höheren festen Ufer unter einem mäßig hohen, alleinstehenden Burgfelsen
gelegen, verdankt wohl seine Entstehung der ehemaligen Burg, von der
gegenwärtig nur noch die unteren Mauern des Burghügels erhalten sind
(Abb. 142 u. 143). Erst 1364 wird Wehlen als Städtchen (_oppidum_)
bezeichnet. Die Burg war älter; aber, wenn auch slavischen Namens, wohl
schwerlich schon im frühesten Mittelalter eine slavische Burg. Erwähnt
wird sie erst in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts,
wo Heinrich der Erlauchte (1222-1288), Markgraf von Sachsen in der
Zeit von 1269-1272, hier mehrfach Urkunden unterzeichnet hat, woraus
geschlossen werden darf, daß er hier längere Zeit residiert hat.
Ist dies der Fall, dann würde sich damit auch erklären, daß unter
allen Burgen in der Sächsischen Schweiz Wehlen den stattlichsten,
man möchte sagen einen fürstlichen Bau zeigte, der, wenn auch
vernachlässigt, verfallen und mancher Schmuckteile beraubt, bis zum
Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch eine sehenswerte, malerische
Ruine vorstellte, die von den Künstlern jener Zeit vielfach gezeichnet
und gemalt worden ist. Noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts
erinnerten die beträchtlichen und ehrwürdigen Ruinen des Schlosses, die
aus hohen, sehr starken Mauern, Rundungen und Wänden von Türmen und
Basteien bestanden, an den ehemaligen großen Umfang desselben. Auch
aus den Trümmern konnte man noch erkennen, daß der Bau frühestens dem
zwölften Jahrhundert angehört hatte. Aber die immer morscher werdenden
Mauern bedrohten durch Einsturz mehrfach die darunterliegenden Häuser
im Städtchen, infolgedessen dann die Burg bis auf die Grundmauern
abgetragen werden mußte, wodurch die ganze Landschaft leider einen
herrlichen, romantischen Schmuck einbüßte. Das Städtchen ist auf
einen kleinen Raum am Ausgange des Uttewalder Grundes beschränkt und
hat daher nicht in demselben Maße wachsen können, wie die anderen
Elbstädte. Auch hier herrscht ein lebhafter Fremdenverkehr, denn die
Stadt bildet, nach Beginn des Dampfschiff- und Eisenbahnverkehrs, recht
eigentlich das Eingangstor zur Sächsischen Schweiz.
[Illustration: Abb. 142. +Die alte Burg Wehlen um 1755.+
Nach der gleichzeitigen Radierung von Grundmann. (Zu Seite 158.)]
[Sidenote: Hohnstein.]
Hohnstein, die kleinste unter den Städten des Gebirges, die nicht an
der Elbe liegt, ist ähnlich wie Sebnitz am Außenrande, aber doch noch
+auf+ dem Sandstein gelegen (Abb. 144 u. 145). Das Städtchen,
in einer flachen Senkung der Sandsteinkette, auf deren Ende die alte
Burg thront, hat eine überaus romantische Lage, von tiefen Gründen
auf mehreren Seiten begrenzt. Es gehört nebst seiner grotesken
Umgebung zu den beliebtesten Wanderzielen; aber der Ort lag bis vor
wenig Jahren, wo er eine Eisenbahnverbindung mit Schandau erhielt,
wie aus allem Verkehr weggesetzt. Er ist auch nur gleichsam als ein
Anhang zur Burg entstanden, denn diese bildete den Mittelpunkt einer
ausgedehnten Herrschaft, die bis ins vierzehnte Jahrhundert ebenfalls
dem böhmischen Geschlechte der Birken von der Duba gehörte. Nach Böhmen
zu hatte der Ort noch eine leidliche Verbindung, gegen Sachsen erschien
er vom tief eingeschnittenen Polenztal aus wie eine unbezwingliche
Burg. Unter sächsischer Herrschaft seit 1444, war Hohnstein der Sitz
eines Amtes, und hier wurde 1765 durch den damaligen Kurfürsten die
erste Merinostammschäferei begründet. Sonnenstein, Hohnstein und
Königstein dienten in früheren Jahrhunderten oft auch als Gefängnis,
namentlich Hohnstein und Königstein, die am sichersten galten, weil
ein Entkommen von den steilen Felsenhöhen für unmöglich galt. Daher
der leidige Trost für die Sträflinge auf dem Hohnstein: „Wer da
kommt nach dem Hohenstein, der kommt selten wieder heim,“ oder „Den
Gefangenen frißt im Turm kein Wolf und sticht keine Fliege“ (in den
dunkeln, feuchten, fast lichtlosen Kerkern). Hohnstein hat im Lauf
der Jahre Fürsten, Grafen, Edele und gemeine Verbrecher beherbergt.
Wir sehen darunter die Grafen von Mansfeld und Stollberg, die Herren
Reuß von Plauen; auch viel fahrendes Volk. Mehreren von diesen ist es
sogar gelungen, auf abenteuerliche und verschmitzte Weise auszubrechen
und zu entkommen. Aber noch verwunderlicher erscheint es, daß auch
„ehrliche“ Diebe eingebrochen und, da sie nur Staatsgelder zu stehlen
für erlaubt hielten, die aus Versehen mitgenommenen Privatgelder wieder
zurückerstatteten. Der Fall ist jedenfalls in der Gaunerpraxis ein
Unikum und verdient daher, näher beleuchtet zu werden. Wir folgen hier
der auf Akten des Hauptarchivs zu Dresden beruhenden Darstellung Karl
von Webers („Aus vier Jahrhunderten“ II. 366), wenn er schreibt:
[Illustration: Abb. 143. +Wehlen.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 158.)]
An einem Dezembermorgen des Jahres 1693 ward der Amtmann zu Hohnstein
mit der Schreckensbotschaft geweckt, daß Diebe in der Nacht das
Schloß erstiegen (!!), die Kasse erbrochen und eine bedeutende Summe,
die darin verwahrt gewesen, entwendet hätten. Wie der Augenschein
lehrte, waren die Spitzbuben durch ein sehr hoch gelegenes Fenster,
das nur mit äußerster Lebensgefahr vermittels einer langen Leiter zu
erreichen war, nach Ausbrechung eines eisernen Gitters in die Amtsstube
eingedrungen, hatten dort Licht angebrannt und einen festen Schrank,
in dem sich die Steuergelder und Depositen befanden, aufgebrochen. --
Sechs Wochen waren in vergeblichen Bemühungen, die Täter zu erforschen,
vergangen; keine Spur war zu entdecken. Da fand man am 14. Januar 1694
an der Tür der Pfarrwohnung zu Hohnstein eine Schrift angeklebt des
Inhalts, der Herr Magister möge sich mit dem Schulmeister und einem
Kirchenvater in die Sakristei der Kirche begeben, da werde er auf dem
Boden unterm Fenster etwas finden. Eine ähnliche Aufforderung fand
auch der Kirchenvater Jakob Röllich an seiner Haustür angeheftet.
Beide begaben sich samt dem Lehrer in die Kirche. Ein enges,
wohlverwahrtes Fenster der Sakristei war erbrochen; aber die Täter
hatten diesmal nichts geraubt, sondern etwas gebracht, nämlich in
zwei versiegelten Säcken 312 Taler. Die Diebe erklärten zugleich,
das seien Depositengelder, die sie „aus Ungefähr“ aus der „Hunstner“
(Hohnsteiner) Amtsstube mitgenommen, da sie doch nur kurfürstliche
Gelder und Amtmannsgeld zu holen beabsichtigt, aber nicht so blutarmen
Leuten, wie den Deponenten, das Ihrige hätten nehmen wollen. Das Wort
„stehlen“ war in dem Schreiben vorsichtig umgangen und umschrieben.
