Von einem Vergleich mit der Wesnitz sehen wir ab, weil dieser Bach, der

übrigens bei 75 _km_ Länge der bedeutendste Zufluß von der rechten

Seite ist, nur auf kurze Strecke von Bärreute bis zur Grundmühle

unterhalb Liebethal den Sandstein durchschneidet und von da an teils an

der Grenze des Quadergebirges entlang, teils durch den südlichen Teil

des Dresdener Talkessels fließt. Landschaftlich dagegen gehörte von

Anfang an, als die Schönheiten der Sächsischen Schweiz mehr gewürdigt

wurden, der enge Felsengrund von Bärreute bis zur Grundmühle unter dem

Namen des Liebethaler Grundes (Abb. 89) zu den besuchtesten Partien.

Vor Eröffnung der böhmischen Eisenbahn wanderten alle Besucher -- und

diese kamen fast ausnahmslos von Dresden -- oder fuhren mit eignem

Geschirr über Pillnitz nach Lohmen und besuchten von hier aus den

Glanzpunkt des Grundes, die Lochmühle (d. h. Waldmühle, Abb. 1) und

die Liebethaler Steinbrüche, wohl die ältesten im Sandsteingebiet,

und ließen es wohl gar an dem Besuche dieses Grundes bewenden und

kehrten dann nach Dresden zurück. Wer aber noch weiter ins Gebirge

eindrang, besuchte die Bastei, Hohnstein und Schandau. In Lohmen wurde

gewöhnlich das erste Nachtlager genommen; daher war das Erbgericht

dort jahrzehntelang das beste und bestempfohlene Gasthaus, und weil

der wachsende Strom der Vergnügungsreisenden immer denselben Weg nahm,

so sah sich wohl auch der Pfarrer von Lohmen, Karl Heinrich Nicolai

(1739-1823), ein begeisterter Freund der Natur und ein guter Kenner des

Gebirges, dadurch veranlaßt, den ersten Führer durch die Sächsische

Schweiz zu schreiben unter dem Titel: „Wegweiser durch die Sächsische

Schweiz, aufgestellt von C. H. Nicolai, Prediger an der Grenze dieser

Schweiz in Lohmen. Pirna 1801.“ Das Büchlein, kurz und praktisch

verfaßt, erlebte in seinem anspruchslosen Gewande mehrere Auflagen

und beginnt seine Beschreibung mit dem Liebethaler Grunde. Seinem

Beispiele folgten fast fünfzig Jahre lang alle späteren Wegweiser

und Reiseführer, bis Dampfschiff- und Eisenbahnverkehr darin einen

Wandel hervorriefen. Da wir uns im Liebethaler Grunde bereits im

nördlichsten, also niedrigsten Teile des Sandsteingebirges befinden,

so sind die Felshöhen auf beiden Seiten der Wesnitz nur etwa 40

_m_ über dem Wasser des Baches. Das Tal ist von Lohmen bis zur

Grundmühle so eng, daß abgesehen von dem unteren Teil desselben, in

dem sich die altberühmten Steinbrüche befinden, keine Fahrstraße im

Grunde hingeführt werden konnte, und nur ein gutgepflegter Fußweg an

den zwischen Felsblöcken dahinbrausenden Bache aufwärts leitet. Da die

Hochflächen beiderseits guten Ackerboden haben, so liegen die Dörfer

Lohmen und Daube auf der Südseite, Mühlsdorf und Liebethal auf der

Nordseite hart am Grunde langgestreckt ausgedehnt, aber +oben+

auf den Ebenheiten, unten aber nur einige Mühlen, zu denen man auf

Steintreppen hinuntersteigen muß. Nur in Lohmen führt eine Kunststraße

mittelst Steinbrücke über das Wasser. Wenn man von der Nordseite kommt,

hat man da, wo sich der Fahrweg zur Wesnitz hinunterzieht, das alte

Schloß Lohmen (Abb. 90), lange der Sitz eines Amtsgerichts, in überaus

malerischer Lage gerade vor sich. Unzählige Male ist von hier aus und

dann unten vom Wasser aus, bei der Vordermühle, das auf einem fast

überhängenden Felsen thronende Schloß gezeichnet und gemalt und gehört

schon seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts in den illustrierten

Reiseführern und in einzelnen von Dresdener Malern entworfenen Blättern

zu den ersten landschaftlichen Zierden der Sächsischen Schweiz.

