Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die
Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit
Jubel angenommen wurde.
»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie
hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor.
Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung
fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren
berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im
Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über
die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der
Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den
Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich
ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu.
»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich
vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz.
»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals,
als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber.
»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,«
bemerkte Stiller.
Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen
in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer.
»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich
stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund
Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,«
lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie
früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber
Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns
wiedergeschenkten Freundes leeren.«
Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte
langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe
sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da
begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen.
»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher
eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber.
»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller.
»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte
Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken
lauten Willkomm bieten.«
»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber.
Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es
. . .
Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im
Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden
Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die
da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des
Landschaftsbildes still genossen.
»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und
machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer
feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller.
»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,«
äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute
fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.«
»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am
liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem
Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.«
»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang
und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich
verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller.
Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da
durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche
Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied:
»Des Vaterlandes Gruß.«
Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen
Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten.
Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte,
unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald
entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein
Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der
Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts,
der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender
Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.
Zwölftes Kapitel.
Fromme Wünsche.
Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den
Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten,
saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem
Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die
Presse sollte es leider nicht abgehen.
Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine
Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den
Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen
Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher
gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann
zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist
selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten
die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst
vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern
gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen
Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte.
Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man
sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen.
Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er
seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion
erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein
vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das
sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch
nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen
Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt
sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland
vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen
wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der
Artikel.
Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar
nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten
Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den
Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.
»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das
Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine
besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt
doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen
bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu
sein.«
Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man
zertreten sollte,« schimpfte er.
»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,«
antwortete Stiller.
»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.«
»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen
Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es
tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser
fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier
gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.«
»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde
als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die
Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit
kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.«
»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller.
»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum
Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit
von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und
Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des
Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte
fort, Fridolin,« bat Stiller.
Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre
auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien,
wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten
Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die
Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm
zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und
Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem
Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle
dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem
Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.
Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser
gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.
»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle
aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir,
Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor
wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem
selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte
Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.«
»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber.
»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen
Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!«
Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit
mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem
Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch
von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller
begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm
gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie
Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle
getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter
Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf
das günstigste aufgenommen worden sei.
»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst
zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich
eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem,
ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten,
besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten
Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat
der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte.
Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug
in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem
Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt
in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das
ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug
durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch
auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal
eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die
Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend
kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in
der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte.
In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem
Wasen abgesetzt.«
Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung
beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten
Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten
der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem
Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben,
nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich,
unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt,
der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten
lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst
vorzeitig in die Grube gefahren.
Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort
und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und
den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge
aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die
ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um
alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter
Weise zu leben.
Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem
engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem
Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur
Angliederung anziehen werde.
Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem
Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen
Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von
zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu
sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und
Adolf Blieder.
»So, so, die sind es, die Pfuscher am »Weltensegler« von ehemals,« bemerkte
Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte.
»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor
euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart
sagen, was sie von mir wollen.«
»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie
eintreten.«
Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich
sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten
Stiller freundlich.
»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz,
der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller
vor.
»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz
verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ.
»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller.
Die Herren folgten der Einladung.
»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das
Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf
deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.«
»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht
auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber
Blieder,« korrigierte Stiller.
»Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?«
»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd.
»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe.
»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz
wegen rechte Sorgen.«
»Wieso?« fragte Stiller erstaunt.
»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige
Sache.«
»Eine Änderung?«
»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des
Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.«
»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?«
»Ja!«
»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller.
»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder.
»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte
Piller nicht ohne Hohn.
»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es
handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die
einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach,
wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein
verändertes und unschönes Aussehen zu geben.«
»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob.
»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel
fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag
dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht
lebhafte und unangenehme Debatten.«
»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller
lächelnd.
»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.«
»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller.
»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit.
»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones.
Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der
beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken
verloren.
»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um
Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger
Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht
gehen?«
»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es
getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir
jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen
zu sein.«
»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten
Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen
Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies
ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fünfzehn Jahren
erlebt, nicht wahr?«
»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.
»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus
Stiller,« rief Piller.
Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf
Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem
spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten
sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.
»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,«
äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten.
»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den
Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.«
»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen.
»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit
paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und
Blieder nicht gänzlich frei.«
»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht,
darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend
für uns.«
Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben
aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der
Graf von Neckartal.
»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter.
»Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten
Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum
Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte
der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus
eintretend.
»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich
bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort,
als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die
Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter
hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei
wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen!
Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im
ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.«
»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas
vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle
Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.«
»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch
hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes
von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden.
Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten
Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den
Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese
merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.«
»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich
habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des
Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.«
»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug
bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt
wurde.«
»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz.
»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt
komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf
fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die
Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das,
was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls
Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde
gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.«
»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,«
antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?«
»Um acht Uhr in der Liederhalle.«
»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?«
»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem
Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.
»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für
Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal.
»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine
Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war.
»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz
lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine
Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen
gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären
übrig.«
»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit
entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans,
ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach
augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun
laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur
streifen!«
Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich
bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn
Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts
bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen
empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem
Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen.