wir wieder in den Sandsteinboden. Und hier bildet die Elbe die
große Schlangenwindung, wodurch zwei Flußhalbinseln entstehen, auf
deren oberer der Lilienstein, und auf deren unterer die Bärensteine
hervorragen. Die Landschaft um den Lilienstein mutet uns ganz
westelbisch an: Eine fruchtbare Ebenheit mit darüber aufsteigender
Felsmasse. So hat der Lilienstein eine ganz eigenartige Lage und
gewährt, inmitten des Sandsteingebietes liegend, die schönste Umsicht
unter allen Felshöhen, wobei besonders der Blick aufwärts den Elblauf
bis über Schandau und zum Winterberg immer von neuem fesselt. Der
Lilienstein, über 400 _m_ lang und in der Mitte 120 _m_
breit, erstreckt sich ziemlich in der Richtung des Elbtales von
Schandau abwärts und erhebt sich 411 _m_ ü. M., überragt also den
gegenüberliegenden Königstein um 50 _m_. Sein Name, in Urkunden
gelegentlich Ylgenstein geschrieben, hat nichts mit dem Namen Aegidius
zu tun, wie mehrfach behauptet ist; vielmehr ist Ilge mundartlich die
Lilie. Die Felsmasse, gerade in der Stromrichtung der Elbe gelegen,
hat gewaltig unter der Wirkung der abspülenden Gewässer gelitten und
darum viel an Flächenraum verloren. Jedenfalls hat auch die starke
Zerklüftung dazu beigetragen, daß die Felsmasse den unterspülenden
Fluten wenig Widerstand entgegensetzen konnte. Im Südosten und
Nordosten läuft der Stein in ganz schmale, schon halb zertrümmerte
Felsgrate aus. Eine Kluft trennt das Westende vollständig von der
übrigen Felsmasse und dieser abgetrennte Teil ist wieder durch neue
Klüfte in einzelne Felsenpfeiler zerteilt. Am Ostende erhebt sich ein
kleiner Obelisk zur Erinnerung an die Besteigung des Felsens durch
August den Starken. An dieser Stelle hat man die schönste Aussicht;
später hat der Kurfürst Friedrich August 1771 den Besuch wiederholt und
bei diesen Gelegenheiten wurde der Lilienstein von der Südseite her
bequemer zugänglich gemacht. Ruinen von Mauerwerk zeigen aber nebst
einer Zisterne, daß schon in früheren Zeiten der Felsen zugänglich
war und vielleicht dauernd bewohnt war, weil gelegentlich in Urkunden
ein Fortalitium, also eine Befestigung erwähnt wird, wobei aber nicht
gleich an eine Burg gedacht zu werden braucht. Ein Raubnest, wie
in der Heide über Schandau noch manche nachzuweisen sind, war der
Lilienstein jedenfalls nicht. Im Jahre 1902 ist auch von der Nordseite
her der Felsen zugänglich gemacht; auf dieser Seite wurden 1813 von den
Franzosen Schanzen angelegt. Die Ebenheit am Fuße des Liliensteines hat
dadurch eine traurige Berühmtheit erlangt, daß hier die sächsischen
Truppen am 15. Oktober 1756 vor Friedrich dem Großen die Waffen
strecken mußten.
[Illustration: Abb. 120. +Auf dem Hohen Schneeberg.+ (Zu Seite
115.)]
[Sidenote: Der Brand und die Bastei.]