[Illustration: Abb. 79. +Die Edmundsklamm.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)]

[Sidenote: Die kleinen Zuflüsse der Elbe.]

Hier seien zum Schluß die erwähnten Bäche nach ihrem Gefälle noch

einmal mit der Elbe zusammengestellt:

Elbe 45 _km_, 1 : 4112.

Kamnitz 34 „ 1 : 100.

Kirnitzsch 21 „ 1 : 168.

Sebnitz 15 „ 1 : 109.

Polenz 11 „ 1 : 124.

Wenn schon hier bei verhältnismäßig bedeutender Wassermenge in den

Bächen, die beständig fließen, die Wasserwirkung auf den Boden

wesentlich geringer und demnach das Gefälle wesentlich stärker ist als

in der Elbe, so daß man sagen muß, die Erosion der Bäche hat längst

nicht gleichen Schritt halten können mit der der Elbe, so wird sich der

Gegensatz noch mehr steigern bei den kleineren und wasserärmeren Bächen

oder Rinnsalen, die aus dem Sandsteingebirge selbst kommen.

[Illustration: Abb. 80. +Herrnskretschen, von der Elbe gesehen.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)]

Nun ist die ganze rechte Seite des Stromgebietes der Elbe im Bereiche

des Sandsteins viel ärmer an Quellen als die linke Seite, weil hier die

undurchlässige Plänerschicht zu tief, zum Teil unter dem Elbspiegel

liegt. Also ist der östliche Teil der Sächsischen Schweiz entschieden

trockener, und beständig fließende Sandsteinquellen fehlen. Dazu ist

nach der Eiszeit ein wesentlich trockeneres, steppenartiges Klima

lange in Deutschland verbreitet gewesen, infolgedessen die Erosion

nicht ununterbrochen, sondern stoßweise, nur gelegentlich nach

plötzlichen stärkeren Niederschlägen erfolgen konnte. Es lagen also

ähnliche meteorologische Verhältnisse vor wie in dem Becken auf dem

nordamerikanischen Hochlande westlich vom Felsengebirge, wo namentlich

im Flußbereich des Rio Colorado die merkwürdigsten unter dem spanischen

Namen Cañon bekannten Felsenschluchten ausgehöhlt sind, mit denen die

Felsengründe in der Sächsischen Schweiz eine unverkennbare Ähnlichkeit

haben, wenn sie auch lange nicht so tief und wild sind und ihr starres

Aussehen durch reichlichen Pflanzenwuchs gemildert ist. Doch darf man

annehmen, daß in der späteren Diluvialzeit bei den viel geringeren

Niederschlägen der landschaftliche Charakter, solange der Wald fehlte,

dem der Cañons noch ähnlicher war.

[Sidenote: Der Uttewalder Grund.]

Der längste unter den ausschließlich im Sandstein liegenden Gründen

ist der Uttewalder Grund. Der Name Uttewalde ist leider nach der

gemeinen Aussprache des Personennamens Utte statt Otto im neunzehnten

Jahrhundert erst offiziell vorgeschrieben, während bis dahin das Dorf,

nach dem der Grund benannt ist, Ottowalde hieß. Derselbe Name kehrt

in älterer Form, Oddo statt Otto, in dem oberrheinischen Odenwalde

wieder. Die Richtung des höchstens 4 _km_ langen Uttewalder

Grundes, dessen unteren Teil man höchst überflüssigerweise Wehlener

Grund nennt, geht von Norden nach Süden. Im Sommer ist das Bachwasser

gewöhnlich versickert und auf der Erdoberfläche nicht zu sehen. Es ist

auch bezeichnend für die Wasserarmut, daß der Name des Baches nirgends

genannt wird und daß man nur von dem Grunde spricht.

Daß dieser dem Wasser seinen Ursprung verdankt, ist zweifellos, und daß

besonders nach starkem Sommerregen an der Mündung bei Wehlen bedeutende

Schuttmassen aufgehäuft werden und an Weg und Steg im Grunde arge

Verheerungen angerichtet werden können, ist im vorigen Jahrhundert

mehrfach beobachtet worden. Ebenso kann das Wasser im Frühjahr nach

der Schneeschmelze seine erodierende Wirkung zeigen; dann aber wieder

scheint die Erosion monatelang zu schlummern. Jedenfalls nehmen die

entstehenden Veränderungen und Vertiefung des Bachbettes lange Zeiten

in Anspruch.

