Jetzt zieht die Eisenbahn durch den engen Grund, Hotels und

Fabrikanlagen sind entstanden, das Bachbett ist zwischen Steinmauern

gefesselt und der unnützen Felsblöcke entledigt, der hohe Tannenwald

ist gefällt, das Wasser des Baches ist wie verschwunden. Daher sagt

O. Lehmann mit Recht: „Der Besuch des Falls ist selbst nach starkem

Regen kaum noch lohnend, da der Fall infolge des Straßenbaues und der

Entwaldung die früher schöne Umgebung gänzlich verloren hat.“ Wer

aber diese Landschaft noch in ihrer ganzen Pracht gesehen hat, denkt

nur noch mit Wehmut an die verschwundene Herrlichkeit und wünscht, es

möchten solche Meisterstücke der Natur ebenso wie die Denkmäler alter

Kunst von seiten des Staates vor der Vernichtung geschützt werden

können.

[Illustration: Abb. 88. +Die Königskiefer über dem Polenzgrunde.+

Liebhaberaufnahme von W. Thiel in Dresden. (Zu Seite 84.)]

Doch ist glücklicherweise das Tal der Gottleuba nicht das einzig

sehenswerte auf dieser Seite der Elbe gewesen. Das obere Bielatal,

namentlich südlich und in der Nähe der herrlich gelegenen

Wasserheilanstalt Schweizermühle, ist reich an grotesken Felsbildungen

(Abb. 100), die in ihren abenteuerlichen Formen leider nur zu leicht

die Veranlassung wurden, daß diesen Felstürmen oder Säulen allerhand

zum Teil recht abgeschmackte Namen erteilt worden sind. Aber damit

sind die romantischen Talbildungen auch erschöpft, denn alle übrigen

Täler sind an den Seiten von dichtem Wald bekleidet, aus dem selten

noch ein Felsen oder eine Steinwand aufragt; dagegen ist diese Seite

des Gebirges reicher an ausgedehntem Hochwald, und Freunde einer

stillen Waldespracht durchstreifen gern diese Einsamkeiten, in denen

nur selten, wie etwa am Krippenbache, eine einsame Mühle steht, wie die

Forstmühle oder die uralte Rölligsmühle, die seit mehr als dreihundert

Jahren im Besitz derselben Familie Röllig sich erhalten hat.

[Illustration: Abb. 89. +Der Eingang in den Liebethaler Grund.+

Stich von Ludwig Richter.

Aus „Dreißig An- und Aussichten zu dem Taschenbuch für den Besuch der

Sächsischen Schweiz“. (Zu Seite 85.)]

VII.

Klüfte und Verwitterung.

„Der hervorstechende Charakter dieser Berge und der zunächst

daranstoßenden Gründe ist Verwüstung und Untergang im großen und

kleinen.“

_M._ +Chr. Weiß.+

[Sidenote: Klüfte und Verwitterungen.]

Aus unseren bisherigen Betrachtungen hat sich ergeben, daß zur Bildung

der Oberflächengestalt der Sächsischen Schweiz das fließende Wasser,

namentlich der Elbe, sehr viel beigetragen hat und daß auch ihre

Nebenflüsse mitgewirkt haben, daß aber der Betrag ihrer Leistungen

mit der geringeren Wassermenge, über die sie verfügen, abnimmt. Die

Erosionsarbeit an den Nebenflüssen ist größer als bei deren Zuflüssen.

[Illustration: Abb. 90. +Schloß Lohmen.+

Nach eigener Aufnahme der Verlagshandlung. (Zu Seite 86.)]

Bei der Elbe ist die Durchsägung des Gebirges vollendet, bei den

Nebenflüssen noch nicht; bei deren Zuflüssen hat sie kaum begonnen.

