Für sich allein steht der Königstein (360 _m_); er liegt der

großen Schleife, die die Elbe um den Lilienstein macht, gegenüber

und ist zum Beherrscher des Flusses wie kein anderer Fels geschaffen

(Abb. 124). Daher erscheint der Berg auch schon früh im Mittelalter

auserlesen, als Grenzwächter zu dienen. Bis ins fünfzehnte Jahrhundert

war aber das Gebiet der Sächsischen Schweiz von Böhmen abhängig, nur

in Böhmen gab es seit 1198 Könige, aber nicht in Sachsen. Die ersten

Befestigungen müssen also von den Herrschern in Böhmen ausgegangen

sein. Der Name Königstein wird nun in der lateinischen Form _lapis

regis_ zuerst 1241 in einer Urkunde genannt, die der König Wenzel

am 7. Mai auf dem Königstein vollzog und in der er die Grenze zwischen

Böhmen und der Lausitz genau festsetzte. Das Jahr und die Ursache,

weshalb der König die neue Festung besuchte, sind merkwürdig genug, um

noch länger dabei zu verweilen.

Es war im Frühling des Jahres 1241, gerade während des heftigen

Streites zwischen Kaiser und Papst, als der große Mongolensturm von

Asien her über Westeuropa hereinbrach und auch Deutschland zu verwüsten

drohte, wie schon Rußland und Polen verheert waren. Von den Ufern

des Kaspischen Meeres wälzte sich die Mongolenflut mit ihren wilden

Reiterscharen erst über Rußland. Die moskowitischen Zaren wurden von

dem Chan der Goldenen Horde „zum Dienste seines Bartes und seines

Bügels“ erniedrigt. Der Polenkönig suchte Schutz in Ungarn, seine

Hauptstadt Krakau ging in Flammen auf. Der König Wenzel von Böhmen

sah den Sturm kommen. Er ermahnte schriftlich feine Nachbarn, den

Herzog Otto von Bayern und den Landgrafen Heinrich von Thüringen,

zu schleunigster Hilfeleistung. Im Lande selbst ließ er alle nur

irgend haltbaren Städte und Burgen so eilig befestigen, daß selbst

Geistliche und Mönche mit Hand anlegen mußten. Dann bereiste er die

Grenzen, um überall in den Böhmen umgebenden Waldgebirgen die Pässe

durch Verhaue zu sperren, damit die asiatischen Reiterscharen nicht

eindringen könnten. Bei dieser Gelegenheit wird auch der Felsen an der

Elbe als sehr geeignet gefunden sein, um als Grenzwächter zu dienen

und hat dabei höchst wahrscheinlich seinen Namen bekommen; denn der

„Stein“ wird zwar schon vorher genannt, aber noch nicht als Königstein

bezeichnet. Nach Beendigung dieser Schutzarbeiten brach Wenzel mit

einem Teile seines Heeres von Nordböhmen auf und zog über Zittau nach

Schlesien, um seinem Schwager, dem Herzog Heinrich von Schlesien,

Hilfe zu bringen, der sich bei Liegnitz mit seinen Panzerreitern

den Mongolen entgegengestellt hatte. Leider kam Wenzel zu spät. Die

heldenmütige Schlacht war schon am 9. April 1241 geschlagen, Heinrich

selbst fand im Kampfe den Tod; aber die Verluste der Asiaten waren so

groß gewesen, daß sie von einem Weitervordringen nach Westen absahen

und vor Wenzel zurückwichen, um auf einem anderen Wege in Böhmen

einzubrechen. Allein es gelang ihnen nicht, und Wenzel kehrte auf dem

