erst da: auf dem Gneisplateau des Erzgebirges, über dessen blühende
Wiesen man eben noch dahinschritt, setzt sich dieser Berg auf als Rest
einer Quadersandsteindecke, die einstmals das östliche Erzgebirge
überzog und von der vergangene Jahrtausende es entblößten, nur dieses
eine Denkmal zurücklassend. Darüber aber baut der in der Tertiärzeit
durch die Quaderdecke durchgebrochene Basalt seine Säulen zur schroffen
Spitze auf.
Es sind redende Steine, die den Berg formen.
* * * * *
Und es ist ein betender Berg.
Oben, über den eisenfarbenen Geröllhängen, schließen sich die
Basaltsäulen zu einer gipfelstürmenden Gebärde zusammen. Sie drängen
empor, schräg hinaufwachsend, einander überdrängend, in der Ekstase des
plutonischen Aufbruchs erstarrt.
Als Reinhardt das Sophokles-Drama König Ödipus inszenierte, ballte
er in den Massenszenen die Scharen seiner Statisten zu einem Wesen
zusammen, zu einem Wesen mit hundert Händen, hundert Hände, gereckt zu
einer Pyramide von Händen, zu einer ekstatischen Gebärde.
Daran erinnert dieses Hinanstürmen der basaltenen Säulen.
Nach einem Punkte zu streben sie, nach einem letzten schließenden
Gipfel der Pyramide, der nicht da ist. Er liegt über dem Ansturm
der Säulen und wird nicht erreicht. Das gibt diesem Aufdrängen die
stete, unaufhörliche Bewegung, die trotz der erzenen Starre immerfort
von unten auf den Gipfel zu zu drängen, zu streben scheint. Es lebt
verborgen ein Wille in diesen Steinen: aufwärts -- sich in einem Punkte
zusammenfassen.
Über diesem einen, nur denkbaren Punkt erhebt sich ein Kreuz. Ein
katholisches Steinkreuz. Ein Christus neigt das Haupt und sieht mit
sterbenden Augen auf den Drang der Steine herab.
Menschenhände, vielleicht schlicht-ländliche Katholiken aus dem Dorfe
im Tale haben das Kreuz da errichtet -- was sie taten, war eine
künstlerische Tat, ohne daß sie es wußten. An diesem Punkte muß das
Kreuz stehen -- oder ein andres Symbol menschlicher Sehnsucht -- im
katholischen Böhmen ist es ein Christuskreuz. Da steht es.
Und zu ihm empor drängen, streben die Steinsäulen in leidenschaftlicher
Gebärde, in pathetischer Eindringlichkeit der Bewegung.
Der Berg betet -- betet nach Menschenwillen empor zu diesem Kreuz.
* * * * *
Man tritt hinauf -- die Bruchflächen der Säulen geben Stufen her für
den Fuß. Und dann steht man über dieser aufdrängenden Pyramide, die
nun dem freisausenden Sturme entgegenwächst, steht, an das Steinkreuz
gelehnt und blickt hinaus -- in das rundum gelagerte Land, auf auf- und
absteigende Wiesen, schimmernd wie grüner Seidensamt, auf schwarzgrüne
Wälder, die schwer, üppig von Bergen herab in tiefe Täler hängen und
aus Tälern bergauf steigen als geballtes, tiefgrünes Gewölk. Grasige
Hänge herab gleiten andere Wälder, breiten, schiebenden Gletschern
ähnlich, stemmen sich mit tausend Stammfüßen gegen den fallenden grünen
Grund und werfen ihre Schatten schräg über abgleitende Triften.
Über Berg und Tal gebreitet, in Wiesen und Wälder und Felder
eingestrickt, liegt das hellschimmernde Maschenwerk der Straßen und
Wege, in Dörfern verknotet, von Hecken gesäumt, von Baumpilgerzügen
still begangen.
Darüber hinaus lagern, ragen, schweben immer fernere Berge. Berge mit
runden, blauen Waldkuppen, Berge mit besonnten Steilwänden, Berge
noch in weitester Ferne, gläserne Gebilde -- nein, Glas ist noch zu
körperlich, es gibt keinen Vergleich für dieses duftige Schweben,
dieses der Erde Entrücktsein fernster Gebirge in zarten grünen, blauen,
violetten, rauchfarbenen Schimmerfarben.
