Wenn ihr ihn daher zu einer bloßen Kraft machen wollt, so müßt ihr seine
Seele soviel wie möglich beschneiden. Wenn wir ganze Menschen sind, so
können wir nicht einander an die Kehle fahren; unsere sozialen
Instinkte, die Traditionen unserer sittlichen Ideale hindern uns daran.
Wenn man mich dazu bringen will, daß ich menschliche Wesen hinschlachte,
so muß man die Ganzheit meines Menschentums durch etwas zerstören, das
meinen Willen tötet, mein Denken lähmt, meine Bewegungen mechanisiert,
und dann wird aus der Auflösung der vollen menschlichen Persönlichkeit
jene Abstraktion hervorgehn, jene zerstörende Kraft, die nichts mehr
mit wahrer Menschlichkeit zu tun hat, und die daher leicht brutal wird.
Nehmt den Menschen heraus aus seiner natürlichen Umgebung, aus seinem
reichen Gemeinschaftsleben mit seinen sozialen Pflichten und all seiner
Fülle von Liebe und Schönheit, und nichts ist mehr da, was seine
Ganzheit zusammenhält, ihr könnt ihn stückweise in das Räderwerk eurer
großen Maschine einfügen, die dazu dient, in riesigem Maßstabe
Reichtümer zu erzeugen. Macht einen Baum zu einem Holzblock, und er wird
euch Feuer geben, aber nicht lebendige Blüten und Früchte.
Diese systematische Entmenschlichung ist auf dem Gebiete des Handels und
der Politik vor sich gegangen. Und aus den langen Geburtswehen der
mechanischen Energie ist dieses vollentwickelte Ungeheuer von
erstaunlicher Kraft und überraschendem Appetit hervorgegangen, das der
Westen auf den Namen Nation getauft hat. Wie ich schon sagte, ist sie,
weil sie eine Abstraktion ist, mit der größten Leichtigkeit dem
Vollmenschen als sittlichem Wesen weit vorausgeeilt. Und da sie das
Gewissen eines seelenlosen Gespenstes und die fühllose Vollkommenheit
eines Automaten hat, führt sie zu Katastrophen, die die vulkanischen
Ausbrüche des jungen Mondes durch ihre zerstörende Wildheit beschämen.
Die Folge ist, daß das Mißtrauen von Mensch zu Mensch beständig wie
Nesseln diese Kultur an allen Gliedern reizt. Jedes Land wirft sein
Spionagenetz in die trüben Wasser des andern und fischt nach dessen
Geheimnissen, die in den schlammigen Tiefen der Diplomatie ausgebrütet
werden. Und was ist ihr geheimes Wirken anders als das lichtscheue
Gewerbe der Nation: Raub, Mord, Verrat und all die scheußlichen
Verbrechen, die in den tiefsten Abgründen der Verderbtheit gezeugt
werden? Da jede Nation ihre eigene Geschichte von Raub und Lüge und
Treulosigkeit hat, so kann im Verkehr zwischen ihnen nur Mißtrauen und
Eifersucht gedeihen, und internationale sittliche Scham wird in einem
Grade blutarm, daß sie ganz jämmerlich anzusehen ist. Die Nation hat auf
ihrem Dudelsack frommer Entrüstung so oft die Melodie gewechselt, je
nachdem der Wechsel der Zeiten und der diplomatischen Bündnisse es
forderten, daß man es als amüsante Varietévorstellung im politischen
Tingeltangel genießen kann.
