Donnernd poltert die Mulde in Aue unter der Brücke dahin, un

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder

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gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so

dargestellt=.

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Buches.

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

7 bis 9

Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege

Band X

_Inhalt_: Das alte Land im jungen Lenz -- Wehrkirchen

im Leipziger Land -- Es braucht nicht Stein zu sein

-- Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz -- In eigener

Sache ein letztes Wort -- Der betende Berg -- Der

unzufriedene Papierkorb -- Die Haustreiberei, eine

aussterbende Heimarbeit in der südlichen Oberlausitz

-- Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet -- Das

Triebelbachtal -- In Guteborn -- Löns als Jäger --

Bücherbesprechungen -- Verschiedenes

Einzelpreis dieses Heftes M. 5.--, Bezugspreis für einen

Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 15.--, für Behörden und

Büchereien M. 10.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen

kostenlos, _Mindest_jahresbeitrag M. 10.--

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Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835

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Dresden 1921

An unsere verehrten Mitglieder und Freunde!

Wir legen diesem Hefte die Zahlkarte zur Begleichung des

Mitgliedsbeitrages für 1921 bei, sofern dies noch nicht geschehen

ist. Der _Mindest_beitrag ist auf M. 10.-- für Einzelmitglieder, auf

M. 40.-- für körperschaftliche Mitglieder festgesetzt. Diese Beträge

decken noch nicht unsere Unkosten für unsere Veröffentlichungen und

sind nur um deswillen so unzeitgemäß niedrig festgesetzt, um allen

unseren Volksgenossen, auch den Minderbemittelten, sowie Schülern, die

nur ein geringes Taschengeld haben, den Eintritt in die sächsische

Heimatschutzbewegung zu ermöglichen.

Wir geben jährlich zwölf Nummern unserer »Mitteilungen« in vier

Heften heraus, die zusammen 270 Seiten mit weit über 100 Abbildungen

aufweisen. Diese Veröffentlichungen einschließlich der zwanglos

erscheinenden »Heimatschutz-Nachrichten« kosten uns heute unter

Berücksichtigung der neuen Teuerungswelle selbst jährlich M. 20.--

Dennoch kann keine sächsische Heimatzeitschrift in gleichem Umfange

und in gleicher Ausstattung für einen solchen Preis _bei freier

Postzustellung_ geschaffen werden.

An alle unsere Mitglieder richten wir die herzliche Bitte, in

Berücksichtigung des oben Gesagten

_den Jahresbeitrag freiwillig zu erhöhen_

und dadurch unserem Verein weiterhin das Dasein in der

wirtschaftlich schweren Zeit zu erleichtern und unsere Kasse

vor Fehlbeträgen zu schützen.

=Auch an alle diejenigen, die ihre Beiträge bereits gezahlt haben,

richten wir die Bitte, unsere Mittel durch einen weiteren freiwilligen

Beitrag zu stärken.=

Wir werden weiter für den Schutz der mit unserem Vaterlande

unzertrennlich verbundenen Heimat und Natur eintreten; denn ohne

unsere Flüsse und Seen, ohne unsere Täler und Berge, ohne unsere

Ebenen, Wiesen und Felder, ohne unsere Tier- und Pflanzenwelt wäre

unser Vaterland eben nicht unser geliebtes Sachsenland. Wir haben

alle Ursache, gerade in der jetzigen Zeit alles zu tun, um unserem

Vaterlande durch Erhaltung seiner Schönheiten, seiner Sitten und

Gebräuche und seiner Lebewesen seine geschichtlich gewordene Eigenart

zu bewahren und es damit als unsere wahre teure Heimat zu erhalten.

Wir bitten alle unsere Mitglieder und Freunde herzlich, auch in dieser

Zeit, die durch die neue Teuerungswelle für uns verschärft wird, treu

zu uns zu stehen und uns nach Kräften zu helfen. Wir werden dieser

Hilfe dankbar sein und den Landesverein Sächsischer Heimatschutz weiter

ausbauen zu einer Volksbewegung, die alle Kreise umfassen und das

köstlichste Gut, das wir besitzen: Unsere Heimat schützen soll.

=Dresden=, im September 1921

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Band X, Heft 7/9 1921

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den

Vorstand herausgegeben

Abgeschlossen am 1. Juli 1921

Das alte Land im jungen Lenz

Eine Osterfahrt in die Bergstädte des westlichen Erzgebirges

Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch

Gerade blick’ ich mich ein wenig ratlos um in der Gegend, da springt

hinterm Dornbusch ein Handweiser hervor, so ein guter alter weiß und

grüner, mit fünf feierlich gespreizten Fingern. »Nach Schneeberg,« sagt

er, »eine Wegstunde.«

»Sei mir bedankt, alter Gesell, und laß dir die dürren Knöchel

drücken, du kamst mir zupass! -- -- Ach so, kannst nicht herablangen

zu mir und ich nicht hinauf zu dir -- nun, meinen Dank nimmst du

auch so!« Und damit wandre ich fürbaß, bis auf der Kuppe droben die

St. Wolfgangskirche emporragt über sonnenblitzenden Schieferdächern,

gelehnt an den bewaldeten Gleesberg.

Wie tut mir die Einsamkeit wohl. Stundenlang im Bahnwagen nichts gehört

als Politik -- und was für welche! Du lieber Gott, wann wird einmal

der Frieden einziehen in die deutschen Herzen? Und dabei ist heute

Karfreitag -- die Stunde schon da, da der Herr ans Kreuz geschlagen

ward. Leid tat mir’s nur um das Knäblein, das der hitzigste von den

Politikern bei sich hatte. Immer wieder machte das den Versuch, dem

Vater die Enten im Bach, die Narzissen im Garten, das Fohlen auf der

Wiese zu zeigen. Nichts half’s ihm! Wie eine trübe Flut quoll der Haß

aus dem Manne heraus. -- Ängstlich und verständnislos hingen des

Kindes Augen an seinen Lippen, bis ich mich des Kleinen erbarmte und

mich mit ihm um die Wette freute am jubelnden Lenzmorgen draußen. --

Nun bin ich allein mit Lerche und Bergwind und freue mich dankbar jedes

der ersten kleinen Frühlingsboten. Der Zitronenfalter, die Dotterblume,

die grünen Grasspitzen dort -- jedes einzelne ein Bote der Liebe an

unsre haßerfüllte Welt.

