Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer

scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels.

Nun erhielt Frommherz das Wort.

»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an.

»Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir

geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren

gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie

von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht

begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die

mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei

etwas weiter ausholen.

Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität

in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und

treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu

unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in

ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer

Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes

Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine

Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein

künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen

Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden

individuellen Selbständigkeit.

Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des

Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger

wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge

wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute

gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.

Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten

Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit

für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper

und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der

Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur

unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es

wahrscheinlich auch noch heute ist.

Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen

Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des

Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war

unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter

Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr,

und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren

Willen, zurück.

Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip

des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es

verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine

gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten

Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt.

Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und

körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich

selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem

Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche

Rolle spielt.

Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der

Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl

aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare

Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem

Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und

Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und

gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die

Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet.

Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf

dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die

mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen,

egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den

Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So

entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder

vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu

arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich

frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir

oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens,

der Nächstenliebe.

Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren

Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit

das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral

auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden,

dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen

liegt.

So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund

mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den

Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung

des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.

Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die

Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche

Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich

achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen

Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet

hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz

gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig

merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden,

die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.

Anmerkungen zur Transkription

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Vom Mars zur Erde · 第 10 / 10 段