Ich komme eben von einer Reise nach Japan zurück, wo ich diese junge
Nation ermahnte, an ihren höheren Idealen der Menschlichkeit
festzuhalten und nie vom Westen die organisierte Selbstsucht des
Nationalismus als Religion zu übernehmen, sich nie an der Schwäche
seiner Nachbarn zu weiden, nie gewissenlos den Schwachen gegenüber zu
handeln, an denen man ungestraft und mit billigem Ruhm Gemeinheiten
begehen kann, während man seine rechte, von Menschlichkeit strahlende
Wange zum Kuß der Bewunderung denen reicht, die die Macht dazu haben,
ihr einen Streich zu versetzen. Einige Zeitungen lobten meine Rede wegen
ihrer poetischen Eigenschaften, während sie mit bezeichnendem
Seitenblick hinzufügten, daß es die Poesie eines unterworfenen Volkes
sei. Ich fühlte, daß sie recht hatten. Japan hat in einer modernen
Schule gelernt, wie man mächtig wird. Es hat seine Lehrzeit beendet und
will nun die Früchte seiner Ausbildung genießen. Der Westen hatte mit
der Stimme seiner donnernden Kanonen vor den Toren Japans gerufen: Es
werde eine Nation! Und siehe da, es ward eine Nation. Und nun, da sie da
ist, warum habt ihr nicht im innersten Herzen ein reines Gefühl der
Freude und sagt, daß sie gut ist? Wie kommt es, daß ich in einer
englischen Zeitung eine Äußerung der Bitterkeit las, als Japan sich
seiner Überlegenheit in der Kultur rühmte -- etwas, was die Engländer
sowie die andern Nationen jahrhundertelang ohne zu erröten getan haben?
Weil der Idealismus der Selbstsucht sich beständig mit einer Dosis von
Eigenlob berauschen muß. Aber dieselben Laster, die ihnen bei sich
selbst so natürlich und harmlos erscheinen, fallen ihnen unangenehm auf
und empören sie, sobald sie sie an andern Nationen gewahren. Wenn ihr
daher die japanische Nation, nach eurem eigenen Bilde geschaffen, auf
dem Fahrwasser nationaler Prahlerei vom Stapel laufen seht, so schüttelt
ihr den Kopf und sagt: »Es ist nicht gut.« Ist Japan nicht auch eine
Ursache, daß man hier bei euch die Losung ausgegeben hat, sich
angesichts des neuen drohenden Übels mit noch größerer Schadenskraft zu
rüsten? Japan versichert, daß es sein _bushido_[1] hat, daß es Amerika
gegenüber, dem es Dank schuldet, nie treulos handeln kann. Aber es wird
euch schwer, ihm zu glauben, denn die Weisheit der Nation besteht nicht
im Glauben an die Menschheit, sondern im absoluten Mißtrauen. Ihr sagt
euch, daß ihr es nicht mit dem Japan des _bushido_, mit dem Japan der
sittlichen Ideale zu tun habt, sondern mit der Abstraktion der
Selbstsucht des Volkes, mit der Nation; und eine Nation kann nur der
andern trauen, soweit ihre Interessen zusammengehen, oder wenigstens
sich nicht entgegenstehen. Euer Instinkt sagt euch, daß das Eintreten
eines neuen Volkes in die Arena der Nationalität das Übel vergrößert,
das alledem widerspricht, was das Höchste im Menschen ist, und das durch
seinen Erfolg beweist, daß Gewissenlosigkeit der Weg zum Gedeihen
ist -- und Gutsein gut für die Schwachen, und Gott der einzig bleibende
Trost der Unterworfenen.
[1] bushido, gewöhnlich mit »Ritterlichkeit« übersetzt, das
ungeschriebene Gesetzbuch des japanischen Rittertums (der Samurai),
überhaupt der Inbegriff der moralischen Grundsätze des japanischen
Volkes.
Ja, dies ist die Logik der Nation. Und sie wird nie auf die Stimme von
Recht und Wahrheit hören. Sie wird diesen Reigen sittlicher Verderbtheit
fortsetzen und Stahl an Stahl, Maschine an Maschine fügen und all die
holden Blumen des frommen Glaubens und der lebendigen Ideale des
Menschen niedertreten.
Aber wir lassen uns zu dem Glauben verleiten, daß in unserer Zeit mehr
Menschlichkeit herrsche als jemals früher. Der Grund dieser
Selbsttäuschung ist, daß unsere Lebensbedürfnisse reichlicher befriedigt
und unsere physischen Leiden wirksamer gelindert werden als früher. Doch
dies geschieht in der Hauptsache nicht durch sittliche Opferfreudigkeit,
sondern durch intellektuelle Kraft. An Umfang ist dieses Gute groß, aber
es kommt nicht aus der Tiefe und geht nicht in die Tiefe. Kenntnisse und
Leistungsfähigkeit sind mächtig gemessen an ihrer Wirkung nach außen,
aber sie sind die Diener des Menschen, nicht der Mensch selbst. Ihr
Dienst ist wie die Bedienung in einem Hotel, wo alles tadellos
eingerichtet ist, aber der Wirt fehlt; es ist mehr bequem als gastlich.