Wege über Zittau zurück. Die Ostgrenze glaubte er genug gesichert zu

haben; aber wenn die Mongolen eine Kriegslist gebrauchten, war es

nicht undenkbar, daß sie von Norden her, von der Lausitz, in Böhmen

einzudringen versuchten. Daher verweilte im Mai 1241 Wenzel noch

länger an den nördlichen Grenzen seines Reiches, und hier war es, wo

er am 7. Mai die erwähnte Urkunde auf dem Königsteine ausstellte. Es

besteht demnach die größte Wahrscheinlichkeit, daß von dem wiederholten

Aufenthalte des Königs der Königstein seinen Namen erhielt und daß

die Benennung eine geschichtliche Beziehung zu dem Mongolensturme

hat. Unter böhmischer Oberhoheit saßen dann Burggrafen auf der Feste,

die im fünfzehnten Jahrhundert an Sachsen kam. Nachdem im sechzehnten

Jahrhundert nur für kurze Zeit die Felsenhöhe als Kloster gedient

hatte, wurde unter den Kurfürsten August und Christian die Festung in

umfassender Weise ausgebaut, daß sie dann als uneinnehmbar galt und in

unruhigen Zeiten eine sichere Zuflucht für die kurfürstliche Familie

bot. Kurfürst August ließ auch den 152 _m_ tiefen Brunnen anlegen,

der keineswegs bis zum Elbspiegel hinunter reicht, aber wahrscheinlich

sein Wasser aus einem Lehmlager erhält, das in einer Tiefe von 139

_m_ im Quadersandstein eingebettet liegt. Der Pläner liegt hier

viel tiefer, also stammt das Brunnenwasser weder aus dem Pläner, noch

aus dem noch tiefer liegenden Urgestein.

Der Königstein bildete seit dem ausgehenden siebzehnten Jahrhundert

das einzige Ziel fremder Reisenden, zu einer Zeit als man die

Naturschönheiten der Sächsischen Schweiz noch wenig beachtete. Den

modernen Schußwaffen gegenüber hat der Königstein seine frühere

Bedeutung nicht behaupten können und gilt nur noch als Sperrfort. Aber

die durch hohe Mauern gesicherte und mit mancherlei Gebäuden besetzte

Felsenhöhe zieht inmitten der Schar der „Steine“ den Blick beständig

auf sich und von dem Elbgestade her ist die Ansicht der Feste imposant.

[Sidenote: Die Bärensteine.]

Nördlich vom Königstein erheben sich die Bärensteine, die man, nicht

nach der Höhe, sondern nach der Flächenausdehnung, den Großen und den

Kleinen Bärenstein nennt; jener im Norden, dieser im Süden, jener 328

_m_, dieser 338 _m_ hoch, also ist der Kleine Bärenstein 10

_m_ höher als der Große und wird seiner hübschen Aussicht wegen

und weil er von der Eisenbahnstation Pötscha aus auf angenehmen Wegen

leicht zu erreichen ist, viel besucht, um so mehr als sich auch ein

Bergwirtshaus oben befindet. Zum Kleinen Bärenstein kann man auch die

Götzinger-Höhle rechnen. Die eigentümlichen Formen oberflächlicher

Verwitterungen sind schon erwähnt, ebenso auch die beachtenswerte

schräge Schichtung am Großen Bärensteine.

[Illustration: Abb. 112. +Aussicht vom Hohen Torstein über die

Schrammsteine, Ostertürme, Schrammtürme und Dreifingerturm.+

Nach einer Aufnahme von _Dr._ Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu Seite

110.)]

[Sidenote: Der Rosenberg und die Dittersbacher Felsen.]

