Die beigefügten Skizzen und Bilder sollen nur kleine Proben aus der

Fülle der schönen alten Dorfkirchen des Leipziger Landes geben.

Die Mehrzahl der Türme hatte wohl während der Gotik noch Aufbauten

erhalten, die aber in den Stürmen der Kriege wieder verloren gingen.

Erhalten haben sie sich vor allem an der Podelwitzer Kirche, auf die

ich ganz besonders aufmerksam machen möchte. Ihre Formenwelt entstammt

der Gotik. Sie ist deshalb zu einem Kleinod unter den Dorfkirchen

der Leipziger Ebene geworden, weil kein Restaurator des neunzehnten

Jahrhunderts ihr zu nahe kam.

[Illustration: =Dorfkirchen in Seehausen, Wiederitzsch und Großpösna=]

Es braucht nicht Stein zu sein!

Vorüber sind für Deutschland die Stürme des großen Krieges, und überall

sind Bestrebungen im Gange, unseren gefallenen Helden eine letzte,

bleibende Ehrung zum Gedächtnis zu bereiten. Zwei Jahre sind seit

dem »Frieden« dahingegangen, und wer Gelegenheit hat, viel im Lande

herumzukommen, hat auch Gelegenheit hier und dort schon ausgeführte

Kriegerehrungen politischer und kirchlicher Gemeinden zu sehen. Daß bei

deren Erschaffung guter Wille, Liebe und tiefes Empfinden nicht überall

verhindern konnten, daß Unschönes, ja schlimmer Kitsch entstand, ist

nicht Schuld der berufenen Wächter in Fragen der Ausdruckskunst.

Nur zu oft klammern sich die Stifter an die bequemen Eselsbrücken

der Musterbücher »einschlägiger Firmen«, allzugerne will man andern

Ortes das »überflüssige« Künstlerhonorar sparen, vertrauend auf den

eigenen guten Geschmack und vielfach lokalen, politischen und anderen

Rücksichten folgend.

Im allgemeinen ist das Bestreben vorherrschend, eine monumentale, ins

Auge fallende Ehrung zu schaffen, und teuerstes Material, massige

Häufung von Stein sind überaus beliebt. Mit Schaudern nur sieht dann

der feinfühlige Freund der Heimat solche ~monstra~ in nächster Umgebung

traulich stiller Landschaftsbilder, in der Nachbarschaft reizvoller

kleiner Dorfkirchen und intimer Dorf- und Städtebilder aufragen: »und

er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah!«

Muß es denn sein, daß wir unsere in fremder Erde ruhenden stillen

Helden in möglichst aufdringlicher, marktschreierischer Protzerei

ehren, mit Monumenten, die zwar deutlich vom vollen Geldbeutel, aber

noch deutlicher von der Gemütskälte ihrer Stifter reden?

Muß es denn immer ein künstlich hergerichteter Findling, eine

Marmorpyramide mit überlebensgroßem Stahlhelm, eine Massenanhäufung

langweiliger, steinerner Adreßbuchtafeln sein?

[Illustration: =Bockendorf=, Amtshauptmannschaft Döbeln

Ausmalung von Professor _Paul Rößler_, Dresden

(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)]

Es war im Laufe der langen Kriegsjahre zur schönen Sitte in vielen

Gemeinden geworden, die toten Krieger durch einen Gedächtniskranz zu

ehren, der an den Wänden oder den Emporenbrüstungen der Kirche, in den

Andachts- und Schulsälen aufgehängt wurde. Manch sonst kahler Raum fand

so auf einmal und ohne besondere Absicht einen stimmungsvollen, neuen

Reiz. Doch die Jahre vergehen, die Kränze verstauben und vertrocknen

und immer weniger werden es deren im Laufe der Zeit sein, die

liebevolles Gedenken erneuert.