Und drüberhin schwenken jagende Wolken ihre Schattenfahnen, lassen
Berge schieferblau ins Irdische zurücksinken und wieder in märchenhafte
Lichtgefilde aufschweben. Wiesen, wallende, graugrün wogende Junifelder
ermatten unter ihren Schattenflügen und leuchten wieder goldgrün auf.
* * * * *
Man blickt hinaus und da, plötzlich in einer Sekunde des Schauens
scheint der Wolkenflug stillzustehen und die grüne, blaue, leuchtende
Erde saust darunter hin durch Licht, durch Schatten, durch Licht, durch
Schatten -- eine stummjauchzende Fahrt mit allem, mit dir, dem Berg,
dem Steinkreuz, das sich im Sturmdrange dieses Fluges zu neigen scheint.
* * * * *
Vom Himmel herab rollen wehende, über die Berge schleifende
Regengardinen. Sie rauschen heran, lösen sich auf in Myriaden
sprühender Tropfen, ziehen weiter, hüllen andere Fernen ein und lassen
eine glitzernde Welt zurück.
Manchmal scheint die Sonne durch die nassen Schauer. Dann ist es, als
sprühe das Licht in blitzenden Tropfen regenbogenfarben zur Erde nieder.
* * * * *
Und du stehst, an das Kreuz gelehnt, vom Sturme herb umdrängt, und
weißt: jetzt faßt sich in dir das anbetende Empordrängen des erzenen
Berges zusammen. Deine Lust, deine Freude, dein Lebensgefühl dieser
Stunde ist Zusammenschluß und Vollendung der Geste, in der der Berg
sich gipfeln will, zu der er in steter Bewegung anhebt. Und du fühlst
dich, den Menschen, fühlst den Drang des Blutes in deinen Adern, den
Atem in deiner Brust -- unter deinen Füßen betet der stumme Berg und
du weißt die Worte, die dem erzenen Stein nicht gegeben sind, und
sprichst sie nicht aus. Du blickst schweigend hinaus in die strahlende
Sommerwelt -- in deine Welt, die für dich mit dir versinkt, die für
dich ist, so lange du bist.
* * * * *
Eine Stunde lang saßen wir auf der zackigen Kuppe des betenden Berges.
Der Himmel schwenkte seine Fahnen über uns.
Der unzufriedene Papierkorb
Von _W. Otto Ullmann_, Dresden
Man kann es schließlich auch einem Papierkorb nicht übelnehmen, wenn
er unzufrieden ist. Die Menschen machen es ja auch nicht anders und
haben dabei zuweilen nicht einmal Grund dazu. Aber wenn ein Papierkorb
unzufrieden ist, ist das allemal berechtigt. Das liegt an seiner
Konstitution. Ein Papierkorb läßt sich viel gefallen, aber wenn er
zuviel Schlechtes erfährt, wird seine Verstimmung papierkorbtief.
Der unzufriedene Papierkorb hieß »Marke Tatra.« Gewiß war er sich
bewußt, daß auf den Namen viel ankommt, deshalb trug er ihn jedermann
zur Ansicht auf einem Blechschild, das an seiner Brust angeheftet war.
Marke Tatra war nicht auffällig groß, aber kernfest, hatte Eisenfüße,
einen Eisenboden und einen Eisendrahtmantel, wie es sich für jemanden
mit dem kernfesten Namen Marke Tatra gehört. Zudem war sein Eisenkörper
mit einer grauweißen Ölfarbenhaut überzogen, damit ihm kein Rost irgend
etwas antun konnte. Er hatte damit sogar vor dem kernfesten Helden
Siegfried etwas voraus, der doch immerhin eine Stelle an sich hatte, wo
ihm der böse Feind an Leben und Gesundheit konnte. Nein, wirklich: um
solche Dinge brauchte sich Marke Tatra keine Sorge zu machen. Und das
war es natürlich auch nicht, was ihn unzufrieden machte.