Es bleibt uns nur noch übrig, zwei vielbesuchte Aussichtspunkte zu
erwähnen, die sich nicht auf einem einzeln hervorragenden Gipfel
darbieten, sondern am Rande einer steilen Felswand; es sind dies der
Brand und die Bastei. Der Brand (323 _m_) liegt auf dem linken
Ufer der Polenz und bietet, obwohl nur nach Süden und Westen, infolge
der für den Beschauer höchst glücklichen Gruppierung der Berge,
bebauten Hochflächen und Wälder das anmutigste Landschaftsbild in
der ganzen Sächsischen Schweiz. Die Bastei (305 _m_) ist ein
Felsenvorsprung, der sich von einer zwischen dem Wehlgrunde und der
Elbe aufsteigenden Felsenkette abtrennt und gerade gegen die Elbe
vortritt, so daß der Basteifelsen etwa 200 _m_ senkrecht über
der Elbe emporzusteigen scheint (Abb. 130 u. 131). So nahe tritt kein
anderer Aussichtspunkt an den Strom vor; darin liegt seine Eigenart und
darin liegt auch der mächtige Eindruck, den der Besucher der Bastei
empfängt, wenn er auf der ziemlich wagerecht über die Hochfläche der
bewaldeten Wehle verlaufenden großen Fahrstraße, an den Gasthäusern
vorbei sich dem Platze nähert und nun auf die durch Eisengitter
gesicherte, senkrecht abstürzende Felsplatte tritt. Der Blick hinab in
die Elbe ist einzig in ihrer Art, auch die Aussicht auf Lilienstein und
Königstein, sowie elbaufwärts gegen den Winterberg ist recht schön,
aber keineswegs die schönste in dem ganzen Gebirge. Einheitlicher,
geschlossener und nur die wilde Gebirgsnatur zeigend, bietet sich ganz
in der Nähe die Aussicht in den Wehlgrund: zwei Aussichten von ganz
verschiedenem Charakter. Aber daß von der Bastei im weiteren Sinne
beide Landschaftsbilder in ihren gewaltigen Gegensätzen sich darbieten,
erhöht den Genuß. Nimmt man dazu, daß der Aufstieg von Wehlen und dem
Uttewalder Grunde aus ebenso reich an landschaftlichen Bildern ist, wie
der Abstieg über die kunstvolle Steinbrücke und das Felsentor hinab
nach Rathen (Abb. 132) wiederum eine Fülle von grotesken Felsgebilden
und Ausblicke in die umgebenden und tief unter uns liegenden
Landschaften vorführt, so wird daraus erklärlich, warum die Bastei der
besuchteste Punkt in der Sächsischen Schweiz ist, und, obwohl unter
allen die niedrigste Aussichtshöhe, doch gleichsam in der Außenwelt die
ganze Sächsische Schweiz vertritt, daß beide Begriffe sich zu decken
scheinen.
[Illustration: Abb. 121. +Der Gorisch.+
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 118.)]
Jedenfalls gehört die Sächsische Schweiz zu den besuchtesten
Gebirgslandschaften, und dieser Besuch ist in fortwährendem Wachsen
begriffen, ein Beweis, daß ein durch falsche Kunsttheorien noch nicht
verdorbener Geschmack und offener Natursinn hier, namentlich in den
einsameren Teilen, noch immer volles Genüge und reichen Genuß finden
wird. Und wenn neuerdings sogar behauptet ist, die Sächsische Schweiz
liege von dem modernen Landschaftsideal weit abseits, so möchte man
wohl eher den Maler als die Sächsische Schweiz bedauern, denn wer
hier Studien machen will, muß nicht bloß, wie Lessing sagt, Farben
verquisten, sondern auch zeichnen können, was die „Moderne“ vielfach
nicht mehr kann.
[Illustration:
Königstein Lilienstein
Abb. 122. +Auf dem Gipfel des Gorisch.+
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 118.)]
IX.
Volksverteilung und Städte.
[Sidenote: Volksverteilung und Städte.]
Die Bevölkerung der Sächsischen Schweiz ist desselben Stammes und
derselben Herkunft wie im Elbtalkessel. Es sind Franken, Thüringer und
Niedersachsen, in einzelnen Fällen auch Friesen, die nach der Eroberung
im Mittelalter von den Herren des Landes zur Kolonisation herbeigerufen
wurden. Da aber das Gebirgsland bis nach Pirna lange zwischen Böhmen
und Meißen streitig war, so hat die Besiedelung nicht so rasch
erfolgen können; außerdem trat auch der vielfach schlechte Boden und
die Unsicherheit des Landes hemmend dazwischen. So sehen wir denn,
ähnlich wie im Elbtalkessel die Siedelungen, so hier die slavischen
Ortsnamen vor allem an der Stromrinne haften. Herrnskretschen (d. h.