Auch wurde der Pfarrer dringend gebeten, das Geld nicht wieder ins Amt
zu liefern, sondern den Geschädigten selbst wieder zu geben, damit es
in die rechten Hände gelange. Diesem Wunsche konnte nun allerdings der
Herr Magister nicht entsprechen; er übergab die ganze Summe wieder
dem Amtmann zu Hohnstein. Von den großmütigen Dieben fehlt bis heute
jede Spur. Aber wem fällt dabei nicht der sarkastische Ausspruch
des zweiten Mörders in Shakespeares Richard III. (1. 4) ein: „Das
Gewissen hat mich einmal dahin gebracht, einen Beutel voll Gold wieder
herzugeben, den ich von ungefähr gefunden hatte; es macht jeden zum
Bettler, der es hegt.“
X.
Die ländliche Bevölkerung.
[Sidenote: Die ländliche Bevölkerung.]
Die ländlichen Wohnungen tragen im allgemeinen denselben Charakter und
Baustil zur Schau wie im Elbtalkessel. Zu Grunde liegt der Plan des
fränkischen Bauernhauses. Die so anheimelnden Strohdächer verschwinden,
weil feuergefährlich und mehrfach ungesund, immer mehr (Abb. 146 u.
147). Neue Häuser dürfen nicht mehr mit Stroh gedeckt werden. Neben den
bäuerlichen Wohnungen treten aber immer häufiger Bauten im städtischen
Charakter und im Villenstil auf; denn in manchen Orten des Gebirges
haben sich gesuchte und beliebte Sommerfrischen entwickelt, so daß,
wie z. B. in Gorisch, das ehemalige Dorf zwischen den Neubauten fast
verschwindet. Andere besuchte Orte sind Cunnersdorf bei Königstein und
Hinterhermsdorf.
Die Volkstrachten sind leider nicht bloß im Elbtalkessel und in
der Umgebung der Großstadt, sondern auch im Gebirge fast völlig
verschwunden (Abb. 148 u. 149). Das Zeitalter der Eisenbahnen hat ihnen
den Garaus gemacht. Aber noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts
waren derartige Trachten noch bis nahe an Dresden lebendig. Jetzt
erinnern uns hier noch Bilder an diese Vergangenheit. Da sehen wir
eine Mutter im Sonntagsstaat mit dem Gebetbuche in der Hand und einer
Pelzmütze auf dem Haargeflecht, daneben ein Mädchen mit buntgestreiftem
Kopftuch nebst langer und breiter Schürze. Die Männer trugen Kniehosen,
dazu eine frackartige Jacke mit ganz kurzen Schößen. Die Erwachsenen
trugen einen Hut, die Knaben eine Mütze mit zwei roten Streifen, was
an die Uniformmütze unserer Postboten erinnert. Wie nun alle solche
Trachten sich aufs Land verbreiten, wenn sie in der Stadt aus der
Mode gekommen sind, in der Nähe einflußreicher Städte aber die Tracht
auf dem Lande noch etwas moderner, manchmal allerdings auch hundert
Jahre jünger ist, als in abgelegeneren Orten, so ist es auch in den
Dörfern der Sächsischen Schweiz gewesen. Man trug lange Kittel von
ungebleichter Leinwand mit farbigen Aufschlägen und Kragen. In den
Waldgegenden wurden Jacken und Beinkleider von ungebleichter Leinwand
getragen und im Sommer sehr oft hohe und schwarze Pelzmützen. Diese
Tracht erstreckte sich westwärts bis ins Erzgebirge, wo man im
Weißeritztal um Schmiedeberg schon die erzgebirgische Tracht beginnen
sah.
[Sidenote: Alte Sitten und Gebräuche.]
Von Sitten und Gebräuchen hat sich hie und da wohl noch einzelnes
erhalten, anderes ist von unverständigem Eifer beseitigt, wohl gar von
„polizeiwegen“; anderes hat man neu zu beleben gesucht. Allein man muß
befürchten, daß auf dem Naturboden des Volkstums künstliche Blumenzucht
nicht gedeihen kann.
Viele dieser Sitten schließen sich oder schlossen sich an den Gang des
christlichen Jahres an; allein gleich der erste Brauch scheint durchaus
vom Heidentum her überliefert zu sein, wenn um Wintersonnenwende die
sogenannte lange Nacht mit Spiel und Gesang und Tanz wie ein altes
Julfest gefeiert wurde. Übrigens bergen sich bekanntlich unter manchen
Gebräuchen an hohen Festtagen uralte Gepflogenheiten, die unter
christlichem Schutz einen Unterschlupf finden und ihr schwaches Leben
fristen.
