»Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große,

unerwartete Wirkung geübt,« bemerkte Bentan. »Es freut mich daher auch

besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.«

»Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um

an wichtigen Beratungen teilzunehmen.«

»Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie

bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,« erwiderte Bentan.

»Worin bestehen diese Berichte?«

»Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die

Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch

die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten

wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge

dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,« fuhr der Greis fort, als

er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. »Du

wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte,

im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.«

Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans

Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen.

»Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe

mit!« bat der Greis seine Enkelin. »Freund Fridolin bedarf der

Erheiterung.«

»Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer

gefallen,« warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll

Harmonie und freudiger Glücksempfindung.

In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das

Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er

sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie

energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten

beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu

erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des

Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des

Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie

Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen

Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße.

»Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,« warf Fridolin Frommherz ein,

»warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als

wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid,

müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.«

»Erklärt sich das nicht ganz einfach,« erwiderte der Greis, »durch unsere

geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so

langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als

ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr

verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die

Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter

wechselnden Siegen und Niederlagen.«

»Also genau so wie auch auf unserm Planeten,« warf Frommherz ein.

»Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure

vollständig zu triumphieren,« fuhr Bentan fort, »so hat die Stunde

geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht

der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die

Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt,

jeder Regentropfen, der zu Boden fällt -- sie alle stehen mit der

Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie

auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den

basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem

Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton-

und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im

Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia

gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der

Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen

ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der

Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern

dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort

ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren

Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an

unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen

beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet

und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure

die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen,

fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine

Frage der Zeit.« Bentan schwieg.

»Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir

wissend, aber machtlos gegenüber,« begann Bentan wieder nach langer Pause.

»Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir

seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der

Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor

Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer

darunter leiden.«

»Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen

wieder ändern?« fragte der Erdensohn. »Auf unserm Planeten haben wir auch

öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe

folgen.«

»Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere

Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere

Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier.

Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir

ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer

gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein

Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer

kürzerer Dauer.«

»Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?«

»Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle,

daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges

schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne,

spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was

uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser

Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber

an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und

unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles

Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen,

inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem

Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.«

»Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,« warf der Gelehrte voll

Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. »Wohl denen, die ihnen

nachleben!«

»Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere

tauchen dafür wieder auf,« fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes

Bemerkung weiter zu beachten. »Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die

Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst

unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit

und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige

Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir

verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an

unsere Stelle getreten.«

»Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler

Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,« bemerkte Frommherz, als der Greis

geendet hatte.

»Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres

Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der

Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen

Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der

Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der

klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist,

daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet.

Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen

Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das

Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können

ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse

Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch

abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein

sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.«

»Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!« rief der Erdensohn in

aufrichtiger Vewunderung. »Wie ganz anders ist noch in den breitesten

Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von

Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die

bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen

lassen.«

»Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren

Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte

Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht

und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.«

Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr

oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem

der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente

seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und

Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner

Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen

Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars

veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt,

das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang

war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung.

Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein

unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm

zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren

gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen,

war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für

seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine

befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er

damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich

kannte!

»Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das

Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre

der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,« hatte

ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet.

Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der

Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung

und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des

treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren.

Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den

fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der

Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht

nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben

Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er

deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre

zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all

die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten

Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz'

Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger

er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.

Viertes Kapitel.

Getäuschte Hoffnungen.

In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen

Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von

Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies

Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman,

mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer

wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer

Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung

zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen

wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem.

Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im

geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem

alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen

Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt

eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein

Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten

Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte

Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin

Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend

schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand

der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst.

Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung

leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu

imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin

Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim

gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte

erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form

angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch

die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht

auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die

Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden

ließ!

So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er

konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen

Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich

verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen,

als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer,

herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der

zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden

war. Diese heimliche Liebe -- denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz

schließlich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu

jeglicher ernsten Arbeit.

Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun

oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere

neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten

fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit

dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine

Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun

wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich

wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen.

Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine

Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich

erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit

wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt

Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und

auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden

lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen

Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen.

Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen

Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in

Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines

Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan

selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der

Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so

stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben

als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und

suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.

Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine

Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache

handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans

Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die

Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen

zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer

saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend

mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in

die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle

Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als

fünf Jahre auf dem Mars befand.

»Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!« rief

der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.

»Ich weiß und kenne nichts anderes,« entgegnete Bentan lächelnd.

»Aber ich!« antwortete der Schwabe. »Unsere Mondnächte auf der Erde bieten

nicht diese eigenartige Schönheit.«

»Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser

Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.«

»Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie

ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne,

in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende

Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!«

»Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine

Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,« erwiderte

Bentan. »Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der

Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller

Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar

zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in

Anspruch nehmen.«

»Des Wassers wegen?« fragte Herr Frommherz.

»Ja, wie du weißt.«

»Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.«

»Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin.

Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch

nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres

Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich

wahrnehmbar.«

»Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?«

»Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,« antwortete Bentan so ruhig,

als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte.

»Das ist ja eine Riesenarbeit!« rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen.

»Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir

alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die

große Aufgabe zu lösen suchen.«

»Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle

ich mich doch eins mit euch,« bemerkte Frommherz.

»Du sollst uns dabei willkommen sein,« erwiderte Bentan herzlich.

»Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht

hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,« hub Frommherz nach längerer

Pause zu sprechen an. »Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite

angesehen werden.«

»Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?« Diese Frage Bentans

brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.

»Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur

möchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem

als euresgleichen gelten.«

»Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch

schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese

Worte befriedigen,« entgegnete Bentan freundlich.

»Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.«

»Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.«

»Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.«

»Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon

damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder

ohne dich von hier fortziehen ließest,« entgegnete Bentan mit eigenartiger

Betonung.

»Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in

Generationen fortleben . . .«

»Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,« begann Bentan

ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede

stockte. »Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?«

»Getroffen!« gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch

begriffen worden zu sein.

»Zu jung dazu bist du nicht mehr,« warf Bentan lächelnd ein.

»Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.«

»Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du

bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was

Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden,

nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich

mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung

nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei

uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns

hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb,

weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie

denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und

wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen

Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die

Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von

den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch

genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in

Angola Vortrag gehalten habt.«

»Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches

unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan,

manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen

geschlossen worden sind wie hier oben.«

»Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser

Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend

lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und

wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen

werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner

Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es

steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.«

Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das

Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung,

nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch

hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu

Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer

definitiven Klärung bringen.

Vom Mars zur Erde · 第 2 / 10 段