Grenzwirtshaus), Schmilka, Schandau, Krippen, Prossen, Rathen, Pötscha,
Wehlen, Poste, Copitz, Pirna sind keine deutschen Namen. Gelegentlich
sind aber die Slaven auch auf die Höhe gestiegen, wie die Namen
Gorisch, Weißig, Dorf Wehlen, Krietzschwitz und Struppen beweisen.
Die untere Ebenheit rechts der Elbe, von Wehlen abwärts, weist fast
nur slavische Namen auf: Lohmen, Doberzeit, Daube und Zatzschka. Ja
selbst die deutsch klingenden Namen Mockethal und Liebethal möchten
kaum aus deutscher Wurzel stammen, um so mehr, wenn man sieht, daß der
Vorort von Dresden Löbtau urkundlich Liubitawa heißt und auf einer
alten handschriftlichen Karte des sechzehnten Jahrhunderts sogar
Liebethal geschrieben ist. Dazu muß man erwägen, daß das Liebethal
in der Sächsischen Schweiz nicht im Tal der Wesnitz, sondern oben,
über dem Grunde, auf der Ebenheit liegt. An der Elbe liegen nur
drei unzweifelhaft deutsch benannte Orte: Wendischfähre, Königstein
und Vogelgesang. Die deutschen Dörfer im Gebirge endigen, ziemlich
eintönig, fast alle auf -dorf, wie Naundorf, Hennersdorf, Hermsdorf
etc.; außerdem sind noch die Bestimmungswörter -walde, -hain und
-hübel verwendet; verhältnismäßig junge Bezeichnungen für spät
erfolgte Besiedelung. Auch im böhmischen Gebiet herrscht das „Dorf“ in
den Ortsnamen vor, daneben erscheint auch -bach. Dagegen fällt auf,
daß die deutschen und slavischen Namen scheinbar planlos gemischt sind.
[Illustration: Abb. 123. +Der Pfaffenstein.+ Gesamtansicht von
Südwesten gesehen.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite
118.)]
[Sidenote: Die Volksdichte.]
Die Volksdichte, die im Elbtalkessel, nach Schätzung, unterhalb
Dresdens 1000 Menschen auf einem Quadratkilometer beträgt, und oberhalb
Dresdens immer noch 750 Einwohner zeigt, sinkt in der Sächsischen
Schweiz auf 120, und steigt im böhmischen Sandsteingebirge wieder
auf 200 Einwohner. Die mittlere Dichte im Deutschen Reiche beträgt
104, so daß also selbst in der Sächsischen Schweiz die Ziffer noch
höher steht. Ausschlaggebend mag dafür gewesen sein, daß die am Rande
des Sandsteins gelegenen Städte Sebnitz, Pirna und Berggießhübel mit
einbezogen sind. Wenn auf der böhmischen Seite, wo ebenfalls die
Randstädte Bodenbach-Tetschen, Kamnitz und Kreibitz in der Rechnung mit
aufgenommen sind, die Volksdichte noch ansehnlich höher steht als in
Sachsen, so liegt der Grund vor allem in der stärkeren Industrie auf
böhmischer Seite. Die Zahl 200 ist eine zuverlässig genaue, da in dem
statistischen österreichischen Werke glücklicherweise die Bodenfläche
jeder Gemeinde ganz genau angegeben ist, was leider bei dem sächsischen
Ortsverzeichnisse noch vermißt wird. Überdies muß für die Gegenwart
die Zahl von 200 Einwohnern auf einem Quadratkilometer schon als nicht
mehr zutreffend bezeichnet werden, da sie sich auf die Zählung von
1890 bezieht. Die Ergebnisse der neuesten Volkszählung von 1900 sind in
dieser Beziehung noch nicht veröffentlicht.
[Sidenote: Der Verkehr auf der Elbe.]
Die von Natur gebotenen Beschäftigungen sind Ackerbau und
Viehzucht, Waldwirtschaft und die damit zusammenhängenden
Gewerbe der Holzflößerei, Sägewerke und Holzhandel, endlich das
Steinbrechergewerbe. Ackerbau (Abb. 133) beschäftigt die Bewohner der
Ebenheiten, die Elbanwohner besitzen mit sehr wenigen Ausnahmen bei
Prossen und Rathen kein Ackerland auf dem Talboden; sie sind namentlich
auf den Elbverkehr, Flößerei, Schiffahrt angewiesen. Außerdem verdient
noch die blühende Industrie in künstlichen Blumen erwähnt zu werden.