[Illustration: =Bockendorf=, Amtshauptmannschaft Döbeln

Ausmalung von Professor _Paul Rößler_, Dresden

(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)]

Da lag der Gedanke nahe, das Motiv der kranzgeschmückten Kirche oder

Gedächtnishalle künstlerisch zu verwerten und zu bleibender Schmuckform

werden zu lassen. Die beistehenden Bilder mögen zeigen, was so mit

verhältnismäßig einfachen Mitteln zu erreichen ist, und trefflich

hat es der Künstler verstanden, den Traditionen der alten gemalten

Dorfkirchen, an denen Sachsen so reich ist, sich anzupassen. Wie viele

Kirchen aber gibt es im Lande, deren Wand- und Emporenflächen eine

geschmacklose Zeit in langweiliger Monotonie übertünchte, und die

in gleicher Weise zu einer Kriegerehrung in Farben in glücklichster

Weise Verwendung finden könnten. Freilich ein tüchtiger Künstler nur

möchte der Führer sein, der es versteht, sich dem jeweiligen Stil

und Stimmungscharakter im Sinne des Ganzen und unaufdringlich

anzupassen, damit nicht wertvolles Altes durch schlechtes Neues

zerstört werde.

Ein anderer, auffallend selten begangener Weg ist der der Verwendung

farbiger Glasfenster für die Kriegerehrung. Im Vitztum-Gymnasium zu

Dresden ist neuerdings im Treppenhaus in dieser Form eine solche von

prachtvoll eindringlicher Wirkung durch den Dresdner Künstler Professor

Roeßler geschaffen worden. Bedenken wegen der guten Erhaltung solcher

Anlagen sind gegenstandslos, da böswillige Schäden, vor denen auch

kein steinernes Monument sicher ist, hier leicht durch Schutzgitter

an der Außenseite abgehalten werden können, andererseits ja auch die

große Menge der erhaltenen mittelalterlichen Glasfenster deren lange

Lebensdauer und stimmungsvolle Wirkung beweist.

So sind es der Wege viele, die den nach Ausdruck suchenden Stiftern der

Kriegerehrungen offen stehen und oft fehlt nur die richtige Führung

zum Ziel. Hier helfend einzugreifen ist die Landesberatungsstelle für

Kriegerehrungen in Dresden (Schießgasse 24) geschaffen worden, die

unentgeltlich allen Ratsuchenden mit Auskunft zur Seite steht.

~Dr.~ Bn.

Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz

Von ~stud. phil.~ _Gerhard Stephan_

Im Wendenlande, unweit des Klosters St. Marienstern bei Kamenz liegt

ein Dorf namens Miltitz. Kaum hundertfünfzig Meter nordwestlich davon

am Feldpfad nach dem Pfarrdorf Nebelschütz steht ein Busch, und in

diesem ein Granitblock »ungefähr acht oder neun Ellen hoch«. Man nennt

ihn, weil er sich auf Gemeindegrund befindet, den »Gemeindestein«,

gewöhnlich aber nach seiner Gestalt, der der eines sitzenden Frosches

gleicht, den »Frosch«.

Eine Sage knüpft sich an den Ursprung dieses Namens. In den Zeiten,

als Christentum und Heidentum in der Lausitz noch sich gegenseitig die

Vorherrschaft streitig machten, wohnte an dem Platze ein heidnischer

Zauberer, der die Christen aufs erbittertste verfolgte. Jedes Mittel

dazu war ihm recht. -- In einer stürmischen, regnerischen Nacht

klopfte in später Stunde ein Wanderer an seine Hütte und bat mit dem

Gruße: »Gelobt sei Jesus Christus« um Nachtherberge. Der Zauberer

aber rief: »Verflucht sei Jesus Christus!« und wollte den Fremden

mit Stockschlägen davonjagen. Doch dieser sprach: »Du sollst ein

Zeichen sein, wie Gott die Sünder straft!« und berührte ihn mit seinem

Wanderstabe. Da verschwand die Hütte samt dem Zauberer, an ihrer Stelle

stand jenes froschähnliche Steingebilde. (Nach Haupt, Sagenbuch der

Lausitz.)

Eine andere Sage, die freilich den Ursprung des Namens »Frosch«

unerklärt läßt, findet sich in Meiches Sagenbuch von Sachsen.