Als der Papierkorb Marke Tatra eines Tages da war (genau wie die
Menschen eines Tages da sind), wurde er auf einen Wagen geladen und
stand bald in einem langen dämmrigen Verkaufsraum. Marke Tatra sah sich
um und wunderte sich; denn alles was da in seiner Nähe herumstand,
waren auch Papierkörbe wie er. Natürlich hießen sie anders, denn
sie sahen auch anders aus. Es gab recht schwächliche aus Rohr und
kräftigere aus Holz, aber keiner glich an Kernfestigkeit ihm, dem
grauweißhäutigen Eisendrahtpapierkorb Marke Tatra.
Wenn es auch dämmrig im Verkaufsraum war, so war es doch ganz
unterhaltsam. Sie alle, die Papierkörbe, hatten einen Herrn, der oft
Besuch bekam. Und dieser Besuch prüfte, suchte und nahm schließlich
einen Papierkorb mit oder ließ sich einen zuschicken in eine dunkle
Zukunft. Und bei einer solchen Verhandlung hörte Marke Tatra, daß er
ein »Muster« sei. Nun, das war doch selbstverständlich. Darüber dachte
er auch kein bißchen mehr nach. Aber die dunkle Zukunft, in die es
durch jene Tür hinausging, gab ihm zu denken.
Na, schlimm konnte es ja nicht werden. Da vorn am Schreibpult hatte
sein Herr so einen Papierkorbschwächling aus Rohr stehen, mit dem
er sich öfter beschäftigte. Alle Morgen, wenn er die Post durchsah,
verschwanden Briefhüllen und was sonst überflüssig war, im Leibe
dieses Kleinen. Er hatte tatsächlich nichts auszustehen. Und wenn
Marke Tatra seinen Herrn die Käufer Herr Doktor, Herr Professor oder
gar Herr Rat anreden hörte, wurde er immer sichrer, daß die dunkle
Zukunft ganz angenehm sein würde. Marke Tatra träumte sich schon in
das Arbeitszimmer eines großen Gelehrten, neben den Schreibtisch eines
heimlichen Dichters oder gar in die Redaktionsstube einer großen
Zeitung. Es müßte herrlich werden. Marke Tatra sehnte sich nach
der dunkeln Zukunft. Da hatte man doch endlich seine Aufgabe, eine
Lebensaufgabe von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wo Marke Tatra
stehen würde, sollte es nie liederlich aussehen, alles überflüssige,
verbrauchte Papierwerk wollte Marke Tatra mit seinem Eisendrahtmantel
festhalten. Ein Erzieher zum Geschmack wollte Marke Tatra werden. Wer
ihn besaß, konnte kein überflüssiges Papier umherliegen lassen, das
war klar. Marke Tatra träumte wunderschön von seinem hohen, idealen
Daseinszweck.
Aber wie hatte sich der gute Marke Tatra geirrt!
Eines schönen Tages hatte sein Herr wieder Besuch. Der Herr Balduin
Lehmann, Vorsitzender des Verschönerungsvereins zu Lieblichwaldau
war da. Alles, was die beiden redeten, konnte zwar Marke Tatra nicht
verstehen, aber als sie nun ganz in seiner Nähe waren, hörte er doch.
»Ich habe nur diesen einen da,« sagte sein Herr, »es ist ein Muster!«
»Ist er haltbar?« fragte Balduin Lehmann.
»Es ist Marke Tatra, ein hervorragendes Erzeugnis, Eisenfüße,
Eisenboden, Eisendrahtmantel mit bestem Ölfarbenüberzug. Sie werden mit
Marke Tatra zufrieden sein, er ist wirklich kernfest und auf die Dauer!«
Der fremde Herr befühlte und untersuchte Marke Tatra genau. Er nickte
mit dem Kopfe. Und Marke Tatra fühlte ganz deutlich, daß die dunkle
Zukunft heller wurde. Herr Lehmann kaufte ihn.
Marke Tatra reiste mit der Eisenbahn nach Lieblichwaldau. Dort
erwartete man ihn mit einem Handwagen und fuhr ihn fort. Es ging durch
ein nettes Städtchen, bergan in den Wald. Auf sauberen Wegen immer
durch Grün und Grün ging es. Es war eine lustige Fahrt. So schön hatte
sich Marke Tatra den Wald gar nicht gedacht. Endlich hielten sie auf
einem wundervollen Plätzchen an. Da stand ein riesiger alter Steintisch
und am Rande schon unter den Zweigen wieder eine alte Steinbank und da
noch eine. Herr Lehmann setzte sich dahin. »Wunderschön zum Ausruhn!«
dachte Marke Tatra. »Wie die Vögel singen! Ich freue mich sehr über
diese Reise durch den Wald. Man erlebt doch etwas!«
Die beiden jungen Menschen, die den Wagen gezogen hatten, störten ihn,
nachdem sie sich kurz verschnauft hatten.
