein Ende, die Geschäfte verlieren ihren
Sinn, und das hungernde Herz Europas jammert nach Nahrung, bis es
endlich zu dem bescheidenen Schnitter kommt, der im Sonnenschein seine
Ernte einbringt. Denn wenn auch das Geschäft und das Kaufen und
Verkaufen oder die Vergnügungssucht nicht warten können, die Liebe
wartet und mit ihr die Schönheit und die Weisheit im Leiden und all die
Früchte frommer Demut und gläubiger Hingebung. Und so wird der Osten
warten, bis seine Zeit kommt.
Ich will jedoch nicht zögern, das Große in Europa anzuerkennen, denn
Großes hat es ohne Zweifel. Wir können nicht anders als es von Herzen
lieben und bewundern -- dies Europa, von dem sich in Kunst und Literatur
ein unerschöpflicher Strom von Schönheit und Wahrheit ergießt, alle
Länder und Zeiten befruchtend; dies Europa, das mit titanischem Geiste
in nie ermüdender Kraft die Höhen und Tiefen des Weltalls durchmißt,
das unendlich Große und unendlich Kleine mit seinem Wissen umfaßt und
alle Kräfte von Herz und Verstand dazu verwendet, die Kranken zu heilen
und all das Elend zu mildern, das wir bis jetzt in hoffnungsloser
Resignation hinnahmen, dies Europa, das die Erde dahin bringt, uns mehr
Frucht zu spenden, als möglich schien, indem es mit Güte und Gewalt alle
großen Kräfte der Natur in den Dienst des Menschen zwingt. Wahre Größe
wie diese kann nur auf Geistesstärke beruhen. Denn nur der Geist des
Menschen kann seines endlichen Erfolges gewiß, allen Schranken trotzen,
seinen Scheinwerfer hinter das unmittelbar vor Augen Liegende richten,
freudig zum Märtyrer werden für ferne Ziele, die er selbst nie erreichen
kann und von denen er durch keinen Fehlschlag sich abbringen läßt. Im
Herzen Europas fließt der reinste Strom von Menschenliebe,
Gerechtigkeitsliebe und Opferwillen für höhere Ideale. Jahrhundertelange
christliche Kultur hat es tief bis ins Lebensmark durchdrungen. Wir
haben gesehen, wie zu allen Zeiten in Europa edle Geister für die
Rechte des Menschen ohne Rücksicht auf Farbe und Bekenntnis eintraten,
wie sie, Verleumdungen und Schmähungen von Seiten ihres eigenen Volkes
trotzend, für die Sache der Menschheit kämpften und ihre Stimmen erhoben
gegen die wilden Orgien des Militarismus, gegen die Raserei brutaler
Rachgier und Raubsucht, die bisweilen ein ganzes Volk ergreift. Wir
sehen, wie sie immer bereit sind, das Unrecht wieder gutzumachen, das
ihre eigenen Nationen früher andern zugefügt, und wie sie vergebens
versuchten, die Flut feigherziger Ungerechtigkeit aufzuhalten, die
ungehindert weiter strömt, weil der Widerstand von Seiten der
Geschädigten schwach und ohne Wirkung ist. Sie sind da, diese fahrenden
Ritter des modernen Europas, die den Glauben nicht verloren haben an
selbstlose Liebe zur Freiheit, an die Ideale, die keine nationale
Selbstsucht und keine geographischen Schranken kennen. Sie sind da, und
beweisen uns, daß die Quellen ewigen Lebens in Europa nicht vertrocknet
sind, und von dorther wird immer wieder seine Wiedergeburt kommen. Da
jedoch, wo Europa zu bewußt am Werk ist, das Gebäude seiner Macht
aufzurichten und seine bessere Natur verleugnet und verspottet, da
häuft es seine Missetaten zum Himmel auf und fordert Gottes Rache
heraus, indem es die giftige Saat physischer und moralischer Häßlichkeit
über die ganze Erde sät und durch sein herzloses Treiben des Menschen
Gefühl für das Schöne und Gute freventlich verletzt. Europa ist äußerst
gut in seinem Wohltun, solange es seinen Blick auf die ganze Menschheit
richtet, und es ist äußerst böse in seinem Übeltun, sobald es seinen
Blick nur auf sein eigenes Interesse richtet und alle Kraft zur Größe
nur auf Zwecke verwendet, die dem Unsterblichen und Ewigen im Menschen
entgegen sind.