Danach wohnte dort bei Miltitz in alten Zeiten der Wassermann, der

jedesmal für zwei Dreier einen trunkliebenden Bauern von Nebelschütz

heimgeleitete. Allmählich aber konnte der Mann, der ein Säufer geworden

war und Hab und Gut durch die Gurgel goß, seinen Verpflichtungen nicht

mehr nachkommen und blieb dem Wassermann seinen Lohn schuldig. Als

er ihn einst noch in der Trunkenheit geschmäht hatte, und am andern

Morgen aufwachte, sah er, wie dieser ihm mit einem großen Steine sein

Hoftor verrammeln wollte. Er redete ihm gütlich zu, der Wassermann

gab nach und sagte: »Wenn innerhalb von neun Minuten Euer Hahn kräht,

trage ich ihn fort, sonst müßt Ihr mir neun Laibe Brot geben.« Der

Hahn krähte, der Wassermann trug den Stein fort und warf ihn in die

Gemeindebüsche. --

Noch steht der sagenumwobene Stein, aber man weiß nicht, ob er

nicht, ähnlich dem »Zwieback« im Kamenzer »Forst«, dereinst einer

unverständigen Hand zum Opfer fällt. Möge der »Heimatschutz« dafür

sorgen, daß er der Nachwelt erhalten bleibt!

[Illustration: =Der steinerne Frosch bei Miltitz, Bez. Kamenz i. Sa.=

(Phot. _B. Gersdorf_, Kamenz i. Sa.)]

Vorstehender Sagenbericht veranlaßte den Heimatschutz über die

wissenschaftliche Bedeutung des Steines sowie über die Frage

der Gefährdung desselben Erörterungen anzustellen, über deren

Ergebnis hier kurz berichtet sei:

Der sagenumwobene »Steinerne Frosch« im Gemeindebusch des

Dorfes Miltitz bei Nebelschütz wird von der Geologischen

Landesuntersuchung (Blatt 37, Sektion Kloster Marienstern,

Erläuterung Seite 26) als »Rundhöcker« bezeichnet, der

durch das in der diluvialen Eiszeit darüber hinziehende

nordische Inlandeis aus dem Granituntergrunde gestaltet

wurde. Landesgeologe O. Herrmann sagt darüber a. a. O.: »Fast

sämtliche Granitbuckel zwischen Jauer und Wendischbaselitz,

wie auch diejenigen im Norden von Schmeckwitz und im Nordosten

von Crostwitz ragen mit einer gewölbten, glattgeschliffenen

Gipfelfläche durch das Diluvium hindurch. Glazialschrammen

sind jedoch auf denselben nirgends erhalten, vielmehr zeigen

alle diese Flächen eine infolge der verschiedengradigen

Widerstandsfähigkeit der Granitbestandteile narbige

Anwitterung. Ein solcher durch Eiswirkung abgerundeter Felskopf

ist z. B. der sogenannte »Frosch« im Westen von Miltitz.

Weit vollkommnere Rundhöcker weist das im Westen an Sektion

Marienstern anstoßende Areal auf (vgl. Erläuterungen zu Sektion

Kamenz, Seite 33).«

Inzwischen vom Herrn Professor ~Dr.~ Muhle, Kamenz, auf unsere

Bitte angestellte Erörterungen ergaben, daß dem »Frosch«

keinerlei Gefahr droht, da maßgebende Herren der Gemeinde

Miltitz versicherten: »Der Stein bleibt!«

Die Freunde des Naturschutzes freuen sich gewiß mit uns, daß

Besitzer und Gemeindevertretung in Miltitz Verständnis für

die Erhaltung des interessanten Rundhöckers aus der Eiszeit

bekundeten.

Wir wünschen von Herzen, es möchten alle Einsichtigen für

den Schutz der heimatlichen Natur eintreten, damit unser

Geschlecht die wenigen noch in ursprünglichem Zustande

vorhandenen Naturdenkmäler unverkürzt und unverletzt auf unsere

Nachkommenschaft vererben kann.

F. H. Döring.

In eigener Sache ein letztes Wort[2]

[2] Zu vergleichen »Auftakt zur Maulwurfsdämmerung«, Bd. IX,

Heft 1--3, Seite 11.

Dieser Aufsatz befaßt sich mit der Sitzung des Landtages am

4. März 1921, in der ein von der Regierung eingebrachtes

Schutzgesetz für den Maulwurf mit seltener Einmütigkeit

abgelehnt wurde.

Sehr geehrter Herr Schriftleiter!