Daher dürfen wir nicht vergessen, daß die systematischen
Organisationen, die sich nach allen Seiten weithin ausbreiten, zwar
unsere Macht stärken, aber nicht unsere Menschlichkeit. Mit der
zunehmenden Macht der Nation wächst ihre Selbstanbetung und erhält das
Übergewicht. Der einzelne läßt die Nation bereitwillig auf seinem Rücken
reiten, und so geschieht das Naturwidrige, das so großes Unglück im
Gefolge hat, daß der Mensch mit allen Opfern einen Gott verehrt, der
sittlich viel tiefer steht als er selbst. Dies hätte nie geschehen
können, wenn der Gott so wirklich wäre, wie der Mensch selbst.
Laßt mich hierzu eine treffende Erläuterung geben. In einigen Teilen
Indiens wird es der Witwe als besonderer Akt der Frömmigkeit auferlegt,
sich alle vierzehn Tage einen ganzen Tag lang des Essens und Trinkens
gänzlich zu enthalten. Dies führt oft zu sinnloser und unmenschlicher
Grausamkeit. Und doch sind die Menschen von Natur nicht in dem Maße
grausam. Aber da diese Frömmigkeit nichts als ein toter Begriff ist, so
tötet sie das sittliche Gefühl des Menschen vollständig, ebenso wie ein
Mensch, der sonst kein Tier unnötig quälen würde, doch einer großen
Menge unschuldiger Geschöpfe furchtbare Leiden verursacht, wenn er sein
Gefühl mit der Idee »Sport« betäubt hat. Weil diese Ideen Erzeugnisse
des Intellekts, logische Klassifikationen sind, können sie den
persönlichen Menschen so leicht in ihren Nebel einhüllen.
Und die Idee der Nation ist eins der wirksamsten Betäubungsmittel, die
der Mensch erfunden hat. Unter dem Einfluß seiner Dünste kann ein ganzes
Volk sein systematisches Programm krassester Selbstsucht ausführen, ohne
sich im geringsten seiner sittlichen Verderbtheit bewußt zu
werden -- ja, es wird gefährlich gereizt, wenn man es darauf hinweist.
Aber kann dies in alle Ewigkeit so fortgehen, daß das sittliche Gefühl
des Menschen immer mehr abstumpft? Wird es sich nicht irgendeinmal
rächen? Wird diese riesige Organisationsmaschine in dieser Welt nicht
eines Tages auf eine Schranke stoßen, die ihre rasende Fahrt aufhält und
sie zertrümmert? Glaubt ihr denn wirklich, daß man das Böse auf die
Dauer dadurch in Schach halten kann, daß man es zu überbieten sucht, und
daß kluge Beratung den Teufel in dem Käfig der »gegenseitigen
Vereinbarungen« festhalten kann, in dem man ihn provisorisch
untergebracht hat?
Dieser Krieg der europäischen Nationen ist ein Vergeltungskrieg. Der
Mensch als solcher muß sich mit allen Kräften dagegen wehren, daß tote
Dinge an Stelle des Herzens treten und Systeme und Staatskunst an Stelle
lebendiger Beziehung von Mensch zu Mensch. Die Zeit ist gekommen, wo um
der ganzen schmählich mißhandelten Menschheit willen Europa am eigenen
Leibe die furchtbare Sinnwidrigkeit dessen, was man Nation nennt, in
ihrem ganzen Umfange spüren muß.
Die Nation ist lange auf Kosten der verstümmelten Menschlichkeit
gediehen. Die Menschen, die vollkommensten Geschöpfe Gottes, gingen aus
dieser nationalen Fabrik zu großen Scharen als Krieg und Geld machende
Drahtpuppen hervor, lächerlich eitel auf die erbärmliche Vollkommenheit
ihres Mechanismus. Die menschliche Gesellschaft wurde immer mehr zu
einem Marionettentheater von Politikern, Soldaten, Fabrikanten und
Bureaukraten, die durch großartig funktionierende Drahteinrichtungen
hin- und herbewegt werden.
Aber die ganze Brut der Selbstsucht: Haß und Gier, Furcht und Heuchelei,
Argwohn und Tyrannei, ist auf die Dauer nicht lebensfähig. Diese
Ungeheuer wachsen zu einer Riesengröße an, aber das Ebenmaß fehlt ihnen.