Im Gegensatz zu den dauernd fließenden größeren Bächen muß man, um

von der Elbe her in den Grund zu gelangen, sofort in die Stadt Wehlen

hinein bis auf den Marktplatz und von hier bis zum Fuß der alten Burg

die erste Talstufe hinansteigen. Für die Ausmündung des Bachbettes

liegt der Elbspiegel jedenfalls bereits zu tief oder mit anderen

Worten: Das Elbtal ist den Sandsteinbächen gegenüber übertieft. Die

Bächlein der Seitengründe haben mit dem Elbstrom in Bezug auf Erosion

nicht gleichen Schritt halten können.

Die Seitengründe haben nicht bloß noch viel stärkeres Gefälle als die

größeren Zuflüsse, sondern sie haben noch nicht einmal die einzelnen

Absätze oder Talstufen, den horizontalen Sandsteinbänken entsprechend,

überwunden; und wenn plötzlich ein stärkerer Wasserzufluß in diesen

Gründen erfolgte, müßten zahlreiche Wasserfälle entstehen, die den

größeren Bächen bereits fehlen. Und doch sind auch in so wasserarmen

Gründen, wie der Uttewalder, so malerische Szenerien entstanden, wie

sie nur irgend die Sächsische Schweiz bietet. Zu diesen malerisch

schönen Gründen gehört auch der Uttewalder, wird aber vollends, weil

er den Zugang zu der Bastei bildet, unter allen Gründen des Gebietes

am meisten begangen. -- Sowie man bei der alten Burg Wehlen die erste

Talstufe erreicht hat, wird der Grund ebener, ein breiter bequemer

Talweg führt durch herrlichen gemischten Wald allmählich bergan. Im

trockenen Bachbett zur Linken treten mehrfach die Sandsteinbänke als

Stufen bis zu einem Meter Höhe auf, die vom Wasser noch nicht durchsägt

oder allmählich abgeflacht sind. Man sieht aber, daß das Wasser, wenn

es einmal größere Kraft zeigt, die unteren Schichten des Sandsteins

unterhöhlen kann, bis die Wände, ihrer Stützen beraubt, von oben

niederbrechen und mächtige Felsblöcke, denen man zur Unterhaltung

der Fremden allerhand unpassende Namen gegeben hat, auf den Talgrund

stürzen, wo die sieghafte Natur auch diese starren Massen mit dichten

Moospolstern und Farnkraut überzieht oder sogar Nahrung für den Anflug

von Tannensamen schafft, der sich zu stattlichen Bäumen entwickelt und

wieder einen grotesken Schmuck des Grundes bildet. Denn in den Gründen

ist es immer feucht, auch wenn fließendes Wasser fehlt, und statt der

genügsamen Kiefer auf den Felsenhöhen siedelte sich im Tal gern die

kräftigere hochstrebende Fichte an.

[Illustration: Abb. 81. +Herrnskretschen. Talsiedelung.+

Nach einer Aufnahme von _Dr._ Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu Seite

80.)]

[Sidenote: Der Teufelsgrund.]

Weiter aufwärts verengt sich der Grund und die Felswände treten so

nahe aneinander heran, daß nur ein Felsenspalt statt eines Tales

übrigbleibt. Von oben hereingestürzte Blöcke haben den Talboden nicht

erreichen können, sondern sind eingeklemmt so hoch in dem Spalte

befestigt, daß man ungehindert durch dieses natürliche Felsentor

hindurch und weiter talauf wandern kann. Die Seitenschluchten des

Uttewalder Grundes, die alle auf der gleichen Hochfläche ihren Anfang

nehmen, müssen bei kürzerem Verlauf auch stärkeres Gefälle haben und

daher in verstärktem Maße auch die Erscheinungen kräftiger Talstufen

und eingestürzter Felsmassen zeigen. So vor allem der Teufelsgrund,

der in seinem oberen Teile eine ganz enge Felsschlucht bildet, die von

hineingestürzten Felsblöcken dermaßen erfüllt ist, daß man künstlich

einen Durchgang schaffen mußte, um unter und zwischen den Blöcken halb

kriechend, halb steigend die Höhe gewinnen zu können.