Mit Abnahme der überhaupt vorhandenen Wassermengen hat die Tätigkeit

der Nebenflüsse mit der des Hauptstromes nicht gleichen Schritt

halten können. Das ist am klarsten bei der Größe des Gefälles zu

erkennen. Wenn hier wenigstens noch ein Verhältnis von 1 zu mehr als

100 festgestellt werden konnte, so beträgt das Gefälle in manchen

Seitenschluchten gar 1 : 6 oder 1 : 4.

[Illustration: Abb. 91. +Der Zscherregrund.+

Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 90.)]

Die Möglichkeit einer noch weiterhin wirkenden Erosion und damit einer

weiteren Modellierung des Reliefs ist damit gegeben. Die Abtragung und

Umgestaltung des Sandsteingebirges wird also seinen stetigen, wenn auch

sehr langsamen Fortgang haben.

Aber es treten auch noch andere Kräfte und andere Ursachen hinzu,

die eine allmähliche Vernichtung der Gebirgsgestalt herbeiführen und

zwar schneller als in den benachbarten Gebirgen, in der Lausitz und

im Erzgebirge, in denen weit festere, widerstandsfähigere Gesteine

vorherrschen als in der Sächsischen Schweiz.

[Illustration:

Königstein

Abb. 92. +Die Basteibrücke, vom Ferdinandstein gesehen.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 90.)]

[Sidenote: Der Quadersandstein.]

[Sidenote: Die Entstehung der Klüfte.]

Von dem allergrößten Einfluß ist hier die uranfängliche Schichtung des

Gesteins in wagerechte Bänke und die sehr frühzeitig hinzugetretene

Zerklüftung der Bänke durch meist senkrechte Spalten. Diese

zahlreichen senkrechten Klüfte, die in Verbindung mit den wagerechten

Schichtenfugen die Sandsteinbänke in Quader zerlegen, wonach dieser

Kreidesandstein als Quadersandstein bezeichnet und das Gebirge auch

wohl ein Quadergebirge genannt wird, sind nirgends mit Verschiebungen

verknüpft, dürfen also nicht, wie es noch durch Gutbier geschah,

einfach dadurch erklärt werden, daß die Meeresablagerungen, sobald

sie aus dem Wasser auftauchten und allmählich austrockneten und sich

daher zusammenzogen, Risse bekommen hätten, die wir nun als Klüfte

bezeichnen. Denn unter solchen Umständen wäre die große Regelmäßigkeit

der Kluftrichtungen durchaus nicht zu erklären. Vielmehr müssen zur

Erklärung die geologischen Kräfte herangezogen werden, durch die

überhaupt die Sandablagerungen aus dem Wasser gehoben wurden.

Wenn wir nun sahen, daß die erzgebirgische Hebung in der Richtung

von Westsüdwest nach Ostnordost erfolgte, und daß die eine

Hauptkluftrichtung im Sandstein genau dieselbe ist, so suchen wir dafür

die einfache Erklärung, daß beide Erscheinungen, Gebirgserhebung und

Kluftrichtung, auf diese Ursache zurückführen.

Nun erfolgte aber die Überschiebung des Lausitzer Granits in der

Richtung von Südost nach Nordwest, und in derselben Richtung sehen

wir eine zweite Hauptrichtung der Klüfte im Sandstein verbreitet. Wir

können auch diese beiden Erscheinungen wieder in denselben Zusammenhang

bringen und erkennen zugleich, daß die Entstehung der Klüfte in die

Tertiärzeit zurückreicht, daß also damals, als die Elbe über den noch

viel niedrigeren Ebenheiten ihre erodierende Arbeit begann, sie bereits

ein stark zertrümmertes Gestein vorfand, das sie mit ihren Wasserfluten

bewältigen und fortführen konnte. In die entstandenen Klüfte ist damals

auch an vielen Stellen der Basalt von unten her eingedrungen, hat aber

nur selten die Oberfläche des Sandsteins erreicht.

[Illustration: Abb. 93. +Die Schwedenlöcher.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 90.)]

Da die Hauptrichtungen der Klüfte sich fast rechtwinkelig

durchschneiden, so können dadurch merkwürdige Bildungen der Felswände

entstehen.

