Aber es ist der ~Geist~ des Westens, nicht die ~Nation~ des

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S. 75 »erklärt es als eine Gefahr.« Der . (Punkt) wurde zu , (Komma)

geändert; S. 78 »sonderen Feinde allen Lebens« sonderen zu sondern; S.

100 »zur Herrschaft gekommen ist ,wird« Leerzeichen vor Komma entfernt

und nach Komma hinzugefügt; S. 150 »sozialen Ein-Dichtungen zu

verwirklichen« Ein-Dichtungen zu Einrichtungen.

Außerdem wurden die Fußnoten, der Lesbarkeit halber, ans Ende des

zugehörigen Absatzes verschoben.

RABINDRANATH TAGORE

NATIONALISMUS

MÜNCHEN

KURT WOLFF VERLAG

Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore

selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von

Helene Meyer-Franck

16.-25. Tausend

Copyright 1918 by Neuer Geist-Verlag in Leipzig

NATIONALISMUS IM WESTEN

Die Geschichte der Menschheit gestaltet sich nach den Schwierigkeiten,

denen sie begegnet. Diese stellen uns Aufgaben, die wir lösen müssen,

wenn wir nicht herabsinken oder zugrunde gehen wollen.

Diese Schwierigkeiten sind verschieden bei den verschiedenen Völkern der

Erde, und die Art, wie sie sie überwinden, macht ihren besonderen

Charakter aus.

Die Skythen des alten Asiens hatten mit der Kargheit ihrer natürlichen

Hilfsquellen zu kämpfen. Als die bequemste Lösung erschien ihnen, daß

sie ihre ganze Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, zu Räuberbanden

organisierten. Und so wurden sie denen unwiderstehlich, deren

Hauptleistung die friedlich aufbauende Arbeit bürgerlicher Gemeinschaft

war.

Aber zum Glück für den Menschen ist der bequemste Weg nicht der ihm

gemäßeste Weg. Wenn er nur seinem Instinkt zu folgen hätte, wie eine

Schar hungriger Wölfe, wenn er nicht zugleich sittliches Wesen wäre, so

würden jene Räuberhorden schon inzwischen die ganze Erde verheert haben.

Aber der Mensch muß, wenn er Schwierigkeiten gegenübersteht, die Gesetze

seiner höheren Natur anerkennen, deren Nichtbeachtung ihm zwar

augenblicklichen Erfolg bringen kann, aber ihn sicher zum Untergang

führt. Denn das, was der niedern Natur nur Hindernis ist, ist der höhern

Lebensform eine Möglichkeit zu höherer Entwicklung.

Indien hat vom Anfang seiner Geschichte an seine Aufgabe gehabt: das

Rassenproblem. Ethnologisch verschiedene Rassen sind in diesem Lande in

nahe Berührung miteinander gekommen. Die Tatsache war zu allen Zeiten

und ist noch heute die wichtigste in unserer Geschichte. Es ist unsere

Aufgabe, ihr ins Gesicht zu sehen und unsern Menschenwert dadurch zu

erweisen, daß wir sie im tiefsten Sinne lösen. Solange wir nicht diese

Aufgabe erfüllt haben, wird uns Glück und Gedeihen versagt sein.

Es gibt andere Völker in der Welt, die in der sie umgebenden Natur

Hindernisse zu überwinden haben oder von mächtigen Nachbarn bedroht

sind. Sie haben ihre Kräfte organisiert, nicht nur so weit, daß ihnen

von der Natur und von menschlichen Nachbarn keine Gefahr mehr drohen

kann, sondern daß sie selbst durch ihre überschüssige Kraft zu einer

Gefahr für andere geworden sind. Aber die Geschichte unseres Landes, wo

die Schwierigkeiten innerer Art sind, ist eine Geschichte beständiger

sozialer Schlichtung und Anpassung, nicht eine Geschichte zu

Verteidigung und Angriff organisierter Macht.

Weder die farblose Unbestimmtheit des Kosmopolitismus noch die

leidenschaftliche Selbstvergötterung des Nationalitätskults ist das Ziel

der menschlichen Geschichte. Und Indien hat versucht, seine Aufgabe zu

erfüllen, indem es einerseits die Verschiedenheiten in eine soziale

Ordnung gebracht und andererseits das Bewußtsein der Einheit im Geist

entwickelt hat. Es hat schwere Fehler begangen, indem es zu starre

Schranken zwischen den Rassen aufrichtete und durch das Kastenwesen

gewisse Stände dauernd herabdrückte und zur Minderwertigkeit

verurteilte; es hat oft den Geist seiner Kinder verkrüppelt und ihr

Leben eingeengt, um sie den sozialen Formen anzupassen; aber

Jahrhunderte hindurch hat es immer wieder neue Versuche gemacht und

Ausgleichungen geschaffen.

Indiens Aufgabe war die einer Wirtin, die für zahlreiche Gäste zu sorgen

hat, deren Gewohnheiten und Bedürfnisse alle voneinander verschieden

sind. Dies bringt endlose Schwierigkeiten mit sich, deren Hebung nicht

nur Takt erfordert, sondern wahre Teilnahme und das Bewußtsein der

Einheit des Menschengeschlechts. Dieses Bewußtsein allgemein zu machen,

haben schon seit der frühen Zeit der Upanishads bis in unsere Zeit große

religiöse Lehrer geholfen, deren Ziel es war, alle menschlichen

Unterschiede auszulöschen im überströmenden Gottesbewußtsein. Unsere

Geschichte besteht fürwahr nicht in dem Aufblühen und Zerfallen von

Königreichen, in Kämpfen um politische Übermacht. Bei uns sind die

Berichte von solchen Ereignissen verachtet und vergessen, denn sie

machen keineswegs die wahre Geschichte unseres Volkes aus. Unsere

Geschichte berichtet von sozialem Leben und von der Verwirklichung

religiöser Ideale.

Aber wir fühlen, daß unsere Arbeit noch nicht getan ist. Die Flut der

Welt ist über unser Land hingefegt, neue Elemente sind uns zugeströmt,

und Anpassungen größeren Stils sind nötig.

Wir fühlen dies um so mehr, als die Lehre und das Beispiel des Westens

dem, was wir für unsere Aufgabe halten, gerade zuwiderläuft. Im Westen

wird durch den nationalen Mechanismus von Handel und Politik die

Menschheit schön ordentlich in Ballen zusammengepreßt, die ihren Nutzen

und hohen Marktwert haben; sie sind mit eisernen Reifen umspannt, mit

Aufschrift versehen und mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit

sortiert. Gott schuf doch wahrlich den Menschen, daß er menschlich sei;

aber dieses moderne Produkt ist so wunderbar regelmäßig zugeschnitten

und poliert, hat so sehr den Charakter der Fabrikware, daß der Schöpfer

Mühe haben wird, es als ein geistiges Wesen zu erkennen, als das

Geschöpf, das er nach seinem göttlichen Bilde schuf.