[Illustration: Abb. 144. +Stadt und Schloß Hohnstein, vom
Hockstein.+ Stich von Ludwig Richter.
Aus: Dreißig An- und Aussichten zu dem Taschenbuch für den Besuch der
Sächsischen Schweiz. 1823. (Zu Seite 159.)]
Das Weihnachtsfest bietet nichts Besonderes, Abweichendes; die Poesie,
mit der die Bewohner des Erzgebirges dieses Fest umwoben haben,
hat hier keinen Anklang, keine Verbreitung gefunden. Dagegen wurde
das Fastenbeten früher den drei hohen Kirchfesten gleichgestellt.
M. Martin erzählt darüber: „Als bei einer Kircheninspektion der
Herr Superintendent einen Jungen nach den drei hohen Festen
fragte, gab dieser die klassische Antwort: Fastenbeten, Lobetanz
und Schweineschlachten.“ Das Fastenbeten besteht in einem kleinen
Abendgottesdienst in der Schule und daran anschließender freier
Tanzmusik. Vor fünfzig Jahren wurde die Feierlichkeit des Morgens
abgehalten und für das gute Hersagen des sogenannten Beteliedes wurden
Fastenbrezeln verabreicht.
[Sidenote: Schifferfastnacht.]
Darauf folgte die Schifferfastnacht, ein, wie es scheint, nur in den
Dörfern an der Elbe verbreitetes echtes Volksfest, namentlich für
die Jugend. Ursprünglich nur zu Ehren des löblichen Schiffergewerbes
entstanden, dessen wir bereits ausführlicher gedacht haben, wurde
dieses Fest im Winter, vor der eigentlichen Fastnacht gefeiert, ehe
die Elbe eisfrei wird und die Schiffahrt wieder beginnen kann. Den
Mittelpunkt des Festes bildete ein von Haus zu Haus durchs ganze
Dorf führender Masken- oder Kostümaufzug. Die Teilnehmer des Zuges
bestanden aus den sogenannten Schwarzen und Weißen. Zu den Weißen
gehörten der Schiffsdoktor und seine Frau, der Kapitän und seine Frau,
zwei Hanswürste und die Jungen, die das Festschiff tragen, einen
Dreimaster mit vielen bunten Bändern und Wimpeln geschmückt, die von
den jungen Frauen im Dorfe verehrt werden. Ein solches Ehrenschiff
wird alle Jahre wieder hervorgeholt und dient oft hundert Jahre
lang. Die zweite Abteilung bilden die Schwarzen, das sind die jungen
Burschen in oft komischer und abenteuerlicher Tracht als Förster,
Nachtwächter, Briefträger und Handwerker aller Art. So zieht man unter
Vorantritt eines Musikchors durchs Dorf. Nach dem Umzuge beginnt
dann der Tanz oder werden auch Schauspiele, am liebsten verwegene
Ritterschauspiele, zur Aufführung gebracht. Von den Zuschauern werden
kleine Geldbeiträge eingesammelt, die dann am zweiten Tage von den
Mitspielern, die als Dorfkünstler mit dem Namen „die Narren“ (ganz nach
der Bezeichnung des alten Mummenschanzes) beehrt, in einer heiteren
Nachfeier verspeist oder vertrunken werden. In Postelwitz dauerte
sonst die Schifferfastnacht vier Tage, zwei für die Erwachsenen und
zwei für die Jugend. Seitdem aber die Polizei die Larven und die
Vermummung bei Umzügen, wahrscheinlich als groben Unfug, verboten hat
und auch sonst dergleichen Festlichkeiten strenger überwacht, hat diese
Schifferfastnacht viel von ihrer Urwüchsigkeit verloren. In Schandau
wurde sie 1869 abgeschafft, neuerdings, seit 1893, hat man sie wieder
zu beleben gesucht.
[Illustration: Abb. 145. +Hohnstein.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 159.)]