Die Berg- und Felsformen auf dem rechten Elbufer weichen, wie schon

kurz angedeutet ist, wesentlich von denen auf der anderen Seite des

Stromes ab. Wir haben das Gebiet der „Steine“ fast völlig verlassen,

wenigstens herrschen diesen einzelstehenden Steinmassen, die man mit

abgesonderten Individuen vergleichen könnte, keineswegs mehr vor. Auf

der rechten Elbseite stehen die Berge und Bergmassen mehr miteinander

in Zusammenhang, und von diesen Massen strahlen nach verschiedenen

Seiten wildzerklüftete Klippenreihen (Abb. 125) fast wie unheimliche

Fangarme aus. Diese Klippentürme und Klippenwände fassen zwischen

sich enge Schluchten oder rundliche Felskessel. Die so geartete

Felsenwelt gruppiert sich um die beiden Winterberge und erstreckt sich

nach Südosten weit über Sachsens Grenzen hinaus bis in die Gegend des

romantisch gelegenen Dorfes Dittersbach. Südlich von dieser Klippenzone

erhebt sich nur ein einsamer und zugleich der höchste Berg dieser

Seite, der Rosenberg, während nördlich von dem Winterberggebiete sich

eine Reihe einzelner Steine von geringem Umfange erhebt, von denen

aber keiner als Aussichtspunkt berühmt ist. Abgesehen von den höchsten

Gipfeln, die von ihren Türmen aus eine umfassende Rundsicht bieten,

stellen die besuchtesten Aussichtspunkte nördlich vom Winterberge

sich nicht als einzelne aufragende Felsen, sondern als auf dem Rande

einer langhingezogenen Felsenwand gelegen dar, so daß diese Plätze

sich in der Silhouette der Landschaft gar nicht hervorheben. Dahin

sind Prebischtor, Brand und selbst die Bastei zu rechnen. Nur ein

„Stein“ tritt, die ganze Landschaft beherrschend, kräftig hervor, der

Lilienstein, der aber eigentlich zu der Zone von Steinen auf dem linken

Elbufer gehört. Sonst ist das ganze Gebiet, namentlich in dem oberen

Teile, vielmehr durch unzählige Gründe und Schluchten zerschnitten

und zerspalten, darum treten hier viel zahlreicher die ausgedehnten

Felswände auf. Darum hat sich dies Gebiet auch sehr verkehrsfeindlich

bewiesen. Arm an Quellen und fruchtbarem Boden, daher arm an Dörfern,

aber voll von Schluchten und Felsspalten, reich an Schlupfwinkeln und

Zufluchtstätten auf unzugänglichen Felshöhen ist die ganze Gegend

südlich von der Kirnitzsch, das böhmische Grenzland, so lange ein

Tummelplatz für Wegelagerer und ritterliche Strolche gewesen, deren

Raubnester noch gezeigt werden, bis die Kurfürsten von Sachsen, einer

solchen Nachbarschaft unfroh, mit eiserner Hand zugriffen und das

räuberische Herrengeschlecht der Birken von der Duba durch erzwungenen

Gutstausch vertrieben und unschädlich machten. Später konnten dieselben

Zufluchtsstätten und Schlupfwinkel friedliche Bauern mit ihrer Habe in

den bösen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, einzelne Flüchtlinge wohl

gar noch im Nordischen Kriege aufnehmen.

Unsere Wanderung geht auch auf dieser Seite der Elbe im allgemeinen

von Süden nach Norden, entsprechend der Höhe der Berggipfel. Der

Rosenberg (620 _m_), ein schön geformter Kegelberg, nach seiner

Gestalt einzigartig im Sandsteingebiet, weil seine Kuppe ganz aus

Basalt besteht, erhebt sich ganz frei aus der ziemlich einförmigen

Ebenheit um fast 300 _m_; er wird daher von allen Seiten gesehen

und beherrscht das Landschaftsbild vollständig. Aus den Tälern und

den flachen Mulden der Ebenheit lenkt er stets den Blick auf sich

und bestimmt das landschaftliche Motiv; allein die Aussicht von

seiner Höhe, wo sich seit 1893 ein Aussichtsturm erhebt, entspricht

den Erwartungen nicht vollständig, weil die nächste Umgebung in

einem Umkreis von 8-10 _km_ Radius ganz flach erscheint und die

malerischen und grotesken Felsbildungen namentlich der Steilwände in

der Umgebung des Prebischtores schon zu fern liegen, um eine malerische

Wirkung hervorzubringen. Das Gesichtsfeld ist groß, aber es fehlt ihm

der Vordergrund. Schön ist dagegen auf dem Basaltboden des Gipfels der

herrliche Ahorn- und Buchenwald und die üppige Pflanzenwelt auf diesem

Boden. Der Basalt sondert sich in Säulen von ansehnlichem Durchmesser

und diesem Gestein verdankt der Berg auch nahe unter dem Gipfel eine

gute Quelle.

[Illustration: Abb. 113. +Das Pechofenhorn am Zeughauswege.+

Nach einer Aufnahme von _Dr._ Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu Seite

110.)]