[Sidenote: Der Gorisch.]

Die beste Vorstellung von der Gruppierung der Klüfte gewinnt man aus

der Betrachtung eines Grundrisses, wie ihn von Gutbier vom Gorisch

entworfen hat (Geographische Skizzen S. 31, vergl. Abb. 94). Zur

Erläuterung fügen wir seine eigenen Worte hier an. „Um auf hinreichend

großem Raum das gegenseitige Verhalten jener Absonderungen (Klüfte)

zu beobachten, war der Gorischstein, welcher gegen eintausend

Quadratruten (fast zwei Hektar) Felsoberfläche bietet und nur mit

niedrigem Strauchwerk, Heidelbeergestrüpp und Heidekraut bewachsen

ist, am besten geeignet. Der Gorisch verdient besondere Beachtung

wegen der Wildheit, welche ihm die größte Unebenheit seiner Platte und

die zahlreichen weiten und tiefen Klüfte verleihen, zugleich wegen

der Regelmäßigkeit, welche dennoch in dessen Absonderungen herrscht.

Die durch diese Beschaffenheit wesentlich erschwerte Aufnahme dieses

Felsens wurde mit Meßtisch und Kette in großem Maßstabe ausgeführt und

dann reduziert.“

[Illustration: Abb. 94. +Grundriß der Felsplatte des Gorisch+

(nach v. Gutbier).

_Z_ Zugang; _G_ Gipfel; _B_ vorstehende Blöcke;

_L_ Längenabsonderung, auf den Königstein treffend; _Q_

Querabsonderung; _F_ Fallrichtung der Schichten. (Zu Seite 102.)]

„Die eine Absonderung streicht aus Nordwest in Südost, die andere

aus Nordost in Südwest. Diese Klüfte aus Nordost in Südwest sind am

häufigsten, aber die anderen von Südost in Nordwest wichtiger, denn

in dieser Richtung ist der Felsen in zwei Teile getrennt und hat in

ebenderselben seine längste Erstreckung.“

An diese allgemeinen Beobachtungen fügt von Gutbier dann noch die

beachtenswerte Bemerkung: „Es bewährt sich hierbei wieder die alte

Regel der das Gebirge am besten kennenden Forstmänner: Die Klüfte,

welche an einer Seite der Felsen den Aufweg möglich machen, gestatten

gewöhnlich auf der anderen Seite das Herabsteigen.“

Man darf aber nicht meinen, die Beobachtung dieser Erscheinungen

komme in der Landschaft nicht zum Ausdruck. Wir wollen gleich das

auffälligste Beispiel voranstellen. Man kann sich wohl vorstellen,

daß, wenn wie am Gorisch die Klüfte sich fast rechtwinkelig schneiden

und diese Klüfte an den aufragenden Felsen und „Steinen“ bis auf

den Schuttkegel heruntergehen, dann solche eigentlich von der

Hauptmasse des Felsens schon abgelöste Quadertürme niederbrechen und

die rechtwinkeligen Lücken als ihren ehemaligen Standort noch lange

Jahre erhalten. Das zeigt sich nun auf der Südseite der Felswände am

Königstein, die geradezu im Zickzack verlaufen, was man besonders bei

abendlicher Beleuchtung vom Pfaffenstein aus beobachten kann, wo die

Felswände in gleichen Abteilungen beleuchtet sind oder im Schatten

liegen. An anderen Orten treten aus den Felsmassen einzelne sich

immer mehr verjüngende Pfeiler vor; so etwa am Heringsgrunde oberhalb

Schmilka, in der Richtung nach der Heiligen Stiege. Es kann schließlich

auch alles Gestein neben dem vordersten Pfeiler niedergebrochen sein;

dann bleibt ein einzelner Turm stehen und „zeugt von verschwundener

Pracht“. Dafür bietet der Felsenturm auf der senkrecht zerklüfteten

Wand rechts vom Eingange in den Großen Dom ein schönes Beispiel oder

die Barbarine am Pfaffenstein (Abb. 101) oder der Felsenturm an der

Heiligen Stiege (Abb. 102) oder am Wildschützensteige (Abb. 103), den

die Gebirgsvereinssektion Postelwitz am Fuße der Schrammsteine angelegt

hat, oder der Bloßstock (Abb. 104), d. h. der alleinstehende Fels an

den Klippenausläufern des Kleinen Winterberges, oder der Zuckerhut am

Gabrielensteige (Abb. 105) im Prebischgrunde.

Wenn nun auch in der Regel die Klüftung von oben nach unten senkrecht

verläuft, so ist gleichwohl doch nicht im entferntesten an eine

Gleichmäßigkeit zu denken oder daß die Klüfte in annähernd gleichen

Abständen niedergehen. Sie sind vielmehr häufig gesellig, dicht

nebeneinander mehrere, und dann erst wieder in weiterer Entfernung. Wo

sie nun gesellig auftreten, wird natürlich das Gestein der Felswand

am meisten in kleinere Quadern zerlegt und diese verlieren, da die

Verwitterung leichter in die wagerechten Schichten eindringen kann,

leicht ihren Halt und brechen heraus. Da unten am Boden bei größerer

Feuchtigkeit die Auflösung des Gesteins rascher fortschreitet, brechen

am ehesten unten einzelne Quadern aus ihrem Zusammenhange und bilden

so, bei fortschreitender Zerstörung, den Anfang einer Schlucht.

[Illustration: Abb. 95. +Die Kleine Gans.+

Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite

90.)]

[Sidenote: Das Uttewalder Tor.]

Oben können Blöcke eingeklemmt bleiben und erreichen, wenn sie auch

niederbrechen, doch nicht den Boden, sondern zeigen uns das Bild des

Uttewalder Tores (Abb. 106), das nicht einzig in seiner Art dasteht und

sich mehrfach, wenn auch in bescheideneren Verhältnissen, wiederholt.

Auf dem genannten Bilde sind die wagerechten Bänke mit der an den

Schichtenfugen deutlich sichtbaren Verwitterung durch gesellige Klüfte

von oben nach unten gespalten, aber die dadurch entstandenen kleineren

Quader in den vorderen Lagen bereits niedergebrochen. Es ist also der

Anfang einer Schlucht gemacht.

[Illustration: Abb. 96. +Der Amselfall.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 90.)]

[Sidenote: Kluftrichtung im Zscherregrunde.]

[Sidenote: Zusammengebrochene Wände.]