Kuppe auf geht’s, Kuppe ab; über die Mulde und dann wieder eine

Lehne hinan. Auf der letzten Höhe aber mache ich erst einmal Halt

am sonnigen Feldrain. Der Rucksack tut sich auf und gibt die guten

Dinge heraus, die daheim ihm anvertraut wurden. Brot, Wurst, die

zwei Ostereier, eines rot, gelb das andere, liegen lieblich vereint

auf dem Wettermantel, und dann kommt das Weidmesser heraus, das mich

getreulich auch auf diese gänzlich unweidmännische Fahrt begleitet,

und fährt hinein in all diese Pracht. -- Stark und sicher thront vor

mir die Stadt Schneeberg auf ihrer Höhe; mit Freude versenkt sich der

Blick in das kraftvolle Bild. -- Jetzt noch ein Trunk aus dem Bächlein,

und vergnügt beschließe ich das Mahl, für das mir das deutsche

Gärungsgewerbe freilich keine Anerkennungsurkunde ausstellen wird. Dann

stehe ich am Fuße des Schneebergs, dessen Kirche immer riesenhafter

herauskommt. Direkt in den weißblauen Himmel hinauf scheint der Turm

mit seiner überraschend zierlichen Krönung zu wachsen. Schon beim

Betreten der Stadt springen mir allerhand Spuren ihrer bergmännischen

Vergangenheit ins Auge, und als ich nun sonnedurchglüht am Rande

des weiten Wasserbeckens auf dem Fürstenplatz unterm Kastanienring

raste, da macht sich der Geist der Vergangenheit auf, und ich muß ihm

nachgehen, denn dann erst spricht die Heimat mit mir von Herzen zu Herz.

[Illustration: Abb. 1 =Schneeberg, Gesamtansicht= (Phot. _Emil Maaß_,

Schneeberg)]

Schneeberg -- wie weit erscholl einst dein Ruhm hinaus in das deutsche

Land! Wie warst du der Augapfel deiner Landesherren, der Stolz des

sächsischen Volkes. Wer in deine Geschichte sich versenkt, vor

dem steigt es abenteuerlich und wild empor. Ein Bergwall von fast

unüberschreitbarer Wildnis; ein Urwald, drin Bär, Wolf und Luchs

hausen, drin am vermorschten Eichstumpf der Jungbaum emporsteigt

ans Licht, drin faulenden Holzes fahler Schimmer und des Irrlichtes

tückisches Lämpchen den Wandrer erschrecken, düstert vor seinem Auge

hinan. Mitten aber in dieser Wildnis schießt plötzlich ein Gemeinwesen

empor mit einer Wucht und Schnelligkeit, die wir Menschen der Neuzeit

nur mit der Entwicklung eines amerikanischen Goldgräberlagers

vergleichen können.

Ja, mit »reißender Gewalt« hebt sich der Bergbau im Jahre 1472, seitdem

man zwei Jahre vorher fündig geworden. Zwickauer sind die ersten

Gewerken, aber auch aus allen anderen Gegenden des Reiches strömen die

Bergbaulustigen herbei, mancher Abenteurer darunter. Reich werden um

jeden Preis ist die Parole. Genug solche sind auch dabei, denen das

gewonnene Silber zwischen den Fingern zerrinnt; ein Prasserleben hebt

an im Gefolge der Arbeit. Für Schwächlinge und Muttersöhnchen ist’s

freilich nichts, das Leben im Berglager. Wen hier der graue Wächter,

die scharfe Seitenwehr, nicht bewacht, um den ist’s übel bestellt.

Überfälle auf Schmelzhütten und Zechen sind an der Tagesordnung. Vor

jeder Grube stehen Geharnischte auf Posten.

Aber bald beginnt das zuchtlose Toben und Treiben sich zu legen,

gelenkt und gebändigt durch Obrigkeit und Bergrecht. Auch im Äußeren

zeigt sich nun Ordnung und Norm. Die Zechen werden mit einer

Einfriedigung versehen in Form eines hölzernen Schrankens um den

ganzen Berg herum. Ist so ein Schutz vor Räubern in menschlicher und

tierischer Gestalt geschaffen, so droht doch noch andauernd eine andere

furchtbare Gefahr in Gestalt der rasenden Waldbrände. Einmal lodert

der böhmische Wald vierzehn Tage lang ohne Aufhören gen Himmel. Aus

den Holzschranken wird bald ein fester Wall von der Gestalt, »wie man

ein Hertze pfleget zu mahlen«. Sechsundfünfzig Zechen allein liegen

anno 1474 innerhalb der Umzäunung; mit denen, die draußen sind,

hundertsechsundsiebzig an Zahl! Und all’ diese ungeheure Entfaltung im

Laufe von fünf Jahren.

Rückschläge bleiben nicht aus. Das Wasser vor allem macht den

Bergleuten zu schaffen, denn die Gruben gehen gar bald sehr in die

Tiefe. Aber schon 1477 blüht der Bergbau wieder empor. In diesem Jahre

gibt der St. Georgschacht 4000 rheinische Gülden als Ausbeute auf

einen Kux. Auf dieser Zeche ist’s, wo Albrecht der Beherzte am 23.

April gleichen Jahres an einer Erzstufe von 400 Zentnern Gewicht, die

fast ganz aus gediegenem Silber besteht, einen Imbiß einnimmt. Dieser

Fürst besonders hält alle Hände über den Schneeberg. Woher sollt’ er

die Mittel zu seinen zahlreichen Kriegszügen nehmen, wenn nicht aus

den Gruben hier oben? Da kommt das Jahr 1490; eine Schreckenszeit

für die junge Stadt. Fast alle Zechen müssen Schicht machen wegen

des Wassers. Das Elend ist groß. In Scharen wandern die Knappen ab

nach dem Schreckenberg, wo man eben fündig geworden ist, und wo St.

Annenberg emporblüht. Die zurückbleibenden Häuer werden unzufrieden und

schwierig. Gewalttaten gegen Bergmeister und Geschworene fallen vor,

und 1496 ist er da, der erste Streik! Noch gelingt es, den friedlich

zu schlichten, aber zwei Jahre darauf erfolgt der zweite Ausstand.

Sogar die Häupter und die Jungen müssen mit ins verschanzte Lager der

Bergleute auf dem Wolfsberg. In Kochstücke will man sie zerhauen, wenn

sie nicht mittun.

Aber von neuem bietet der Berg schier unerschöpfliche Schätze dar.

Die Unzufriedenheit schwindet, der Häuerlohn berechtigt wieder zu

Lebensgenuß und reichlichem Haushalt. »Ausbeut hat man auch geben --

Auff St. Jörgen in Schneebergk zwahr -- Mehr denn dreißigtausend Gülden

-- Auff einen Kux fürwahr« rühmt der Bergreihen. Da fängt die Kunst an,

sich dem Wohlstand zu verschwistern. Zunächst in unbeholfener Form,

in der Gestalt von Volksfesten mit geistlichen Schauspielen, die alle

sieben Jahre mit großer Pracht aufgeführt werden. Freiberg, die alte,

die reiche, geht schon lange darin mit gutem Beispiel voran. Einmal

führen dort die Knappen auf offnem Markt an den drei Pfingsttagen

die biblische Urgeschichte auf, den Fall der Engel und die Schöpfung

der Welt bis zur Austreibung aus dem Paradies. Gott Vater, Gabriel,

Michael, Satan, Adam und Eva, sechs gutgeratene, sechs mißratene Söhne

Adams sind die handelnden Personen. Herzog Georg mit seinem ganzen

Hofstaat ist andächtiger Zuschauer. -- In Zwickau findet ein paar Jahre

darauf eine Belustigung statt vor Johann dem Beständigen, deren Verlauf

folgender ist:

[Illustration: Abb. 2 =Schneeberg, Alte Polizeiwache und Hospitalkirche=

(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]

Zunächst wird aufgeführt die Komödie des Terenz »Der Eunuch«. In den

Zwischenakten dieses Stückes gibt man zur Erheiterung des Publikums:

»Wie sich sieben Weiber um einen Mann zanken und schlagen«; und darauf:

»Wie sieben Bauernknechte um eine Magd gefreiet haben.« All das geht

zierlich und wohl vonstatten. -- Hierauf prellen zweiundzwanzig

Fleischhauer einen vermummten Menschen auf einer Kuhhaut. Dann halten

vierundzwanzig Knappen den Schwertertanz ab, der von den Hallstädter

Salzknappen auch ins Erzgebirge gekommen ist. Als dies vorüber,

erscheinen achtzehn Männer, wunderlich gekleidet, »daß sie als

Störche anzusehen«, und lesen mit den Schnäbeln Nüsse auf, die ihnen

ausgestreut werden. -- Glückliche Kinderzeit unsres Volkes!