[Sidenote: Der Zscherregrund.]

Einen ganz anderen Charakter trägt die Seitenschlucht, die etwa der

Teufelsschlucht gegenüber von Nordosten her in den Hauptgrund mündet

und Zscherregrund (Abb. 91) genannt wird. Hier fehlt das Gewirre von

Blöcken, ein bequemer breiter Fußpfad führt in ihm bergan und bildet

den nächsten Zugang zur Bastei. Steile, wenn auch nicht sehr hohe aber

mehrfach überhängende Felswände begrenzen ihn. Die Felswände sind kahl,

der reiche Pflanzenwuchs des Uttewalder Grundes fehlt, das Gestein

sieht düster aus, erscheint an manchen Stellen wie geglättet, ob von

Wasser oder Eis bleibe unentschieden, eigentliche Talstufen fehlen,

denn der Weg steigt stetig aber allmählich an. Indes ist unverkennbar

hier besonders am Fuß der Felswände zu sehen, daß ehemals ein kräftiger

Bach den Grund durchflutet und Sand und Stein mit sich fortgeführt

haben muß. Als Zeugen dafür dienen nicht bloß die geglätteten und

unterwaschenen Wände, sondern auch das Vorhandensein eines noch

teilweise wohlerhaltenen Riesentopfes, einer kesselartigen runden

Vertiefung mit senkrechten Wänden, eingegraben in das feste Gestein.

Derartige Riesentöpfe, wie sie namentlich im Hochgebirge gefunden

werden und in viel größerem Umfange besonders im Gletschergarten

bei Luzern weltbekannt sind, werden der Wirkung wirbelnden Wassers

zugeschrieben, das in einer flachen Schale oder Mulde des Gesteins

einen größeren Stein unaufhörlich im Kreise herumwälzt, bis dieser

Mahlstein durch die beständige Reibung unter sich eine rundliche

Vertiefung ausarbeitet, die sich immer mehr eingräbt, solange das

Wasser mit gleicher Kraft auf den Stein und in die Vertiefung stürzt.

Ob dazu immer ein senkrechter Strahl, ein Wasserfall erforderlich

ist, kann fraglich erscheinen; denn auch in einem Bache, der in

Stromschnellen stufenweise abwärts stürzt, können ähnliche Wirkungen

erzielt werden. Es sei dabei an die merkwürdigen Erscheinungen bei den

Katarakten des Rieslochbaches am Arber im Böhmerwalde hingewiesen,

wo aus dem schäumenden Bache plötzlich fontänenartig mächtige

Wasserstrahlen emporgeschleudert werden, die sich nur dadurch erklären

lassen, daß im Felsbache des Bachbettes rundliche Vertiefungen

entstanden sind, in die das Wasser stürzt und wieder herausgeschleudert

wird.

Jedenfalls sind zur Bildung von Riesentöpfen beträchtliche Wassermassen

erforderlich. Und daher erklärt sich wohl, daß auch der Riesentopf

im Zscherregrunde auf einen früheren Wasserfall zurückgeführt wird.

Allein dafür ist an dieser Stelle keine Möglichkeit vorhanden, da die

Felsbänke über dem Riesentopfe überhängen, also das von ihnen etwa

herabfließende Wasser gar nicht die Öffnung der runden Vertiefung

treffen könnte. Andererseits muß aber, nachdem der Kessel schon

ausgehöhlt war, noch lange Zeit hindurch der Bach des Zscherregrundes

über den Riesentopf hinweggeströmt sein, denn er hat durch langsame

Erosion den oberen Teil des Kessels wieder abgeschliffen und zwar,

weil er sich immer mehr an die Felswand herangedrängt hat, in ganz

schräger Richtung. Der obere Topfrand ist also in einem starken Winkel

abgeschliffen. Wir würden uns mit dieser Frage nicht so eingehend

beschäftigt haben, wenn auch jetzt noch ein Bach durch den Grund

flösse, also auch heute noch die Hochflächen nach der Bastei zu,

von denen das Wasser abfließen müßte, wasserreich wären. Allein das

Gegenteil ist der Fall! Gerade das ganze Gebirge in der Umgebung der

Bastei mit seinen wild zersplitterten Felsmassen, -Wänden und -Türmen

(Abb. 92, 93 u. 95) gehört zu den wasserärmsten Gebieten des ganzen

Sandsteingebirges. Auch kann der Grüne Bach, der den Amselfall (Abb.

