Als die Elbe dann über die noch gegenwärtig erhaltenen Ebenheiten

hinwegfloß, hat sie dort zuerst eine oft mehrere Meter dicke Schicht

von Flußschottern und Sanden abgelagert und diese dann wieder mit

fruchtbarem Lehm überdeckt. Daß diese Schotter von der Elbe gebildet

sind, wird dadurch erwiesen, daß sie aus denselben Gesteinen

zusammengesetzt sind, die noch jetzt im Flußbett abgelagert werden und

daß diese reichlich von böhmischen Gesteinen, Basalte und Klingsteine,

durchsetzt sind, die nur durch fließendes Wasser herbeigeführt

sein können. Derartige Schottermassen liegen 50-150 _m_ über

dem jetzigen Elbspiegel, zum Beispiel am Cunnersbache beim Dorfe

Cunnersdorf, am oberen Krippenbache (250 _m_ ü. M.), auf der

Ebenheit bei dem Dorfe Ostrau auf der sogenannten Ostrauer Scheibe

bei Schandau, bei Rathmannsdorf (235 _m_ ü. M.), Weißig (186

_m_), Waltersdorf und auf beiden Seiten der Elbe bei Pirna, also

auf den Ebenheiten von Kopitz und Pirna.

[Illustration: Abb. 66. +Ausblick von der Bastei elbaufwärts.+

Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachf. R. Tamme in Dresden.

(Zu Seite 67.)]

Daß nun aber in der auf die Tertiärzeit folgenden quartären Periode,

in der Eiszeit, als die von Skandinavien über ganz Norddeutschland

südwärts bis an den Fuß der mitteldeutschen Gebirge vorgeschobenen

Massenströme von Binnenlandeis auch die nördlichen niedrigen Teile

des Sandsteingebirges etwa bis zum Fuße des Liliensteines bedeckten,

die Elbe noch über die Ebenheiten floß, geht daraus hervor, daß sich

hier nordische Geschiebe mit dem böhmischen Geröll mischen.

Demnach ist das jetzige Elbtal nach der Eiszeit etwa bis zu dem Niveau

eingeschnitten, das es noch jetzt innehält. Das Flußtal gehört also

in seiner jetzigen Gestalt der jüngsten geologischen Zeit an. Die

Lehmlager auf den Hochflächen sind aber die Grundlage für den Ackerbau,

für die Ansiedelung der Menschen. Wo der Sand vorherrscht, breiten sich

nur die Nadelwälder aus.

[Illustration: Abb. 67. +Der Lilienstein.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 68.)]

[Sidenote: Basalte in der Sächsischen Schweiz.]

Als ein fremdes Gestein erscheint nun an manchen Stellen, namentlich

auf oder an den höchsten Gipfeln, Basalt, der von unten her während

der Tertiärzeit in Klüften und Spalten emporgestiegen zu sein scheint.

Teils sind von diesem vulkanischen Gestein Gänge ausgefüllt, teils

erscheinen sie als die Stiele von früher ausgedehnten Basaltdecken.

Manchmal sind sie schon 200 _m_ unter der ehemaligen Oberfläche

des Sandsteines erstarrt und erst, nachdem die Sandsteindecke durch

Verwitterung abgetragen ist (Denudation), zu Tage getreten. Dann zeigt

sich auch sofort eine üppigere Pflanzenwelt.

[Illustration: Abb. 68. +Bodenbach und die Schäferwand.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 70.)]