[Illustration: Abb. 3 =Schneeberg, Altes Patrizierhaus am Hopfenmarkt=

(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]

Doch weiter schreitet das Sehnen nach etwas, das den Menschen in

höherem Sinne freimacht und loslöst von des Alltages Schaffen und

Sorgen auch in den Kreisen der Schneeberger. Der Bergsegen drängt

die reichen Fundgrübner dazu, etwas wirklich Großes zu schaffen.

Glaubensinnigkeit und die dem gefahrvollen Bergmannsberuf eigene

Frömmigkeit tun das weitere. Eine Kirche wollen sie bauen zu Ruhm

und Ehr der heiligsten Mutter und zum Preise St. Wolfgangs. Im Jahre

1515 wird auf den Grundmauern der ersten abgebrannten Kirche der Bau

des neuen Gotteshauses begonnen. Der in Kursachsen hochberühmte Hans

von Torgau wird der Meister des Baues, derselbe, der schon an der

Albrechtsburg sich die Sporen verdient hat in der Reihe der Gesellen.

[Illustration: Abb. 4 =Schneeberg, Fürstenplatz= (Phot. _Emil Maaß_,

Schneeberg)]

Langsam nur schreitet das Werk vorwärts. Erst 1540 kann Fabian

Lobwasser den Bau vollenden. Aber was dann zum glücklichen Ende

gebracht, das ist etwas, das zu dem wirklich Großen, nicht nur im

äußeren Maßstab, gehört.

[Illustration: Abb. 5 =Schneeberg, Aus dem Anhang. Turm der St.

Wolfgangskirche=

(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]

Zu der St. Wolfgangskirche ist jetzt nach der Rast auch mein erster

Gang. Im köstlichsten Sonnenschein liegt der gewaltige Bruchsteinbau

vor mir. Zur Seite des Turmes, der, noch vom ersten Kirchenbau

übernommen, sich unregelmäßig vor das Langhaus legt, blüht ein

Kornelkirschbaum in voller Pracht. Ungehindert kann das liebe

Sonnenlicht auch in das Innere der Kirche dringen. St. Wolfgang ist

eins von den bei uns nicht seltenen Gotteshäusern, die noch in den

Formen später Gotik, nicht mehr aber in ihrem Geiste erstanden sind.

Ganz auf den Gemeindegottesdienst ist der weite, dreischiffige Bau

zugeschnitten. Groß muß die Teilnahme am Werk im ganzen Lande gewesen

sein. Man darf namentlich wohl annehmen, daß Luther und Melanchthon

um ihren Rat angegangen worden sind, als es galt, das neue Haus

mit auserlesenen Werken der Malerei zu schmücken. -- Wo hätten die

Zeitgenossen wohl besser ihre Blicke hinlenken können, als nach

Wittenberg, des frommen Lukas Cranach Heimstätte? Was uns der Meister

hier in St. Wolfgang hinterlassen hat in seinem berühmten Altarwerk,

das gehört zu dem Schönsten mit, was er je geschaffen. Nicht mehr

als ein einheitliches Ganze freilich stellt sich heute das Altarwerk

dar. Die Kaiserlichen haben die Tafeln im Jahre 1632 geraubt und nach

Prag entführt. Erst siebzehn Jahre später gelang es den unermüdlichen

Bemühungen der Bürgerschaft, sie wieder zurückzubekommen. Heute

prangt die große Kreuzigungsgruppe in einem Barockaltar für sich

allein. Aber sie ist auch nicht das Schönste -- bei weitem nicht!

Der Ruhm gebührt unstreitig der herrlichen Tafel mit der Darstellung

des Abendmahls, der Predella! Lange kann ich den Blick nicht wenden

von den herrlichen deutschen Männerköpfen, die der Meister seinen

Aposteln verliehen; sicherlich Bildnissen von Schneeberger Bürgern,

wohl auch seiner selbst. Zart und morgenländisch fremd hebt sich

der Heiland heraus aus der Schar der Tischgenossen. Eben reicht er

mit der edelgeformten Hand dem Judas den Bissen. Der sitzt da als

ein roter, derber Rüpel, dem Beschauer den Rücken kehrend; schon im

Äußern gekennzeichnet als der Erzbösewicht. Befremdlich, und doch

auch wieder so verständlich im Wesen der Entstehungszeit des Bildes

wirkt der aus der Weinkanne trinkende Jünger am Fuße der Tafel im

Gegensatz zur ehrbaren Würde der Mitapostel. Mit seinem starken

fleischigen Doppelkinn, in seiner alles vergessenden Hingabe an den

Genuß des Tischtrunks fällt er beträchtlich aus ihrem Kreise heraus.

Ist’s wohl eine der Klerikergestalten, mit denen Reformation und

Kirchenvisitationen damals rasch und gründlich aufräumten? -- Im

herrlichen Akkord rollt von oben her das Geläut der Glocken durch den

Raum, wie ich aus dem Halbdunkel bei den wunderbar schönen Grüften

hervortrete und dem Ausgang mich zuwende, um noch ein wenig das

Stadtbild auf mich wirken zu lassen.

[Illustration: Abb. 6 =Schneeberg, Filzteich= (Phot. _Emil Maaß_,

Schneeberg)]

Von Häusern aus der ältesten Zeit finde ich nichts mehr, dafür aber

erfreuen mich viele wunderschöne Bauten aus dem 18. Jahrhundert. Sie

vor allem geben der Stadt das Bild der Vornehmheit, der Wohlhabenheit,

das sie unstreitig entfaltet. Eine Erinnerung übrigens aus dem

genannten Jahrhundert bewahrt Schneeberg in sich, voll wehmutsreich

inniger Bedeutung für alle, die mit unseres Volkes geistiger

Vergangenheit vertraut sind. Im August des Jahres 1786 standen sich

hier zwei Menschen auf Jahre hinaus das letztemal gegenüber, aus

deren Herzensbund die reinsten, zartesten Blüten entsprossen sind --

Goethe und Charlotte von Stein! Von Karlsbad aus, wo er mit seinem

Herzog und Steins zur Kur weilte, hatte Goethe die Freundin, die

nach Weimar zurückkehrte, bis Schneeberg geleitet. Nach einigen

Tagen des Verweilens in der alten Bergstadt ging der Dichter nach

Karlsbad zurück, um am 3. September frühmorgens um 3 Uhr sich von dort

»fortzustehlen«, -- südwärts, dem Land seiner Sehnsucht entgegen. --

[Illustration: Abb. 7 =Rotes Pochwerk, Neustädtel= (Phot. _Emil Maaß_,

Schneeberg)]

Was diesem letzten Beisammensein der Freunde den ihm eigenen,

wehmütigen Schimmer verleiht, ist das wohl in beider Herzen damals zur

Gewißheit gewordene Gefühl, daß Glück und Leid der letzten elf Jahre

sich unaufhaltsam ihrem Ende näherten. Müde war die Sehnsucht geworden,

die doch nur in völliger Verbindung hätte Erfüllung finden können --

und als Goethe 1788 wieder in Weimar eintraf, da war der edlen Rose

Zauber verblichen. An seinem Wege aber sah der Dichter das Blümchen

stehn -- wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön -- -- Christiane

Vulpius trat in sein Leben.