Aber ich greife schon vor. Was ich sagen wollte, ist dies. Nehmt es, wie

ihr wollt: dieses Indien hat seit wenigstens fünf Jahrtausenden

versucht, in Frieden zu leben, und dies Indien war ohne Politik, ohne

Nationalismus; sein einziger Ehrgeiz war, diese Welt als beseelt zu

erkennen und jeden Augenblick seines Lebens zu leben in demutsvoller

Anbetung und im frohen Bewußtsein der ewigen und persönlichen

Verwandtschaft mit ihr. Über diesen abgelegenen Teil der Menschheit, der

die Harmlosigkeit des Kindes und die Weisheit des Alters hatte, brach

die Nation des Westens herein.

Bei allen Kämpfen und Ränken und Betrügereien seiner früheren Geschichte

war Indien selbst unbeteiligt geblieben. Denn seine Heimstätten, seine

Felder, seine Tempel, seine Schulen, in denen Lehrer und Schüler in

Einfachheit und Frömmigkeit und stiller Arbeit zusammenlebten, seine

Dörfer mit ihrer friedlichen Selbstverwaltung und ihren einfachen

Gesetzen -- alles dies gehörte wirklich zu Indien. Aber nicht seine

Throne. Sie berührten es so wenig wie die Wolken, die über sein Haupt

hingingen, bald mit purpurner Pracht gefärbt, bald schwarz,

gewitterdrohend. Oft hatten sie Verheerungen in ihrem Gefolge, aber sie

waren wie Naturkatastrophen, deren Spuren bald verschwinden.

Aber diesmal war es anders. Diesmal war es kein bloßes Dahinjagen über

die Oberfläche seines Lebens -- ein Dahinjagen von Reitern und

Fußsoldaten, von Elefanten mit reichen Schabracken, weißen Zelten und

Sonnendächern, von Reihen geduldiger Kamele, die die Lasten des

königlichen Hofes trugen, von Flötenbläsern und Paukenschlägern,

Marmordomen und Moscheen, Palästen und Gräbern. Dies alles kam und ging

sonst wie Perlen von schäumendem Wein, und mit ihm die Geschichten von

Verrat und Treue, von plötzlichem Aufstieg und jähem Fall. Diesmal aber

trieb die Nation des Westens die Fühlhörner ihres Mechanismus tief in

den Boden hinein. Deshalb, sage ich euch, müssen wir selbst Zeugnis

ablegen von dem, was unser Volk für die Menschheit bedeutete. Wir hatten

die Horden der Mongolen und Afghanen kennengelernt, die in Indien

einfielen, aber wir hatten sie kennengelernt als menschliche Rassen mit

ihren besonderen Religionen und Sitten, Neigungen und Abneigungen -- wir

hatten sie nicht als Nation kennengelernt. Wir liebten und haßten sie,

wie die Anlässe es ergaben, wir kämpften für oder gegen sie, sprachen

mit ihnen in einer Sprache, die sowohl ihre als unsere war, und halfen

so an unserm Teile mit, das Schicksal unseres Reiches zu lenken. Aber

diesmal hatten wir es nicht mit Königen, nicht mit menschlichen Rassen

zu tun, sondern mit einer Nation -- wir, die wir selbst keine Nation

sind.

Wir wollen jetzt einmal aus unserer eigenen Erfahrung heraus die Frage

beantworten: Was ist eine Nation?

Eine Nation im Sinne politischer und wirtschaftlicher Vereinigung eines

Volkes ist die Erscheinung, die eine ganze Bevölkerung bietet, wenn sie

zu einem mechanischen Zweck organisiert wird. Die menschliche

Gesellschaft als solche hat keinen über sie hinausreichenden Zweck. Sie

ist Selbstzweck. Sie ist die Form, in der der Mensch als soziales Wesen

sich von selbst ausdrückt. Sie ist die natürliche Ordnung menschlicher

Beziehungen, die den Menschen die Möglichkeit gibt, in gemeinsamem

Streben ihre Lebensideale zu entwickeln. Sie hat auch eine politische

Seite, aber diese dient nur einem besonderen Zweck, dem der

Selbsterhaltung. Es ist die Seite der Macht, nicht die des Lebensideals.

Und so war in früheren Zeiten die Politik nur ein besonderes Gebiet, das

Fachleuten vorbehalten war. Aber wenn mit Hilfe der Wissenschaft und der

immer vollkommener werdenden Organisation dies Gebiet zu erstarken

beginnt und reiche Ernten einbringt, dann wächst es mit erstaunlicher

Schnelle über seine Grenzen hinaus. Denn dann spornt es alle seine

Nachbargebiete zur Gier nach materiellem Gewinn und infolgedessen zu

gegenseitiger Eifersucht an. Und weil jeder den andern fürchten muß, muß

jeder nach Macht streben. Die Zeit kommt, wo es kein Halten mehr gibt,

denn der Wettbewerb wird hitziger, die Organisation nimmt immer größern

Umfang an, und die Selbstsucht wird übermächtig. Indem die Politik aus

der Gewinnsucht und Furcht des Menschen Vorteil zieht, nimmt sie in der

Gesellschaft einen immer größeren Raum ein und wird zuletzt ihre

beherrschende Macht.

Es ist wohl möglich, daß ihr, durch die Gewohnheit abgestumpft, das

Gefühl dafür verloren habt, daß heutzutage die natürlichen Bande der

menschlichen Gesellschaft zerreißen und rein mechanischer Organisation

Platz machen. Aber ihr könnt die Zeichen davon überall sehen. Ihr seht,

wie Mann und Weib sich gegenseitig den Krieg erklären, weil das

natürliche Band, das sie miteinander in Harmonie verbindet, gerissen

ist. Der Mann ist nur noch Berufsmensch, der für sich und andere

Reichtümer erzeugt, indem er beständig das große Rad der Macht

dreht -- sich selbst und der allgemeinen Bureaukratie zuliebe. Die Frau

mag hinwelken und sterben oder ihren Lebenskampf allein ausfechten. Und

so ist an die Stelle von natürlichem Zusammenwirken Wettbewerb getreten.

So wandelt sich sogar die seelische Beschaffenheit von Mann und Weib

hinsichtlich ihrer Beziehung zueinander, und ihr Verhältnis wird das

roher, kämpfender Elemente, nicht das von Menschen, die in einer auf

gegenseitige Hingabe gegründeten Vereinigung ihre Ergänzung suchen.

Denn die Elemente, die sich nicht mehr natürlich verbinden können, haben

den Sinn ihres Daseins verloren. Wie Gasmoleküle, die in einem zu engen

Raum zusammengepreßt sind, sind sie miteinander in beständigem Kampf,

bis sie das Gefäß selbst zersprengen, das sie einzwängt.