Das ganze Verkehrsleben zieht sich aber nach der Elbe hin. Wir wenden
daher unsere Aufmerksamkeit zuerst der Elbe, der Pulsader des Gebirges,
zu. Die Elbe hat von Tetschen bis Meißen eine Länge von 93 _km_.
Das Gefälle des Flusses ist, wie früher schon erwähnt ist, sehr gering,
die Schiffahrt dadurch also nirgends gehemmt. Durch Uferdämme ist die
Tiefe des Fahrwassers auf durchschnittlich 1¾ _m_ erhöht, und
es hat sich daher ein sehr lebhafter Verkehr, namentlich stromabwärts,
entwickelt, der besonders Braunkohlen, Obst und Holz aus Böhmen, und
Bausteine aus der Sächsischen Schweiz abwärts führt. Dieser Verkehr
erleidet auch durch die in neuerer Zeit zahlreich gebauten Brücken kein
Hemmnis. Schwierigkeiten und Gefahren bereitet eigentlich nur die Alte
oder Augustusbrücke in Dresden. Aus dem Mittelalter stammen überhaupt
nur zwei Brücken, die genannte Augustusbrücke und die Meißener Brücke,
beide in der nächsten Nähe fürstlicher Residenzen angelegt. Erst in der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts traten die Eisenbahnbrücken
bei Mittelgrund, Schandau, Dresden, Niederwartha und Meißen hinzu,
außerdem die steinernen Brücken bei Pirna, die Albert-, Carola- und
Marienbrücke in Dresden.
[Illustration: Abb. 124. +Stadt und Festung Königstein.+
Nach einem Aquarell von Adrian Zingg. (Zu Seite 121.)]
[Illustration: Abb. 125. +Die Schrammsteine.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 122.)]
[Illustration:
Rudolfstein Marienfelsen
Abb. 126. +Dittersbach.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 124.)]
[Illustration:
Rosenberg
Abb. 127. +Das Prebischtor und der Rosenberg.+
Nach einer Aufnahme von Stengel & Co. in Dresden. (Zu Seite 126.)]
[Sidenote: Dampf- und Segelschiffahrt.]
[Sidenote: Güterverkehr. Elbflößerei.]
[Sidenote: Das Steinbrechergewerbe.]
Die Dampfschiffahrt begann durch die Sächsisch-böhmische
Dampfschiffahrtsgesellschaft für öffentliche Benutzung am 25.
August 1837. Die erste Fahrt wurde von Dresden nach Meißen
gemacht. Gegenwärtig wird durch die Dampfer dieser Gesellschaft der
Strom von Leitmeritz bis Mühlberg befahren. Später traten für den
Frachtverkehr noch drei andere Schiffahrtsgesellschaften, die schon
bei Dresden genannt sind, hinzu. Am Schluß des Jahres 1901 waren
bei den sächsischen Elbstromämtern registriert 80 Personendampfer
und zwar 35 große und 5 kleine Raddampfer, 40 Schrauben- und
sonstige Maschinenschiffe, 8 Güterdampfer, 46 Radschleppdampfer, 31
Kettenschleppdampfer und 492 Segel- und Schleppschiffe mit zusammen
186641 Tonnen Tragfähigkeit. Die Häfen befinden sich in Postelwitz,
Königstein, namentlich aber in Dresden, der Alberthafen im Großen
Gehege, und in Riesa. Die Verbesserung des Fahrwassers durch Uferbauten
begann 1861. Wie sehr seit dieser Zeit die Schiffahrt sich gehoben hat
und die Tragfähigkeit der Elbkähne gesteigert werden konnte, wird aus
folgendem Vergleiche ersichtlich: Um 1852 trugen die größten Kähne
3000 Zentner, 1886: 15000 Zentner oder 750 Tonnen. Verglichen mit dem
Raumgehalt der neuesten großen Seedampfer erscheint die Zahl von 750
Tonnen gering; anders erscheint die Größe, wenn man zum Vergleiche
in ältere Zeit zurückgeht. Man wird erstaunen, wenn man hört, daß
die aus fünf Seeschiffen bestehende Flotte Magalhães’ bei der ersten
Weltumsegelung 1519-1521 zusammen nur 500 Tonnen Gehalt hatte, also an
Tragfähigkeit bedeutend gegen einen einzigen großen Elbkahn zurücktrat.