[Illustration: Abb. 8 =Siebenschlehner Pochwerk, Neustädtel= (Phot.

_Emil Maaß_, Schneeberg)]

[Illustration: Abb. 9 =Gesellschaft Fundgrube, Neustädtel= (Phot. _Emil

Maaß_, Schneeberg)]

In der dritten Stunde des Nachmittags dann sitze ich auf einsam alter

Halde hoch über Neustädtel, der älteren Schwesterstadt Schneebergs

und blicke hinaus in das weite Gefilde, das noch von unzähligen

Spuren des Bergbaus bedeckt ist. Lautlos liegt die Natur -- ein

wehmütig Bergglöckchen nur klingt hier und da leise herauf. Groß und

finster schiebt sich ein Wolkenschatten über die eben noch lachende

Flur -- einen fremden, fast krassen Ausdruck zeigt auf einmal das

haldenzerrissene Land. Da greift auch mir der furchtbare Ernst der

Stunde ans Herz, der letzten, da unser Heiland am Kreuze rang. Schwer

atmend liegt das Gefilde zu meinen Füßen. -- Ja, es ist finster.

Schon ist er verklungen, der furchtbare Schrei der Gottverlassenheit;

nun Stille -- Stille. Da endlich, gestärkt durch den Essigtrank, die

hallende Stimme vom Kreuze: »Es ist vollbracht.« Von St. Wolfgang

herüber schlägt’s drei. -- -- --

[Illustration: Abb. 10 =Hutstube im Huthause zur Gesellschaft Fundgrube

bei Neustädtel=

(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]

Dann ist ein Tönen über das Land um den Schneeberg! Die Glocken alle

rollen zusammen im starken, siegreichen Takt. Kindlich lallend fällt

in den gewaltigen Baß der Hauptkirche das Glöckchen von Neustädtel,

und jetzt ein Lerchenlied! Nicht eins nur; zwei, drei jubelnde Sänger

steigen empor. Der Schatten ist vorübergezogen, fröhlich springt

auf dem leuchtenden Saatfeld ein Häslein dahin -- ist’s nicht, als

wollt’ auch die Kreatur jubilieren über den Sieg, der eben geschah? Zu

meiner Linken flimmert’s im Grase. Mechanisch greif ich dorthin und

hab’ eines jener Steingebilde in der Hand, das eine kleine Welt für

sich darstellt, mit Kristalltürmen und Grotten und Tropfsteinhöhlen

-- ein Stücklein Gestein, wie es der alte Eigenlöhner vor hunderten

von Jahren hier auf die Halde gestürzt. Dann greif’ ich zum Stabe und

ziehe die Höhe hinan, an Weißer-Hirsch-Fundgrube, an Siebenschlehn

und Sauschwart vorbei und wie die alten treuherzigen Bergnamen alle

heißen. Ganz oben, dort wo dereinst die Knappschaftskapelle der

heiligen Anna gestanden und wo 1830 das edle Denkmal zur Erinnerung

an die dritte Wiederkehr der Augsburgischen Konfession errichtet ward

im Geiste des Berghauptmanns von Herder, dreh’ ich mich um, und wie

ich das prachtvolle Bild von Schneeberg und Neustädtel zu meinen Füßen

erblicke, da muß ich im Geiste mit einstimmen in den alten Bergreihen,

der so stolz anhebt:

»Den Schneebergk wöllen wir preysen

Über andre Bergkstedt all.«

[Illustration: Abb. 11 =Geyer, Laurentius-Kirche mit Wachturm=

(Phot. _B. Zillessen_, Bautzen)]

Nur ein paar Schritte ist’s noch von hier aus zum Filzteich. Das ist

ein gewaltiger Stausee, der schon 1485 zum Segen des Bergbaus entstand.

Eine innig verklärte Abendstunde ist mir hier noch beschieden auf

breiter Dammkrone und weiter hinten, wo der Boden unterm Fuße zu federn

anhebt, wo niedrige Kiefern und üppiges Preiselbeerkraut wachsen, wo

lange hellgrüne Pflanzensträhne übers Wasser sich hinziehen, wo der

»Filz« anhebt, das Hochmoor mit seinem regen Vogelleben jetzt zur

Entenreihzeit. Noch unterm Halbschlaf im Gasthaus zu Aue hör’ ich die

Enten über mich wegklingeln, der purpurnen Abendsonne entgegen. -- --

[Illustration: Abb. 12 =Der Gebirgskamm von der Wolkensteiner Straße in

Geyer aus gesehen=

(Phot. _Max Nowack_, Dresden)]

Donnernd poltert die Mulde in Aue unter der Brücke dahin, und

weißbereift sind die Wiesen ringsum, wie ich in der Frühe des

Ostersonnabends meinen Weg wieder unter die Füße nehme. Viel besser

gefällt mir in der fröhlichen Morgensonne die betriebsame Stadt, als

am Abend vorher. Freilich, Idyllisches aus alter Zeit bietet sich

hier, dem flüchtigen Besucher wenigstens, nicht mehr dar. Und doch

wird mir gerade in Aue ein besonders schönes Stündchen der Erquickung.