Und der Leib dieser Nation, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus
Stahl und Dampf und Amtsgebäuden besteht, kann zu einer immer
phantastischeren Ungeheuerlichkeit anschwellen, bis endlich die
Mißgestalt ihren ganzen Umfang nicht mehr zusammenhalten kann -- sie
wird anfangen zu krachen und zu bersten, keuchend giftige Dämpfe und
Feuer auszuspeien, und wir hören im Donner der Kanonen ihr Todesröcheln.
In diesem Kriege hat der Todeskampf der Nation angefangen. Ihr ganzer
Mechanismus ist plötzlich toll geworden und hat einen Furientanz
begonnen, indem er seine eigenen Glieder zerschmettert und in den Staub
wirft. Es ist der fünfte Akt der Tragödie des falschen Scheins.
Die irgendwelchen Glauben an die Menschheit haben, können nur sehnlichst
hoffen, daß die Tyrannei der Nation nicht ihre frühere Gestalt
unversehrt zurückerhält: ihre Zähne und Klauen, ihre weitreichenden
Eisenarme und ihre ungeheure innere Hohlheit, wo alles Magen ist und
kein Herz; sie müssen hoffen, daß der Mensch aus dem Nebelmeer von
Abstraktionen, das ihn einhüllte, zur Freiheit der Persönlichkeit neu
geboren wird.
Dieser furchtbare Krieg hat den Schleier gehoben, und der Westen steht
Antlitz in Antlitz seiner Schöpfung gegenüber, der er seine Seele
geopfert hat. Jetzt muß er wissen, was das für eine Schöpfung ist.
Er hat nie geahnt, wie in seiner sittlichen Natur ein Prozeß von
langsamem und unmerklichem Absterben und Verwesen vor sich ging, der
sich bald in skeptizistischen Lehren kund gab, bald und noch öfter und
anscheinend harmloser, aber darum gefährlicher, in der Ahnungslosigkeit
von all der Verstümmelung und Schmach, die er einem großen Teil der
Menschheit zugefügt hat. Jetzt muß er die Wahrheit durch eigene
Erfahrung lernen.
Und dann werden unter seinen eigenen Kindern solche aufstehen, die sich
aus der Knechtschaft der gegenwärtigen Illusion befreien, aus dieser
Verderbtheit einer Verbrüderung, die auf Selbstsucht gegründet ist. Sie
werden erkennen, daß sie Gottes Kinder sind und nicht Sklaven einer
Maschinerie, die Seelen in Ware verwandelt und das Leben in Fächer
einteilt, die mit ihren eisernen Klauen der Welt das Herz ausreißt und
nicht weiß, was sie getan hat.
Und wir Nationslosen, deren Haupt bis in den Staub gebeugt ist, wir
wollen uns sagen, daß dieser Staub heiliger ist als die Ziegelsteine,
aus denen die Macht ihr stolzes Schloß aufrichtet. Denn dieser Staub ist
fruchtbar an Leben und Schönheit und Erhabenheit. Wir wollen Gott
danken, daß es unser Los war, in Schweigen die Nacht der Trübsal und
Verzweiflung hindurch zu wachen, den Hohn der Stolzen und die Last des
Gewaltigen zu tragen, daß wir in all dem Leiden, obgleich unser Herz von
Zweifeln und Furcht bebte, dem blinden Glauben an das Heil durch die
Maschine widerstanden und festhielten an unserem Vertrauen auf Gott und
die menschliche Seele. Und wir hegen doch noch die Hoffnung, daß, wenn
die Macht beschämt von ihrem Thron herabsteigt und der Liebe Platz
macht, wenn der Morgen kommt, wo die blutigen Spuren, die die Nation
zurückließ, als sie durch die Menschheit hinschritt, hinweggewaschen
werden, man uns ruft, auf daß wir unser heiliges Gefäß mit Weihwasser
bringen, um die menschliche Geschichte wieder zu reinigen und den
zertretenen Staub der Jahrhunderte wieder mit Fruchtbarkeit zu segnen.