Ehe die Schleppdampfschiffahrt ins Leben trat, machten die Segelkähne
gewöhnlich drei Reisen nach Hamburg in einem Sommer, später aber und
jetzt kann die Zahl auf sieben und gar auf zehn Reisen gesteigert
werden. Die Segelschiffahrt ist daher fast völlig verschwunden und das
durch die weißen, hohen Segel belebte Strombild, wenn die Schiffe mit
günstigem Fahrwinde elbaufwärts flogen, gehört ebenso der Vergangenheit
an, wie die zahlreichen Schiffsmühlen auf der Elbe, die hart am Ufer in
mancher malerischen Stromecke, aber auch an Stellen sich angesiedelt
hatten, die der lebhafter werdenden Schiffahrt unbequem waren. Auch
die Schiffzieher, die Bomätschen, sonst eine volkstümliche Erscheinung
auf den Leinpfaden am Wasser, sind ausgestorben. Über die Größe des
Güterverkehrs auf der Elbe beim Zollamt in Schandau sei folgendes
erwähnt. Es betrug dieser Verkehr im Jahre 1900: 2735000 Tonnen. Einen
noch größeren Verkehr zeigen die vier Rheinhäfen Mannheim (4¼ Mill.
T.), Duisburg (3½ Mill. T.), Ruhrort (über 5 Mill. T.) und Emmerich
an der niederländischen Grenze (10 Mill. T.), und ferner die zwei Häfen
im Elbgebiet Berlin (4¾ Mill. T.) und Hamburg (5⅓ Mill. T.).
Schandau steht also unter den deutschen Flußhäfen an siebenter Stelle.
Die Frachten gehen meistens flußabwärts. Befördert wurden 1698000 T.
Braunkohlen, 369000 T. Holz, 309000 T. Zucker, 80000 T. Steine (nur
von den Brüchen oberhalb Schandau), 72000 T. Gerste und 14000 T. Obst.
Flußaufwärts gingen namentlich Düngmittel (81000 T.), Roheisen und Erze
(je 51000 T.). Was die Beförderung von Floßholz betrifft, so weisen
die Häfen an der Memel (Memel) und Weichsel (Thorn) eine noch höhere
Zahl von Tonnen auf, nämlich Thorn 722000 T. und Memel 647000 Tonnen.
Hier steht Schandau an dritter Stelle. Die Elbflößerei hat darum eine
besondere Bedeutung. Das Holz kommt aus den böhmischen Herrschaften,
vor allem von der oberen Moldau. In Böhmen haben die Prager Juden
diesen Handelszweig in der Hand. Die größten Holzniederlagen sind in
Niedergrund und Herrnskretschen. Von hier gehen die großen Prahmen
oder Flöße nach Magdeburg als dem Haupthandelsplatz an der mittleren
Elbe; jedes Floß ist bis 110 _m_ lang und hat vorn und hinten
Ruder, acht Stämme liegen nebeneinander. Eine solche Magdeburger
Prahme hat 14 Mann zur Bedienung für die 14 Ruder, je sieben vorn und
hinten. Die Flöße dürfen nach dem Reichsgesetz von 1894 nicht länger
als 130 _m_ und 12,6 _m_ breit sein. Sie dürfen auf der Elbe
auch nicht nebeneinander, sondern nur, und zwar in einem Abstande von
400 _m_, hintereinander fahren. In der Regel dauert eine Fahrt
bis Magdeburg acht Tage. Wenn die Flöße die Elbbrücken passieren,
sammeln sich immer Zuschauer, um dem Steuern dieser schlangenartig
sich bewegenden Fahrzeuge zuzusehen. Seit 1878 wird ein Zoll von dem
böhmischen Holze erhoben, der dem Deutschen Reiche etwa ¾ Mill.