Kürzlich wurde ich durch einen Herrn Lucas aus Meißen aufgefordert,

mich als Vertreter meines Standes zu der Behandlung einer

Standesangelegenheit zu äußern, die diese in einer gewichtigen

Versammlung erfahren hat. Ich hätte gern mit Ihnen persönlich

verhandelt. Aber durch den Steingrund Dresdens durchzukommen, ist für

meine Beine und meine Nase ein Ding der Unmöglichkeit. Schreiben ist in

meinem dunklen Erdbezirke auch nicht leicht. Was soll ich dazu sagen?

Am liebsten nichts. Aber das könnte als Zustimmung ausgelegt werden.

Darum herunter von der Leber, was sie drückt.

Ich finde, daß die Kronen oder Herren der Schöpfung seit ihren Urtagen

äußerlich manche tiefgehende Änderung durchgemacht haben, innerlich

sind sie dieselben geblieben, die sie ehedem waren. An Selbstsucht

und Beutegier übertreffen sie sogar unsere deswegen vielgeschmähte

Sippschaft. In unseren Reihen sind die Taten der Menschen gegen

Edelreiher, Paradiesvögel, Kolibris, Dronten, Wale, Biber usw. nicht

unbekannt. Wir lasen in unserem Nachrichtendienst als Fortsetzung,

nicht als Schluß der Tragödienreihe: Jetzt sind Marder, Iltisse, Füchse

daran. Als ganz gefährdeten Posten stellte man uns hin. Aus unseren

Reihen sollten schon Millionen gefallen sein.

Wir haben uns darum gefreut, daß der Heimatschutz, mit dem wir sonst

keinen Verkehr pflegen, sich unserer Sache energisch angenommen, sie

sogar bis vor eine wichtige Versammlung gebracht hat. Aber das, was

dort gesprochen worden ist, muß doch berichtigt werden. Der alte

ehrliche Brehm hat ganz zuverlässige Gewährsmänner für seine Berichte

gehabt und bringt lange nicht soviel Märchen zur Verbreitung wie manche

Redner von heute. Ich kenne Engerlinge, Mai- und Junikäfer sehr genau,

kann sie sogar dem Geschmacke nach sehr gut unterscheiden. Ich muß

zugeben, daß ich bisher auf keinem Kirschbaume gesessen habe, auch

meine Vorfahren nicht. Für meine Nachfahren kann ich nicht reden. Wer

weiß, wie die Entwicklung einmal gehen wird? Aber Maikäfer, Junikäfer,

Walker usw. habe ich schon genug mit Wonne verspeist. Jedoch ich sehe,

ich muß deutlicher werden. Es ist nämlich gesagt worden: »Solange der

Maikäfer in der Erde lebt, ist er ein Engerling. Wenn er ein Maikäfer

ist, fliegt er auf Kirschbäume. Nun werden Sie doch nicht etwa sagen

wollen, daß der Maulwurf auf die Kirschbäume steigt und die Maikäfer

frißt. Das ist vollständig ausgeschlossen.« Jeder Knecht, jede Krähe,

jeder Insektensammler weiß, daß die Puppenruhe der Engerlinge nicht

lange dauert, daß vielmehr die fertigen Insekten vom Herbst bis zum

Frühjahr in der Erde zu finden sind. Im Herbst fliegt aber kein

fertiger Maikäfer auf Kirschbäume. So dumm ist er nicht. Das müßten

sie aber tun, wenn wir sie nicht erwischen sollen. Die Versammlung,

in der die Rede gehalten wurde, hat diese auf ganz besonders reiche

Erfahrungen gegründeten Ausführungen mit großer Heiterkeit -- hört,

hört -- Bravo und Heiterkeit wiederholt quittiert und Zustimmung zur

Ablehnung unseres Schutzgesetzes gegeben. Um es nicht zu vergessen:

Werren sollen recht selten sein. Ich glaube gern, daß mancher Herr der

Schöpfung von seinen Werrenuntertanen noch nicht einen gesehen hat. Wir

von unserer Zunft haben jeder mehr gesehen und auch verspeist. Sogar

über unser zu großes Maul, vielmehr über unser zu kleines Maul ist

geredet worden. Es wäre so klein, daß wir nicht einmal einen Engerling

fressen könnten. Es geht nichts über eine gute Erfahrung. Ich habe

immer geglaubt, der Mund der Zweifüßler sei auch nicht groß genug,

einen Apfel, eine Stange Spargel, ein Rind zu verspeisen, daß das aber

doch nach gewissen Vorbereitungen von ihnen fertig gebracht würde. Ich

scheine mich aber darin zu irren.