Wie ich am Rathaus vorbeikomme, da fällt es mir ein, daß dort oben

ein Freund aus der Jugendzeit als Stadtoberhaupt haust. Trotz der

frühen Stunde zieh’ ich die Klingel und lasse mich melden. »Hie mag

nit sein ein böser Mut -- wo da singen Gesellen gut« geht mir’s durch

den Kopf, als ich im Musikzimmer den aufgeschlagenen Flügel und die

Laute an der Wand betrachte. Und richtig, er ist der Alte geblieben,

der Freund aus fernen Jugendtagen. Trotz Amtesbürde und -würde noch

dasselbe begeisterungsfähige, jung gebliebene Herz; und ihm zur Seite

die Hausfrau, eine reichbegabte Malerin, deren Kunst sich jetzt zu

unsrer Freude von der oberlausitzer Heimatschilderung immer mehr zur

Verherrlichung der erzgebirgischen Landschaft wendet. Wunderbar gut

tut das Stündchen Gegenwartskultur dem Wandrer auf der Vergangenheit

Spuren, der nun hinausschreitet, neuem Erleben entgegen. -- Nahe bei

der Stadt Aue ward früher die kostbare weiße Erde gegraben, auf der

die Güte des Meißner Porzellans beruhte. Veit Hans Schnorr begann 1700

die bergmännische Gewinnung des Stoffes, der bis dahin nicht weiter

verwendet ward; der höchstens dem Grundherrn der Gegend, einem von

Rechenberg, zum Pudern der Perücke gedient hatte. Erst als Böttger

die rote Porzellanerde von Okrilla zur Herstellung seines Steinzeugs

verwendete, kam man hinter den Wert der weißen Erde von Aue. Jeder

private Porzellanerdeabbau, sowie die Ausfuhr derselben, ward nun bei

hoher Geldstrafe, später gar bei Strafe des Stranges, verboten. Noch

ein anderes Geschenk des heimischen Bergbaus ist der Landschaft zum

Nutzen geraten. Der einst so verachtete Kobalt, der »Silberräuber«,

wie ihn die alten Gewerken nannten, wenn sie ihn als wertlos auf

die Halden warfen, ist der Vater der seit Jahrhunderten blühenden

Blaufarbenindustrie. In alter Zeit betete man in den Kirchen, Gott

möge die Bergleute vor Kobalt und bösen Geistern behüten, bis zur Zeit

Kurfürst Augusts sein Wert erkannt war. --

Hinauf nach Oberpfannenstiel hebt sich mein Weg. Ein gottesweltweiter

Blick tut sich vor mir auf, wie ich den prachtvollen Wald hinter mir

habe. Nie hätte ich so Schönes hier zu sehen erwartet. Verschwenderisch

wird die Mühe des Kletterns gelohnt. Freilich, dreihundertfünfzig Meter

Steigung in einer Stunde etwa, mit der Märzensonne auf der Winterjoppe,

wollen verdient sein. Aber nicht lange, und schon überfröstelt es mich

bei aller Sonnenglut. Kurz vor Grünhain bin ich nun doch richtig in die

Schneeregion eingetreten. Allenthalben liegt der graukörnige alte Feind

an den Rändern und in den Hölzern. Von Süden winkt gar der Fichtelberg

mit großen weißen Lehnen.

Grünhain, zwischen weiten sanften Matten, tut sich jetzt vor mir auf;

ein paar Wasserspiegel beleben das Bild. Von der ehemaligen reichen

Zisterzienserabtei ist zwar nicht viel mehr vorhanden an Baulichkeiten,

aber einen Rastort voll herrlichen Friedens umschließt die weite

Klostermauer -- das Wäldchen, drin noch die Spuren der Klosterkirche zu

sehen. Das Gotteshaus ist dahingesunken, aber ein ebenbürtiger Dom von

ragenden Buchen, Erlen und Tannen baut sich jetzt in den Himmel hinauf.

Keine Axt läßt der Herr Forstmeister, dem die Verwaltung hier obliegt,

an diesen Hain legen; nur was morsch ist und krank wird genutzt. Eine

Vogelwelt von seltener Reichhaltigkeit ist hier zu Hause; von allen

Zweigen singt es und klingt’s. Und noch eine Schar kleiner Geschöpfe,

die auch nicht säen noch ernten, hat hier ein schützendes Obdach

gefunden vor den rauhen Winden dort draußen: schwachsinnige Kinder sind

in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht. Allenthalben sitzen sie im

warmen Sonnenschein -- auf der Mauer ein Mädel, in dessen Schoß ein

gleichaltriger Knabe den Kopf gebettet hat; selig und tief schläft er

hier im süßesten Frieden. Der freundliche Oberpfleger, nach seinen

Schützlingen befragt, schmunzelt behaglich. »Nicht wahr, Karle,« meint

er zu einem gut genährt aussehenden Burschen von etwa fünfzehn Jahren,

»ganz brav sind wir alleweil, bloß die Finger, o weh, die Finger; die

sind immer gleich gar zu lang.« Übers ganze Gesicht lachend bestätigt

der Zögling dies Zeugnis.

Das Kloster gehörte dereinst zu den reichsten im Lande. Eisen- und

Kohlengruben, die letzteren schon um 1450 ausgebeutet, waren sein

eigen. Einen großen Tag erlebte das Stift am 9. Juli 1455. Da waren die

Sturmglocken über die Berge gerauscht, denn auf dem Schloß zu Altenburg

war eine unerhörte Tat geschehen. Die beiden jungen Herren, Ernst und

Albert, waren geraubt worden vom verwegenen Ritter Kunz von Kauffungen.

»Lieben getrewen, uns ist Cuntz und syne Helffers in unser Schloß

Altenburgk gestiegen und haben unsere beyden Söne, das Gott geklaget

sey, wegbracht.« Dieser Notruf des geängsteten Vaters fand im treuen

Volk allenthalben teilnahmsvollen Widerhall. Nach dem Gebirge hatten

sich die Räuber gewandt -- und schon am Tage nach der Tat hatte man den

von Kauffungen fest. Noch steht im Klostergarten der Turm, darin er in

des Abtes von Grünhain Gewahrsam eine kurze Zeit gesessen haben soll.

Am 14. Juli aber stand er bereits vor den Geschworenen von Freiberg,

wohin der Hochverratsfall gehörte, seit im Jahre 1294 Friedrich der

Gebissene den dortigen Schöffen zugesichert hatte, daß sie gewaltig

sein sollten, sein Recht zu rügen und zu setzen. »Was blast dich Cuntz

für Unlust an, Daß du in’s Schloß nein steigest« sangen bald drauf

die Bergleute rundum. -- Von 1536 ab stand das Kloster verlassen.

Die Mönche wanderten mit Urkunden und Schätzen ab nach Kaaden. Ein

herrliches Stück aber ist von dem ehemaligen Reichtum noch auf uns

gekommen; der wundervolle Taufstein, der 1536 nach Annaberg kam und

dort in der großen Kirche aufgestellt ward (siehe O. E. Schmidt

»Annaberg«, Band IX, Heft 1--3 dieser Zeitschrift). --

[Illustration: Abb. 13 =Kirche in Ehrenfriedersdorf=

(Phot. _Max Nowack_, Dresden)]

Und nun geht es wieder hinaus auf die Landstraße und das

geheimnisvolle, frohe Harren hebt wieder an, was einem die nächste

Wegbiegung, was einem die nächste Höhe bescheren wird. Daß ich’s gleich

sage, die stille Freude an schönen alten Gehöften, an stattlichen

Gasthäusern aus guter alter Fuhrmannszeit, wie sie im östlichen

Erzgebirge und besonders am Fuße des Bergwalls noch zahlreich vorhanden

sind, ist dem Wandrer hier oben nicht mehr häufig beschieden. Zu sehr

hat die Industrie am Bilde der uralten Siedlungen genagt. Aber die

Natur macht alles wieder gut; sie ist so stark und groß gerade in

diesem Teil des Gebirges, daß sie sich einfach nicht tot machen läßt.