»Also hierher, Herr Lehmann!« sagten sie, hoben Marke Tatra vom Wagen,
setzten ihn auf zwei Steine, die in den Boden eingelassen waren und
nieteten ihn mit Eisenbändern an diesen Steinen fest. Das dauerte gar
nicht lange; denn alles war schon bestens vorbereitet.
Und als Marke Tatra festgenietet war, stand Herr Lehmann auf,
versuchte, ob Marke Tatra auch feststand, sagte: »Gut so!« und
verschwand mit den beiden Schlossergesellen und dem Wagen.
Da stand nun Marke Tatra allein im Walde. Er war wie vor den Kopf
geschlagen. Endlich konnte er wieder einen gescheiten Gedanken fassen:
»Die Vögel singen,« sagte er, »und der Wald duftet. Es ist wunderbar
hier! Aber ich? Was soll ich im Walde? Bin ich denn kein Papierkorb?
Hierher gehört doch kein Papierkorb! Ein Papierkorb gehört doch dahin,
wo viel Papier überflüssig wird, gehört doch in ein Arbeitszimmer. Ja,
ich lasse mir auch noch einen Kinderspielplatz gefallen! Aber hier im
Walde? Das ist doch geschmacklos! Ich passe doch gar nicht hierher!«
Und weil es gerade anfing zu regnen, weinte Marke Tatra lange Tränen an
seinen ölfarbeüberzogenen Eisenbeinen hinunter.
Es sollte noch besser werden. Am nächsten Tage kamen zwei Männer,
rammten hinter Marke Tatra einen Pfahl in die Erde. Und dieser Pfahl
trug eine Tafel. Wenn nun jemand bei Marke Tatra vorbeigehen wollte,
hielt er an und las:
»O Mensch, der du hier spazierst
und Butterbrote mit dir führst,
wirf das umhüllende Papier,
das fettgetränkte, nicht von dir.
Wirf’s in den Korb, du hast ja Zeit,
nichts geht doch über Reinlichkeit!«
Dann suchte er pflichtschuldigst in allen seinen Taschen nach
Straßenbahnfahrscheinen und allen möglichen Papierresten und ließ sie
in Marke Tatras Drahtleib fallen. Marke Tatra war unglücklich:
»Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur,« dachte er. »Aber so ein
Vers gehört in den Papierkorb. Ich schäme mich, daß ich hier stehe.
Eigentlich sollten sich die Menschen schämen, daß auf dem Ruheplatz
im Wald ein Papierkorb nötig ist. Sie haben doch einen Papierkorb
zu Hause! Und wenn sie wirklich hier ihr Frühstück auspacken. So
ein bißchen Papier ist doch keine Last, daß man es nicht nach Hause
tragen könnte! Hier müßte ich doch tatsächlich überflüssig sein. Wenn
die Menschen so vernünftig wären, wie sie immer tun, müßten sie das
doch einsehen. Ich stehe hier -- ein Papierkorb im Walde -- als eine
Geschmacklosigkeit. Und sie sind schuld daran, weil ihresgleichen so
geschmacklos ist, Papier liegen zu lassen hier im Walde, wo es nun auch
gar nicht hingehört.«
Und nun brüllt das Schild noch dazu: »Ich weiß, daß Ihr keinen Sinn
habt für die Reinheit des Waldes. Ich sehe es Euch an, Ihr wollt Papier
wegwerfen, legt es wenigstens in den Papierkorb.«
Marke Tatra erging sich immer wieder in Erwägungen über seine verfehlte
Lebensaufgabe. Er war überzeugt, daß er nicht am rechten Platze war, er
mußte hier überflüssig sein. Wie gern wollte er im dunkelsten Büro, in
der Ecke im Schulhofe stehen, aber hier im Walde? Es war wirklich zu
viel verlangt.