Verkannt zu werden, ist das Los so mancher schönen Seele. Gerade wir

sind gewöhnt, andauernd zwischen nützlich und schädlich hin- und

hergeworfen zu werden. Daß aber aus der ganzen Versammlung sich niemand

berichtigend über unser Leben ausgesprochen hat, daß alle Teilnehmer

die Angaben widerspruchslos hingenommen haben, das ist mir rätselhaft.

Vielleicht hat man noch nie über uns Sammetkittel so harmlos gelacht

wie an diesem Tage, am Freitag, den 4. März 1921. Nur uns war nicht

spaßig zu Mute.

Ihr Menschenkinder! Konntet Ihr nicht das Schutzgesetz soweit

genehmigen, daß es hieß: Verboten ist in öffentlichen Ankündigungen

sich zur Abnahme von Maulwürfen oder Maulwurfsfellen zu erbieten oder

zu ihrem Angebote aufzufordern? Damit wäre uns viel geholfen gewesen.

Da hättet Ihr gezeigt, daß Ihr ein Herz habt für das Geschöpf,

daß Ihr ihm ein Recht auf sein Dasein gewährt,

daß Ihr freie Geschöpfe verteidigt gegen Geldgier und Eitelkeit,

daß Ihr dem Pelzhandel nicht gestatten wollt, vernichtend und

ausrottend zu wirken,

daß Euch das Recht der Allgemeinheit an der Natur höher

steht, als der Vorteil naturfremder Kriegs- und

Schieberkapitalisten.

Nicht uns allein neben Amseln und Eichhörnchen usw. solltet Ihr

schützen, nein, ein ganz allgemeines Gesetz gegen Ausrottung und

Vernichtung jedweden bei uns beheimateten Geschöpfes solltet Ihr

fordern.

Aber, mein lieber Herr Schriftleiter, uns ist unbeabsichtigt Hilfe von

anderer Seite gekommen. Frau Mode, das wetterwendische Weib, hat uns

ihre Gunst wieder entzogen. Das ist unser Glück. Frau Mode hat Euch

Menschen alle am Bändel. Hoffentlich beehrt sie uns recht lange mit

ihrer Geringschätzung. Dann werden wir auch Ruhe haben. Wen sie unter

uns freien Geschöpfen mit ihrer Gunst beglückte, dem brachte sie den

Untergang.

Herr Schriftleiter! Wir danken Ihnen Ihr Bemühen um unsere Sache. Es

ist nicht umsonst geschehen. _Einst wird der Gedanke siegen, daß jedes

Geschöpf ein Recht aufs Dasein hat ohne Rücksicht auf den sogenannten

Nutzen oder Schaden._ Dann wird kommen der Tag, an dem die Göttin Mode

zurückweicht vor dem freien Geschöpf, ihre Priester selbst und die

Menge der naturfremden Menschen. Mit dieser Hoffnung wollen wir uns

trösten.

Für mich »Glück ab« zur kühlen Erde, für Sie »Glück auf« zu neuer Tat.

Damit empfehle ich mich Ihnen und verbleibe Ihr

_Erdmut Sammetwühler_, Obermullrich.

Der betende Berg

Von _Edgar Hahnewald_

Blickt man von den Dresdner Elbhöhen aus auf das Bergpanorama, das an

klaren Tagen über der linkselbeschen Hügelterrasse aufsteigt, so erhebt

sich zwischen dem langhingestreckten Schneeberg und dem energisch

aufgebauten Geising ein kleinerer, aber auffällig geformter Berg in der

Gestalt eines Reitsattels.

Auf der Karte steht er als Spitzberg verzeichnet -- diese Benennung

stimmt für die Nähe. Allgemein aber trägt er den Namen Sattelberg --

und dieser umschreibt sein Bild aus der Ferne.

Er erhebt sich auf tschechoslowakischem Gebiet dicht hinter der

sächsischen Grenze, die fast noch seinen Fuß berührt. Seine Höhe

verzeichnet die Karte mit 719 Metern. Über das ihn umgebende Bergland

ragt er jedoch nur als zackige Kuppe hinaus, sodaß, wenn man vom

Städtchen Gottleuba aus zu ihm aufsteigt, er erst aus nächster Nähe

wieder sichtbar wird.

