»Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den

Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der

Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als

Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung

empfinde.«

»Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und

rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta

will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die

Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden.

Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon

gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.«

»Wie gern würde ich warten,« warf der Gelehrte ein.

»Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten

wählen.«

»Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,« seufzte Frommherz.

»Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und

verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes.

Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über

deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.«

»Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,«

erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.

»Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung

wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir

sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese

Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.«

»Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta

über das, was ich dir vorgebracht.«

»Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den

harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern

mich auch fernerhin an ihm erfreuen.«

»Ich danke dir,« erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten

Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die

Rechte entgegen, die Bentan innig drückte.

Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner

ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen

geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der

Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.

Fünftes Kapitel.

Die Doppelkanäle auf dem Mars.

Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch

behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste

erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden.

Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender

Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen,

großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu

Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die

Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der

menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und

Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind

wie hier auf dem Mars.

Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen

Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für

das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die

jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug

dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle

zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste

Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten,

natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu

suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das

Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle,

diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie

bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.

Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in

einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren,

körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der

Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen

und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an

die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank

der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen

Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von

Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den

bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig

ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe

der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten

durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die

Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte

Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.

In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen

enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den

neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf

wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen

Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen

mußte.

Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen

Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des

Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen

schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und

Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers

sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei

seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur

Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen.

Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter

ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle

nördliche Gegend.

Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am

Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen

Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der

Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen

ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit

seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt,

sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der

Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige

Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen

Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von

niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der

weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.

Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade

nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone,

die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die

Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald

rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die

Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber

getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens

nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung,

kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal -- das

idealste aller Verkehrsmittel.

Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone

überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die

Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz

der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes

Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle

Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen

und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste

Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter

man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur

weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden

Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne

Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch

immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage

grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand

isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.

»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser

Ziel!«

Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf

zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf

einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht

ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem

Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies

auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle

des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches,

luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit

Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden.

Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand

gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren!

Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen

sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz

am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur

Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das

Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war

gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte

es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu

solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!

»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist

bereit!«

»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt.

»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.«

Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin

gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher

von statten.

Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und

ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt

hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend

grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in

die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose

Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem

Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal

das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm

das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der

Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es

der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?

Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges

erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun ließ es sich leicht und

sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen

aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner,

mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine

Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des

Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte

weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.

Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen

und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue,

schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so

kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine

Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten

seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der

die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt

keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut

hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer

neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art

Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die

neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als

ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und

an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm

stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der

Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und

regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante

versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls

automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die

Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die

Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen

Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten

Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu

schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.

Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde.

Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas

Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz

außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine

höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er

selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich

sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend

abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall

nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm

dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht.

Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis

zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne

gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße

durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen

zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der

schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte

er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.

»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage

gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte

erzählt:

»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres

Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern

Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das

allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die

Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den

Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere

Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der

Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe

die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit

unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe,

die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit

guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner

Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr

ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch

der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme

der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war.

Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel

auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er

so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier

ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und

ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder,

durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb

im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus

ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf

technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu

lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner

außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine

zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und

du wirst noch viel Großes von ihm schauen.«

Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen

eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes,

kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu

viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an

sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem

Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße

messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest

seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig

verlassen hatte.

Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der

Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner

Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren

Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der

Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.

Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit

seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber

aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster

der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen

Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von

ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort

wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in

Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die

Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon

mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den

außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die

Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die

größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des

Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche

Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des

öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach

solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon

untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.

»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter

die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen.

Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu

ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop

einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute

schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?«

»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.«

»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten

vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht

Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!«

»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch

höherem Maße als bei der Erde.«

»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.«

So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und

Interessante.

Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert.

Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der

Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit

sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge

nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und

Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche

gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge

schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern

wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da

aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch

jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial

einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und

konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes

vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der

Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone

vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die

arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge

Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel,

der kein Eis kannte.

Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie

alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der

Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem

Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich

entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines

geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte

hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem

Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem

Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere.

Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die

gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil

der Südhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem

Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim

geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren

Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers

und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne

besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe

empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.

Vom Mars zur Erde · 第 3 / 10 段