Und dann denkt an jene, die sich Anarchisten nennen, die den Druck der

Macht auf das Individuum in keiner Form dulden wollen. Der Grund ihrer

Auflehnung ist, daß die Macht etwas zu Abstraktes geworden ist; sie ist

ein wissenschaftliches Produkt, das in dem politischen Laboratorium der

Nation erzeugt wird durch Einschmelzung der menschlichen Persönlichkeit.

Und was bedeuten im wirtschaftlichen Leben diese Streiks, die wie

Dornsträucher auf unfruchtbarem Boden jedesmal, wenn sie

niedergeschlagen sind, mit erneuter Kraft wieder emporschießen? Was

anders, als daß der Reichtum erzeugende Mechanismus immer mehr ins

Ungeheure anwächst und in keinem Verhältnis mehr steht zu allen andern

Bedürfnissen der Gesellschaft -- und daß der wirkliche Mensch immer

mehr und mehr unter seinem Gewicht erdrückt wird? Solch ein Zustand

bringt unvermeidlich beständige Fehden mit sich zwischen den Elementen,

die nicht mehr von dem Ideal des vollen Menschentums beherrscht werden,

und Kapital und Arbeit sind in ewigem wirtschaftlichem Kampf

miteinander. Denn Gier nach Reichtum und Macht kennt keine Grenze, und

aus einem Vergleich aus Eigennutz kann nie endgültige Versöhnung werden.

Sie müssen bis ans Ende Eifersucht und Mißtrauen brüten, und dies Ende

kann nur ein plötzlich hereinbrechendes Verderben sein oder geistige

Wiedergeburt.

Wenn diese Organisation von Politik und Handel, die man Nation nennt,

allmächtig wird auf Kosten der Harmonie der höheren Lebensformen, dann

steht es schlimm um die Menschheit. Wenn ein Familienvater sich dem

Spiel ergibt und die Pflichten gegen die Seinen an zweite Stelle treten,

dann ist er nicht mehr ein Mensch, sondern eine von der Gewinnsucht

getriebene Maschine. Dann kann er Dinge tun, deren er sich im normalen

Zustande schämen würde. Wie beim einzelnen, so ist es auch bei der

menschlichen Gesellschaft. Wenn sie nichts mehr ist als organisierte

Kraft, so gibt es wenig Verbrechen, deren sie nicht fähig ist. Denn

Zweck einer Maschine und das, was ihr ihre Daseinsberechtigung gibt, ist

der materielle Erfolg, während Ziel und Zweck des Menschen allein das

Gute ist. Wenn diese Organisationsmaschine anfängt, großen Umfang

anzunehmen, und die Maschinenarbeiter zu Teilen der Maschine werden,

dann wird der persönliche Mensch zu einem Phantom verflüchtigt, alles

was Mensch war, wird Maschine und dreht das große Rad der Politik ohne

das leiseste Gefühl von Mitleid und sittlicher Verantwortung. Es mag

wohl vorkommen, daß selbst in diesem seelenlosen Getriebe die sittliche

Natur des Menschen noch versucht, sich zu behaupten, aber all die Seile

und Rollen knarren und kreischen, die Fäden des menschlichen Herzens

verstricken sich in dem Räderwerk der menschlichen Maschine, und nur mit

Mühe kann der sittliche Wille ein blasses, verkümmertes Abbild dessen,

was er erstrebte, zustande bringen.

Dies abstrakte Wesen, die Nation, regiert Indien. Es werden bei uns eine

Art Konserven angezeigt, die hergestellt und verpackt sein sollen, ohne

von Händen berührt zu sein. Diese Beschreibung paßt auf die Art, wie

Indien regiert wird; auch hier ist fast nichts von einer menschlichen

Hand zu spüren. Die Gouverneure brauchen unsere Sprache nicht zu kennen,

brauchen nicht in persönliche Berührung mit uns zu kommen, außer in

ihrer Eigenschaft als Beamte, sie können aus hochmütiger Entfernung

unsere Bestrebungen fördern oder hindern, sie können uns auf einen

bestimmten politischen Weg führen und dann am Draht ihrer

Amtsmaschinerie wieder zurückziehen; die englischen Zeitungen, deren

Spalten mit dem Pathos, das die Sache verlangt, ausführlich von Unfällen

auf den Londoner Straßen erzählen, brauchen nur eine knappe Notiz zu

bringen von dem Elend, das weite Strecken Indiens heimsucht, die

zuweilen mehr Raum einnehmen als die britischen Inseln.

Aber wir, die wir regiert werden, sind keine bloße Abstraktion. Wir sind

Individuen mit lebendigem Gefühl. Was in Form einer leblosen Politik zu

uns kommt, kann uns ins innerste Lebensmark dringen, kann unser Volk

vielleicht für immer schwächen und hilflos machen, ohne daß auf der

andern Seite ein menschliches Rühren sich fühlbar macht, oder jedenfalls

sich so fühlbar macht, daß es irgendwelche Wirkung hätte. So umfassende

und summarische Handlungen von so furchtbarer Verantwortung wird der

Mensch nie mit solchem Grad von systematischer Unbekümmertheit da

begehen, wo er individueller Mensch ist. Solche Handlungen werden nur

möglich, wo der Mensch ein Polyp von Abstraktionen ist, der seine sich

schlängelnden Arme mit ihren unzähligen Saugscheiben weit nach allen

Seiten ausstreckt, selbst in die ferne Zukunft hinein. Unter solcher

Regierung der Nation werden die Regierten von Mißtrauen verfolgt, und

dies Mißtrauen erfüllt eine gewaltige Masse von organisiertem Hirn und

Muskeln. Strafen werden zuerkannt, die in unzähligen Menschenherzen

blutige Spuren zurücklassen; aber diese Strafen werden von einer rein

abstrakten Gewalt ausgeteilt, in der die menschliche Persönlichkeit der

ganzen Bevölkerung eines fernen Landes untergegangen ist.

Ich will hier jedoch nicht die Frage erörtern, insofern sie mein

eigenes Land angeht, sondern ich will über ihre Bedeutung für die

Zukunft der ganzen Menschheit sprechen. Es handelt sich hier nicht um

die englische Regierung, sondern um die Regierung durch die

Nation -- die Nation, die die organisierte Selbstsucht eines ganzen

Volkes ist und alles das von ihm verkörpert, was am wenigsten menschlich

und am wenigsten geistig ist. Wir haben intime Erfahrung nur mit der

englischen Regierung gemacht, und man darf wohl annehmen, daß, soweit es

sich um Regierung durch eine Nation handelt, die englische noch eine der

besten ist. Wir müssen auch in Betracht ziehen, daß der Osten den Westen

notwendig braucht. Wir ergänzen einander wegen unserer verschiedenen Art

auf das Leben zu blicken, die uns zu verschiedenen Auffassungen von der

Wahrheit geführt hat. Wenn es daher wahr ist, daß der Geist des Westens

wie ein Sturmwind über unsere Felder hingefegt ist, so hat er doch auch

lebendigen Samen mit sich gebracht, der unsterblich ist. Und wenn wir in

Indien dahin kommen, das, was in der westlichen Kultur dauernd ist, in

unser Leben aufzunehmen, so werden wir einst in der Lage sein, eine

Versöhnung zwischen diesen beiden großen Welten zustande zu bringen.