Die ausgedehnteste Basaltmasse bildet den Gipfel des Rosenberges, 620

_m_ hoch, die als eine 60 _m_ mächtige Decke auf dem Gipfel

des Sandsteinberges lagert und in senkrechten Säulen ansteht. Auf dem

höchsten Kamme des Großen Winterberges, 551 _m_ hoch, tritt ein

100 _m_ mächtiger Gang von Basalt auf, der durch seinen Buchenwald

weithin kenntlich ist. Hier liegen die Basaltsäulen horizontal. Auf

dem Großen Zschirnstein ist sein verwandtes Gestein, der Dolerit;

hier sind fiskalische Steinbrüche angelegt, um das beste Material für

Straßenbeschotterung zu gewinnen. Auch am Gorisch ist ein Basaltbruch

angelegt, und ebenfalls ist am Schneeberge an mehreren Stellen Basalt

angetroffen. Zwei merkwürdige Basaltkegel stehen in der Nähe oder an

der Grenze des Sandsteingebirges: der Basaltberg in Stolpen, auf dem

die alte, jetzt in Ruinen liegende, weithin sichtbare Burg thronte;

und der Cottaer Spitzberg, der infolge der Steinbrüche schon fast

abgetragen ist.

[Sidenote: Gliederung des Quadersandsteins.]

Im Quadergebirge unterscheidet man nach der Verschiedenartigkeit der

Versteinerungen: Unter-, Mittel- und Oberquader. Der untere Quader

herrscht im Südwesten, der obere im Nordosten des Gebietes vor.

Zwischen dem Mittel- und Oberquader schiebt sich eine Einlagerung von

Kalk (Pläner) ein, die für die Quellenbildung von großer Wichtigkeit

ist. Wo der Pläner zu Tage ausstreicht, wie vorzugsweise auf der Seite

westlich von der Elbe, da ist der Quellenreichtum größer und ermöglicht

eher die Besiedelung; wo dagegen, wie östlich von der Elbe, der Pläner

zu tief liegt, versickert alles Wasser in die Tiefe und das Land leidet

an Wasserarmut. Der Oberquader allein hat mindestens eine Mächtigkeit

von 300 _m_ und bildet alle Tafelberge und Steinwände. Wie sehr

das Landschaftsbild von der Natur und den Eigentümlichkeiten des

Gesteins abhängig ist, das tritt uns nirgends deutlicher vor Augen als

in der Sächsischen Schweiz, und das wollen wir nun im folgenden genauer

betrachten.

Die Zertrümmerung und Zerstörung der Gesteinsmassen ist in sehr

verschiedener Weise erfolgt und vollzieht sich auch jetzt noch und

zwar durch das fließende Wasser, also durch die Erosion, ferner durch

Zerklüftung, endlich durch die Verwitterungen und Auswitterungen des

nackten Gesteins.

VI.

Das Wasser in der Sächsischen Schweiz.

[Illustration: Abb. 69. +Tetschen und Obergrund.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 77.)]

Da das ganze Gebirge eigentlich erst durch die Wirkung des fließenden

Wassers entstanden ist, so verdient das Wasser vor allem in seiner

mannigfachen Erscheinung und Tätigkeit unsere volle Beachtung.

Alles Wasser im ganzen Bereich der Sächsischen Schweiz gehört aber

zum Stromgebiet der Elbe. Die Elbe wird also die Hauptarbeit gehabt

und auch die bedeutendste Leistung gegenüber dem starren Sandstein

aufzuweisen haben; dann folgen die größeren Nebenflüsse, die von

rechts und links der Hauptwasserader zufließen und endlich die zum

Teil im Boden versickernden und unsichtbar gewordenen Rinnsale und die

immerfließenden Quellen.

[Illustration: Abb. 70. +Schloß zu Tetschen.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 77.)]

[Sidenote: Die Bildung des Elbtales]

[Sidenote: Die Nebenflüsse der Elbe.]

Die Elbe entspringt auf dem Riesengebirge und hat bereits alle

böhmischen Gewässer in sich vereinigt, wenn sie unterhalb Tetschen

in das Sandsteingebirge eintritt (Abb. 69 u. 70). Kurz oberhalb

Aussig in Böhmen hat sie auch den Fuß des malerischen Schreckensteins

bespült (Abb. 71). Von dem ganzen auf 1154 _km_ bemessenen Laufe

des Stromes von der Quelle bis zur Mündung kommen auf das Gebiet

der Sächsischen Schweiz von Tetschen bis Pirna nur 45 _km_

Stromlänge, also ein verschwindend kleiner Anteil am ganzen Laufe.

