Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes
auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen
Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen
Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte
sich in drohendster Weise.
»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob.
»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel.
Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des
Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er.
»Also nochmals, woher kommen Sie?«
»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd.
Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen.
»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,«
mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des
Gelehrten in das Verhör.
»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann
etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser
Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein
finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens.
»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter.
»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!«
»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre
Ausweispapiere?«
»Ich führe keine bei mir.«
»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir
zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad.
»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem
grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch
so recht heimatlich.
Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung
Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines
Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig
gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.
»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor
sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer,
verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.
»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil
schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem
Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.«
Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in
aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der
Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke
begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen
haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.
Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren,
blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der
Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit
war, das Verhör begann.
»Ihr Name?«
»Fridolin Frommherz.«
»Geboren?«
»26. September 19 . .«
»Wo?«
»In Cannstatt.«
»Beruf?«
»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.«
»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit
entsprechende Angaben zu machen.«
»Für mich ganz selbstverständlich!«
»Letzter Aufenthaltsort?«
»Lumata.«
»Lu--Lu--Lu--ma--mata?«
»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz.
»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?«
»Auf dem Mars.«
»Mars? Was ist denn das für ein Land?«
»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer
von ihr entfernt.«
»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr
Grobschmiedle auf.
»Durchaus nicht, mein Lieber.«
»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissar.
»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.«
»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann
Dietrich ein.
»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen
Untergebenen an.
»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz.
»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär
zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben
sich dementsprechend zu benehmen.«
Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln.
»Warum lachen Sie?«
»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr
als vierzehnjähriger Abwesenheit.«
»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die
Bemerkung Frommherz' zu beachten.
»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.«
»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die
Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre übrigen
Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.«
»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre
Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte.
»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?«
Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich
Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.
»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in
Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit.
Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf
ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen.
Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die
Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper
empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit,
ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an
Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur
umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen,
sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich
aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden
kann.«
Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da
hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt.
Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine
kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter
dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär
erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete
Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an
manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und
äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene
Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten
ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten
eingetragen.
Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel
stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen
konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht
einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.
»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,«
erklärte er endlich nach längerer Überlegung.
»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche
zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,«
entgegnete Frommherz bestimmten Tones.
»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?«
»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte
seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke
aufbewahrt hatte.
»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle
auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden
erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu.
Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier:
»Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier
gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen
befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend.
Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten.
Herzlichen Freundes- und Brudergruß
Fridolin Frommherz.«
»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär.
»Ich habe noch eine kleine Bitte!«
»Was soll's sein?« brummte der Beamte.
»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen
gestatten?«
»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche
gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des
Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte.
Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes
frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen
verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren
gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein
Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat
hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde
hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller.
»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner
Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll
freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen.
Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten
Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über
den seinem Freunde angetanen Schimpf.
»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich
geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?«
wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!«
»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu
entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber
Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden.
»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann
gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte,
der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde
zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre
hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller
heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann
wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche
steht!«
»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine
Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen
über die Sache.«
»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und
verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller.
Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete
erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat
und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da
schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig
zugänglichen Polizeibeamten.
»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller.
»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz.
»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und
besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an
dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter
Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller.
»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd.
Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts
schönsten Ort.
Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in
ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der
Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe
von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge
gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt
worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder
entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es
hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch
zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das
Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte.
Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten
Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches
Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei
gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten
Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen
den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte
Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne.
Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal
niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von
neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbürgermeister von
Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um
Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen
und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.
»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir
würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen
haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige.
»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr
meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und
Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir
schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft
anzuzeigen.«
»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es
gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz,
Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes
unverhoffte Rückkehr.«
Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.
»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der
Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser
Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.«
»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen.
»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig
miteinander sprechen.«
»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun
auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für
die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren
damit einverstanden.
»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,«
erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr
ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten
wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was
machen Hämmerle, Thudium und Dubelmeier?«
»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber.
»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!«
»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde
des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte
Stiller.
»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich
oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller.
»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das
gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug
mit aller Sicherheit landen konnte.«
»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?«
»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans
Neffe.«
»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der
Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner
weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten,
woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten
fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große
Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden
Verschwinden!« urteilte Piller.
»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt,
gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz
seine Begleiter.
»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber.
»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete
Frommherz.
»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,«
fügte Stiller hinzu.
»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt.
»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von
Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und
wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung
schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller.
Die Herren lachten.
»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde
Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.«
»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber.
»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.«
»Nur?«
»Lange genug, trotzalledem.«
»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem
Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen,
und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen.
»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?«
fragte Stiller herzlichen Tones.
»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu
bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit,
Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden,
wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein
werden.«
»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns
danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller.
»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben
seid.«
»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer
Meinung,« entgegnete Brummhuber.
»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer,
veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen,
schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund
Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch
zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem
ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu
dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem
gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern,
daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch
beging, wieder gut zu machen suchte.«
»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der
Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt
hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.«
»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß
Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu
eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der
schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.«
»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber
ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für
immer hier unten bleiben müssen.«
»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber
ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist,
wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war
schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir
ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht
genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen
befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz.
»Das stimmt,« bestätigte Piller.
»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars
Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar
trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes
nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als
alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke
selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz
der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer
Freunde.«
»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in
Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes
Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene
unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch
atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen
Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige
Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller.
Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es
möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben
scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die
wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die
mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen
vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und
auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.«
Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte
er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne
niemals gehört.
»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars
in dieser Richtung etwas gebessert,« erklärte Stiller, der den erstaunten
Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte.
»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber.
Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger
anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an
ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier
Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die
Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs
zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun
Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.
»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere
Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller.
»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,«
lobte Frommherz.
Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an
Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab.
»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller.
Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite
Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die
weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger
anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen
Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen
die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den
Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der
blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die
Hand.