»Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber

Brummhuber,« erwiderte Stiller sanft.

»Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!« schrie Piller, dessen

Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. »Ich sage

euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen

im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich

hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich

interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der

Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.«

»Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,«

lachte Brummhuber. »Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige

Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn

der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?«

Der Angeredete nickte lächelnd.

»Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,«

erwiderte Piller finstern Tones.

»Mühevoll ist sie, gewiß,« bestätigte Stiller. »Fridolin wird aber ohne

Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer

langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.«

»Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,« knurrte Piller.

»Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen

Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir

scheint.«

»Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,« spottete Brummhuber.

»Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller,

bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle

genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.«

»Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,« antwortete

Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte,

den gewünschten Wein herbeizubringen.

Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten

Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine

Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen

feingeschnittenen Kopf.

»Eran, nur etwas verjüngt,« rief Piller, als er seinen Freund in dieser

Beleuchtung erblickte.

»Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,«

bestätigte Brummhuber.

»Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen

Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,« entgegnete Stiller ernst:

»Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter

geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und

fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit

tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du

könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola

eintreten.«

»Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,« fügte Piller bei.

»Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der

Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre

der Erfüllung nahe,« sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.

»Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?« polterte Piller.

»Nein,« entgegnete Stiller ruhig, »dafür aber hier der gewünschte Wein,«

als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen

Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend.

Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt

waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: »Weihen wir den ersten Schluck

der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des

Antrittes unserer Weltenreise.«

Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem

Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief:

»Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem

Planeten voll Licht und Freude.« Wieder leerte sich Pillers Glas.

»Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein

Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,« sprach Brummhuber.

»Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Sünde sei hiermit in Gnaden

verziehen,« erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas

austrank.

»Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?«

schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um

sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen.

»Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,«

versicherte Brummhuber. »Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt,

jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß

er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.«

»Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?« fragte Stiller.

»Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch

besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur

Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.«

»Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde

einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr

entworfen haben,« knurrte Piller.

»Ja, wir malten recht düster damals in Angola,« warf Brummhuber ein.

»Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir

den edlen Marsiten schuldig,« bemerkte Stiller.

»O Angola!« seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. »Doch was nützt

die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!«

»Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir

geblieben ist,« verwies ihn Stiller.

»Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund

Siegfried,« bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.

»Immer derselbe!« tadelte Brummhuber. »So treibst du es an jedem siebenten

Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.«

»Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig

verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann

auch ich mit dem Dichter sagen.«

»Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und

eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum

grano salis gelten lassen,« entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und

die Klingel ziehend.

»Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,« lobte

Piller.

»Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!«

»Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt

der edle Wein mein ganzes Ich.«

»Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen

Betonung mehr.«

»Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.«

»Hoffe es auch sonst immer zu sein.«

»Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.«

»Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.«

»Friede, meine lieben Freunde, Friede!« mahnte Stiller.

»Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese

hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume

dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt

versöhnungsvoll,« entgegnete Piller.

»Du bist und bleibst der Alte,« erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die

Schulter.

»Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!«

»Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,« versicherte ihm Stiller.

»Auch mir,« fügte Brummhuber fröhlich bei.

Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten

zu werfen.

»Soll ich Licht machen?« fragte Stiller seine Gäste.

»Nein, noch nicht!« bat Brummhuber. »Es läßt sich in der Dämmerstunde so

hübsch träumen.«

»Und auch plaudern,« warf Piller ein. »Ich bewundere immer von neuem wieder

dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du

selbst.«

»Wie meinst du das?«

»Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.«

»Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so

wohl geborgen wie auf dem Mars,« bemerkte Brummhuber.

»Für uns das Angola Schwabens,« fügte Piller bei.

»Ihr übertreibt, beste Freunde,« erwiderte Stiller heiter. »Und doch freuen

mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne,

poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große

Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!«

»Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,« antwortete

Piller trocken.

»Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,« entgegnete

Stiller.

»Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem

Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends

in dem Palaste der Weisen in Angola?«

»Ja, noch sehr gut,« erwiderte Stiller leise.

»Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher

gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese

mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr

hast du recht gehabt!« Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des

Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.

»Mein lieber Freund, steht es so mit dir?« Stiller war, überrascht durch

diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf

ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend.

»Mein treuer Gefährte,« sprach er sanft, »du leidest ja auch an Heimweh

nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch!

Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten

verfolgen.«

»In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche

und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der

Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals

erfunden werden dürfte,« antwortete Piller gereizt.