Dann wird der drückende und verletzende Zustand der einseitigen

Herrschaft ein Ende haben. Und was mehr bedeutet, wir müssen bedenken,

daß die Geschichte Indiens nicht einer bestimmten Rasse angehört,

sondern daß in ihrem Verlauf verschiedene Rassen daran schöpferischen

Anteil genommen haben -- die Drawiden und Arier, die alten Griechen und

die Perser, die Muhammedaner des Westens und die von Zentralasien. Jetzt

ist die Reihe an den Engländern, dieser Geschichte ihr Recht zu geben

und sie mit dem Einschlag ihres Lebens zu bereichern, und wir haben

weder das Recht noch die Macht, dies Volk zu hindern, am Geschick

Indiens mitzubauen. Daher geht das, was ich über die Nation sage, mehr

die Geschichte der Menschheit an als die Indiens im besonderen.

Diese Geschichte ist in ein Stadium gekommen, wo der sittliche Mensch,

der ganze Mensch, fast ohne es zu wissen immer mehr und mehr dem

politischen Menschen und dem Geschäftsmenschen, dem Menschen des

begrenzten Ziels, Platz macht. Dieser Vorgang, der unterstützt wird

durch die erstaunlichen Fortschritte der Naturwissenschaft, wird immer

riesiger und gewaltiger und bringt den Menschen aus seinem sittlichen

Gleichgewicht, indem er die menschliche Seite seines Wesens durch

seelenlose Organisation überwiegen läßt. Wir haben seinen eisernen Griff

an der Wurzel unseres Lebens gespürt, und um der Menschheit willen

müssen wir aufstehen und unsern Warnungsruf erschallen lassen, daß

dieser Nationalismus eine furchtbare Epidemie ist, die die heutige

Menschheit erfaßt hat und an ihrer sittlichen Lebenskraft zehrt.

Ich schätze und liebe die Engländer als Menschen. Sie haben großherzige

Männer erzeugt, große Denker und große Männer der Tat. Sie haben eine

große Literatur hervorgebracht. Ich weiß, daß sie Gerechtigkeit und

Freiheit lieben und die Lüge hassen. Sie sind rein in ihrem Fühlen,

offen in ihrem Wesen, treu in ihrer Freundschaft; sie sind ehrlich und

zuverlässig in ihrer Handlungsweise. Die persönlichen Erfahrungen, die

ich mit ihren Gelehrten und Literaten gemacht habe, haben meine

Bewunderung erregt, nicht nur für ihre Gedankentiefe und Kraft des

Ausdrucks, sondern auch für ihre ritterliche Menschlichkeit. Wir haben

die Größe dieses Volkes gefühlt, wie wir die Sonne fühlen; aber was die

Nation betrifft, so ist sie für uns ein dichter, erstickender Nebel, der

die Sonne selbst verdeckt.

Diese Regierung durch die Nation ist weder englisch noch irgendeinem

andern Volk besonders eigentümlich; sie ist eine angewandte Wissenschaft

und daher, wo auch immer sie geübt wird, in ihren Grundsätzen mehr oder

weniger sich ähnlich. Sie ist wie eine hydraulische Presse, deren Druck

unpersönlich und deswegen von unfehlbarer Wirkung ist. Die Größe ihrer

Kraft kann bei den verschiedenen Maschinen verschieden sein. Es gibt

sogar solche, die mit der Hand getrieben werden und daher noch einen

gewissen Spielraum für loseren Druck lassen, aber in bezug auf Geist und

Methode sind die Unterschiede gering. Wenn unsere Regierung holländisch

oder französisch oder portugiesisch wäre, so würde sie im wesentlichen

doch dieselben Züge haben wie jetzt. Vielleicht nur, daß in einzelnen

Fällen die Organisation nicht so unerbittlich vollkommen wäre und noch

ein verlorener Rest von Menschlichkeit am Rad der Maschine hängenbleiben

würde, bei dem unser pochendes Herz Antwort finden könnte.

Bevor die Nation zur Herrschaft über uns gelangte, hatten wir andere

fremdländische Regierungen, und diese hatten, wie alle Regierungen, auch

etwas von der Maschine an sich. Aber der Unterschied zwischen ihnen und

der Regierung durch die Nation ist wie der zwischen Handweberei und

Maschinenweberei. In den Erzeugnissen des Handwebstuhls drückt sich der

Zauber der lebendigen, fühlenden Menschenhand aus, und sein friedliches

Summen ist in Harmonie mit der Musik des Lebens. Aber die Webemaschine

ist starr und unerbittlich genau und monoton in ihrer Arbeit.

Wir müssen zugeben, daß in den früheren Zeiten der persönlichen

Regierung Fälle von Tyrannei, Ungerechtigkeit und Erpressung vorkamen.

Sie brachten Leiden und Unruhe, und wir sind dankbar, davon befreit zu

sein. Der Schutz des Gesetzes ist nicht nur ein Geschenk, das uns

zuteil wurde, sondern auch eine wertvolle Lehre. Er lehrt uns, welche

Zucht nötig ist, wenn die Kultur Bestand haben und der Fortschritt

dauern soll. Durch ihn wird uns klar, daß es eine allgemeine Norm der

Gerechtigkeit gibt, auf die alle Menschen, ohne Rücksicht auf ihre Kaste

und Farbe, gleiches Anrecht haben.

Diese Herrschaft des Gesetzes in der gegenwärtigen Regierung Indiens hat

Ordnung hergestellt in diesem weit ausgedehnten Lande, das von Völkern

verschiedener Rassen und verschiedener Sitten bewohnt wird. Sie hat es

diesen Völkern möglich gemacht, näher miteinander in Berührung zu kommen

und sich zu höherem Streben zu verbinden.

Aber es ist der ~Geist~ des Westens, nicht die ~Nation~ des Westens, die

in den verschiedenen Rassen Indiens die Sehnsucht nach brüderlicher

Vereinigung geweckt hat. Wo auch immer ein Volk Asiens eine höhere

Weisheit vom Westen gelernt hat, da geschah es gegen den Willen der

westlichen Nation. Nur weil Japan der Herrschaft der westlichen Nation

hatte trotzen können, konnte es sich die Gaben der westlichen Kultur in

vollstem Maße zu eigen machen. Und China, das von dieser Nation an der

Quelle seines moralischen und physischen Lebens vergiftet worden ist,

kann es vielleicht noch gelingen, dem Westen seine besten Lehren

abzulauschen, wenn die Nation es nicht daran hindert. Erst jüngst

geschah es, daß Persien, durch den Ruf des Westens aus seinem

jahrhundertelangen Schlummer aufgeweckt, sich erhob, um sofort wieder

von der Nation niedergetreten und zum Schweigen gebracht zu werden.

Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch hier bei euch in Amerika, wo das

~Volk~ gastfrei ist, aber nicht die ~Nation~, die einem Gast aus dem

Orient so begegnet, daß er sich als Vertreter seines Vaterlandes vor

euch gedemütigt fühlt.

Wir in Indien leiden unter dem Konflikt zwischen dem ~Geist~ des Westens

und der ~Nation~ des Westens. Die Wohltaten der westlichen Kultur werden

uns von der Nation mit dem knappsten Maße zugeteilt. Sie versucht,

unsere Ernährung dem Nullpunkt der Lebensfähigkeit so nah wie möglich zu

halten. Was unserm Volk an Erziehung gewährt wird, ist so kärglich und

armselig, daß es das Anstandsgefühl eines europäischen Menschen empören

müßte. Wir haben gesehen, wie in den westlichen Ländern das Volk auf

jede Weise ermutigt wird, sich zu bilden, und wie ihm jede Gelegenheit

gegeben wird, sich tüchtig zu machen für den großen Wettkampf auf dem

Weltmarkt, während in Indien das einzige, was die Nation für uns tut,

ist, daß sie uns verhöhnt, weil wir zurückgeblieben sind. Während sie

uns alle Möglichkeiten verschließt und unsere Erziehung auf das Minimum

beschränkt, das eine fremde Regierung für ihre Durchführung braucht,

beruhigt diese Nation ihr Gewissen damit, daß sie uns herabzusetzen

sucht, indem sie geschäftig die zynische Weisheit verbreitet, daß Osten

Osten und Westen Westen bleibt und die beiden nie eins werden können.

Wenn wir glauben müssen, was unser westlicher Lehrer uns höhnend

vorwirft, daß nach fast zwei Jahrhunderten seiner Vormundschaft Indien

nicht nur unfähig geblieben ist, sich selbst zu regieren, sondern auch

auf geistigem Gebiete keine Originalität hat aufweisen können -- müssen

wir dies der Art der westlichen Kultur und unserer angeborenen

Unfähigkeit, sie aufzunehmen, zuschreiben, oder dem berechnenden Geiz

der Nation, die die Aufgabe der Europäer, den Osten zu zivilisieren, auf

sich genommen hat? Daß das japanische Volk Gaben hat, die uns fehlen,

geben wir gern zu, aber daß unser Geist von Natur unschöpferisch ist im

Vergleich zu ihrem, dies können wir selbst denen nicht zugeben, denen zu

widersprechen für uns gefährlich ist.

In Wahrheit ist nämlich der westliche Nationalismus nicht auf soziales

Zusammenwirken gegründet, sondern von Anfang an und bis in seinen

innersten Kern vom Geist des Kampfes und der Eroberungssucht beherrscht.

Er hat die Organisation der Macht bis zur Vollkommenheit entwickelt,

aber keinen geistigen Idealismus. Er hat den Geist des Raubtiers, das

seine Beute haben muß. Um keinen Preis will er dulden, daß seine

Jagdgründe in Kulturland umgeschaffen werden. Ja, im Grunde kämpfen

diese Nationen miteinander nur um größere Ausdehnung ihres Jagdgebietes.

Daher stellt sich die westliche Nation wie ein Damm auf, um den freien

Strom der westlichen Kultur in das nationslose Land aufzuhalten. Weil

diese Kultur eine Kultur der Macht ist, sucht sie sich abzuschließen und

will ihre Quellen nicht öffnen, die sie sich zur Ausbeutung erwählt hat.

Aber trotz alledem ist doch das sittliche Gesetz das Gesetz der

menschlichen Natur, und der sich abschließenden Kultur, die sich von

denen nährt, denen sie ihre Wohltaten versagt, wird ihre sittliche

Halbheit zum Verderben. Die Sklaverei, die sie züchtet, trocknet

allmählich die Brunnen ihrer Freiheitsliebe aus. Die Hilflosigkeit, zu

der sie ihre Opfer verdammt, hängt sich mit ihrer ganzen Schwere an sie,

und es wird ein Tag kommen, wo all die Länder der Welt, die die Nation

am Eigenleben und an der Selbsterhaltung hindert, die furchtbarste aller

Lasten für sie werden und sie in den Abgrund ziehen. Wenn die Macht so

weit geht, daß sie, um ungehindert ihren Weg fortzusetzen, alle

Hindernisse beiseite schiebt, dann endet ihre triumphierende Siegesfahrt

mit jähem Sturz. Ihr sittlicher Hemmschuh gibt mit jedem Tage, ohne daß

sie es merkt, immer mehr nach, und der Pfad, auf dem sie so leicht

dahinglitt, wird ihr zum Verhängnis.

Von allen Gaben der europäischen Kultur sind es nur Gesetz und Ordnung,

die uns die westliche Nation mit freigebigem Maß zugeteilt hat. Während

die kleine Saugflasche, in der sie uns Erziehung verabfolgt, fast leer

ist und die Gesundheitspflege am Hungertuch nagt, sind Einrichtungen wie

die Heeresorganisation, das Verwaltungs- und Polizeiwesen, die

Geheimpolizei, das geheime Spionagesystem zu abnormer Körperfülle

gediehen und machen sich in jedem Winkel unseres Landes breit. Sie sind

nötig, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber ist nicht diese Ordnung

ein rein negatives Gut? Sollte Ordnung nicht dazu da sein, dem Volke

mehr Möglichkeiten zu schaffen, sich ungehindert zu entwickeln? Hat sie

nicht die Aufgabe der Eierschale, deren Wert darin besteht, daß sie dem

Küchlein und seiner Nahrung Schutz gibt, nicht darin, daß sie dem

Menschen in bequemer Form eine Frühstücksspeise bietet? Bloße Verwaltung

ist unfruchtbar, ist nicht schöpferisch, da sie etwas Lebloses ist. Sie

ist eine Dampfwalze, die furchtbar an Gewicht und Kraft ist, auch ihren

Nutzen hat, aber nichts dazu tun kann, den Boden fruchtbar zu machen.