Östlich vom Rosenberg zieht die Kamnitz von Windisch-Kamnitz über

Kamnitzleiten und Stimmersdorf eine immer tiefer eingeschnittene

Erosionsfurche in einem mächtigen Bogen durch das Gelände bis

nach Herrnskretschen; breite, wellige Hochflächen, hie und da

von basaltischen Kegeln überragt, begrenzen das tiefe Flußtal.

Aber jenseits desselben, im Nordosten, erheben sich in einer

durchschnittlichen Entfernung von 2 _km_ von der Kamnitz die

Steilwände des Sandsteingebirges, nordöstlich vom Rosenberge, um

den malerisch gelegenen böhmischen Ort Dittersbach (Abb. 126) ein

förmliches Amphitheater von grotesken Felshörnern, Kuppen und Wänden

bildend. Unter ihnen ragen besonders der Rudolfstein (486 _m_)

und der Marienfelsen (422 _m_), beide nach dem Fürsten und

der Fürstin Kinsky benannt, als aussichtsreiche Punkte hervor. Der

Rudolfstein, 1824 zugänglich gemacht, ragt zwar nur etwa 50 _m_

über die umgebenden Felsenhöhen hinaus, aber er gewährt doch die

schönste Aussicht in der ganzen Umgebung von Dittersbach. Er bietet

(nach Schiffner) eine lehrreiche Übersicht über die Felsenzüge

und wildschönen Waldgründe der hinteren Schweiz, sowie herrliche

Fernsichten nach dem Kreibitzer Gebirge, nach dem Rosenberge und

besonders ins sächsische Land hinab, wo er dagegen wenig bemerkt wird.

Der Marienfelsen erhebt seine schlanke Turmgestalt noch näher bei

Dittersbach, etwa 200 _m_ über dem Tal; man steigt zu seiner von

einem Pavillon gekrönten Höhe auf 240 Stufen hinan. Der Marienfelsen

bietet wohl die abenteuerlichste Gestalt im ganzen Sandsteingebirge.

[Illustration: Abb. 114. +Verwitterungen des Sandsteins auf dem

Gorisch.+

Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt _Dr._ Ruge in Kiel. (Zu

Seite 110.)]

[Sidenote: Das Prebischtor.]

Weiter westlich und näher dem Großen Winterberge findet sich auf den

schroff abbrechenden Felswänden des großen Amphitheaters auch das

vielbewunderte Prebischtor (438 _m_), das sich in einer schmalen

und kurzen Felsenmauer, in den obersten Bänken des wagerecht gelagerten

Sandsteines über 20 _m_ hoch auswölbt (Abb. 127), nach oben einen

schön geschwungenen Bogen zeigt und auf dem unteren Boden sonst eine

hohe Kiefer nährte, deren Gipfel das obere Gewölbe nicht erreichte.

Allein schon die Größe dieses natürlichen Tores bringt eine mächtige

Wirkung auf den Beschauer hervor. Es ist eine in ihrer Art einzig

dastehende Felsbildung. Der mächtige Eindruck wird aber noch wesentlich

erhöht durch die Aussicht, die man von der oberen Platte des Tores

aus gegen Süden hat. Es ist die reizendste Mischung der Böhmischen

Mittelgebirgslandschaften mit den wilden Felsmassen des Sandsteines.

Daher kein Wunder, daß das Prebischtor zu den wichtigsten Reisezielen

im Gebirge gehört.

[Sidenote: Die hintere Sächsische Schweiz.]

Nördlich von diesen berühmten Aussichtspunkten breitet sich zwischen

den Elbzuflüssen Kamnitz und Kirnitzsch eine fast gänzlich unbewohnte

Felsen- und Waldwildnis aus von über 100 _qkm_ Fläche, ohne Dörfer

und Ackerfluren. Diese Wüstenei wird im Westen durch die Elbe begrenzt,

im Süden etwa durch eine Linie, die die Dörfer Herrnskretschen,

Stimmersdorf und Hohenleipa berührt und nach Osten bis Kreibitz reicht.