Die Klüfte brauchen aber nicht, wie auf dem Grundriß, immer

rechtwinklig gleichsam in die Felswände einzudringen. Die vorliegende

Erscheinung ist durch die Richtung des Uttewalder Tales bedingt. Wo die

Gründe in anderer Richtung streichen, wie im Zscherregrunde, kann die

Klüftung parallel der dem Grunde zugekehrten Wandfläche erfolgen und

dann löst sich eine große Tafel dermaßen von dem dahinter liegenden

Bergmassiv ab, daß man hinter der Tafel durchschlüpfen kann, besonders

wenn die Tafel sich noch etwas nach vorn geneigt hat infolge des

ehemals den Grund unterwaschenden Baches. Dieses schöne Beispiel im

Zscherregrunde hat leider den geistlosen Namen „Die Schiefertafel“

erhalten. Viel häufiger aber kommt es vor, daß geneigte Felspfeiler

niederbrechen, aber ihren Zusammenhang behalten und unten am Boden sich

schräg an die unerschütterlich feststehende Felswand anlehnen, oder

daß mehrere Felsmassen bei ihrem Sturze schräg gegeneinander geneigt

bleiben und unechte Höhlen bilden, wie es dergleichen viele in der

Sächsischen Schweiz gibt. Dieses schräge Anlehnen größerer Felsmassen

und Gegeneinanderfallen von Steinwänden ist nirgends so häufig und so

dicht nebeneinander eingetreten als bei Tyssa (Abb. 107); man möchte

sagen, eine ganze Felsenwelt sei hier zusammengebrochen und habe so

ein Labyrinth von Felsen, Wänden und Steintürmen geschaffen, daß man

sich in diesen Höhlen und Felsengen nur mit dem Kompaß zurecht finden

kann. Ähnlich liegen auch im „Labyrinth“ bei Hermsdorf, ebenfalls

in der Nähe des Bielatales, die Felsmassen durch- und übereinander,

daß man unter und zwischen ihnen hindurchschlüpfen kann und sich

nur mittels der zahlreich an den Felswänden angebrachten Wegemarken

aus diesem Wirrsal wieder heraus zu finden vermag. Auch die Kamine,

Spalten und Pfeiler am Pfaffenstein zeigen ähnliche Bildungen. Die

Schwedenlöcher an der Bastei und der Teufelsgrund bei Wehlen gehören

auch hierher. Ein historisch noch besonders merkwürdiges Beispiel

bildet die Götzinger-Höhle (Diebeskeller, Abb. 108) am Abhange

des Kleinen Bärensteins. Hier ist durch das Zusammenstürzen oder

Gegeneinanderfallen der Wände eine größere, in der Mitte höher gewölbte

Höhle gebildet, in der der Gebirgsverein eine Gedenktafel mit folgender

Inschrift hat anbringen lassen: „Dem Andenken | Wilhelm Leberecht

Götzingers | der hier die erste Anregung empfing | zur Erforschung

| der Naturschönheit der sächs. Schweiz | weihte diesen Ort |am 12.

Sept. 1886 | der Gebirgsverein für die sächs.-böhm. Schweiz.“ -- Der

Tag wurde gewählt, weil hundert Jahre vorher Götzinger die Vorrede zu

seinem ersten Werke, in dem er die Schönheiten des Gebirges pries, am

12. September unterschrieben hatte und der Ort für besonders geeignet

gefunden, für Götzinger eine ehrende Gedächtnistafel anzubringen,

weil in seinem Werke „Schandau“ gerade der Besuch dieser Höhle als

die besondere Veranlassung bezeichnet ist, wodurch vor allem in

Götzinger die Bewunderung und Liebe für sein schönes Heimatland

erregt wurde. Er schreibt darüber: „Einige zusammengestürzte, sehr

große Felsenbänke bilden hier eine große hohe Höhle, durch welche man

ganz hindurch gehen kann und welche so geräumig ist, daß sie oft zum

Notstall der Thürmsdorfer Schäferei gebraucht wird... Die Außenseite

der anlehnenden Wand zeigt ganz besondere eingefressene Figuren

(Auswitterungen), welche auf der einen Seite viele Ähnlichkeit mit

einem großen Wespenneste haben, und auf der anderen Seite wie die in

Holz eingefressenen Fahrten des Holzwurmes aussehen, die in Menge

übereinander laufen und welche inwendig viel weiter sind als ihre

Öffnungen ...“

[Illustration: Abb. 97. +Der Talwächter am Großen Dom.+

Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt _Dr._ Ruge in Kiel. (Zu

Seite 93.)]

[Illustration: Abb. 98. +Eisgrotte in der Weberschlüchte.+

Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite

93.)]

[Sidenote: Die Götzinger-Höhle.]

