Vom Mars zur Erde
Eine Erzählung für die reifere Jugend
von
Dr. Albert Daiber
Verfasser von: »Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars«
Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen
Zweite Auflage
Stuttgart
Verlag von Levy & Müller
Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.
Inhalt
Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars 1
Zweites Kapitel. Die Sühne 8
Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit 21
Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen 37
Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars 45
Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß 61
Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr 69
Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum 74
Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde 89
Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98
Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112
Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche 134
Erstes Kapitel.
Der Erdensohn auf dem Mars.
Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich
am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum
Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und
Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen?
Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die
ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden
in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im
lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen
Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn
jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten
unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des
monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres
kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im
Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick
. . .
Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie
und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand
über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller
Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde,
die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so
viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon
ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt
daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern --
das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne
zu.
»Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob
ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren.
Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du
bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders!
Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir
den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den
Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rückkehr in
so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren
Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier
auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön
nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!«
Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß
sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf
seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: »Nun, mein
Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
Quält dich das Heimweh nach der Erde?«
»Nein, nein!« beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. »Hier will
ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!«
»Nun,« meinte der Alte mit feinem Lächeln, »etwas scheint dir doch im
Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses
auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als
deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem
Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe
läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?«
Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden
eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit
dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den
weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das
lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie
sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand.
Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: »Du
selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein
Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich
dasselbe Urteil. >Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten
vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der
Gesamtheit.< Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es
unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den
einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer
Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!«
»Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir
fehlt,« erwiderte der Greis. »Aber hast du uns denn bisher darum
angegangen?«
»Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz
eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus
hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber
verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in
euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses
tatenlose Dasein auf meiner Seele.«
»Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich
dich aufgesucht.«
Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem
Greise zu, als er fragte: »Und wie lautet diese Antwort?«
»Du möchtest nach Angola kommen.«
Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. »Ist das alles? Braucht man fünf
volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?« wollte er sagen,
aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten,
ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der
Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas
taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln.
Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen.
»Wir werden schon morgen früh reisen,« sagte Eran freundlich.
»Du begleitest mich?« fragte Fridolin Frommherz voll Freude.
»Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun
aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben
bereits Lumata wieder erreicht.«
In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den
nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern
vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden
Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten
flache Dächer.
»Gute Nacht, Freund Fridolin!« sagte Eran, als sie dessen Behausung
erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle
emporstiegen. »Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist
weit.«
»Gute Nacht, Eran! Hab' Dank!«
Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn
wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in
den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer
wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher
gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren
der Tübinger Universität. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im
Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen,
ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch
erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben
waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten
als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach
unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten
zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom
Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den
Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz.
Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an
demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich
unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen
paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen,
gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig
etwas an seinem Herzen?
Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit
den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den
scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied
gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus
Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die
Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente
schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl
zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem
Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen,
aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich,
wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in
respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen
anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des
Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die
Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner
Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht
bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier
oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte
er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten
wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten,
die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der
Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung,
die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte
ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die
Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos
rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er
immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege,
obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische
Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte
er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung.
War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der
Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner
Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas
länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei
Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch
nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine
Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische
Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich
fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen
durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im
pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und
Erde die krausesten Dinge erleben ließen.
Zweites Kapitel.
Die Sühne.
Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur
Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin
Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein
bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen
sollte.
Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen,
die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch
Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten.
Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt
unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte
Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch
durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden
Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der
Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte
diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden
rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine
Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
»Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von
Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns
die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze
laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind
sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren
gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige.
Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit
Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze
an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut
besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr
bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die
uns unmöglich wären.«
Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die
gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch
kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In
üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute
Bewunderung aus.
»Ja,« sagte Eran, »du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus
dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.«
»Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?« fragte der
Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich
hinblickenden Greis.
Dieser lächelte fein, als er erwiderte: »Gewiß ist auch bei uns mancher von
Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der
Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur
Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem
großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der
Gesamtheit bedingt wird.«
»Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert,
eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?«
»Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre
mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst
uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden
sind?«
»Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde
ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht
bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde
erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.«
»Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen
Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für
jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die
wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist
das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle
Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder
Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme
der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern,
ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein
Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem
Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du
deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht _was_ du bist,
sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert.«
»Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch
bei euch zuweilen vorkommen.«
»Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat
das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer
abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie
in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die
Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen,
gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.«
»Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der
Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!«
seufzte Fridolin Frommherz.
»Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung
und edelster Gesinnung,« erwiderte Eran. »Denke nur an deinen
ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!«
Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder
recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er
erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die
blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er
wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er
schüchtern: »Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir
vorhat?«
»Nun,« erwiderte dieser, »man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen
dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben
bist.«
Fridolins Unbehagen wuchs. »Also eine Strafe?« fragte er beklommen.
»Wenn du es so nennen willst,« erwiderte der Greis mit seinem Lächeln.
»Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,«
meinte Frommherz etwas unsicher.
»Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es
gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene
Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an
sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber
durchgesetzt hast.«
Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: »Doch beruhige dich, mein Freund!
Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war
ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und
daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit
erwarten.«
»So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.«
»In einer wissenschaftlichen Arbeit,« antwortete Eran lächelnd.
»Weiter nichts?«
»Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines
Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.«
»Nein, gewiß nicht!« erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich
lachend und plötzlich von allem Druck befreit. »Allerdings verstehe ich von
der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber
ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen
dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein
Wörterbuch der deutschen Sprache?«
»Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als
Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.«
»Ein famoser Gedanke, fürwahr!« lobte Frommherz. »Nun habe ich doch wieder
ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen,
würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.«
Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und
drückte sie herzlich.
»Laß gut sein, lieber Fridolin!« wehrte Eran ab.
Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam
gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da,
himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten.
Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen
den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des
Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem »ewigen Lichte«, wie die
Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde
größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die
Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren
Entfernung wegen -- sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen
Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da
weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und
der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge
. . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich
Fridolin Frommherz sehr wohl.
»Wie hoch diese Bäume sind,« sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. »So
vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich,
mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen,
wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.«
»Das mag wohl sein,« erwiderte Eran; »es scheint mir sogar in den ewigen
Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus
eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der
unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.«
»Warum?« fragte der Schwabe erstaunt. »Sind doch die chemischen
Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch
dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie
nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?«
»Du vergißt Eines, lieber Freund,« sagte der Marsite. »Die Schwere ist der
Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte
Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto
drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto
kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund,
einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer
Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen.
Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich
unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten
kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen
Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten
vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf
ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein
Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.«
»Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,« fügte der Erdensohn
bei, »seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe
daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß
gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um
Kopfeslänge. -- Doch was ist denn dort?« fragte Fridolin Frommherz, sich
unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer
Entfernung auftauchte.
»Das,« erwiderte Eran, »ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der
Knaben den unterrichtenden Lehrer?«
»Eine Schule?« rief der Erdensohn erstaunt. »Sehen bei euch die Schulen so
aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?«
»Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den
Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm
entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.«
»Das ist viel,« sagte Fridolin.
»Ja, es ist viel,« erwiderte Eran. »Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer
unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze
unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren
Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir
uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan
seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.«
Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe
herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten
eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
»Ich freue mich, dir hier zu begegnen,« sagte er, Alan die Hand reichend.
»Gedeiht dein Werk?«
»Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,« sagte der Angeredete, seine
schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. »Doch bleibt noch vieles zu
tun.«
»Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!«
»Ja, die Arbeit macht froh!«
»Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?«
»Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger
Eran!«
»Das wird mir Freude sein, junger Freund!«
Weiter rollte der Wagen.
»Was für schöne Augen dieser Mann hatte!« sagte der Erdensohn bewundernd.
»Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,« erwiderte der Greis. »Er
gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk.
Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene
verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und
dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.«
»Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!« meinte der
Schwabe.
Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der
bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch
eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand
ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und
Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der
Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten
Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen
übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich
an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier
gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine
halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem
Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei
60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun
schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des
Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm
und bequem machen konnte.
Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der
ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da
vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe.
Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen
eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang
und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen
Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner
besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen
zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und
Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur
übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die
Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie
der »Weltensegler«, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der
Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren
bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu
schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur
zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die
marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden
Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch
unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
erfunden, und das dann zur Füllung des »Weltenseglers« gedient hatte. Die
langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen
versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben.
Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug
kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg
es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden
ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen!
Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde
sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
»Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des
Lichtentsprossenen kommen,« sagte Eran.
»Dann will auch ich,« fügte Fridolin bei, »euer herrliches Land wieder
einmal von oben herab schauen.«
Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin
Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen
sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen.
Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten
Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre
war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den
Drückeberger, abgehalten worden.
Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes
Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar
gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und
darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und
Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte
sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von
Gewissensbissen.
Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs,
als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat.
Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen
anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn
wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der
Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im
Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als
er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten
zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des
Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen
öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten
Marsiten.
»Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr
zu sehen erwartet hatte,« begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit
den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend.
»Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde
zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,«
sprach Fridolin.
»Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,«
entgegnete der ehrwürdige Greis. »Wir haben weder dich noch deine Brüder
zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als
wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde
einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich
auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen
wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der
uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in
diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt
hatten, riefen wir dich.«
Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es
lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten.
Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte,
empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei.
Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede.
»Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?« fragte Anan
nach kurzem Stillschweigen.
»Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,« antwortete Frommherz.
»Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich
benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns
ist die Sache abgetan.«
»Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,« bemerkte
Frommherz.
»Nun ja,« entgegnete der edle Anan. »Du weißt darum. Wir wollten dir hier
in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns
nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.«
»Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,« beeilte sich Frommherz zu
antworten. »Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich
euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.«
»So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner
Muttersprache,« entschied Anan. »Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder
hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die
Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen,
dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender
Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.«
Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich
zurück.
»Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der
letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,« murmelte
Frommherz vor sich hin.
»Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?«
forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
»Gewiß, sehr,« gestand Frommherz.
»Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für
lange Zeit wohl auch das deine sein.«
Drittes Kapitel.
Eine Sisyphusarbeit.
Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim
Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast
viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus
lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der
Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über
die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See
einschlossen.
Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von
der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten
gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller
Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit
farbenprächtigen, duftenden Blüten.
Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans
holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer
jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher
Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen
gegenüber freundliche Gesinnungen hegen.
Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur
Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine
herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt
werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen
wäre.
Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich
entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen,
jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit
doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu
einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug.
Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des
Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach
getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung
Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich
dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen,
abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene
Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und
nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige
Lebensauffassung umzuformen begannen.
Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich
an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung,
wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im
allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher
erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner.
Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta
stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang.
Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich
göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen
und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie
bis dahin noch niemals gekannt hatte.
Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und
reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines
hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos
scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem
Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit
jeglicher Empfindung.
»Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,«
brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr
seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. »Es ist einfach, um aus
der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese
Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .« Doch Frommherz
verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen
Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in
verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische
lagen.
Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald
dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das
Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer
der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein
Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen,
seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und
fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei.
Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr
eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an
der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er
einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche
Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem
Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede
tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches
Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu
schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm
manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen.
Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das
schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich
außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn
über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten,
die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten.
Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das
die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde
auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen,
Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er
hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation
und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der
Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen
Muttersprache zuerkannt.
An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom
Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
»Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt,
wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei
fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art
meiner Beschäftigung angab,« rief er zornig. »Doch was nützt meine
Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt,
so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das
wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre
dann meine Arbeit!« Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über
die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb
emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer.
»Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola
zu sehen!« rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte.
»Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk
gediehen?« fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße
schüttelnd.
»Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits
schlecht!«
»Ich verstehe dich nicht!« gestand Eran.
»Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.«
»So, so!« lächelte Eran.
»Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich
vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite
Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.«
»Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des
Erdenalphabetes? Kaum möglich!«
»Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,« antwortete Frommherz
betreten.
»Merkwürdig!« erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. »Du bist doch schon seit
zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst
du sie denn beenden?«
»Das weiß ich selbst nicht,« murmelte der Gelehrte, »es wird je länger, je
schlimmer. Da sieh her!« Mit diesen Worten zog er eine große Schublade
seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von
stattlicher Größe gefüllt.
»Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes
vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin
Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und
mühsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet
und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug
verdienen.«
Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. »So möchtest du wohl lieber
wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?«
»Nein, nein, das doch nicht,« erwiderte Frommherz hastig, und eine
Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an
Benta dachte.
»Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine
Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt
nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit
in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.«
»Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang
. . .«
»Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten
Muttersprache,« unterbrach Eran den Erdensohn. »Beruhige dich also, mein
Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine
geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir
dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen
will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.«
»Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich
gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war.
Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in
wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!«
»Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt,
daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so
feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.«
Eran erhob sich. »Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola
kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich
dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten
Zeit.« Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht
gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn.
Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle
geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran
hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er
umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des
Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen?
Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie
der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich
nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte
eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für
das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese
selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als
ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam
ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu
vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte,
nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so
schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war.
Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er
schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine
Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu
vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das
fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig
gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene
Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am
Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß.
»Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen
deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?« forschte
Bentan.
»Das nicht,« entgegnete der Schwabe heiter, »aber er hat mir gewisse Worte
gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine
Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht
mich frei und fröhlich zugleich.«