Marke Tatra regte sich wahnsinnig auf. Seine Ölfarbenhaut zerriß. Er
fing an zu rosten.
»Ich will gern sterben,« sagte er, »aber wenn ich zusammenbreche, muß
auch der schreckliche Vers im Papierkorb enden. Wenn er noch stünde und
ich wär nicht mehr da, wäre das Unheil nicht abzusehen!«
Das Schicksal tat ihm seinen Willen. Ein Sturmwind kam. Die Holztafel
mit dem Verse stürzte in Marke Tatras angerosteten Eisendrahtleib und
riß ihn mitten durch. »Ratsch,« sagte Marke Tatra und war tot ...
Das ist nun dreißig Jahre her. Gott sei Dank, heute kann so etwas nicht
mehr passieren. Die Menschen sind eben doch vernünftiger geworden und
geschmackvoller. Heute denkt auch gar niemand mehr daran, im Walde
Papier wegzuwerfen. Alle Menschen achten die Reinheit des Waldes. Und
da braucht sich auch kein armer Papierkorb mehr zu Tode zu quälen. Es
wäre aber auch noch schöner.
Ja, wenn alles wahr wäre! ...
Die Haustreiberei, eine aussterbende Heimarbeit in der südlichen
Oberlausitz
Von _Alfred Eichhorn_, Glashütte
Am Treiberade sitzt die alte Lausitzerin und treibt Pfeifen, mit der
Rechten die Kurbel fassend, mit der Linken den Wollefaden haltend. Die
Winde, mit Wollezaspeln bespannt, läuft im Windestock. Auf der Spille,
die in die Seitenteile des Pfeifenkastens eingestemmt ist, steckt die
Pfeife. Sie wird mit Welle betrieben. Auf der Spille steckt auch der
Wirtel mit mehreren Einschnitten für die »Bieste« (Treibschnur).
Am Vormittage hat sich die alte Haustreiberin beim Fabrikanten
drei Gebündel Wolle geholt. »Se gitt gutt,« meint sie beim Treiben
der ersten Pfeife am Nachmittag, denn die Wolle »reßt ne und is
o ne verhost.« Da können nach einer Stunde schon vier betriebene
Pfeifen unterm Windestock liegen. Damit ist sie recht zufrieden.
Für eine betriebene Pfeife bekommt sie zehn Pfennige, ergibt
einen Stundenlohn von vierzig Pfennig. Du liest noch einmal den
Stundenlohn? Ja, wahrhaftig! In dieser Tatsache offenbart sich wieder
das Hauptkennzeichen unserer Zeit -- Gegensätzlichkeit; denn der
Maschinentreiber in der Fabrik nennt dir sechs Mark als Stundenlohn.
Und welche Leute sind Haustreiber? Kränkelnde alte Männer und Frauen,
deren Rentenpfennige kaum zum Kauf eines Brotes reichen, die Menschen,
denen in ihrer Jugend die Ärmlichkeit der Lausitzer Hausweber
Weggenosse war. So greifen sie denn an ihrem Lebensabende noch einmal
zum wohlvertrauten Treiberade, weil die Not wieder dazu zwingt. Der
Krieg ließ die Haustreiberei wieder etwas aufleben, da die wenigen
Aufträge und der Wollemangel den Betrieb großer Maschinen nicht
lohnte. Wer kann’s den alten Haustreibern verdenken, wenn in mancher
Stunde Verbitterung ihr Herz erfüllt? Die Jugend schwelgt, das Alter
darbt.
[Illustration: =Alte Lausitzerin am Treiberade=]
Was erfahren wir aus der Kinder- und Jugendzeit der alten Haustreiber?
