eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum
erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die
exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb
der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen
zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester,
komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen
Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung,
teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im
Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null
geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die
Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die
praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an
den Wänden untergebracht.
Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars
eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die
sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung
mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es
den Namen »Fridolin Frommherz« tragen.
Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt
worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der
Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der
Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran,
Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug
sollte am fünfunddreißigsten Tage der »Zeit der Ruhe« angetreten werden.
Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar.
Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von
allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel
wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der
Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu
bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen
verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann
erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen
Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine
nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen
bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten
kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen
Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung
widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem
ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner
Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst
geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die
Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten.
Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin
Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und
Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie
vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung
an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig
aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit
fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf
Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt.
Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.
Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all
ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus
vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und
doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren
Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder
erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben
festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem
Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg
würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen.
In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück,
um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.
Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal
Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit
dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein
Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine
letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die
Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in
pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem
Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu.
Achtes Kapitel.
Auf der Fahrt im Weltraum.
Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin
Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf
dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt
worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da
verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen
Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und
funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte
bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes
Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände
das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen
in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte
sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden
auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der
vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der
Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.
Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in
Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die
fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete.
Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach
Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen
zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er
naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen
Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie
Zeit in Fülle.
Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal
durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war
die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger
wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die
Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht
hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als
der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die
Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt
gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz
weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender
geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl
auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten
Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte
Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden.
Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben
seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm
größer als einst beim »Weltensegler« zu sein. Durfte er daraus auf größere
Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein
mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick.
»Fehlt dir etwas, Fridolin?« fragte er freundlich. »Gern erfüllen wir deine
Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.«
»Hab' Dank, Zaran!« erwiderte der Erdensohn. »Mir fehlt nichts. Ihr habt ja
so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die
lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter
dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht
genügen.«
»Komm mit!« sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem
sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck
mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da
plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich
erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des
Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem
Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
»Woher kommt das Wasser?« fragte er erstaunt.
»Aus der verbrauchten Luft,« antwortete der Marsite, und als Fridolin
Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: »Siehst du, lieber
Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben
gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser
Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft
erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die
letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem
verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das
zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.«
»Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!« rief Fridolin froh
erstaunt. »Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?«
»Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man
sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge
natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige
mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise
keinen Mangel leiden.«
Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran.
»Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?« fragte
er. »Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.«
Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.
»Nein,« sagte Sirian, »sieh hier hinaus!« Dabei schob er eine am Boden der
Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines,
festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot
sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte
gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune
Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl,
leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß
Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster
abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker
Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder
eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.
»Was macht Sirian da?« fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören,
den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
»Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,« erwiderte dieser ebenso
leise. »Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine
Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer
bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen
Gelegenheit haben.«
»Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?« fragte Fridolin.
»Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir
übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen
wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.«
»So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch
ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?«
»Nein, lieber Freund,« erwiderte Uschan. »Wir haben die strikte Weisung
sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da
sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat.
Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur
ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das
Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.«
Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können?
Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten
Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch
erscheinen.
»Sage einmal, Freund Fridolin,« wandte sich Sirian, der seine
augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, »wie kamt ihr da
unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen
»Mars« zu geben?«
Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
»Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen
sein,« sagte er dann. »Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches
Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in
solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges
formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.«
»Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des
Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung
aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da
Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit
Jahrtausenden schon sind sie überwunden.«
»Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,«
sagte Fridolin, »man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen
gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige
Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.«
* * * * *
Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten
unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine
Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt,
ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen
Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin
Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite
Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit
einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden
zu stiften.
Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und
erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der
Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war.
Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was
gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das
Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff
vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine
Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen --
wer vermochte sich das vorzustellen?
Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
»Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,« sagte er; »es ist
mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.«
Da rief ihn Sirian an das Teleskop.
»Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines
jeden Meteoritenringes.«
Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein
glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit
wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem
sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife.
Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die
noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des
Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob
keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie
leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen
Kometenschweifes sein mußte!
Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter,
nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die
Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians
wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz
vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete
sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der
Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im
schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er
leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch
das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an
andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah --
Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe
es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die
Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes
Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im
Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer
eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen.
Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche
Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen?
»Freund Fridolin,« sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer
übergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel
bequem gemacht, »wir werden in wenigen Stunden außerordentlich
Interessantes schauen.«
»Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch
außergewöhnlicher Reise!« antwortete der Erdensohn fröhlich. »Doch sag mir,
Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine
jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen
berechnet, die mich schwindeln machen?«
»Diesmal ist's keines von beiden,« versetzte der Marsite. »Wir kommen sehr
nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.«
»Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?« rief Fridolin Frommherz
erstaunt. »Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und
Erde die Bahn eines Planeten läge!«
»Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr,
wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.«
»Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen
Mars und Jupiter,« beharrte der Schwabe.
»Im allgemeinen hast du ganz recht,« erwiderte Sirian, »deshalb sind diese
Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser
gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich
sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein
riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in
stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines
jener Trümmerstücke, -- Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren
Himmelskarten, -- dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller
andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne
hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt.
Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen
Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den
wir jetzt treffen werden.«
»Das ist ja eine herrliche Aussicht!« rief der Erdensohn froh. »Aber sag
mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?«
»Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich
halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden
zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde.
Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine
Atmosphäre eindringen.«
»Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?« fragte Fridolin erstaunt.
»Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!«
»Ja,« sagte Sirian, »durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß
nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern
Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der
unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros
nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland,
Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.«
Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich
wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte
den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine
Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre
wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein
undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
»Seht ihr den Dunst und die Wolken?« rief Sirian, der die Steuerung wieder
übernommen hatte. »Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die
Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre
eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!«
Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein
Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der
Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs
viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das
Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch
die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze
einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten
um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken
öffneten, etwelche Kühlung.
»Eine Bergspitze!« rief Zaran plötzlich.
Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel
eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine
Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den
Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so
klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem
hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide
waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß
die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die
Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein
winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während
sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.
»Wie schade,« bedauerte der Erdensohn, »schon Nacht, und wir haben erst so
wenig gesehen!«
»Wir werden nach Osten fahren,« sagte da Sirian, »der Sonne entgegen. Eros
dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fünf Stunden und vierzehn Minuten um
seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden
und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns
noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.«
Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz
neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes
Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide.
Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt,
drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen
Halbkugel nicht vorhanden.
Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.
»Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,«
sagte er. »Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros
bewohnt ist.«