[Sidenote: Das Todaustreiben.]
Ein anderes Fest galt der Wiederkehr des Frühlings, auf den allerdings
auch der Fastnachtsscherz schon anspielen soll. Mit der Wiederkehr des
Frühlings und der Sonne verknüpfte sich dann weiter der volkstümliche
Glaube, daß damit auch die Krankheiten wieder zunehmen und sich als
böse Geister oder Dämonen einzuschleichen suchen. Man darf sie nicht
ins Land lassen und muß namentlich im Frühling auf seiner Hut sein,
sonst bleiben sie das ganze Jahr und plagen die Menschen, namentlich
wenn sie mit der Feldarbeit beschäftigt sind, die vor Ostern beginnen
soll. Daher wird am Lätarefest der Dämon der Krankheit und des Todes
in Gestalt einer Strohpuppe erst durchs Dorf unter alten Volksversen
getragen und dann ins Wasser geworfen. Dieser aus Franken und Thüringen
eingewanderte Brauch hat überall eine besondere örtliche Färbung
angenommen und wird das „Todaustreiben“ genannt.
Möglicherweise stammt der Brauch noch weiter her aus
Südwestdeutschland, wo die Kinder im schwäbischen Saulgau schon zu
Fastnacht durch den Ort rufen: „Dåraus, dåraus, Dôt naus, Dôt naus!“
In Süd- und Westdeutschland scheint mit diesem Maskenspiel
hauptsächlich der Gedanke verknüpft zu sein, den Sieg des Sommers
über den Winter zu feiern. „Das lebendige Naturgefühl der Germanen,“
schreibt Felix Dahn in der „Bavaria“ (Oberbayern, S. 369), „hat
den poesievollen Kampf und Wechsel der Jahreszeiten mit innigster
Empfindung erfaßt, und wie so viele ‚Mythen‘ ihres Götterglaubens auf
diesen Sieg der holden Zeit, des freudigen Lebens und Lichtes über Tod
und Finsternis zurückweisen, so hat sich auch in christlicher Zeit noch
der Jubel über die Wiederkehr des „milden Mayen“ in den verschiedensten
Formen ausgeprägt erhalten... Hie und da kommt noch der Umzug der
beiden Figuren des Sommers und des Winters vor... Endlich wird nach
kurzem Gefecht der Winter vom Sommer besiegt und nun entweder in dem
Dorfbrunnen ersäuft oder unter Jubel und Lachen zum Dorfe hinaus in den
finstern Wald gejagt, wohin er auf lange Zeit verbannt ist.“
Ähnlich ist’s auch an der Haardt in der Rheinpfalz, wo noch das Lied
dazu gesungen wird: Ri--ra--ro, der Summerdak isch do! Es ist der
gleiche Anfang wie in dem weitverbreiteten Kinderliede: Tra--ri--ra,
der Sommer, der ist da.
[Illustration: Abb. 146. +Altes Häuschen im Dorfe Wehlen.+
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu Seite 160.)]
Eine andere Färbung erhält das Spiel in manchen Seitentälern der
Rednitz in Mittelfranken, z. B. im Aisch- und Zenngrunde. Da
verfertigen die Burschen eine Strohpuppe, die den Tod vorstellt,
durchs Dorf geschleppt und schließlich verbrannt wird. Winter und Tod
erscheinen fast identisch. Um ein fruchtbares und gesegnetes Jahr
zu erzielen, wird der Tod den Wellen übergeben; aber es verknüpft
sich zugleich der Gedanke damit, daß die Pest und der jähe Tod wie
jene Strohpuppe ersäuft werden mögen. Und dieser spätere Nebengedanke
scheint im Mittelalter mit den fränkischen Kolonisten auch nach Sachsen
gekommen und an einzelnen Orten zum Ausdruck gebracht worden zu sein.
In Postelwitz und dem Dorfe Ostrau oberhalb Schandau trieben drei
Wochen vor Ostern, also am Lätaresonntage, drei Jungen den Tod aus.