Das Gefälle der Elbe beträgt auf 45 _km_ nur etwa 11 _m_;

das ist im Verhältnis von 1 : 4112. Denn der mittlere Elbspiegel liegt

bei Tetschen etwa 120,5 _m_ ü. M., in Königstein 115 _m_,

in Pirna etwa 109,5 _m_. Das Gefälle ist ebenmäßig ausgeglichen;

nirgends zeigen sich Stromstufen oder Schnellen mehr, wodurch

stärkere Strömungen entstehen. Der Fluß hat also seine Arbeit, das

Sandsteingebirge zu durchschneiden, vollendet. Wie groß diese Arbeit

gewesen ist, kann man ermessen, wenn man sieht, daß unterhalb Tetschen

die Höhe des Talrandes 270-320 _m_ (Abb. 72), im Rosenkamm sogar

420 _m_, also volle 300 _m_ über dem Elbspiegel liegt. Die

Felswände des oberen Talrandes stehen hier rechts und links der Elbe

etwa anderthalb Kilometer voneinander ab. Der Anfang dieser Talbildung

reicht in die mittlere Tertiärzeit zurück, in eine Zeit, wo das

Erzgebirge noch bedeutend niedriger war als jetzt und Böhmen auch noch

nicht den Gebirgskessel darstellte wie jetzt. Wir haben schon früher

darauf aufmerksam gemacht, daß während der Eiszeit das Strombett der

Elbe noch 150-50 _m_ höher lag als jetzt und daß in den langen

Zeiträumen, die nach vielen Jahrtausenden zu bemessen sind, die

Elbe schließlich ihren Wasserspiegel bis auf den heutigen Stand hat

erniedrigen können. In demselben Maße, wie mit dem Erzgebirge auch das

Sandsteingebirge emporstieg, schnitt der Elbstrom sich tiefer in den

Sandstein ein. Er hatte Kraft genug, die gelockerten Sandmassen mit

fortzuführen, also erlitt die gleichmäßige Ausbildung der Stromrinne

keine Unterbrechung. Jeder wasserreiche Strom bestätigt die Lehre,

daß ein um so geringeres Gefälle eintritt, je mehr Wasser im Flußbett

vorhanden ist, vorausgesetzt, daß der Boden gleichartig und der

Widerstand des den Grund des Flußbettes bildenden Gesteins nicht zu

groß ist. Im Gebiet des Sandsteingebirges mußte also auch die Elbe das

geringste Gefälle erreichen (Abb. 73). Alle Nebenflüsse dagegen müssen

ein steileres Gefälle aufweisen. Aber die Nebenflüsse von der rechten

Seite zeigen eine andere Natur als die von der linken. Jene entspringen

nämlich sämtlich im Lausitzer Granitlande, durchschneiden nur im

unteren Laufe das Sandsteingebiet und empfangen hier keine irgendwie

nennenswerten Zuflüsse mehr. Diese dagegen entspringen im Sandstein

oder durchschneiden nur im Unterlaufe das Quadergestein und münden an

der Grenze der Sächsischen Schweiz.

[Illustration: Abb. 71. +Der Schreckenstein.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 77.)]

Die Nebenflüsse der rechten Seite sind die Kamnitz, Kirnitzsch,

Lachsbach mit Sebnitz und Polenz und endlich die Wesenitz. Die Namen

sind fast sämtlich slavisch. Ihr Oberlauf im Granitgebiet geht in

flachmuldigen Tälern, wo die Erosion noch weniger kräftig eingesetzt

hat und demnach auch das Gefälle noch geringer ist. Aber auf dem

undurchlässigen Boden bleibt das Wasser an der Oberfläche und bekommt

der Hauptbach auch noch viele kleine Seitengewässer. Daher sind diese

rechten Elbzuflüsse auch wasserreicher als die der anderen Elbseite.