* * * * *

Daher mag es geschehen, daß der Berg auch sonst ein wenig aus der

Sicht tritt. Er ist Ziel und Gipfel des Tages, aber man weiß: der Weg

dahin ist bequem und nicht weit. Und Gottleuba lohnt einen kleinen

Aufenthalt, der ohnehin unumgänglich ist, da man sich in diesen Zeiten

schärfer gezogener Grenzen im Rathause einen Grenzausweis ausstellen

lassen muß.

So verweilt man und frischt Erinnerungen an frühere Besuche auf.

Gottleuba liegt im Tale des gleichnamigen Flüßchens. Die bewaldeten

Berge betten das Städtchen tief in schwellende Kissen ein.

Es ruht als Sommeridyll im Grünen. Begeisterte Lokalpatrioten haben

das Städtchen verfänglich »Klein-Tirol« getauft. In der Mundart der

Gegend aber heißt es Guttlewe -- und wenn man das von einem alten

Bauernweiblein gemütlich breit aussprechen hört, klingt es wie eine

Bestätigung des Eindrucks, daß es zwischen diesen grünen Bergen gut zu

leben sein mag.

* * * * *

Über Tal und Dächer hinweg guckt die kleine schmucke Kirche. Sie steht

am Berghang inmitten eines alten Friedhöfels. Steinerne Stufen, von

einem Torhäuschen überbaut, führen hinauf. Hohe Lärchen beschirmen den

Eingang mit hellgrünen Zweigfittichen.

Der schräg an die Giebelecke gestellte viereckige Turm trägt über

malerischem Gewinkel ein lustiges Laternendach.

Das Innere des gotischen Kirchleins ist von ländlich anheimelnder

Schlichtheit. Aus der Sakristei blickt man durch das helle Fenster

auf schräg ansteigenden Rasen, auf gelbe und weiße Blumen, die auf

schwanken Stielen vor der zerbrochenen Mauer wehen, auf grüne Waldberge.

Unter der Orgelempore hat man alte Grabsteine aufwändig eingemauert.

In den Inschriften betrauern nun selbst längst, längst Gestorbene ihre

Toten in rührenden Worten. Ein Pfarrer setzt seiner Hertzgeliebtesten

Hausfrawe, der Wol Erbarn Viel Ehren undt Tugendreichen Frawen Anna

Marien ein Ehren und Liebes Mal. Und auf den Denkstein seiner eintzigen

Tochter ließ er den Steinmetz die Worte meißeln, daß die Weyl. Wohl

erbarr an Sitt Ehr und Tugend Edle allhier der frölichen Zukunfft Ihres

Jesu erwartet. Ein anderer Stein erzählt von dieses Pfarrers zweiter

Frau, die am 4. Dezember 1640 gebohren und den 3ten Tag darauf in das

Buch des lebens eingeschrieben wurde, Ao 1662 aber als in den 22 Jahr

ihres Alters vereheligt worden an Hrn. Gottfried Schreibern Pfarrern

alhier zu Gottleube und Bergkgießhübel, mit welchem Sie nechst Gott

gezeuget hat 8 Kinder als 2 Söhne und 6 Töchter.

Immer wieder und allerorten steht der Wanderer vor solchen

steingegrabenen Dokumenten und immer wieder liest er sie und spürt den

Hauch einer Liebe, die über Gräber und Jahrhunderte hinaus zu Menschen

spricht.

* * * * *

Unterhalb der Kirche führt der Weg hinauf nach Ölsen, ins Bergland.

Anfangs steigt er sacht durch eine von Fichtenwäldern eingeschlossene

talartige Einsenkung, die weiter hinauf immer flacher wird und in den

Bergwiesen endet.

Und während man steigt, vollzieht sich eine doppelte Bewegung der

Landschaft. Wie auf einer schräggleitenden Versenkungsbühne sinken die

Waldberge um Gottleuba zurück und hinab. Und darüber hinaus schwebt

ebenso sacht eine ferne, große Landschaft herauf: das ganze Hügelland

vor und um Dresden mit seinen Tälern, Hochebenen, Bergkuppen steigt

über den sinkenden Wäldern auf. Fernsichten ins Gebirge erschließen

sich feierlich.