96) bildet, nicht als Ausnahme herangezogen werden, denn er hat seine

Quellen nördlich von Rathewalde im Granit.

[Illustration: Abb. 82. +Die Obere Schleuse.+

Nach eigener Aufnahme der Verlagshandlung. (Zu Seite 82.)]

[Sidenote: Wasserarmut im Gebirge.]

Es bleibt also keine andere Erklärung für den ehemals größeren

Wasserreichtum und seine noch jetzt sichtbaren Spuren, als daß die

Höhen um die Bastei vergletschert waren, und daß das Wasser mit dem

Verschwinden des Eises nach den niedriger gelegenen, zuerst eisfrei

gewordenen Gegenden abfließen konnte. Es wird dies um so eher

verständlich, wenn man die weite Verbreitung des Inlandeises ins Auge

faßt. „Es verbreitete sich (nach Penck) über das ganze sächsische

Mittelgebirge und reichte bis zum erzgebirgischen Becken, es legte

sich auf die Höhen der Sächsischen Schweiz und verhüllte fast gänzlich

die Lausitzer Platte; es stieg so hoch am Saume des Lausitzer Gebirges

an, daß es die an 500 _m_ heraufreichenden Pässe desselben

überschreiten konnte.“

Alle typischen Formen von Schluchten sind somit im Uttewalder Grunde

mit seinen Nebentälern vertreten; aber die Wasserwirkungen sind

seit sehr langer Zeit auf gelegentliches Auftreten beschränkt. Die

ungeheuere Zersprengung der Felsen des Basteigebietes muß daher anderen

Ursachen zugeschrieben werden. -- Nun herrscht aber auch um den

Winterberg in dem weiten Gebiet zwischen Kamnitz und Kirnitzsch der

gleiche Wassermangel. Abgesehen von einigen Quellen auf dem Basaltboden

des Großen Winterberges ist hier so wenig Feuchtigkeit in den Gründen

anzutreffen, daß diese wenigen Stellen sofort in der Namengebung als

„nasser Grund“, „nasse Schlüchte“ zu erkennen sind. In der Zerklüftung

des Gesteins gleicht das Winterberggebiet vollkommen dem an der Bastei.

[Illustration: Abb. 83. +Partie aus dem Kirnitzschtal bei

Hinter-Hermsdorf.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 82.)]

[Sidenote: Der Große Zschand.]

Für die geringe Tätigkeit des rinnenden Wassers, abgesehen von

einzelnen starken Sommerregen, oder im Frühjahre bei Schneeschmelze,

kommt endlich noch in Betracht, daß die Sandsteinbänke rechts von

der Elbe fast vollkommen wagerecht liegen, daß also der Ablauf des

Regenwassers, soweit es nicht im lockeren Sande versickert, durch

eine natürliche Neigung des Bodens nach keiner bestimmten Richtung

vorgeschrieben ist, daß also ein Gefälle des Wassers eigentlich

nicht vorhanden ist. Kleine Unebenheiten auf der Oberfläche der

Ebenheiten sind dann die Veranlassung zu den ersten Anfängen der

Erosion und zur Entstehung von Schluchten. Die langsame Entwässerung

der Sandsteinmassen ostwärts von den Schrammsteinen, die sich kaum

oberirdisch vollzieht, zeigt eine unendliche Zersplitterung in kleine

Tälchen nach allen Richtungen; nur um den Großen Zschand gruppieren

sich zahlreiche Schluchten, die von rechts und links, aber ohne

Wasser, einmünden. Es ist ein Flußsystem ohne Flüsse, das einzige in

seiner Art, das ganz dem Sandstein angehört. Der Talboden im Großen

Zschand ist scheinbar ziemlich wagerecht, aber er steigt doch gegen

Süden von der Kirnitzsch bis zur Wasserscheide um 150 _m_ an.

[Illustration: Abb. 84. +Die Buschmühle im Kirnitzschtal.+

Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu Seite 82.)]

[Sidenote: Der Große Dom.]