Erst mit dem Eintritt in das Sandsteingebiet sind die Täler tiefer

eingeschnitten und wird auch das Gefälle stärker.

[Sidenote: Dürrkamnitz und Kamnitz.]

Der erste Bach, der von der rechten Seite in die Elbe einmündet, ist

der Dürrkamnitzbach, der zwar eine tiefe, wenig begangene Schlucht

in die Ebenheiten gegen den Rosenberg eingerissen hat, aber doch,

wie schon der Name andeutet, oft fast ganz versiegt, sodaß eine alte

malerische Mühle aus Mangel an Wasserkraft eingehen mußte und endlich

vollständig verfiel. Sie hatte in der Kunstgeschichte der Sächsischen

Schweiz insofern eine gewisse Bedeutung, als L. Richter eine seiner

frühesten selbständigen Radierungen nach diesem Vorwurfe gearbeitet

hatte. Nahe dem Ausgange des Grundes nach der Elbe zu liegt noch ein

einziges größeres Haus, ein altes Gasthaus, eine Schankwirtschaft unter

den steilen Wänden (Abb. 74).

[Illustration: Abb. 72. +Die Elbe bei Niedergrund.+

Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite

77.)]

[Sidenote: Die Edmundsklamm.]

Die Kamnitz entspringt nördlich von Hayda auf der Wasserscheide des

vulkanischen Mittelgebirges. Der Unterlauf bildet ein enges, erst

in der neuesten Zeit zum Teil gangbar gemachtes Felsental, einen

amerikanischen Cañon, der zwischen steilen Felswänden fast ganz von

Wasser eingenommen wird. Dieser untere Teil des Tales bildet den

merkwürdigsten und sehenswertesten Abschnitt in der verschiedenartigen

Bildung eines Erosionstales. Unterhalb Böhmisch-Kamnitz tritt der

Fluß zuerst in ein von Sandsteinfelsen eingeengtes Tal in westlicher

Richtung. Dann aber beginnt bei nördlicher Richtung des Wasserlaufes

der Grund wieder offener zu werden und läßt Raum für das langgestreckte

Dorf Windisch-Kamnitz. Erst von der Einmündung des Kreibitzbaches

an, der oberhalb Dittersbach ebenfalls schon einen gewundenen engen

Grund, den Paulinengrund, gebildet hat, schneidet nun der verstärkte

Kamnitzbach mit beträchtlichem Gefälle und raschem Lauf kräftiger

in die Sandsteinmassen ein und bildet die Ferdinandsklamm, die man

in einem Kahne auf dem ungebändigten Wasser bis zur Grundmühle

durcheilen kann. Aber auch hier wechseln Stromschnellen mit ruhigem

Wasser ab. Das Gefälle ist also noch nicht ausgeglichen. Bald treten

steile Felsen ans Wasser, bald erscheinen kleine Talbuchten mit einem

Wiesenrande. Unterhalb der Grundmühle (Abb. 75) wendet sich die

Kamnitz mehr in westlicher Richtung und hier ist für Fußgänger der

malerische Grund zugänglich. Dann folgen die Wilde (Abb. 76 und 77)

und die Edmundsklamm, von denen die erste 1898 eröffnet worden ist und

auch zum Teil eine Kahnfahrt bietet; die Edmundsklamm (Abb. 78 u. 79)