NATIONALISMUS IN JAPAN
Die schlimmste Form der Knechtschaft ist es, wenn wir der Verzagtheit
anheimfallen, denn sie raubt uns den Glauben an uns selbst und damit
jede Hoffnung auf Befreiung. Man hat uns wiederholt und mit einem
gewissen Recht gesagt, daß Asien in der Vergangenheit lebt -- es ist wie
ein reiches Mausoleum, das alle seine Pracht entfaltet, um die Toten
unsterblich zu machen. Man hat von Asien gesagt, daß es niemals den Pfad
des Fortschritts beschreiten könne, weil es nicht anders könne als den
Blick nach rückwärts richten. Wir nahmen diesen Vorwurf hin und hielten
ihn schließlich für berechtigt. Ich weiß, daß in Indien eine große
Anzahl unserer Gebildeten die Demütigung, die in diesem Vorwurf liegt,
nicht ertragen kann und nun ihre ganze Fähigkeit zum Selbstbetrug
aufbietet, um ihn in ein Lob zu verwandeln und damit zu prahlen. Aber
Prahlerei ist nur Schamgefühl unter falscher Maske, sie glaubt nicht
wirklich an sich.
Als die Dinge so standen und wir Bewohner Asiens uns in den Glauben
hinein hypnotisierten, daß es immer so bleiben müsse und auf keine Weise
anders werden könne, erwachte plötzlich Japan aus seinem Schlummer,
holte mit Riesenschritten die müßig verträumten Jahrhunderte nach und
stand bald mit seinen Leistungen in der vordersten Reihe seiner modernen
Zeitgenossen. Dies hat den Zauber gebrochen, in dem wir jahrhundertelang
gebannt lagen, als wir glaubten, unser Los sei nun einmal das Los
bestimmter Völker unter bestimmten Himmelsstrichen. Wir hatten
vergessen, daß in Asien einst große Königreiche gegründet wurden, daß
Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Literatur bei uns blühten und alle
großen Religionen hier ihre Wiege hatten. Man kann daher nicht sagen,
daß in dem Boden und Klima Asiens irgend etwas ist, was geistige
Untätigkeit erzeugt oder im Menschen den Trieb zum Fortschritt
verkümmern läßt. Jahrhundertelang haben wir in Asien die Fackel der
Kultur hochgehalten, als der Westen noch im Dunkel schlummerte und dies
kann doch nicht das Zeichen von geistiger Schwerfälligkeit und engem
Horizont sein.
Dann kam eine Zeit, wo das Dunkel der Nacht sich auf alle Länder des
Ostens legte. Der Strom der Zeit schien plötzlich stillzustehen, und
Asien hörte auf, neue Nahrung zu sich zu nehmen; es fing an, sich von
seiner Vergangenheit, das heißt in Wahrheit, von sich selbst zu nähren.
Es lag in Totenstille da, und die Stimme, die einst ewige Wahrheiten mit
lautem Ruf verkündet und viele Menschenalter hindurch das Menschenleben
rein gehalten hatte, wie der Ozean von Luft die Erde umspült und
reinigt, -- diese Stimme war verstummt.
Aber das Leben braucht auch seinen Schlaf, seine Perioden der
Untätigkeit, wo seine Bewegungen aufhören, wo es keine neue Nahrung zu
sich nimmt und von den Vorräten seiner Vergangenheit lebt. Dann wird es
hilflos, seine Muskeln erschlaffen, und es ist leicht, es wegen seiner
Stumpfheit zu verhöhnen. Im Rhythmus des Lebens sind diese Pausen nötig,
damit das Leben sich erneuern kann. Ein tatenvolles Leben verausgabt
sich beständig, verbrennt all sein Öl. Diese Verschwendung kann nicht
unbegrenzt weitergehen, sondern immer muß ihr eine Zeit der Passivität
folgen, wo keine Kräfte mehr verbraucht und keine Abenteuer mehr
unternommen werden dürfen, wo Ruhe erste Pflicht ist, damit die
Lebenskraft allmählich wieder wachsen kann.