Jeder trug eine an einen Stock gespießte Strohpuppe, die unter
Begleitung der ganzen Jugend erst durchs Dorf getragen und dann in den
Bach geworfen wurde. Wer von den dreien mit seiner Puppe zuerst ans
Wasser kam, durfte nachmittags darauf den Todbaum tragen, während der
zweite den Geldbeutel und der dritte einen Korb bekam. Damit begann
wieder ein neuer Umzug durchs Dorf, wobei allerlei Gaben eingesammelt
wurden. Der Todbaum war ein Tannenbaum, den man mit buntem Papier und
Ketten von durchfädeltem Stroh behängt hatte. Vor jedem Hause wurde
dann der altüberlieferte Vers, dessen Wortlaut in den einzelnen Dörfern
voneinander abwich, gesungen:
Jetzt treiben wir den Tod aus,
Den alten Mann im Seehaus;
Und hätten wir heuer nicht ausgetrieben,
So wär’ er zu Jahre hinne geblieben
In unsres Vaters Lande.
Das wäre uns eine Schande.
Wir haben getrieben, wir haben gejagt
Zu Magdeburg (Hamburg) über die große Stadt,
Zu Magdeburg über die Brücke,
Gott gebe uns besseres Gelücke.
Wenn uns die Frau Wirtin eine Gabe gibt,
So soll’s mit ihrem Willen geschehen,
Wir woll’n auch fleißig danken,
Wir haben noch weiter zu wanken.
[Illustration: Abb. 147. +Altes Haus im Dorfe Wehlen.+
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite
160.)]
Hatte man ein Geschenk erhalten, dann lautete der Abgesang:
Hab Dank, hab Dank, Frau Wirtin mein,
Das Himmelreich soll Euer sein
Und auch die himmelsche Krone;
Gott wird Euch belohne.
Darauf zog man vors Dorf und verkaufte den Todbaum für sechs bis
acht Groschen. Und wer ihn erstand, nagelte ihn ans Haus. Er sollte
vermutlich dann ein Schutzmittel gegen Krankheit und Tod abgeben und
das Haus sollte samt seinen Bewohnern vor dem bleichen Gaste gefeit
sein. Den Beschluß machte dann des Abends das Absingen von beliebten
Gesangbuchliedern; dieses Singen wurde bis Ostern noch an mehreren
Abenden wiederholt.
Diakonus Glootz in Schandau, dessen Schilderung (Über Berg und Tal, Bd.
_VI_ 291) wir diese Mitteilungen entlehnten, erzählt weiter, daß
man in Postelwitz die zu dem Todaustreiben verwendeten Kinderpuppen
von den jungen Frauen, die seit dem letzten Todaustreiben verheiratet
waren, zu erwerben suchte. Die Puppen hießen Brauttode. Die größeren
Schulknaben bemühten sich nun, solche Puppen zu bekommen. Diese wurden
gern gegeben, die jungen Frauen gaben wohl gar außer der Puppe dem
Bittsteller noch ein Geschenk von acht bis zehn Groschen drauf. Dieser
alte Brauch nahm 1844 ein jähes Ende und zwar infolge der Anzeige
eines Gensdarms an das Amt in Hohnstein. Es hatte jedenfalls seine
religiöse Empfindung unangenehm berührt, daß die größere Jugend das
Todaustreiben während des Gottesdienstes begann -- „ein alter Brauch
aus dem Heidentum“ --, wie der Polizist mit Recht bemerkt; „was ich
jedoch durch Wegnahme der Karikatur vereitelte“. Der Tod wurde also
arretiert und der Gensdarm berichtete weiter: „In Postelwitz zogen fast
die ganzen Schulkinder in einer versammelten Schar im Dorfe umher und
waren hierbei eine größere Anzahl Schulknaben ebenfalls mit auf Stangen
gespießten Karikaturen versehen. Diese, sowie die übrigen nicht mit
dergleichen Puppen versehenen Kinder zogen unter heftigem Wüten und
Toben im Dorfe umher, und sind dieselben gemeint, auf diese Weise den
Wintertod auszutreiben, worüber deren Eltern ihre Freude bezeigen. Bei
diesem lärmenden Umherziehen üben diese Kinder eine feine Bettelei aus,
indem sie die diese Gaukelei liebenden Einwohner um Gaben ansprechen.