dagegen ist schon seit 1890 durch die Forstverwaltung des Fürsten Clary

zugänglich gemacht und zu Ehren des Fürsten benannt. Wenn auch der den

Alpen entlehnte Ausdruck „Klamm“ leicht zu falschen Vorstellungen oder

zu hochgespannten Erwartungen Anlaß geben könnte, so muß man immerhin

diesem Teil des Felsengrundes, der unmittelbar oberhalb Herrnskretschen

(Abb. 80 u. 81) endigt, unter allen Szenerien in dem Sandsteingebirge

die Palme reichen. Der obere Teil der Klamm bildet einen schmalen,

von steilen, aber mit Nadelholz bewachsenen Felsen begrenzten See mit

stillem Wasser, da der Bach durch Dämme gespannt ist. Über diesen See

gleitet man mit dem Kahne langsam dahin, nach allen Seiten von stets

wechselnden Landschaftsbildern umgeben. Der untere Teil des Tales,

am längsten zugänglich und mit bequemen Fußwegen versehen, zeigt uns

wieder den natürlich dahinrauschenden Bach, hie und da von mächtigen

Felsblöcken, die in ihn hineingestürzt sind, eingeengt, zwischen denen

das schäumende Wasser sich Bahn bricht. Aber zur malerischen Schönheit

dieses Grundes tragen namentlich auch die herrlichen Buchen bei, die

auf und zwischen den Felsmassen im Grunde wurzeln und ihre Zweige weit

über das Wasser hinaussenden. Weil die Klamm bereits etwas weiter

geworden, die Felswände mehr auseinander treten und das Sonnenlicht

bis auf den Boden dringen kann, ist auch der Pflanzenwuchs üppiger und

reicher und bildet den angenehmsten Gegensatz gegen die mit Fichten und

Kiefern besetzten Felswände.

[Illustration: Abb. 73. +Die Elbe bei Wehlen, flußaufwärts

gesehen.+

Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite

78.)]

Das Gefälle -- das geht schon aus dieser allgemeinen Schilderung

des Flußtales hervor -- ist ungleich, wie das aus folgenden Angaben

ersichtlich wird. Von Falkenau bis mitten in die Stadt Kamnitz beträgt

das Gefälle auf 12 _km_ 160 _m_, d. h. 1 : 75. Von Kamnitz bis

Schemel, vor dem Eintritt in die Klamm, ist es auf 10 _km_ wie

1 : 106 und von da zur Mündung in die Elbe auf 12 _km_ wie 1 : 140. Das

Gefälle von Falkenau bis zur Mündung beläuft sich auf rund 1 : 100.

[Illustration: Abb. 74. +Gasthaus an der Dürrkamnitz.+

Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite

79.)]

[Sidenote: Das Kirnitzschtal.]

[Sidenote: Die Obere Schleuse.]

Wesentlich anderen Charakter hat das Kirnitzschtal. Zwar ist die

Hauptrichtung der Kirnitzsch westlich, doch geht der Bach gerade da,

wo sich die landschaftlich schönste Umgebung an seinen Ufern findet,

von Norden nach Süden. Unterhalb des ersten Dörfchens an seinen

Ufern, unter Hinterdaubitz, befindet sich ein ganz enges Felsental,

das durch einen festen Steindamm abgesperrt ist, in dem nur eine aus

Holz bestehende Schleuse einen Durchlaß gewährt. Die ganze Anlage,

durch die das Wasser des Baches zu einem langgestreckten Teiche

angespannt ist, dient der Flößerei, die besonders im Herbst und

Frühjahr ausgeübt wird. Diese Anlage heißt die Obere Schleuse (Abb.

82). Das enge Felsental mit dem dichten Hochwalde und der üppigen

Krautvegetation am Ufer und bis ins dunkle und stille Wasser, das die

Umgebung in wunderbarer Klarheit spiegelt, gehört zu den eigenartigsten

Landschaftsbildern der Sächsischen Schweiz. Obwohl das Tal nicht

so wild wie das Kamnitztal ist, und durch die üppige Pflanzenwelt

ein Fußweg neben dem etwa 600 _m_ langen stillen Wasserspiegel

hinführt, ist auch hier die Möglichkeit geboten, die Strecke im Kahn

zurückzulegen und noch mächtiger die besonderen Reize der Landschaft

auf sich wirken zu lassen. Die Obere Schleuse wird daher, besonders

von Hinterhermsdorf aus, sehr viel von Lustreisenden besucht und

von manchen sogar der Edmundsklamm vorgezogen. Die Kirnitzsch (Abb.