Ostasien hat seinen alten Pfad verfolgt und eine Kultur entwickelt, die
nicht politisch, sondern sozial ist, nicht räuberisch und mechanisch
wirksam, sondern geistig und auf all die mannigfachen tieferen
menschlichen Beziehungen gegründet. Es hat in stiller Zurückgezogenheit
für die Lebensprobleme der Völker Lösungen ersonnen und hat sie im
Schutz seiner Abgeschlossenheit, kaum berührt von dynastischen Wechseln
und Einfällen fremder Völker, ausgeführt. Aber jetzt, da die Welt von
außen über uns hereingebrochen ist, ist unsere Abgeschlossenheit für
immer dahin. Und doch dürfen wir dies nicht beklagen, wie eine Pflanze
es nicht beklagen darf, wenn sie aus dunkler Erde zum Licht emporgezogen
wird. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir die Aufgabe der ganzen Welt zu
unserer Aufgabe machen müssen; wir müssen den Geist unserer Kultur mit
der Geschichte aller Nationen der Erde in Einklang zu bringen suchen,
wir dürfen uns nicht in törichtem Stolz in der Samenhülle und in der
Erdrinde, die unsere Ideale schützen und nährten, festhalten, denn
beide, Hülle und Rinde, müssen durchbrochen werden, wenn das Leben in
all seiner Kraft und Schönheit emporschießen soll, um der Welt im Licht
des Tages seine Gaben zu bieten.
Diese Aufgabe, die Schranke zu durchbrechen und in die Welt
hinauszutreten, hat von den Völkern des Ostens Japan zuerst auf sich
genommen. Es hat das Herz ganz Asiens mit Hoffnung belebt. Diese
Hoffnung gibt uns die heimliche Flamme, die jedes Schöpfungswerk
braucht. Asien fühlt jetzt, daß es sein Leben beweisen muß, dadurch, daß
es lebendige Werke schafft; daß es nicht müßig schlafend daliegen oder,
durch Furcht oder Schmeichelei betört, in schwächlicher Nachahmung dem
Westen huldigen darf. Dafür sagen wir dem Land der aufgehenden Sonne
Dank und bitten es feierlich, immer dessen eingedenk zu sein, daß es die
Mission des Ostens zu erfüllen hat. Es muß dem Herzen der modernen
Kultur den Lebenssaft tieferer Menschlichkeit einflößen. Es darf sie
nicht vom Unterholz ersticken lassen, sondern muß sie hinaufführen zu
Licht und Freiheit, zu reiner Luft und weitem Raum, wo sie im Licht des
Tages und im Dunkel der Nacht die Stimme des Himmels vernehmen kann. Auf
daß die Erhabenheit seiner Ideale allen Menschen sichtbar werde wie sein
schneegekrönter Futschijama, der aus dem Herzen seines Landes aufsteigt
in die Region des Unendlichen und sich stolz von seiner Umgebung abhebt,
schön wie ein Mädchen in dem wundervollen Schwung seiner Linien, und
doch fest und stark und von ruhiger Majestät.
II.
Ich bin in vielen Ländern gereist und Menschen von allen Klassen
begegnet, aber nirgends auf meinen Reisen fühlte ich die Gegenwart des
Menschlichen so stark wie in diesem Lande. In andern großen Ländern
waren die Zeichen der Macht des Menschen weithin sichtbar, und ich sah
ungeheure Organisationen, die sich nach allen Seiten wirksam zeigten.