Unser Geist neigt von Natur zur Sparsamkeit, er liebt es, Gewohnheiten
anzunehmen und sich auf ausgefahrenen Gleisen zu bewegen, die ihm die
Mühe sparen, bei jedem Schritt nachzudenken. Fertig übernommene Ideale
machen den Geist träge. Er fürchtet, seinen Besitz zu verlieren, im
Ringen nach neuem Erwerb. Er versucht, ihn sich zu sichern, indem er ihn
in einer Festung von Gewohnheiten verschließt. Aber dies heißt in
Wahrheit, sich den vollen Genuß seines Besitzes unmöglich machen. Es ist
Geiz. Die lebendigen Ideale dürfen nicht die Berührung mit dem
wachsenden, wechselnden Leben verlieren. Nicht innerhalb sie sorglich
hütender Schranken sind sie wahrhaft frei, sondern draußen auf der
Landstraße des Lebens mit all ihren Abenteuern und Möglichkeiten neuer
Erfahrungen.
Eines Morgens blickte die ganze Welt in Staunen auf: Japan hatte in der
Nacht die Mauern seiner alten Gewohnheiten durchbrochen und trat
triumphierend daraus hervor. Es war in einer so unglaublich kurzen Zeit
geschehen, wie das Wechseln eines Gewandes, nicht wie das langsame
Errichten eines neuen Baues. Das neue Japan zeigte zugleich das
zuversichtliche Kraftbewußtsein des reifen Alters und die Frische und
unendliche Möglichkeitsfülle neu erwachten Lebens. Man fürchtete damals,
daß es sich nur um eine plötzliche Laune der Geschichte handelte, um ein
kindisches Spiel der Zeit, eine Seifenblase, zwar vollkommen in ihrer
Rundung und Farbenschönheit, doch innen hohl und ohne Gehalt. Aber Japan
hat endgültig gezeigt, daß die plötzliche Offenbarung seiner Macht nicht
ein kurzlebiges Wunder war, eine zufällige und vorübergehende
Erscheinung im Zeitenstrom, aus der dunklen Tiefe heraufgeschleudert, um
im nächsten Augenblick mit den Fluten hinweggerissen zu werden ins Meer
der Vergessenheit.
Denn Japan ist alt und modern zugleich. Es hat sein Erbe alter östlicher
Kultur, jener Kultur, die dem Menschen zur Pflicht macht, wahren
Reichtum und wahre Kraft in sich selbst, in seiner Seele zu suchen,
jener Kultur, die ihm inneren Halt gibt gegenüber Verlust und Gefahr,
die ihn opferwillig macht, ohne daß er an das denkt, was es ihn kostet,
oder auf Lohn hofft, die ihn lehrt, dem Tod zu trotzen und sich den
unzähligen Verpflichtungen zu unterwerfen, die er als Glied der
Gesellschaft seinen Mitmenschen gegenüber hat. Es besitzt das Erbe jener
Kultur, die uns in allen endlichen Dingen die Vision des Unendlichen
gegeben hat, durch die wir erkannt haben, daß das Weltall von Leben und
Seele durchtränkt ist, daß es nicht eine ungeheure Maschine ist, die
einst vom Teufel Zufall zum Vorschein gebracht oder von einem
teleologischen Gott geschaffen wurde, der in einem fernen Himmel lebt.
Mit einem Wort, das moderne Japan ist aus dem uralten Osten entsprossen
wie die Lotusblume, die sich leicht und anmutig in der Luft wiegt und
doch fest und tief in dem Boden wurzelt, dem sie entsprungen.
Und Japan, dies Kind des alten Ostens, hat doch keck nach allen Gaben
des modernen Zeitalters gegriffen. Es hat seinen kühnen Geist gezeigt,
indem es die Schranken der Gewohnheit durchbrach, welche Trägheit nach
und nach aufgerichtet hatte; seine eigene Tüchtigkeit und Wachsamkeit
sollten hinfort seine Sicherheit und sein Schutz sein. So ist es in
Berührung gekommen mit dem Leben der Zeit und hat mit bewundernswertem
Eifer und erstaunlicher Begabung die Verpflichtungen der modernen
Zivilisation auf sich genommen.
Dies ist es, was dem übrigen Osten Mut gemacht hat. Wir haben erkannt,
daß Leben und Kraft in uns ist, es gilt nur, die trockene Rinde
abzuwerfen und nackt hineinzutauchen in den verjüngenden Strom der Zeit.
Wir haben erkannt, daß seine Zuflucht zu toten Dingen nehmen Tod
bedeutet, und daß nur der lebt, der das ganze volle Wagnis des Lebens
auf sich nimmt.