Wenn sie, nachdem sie ihr ungeheures Werk getan hat, uns die Gabe des

Friedens bietet, so können wir nur leise murmeln: »Friede ist gut, aber

Leben ist besser, und das ist die Gabe, die Gott uns verliehen hat.«

Andererseits fehlte es unsern früheren Regierungen an vielen Vorteilen

der heutigen Regierung. Aber weil sie nicht Regierungen der Nation

waren, war ihr Gewebe so lose gewoben und ließ Raum genug, daß unser

eigenes Leben seine Fäden hindurchschießen und seine Muster heimlich

hineinweben konnte. Sicher hatten wir in jener Zeit Dinge zu ertragen,

die uns äußerst unangenehm waren. Aber wir wissen, daß, wenn wir barfuß

auf Kieswegen gehen, unsere Füße sich allmählich den Launen der

ungastlichen Erde anbequemen, während der kleinste Kiesel uns plagt und

nicht zur Ruhe kommen läßt, sobald er in unsern Schuh dringt. Und die

Regierung durch die Nation ist solch ein Schuh -- er schließt knapp an,

er regelt unsere Schritte nach einem festen System und läßt unsern

Füßen so gut wie keine Freiheit, sich darin einzurichten. Wenn ihr daher

eure Statistiken aufweist, die die Anzahl von Kieseln, an die unsere

Füße früher stießen, mit der geringen Zahl unter dem gegenwärtigen

System vergleichen, so treffen diese kaum das Wesentliche. Es handelt

sich nicht um die Zahl der äußeren Hindernisse, sondern um die Ohnmacht

des einzelnen, sie aus dem Wege zu räumen. Diese Beschränkung der

Freiheit ist ein Übel, das nicht sowohl durch seinen Umfang als durch

seine Art unerträglich wird. Und wir können nicht umhin, den Widerspruch

zu sehen, daß, während der ~Geist~ des Westens unter dem Banner der

Freiheit dahinschreitet, die ~Nation~ des Westens ihre eisernen Ketten

der Organisation schmiedet, die härtesten und unzerbrechlichsten, die je

in der Menschheitsgeschichte geschmiedet wurden.

Als Indien noch nicht unter der Herrschaft der Organisation stand, waren

die Möglichkeiten, daß die Zustände sich verändern könnten, groß genug,

um kraftvollen und mutigen Männern das Gefühl zu geben, daß sie ihr

Schicksal in ihre eigene Hand nehmen konnten. Die Hoffnung auf das

Unerwartete war immer da, und ein freieres Spiel der Einbildungskraft,

sowohl auf Seiten der Regierenden als der Regierten, beeinflußte den

Werdegang der Geschichte. Wir standen nicht vor einer Zukunft, die wie

eine kalte weiße Mauer von Granitblöcken der Auswirkung und Ausbreitung

unserer Kräfte sich entgegenstellte, wobei das Hoffnungslose darin

liegt, daß diese Kräfte infolge des künstlichen Lähmungsverfahrens an

der Wurzel absterben. Denn jeder einzelne Mensch in dem nationslosen

Lande ist vollständig in der Gewalt einer ganzen Nation, deren nie

ermüdender Wachsamkeit -- da es die Wachsamkeit einer Maschine

ist -- die Möglichkeit menschlicher Nachsicht und Unterscheidung fehlt.

Bei dem geringsten Druck auf ihren Knopf wird das Ungeheuer ganz Auge,

und kein einziger in der unendlichen Menge der von ihr Beherrschten kann

ihrem scheußlich starrenden Aufpasserblick ausweichen. Und sobald nur

ein klein wenig an der Schraube gedreht wird, fühlt die ganze große

Bevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, wie ihr Griff sie fester umklammert

und ihnen den Atem raubt, und kein Entweichen ist möglich, weder im

eigenen Lande noch selbst in irgendein fremdes Land.

Dieser beständige ungeheure mechanische Druck des Leblosen auf das

Lebendige ist es, worunter die heutige Welt stöhnt. Nicht nur die

unterworfenen Rassen, sondern ihr selbst, die ihr glaubt frei zu sein,

opfert täglich eure Freiheit und Menschheit dem Götzen Nationalismus und

lebt in der dumpfen, vergifteten Atmosphäre von Mißtrauen, Gier und

Angst, die sich über die ganze Welt erstreckt.

Ich habe in Japan gesehen, wie das ganze Volk sich freiwillig geistig

zurechtstutzen und seine Freiheit beschneiden läßt von einer Regierung,

die durch allerlei erziehliche Maßnahmen ihre Gedanken regelt, ihre

Gefühle künstlich erzeugt, argwöhnisch aufpaßt, wenn sie Miene machen,

sich geistigen Dingen zuzuwenden, und sie auf engem Pfade nicht zu ihrem

wahren Ziele führt, sondern dahin, wo sie sie nach ihrem Rezept zu einer

gleichförmigen Masse zusammenschweißen kann. Und das Volk fügt sich

freudig und stolz in diese allgemeine geistige Sklaverei, weil es den

krankhaften Wunsch hat, auch so eine Kraftmaschine, die man Nation

nennt, zu werden und es andern Maschinen an Kollektiveigennutz

gleichzutun.

Wenn man so einen neu bekehrten Fanatiker des Nationalismus nach der

Weisheit seines Strebens fragt, so antwortet er: »Solange Nationen in

dieser Welt so um sich greifen, haben wir nicht mehr das Recht, unser

höheres Menschentum frei zu entwickeln. Wir brauchen alle unsere Kräfte,

um dem Übel zu widerstehen, und das tun wir am besten, wenn wir es uns

selbst im höchsten Grade zu eigen machen. Denn die einzige Verbrüderung,

die in der modernen Welt möglich ist, ist die Spießgesellenschaft des

Banditentums.« Die Stiftung des Bruderbundes zwischen Japan und Rußland,

die jüngst mit so viel Jubel in Japan gefeiert wurde, hatte ihren Grund

nicht in dem plötzlichen Wiederaufleben des christlichen oder

buddhistischen Geistes, sondern sie gründete sich auf etwas, was nach

den modernen Glaubenssätzen sicherer und zuverlässiger ist, auf

gegenseitige Bedrohung.

Man muß zugeben, daß dies das wahre Bild der Welt der Nation ist, und

die einzige Lehre, die die Völker der Erde daraus ziehen können, ist,

daß sie alle physischen, geistigen und sittlichen Kräfte anstrengen

sollten, einander in dem großen Ringkampf um die Macht zu Boden zu

werfen. In den alten Zeiten richtete Sparta sein ganzes Augenmerk

darauf, wie es mächtig werden könnte; es gelang ihm dadurch, daß es

seine Menschheit verstümmelte, und es starb an der Amputation.