An diesem Tage war es mitten im Juni herbstlich kühl und klar. Nach

wochenlangem Regen trieb ein herber Wind ein leidenschaftliches Spiel

mit Sonne und Wolken. Er jagte graues und weißes und taubenblaues

Gewölk über die Sonne hin, als sei es sein Vorhaben, das Gestirn mit

diesen Wolkenfetzen zu putzen. Die Sonne glänzte metallisch blank. Und

verschwand wieder hinter heranjagenden Wolken, die von Zeit zu Zeit

minutenlange, feine, kalte Regenschauer über die Landschaft zerstäubten

-- rauschende Brausebäder von Licht sprühten zur Erde. An allen Gräsern

zitterten und blitzten Millionen perlfeiner Regentropfen, Millionen

funkelnder Prismen im Grünen.

* * * * *

In diesem prickelnden Lichte blühen die Bergwiesen in

Farbenjubelchören. Die reine Bergluft macht den Wuchs der Pflanzen

schlanker, lichtstrebender, die Farben der Blumen leuchtender.

Kornblumen und Glockenblumen blühen da oben in tieferem, satterem Blau.

Der kleine rasenbildende Ginster strahlt goldener. Die Margariten

schwenken ihre großsternigen Blüten auf schwankeren Stielen. Die

blauroten Blütenruten des Natterkopfes strotzen hoch aufgerichtet im

Klee, und die Orchideen strecken ihre violettgescheckten Blumenähren

noch über das hohe Gras hinaus. Und überall prangen die orangenen

Ordenssterne der Arnika, mit der die Gebirgler Kräuterschnäpse würzen

und die den schönen Namen Berg-Wohlverleih führt.

Botanische Kenner wissen in diesem Bergrevier die verborgenen Standorte

der stachellosen Alpenrose und der sibirischen Iris zu finden -- ganze

Wiesen, überblüht von blaßblauen, violett geäderten Schwertlilien.

Die buttergelbe Trollblume, die der Volksmund Butterkugel nennt, die

Ferkelblume und das Blutauge blühen in diesem farbenfrohen Sommerfest

der Blumengöttin Flora -- ein reicher botanischer Garten wird dem

Freunde der »liebenswürdigen Wissenschaft«, der Botanik, geschenkt.

Lagert er sich in die blühende Wiese, so umstickt schleierfeines

Labkraut, violett und gelb leuchtender Wachtelweizen, purpurner

Erdrauch das köstliche Kissen von hyazinthenblauen Kreuzblumen, in das

er sein Haupt legen darf. Prunkende stachellose Alantdisteln umstehen

sein Lager in dichten Lanzenschwadronen und tragen ihre Purpurköpfe

hoch über dem Blumengrund. Und durch diesen stolzen Distelwald

schimmern, wenn man liegt, die Berge fern, forstgrün, schieferblau,

duftblau, immer ferner, immer wunderblauer -- man kann nicht

liegenbleiben, man springt auf, schreitet durch den blumenbesteckten

Speerwald der Disteln wieder dem Wege zu und wandert den Bergen

entgegen, die im rieselnden Lichte wie hinter irisierenden Gläsern

wallen.

* * * * *

Hinter Ölsen, einem wurzelechten Erzgebirgsdorf mit einem

Ludwig-Richter-Kirchlein, schiebt sich unvermerkt eine spitze, dunkle

Zacke über Wiesen, über umbuschte Gneisraine, über den Anstieg eines

Waldes herauf. Und dann mit einem Male steht eine breitgezackte

Bergkuppe da -- ein dunkler Fichtenmantel hängt um eine nackte

Bergschulter -- das ist der Sattelberg.

Der Wiesenweg läuft in den Wald hinein und steigt. Und überrascht steht

man vor dunkelfeuchten, zyklopisch getürmten Sandsteinschroffen. Ein

Steintreppchen zwängt sich zwischen Felsblöcken durch. Man steht auf

einer waldumschlossenen Bergwiese, vor einer Baude. Darüber kuppelt

sich spitz und energisch ein Basaltgetürm auf.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 7-9 · 第 2 / 5 段