„Ich verlasse diese Höhle aber nicht ohne frohes -- innig dankbares

Andenken an die Jahre meiner Kindheit. -- Bilder der Erinnerung

meiner frühesten Lebensjahre, ihr steht vor mir, so oft ich dieser

Höhle und seiner Umgebungen gedenke! -- In dem benachbarten Dorfe

Struppen geboren und acht Jahre darin erzogen, hörte ich schon als

Kind von dieser Höhle sprechen, und da ich von einem Vater meine erste

Geistesbildung erhielt, der selbst ein so warmer Freund der Natur war

und so gern und so oft unter ihren Schönheiten wandelte, so hielt

es nicht schwer, die Erlaubnis zu einer kleinen Reise nach dieser

Höhle zu erhalten. -- Es war meine +erste+ Naturreise, denen so

viele gefolgt sind. -- Wie ich mit stummem Erstaunen vor ihr und in

ihr stand, und es gar nicht begreifen konnte, wie man so etwas habe

bauen können; und wie ich in der Folge diese Höhle und diese Felsen

mit meinen Gespielen mehrmals besuchte; wie gerade diese Höhle mich

auf die Natur und auf die sonderbaren Gestalten immer aufmerksamer

machte, die sie in der Gegend umhergestellt hat; wie dadurch der

Geschmack an den Freuden der Natur und die Liebe zu ihr in mir erweckt,

erwärmt und immer mehr gebildet ward; wie ich da so oft auf hohen

Standpunkten dieser Gegend und besonders vom Königstein herunter, in

dem Anschauen ihrer nahen und fernen Reize versunken war; -- das alles

kommt mit den Erinnerungen an diese Höhle und ihre Umgebungen lebhaft

in mein Gedächtnis und geht in den innigsten Dank gegen den Urheber

meines Daseins über, das gerade in dieser die Aufmerksamkeit so sehr

aufreizenden Gegend seinen Anfang nehmen mußte. -- Die Anhänglichkeit

an die Schönheiten der Natur hat so viele reuelose Freuden über mein

Leben verbreitet, so viel Aufheiterung und Erquickung in mein oft

gebeugtes Herz gegossen und selbst zur Bildung meines Geistes und

Herzens so vieles beigetragen, als daß ich an der Stelle, bei welcher

der erste Grund dazu gelegt ward, nicht ihrer dankbar erwähnen sollte.

-- Jeder gute, jeder wahre Freund der Natur und ihres Schöpfers wird

mir es daher gewiß gern verzeihen, wenn ich mit diesen Rückblicken auf

mich und meine frühesten Jahre die Beschreibung unterbreche. Er wird

mich verstehen.“

* * * * *

[Sidenote: Schräge Klüfte.]

Bisher sind eigentlich nur die Erscheinungen und Wirkungen der

senkrechten Klüftungen geschildert; aber es kommen auch zahlreiche

schräge Klüftungen vor, die aber gegen das Gesamtbild der Steinwände

nur als Ausnahmefälle gelten können. Nur wo an größeren Steinmassen,

wie z. B. am Großen Bärenstein (Abb. 109), die schräge Richtung jedem

Beschauer in die Augen fallen sollte, ist sie wohl beobachtet worden.

Die meisten Wanderer gehen achtlos daran vorüber. Nun hat zwar Gutbier

(Abb. 19, S. 35) eine Zeichnung von der Südwestseite des Naundorfer

Großen Bärensteins gegeben, auf der die schräge Zerklüftung neben

der senkrechten in auffälliger Weise zur Anschauung gebracht ist,

allein das Bild ist nicht getreu und gibt eine falsche Vorstellung,

fast als ob die schrägen Wände eben noch im Fallen begriffen wären.

In Wirklichkeit erscheint, von derselben Seite aufgenommen, die

Felsenwand des Bärensteins doch anders. Und hier sieht man namentlich

auf der rechten Seite des Bildes die senkrechten und schrägen Klüfte in

merkwürdiger Weise wechseln. Die Ursache dieser Erscheinung harrt noch

der Erklärung.

[Illustration: Abb. 99. +Bad Schweizermühle.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 94.)]

[Sidenote: Die Verwitterung.]

Eine sehr merkwürdige Vereinigung der verschieden gerichteten

Schichtung trifft man im Hochtal oberhalb des Großen Domes (Abb.