Wenn die Spannweite der Arme kaum ausreichte, um das Rad zu drehen und
den Faden zu halten, begann die erste Unterweisung im Treiben. Ein
volles Jahr fehlte mitunter noch bis zum ersten Schulgange. Gar bald
wurden die kleinen Finger mit dem schneidenden Faden bekannt. Daumen
und Zeigefinger, auch der Mittelfinger der linken Hand hatten tiefe
Einschnitte bekommen. Dann mußte der Faden zwischen den Fingern nahe
der Handfläche gleiten. Mit zunehmendem Alter war täglich eine größere
Anzahl Pfeifen zu treiben. Da wurde die freie Zeit gar knapp, und
wenn »de Wulle schlajchte ging,« dann gab’s nur Stubenluft zu atmen,
denn die vom Vater festgesetzte Pfeifenzahl mußte fertig werden. Wie
mühsam war das Treiben an trüben und kurzen Wintertagen, wenn schwarze
Wolle zu treiben war, der Faden oft riß und sein verschwundenes Ende
minutenlanges Suchen erforderte! Wie flackerte das kleine Rüböllämpchen
am Pfeifenkasten vom Winde des Treiberades! Kalt wurde es in der
Stube, da ja die Geschwister auch trieben oder für Vaters Webstuhl
spulten. So saßen die Familienglieder in Pelzen und dicken Jacken bei
spärlichstem Lichte am Treiberad, Spulrad und Webstuhl. Und wie wurde
damals ihre Arbeit bezahlt? Beim »Heimtragen« erhielt die Mutter für
eine betriebene Pfeife einen Pfennig, machte vier Pfennig Stundenlohn,
auch für jene Zeiten ein Hungerlohn! Vierzehn bis sechzehn Stunden
drehte sich täglich Treiberad, Spille und Winde. Von vierzehn Jahren
an war diese Arbeitszeit Selbstverständlichkeit. Mehr Stunden wurde
auch getrieben.
So sind die Haustreiber vom Lebensmorgen bis zum Lebensabend nur auf
steinichtem Wege gewandert. Da wurden sie wortkarg und verschlossen.
Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet
Von _Paul Bernhardt_
Eine schöne Bereicherung hat der unheilvolle Krieg unserer heimischen
Vogelwelt gebracht: Die Schellente, dieser Prachtvogel, hat Heimatrecht
im Moritzburger Teichgebiet erworben, sie ist hier in den Kriegsjahren
zur Brut geschritten. Schon vor dem Kriege stellten sich im Oktober
einige Paare als Durchzügler ein und erfreuten bis zum April den
Beobachter.
Am sonnigen Herbsttage oder im zeitigen Frühjahr treibt es den
Vogelkundler hinaus ins Teichgebiet; hohe Zeiten sind es für ihn, denn
reich ist die Fülle der Beobachtungen. Forscherfreude im Herzen steht
er vor der blauen Wasserfläche und sucht sich in der schwimmenden,
tauchenden, schwirrenden und kreischenden Schar zurechtzufinden. Weit
draußen leuchtet im Sonnenschein viel Weiß. Eben ist es verschwunden,
schon taucht der weiße Fleck wieder auf. Ein Schellentenerpel im
Hochzeitskleide. Das Glas zeigt die ganze Schönheit. Metallisch grün
schillert der dunkle, dicke Kopf, geschmückt durch zwei auffällige
weiße Flecken dicht an der Schnabelwurzel und durch feuergelb
leuchtende Augen. Sonst überall viel Weiß, das noch durch das tiefe
Schwarz des Oberrückens und Schwanzes gehoben wird. Immer größer wird
der weiße Fleck auf dem Wasser. Der Erpel legt sich putzend zur Seite,
und die korallenroten Füße vollenden das herrliche Farbenspiel. Kurze
Zeit weidet sich das Auge am Anblick, schon ist die Herrlichkeit wieder
unter Wasser. Doch gleich nebenan erscheint einem auftreibenden Korke
gleich eine zweite, dritte ja vierte dieser zierlichen Tauchenten.
Einige weniger auffallend gefärbte Weibchen beteiligen sich am Treiben.
Fleißig taucht die kleine Schar, um bald wieder an der Oberfläche zu
erscheinen. Schwer machen sie es mir, die Stückzahl festzustellen.
Trägheit liegt ihnen fern. Sie gehören zu den vorsichtigsten und
lebhaftesten Enten. Klirrend saust ein Pärchen reißenden Fluges über
den Wasserspiegel hin; hell leuchten die weißen Spiegel im schwarzen
Felde auf, und klingendes Getön vernimmt beim Nähern das Ohr. Daher
die Bezeichnung Schellente. Fast alle Teiche unseres Gebietes waren
im vergangenen Frühjahr mit einigen Schellenten besetzt, so daß gegen
dreißig Paare gezählt werden konnten.