Immer wieder versöhnt den Wandrer der unsagbare Zauber des Fernblicks,

das stille Raunen der Wälder, das Murmeln der Bäche. Wie ein Silberband

springt hier gerade der Oswaldbach unter meiner Straße hindurch in

ein Wiesental von seliger Schönheit. Und was alle die Gasthäuser

heut morgen nicht vermocht haben, er läßt mich nicht vorbei, ich muß

einkehren bei diesem Wirte wundermild! -- Hab’ Dank, heiliger Oswald,

für den Trunk, damit du den Pilger auch heut’ noch erquickst. --

Gleich gibt es wieder etwas zur Freude. Da stehen im Moose verstreut

in gemessenen Zwischenräumen die Grenzsteine der Forstverwaltung. Aber

hier sind sie nicht nüchtern aus weißgekalktem Stein mit Ziffer und

Krone gefertigt -- vom Alter grün gewordene Glimmerschieferplatten mit

schön geschwungenen, rot nachgezogenen Kurschwertern und altertümlichen

Jahreszahlen aus dem achtzehnten Jahrhundert stecken hier wie aus

dem Waldboden selber entsprossen im Gras. Auf der Höhe kommen jetzt

die drei vulkanischen Tafelberge, der Pöhlberg, der Bärenstein, der

Scheibenberg mit seinem zerklüfteten Rande heraus; alle noch mit

silberverbrämtem Mantel über den Schultern.

In Elterlein, wo ich am Wirtstisch mein Brot mit der Wurst würfle,

kann ich mich nicht enthalten, einem Mitgast mein Befremden über das

ziemlich nüchterne Bild des Marktes auszudrücken. »Ja, das is nu immer

schon so gewesen,« entgegnete der Wackre, was mich aber doch zu der

Bemerkung veranlaßt, ich könne nicht glauben, daß man zur Zeit, da sich

die alten Nürnberger Elterleins hier des Bergsegens erfreuten, schon

derartig gebaut habe. Er gibt das denn schließlich auch zu.

Das nun kommende Wegstück zählt zu den eigenartigsten des ganzen

Tagmarsches. Die Landschaft schreit es nicht aus, was sie erlebt hat

in der Jahrhunderte Lauf. Starker, wohlgepflegter Fichtenwald geht

stundenlang neben der Straße her; aber hier und da gleitet der Blick

über eine freie Fläche von so ausgesprochenem Hochmoorcharakter, daß

es dem aufmerksamen Beschauer klar werden muß, welch ein Riesenwerk

die Urbarmachung des Miriquidi darstellt. Sumpf und Urwald -- das war

das Gebirge, ehe der Bergknappe hierher kam mit Axt und Eisen, und in

seinem Gefolge der Köhler mit Feuer und Schürbaum. »Es grüne die Tanne,

es wachse das Erz«, schon in dem alten Spruch ist die Untrennbarkeit

beider Berufe bescheinigt.

Nicht eine Seele begegnet mir jetzt, nur der Specht kichert über mich

hin, und die Krähe ruft mir den rauhen Gruß zu. O Gottesgnade, wandern

zu können, stark und allein. Denn nur das ist die richtige Freude.

Willst du so recht im Buche der Natur lesen, dann ist leicht auch der

vertraute Gefährte schon zu viel. Im tiefsten Innern bleibt der Mensch

allein; aber aus diesem tiefsten Innern kommen dann auch die Stimmen,

die nach dem Ewigen rufen in sehnender Stille.

Auch Geyer, das mit seiner zerklüfteten Binge nun vor mir auftaucht,

kann auf bald ein halbes Jahrtausend Bergmannsdasein zurückblicken.

Silber, Kupfer und Zinn ward früh hier gefördert; aber 1476 wanderten

viele der Knappen nach dem Schneeberg ab und nach St. Annenberg.

Geyersche Häuer sollen die ersten Häuser von Annaberg gebaut haben.

[Illustration: Abb. 14 =Greifensteine= (Phot. _Heinrich Wagner_,

Ehrenfriedersdorf)]

Die Stadt ist mir wert der Erinnerung halber an einen Mann, den

ich um seines Werks willen liebe; den jeder lieben muß, der sich

nur einmal mit Verständnis in das herrliche alte Leipziger Rathaus

versenkt hat. Hieronymus Lotter, der große Baumeister der sächsischen

Renaissance, erwarb den Edelhof Geyersberg im Jahre 1560. Sechs Jahre

später errichtete er das neue Herrenhaus, den einzigen nachweisbaren

Privatbau von seiner Hand. Damals war der ruhmgekrönte Schöpfer der

Pleißenburg ein begüterter Mann. Als Hauptgewerke des Geyerschen

Zinnwerkes hielt er dreihundert Knappen in Lohn und Brot. 1567 schrieb

er an die Kurfürstin Anna, er habe ein ansehnlich Wohnhaus auf dem

Geyersberg, und lud die Herrschaft ein, das Jagdlager allhier zu

halten. Offenbar kam der Kurfürst von da an öfters zu seinem vertrauten

Berater in baulichen Kunstfragen. Als 1568 die Pest übers Gebirge zog,

verlangte er vom Rate zu Geyer, man solle den Gottesacker aus der

Nähe des Lotterhofes verlegen, da er dort zur Herberge sein werde. --

Mit dem Gefühl der Ehrfurcht, die einen an der Stätte ergreift, da

ein großer und guter Mensch einst gehaust hat, schau ich mich um in

dem alten Hause, das mir willig aufgetan wird. Reich und behaglich

mag es gewesen sein zur Zeit, da sein Erbauer hier weilte. Die schön

kassettierte Decke im Erdgeschoß gibt davon noch Zeugnis. Hier im

kleinen Schreibstüblein war es, wo die Kurfürstin den Meister zur

Übernahme der Bauleitung auf dem Schellenberg überredete. Es ist

bekannt, daß der Bau der Augustusburg dem neunundsechzigjährigen Mann

kein Glück brachte. Kummer und Sorge erwuchs ihm aus dem neuen Amt.

Er starb, nicht mehr im frühern Wohlstand lebend, im Jahre 1581. In

der St. Lorenzkirche zu Geyer vor dem Altar ward er begraben. --

Diese ehemalige Kirchenfestung, die noch heute ein Stück ihrer starken

Schutzmauer und den gewaltigen Wachturm als Erinnerung an drangvoll

fährliche Zeiten aufweisen kann, enthält in der Vorhalle ein herrliches

Werk aus dem beginnenden sechzehnten Jahrhundert, eine Ölberggruppe mit

Christus und den schlafenden Jüngern von ergreifendem Kunstwert.

So viele Bauwerke von Menschenhand habe ich nun auf meiner Reise

gesehen, daß ich mir’s nicht versagen kann, zum guten Ende noch nach

einem Gemäuer zu wandern, das nicht von Sterblichen erschaffen ward,

das mit unwiderstehlicher Urkraft aus dem Glimmerschiefer herausbrach

in sieben gewaltigen Granitpfeilern. Wie eine Zyklopenmauer leuchten

die Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf im späten Nachmittagsschein in

das Land hinaus. Tausende und aber tausende von Jahren saust schon der

Bergwind um die mächtigen Türme. Immer noch stehen sie trotzig erhaben;

was ist die lächerliche Spanne eines Menschenlebens für diese Zeugen

der Urzeit!