Aber es ist für uns kein Trost, zu wissen, daß das Verkümmern der

menschlichen Natur, unter dem die heutige Zeit leidet, sich nicht auf

die unterworfenen Völker beschränkt, daß das Übel bei den Völkern, die

sich frei glauben, noch schlimmer ist, weil es nicht als solches erkannt

und ihm freiwillig Raum gegeben wird. Wenn ihr eure höheren Lebensgüter

um Gewinn und Macht verschachert, so ist es eure freie Wahl, und

meinetwegen steht da und freut euch über euer wachsendes Gedeihen,

während eure Seele Schiffbruch leidet. Aber werdet ihr nie Rechenschaft

ablegen müssen dafür, daß ihr die selbstsüchtigen Triebe in ganzen

Völkern auf den höchsten Grad entwickelt und organisiert und dies gut

nennt? Ich frage euch, gibt es in der ganzen Menschheitsgeschichte,

selbst in ihren dunkelsten Perioden, etwas so Ungeheuerliches wie diese

Untat der Nation, die ihre Pranken tief in das nackte Fleisch der Welt

schlägt, und deren einzige Sorge ist, daß sie nur keinen Augenblick den

Griff lockert?

Ihr Völker des Westens, die ihr dieses Ungeheuer ausgebrütet habt, könnt

ihr euch die trostlose Verzweiflung derer vorstellen, die diesem

abstrakten Gespenst des organisierenden Menschen zum Opfer gefallen

sind? Könnt ihr euch an die Stelle der Völker versetzen, die zum ewigen

Verlust ihrer Menschheit verdammt scheinen, die nicht nur beständig in

ihrer Menschheit gekränkt werden, sondern Loblieder anstimmen müssen auf

die Güte eines mechanischen Apparats, der die Rolle ihrer Vorsehung

spielt?

Habt ihr nicht gesehen, daß, seit es eine Nation gibt, die ganze Welt

vor ihr wie vor einer Spukgestalt zittert? Wo es nur eine dunkle Ecke

gibt, da hat man Angst vor ihrer heimlichen Bosheit, und wo sie ihre

Augen nicht zu fürchten brauchen, da haben die Menschen beständig Angst

vor ihrem Rücken. Jedes Geräusch eines Trittes, jeder Laut in der

Nachbarschaft läßt alle vor Schrecken zusammenfahren. Und diese Angst

ruft alles Böse in der Menschennatur wach. Sie bewirkt es, daß er sich

seiner Unmenschlichkeit fast nicht mehr schämt. Auf kluge Lügen tut er

sich etwas zugute. Feierliche Gelübde werden ihm gerade durch ihre

Feierlichkeit zur lächerlichen Farce. Die Nation mit all ihrer

Ausstaffierung von Macht und Erfolg, mit ihren Fahnen und frommen

Hymnen, ihren gotteslästerlichen Gebeten in den Kirchen und den

prahlerischen Donnerworten ihrer patriotischen Großsprecherei, kann doch

die Tatsache nicht verbergen, daß die Nation selbst das größte Übel für

die Nation ist, daß alle ihre Vorsichtsmaßregeln gegen sie gerichtet

sind und daß die Geburt jeder neuen Nation in der Welt in ihr die Furcht

vor einer neuen Gefahr erweckt. Ihr einziger Wunsch ist, sich die

Schwäche der übrigen Welt zunutze zu machen, wie einige Insektenarten,

die den Opfern, in deren wehrlosem Fleisch sie ihre Brut großziehen,

nur gerade so viel Leben lassen, daß sie genießbar und nahrhaft sind.

Daher ist sie immer bereit, ihre giftige Flüssigkeit in die Lebensorgane

der andern Völker zu flößen, die nicht Nationen und daher wehrlos sind.

Aus diesem Grunde hat die Nation von jeher ihre reichste Weide in Asien

gehabt. Das große China, mit seinem Reichtum an alter Weisheit und

sozialer Ethik, mit seiner Erziehung zu Fleiß und Selbstbeherrschung,

ist wie ein Walfisch, der die Beutegier im Herzen der Nation erweckt.

Schon sitzen in seinem bebenden Fleisch die Harpunen, die die nie ihr

Ziel verfehlende Nation, die Tochter der modernen Wissenschaft und des

Egoismus, nach ihm schleuderte. Sein kläglicher Versuch, seine alten

Traditionen von Menschlichkeit und seine sozialen Ideale abzuschütteln

und den letzten Rest seiner erschöpften Kräfte darauf zu verwenden, sich

für die moderne Welt tüchtig zu machen, wird bei jedem Schritt von der

Nation vereitelt. Diese zieht die Schlinge seiner finanziellen

Verpflichtungen immer fester um seinen Leib und versucht, ihn aufs

Trockene zu ziehen und in Stücke zu zerlegen, um dann hinzugehen und

öffentlich Dankgottesdienst zu halten, weil Gott verhindert hat, daß

neben dem einen großen Übel ein zweites aufkomme und es gefährde. Und

für alles dies erhebt die Nation Anspruch auf den Dank der Geschichte

und auf das Recht, die Welt in alle Ewigkeit auszubeuten, und läßt von

einem Ende der Welt bis zum andern Loblieder auf sich singen als auf das

Salz der Erde, die Zierde der Menschheit, den Segen Gottes, den er mit

aller Gewalt den Nationslosen auf die nackten Schädel schleudert.

Ich weiß, welchen Rat ihr uns gebt. Ihr werdet sagen: Schließt euch

selbst zu einer Nation zusammen und widersetzt euch den Übergriffen der

»Nation«. Aber ist das der rechte Rat? Der Rat, den der Mensch dem

Menschen gibt? Warum sollte dies notwendig sein? Ich würde euch gern

glauben, wenn ihr sagtet: »Werdet besser, gerechter, wahrer in eurem

Verhältnis zu den Menschen, zügelt eure Gier, macht euer Leben gesund

durch größere Einfachheit und zeigt mehr, daß ihr an das Göttliche im

Menschen glaubt.« Aber dürft ihr sagen, daß nicht die Seele, sondern die

Maschine das Wertvollste für uns ist und daß das Heil des Menschen

davon abhängt, daß er es in der Kunst, sich dem Rhythmus des toten

Räderwerks anzupassen, zur Vollkommenheit bringt? Daß Maschine gegen

Maschine, Nation gegen Nation kämpfen muß in einem endlosen

Stiergefecht?

Ihr sagt, daß diese Maschinen ein Übereinkommen treffen werden zu

gegenseitigem Schutz, das sich auf ihre Furcht voreinander gründet. Aber

wo bleibt bei diesem Bündnis von Dampfkesseln die Seele, die Seele, die

ihr Gewissen und ihren Gott hat? Und was soll aus dem großen Teil der

Welt werden, den anzugreifen keine Furcht euch zurückhalten kann? Die

einzige Sicherheit, die jene nationslosen Länder jetzt haben gegen die

Zügellosigkeit von Schmiede, Hammer und Schraubenzieher, ergibt sich aus

der gegenseitigen Eifersucht der Mächte. Aber wenn sie aus zahlreichen

Einzelmaschinen sich zu einer organisierten Herdeneinheit verbinden, um

gemeinsam auf den Gebieten des Handels und der Politik ihre Gier noch

besser stillen zu können, welche leiseste Hoffnung, sich zu retten,

bleibt dann jenen andern, die gelebt und gelitten, geliebt und

angebetet, in tiefem Sinnen und friedlicher Arbeit ihre Tage verbracht

haben, und deren einziges Verbrechen es war, daß sie sich nicht

organisierten?

