abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner
dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme,
andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff.
Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen
das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte
man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe,
aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es
waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar,
das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige
im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen.
»Wo sind denn ihre Wohnungen?« fragte Fridolin. »Vergeblich schaue ich nach
Häusern aus.«
»Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen
Öffnungen?« rief Uschan. »Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von
Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen
Eroswinter errichtet.«
»Also bloß Höhlenbewohner,« sagte Fridolin im Tone des Bedauerns.
»Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit
seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt,
daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn
die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht,
ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen
Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen
Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du
dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und
etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?«
Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff
wieder zum Steigen.
»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,« sagte er, »und wollen diese
armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im
Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung
zu stehen.«
»Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der
gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,« rief Fridolin
Frommherz begeistert.
»Nein, lieber Freund,« sagte Sirian, »du irrst dich; unsere Höhe werden die
Erositen nicht erklimmen.«
»Wie?« fragte der Erdensohn erstaunt, »ist es möglich, daß du Wesen, die
schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der
Weiterentwicklung absprichst?«
»Das tue ich nicht,« erwiderte Sirian; »ich denke nur, daß es unsern
Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird
seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend
Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft,
verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann
Eros seine Bahn um das ewige Licht.«
Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine
Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben
verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu
entwickeln!
Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und
schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu.
Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre
der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf
in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel
plötzlich vom wachenden Uschan geweckt.
»Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,« sagte er. »Zwar ist
er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel
des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden
suchen.«
Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke.
»Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!« rief er, mit aller Macht das
Steuer rückwärts drehend. »Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner
gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!«
Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung
befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend
Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand
nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen,
verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die
Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom
Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in
nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende
Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von
Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke
nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß
erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft.
»Es wird nichts mehr nützen,« murmelte er dabei, »selbst wenn jetzt das
Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von
der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden --
sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später
verschlingen.«
Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des
marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt
hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen.
In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem
in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten
den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und
erloschen.
Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden,
daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst
marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu
versagen drohten.
Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm
begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die
Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel
seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.
Neuntes Kapitel.
Eine Station auf dem Monde.
»Wir haben Glück,« sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen
Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, »denn der Mondtag neigt
sich seinem Ende zu.«
»Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?« fragte Fridolin
Frommherz.
»Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.«
»Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags
angekommen wären?«
»Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage
bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige
Mondnacht!«
Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche
überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen
schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des
Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte
strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen
hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze
Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz
erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen,
aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da
türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler,
übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz
und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen
nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser,
nach einer Spur von Grün.
Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit
landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs
eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste,
glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine,
dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum
Halse, wo sie fest geschlossen wurde.
»Wozu das?« wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft
zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den
Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen.
Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch
schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig
sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da
bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung
noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten
verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine
Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge,
die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte,
eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um.
Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos,
darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum
zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von
glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten.
Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am
Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus
gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet!
»Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage
sichtbar!« sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre
Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die
eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war
Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein
Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte
kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die
Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der
Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad.
»Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?« fragte der
Erdensohn.
Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und
photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar
nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich
nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er
auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite
wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis
seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er
freundlich:
»Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?«
»Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt
ist; aber keiner von euch antwortete mir.«
»Weil wir deine Frage nicht hören konnten,« sagte Zaran lächelnd.
»Ihr konntet nicht?«
»Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und
wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.«
»Selbstverständlich!« sagte Fridolin Frommherz; »das kam mir augenblicklich
gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.«
»O ja,« lächelte Zaran, »durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich
langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich
meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin
eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist
aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die
Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft
beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist,
die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch
Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem
Mangel an Luft.«
Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der
Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben
der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so
heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein
Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod
überall.
Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den
nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es
war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend
Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne
Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der
höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie
leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern,
beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in
kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne
Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die
mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen
hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer
aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war
ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so
viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu
leicht.
Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen
Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da
gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine
dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten
Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!
Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer
durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von
Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte
hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher
schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr
zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich,
ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang,
war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem
Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne
zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so
wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der
Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.
Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine
Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die
Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung
zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde.
Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein --
ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten
so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat.
Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch
fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim
Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die
gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die
Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige
Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen
oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder
vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In
einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der
Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen,
über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner
Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen.
Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der
Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen
gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das
Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das
Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit
einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an
schwere Gegenstände an.
»Was ist das?« fragte Fridolin Frommherz erschrocken.
»Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche
Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in
schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir
Marsiten es noch nie erlebt haben.«
Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes
plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt
zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein
fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz
erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren
Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.
Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische
Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn
Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über
seine Hände.
Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten
die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters.
Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten
Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis
der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die
Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem
Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen.
Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die
Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel
in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die
sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht
werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.
»Sieh, mein Freund,« sagte Sirian zu dem Erdensohne, »du hast in den
vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein
einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen
kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch
was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese
herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers
bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr
bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die
durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und
Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen
Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem
zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser
Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.«
Fridolin Frommherz nickte.
»Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft,
den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit
ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.«
»Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und
es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es
jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht
nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft
verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen.
Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr;
andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. --
Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt!
Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten
Atmosphäre.«
Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim
ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.
Zehntes Kapitel.
Die drei Freunde.
Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres
Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es
waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum,
die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft
feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren
Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige,
idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars
hatten führen dürfen.
Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die
Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem
Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit
abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur
nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der
Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus
sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich
für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein
merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu
bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte
Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die
hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu
tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das
Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu
blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum
noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es
ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr
verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars
ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt
worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren
die gelehrten »Weltensegler« wieder einmal Gegenstand allgemeiner
Huldigung.
Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise
der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche,
brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als
ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger
verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die
sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung
zu tragen.
In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit
ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch
nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise
gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der
Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph,
und Parazelsus Piller, der Arzt.
In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei
Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses
beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg
bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort
waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so
behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine
tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen
Gedanken beschäftigt.
»Was wohl Fridolin Frommherz macht?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen
Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel
betrachtete.
»Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,« entgegnete Stiller
lächelnd.
»Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,« warf
Brummhuber ein.