Die Ostgrenze läuft von Niederkreibitz durch Daubitz, Khaa nach Zeidler

und die Nordgrenze von hier über Hemmhübel und Hinterhermsdorf ins

Kirnitzschtal nach Schandau. Die Nordgrenze trifft ungefähr mit der

des Lausitzer Granits zusammen. Das Ganze bildet ein Schluchtengewirr

ohne Wasser, und doch scheinen sich diese Gründe und Schluchten zu

förmlichen Flußsystemen mit Haupt- und Nebenflüssen zu ordnen, die

sich alle nach Norden zum Kirnitzschtale senken und öffnen; denn die

Wasserscheide dieses Gebietes liegt hart an der südlichen Grenze.

Nur zwei Straßen durchschneiden diese Wildnis: die Zschandstraße

von der Neumannsmühle an der Kirnitzsch über den Ziegenrücken nach

Reinwiese, und die Böhmer Straße von der Kirnitzschschänke nach

Dittersbach, diese aber noch nicht völlig fahrbar. Die beste Aussicht

in die Waldeinsamkeit der hinteren Sächsischen Schweiz genießt man

vom Königsplatz (434 _m_) aus, der südlich von Hinterhermsdorf

liegt. Die Wald- und Felsenstufen bringen in das Bild des unermeßlichen

Waldes, in dem keine menschliche Wohnung sichtbar wird, eine

Abwechslung, die das Auge fesselt und den Sinn beruhigt.

[Illustration: Abb. 115. +Höhlenartige Auswitterungen am Fuße des

Gorisch.+

Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt _Dr._ Ruge in Kiel. (Zu

Seite 111.)]

Durch die beiden genannten, von Nordwesten nach Südosten ziehenden

Straßen wird die ganze Felsen- und Waldzone in drei Teile zerlegt.

Es mag dabei noch darauf aufmerksam gemacht werden, daß auch die

Elbe, an der Westgrenze dieses Gebietes von Herrnskretschen an eine

nordwestliche Richtung einschlägt. Der östliche Abschnitt, östlich von

der Böhmer Straße, ist ziemlich eintönig, ohne besondere Felsbildungen,

ohne hervorragende Gipfel; der mittlere Teil bis zur Zschandstraße

macht in den Torwalderwänden östlich vom Zschand den Anfang jener

zersprengten und verwitterten Wände und Felsmassen, wie sie in dem

westlichen Stücke so hervorragend ausgebildet sind. Gegen Norden lösen

sich auch die Torwalderwände bereits in einzelne Steine auf, die auch

als kurze, in der Richtung des Erzgebirges streichende Felsketten

bezeichnet werden könnten: der Teichstein, Kanstein und Heulenberg (mit

Basalt). Zwischen dem Zschand und der Elbe erstreckt sich von Südosten

nach Nordwesten das Gebiet des Großen Winterberges, das bedeutendste

und eigenartigste Gebirgsstück östlich von der Elbe. An der Außenseite

seiner grotesken Schluchten, Wände und Felsentürme liegen im Süden das

Prebischtor und der Prebischkegel, im Norden der Winterstein (Hinteres

Raubschloß), Affenstein, die Schrammsteine mit dem Falkenstein und im

Westen der Rauschenstein (Abb. 128). Zu Füßen dieser wilden Felsen und

Klippen schmiegt sich in eine nach der Elbe rasch abstürzenden Schlucht

das kleine malerische Dörfchen Schmilka (Abb. 129), von wo auch ein

vielbegangener Weg zum Großen Winterberge hinanführt.

[Illustration: Abb. 116. +Der Kuhstall.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 111.)]

[Sidenote: Der Große Winterberg.]