Mark abwirft. Seitdem kommen nicht mehr verarbeitetes Holz, Bretter
und dergleichen herein, sondern nur Rundholz und es haben sich auf
deutschem Gebiet große Schneidemühlen an der Elbe in Schandau,
Königstein, Laubegast, Dresden und Riesa entwickelt. Die Flößer stammen
meistens aus den böhmischen Elbdörfern Herrnskretschen, Johnsdorf,
Rosendorf, Arnsdorf, Elbleiten, Kamnitzleiten und Stimmersdorf, die
sich, von Haus aus Handwerker und Bauern, ein Nebengewerbe aus der
Flößerei gemacht haben.
[Illustration: Abb. 128. +Am Rauschentor bei Schmilka.+
Liebhaberaufnahme von W. Thiel in Dresden. (Zu Seite 128.)]
[Illustration: Abb. 129. +Schmilka.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 128.)]
Ein anderes nur am Sandstein haftendes Gewerbe ist das
Steinbrechergewerbe (Abb. 134, 135 u. 136). Glücklicherweise ist
die Zahl der in diesem Beruf beschäftigten Arbeiter nicht groß (sie
betrug nur 3 vom Hundert der Bevölkerung), denn diese Arbeit ist
sehr ungesund und rafft die Leute in ihren besten Jahren hin. Am
gefährlichsten ist die Arbeit der Hohlmacher. Der Sandstein wird nicht
von oben abgesprengt, sondern die wagerechten Klüfte oder Schichten,
wodurch die Bänke voneinander geschieden sind, werden von unten her
erweitert, bis der Arbeiter wohl 12 _m_ tief unter der hohen
Wand vordringen kann. Dieses Hohlmachen der Wand gestattet aber nur,
daß der Mann, auf dem Rücken liegend, sich weiter vorschiebt, wobei
er, nach oben arbeitend, immer den feinen Sandstaub einatmet. So
entsteht durch Erkältung infolge der Lage auf dem nackten Steine die
sogenannte Steinbrecherkrankheit, die bei wachsendem Siechtum oft
schon mit 30 Jahren den Steinbrecher „bergfertig“ macht und ihn mit 40
Jahren dem Tode zuführt. Daher die große Zahl der Witwen und Waisen.
Im Jahre 1881 gab’s allein in dem sächsischen Dorfe Schöna 35 junge
Steinbrecherwitwen. Aber der höhere Lohn lockt die jungen Leute immer
wieder an, sich dem Gewerbe zu opfern. Im Jahre 1897 waren beschäftigt
139 Bruchmeister, 68 Hohlmacher, 1391 Steinbrecher, 418 Steinmetzen,
1274 Räumer, 241 Räumerinnen, und es wurden in 387 Brüchen 177000
_cbm_ Steine gewonnen. Der Arbeitslohn betrug bei den Männern
für jede Stunde im niedrigsten Satz 22-25 Pfennige, im höchsten 40
bis 50 Pfennige; bei den Frauen dagegen nur 12-18 Pfennige. Im Jahre
1892 waren nur 334 Brüche mit 3300 Arbeitern im Betrieb, aber die
Ausbeute betrug 187000 _cbm_. Die Ursache liegt wohl darin, daß
oft jahrelang an dem Hohlmachen einer Wand gearbeitet werden muß, daß
aber, wenn sie glücklich gefällt ist, auch ebenso lange Zeit wieder zur
Aufarbeitung gebraucht wird. Die großen Stücke bis zu 500 Zentner nennt
man Hamburger Ware. Die kleineren behauenen Werkstücke werden auf zwei
aneinander befestigten hölzernen Schlitten „heruntergehuscht“ an den
Strand und dort auf die Kähne verladen.
[Illustration: Abb. 130. +Das Felsentor auf dem Neurathen.+ Stich
von Ludwig Richter.
Aus: Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der nächsten
Umgebung. (Zu Seite 132.)]
[Sidenote: Das Fällen einer Wand.]
Eine sehr interessante Beschreibung von der Art und Weise, wie eine
Wand hohlgemacht und gefällt wird und welches wunderbare Schauspiel
das Stürzen einer Wand gewährt, hat ein tüchtiger Fachmann in der
Zeitschrift: „Über Berg und Tal“ 1887 veröffentlicht. Danach darf eine
Wand nur mit behördlicher Genehmigung zu Fall gebracht werden, wenn
der königliche Steinbruchsaufseher und der königliche Kommissar die
Wand vorher besichtigt haben und wenn nachgewiesen ist, daß durch den
Fall kein Nachbar geschädigt, kein öffentlicher Weg gefährdet wird.