Von der Wasserarmut in diesem Gebiet noch ein bemerkenswertes Beispiel.

Westlich vom Kleinen Winterberge liegt der Große Dom, ein Felsenkessel,

der von hohen Sandsteinklippen und -Türmen (Abb. 97) auf drei Seiten

umschlossen ist. Die Talseite ist außerdem noch durch riesig große

Blöcke, die von den Seiten hineingestürzt sind, dergestalt abgesperrt,

daß ein innerer, rundlicher Platz entsteht, auf dem mächtig hohe

alte Tannen emporsteigen. An der Westseite kann man auf einer Flucht

von kühn angelegten Stein- und Holzstufen zur Höhe des Felsengrundes

gelangen und bemerkt nun, daß man sich in einem Hochtale befindet,

das in der Mitte die natürliche Tiefenlinie eines Rinnsals hat und

auf den Seiten wieder von einer Reihe niedriger Klippen eingefaßt

ist. Der Dom bildet also den mittleren Teil eines Erosionstales, aber

liegt um 80 _m_ niedriger als das obere Hochtal. Nun wird uns

erst verständlich, woher im Dom an der hinteren Felswand aus einer

Spalte der dünne Wasserfaden rinnt, um unter Moos und Steinen bald zu

versickern. Bei der Seltenheit des Wassers in der ganzen Umgebung hat

man diesen Quell zu fassen vermocht, daß er auf einer dünnen Holzrinne

aus dem Felsen abfließt und in feuchteren Jahren von den Besuchern

des Domes als eine Erfrischung aufgesucht wird, während in trockenen

Jahren das Wasser völlig versiegt. Ob gegenwärtig dieser Wasserfaden

noch im Boden sich eingraben kann und überhaupt auf die Bodengestalt

eine und sei es auch die geringste Wirkung ausüben kann, möchte ich

bezweifeln. Übrigens können in engen Schluchten und Grotten, wohin kein

Sonnenstrahl dringen kann, die Sickerwässer im Winter gelegentlich

märchenhaft schimmernde Eisgebilde schaffen, wie in der Eishöhle in der

Weberschlüchte (Abb. 98).

[Illustration: Abb. 85. +Lichtenhainer Wasserfall.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 82.)]

[Sidenote: Die Biela.]

Das Sandsteingebiet auf der linken Seite der Elbe ist bedeutend

wasserreicher, daher hier die Bodengestalt eine andere. Die Ursache

des größeren Quellenreichtums ist, wie schon mehrfach ausgesprochen,

in der zu Tage tretenden Plänerschicht zu suchen, auf der fast

sämtliche Quellen ihren Ursprung haben. Dazu gehören in erster Linie

die Quellen, die nach allen Seiten aus der Umgebung des Schneeberges

abfließen und größere Bäche bilden, vor allem die Biela mit dem

Cunnersdorfer Bache und der Krippenbach. Ferner müssen, wie von Gutbier

hervorhebt, die prächtigen Quellen erwähnt werden, die in der Umgebung

der Schweizermühle (Abb. 99) hervortreten und zur Begründung der

dortigen Wasserheilanstalt Veranlassung gaben. Sodann die Quellen in

der Umgebung von Hermsdorf und diejenigen, die das versumpfte Terrain

am Dorfe Leupoldishain bilden; sie entspringen jedenfalls auf den

Plänerlagen. Dann die reichen Quellen der Wasserheilanstalt Königsbrunn

im Hüttental, ein am südlichen Abhange der Festung Königstein

vorbrechender starker Quell, ein eisenhaltiger Brunnen im Städtchen

Königstein am Fuße des Pfaffenberges, die Quellen bei Naundorf und

Kleinstruppen, die Quellen bei Pirna, aus denen die Stadt mit Wasser

versorgt wird.