[Illustration: Abb. 15 =Greifensteine= (Phot. _Heinrich Wagner_,

Ehrenfriedersdorf)]

Ein wenig ängstlich sehe ich nun doch nach der Uhr. In Thum unten

wartet meiner die Eisenbahn; den letzten Zug möcht’ ich nicht gern

verpassen. Aber sieh da, es bleibt mir nach hastigem Abstieg noch

hinreichend Zeit, das freundliche Städtchen ein wenig kennen zu lernen,

bei dem am 15. Januar 1648 das letzte Treffen im Dreißigjährigen Krieg

auf sächsischem Boden vorfiel. Ein paar Monate später, als endlich die

Friedensboten aus Osnabrück ins verwüstete deutsche Land hinaustrabten,

hielt ein Thumer Stadtkind den hochfeierlichen Dankgottesdienst im

schwedischen Lager. Tobias Clausnitzer war es, eines Kärrners Sohn, der

als Feldprediger im Heer Gustav Wrangels ritt und der uns eines der

meistgesungenen Lieder in unserm Landesgesangbuch geschenkt hat: »Wir

glauben all an einen Gott.«

Im stillen Frieden des Ostersamstags liegen die Täler, als ich im

Bahnzug der Welt wieder zueile. Die Vöglein schweigen im Walde -- aber

wartet nur, ihr kleinen Sänger, morgen am hochheiligen Ostertage, sehr

frühe ehe die Sonne aufgeht, da werdet ihr geweckt werden vom jubelnden

Tönen der Glocken auf allen Türmen rundum, die die frohe Botschaft

hinaustragen in alle Lande: »Christ ist erstanden. Er ist wahrhaftig

auferstanden.«

[Illustration: Abb. 16 =Edelhof Alberode bei Aue=

(Nach einer Zeichnung von Frau _Gertrud Hofmann_, Aue)]

[Illustration: =Dorfkirchen in Groß-Storkwitz, Hirschfeld und Lausen=]

Wehrkirchen im Leipziger Land[1]

Von Dr.-Ing. _Hubert Ermisch_, Leipzig

[1] Vgl. hierzu auch: ~Dr.~ Paul Zinck, Dorfkirchen im

Leipziger Land im Kalender f. d. Erzgebirge u. d. übrige

Sachsen. 1919. -- O. Gruner, Die Dorfkirche im Königreich

Sachsen und Beschr. Darstell. v. ält. Bau- und Kunstwerken

i. Kgrch. Sa. Heft 16. Leipzig-Land. 1894.

Wanderfahrten durch das Leipziger Land haben ihre eigenen Reize. Dem

sehenden Auge wird aus dem »öden Einerlei«, wie man es zu nennen

pflegt, bald eine charakteristische Landschaft. Überall offenbaren sich

Naturschönheiten. Allerdings Naturschönheiten anderer Art als wir sie

im Gebirge finden oder an den schönen Hängen der Elbe. Man darf keine

Vergleiche aufstellen und muß die Naturschönheiten der Ebene vielfach

erst recht würdigen _lernen_. Daß wir auf welthistorischem Boden

stehen, daß wir auf Schritt und Tritt erinnert werden an die Stätten

der Völkerkämpfe vieler Jahrhunderte, das erhöht noch die Bedeutung

der Leipziger Ebene. Wir stehen und wandern auf dem Schlachtfelde

Mitteleuropas.

Man wird meinen, auf einem Schlachtfelde sind bauliche Altertümer

wenig zu finden. Um so überraschter ist man über die Tatsache, daß in

der Leipziger Ebene eine reiche Fülle von baulich hochinteressanten

Dorfkirchen zu finden ist.

Wie kommt es, daß der zerstörende Fuß des Krieges an diesen Bauten

vorüberging ohne sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Einmal

verdanken wir das der massiven Bauart der Kirchen. Sie sind aus

Feldsteinen oder aus verputzten Ziegeln gebaut. Dann haben aber auch

die Kriege der Vergangenheit Halt gemacht vor der Heiligkeit der Kirche

im Gegensatz zu den modernen Kriegen. Die Kirchtürme wurden nicht als

wichtige Beobachtungspunkte in die Luft gesprengt. So hat die alte

ehrwürdige Dorfkirche wohl oft ihr Dorf in Flammen aufgehen sehen, sie

selbst blieb aber erhalten. Ich möchte die Buschnaukirche bei Rackwitz

erwähnen. Sie liegt einsam auf ihrer Höhe zwischen den Kornfeldern.

Das Dorf, das zur Kirche gehörte, verschwand vom Erdboden, das

Kirchlein überdauerte die Jahrhunderte bis heute. Die Buschnaukirche

ist allerdings eine Ausnahme, im allgemeinen wurden die Dörfer wieder

aufgebaut, wenn sich die Kirche erhielt. Oft brannten die Kirchen aus,

aber das Gehäuse erhielt sich. So sehen wir im Gegensatz zu andern

deutschen Landschaften nur wenige Kirchen mit barockem Äußeren, aber

viele, die in ihrem Inneren barocken Ausbau erhielten. Der äußere Bau

ist meist noch der alte, schlichte, romanische, der in der gotischen

Stilepoche vielfach ausgebaut oder durch Anbauten erweitert wurde.

[Illustration: Abb. 1 =Kirche in Thekla= (Phot. _Rob. Liep_, Leipzig)]

Die meisten Dorfkirchen im Leipziger Land liegen auf einem _Hügel_, an

seinem Hange das Dorf. Kirche und Dorf werden in verschiedenartigste

Beziehung zueinander gebracht. Bald beherrscht die Kirche den

Dorfeingang wie in Althen, bald überragt sie inmitten der Gehöfte

liegend, das Dorf, wie in Panitzsch. Die Lage der Kirche auf einem

Hügel erklärt sich dadurch, daß die ersten Kirchen gleichzeitig mit den

ersten Kolonistendörfern in der von Slawen bewohnten Ebene entstanden.

Man war in Feindesland. Die Kirche mit ihrem von Mauern umfriedeten

Kirchhof war eine dörfliche Burg, der letzte Zufluchtsort der Ansiedler

im Kampfe um ihr Dorf, und der Turm der Ausguck in unruhigen Zeiten.

Die Kirchenglocke wurde zur Sturmglocke, wenn Gefahr im Verzuge, so

wie noch heute die Glocke bei Feuersnot ihren Ruf erschallen läßt.

