waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die
Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich
früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so
kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden
oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von
Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie
ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber
nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die
Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden
auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da
und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst
leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin,
bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum
Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie
bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank,
leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf
war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf
Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem
Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn
es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren
konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es
flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.
Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten
erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk
fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die
alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich
die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen
Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach
lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die
schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.
Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die
letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr
altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem
Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben,
mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und
sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der
Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten
aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere
Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.
Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben
geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen
Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen
erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf
dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich
erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der
Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die
Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird,
auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile
seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch,
unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen
Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte
Richtung zu geben.
So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner
Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und
wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten
früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit
geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der
gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden,
freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen
Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral
und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem
Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu
lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt
hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums
auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst
gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem
Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu
folgen.
Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an
Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine
vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige
Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes
der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft
entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu
natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola,
um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner
Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.
»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem
Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war
auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als
bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem
Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten
purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem
Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich,
sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende
Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem
Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der
Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur
Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen
Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen
Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine
Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand
sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der
Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.
Sechstes Kapitel.
Ein tapferer Entschluß.
An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in
den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte
sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der
Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch
der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach
Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung
ausgesprochen.
Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des
Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem
ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden
Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit
Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für
besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein
Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede
schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe,
dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun
seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so
unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt:
in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller
Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der
Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre
zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen
Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat
mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer
Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch
entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen
Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des
Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich
vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken
vorhanden sein.
»Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den
Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,« fuhr
Frommherz fort. »Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die
Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich
damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit
begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure
Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer
Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr
meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte
in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr
nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich
nicht zu beurteilen vermag.« Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz
seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört
worden war.
»Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir
wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen
lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,« bat Bentan freundlich.
Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als
er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur
Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie
ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen
Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen
Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale
fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß
er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom
Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den
Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die
an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat
seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie
wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er
sie wiedersehen würde?
In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut
gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die
Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz
nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei
ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der
technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß
er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.
Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch
elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als
er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die
wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang
seiner Sache hoffen.
»Mein lieber Freund und Bruder,« begann Bentan zu sprechen. »Dein
Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise
tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat
uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren,
sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein
Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du
gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und
Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme
der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so
bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde
des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu
uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß
wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an
der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange
vorher bestimmt war.« Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über
Bentans geistvolles Gesicht. »Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne,
die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann
im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von
Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner
Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen
mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft
aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln
seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir
selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf
der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen
unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert
unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund!
Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir
dir stets bewahren werden.«
Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit
erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das
geringste eingebüßt hatte.
»In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem
Luftschiffe angekommen,« sprach er. »Von dort aus haben sie auch, bis auf
Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine
lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die
Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in
Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin
ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.«
»Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,« antwortete der
Gelehrte.
»Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und
die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,« entschied
Bentan.
Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten Male mit
Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola
verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen.
»Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde
überrascht?« fragte er seinen Gastgeber.
»Durchaus nicht!« entgegnete Bentan ruhig. »Ich erwartete die Äußerung
dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen
Augenblick gewählt hast.«
»Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange
Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,« erwiderte Frommherz.
»Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.«
»Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?«
»Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den
richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns
auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter,
fleißiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine
Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit
hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.«
»Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.«
»Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber,
daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon
ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die
möglicherweise erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person
verfügen möchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen.«
»Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber
trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer
Rückkehr gefaßt haben.«
»Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir,
lieber Fridolin,« erwiderte Bentan lächelnd.
»Benta, mein Kind, komm zu uns,« bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf
der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. »Bringe deine Harfe
und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund
Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn
noch durch Musik und Gesang.«
Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach
sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen
Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte
Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang!
Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes
und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der
schwäbischen Erde aus!
Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief
ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. »Lebe wohl, Benta! Nie
werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen
langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge
dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es
verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.«
»Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,« antwortete
Benta herzlich. »Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde
ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen
Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen
Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit
dir! Reise glücklich!« Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war
eilenden Schrittes im Hause verschwunden.
Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er
in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.
»Welch große Freude macht mir dieses Bild,« rief Frommherz beglückt. »Ich
werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.«
»Daran zweifeln wir nicht,« bemerkte Bentan. »Erlaube mir, daß der
Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.« Mit diesen Worten übergab er
seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.
»Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.«
»Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen
früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich
die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche
für dein Wohlergehen begleiten dich.« Bentan umarmte den Erdensohn, küßte
ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.
Siebentes Kapitel.
Vorbereitungen zur Rückkehr.
Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem
alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der
Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem
würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich.
Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der
Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten.
Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der
Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.
Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in
jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu
durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung
bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die
großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars
ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten
Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der
Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.
Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten
Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von
Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von
Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das
fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in
Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste
Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte
schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger
Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm
wohlbekannte Wiese, auf der einst der »Weltensegler«, das Luftschiff, das
ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf
der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt
der Arbeit.
Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der
Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt
waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem
kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln.
Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft,
aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein
Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den
»Weltensegler« bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich
alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen
zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller
Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben,
hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen
können!
Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System.
Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher,
selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim
»Weltensegler« und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie
alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht
gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die
in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte
weit in den Schatten stellten.
Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe
wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen
dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum,
der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des
Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen
und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung
entgegenwirken sollte.