110). Unten erblicken wir in der Mitte des Bildes die wagerechten

Bänke der Sandsteinablagerungen, durch Verwitterung unterhöhlt,

weil Wasser aus dem Gestein sickert. Darüber die etwa unter einem

Winkel von 45° aufsteigende schräge Kluftbildung und linker Hand die

Anfänge von Schluchtenbildung bei senkrechter Zerklüftung der hier

wieder wagerecht liegenden Bänke. Gerade die Mannigfaltigkeit dieser

verschiedenen Kluftbildungen mußte zur Zerstörung größerer Steinmassen

wesentlich beitragen und dadurch die unglaubliche Abwechselung in der

Gestaltung der erhaltenen Trümmer erzeugen, die immer von neuem die

Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Menschen reizte, je nach der

Leistungsfähigkeit ihrer Phantasie, den abenteuerlichen Steingebilden

passende und unpassende Namen zu erteilen, die einmal gegeben, von Mund

zu Mund weiter gingen und sich einbürgerten. Hier könnten vor allem

die Verfasser von Führern und Wegweisern durch die Sächsische Schweiz

zur Beseitigung zunächst der ganz unpassenden oder zwecklosen Namen

beitragen, indem sie dieselben grundsätzlich nicht mehr erwähnen.

Die Zerklüftung und Schichtung schafft eckige Formen, die Verwitterung

in der Regel rundliche.

[Illustration: Abb. 100. +Die Herkulessäulen bei Bad

Schweizermühle.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 98.)]

Die Verwitterung greift die Steilwände zuerst und zwar von oben her

an. Die Abrundung der Felsmassen geht von oben nach unten vor sich.

Eingedrungener Regen, Schnee, Frost und Wiederauftauen des Eises

in den Klüften arbeiten beständig an der Erweiterung der Spalten;

auch eingedrungene Baumwurzeln können dazu beitragen; aber dieser

Zerstörungsprozeß geht sehr langsam vor sich. Vor allem aber fällt

ins Gewicht, daß das tonige Bindemittel, das den Sand der alten

Meerablagerung zu festen Steinbänken verkittet hat, sehr leicht durch

Wasser aufgeweicht wird und damit das Gefüge gelockert wird. Dagegen

widersteht das kieselig tonige Bindemittel, wie es in den meisten

feinkörnigen Sandsteinen vorhanden ist, weit besser der Zerstörung.

Wie stark diese Auflockerung und Auflösung des Gesteins gewesen ist,

sieht man an allen den unzähligen senkrechten Wänden. Wenn nicht am Fuß

derselben ein Rinnsal oder gelegentlich ein Bächlein entlang fließt

und den herabgefallenen Sand mitnimmt und fortspült, findet man überall

an den Felsenwänden einen Schuttkegel von Sand und Blöcken mit einer

bedeutenden Böschung aufgehäuft, die namentlich an den alleinstehenden

Steinmassen auffällt und eine typische Erscheinung aller „Steine“

bildet. Die Verwitterung greift vor allem die Schichtenfugen und die

Klüfte an. An kahlen Felstürmen verwittern die Gipfel dermaßen zu

rundlichen Köpfen, daß man ihnen Namen gegeben hat, wie Mehlsäcke und

die Hafersäcke am „Brand“. Derartig abgeschliffene Formen finden sich

auch in den Schrammsteinen und am Großen Zschand (Abb. 111, 112, 113).

Wenn aber vollends die oberen Bänke aus besonders weichem Gestein

bestehen und sich daher völlig in Schutt und Sand auflösen, der auf

den unteren festeren Schichten zum Teil liegen bleibt, dann entstehen

großartige Felsterrassen wie am Teichstein in der Nähe des Zeughauses

oder an den Wänden nordöstlich vom Prebischtor. Hier erscheinen die

Steilwände der unteren Bänke schon fast ganz in dem Schuttkegel

begraben.

[Illustration: Abb. 101. +Die Barbarine beim Pfaffenstein.+

Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 103.)]

[Sidenote: Felsformen am Gorisch.]

Dresden und die Sächsische Schweiz · 第 9 / 16 段