83) fließt dann durch ein enges, einsames Felsental, in dem nur an

einer Stelle die wenigen zerstreuten Häuser von Hinterdittersbach

liegen, nach Nordwesten bis zur Buschmühle (Abb. 84), der ältesten,

originellsten und malerischsten Mühle, berührt dann auf ihrem weiteren

westlichen Laufe, der bald über Granitboden mit freierem, sanfterem

Gehänge, bald wieder durch Felsengen des Sandsteines bis nach Schandau

führt, nur einzelne Mühlen, aber kein Dorf mehr. Doch ist durch

den ganzen unteren Teil des Tales bis zum Lichtenhainer Wasserfall

(Abb. 85) eine elektrische Bahn angelegt, um die Besucher des

Gebirges rascher durch den ziemlich einförmigen Grund in die Nähe der

Hauptschönheiten des oberen Gebirges, auf den vielbetretenen Fremdenweg

zu geleiten, der über den Kuhstall, den Großen und Kleinen Winterberg

bis zum Prebischtor und von da hinab nach Herrnskretschen führt.

[Illustration: Abb. 75. +Die Grundmühle.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)]

Um nun zu zeigen, wie viel stärker das Gefälle der Kirnitzsch als das

der Elbe ist, wollen wir nur die Talstrecke von Hinterdittersbach

oder der Kirnitzschschänke bis zur Mündung in Rechnung bringen.

Hinterdittersbach liegt 243,6 _m_ ü. d. M., die Mündung bei

Schandau 119 _m_. Die Länge des Baches beträgt auf dieser Strecke

21 _km_, das Gefälle 125 _m_; daraus ergibt sich das starke

Gefälle von 1 : 168. Der ganze Lauf der Kirnitzsch beträgt etwa 44

_km_; das hier berücksichtigte Stück entspricht also etwa der

Hälfte des Gesamtlaufes. Ohne hier weiter auf einzelne Untersuchungen

einzugehen, weil sie uns aus dem Gebiet der Sächsischen Schweiz

herausführen würden, soll nur bemerkt werden, daß im oberen Teile das

Gefälle des Baches, im Bereiche des Lausitzer Granites, nicht so stark

ist.

[Sidenote: Lachsbach.]

Der dritte Bach, die Lachsbach, entsteht aus der Vereinigung zweier

ziemlich gleich großer Bäche, der Sebnitz, 30,5 _km_ lang und der

Polenz, 33,6 _km_ lang. Beide entspringen in der Umgebung des

Hochwaldes. Die Sebnitz hat aber im unteren Lauf, der den Sandstein

durchschneidet, westliche Richtung, die Polenz dagegen südliche und

südwestliche Richtung.

Im Vergleich mit der Kamnitz und Kirnitzsch haben diese beiden

Quellbäche der Lachsbach einen kürzeren Lauf durch den Sandstein,

denn die Sebnitz tritt in dieses Gebiet erst von der Kohlmühle an,

nördlich von Schandau ein, und die Polenz von Hohnstein an. Sie haben

daher naturgemäß auch bereits auf ihrem längeren Oberlaufe tiefe Täler

geschaffen; aber sie sind unwegsam und nur von wenigen Mühlen belebt.

Durch das Sebnitztal führt von Schandau nach Sebnitz eine Eisenbahn,

auf der man wegen der vielen Windungen des Baches und der Enge des

Tales durch sieben Tunnels auf einer Strecke von 15 _km_, also

alle 2 _km_ durch einen Tunnel kommt. Das früher selbst dem

Fußgänger in manchen Teilen unzugängliche Tal zeigt nun dem Reisenden

in raschem Zuge eine Fülle von wechselnden Landschaftsbildern.

[Illustration: Abb. 76. +Die Wilde Klamm.+

Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)]

[Sidenote: Polenztal und Tiefer Grund.]