Die erwähnten Bäche dieses Gebietes führen beständig Wasser und haben

einen drei- bis viermal so langen Lauf als die sandgeborenen Bächlein

östlich von der Elbe. Der längste Bach, die Biela, die oberhalb

Eiland entspringt, hat eine Länge von 17 _km_. Von Eiland, wo

der Talboden noch 440,6 _m_ hoch liegt, bis zur Mündung in

Königstein (118,8 _m_ über Meer) sinkt der Bachspiegel um mehr

als 300 _m_ und daher beträgt das Gefälle 1 : 53, ist also noch

einmal so bedeutend als bei der Kirnitzsch und Polenz. Betrachtet

man das Quellental der Biela oberhalb Eiland, wie es mit einemmale

tief zwischen Felsen eingesenkt erscheint, so möchte man meinen, es

fehle das eigentliche Quellgebiet, das wir auf der Hochebene suchen

müßten. Dazu zeigt die gleiche Richtung des Oberlaufes der Biela, des

Cunnersdorfer- und Krippenbaches, daß dieselbe durch die Bodengestalt

vorgeschrieben ist. Zugleich erinnern wir uns, daß die Sandsteinbänke

dieser Seite bei der Hebung des Erzgebirges mit gehoben sind und sich

nach Nordnordost senken. Größerer Wasserreichtum und schräggeneigter

Boden mußten die Erosion kräftiger gestalten und das nachfließende

Wasser mußte die Kraft haben, einen Teil des verwitterten und

aufgelösten Gesteins mit fortzuführen. Daher mußte auf dieser Seite

die Zerstörung des Gebirges viel weiter vorgeschritten sein; es mußten

vor allem die der Dürre zugeschriebenen Cañons der rechten Elbseite

wenn auch nicht ganz fehlen, aber doch viel seltener erhalten sein:

kurz das Wildgroteske der Landschaft östlich von der Elbe mußte hier

zurücktreten, folglich mußte aber diese Seite weniger besuchenswert

erscheinen. Und so kann es uns nicht mehr befremden, zu sehen, daß der

Begriff der Sächsischen Schweiz ursprünglich nur dem östlichen Teile

des Sandsteingebietes galt, wo wilde, klippenreiche, enge Gründe,

Felsenkessel und Felstürme häufiger anzutreffen waren. Westlich der

Elbe sind statt der Klippenreihen nur einzelne Felsmassen als „Steine“,

die aus den Hochflächen hervorragen, erhalten geblieben; und dies trotz

alledem, daß links der Elbe, dank der Hebung des Erzgebirges, die

Sandsteinbänke höher emporgehoben, also auch die höchsten Punkte des

Gebirges, den Hohen Schneeberg und Großen Zschirnstein umfassen.

[Illustration: Abb. 86. +Der Hockstein.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 84.)]

[Sidenote: Gottleuba.]

[Sidenote: Langenhennersdorfer Tal.]

Wie die Wesnitz am rechten Elbufer, so berührt auch die Gottleuba

auf dem linken Ufer auf nur kurzer Strecke das Sandsteingebiet.

Ihre Quellen liegen schon im Erzgebirge. Aber beider Bäche Umgebung

zeigt auch darin eine Ähnlichkeit, daß wir den ehemals berühmteren

Liebethaler Steinbrüchen die gegenwärtig noch bedeutenderen Brüche

von Rottwerndorf gegenüberstellen können, die aber, obwohl auch sehr

sehenswert, doch nie das Ziel bewundernder Naturfreunde geworden

sind. Nur eine Merkwürdigkeit muß noch im Gottleubatal Erwähnung

finden, nämlich der Langenhennersdorfer Wasserfall, der einzige

natürliche Wasserfall in der ganzen Sächsischen Schweiz, der also

nicht bloß, wie alle anderen, durch Stauwasser gebildet wird. Der

Langenhennersdorfer Bach entspringt im Sandsteingebiet, fließt durch

das langgestreckte Dorf, das ihm den Namen gegeben und stürzt sich dann

über die Sandsteinbank unmittelbar in den Gottleuber Grund. Dieser

Grund gehörte noch vor vierzig Jahren zu den besuchtesten Partien des

Gebirges. Die wasserreiche Gottleuba schäumte in einem von riesigen

Edeltannen bestandenen Grunde, durch den ein wenig gepflegter Fußpfad

zwischen Felsblöcken und üppigem Gebüsch aufwärts führte, zwischen

bemoosten Steinmassen talabwärts und nahm den zeitweilig wasserreichen

Hennersdorfer Bach in einer einsamen, aber höchst malerischen Umgebung

in sich auf.

[Illustration: Abb. 87. +Hohnstein und das Polenztal.+

Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 84.)]

Dresden und die Sächsische Schweiz · 第 8 / 16 段