»Denn die Dummheit währet ewiglich,« fügte Brummhuber hinzu.

»Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?« fragte Stiller. »Dir,

Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet

werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige

Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.«

»Sehr wahr!« warf Piller ein.

»Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie

von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der

Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese,

bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die

naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird

sich der Dumme breitmachen können.«

»Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale

entfernt.«

»Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen,

so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest.

So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der

Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste

benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der

härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben

Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir

da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System

alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest

verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine

herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen.

Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein

Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache

muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine

Zeit kommen, -- dies ist meine feste Überzeugung! -- die in ähnlicher Weise

das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen

gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu

seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines

wirklichen Menschen Anspruch erhebt.«

Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden

Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war

auch in dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen.

»Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?« fragte Brummhuber, der

zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs

Fenster geworfen hatte.

»Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,« rief Piller, der dem

Beispiele Brummhubers gefolgt war.

»Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der

Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein

Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu

betrachten.«

»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderten die Freunde wie aus einem Munde.

»So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon

seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.«

Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das

große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen

Weltkörpers begann.

»Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?« fragte Stiller seinen Freund,

nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen.

»Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich

bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.«

»Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?«

»Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig

die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das

existierte doch noch nicht, als wir oben waren.«

»Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für

dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.«

Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.

»Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob

die Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen

wären,« äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung.

»Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme

Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf

dem Mars besprechen.«

In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes

Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu

gemütlicher Plauderei zurück.

»So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,«

bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend.

»Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,« bemerkte Brummhuber.

»Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer

Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen

Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.«

»Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?« warf Piller

überrascht ein.

»Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine

möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.«

»Und hast du sie gefunden?« fragte Brummhuber.

»Ich glaube, ja!«

»Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.«

»Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß vom

Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu

große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort

oben verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener

Anschauung kennen gelernt haben.«

»Immer derselbe bescheidene Mann,« brummte Piller. »Doch, bitte, fahre

fort.«

»Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind

neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als

überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles

ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf

dem Mars tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der

Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit

wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.«

»Alle Wetter, du magst recht haben,« erwiderte Piller. »Ich empfinde

aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die

Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich

die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben?«

»Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars

selbst gehört habe,« antwortete Stiller.

»Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir

geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit

aller ausgeführt worden sein,« äußerte sich Brummhuber.

»Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von

dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine

Wohl ausführen.«

»So ist es, wie du sagst, Stiller,« bestätigte Piller.

»Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,« lachte Brummhuber.

»Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.«

»Wer weiß?« entgegnete Stiller. »In der strengen Arbeit liegt der Segen.

Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und

Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern

Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den

stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen

konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar

geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen

Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten

vermag, muß aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein

Vorbild für uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden?«

Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig

schneuzen. »Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,« knurrte er.

»Hältst du dich vielleicht für einen?« fragte Brummhuber spottend.

»Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!«

»Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,« bemerkte Stiller. »Das

Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es

dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis

der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung

unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir

des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben,

bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen

Vervollkommnung.«

»Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir

für heute wenigstens den letzten Trunk!«

»Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag

ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.«

»Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,« lachte Piller fröhlich, als der Wein

vor ihm stand. »So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich

schlürfen. Prosit!«

Elftes Kapitel.

Wieder auf der Erde.

Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume

und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales.

Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll

Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des

östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken

begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen

da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied;

die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander

zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft

die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben

plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ.

Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig

gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals

vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu

zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des

Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte

meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige

Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung

durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden.

Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus,

war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt

worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer

Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das

Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im

Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken.

Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem

sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte.

Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend,

die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte

gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der

sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen

Eisengitter umgeben war.

Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene

Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den

Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken

stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die

eingemeißelten und vergoldeten Worte:

ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE IN IHREM ERFOLGE

EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS

DANKBARE VATERLAND.

Auf der zweiten Seite war zu lesen:

VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN

MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D.

DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ.

Die dritte Seite trug die Mitteilung:

NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM

MARS KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT

ZURÜCK. OKTOBER A. D. 19 . . .

Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die

Rede. Frommherz las:

ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT, FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER

SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ.

»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz

vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet

hatte.

»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens

vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind.

Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.«

Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl

Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren

und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare

Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte?

Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu

fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück.

In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen

ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg

und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem

Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben

gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung

in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten

menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er

sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos

daherschreitenden Frommherz.

Vom Mars zur Erde · 第 7 / 10 段