Der Große Winterberg erhebt sich so recht in der Mitte des Gebietes

bis zu 551 _m_ Höhe und überragt mit seiner Basaltkuppe die

Umgebung noch um mehr als 100 _m_. Der Basaltkamm, richtiger

noch als Basaltkuppe, streicht von Südwesten nach Nordosten in der

Hauptkluftrichtung des Sandsteines. Daß der Cottaer Spitzberg und der

Sattelberg im Erzgebirge dieselbe Richtung einschlagen, hat schon

Gutbier bemerkt. Das Winterberggebiet kam erst 1492 von Böhmen an

Sachsen; richtiger wäre damals schon, auch nach historischem Recht,

die Grenze an die Kamnitz gelegt. Die erste genaue Vermessung erfolgte

1782 durch Offiziere des sächsischen Ingenieurkorps. Eigentümliche

Beobachtungen machte Odeleben 1825 bei seinen Vermessungen. Er kam

erst am sechsundachtzigsten Tage seiner Arbeiten auf den Großen

Winterberg und schreibt in seinem Kommentar: „Wie gut war es, daß ich

die Arbeit nicht von diesem Gipfel begonnen hatte, denn dies würde zu

den schwierigsten Rätseln geführt haben. Sollte man es glauben, daß

die Magnetnadel auf dem Basaltknopfe neben dem kleinen Häuschen für

Besuchende, wo der Meßtisch aufgestellt ward, mehr als 37 Grad von der,

zuvor sorgfältig geprüften und auf den anderen Punkten größtenteils

genau übereinstimmenden Richtung abwich.... Die Abweichung blieb sich,

wie späterhin bemerkt wurde, nicht gleich. Zwei, drei Schritt von

jenem Standpunkte war sie minder bedeutend. Sie schien selbst durch

die Witterung zu variieren ... Dieses Schwanken läßt sich wohl nicht

anders erklären, als durch die Anhäufung von Magneteisenstein.“ Der 100

_m_ mächtige Basaltgang besteht nach den neueren Untersuchungen

aus Nephelinbasalt mit zahlreichen Olivinkristallen. Die Aussicht vom

Winterberge ist umfassend, großartig durch den Reichtum an Gestaltungen

der Erdoberfläche in der nächsten Umgebung, besonders fesselnd durch

den Blick auf die Elbe. Die Aussicht reicht vom Kollmberge bei

Oschatz bis zur Tafelfichte. Einer der ersten Reisenden, Magister

Christian Weiß, der seine Wanderung 1796 zu Fuß und größtenteils

allein unternahm, meint: „Es war mir am interessantesten, den Lauf der

Elbe aus Böhmen nach Sachsen zu übersehen.“ Der jugendliche Dichter

Theodor Körner äußerte sich 1810 über die Aussicht so: „Der Blick, den

der Winterberg gewährt, ist weniger weit umfassend, aber malerischer

als viele bedeutend höhere Berge ihn gewähren.“ Dieser Ausspruch ist

insofern berechtigt, als Körner die Aussicht vom Gipfel mit der von

noch höheren Bergen vergleicht und sie in dieser Beziehung malerischer

nennt; denn je höher der Standpunkt ist, um so weniger malerisch wirkt

die Ansicht der Landschaft. Bei der Bedeutung und Höhe des Berges

ist es auch erklärlich, daß er in die Hauptwanderlinie einbezogen

ist, die von Schandau über den Kuhstall, Winterberg, Prebischtor nach

Herrnskretschen führt. Sehr bezeichnend heißt der Teil des Weges

zwischen Kuhstall und Winterberg „der Fremdenweg“.

[Illustration: Abb. 117. +Der Kleinstein.+

Nach einem älteren kolorierten Kupferstich von C. A. Richter. (Zu Seite

111.)]

[Illustration: Abb. 118. +Rostfarbige Auswitterungen am Thürmsdorfer

Diebeskeller (Götzinger-Höhle).+

Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt _Dr._ Ruge in Kiel. (Zu

Seite 113.)]

[Sidenote: Die Lichtenhainer Steinfelsen.]

Eine ganz andere Landschaft umgibt uns, sowie wir aus dem menschenarmen

Felsenlande den ersten Schritt über die Kirnitzsch nach Norden tun.