Die Pracht und Üppigkeit, die dort herrscht in Kleidung, Einrichtung und
kostspieliger Unterhaltung, ist erschreckend. Man fühlt sich bei ihnen
in die Ecke gedrückt wie ein ungebetener Gast beim Festmahl; halb ist
man von Neid erfüllt, halb atemlos vor Staunen. Bei ihnen hat man nicht
das Gefühl, daß der Mensch das Höchste ist, sondern man wird immer gegen
einen Haufen erstaunlicher Dinge geschleudert, die uns von den Menschen
trennen. Aber in Japan ist nicht die Entfaltung von Macht und Reichtum
das herrschende Lebenselement. Man sieht überall Zeichen von Liebe und
Bewunderung und nicht überwiegend von Ehrgeiz und Habsucht. Man sieht
ein Volk, dessen Herz sich erschlossen hat und sich verschwenderisch
ausgibt in den einfachsten Geräten des täglichen Lebens, in seinen
sozialen Einrichtungen, in seinen sorgsam gepflegten und zur
Vollkommenheit ausgebildeten Lebensformen und in seiner Art mit den
Dingen umzugehen, die nicht nur geschickt, sondern zugleich in jeder
Bewegung anmutig ist.
Was in diesem Lande den größten Eindruck auf mich gemacht hat, ist die
Erkenntnis, daß ihr die Geheimnisse der Natur nicht durch methodisches
Zergliedern, sondern unmittelbar durch Anempfinden erfaßt habt. Ihr habt
die Sprache ihrer Linien und die Musik ihrer Farben erkannt, das Ebenmaß
in ihren Ungleichmäßigkeiten und den Rhythmus in der Freiheit ihrer
Bewegungen; ihr habt gesehen, wie sie die ungeheuren Scharen ihrer Wesen
führt und doch alle Reibungen vermeidet, wie selbst die Widerstreite in
ihren Schöpfungen in Tanz und Musik sich lösen, wie ihr Überfluß die
Fülle der selbstlosen Hingabe ist, nicht prahlerische Verschwendung. Ihr
habt erkannt, daß die Natur ihre Kraft in Formen der Schönheit
aufbewahrt, und diese Schönheit ist es, welche wie eine Mutter alle
Riesenkräfte an ihrer Brust nährt, indem sie sie in tätiger
Wirksamkeit, und doch in Ruhe hält. Ihr habt erkannt, daß die
Lebenskräfte der Natur sich vor Erschöpfung bewahren durch den Rhythmus
vollkommener Anmut, und daß sie durch die Zartheit ihrer geschwungenen
Linien die Müdigkeit von den Muskeln der Welt nimmt. Ich habe gefühlt,
daß ihr es vermocht habt, diesen Geheimnissen euer Leben anzugleichen,
und daß ihr die Wahrheit, die in der Schönheit aller Dinge liegt, in
eure Seele aufgenommen habt. Ein bloßes Wissen von Dingen kann man in
kurzer Zeit erwerben, aber ihr Geist kann nur erworben werden durch
jahrhundertelange Erziehung und Selbstbeherrschung. Die Natur von außen
beherrschen ist viel einfacher als sie in Liebe sich zu eigen machen,
denn dies kann nur ein wahrhaft schöpferischer Geist. Euer Volk hat
diese schöpferische Kraft gezeigt; es erwarb nicht, sondern es schuf; es
stellte nicht Dinge zur Schau, sondern offenbarte sein eigenes inneres
Wesen. Dieser schöpferische Geist ist allen Völkern eigen; er bemächtigt
sich der Menschennaturen und formt sie nach seinen Idealen. Aber hier
in Japan scheint er seine Aufgabe vollendet zu haben, indem er in den
Geist des ganzen Volkes einging und seine Muskeln und Nerven durchdrang.
Eure Instinkte sind zuverlässig geworden, eure Sinne scharf, und eure
Hände haben natürliche Geschicklichkeit erlangt. Der Schöpfergeist
Europas hat seinen Völkern die Kraft zur Organisation gegeben, die sich
besonders in der Politik, im Handel und in den wissenschaftlichen
Betrieben gezeigt hat. Der Schöpfergeist Japans hat euch die Schönheit
in der Natur gezeigt und euch die Kraft gegeben, sie im Leben zu
verwirklichen.