Ich meinesteils kann nicht glauben, daß Japan das geworden ist, was es
ist, dadurch, daß es dem Westen nachahmte. Wir können Leben nicht
nachahmen, Kraft nicht lange heucheln, ja, bloßes Nachahmen tötet die
Kraft, die da ist. Denn es fesselt unsere wahre Natur und hemmt uns
überall. Es ist, als ob wir über unsere Knochen die Haut eines andern
Menschen zögen und so zwischen beiden einen ewigen Kampf schüfen.
Die Wahrheit ist, daß die Wissenschaft nicht zur Natur des Menschen
gehört; sie ist nur etwas Erlerntes und durch Schulung Erworbenes. Wenn
ihr die Gesetze der äußeren Natur kennt, so ändert das noch nichts an
eurer menschlichen Natur. Wissen könnt ihr von andern borgen, aber nicht
Gaben des Gemüts.
Aber in der ersten Zeit unserer Ausbildung, wo wir noch nichts weiter
tun als nachmachen, können wir noch nicht zwischen Wesentlichem und
Unwesentlichem, zwischen Übertragbarem und Nichtübertragbarem
unterscheiden. Es ist wie mit dem Glauben des primitiven Geistes an die
Zauberkraft zufälliger äußerer Formen, in denen sich ihm eine Wahrheit
kundgibt. Wir fürchten, etwas Wertvolles und Wirksames zurückzulassen,
wenn wir nicht die Schale mit dem Kern verschlucken. Aber während unsere
Gier immer das Ganze sich aneignen will, verleiben unsere Leben
schaffenden Organe die nährenden Stoffe dem Körper ein, und dies ist die
rechte Art, wie ein lebendiger Organismus von den Dingen Besitz nimmt.
Wo Leben ist, da behauptet es sich sicher dadurch, daß es das auswählt,
was es zu seiner Erhaltung braucht, und das Schädliche zurückweist. Der
lebendige Organismus wächst nicht in seine Nahrung hinein, sondern seine
Nahrung wächst in ihn hinein. Und nur so kann er stark werden, nicht
indem er sie nur in sich anhäuft oder indem er sich selbst aufgibt.
Japan hat seine Nahrung vom Westen eingeführt, aber nicht seine
Lebensorgane. Japan kann nicht ganz in der wissenschaftlichen
Ausstaffierung, die es vom Westen bekommen hat, untertauchen und zu
einer bloßen übernommenen Maschine werden. Es hat seine eigene Seele,
die sich vor allen andern Bedürfnissen geltend machen muß. Daß sie dies
kann und daß Japan es versteht, die neuen Errungenschaften sich in
rechter Weise zu eigen zu machen, das beweisen reichlich die Zeichen
kräftiger Gesundheit, die wir an ihm wahrnehmen. Und ich hoffe
aufrichtig, daß Japan über dem Stolz auf seine modernen Errungenschaften
nie den Glauben an seine Seele verlieren wird, denn schon jener Stolz
ist eine Demütigung und führt am Ende zu Armut und Schwäche. Es ist der
Stolz des Gecken, der größeren Wert auf seine Kopfbedeckung legt als auf
den Kopf selbst.
Die ganze Welt wartet, um zu sehen, was dieses große Volk des Ostens nun
anfangen wird mit den Möglichkeiten und Verpflichtungen, die es aus den
Händen der modernen Zeit empfangen hat. Ist es nur eine Nachbildung des
Westens, so werden die großen Erwartungen, die es erweckt hat, unerfüllt
bleiben. Denn es sind ernste Fragen, die die westliche Zivilisation
aufgeworfen und noch nicht ganz gelöst hat. Der Konflikt zwischen Staat
und Individuum, Arbeit und Kapital, Mann und Frau; der Konflikt zwischen
materieller Gewinnsucht und Bedürfnis nach geistigem Leben, zwischen der
organisierten Selbstsucht der Völker und den höheren Idealen der
Menschlichkeit, und all die schlimmen Konflikte, die sich ergeben aus
dem Gegensatz zwischen den riesigen Organisationen des Handels und des
Staates und den natürlichen Instinkten des Menschen, die nach
Einfachheit, Schönheit und Muße rufen -- dies alles soll in Harmonie
gebracht werden auf einem Wege, den noch niemand ahnt.