»Aber«, sagt ihr, »das macht nichts, was nicht widerstandsfähig ist, muß

zugrunde gehen, das ist Naturgesetz. Dann müssen sie eben sterben.«

»Nein,« sage ich, »um eurer selbst willen sollen sie leben und werden

sie leben.« Es ist sehr kühn von mir, dies in unserer Zeit zu sagen,

aber ich behaupte, daß die Welt des Menschen eine sittliche Welt ist,

nicht weil wir übereingekommen sind, es blindlings zu glauben, sondern

weil es wirklich so ist und weil es gefährlich für uns ist, diese

Wahrheit nicht zu sehen. Und das sittliche Gesetz im Menschen kann nicht

auf verschiedenen Gebieten verschiedene Geltung haben. Ihr könnt nicht

daheim strenge Strafen auf seine Übertretung setzen und es draußen für

euch so dehnen, daß es sich euren ungezügelten Begierden anpaßt.

Habt ihr diese Wahrheit nicht schon jetzt erkannt, wo dieser grausame

Krieg seine Klauen in die Eingeweide Europas geschlagen hat? Wo seine

angehäuften Schätze in Rauch aufgehen und seine Menschheit auf den

Schlachtfeldern in Stücke zerrissen wird? Ihr fragt erstaunt: Was hat

Europa getan, daß es dies verdient hätte? Die Antwort ist, daß der

Westen systematisch seine sittliche Natur versteinert hat, um eine

solide Grundlage zu haben, auf der diese abstrakten Ungetüme die größte

Wirksamkeit entfalten können. Er hat die ganze Zeit den persönlichen

Menschen darben lassen, damit der Berufsmensch gedeihe.

Der einfache und natürliche Mensch des mittelalterlichen Europas mit all

seinen heftigen Leidenschaften und Begierden versuchte, eine Versöhnung

zu finden in dem Kampf zwischen Fleisch und Geist. In der ganzen

stürmischen Zeit seiner kraftvollen Jugend haben die weltlichen und

geistlichen Mächte gleichzeitig auf den europäischen Menschen eingewirkt

und ihn zu einer vollen sittlichen Persönlichkeit gebildet. Europa

verdankt alle seine menschliche Größe jener Zeit der Zucht, der Zucht

des noch unverkümmerten Menschen.

Dann kam das Zeitalter des Intellekts, der Wissenschaft. Wir wissen

alle, daß der Intellekt etwas Unpersönliches ist. Unser Leben und unser

Herz sind eins mit uns, aber unser Geist kann vom persönlichen Menschen

losgelöst werden, und nur dann kann er frei schweifen in der Welt der

Gedanken. Unser Intellekt ist wie ein Asket, der keine Kleider trägt,

keine Nahrung zu sich nimmt, keinen Schlaf kennt, keine Wünsche hat,

nicht Liebe noch Haß noch Mitleid mit menschlichen Unzulänglichkeiten

fühlt, der, unberührt durch alle Wechselfälle des Lebens, nur seinen

Gedanken nachhängt. Er gräbt bis an die Wurzeln der Dinge, weil er kein

persönliches Gefühl für die Dinge selbst hat. Der Grammatiker geht durch

alle Poesie ungehindert zu den Wurzeln der Wörter, denn er sucht nicht

lebendige Wirklichkeit, sondern Gesetz. Wenn er das Gesetz gefunden hat,

kann er die Leute lehren die Worte zu meistern. Dies ist eine Kraft,

eine Kraft, die ihren besondern Nutzen hat und einem besondern Bedürfnis

des Menschen entspricht.

Die lebendige Wirklichkeit aber ist die Harmonie, die die einzelnen

Teile eines Dinges zu einem Ganzen verbindet. Löst ihr dies Band, so

fliegen alle Teile auseinander, bekämpfen einander und haben den Sinn

ihres Daseins verloren. Die nach Macht begierig sind, suchen sich die

sich bekämpfenden Urelemente zu unterwerfen und sie gewaltsam durch enge

Kanäle so zu leiten, daß sie den besonderen Bedürfnissen der Menschheit

dienstbar werden.

Es ist etwas Großes um diese Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse.

Sie gibt ihm Freiheit innerhalb der physischen Welt. Sie gibt ihm

Herrschaft über Raum und Zeit. Er kann in kürzerer Zeit etwas ausrichten

und mit mehr Vorteil einen großem Raum einnehmen. Daher kann er leicht

die überholen, die in einer Welt von langsamerem Tempo und weniger

ausgenutztem Raum leben.

Dies Anwachsen der Macht geschieht in immer schnellerem Tempo. Und weil

sie etwas vom Menschen Losgelöstes ist, wird sie bald die ganze

Menschheit überholen. Der sittliche Mensch bleibt hinter ihr zurück,

weil er seinen Blick auf die Dinge selbst und nicht nur auf das

unpersönliche und abstrakte Gesetz der Dinge richtet.

So ist der Mensch, wenn seine geistige und körperliche Kraft sich

weit über seine sittliche Kraft hinaus entwickelt, wie eine

Giraffenkarikatur, deren Kopf plötzlich meilenweit über ihren übrigen

Körper hinaus emporgeschossen und kaum noch in Verbindung mit ihm ist.

Dieser gierige Kopf mit seinem gewaltigen Gebiß hat alle Gipfel der

Bäume abgefressen, aber die Nahrung gelangt zu spät in die

Verdauungsorgane, so daß das Herz an Blutmangel leidet. Aber der Westen

selbst scheint in glücklicher Unwissenheit über diese Disharmonie in

seiner Natur zu leben. Die erstaunliche Größe seines materiellen Erfolgs

nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und er wünscht sich Glück

zu seinem Wachstum. Der Optimismus seiner Logik berechnet sein

zunehmendes Gedeihen nach der Ausbreitung seines Eisenbahnnetzes und

sieht noch unendliche Möglichkeiten. Er ist oberflächlich genug zu

denken, daß alle Morgen dem Heute gleichen und ihm nur vierundzwanzig

Stunden hinzufügen. Er fürchtet die Kluft nicht, die sich mit jedem Tag

weiter öffnet zwischen seinen sich füllenden Vorratshäusern und der

hungernden Menschheit. Seine Logik weiß nicht, daß tief unter den

endlosen Schichten von Reichtum und Behagen Erdbeben sich vorbereiten,

die das Gleichgewicht in der sittlichen Welt wiederherstellen sollen,

und daß eines Tages der gähnende Abgrund geistiger Leere den ganzen

aufgehäuften Reichtum dieser staubgeborenen Dinge verschlingen wird.

Nationalismus · 第 1 / 7 段