Wir haben es also mit Wehrkirchen zu tun, aber anders geformten

als die bekannten von Großrückerswalde und Lauterbach. Ich möchte

sagen, daß die Wehrkirchen im Leipziger Land noch ausgesprocheneren

Defensivcharakter haben, als die genannten beiden. Wie bei der Burg der

Burgfried, so ragt hier der Kirchturm gedrungen, trotzig und fest über

Kirche und Friedhof. Betrachtet man die Türme, so sieht man, daß die

Öffnungen auf das allernotwendigste beschränkt wurden. Mauerschlitze,

durch die die Armbrust ihre Geschosse senden konnte. Spätere

Toreinbauten, zum Teil erst aus dem neunzehnten Jahrhundert, haben

leider dieses burgartige des Kirchturmes vielfach zerstört. Zumeist

liegt der Turm an der Westseite der Kirche, seltener an der Ostseite

über dem alten romanischen Chor. Man wird sich die Entwickelung dieser

Kirchen wohl vielfach so zu denken haben, daß zunächst eine Kapelle

erbaut war und getrennt davon ein Glockenturm. Zwischen beide schob

sich dann das Langhaus als Laienhaus. Aus dieser Entstehungsart wäre

auch die eigenartige Tatsache zu erklären, daß so manche der Kirchen

schiefwinklig ist, die Längsaxe zeigt einen Knick. Da der Chor stets

nach Osten gerichtet ist, so ergibt sich, daß die beiden Langseiten

nach Süd und Nord zu liegen. Sie wurden nicht einheitlich mit Öffnungen

durchbrochen. Der praktische Sinn unserer Altvordern ordnete an, daß

die kalte, dem Wetter ausgesetzte Nordseite nur kleine Fensteröffnungen

bekam, während man nach der Südseite durch hohe Fenster und das

Eingangstor der wärmenden Sonne möglichst viel Einblick gewährte. Denn

eine andere Heizung als die Sonne gibt es meist heute noch nicht in der

Dorfkirche. Die modernen Kirchenneubauten nehmen natürlich hierauf

keine Rücksicht, die Zentralheizung ersetzt ja, so meint man, die

Sonnenheizung. Ja hätte man geahnt, daß die Zeiten einmal so schwer

werden könnten, daß man für die Heizung der Kirchen so gar keine

Kohle zur Verfügung hat! Heute hält man es für eine architektonische

Notwendigkeit, das Hauptportal gegenüber dem Chor zu setzen.

[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Thekla=

(Phot. _Ernst Hugo Schulze_, Leipzig)]

[Illustration: Abb. 3 =Kirche in Panitzsch= (Phot. _Rob. Liep_,

Leipzig)]

[Illustration: Abb. 4 =Kirche in Großgörschen=

(Phot. Hofrat _Drechsler_, Leipzig)]

[Illustration: Abb. 5 =Kirche in Beucha= (Phot. _A. Wiese_, Dresden)]

Die Grundrißformen sind sehr verschiedenartig, von der alten

Rundkirche, wie in Knautnaundorf zu sehen -- allerdings nur in Resten

-- bis zur langgestreckten gotischen Hallenkirche. Das Übliche ist ein

romanischer Kern. Der Chor vielfach mit Koncha davor, ein rechteckiges

Langhaus und Westturm, wie wir ihn schon in seiner Entwicklung

beschrieben haben. Dieser Kern wurde in der Zeit der Gotik meist

verändert. An den rechteckigen Chor baute man einen im halben Achteck

oder Sechseck geschlossenen wesentlich tieferen, der mit reichem

Netzgewölbe auf Rippen überdeckt wurde. Der im Spitzbogen geformte

Triumphbogen trennt den neuen Chor vom alten romanischen Langhaus. Der

romanische quadratische Chor wurde dann gleichfalls mit in das neue

Gewölbe einbezogen. In andern Fällen, wo, wie in Großpösna, über dem

quadratischen Chor, an den sich die Koncha anschließt, der Wehrturm

sich erhob, fügte man in den Turmteil ein Netzgewölbe ein und erhöhte

so die Wirkung des Chores. Im allgemeinen ist das Langhaus flach

gedeckt. Die Decke war mit reichbemaltem Holzwerk und Felderteilungen,

mit Bildern und bunten Kanten ausgebildet, meist in Formen aus der

Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege uns überliefert. Dieser Zeit

gehören auch die oft noch erhaltenen ein- oder auch zweifachen

Emporen an. Leider hat eine Zeit, in der man es für Pflicht hielt,

alle Stilwidrigkeiten aus den Kirchen zu verbannen, diese schönen

echt bäuerlichen Malereien zerstört und an ihre Stelle die glatte

Putzdecke oder einen farbenarmen Ölanstrich gesetzt. Man bedachte

nicht, daß meist die Farbe allein die Stimmung in diesen einfachen

Kirchen ausmacht. Heute sind uns die wenigen Dorfkirchen, in denen sich

die alten Malereien erhielten, weil die Gemeinde kein Geld zu einem

»stilreinen« Umbau hatte, die schönsten Farbenbeispiele für die moderne

Ausmalung einer Dorfkirche. Und die Dorfkirche war von jeher auf

Farbigkeit gestimmt. Das beweisen am besten die vielen erhaltenen Reste

der bunten geschnitzten Altarschreine, die in der Hauptsache aus der

Zeit um 1500 stammen. Daß uns so viele noch erhalten sind, verdanken

wir der Denkmalpflegetätigkeit des Sächsischen Altertumsvereins, in

dessen Museum in Dresden (Palais im Großen Garten) die besten Stücke

verwahrt werden. Wieviel mag wohl an den Kunsthandel verkauft und in

alle Welt verstreut worden sein, ehe die Denkmalpflege eingriff? Die

Kirchgemeinde wird erst dann die Tätigkeit des Altertumsvereins recht

würdigen lernen, wenn einmal die Zeit kommt, wo die Kirche im Sinne der

modernen Denkmalpflege erneuert wird und dann in den neu hergestellten

Raum der alte Altar in aller seiner Schönheit an seinem Ursprungsplatz

zur vollen Geltung gebracht wird. Damit soll aber nicht gesagt werden,

daß man die reizvollen barocken Altaraufbauten verschwinden lassen

soll, daß man die typische Anordnung der Kanzel über dem Altar, ein

Charakteristikum der Dorfkirchen im Leipziger Land, aufgebe. Das wäre

zweifellos falsch. Aber dort, wo ein Altaraufbau des neunzehnten

Jahrhunderts in mehr oder weniger mißverstandener Gotik sich erhebt,

soll man ihn zugunsten der alten Altarschreine beseitigen, wenn eine

Erneuerung des Kircheninnern vorgenommen wird. Der Altarschrein oder

seine Trümmer, denn solche sind es ja leider vielfach nur noch, werden

sich oft auch als vorzüglicher Schmuck der Wände im Chor oder Schiff

verwenden lassen. Auch Betpulte und Taufbeckenhalter in Gestalt von

barockgeformten Engeln oder Adlern wird man oft auf den Kirchböden

finden und mit Erfolg im erneuten Inneren wieder verwenden können.

Alles wird dazu beitragen in unsere durch die Stilreinigungswut des

neunzehnten Jahrhunderts verödeten Kirchenräume wieder Leben und Farbe

zu bringen. Wie die Altarschreine auf den Kirchböden, so sind die alten

romanischen Taufsteine auf den Friedhöfen oder in Pfarrgärten in der

Verbannung. Schwere, wuchtige, granitne Becken, denen man ansieht, daß

sie viel erlebten. Erlöst sie aus ihrer Verbannung. Wie vielen von

unsern Altvordern mögen sie das Taufwasser gespendet haben! Hat man

bessere, künstlerisch wertvollere Taufbecken an ihre Stelle gesetzt?

Geht hin und urteilt selbst!

[Illustration: Abb. 6 =Kirche in Wahren=

(Phot. Hofrat _Drechsler_, Leipzig)]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 7-9 · 第 1 / 5 段