Parallel mit der Kirnitzsch fließt die Sebnitz. Beide fließen nach

Westen und biegen erst im unteren Laufe nach Süden um, wo sie bei

Schandau und Wendischfähre die Elbe erreichen. Dieser Landstrich

bildet bei einer durchschnittlichen Breite von 1 _km_ einen

breitgewölbten Rücken, der nach Osten allmählich um 100 _m_

ansteigt, ohne der Anlegung einer Hochstraße, die sich der Länge nach

über den Rücken hinanzieht, Schwierigkeiten zu bereiten. Übrigens

ist die Straße wieder ein Beleg für die Warnung, Gebirgsstraßen

nicht in den Tälern zu suchen und auf diese Lehrmeinung allerhand

hübsche Schlüsse zu bauen. Vor allem ist auffällig, daß das ganze

Land unter der Wirkung des Pfluges licht und grün aussieht und daß

vier ansehnliche Dörfer: Lichtenhain (880 Ew.), Mittelndorf (440

Ew.), Altendorf (500 Ew.) und Rathmannsdorf (1050 Ew.) in ziemlich

gleicher Entfernung voneinander sich auf dem Landrücken ausbreiten.

Von wilden Klippenzügen und tiefen Felsgründen keine Spur, denn

der ganze Rücken bis nahe an Rathmannsdorf gehört dem Lausitzer

Granit. Hier ist also tatsächlich die Sächsische Schweiz in ihrem

Zusammenhange unterbrochen, eine Lücke trennt die obere und die

untere Gebirgslandschaft, und aus dieser Beobachtung heraus wird uns

auch die alte Benennung der Sächsischen Schweiz als „die Heide über

Schandau“, womit also namentlich das Winterberggebiet gemeint ist,

verständlich und erscheint durchaus berechtigt. Bei alledem bleibt

es merkwürdig, daß eine der ältesten Erwähnungen der wunderbaren

Felsgebirge in der Sächsischen Schweiz 1743 betitelt ist: „Nachricht

von denen Lichtenhaynischen Steinfelsen.“ Es heißt da: „Lichtenhayn

ist um und um mit Bergen, Felsen und Wäldern umgeben. Und zwar so sind

die aus denen hohen Bergen von Natur gewachsene Felsen sehr weit zu

observieren: Sie präsentieren von ferne den Prospekt derer zierlichst

mit Türmen, Mauern und Spitzen erbauten Bergschlösser, weshalben sie

auch weit und breit bekannt und berühmt und von vielen Fremden mit

Vergnügen besucht und mit Verwunderung betrachtet werden. Weil sich nun

in diesen Steinklüften vor alten Zeiten entweder viel Räuberrotten,

oder die in der Gegend wohnende Leute in Verfolgung sicher aufgehalten,

so nennt man solche in genere Raubschlösser, z. B. Rabstein (Hinteres

Raubschloß), Spögenhörner (Speichenhörner = Vorderes Raubschloß), der

Große und Kleine Winterberg, der Hausberg (Wildenstein = Kuhstall)

u. s. w. Dasjenige Raubschloß, welches man den Hausberg nennt, ist das

erste von Lichtenhayn, mitten im Walde... Dieser Felsen hat unten eine

große und sehr lichte Höle von Natur, als wie die Tore einer Stadt

gewölbt, in welchen verschiedene Klippen, gleich denen Feuerherden,

Tischen und Bänken zu finden.... Man nennt diese Höle den Kuhstall“

u. s. w. -- Aus der ganzen Darstellung geht hervor, daß der Verfasser

dieses etwas altfränkisch anmutenden Berichtes, aus dem hier nur eine

Probe gegeben ist, den Blick nur nach Süden, also in die Heide über

Schandau gerichtet hat, daß unter allen Merkwürdigkeiten der Kuhstall

am ausführlichsten beschrieben wird; und wenn wir hinzufügen, daß

von allen Dörfern jener Gegend Lichtenhain dem Kuhstall am nächsten

liegt, so leuchtet ein, daß der Titel „Lichtenhainer Steinfelsen“

eine gewisse Berechtigung hat. Von Lichtenhain nordwärts gab’s weder

merkwürdige Felsen noch unheimliche Raubschlösser.

[Illustration: Abb. 119. +Schwammartige Auswitterungen oberhalb des

Großen Domes.+

Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt _Dr._ Ruge in Kiel. (Zu

Seite 113.)]

[Sidenote: Der Lilienstein.]

Dresden und die Sächsische Schweiz · 第 11 / 16 段