Namentlich unterliegen die Brüche an der Eisenbahn der schärfsten
Kontrolle. Es war früher doch vorgekommen, daß Blöcke bis in die Elbe
stürzten und der Schiffahrt hinderlich wurden. Dann erst erfolgt nach
genauer Prüfung die Genehmigung zum Hohlmachen; vielleicht muß auch
sogar eine namhafte Kaution gestellt werden.
[Illustration: Abb. 131. +Bastei von der Elbseite.+
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachfolger R. Tamme in
Dresden. (Zu Seite 132.)]
[Sidenote: Das Stürzen einer Wand.]
Zuerst wird mit einer kurzgestielten Hacke, deren flachgebogenes
Eisen in der Mitte durchlocht ist und nach jeder Seite in eine Spitze
ausläuft, hohlgemacht. Bei weiterem Vordringen unter der Wand wird
auch mit Pulver, seltener mit Dynamit gesprengt, das Unterhöhlen muß
an der Seite der Wand beginnen, wohin diese fallen soll. Ist nun die
Verlosung (Kluftbildung) normal, dann ist die Arbeit leicht; ist aber
die Wand mit der daranstoßenden verwachsen, dann löst sie sich nicht
in gewöhnlicher Weise, sondern muß abbrechen und das geschieht oft
unerwartet und wird gefährlich, weil die gewöhnlichen Warnungszeichen,
die dem Fallen der Wand vorausgehen, nicht Zeit lassen zu fliehen.
So ging am 18. Oktober 1887 eine regelrecht unterhöhlte Wand bei Posta
unerwartet nieder und drückte einem noch unter derselben befindlichen
Hohlmacher die Brust ein, so daß er nach wenigen Stunden starb. Ein
großes Aufsehen erregte am 25. Januar 1862 die Kunde, daß bei Wehlen
21 Steinbrecher von einer fallenden Wand verschüttet seien; aber noch
größere Verwunderung und Freude sprach sich aus, als man vernahm, daß
sämtliche Arbeiter nach 30stündiger ununterbrochener Anstrengung aus
ihrem steinernen Grabe unversehrt wieder ans Tageslicht gebracht werden
konnten. Die fallende Wand hatte sich, wie wir es bei Höhlenbildungen,
z. B. beim Eingang der Götzinger-Höhle, gesehen haben, schräg angelehnt
und so den Verschütteten Raum und Luft genug gelassen, um 30 Stunden
auszuharren.
Die zu fällende Wand in den Teichsteinbrüchen oberhalb Schöna, von
der unser Gewährsmann spricht, war 45 _m_ hoch, 40 _m_ lang und
unten 20 _m_, oben 15 _m_ breit. Die Höhe der Unterhöhlung wurde, im
Verlauf der Arbeit, immer niedriger, so daß die Hohlmacher zuletzt
liegend „schroten“ (hohlmachen) mußten. Dann wurden die Steifen
aufgestellt. Das sind Hölzer, Stützen von kerngesundem Holz in der
Stärke von 30-45 _cm_ und 2½-4 _m_ Höhe. Es wurden 24 solcher Steifen
unter die schwebende Wand gesetzt, wobei jeder, auch der geringste
Zwischenraum, zwischen der Steife und dem Stein durch harte Holzkeile
fest ausgeschlagen wird. Nur an einer kleinen Stelle wird so viel
leerer Raum gelassen, um ein kleines Glasfläschchen anzubringen,
dessen Zerspringen den geringsten Druck der Wand von oben anzeigt.
Diese Steifen werden nur ganz vorn, höchstens 1-2 _m_ zurück gestellt.
Unter diesen Verhältnissen war die Wand bis 30 _m_ hinein unterhöhlt.
Die Gläser waren gesprungen, die Steifen zum Teil geborsten, loses
Gestein fiel aus der Verlosung ab: alles Anzeichen, daß man nun durch
Wegschießen der Steifen die Wand zu Falle bringen könne.