Auf dieses Todaustreiben folgt nun in den nachfolgenden Tagen bis
auf Ostern abends das sogenannte Ostersingen, welches dann mit dem
Osterschießen beendigt wird. Bei allen diesen Gelegenheiten findet
der größte Unfug statt, indem am Ostersingen das ledige Personal teil
nimmt. Da nun von einigen Einwohnern dieser Ortschaften Beschwerde über
diese Übelstände geführt worden ist“ u. s. w.
Auf diese Anzeige hin erhielt der Pastor in Schandau den Auftrag, den
angezeigten Unfug der Schuljugend auf geeignete Weise abzustellen, was
dann auch geschah.
[Illustration: Abb. 148. +Bauer aus Weißig.+
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu Seite 160.)]
In Schöna und Reinhardtsdorf wird noch jetzt der Todbaum, eine
aufgeputzte Birke, unter Gesang durchs Dorf getragen. Die Kinder selbst
ziehen mit grünen Maien hinterher. Fällt Lätare zu zeitig, daß das
Laub noch nicht heraus ist, dann legt man vorher die Birkenreiser ins
Wasser, um die Knospen zu treiben. Dieser Zweig wurde dann später
bei Aufgang der Sonne in fließendes Wasser geworfen, um den Tod zu
ersäufen. Während des Umzuges durchs Dorf erklang das Lied:
Den Tod, den Tod haben wir ausgetrieben,
Den lieben Sommer bringen wir wieder.
Die Mädchen und die Maien;
Da wachsen Blümlein und Feigeln,
Wir haben getrieben, wir haben gejagt
Durch Hamburg, durch die große Stadt,
Durch Magdeburg über die Brücke.
Gott gebe Euch Gelücke!
An den Todbaum werden die erhaltenen Geschenke gehängt. In
Rathmannsdorf bei Schandau hat sich noch ein letzter Rest dieses alten
Brauches insofern erhalten, als zu Ostern mit bunten Papierstreifen,
Eierschalen u. s. w. aufgeputzte Birken als Osterbäume vor den Häusern
aufgestellt werden. Doch ist ein Umzug oder ein Gesang nicht mehr damit
verbunden.
Geographische Erinnerungen an die Ersäufung der Todpuppe finden sich
in mehreren Benennungen, z. B. der Todhübel bei Ostrau, ein Waldsteig
bei Kleinhennersdorf heißt der Todweg, ebenso der Todweg nördlich von
Cunnersdorf.
[Sidenote: Lobedanz.]
Dieser Brauch des Todaustreibens war im Gebirge wohl am originellsten
ausgebildet. Die anderen sogenannten Feste haben dergleichen Eigenarten
nicht aufzuweisen. Nur ein ursprünglich wohl lokal ganz beschränktes
Fest mag noch etwas näher betrachtet werden. Daß es schon aus recht
alter Zeit stammt, mag wohl schon der seltsame, in seiner jetzigen
Gestalt unverständlich gewordene Name „Lobedanz“ beweisen. Allerdings
wird auf diesem Feste, wie ursprünglich wohl bei allen, auch getanzt;
aber daraufhin darf man das Wort „danz“ nicht deuten. Vielmehr soll
es Lob- und Dankfest heißen und ist ein kirchliches Fest, das 14 Tage
nach Pfingsten -- nach unsicherer Vermutung und Überlieferung --
wohl entstanden ist, als die Orte Schöna und Reinhardsdorf von einer
schweren Pest heimgesucht und dann davon befreit wurden oder überhaupt
verschont geblieben waren. Nach der kirchlichen Feier folgt am Abend
ein freier Tanz und dabei, jedenfalls mit besonderer Beziehung zu der
Veranlassung des Festes, der „Blumentanz“. Blumen und Laubschmuck
bleiben aber zur Erinnerung noch erhalten, bis vier Wochen darauf der
„Rascheltanz“ damit aufräumt.
[Sidenote: Mundart in der Sächsischen Schweiz.]