Die Steigerung in der Art und Möglichkeit des Verkehrs durch die drei

bisher betrachteten Täler ist bemerkenswert: An der Kamnitz Kahnfahrt

und Fußpfade, an der Kirnitzsch Kahnfahrt, Fahrwege und elektrische

Eisenbahn, an der Sebnitz Eisenbahn. Ganz einsam wird dagegen dann das

Polenztal wieder. Von hohen, vielfach zerklüfteten Felswänden, wie bei

den berühmten Aussichtspunkten „dem Brand“, oder von einzeln stehenden

Felsmassen wie dem Hockstein (Abb. 86) auf beiden Seiten eingefaßt,

geht der engste Teil des romantisch-schönen Grundes von Hohnstein (Abb.

87) südwärts bis zur Waltersdorfer Mühle. Auf den höchsten Klippen

der östlichen Talwand steigt, alle Nachbarbäume weit überragend und

durch seine stolze Krone von allen Seiten in die Augen fallend, der

schönste Baum des ganzen Felsenlandes empor, die Königskiefer (Abb.

88). Von hier wendet sich der Bach in einem weiteren mit Wiesenboden

geschmückten Tale nach Südosten, bis er kurz vor der Vereinigung mit

der Sebnitz auch das Bächlein des Tiefen Grundes aufnimmt, durch den

die Fahrstraße von Schandau nach dem Städtchen Hohnstein hinaufführt.

Vor hundert Jahren, als der Besuch der Sächsischen Schweiz lebhafter

zu werden begann, gehörte der Tiefe Grund zu den ersten Zielen einer

Wanderung im Gebirge und wurde voll Bewunderung über die wilde Romantik

dieser Felsenwelt in überschwenglichen Schilderungen empfohlen.

Heutzutage liegt er abseits der besuchtesten Pfade und wird wohl nur

noch betreten, wenn man den östlich davon gelegenen Waitzdorfer Berg

erreichen will, der zwar schon zum Granitlande gehört, aber doch

nahe dem Sandsteingebirge eine umfassende Rundsicht über die ganze

Sächsische Schweiz bis ans Erzgebirge gestattet.

[Illustration: Abb. 77. +Wilde Klamm. Dreyfußfelsen.+

Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 80.)]

Wir wollen nun noch das Gefälle der beiden Bäche Sebnitz und Polenz

betrachten. Für den Teil der Flüsse, der hier in Frage kommt, ist das

Ergebnis überraschend. Es stellt sich nämlich ziemlich gleich heraus.

Der Spiegel der Sebnitz liegt in der Stadt gleichen Namens 268,7 _m_

über dem Meer, an der Mündung in die Polenz 128,1 _m_. Der Unterschied

in der Höhenlage beträgt 140,6 _m_. Bei einer Tallänge von 15,3

_km_ ergibt sich ein Gefälle von 1 : 109. Bei der Polenz beträgt der

Höhenunterschied zwischen der Häselichtmühle (206,7 _m_) und der

Mündung der Lachsbach (115 _m_) 91,7 _m_. Daraus folgt bei einer

Tallänge von 11,3 _km_ ein Gefälle von 1 : 124.

Wenn der Fall des Wassers im Sebnitztal noch größer ist, als an der

Polenz, so dürfte die Ursache wohl darin liegen, daß der Boden des

Sebnitztales noch auf längerer Strecke dem festen Granitboden angehört.

Vielleicht ist aus derselben Ursache der Fall der Kirnitzsch noch

geringer, weil er nur auf einer kurzen Strecke südlich von Lichtenhain

den Granit berührt, sonst aber am längsten dem Sandsteingebiet angehört.

[Illustration: Abb. 78. +Im Edmundsgrunde. Winterstimmung.+

Liebhaberaufnahme von Hofgraveur P. J. Wolf in Dresden. (Zu Seite 80.)]

[Sidenote: Liebethaler Grund.]

[Sidenote: Schloß Lohmen.]

Dresden und die Sächsische Schweiz · 第 7 / 16 段