Land Böhmen mit ihrem Waldgürtel umgeben, die böhmischen Wälder
hießen und zwar nicht bloß der jetzt noch so genannte Böhmerwald,
sondern auch das Erzgebirge, die Sächsische Schweiz, das Lausitzer-
und das Riesengebirge. Es war ein volkstümlicher Ausdruck, wie
daraus hervorgeht, daß auch der Urtypus aller fahrenden Leute, Till
Eulenspiegel „Dresden vor dem Böhmerwalde“ mit seinem Besuche beehrte,
daß aber auf der anderen Seite, ich möchte sagen, offiziell der Name
Böhmerwald für das Erzgebirge anerkannt wurde, wenn der Kurfürst
August von Sachsen auf den von ihm selbst gezeichneten Reiserouten bei
seiner Fahrt zum Regensburger Reichstage, 1575, über das Erzgebirge den
Namen Böhmerwald einträgt. Und so wurde mehrfach noch im achtzehnten
Jahrhundert die Sächsische Schweiz als ein Teil des Böhmerwaldes
angesehen. In Sachsen selbst und zwar vorwiegend in der Nähe des
Gebirges hörte man damals wohl auch die Bezeichnung „die Heide über
Schandau“, aber es ist bezeichnend genug, daß mit diesem Ausdruck
nur der ununterbrochene Wald, aber nicht die grotesken Felsenberge
getroffen werden. Es gab also tatsächlich keinen allgemein bekannten
Namen für das Sandsteingebirge, und es war also in der zweiten Hälfte
des achtzehnten Jahrhunderts eigentlich die günstigste Gelegenheit, das
Gebirge zu benennen und es wurde dies fast zur Notwendigkeit, seitdem
die Freunde einer erhabenen Natur immer zahlreicher in die einsamen
Gründe und auf die Felsenberge sich hinaufwagten.
[Illustration: Abb. 57. +Die Königl. Kunstakademie in Dresden.
Ausstellungsbau.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 56.)]
[Sidenote: Die Maler Zingg und Graff in Königstein.]
Die Veranlassung zu dem anfänglich von verschiedenen Seiten mit
Kopfschütteln aufgenommenen Namen „Sächsische Schweiz“ haben zweifellos
die beiden Schweizer Maler Zingg und Graff gegeben, die, wie bereits
mitgeteilt ist, 1766 an die Kunstakademie in Dresden als Lehrer berufen
wurden, aber erst später, und zwar Graff 1789 und Zingg 1803, den Titel
Professor erhielten.
Gleich im ersten Jahre ihres Aufenthaltes in Dresden machten diese
beiden Schweizer (Graff stammte aus Winterthur und Zingg aus St.
Gallen) gemeinschaftlich einen Ausflug in das Sandsteingebirge, der
so abenteuerlich verlief, daß es sich verlohnt, näheres darüber zu
berichten. Wir folgen dabei der den Akten entnommenen Darstellung des
ersten Herausgebers von „Über Berg und Tal“, Rechtsanwalt Gautsch.
Eines schönes Sommertags 1766 früh nahmen die beiden Schweizer ihre
Zeichenmappen unter den Arm und den Wanderstab in die Hand und
wanderten den vor den Toren der Residenz sichtbaren Bergen entgegen.
Unbesorgt um Paß- und Polizeivorschriften gelangten sie am Mittwoch,
den 27. August ungehindert an den Fuß des Königsteins, kehrten in der
neuen Schenke vor der Festung ein und sprachen hier gegen den Wirt
unverhohlen die Absicht aus, bei ihm einige Tage zu verweilen.
[Illustration: Abb. 58. +Das Hofopernhaus in Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 56.)]
Der Wirt, der damals ohne Erlaubnis des Festungskommandanten keinen
Fremden beherbergen durfte, meldete pflichtschuldigst am Abend,
kurz vor Torschluß, seine Gäste bei dem damaligen Unterkommandanten
der Festung, Oberst von der Pforte, an und übersandte zugleich ein
Schreiben der Reisenden, worin sich der eine Graff und kurfürstlicher
Hofmaler, der andere aber Zingg, Plattenstecher und Mitglied der
Dresdener Akademie nannte und beide um die Erlaubnis baten, in der
Schenke bleiben zu dürfen.
Der Oberst erlaubte ihnen das Übernachten daselbst, weil ihm die Namen
„einigermaßen“ bekannt waren und weil es bereits später Abend geworden
war, ließ jedoch denselben wissen, daß ihnen ein längeres Verweilen
ohne Passe-port von ihm nicht gestattet werden könne.
[Sidenote: Zinggs Abenteuer.]
Graff, der wohl nur zur Gesellschaft mitgewandert war und keine
Landschaften aufnahm, ging daher am andern Tage wieder nach Dresden
zurück. Zingg dagegen, der hier überall Vorwürfe für landschaftliche
Zeichnungen fand, wanderte mit seiner Zeichenmappe noch nach Schandau
und kehrte erst nachmittags von da nach Königstein zurück, wo er in dem
Gasthofe einkehrte. Inzwischen hatte Oberst von der Pforte erfahren,
daß Zingg Ansichten vom Königstein aufnehmen wolle, auch schon die
Gegend um den Lilienstein aufgenommen und abends am Königsteiner Wege
unter der Festung gezeichnet habe. Das erschien dem für die Sicherheit
seiner Festung besorgten Unterkommandanten doch im höchsten Grade
bedenklich. Er ließ daher den Gerichtsvogt Jahn im Städtchen von dem
allen unterrichten, damit derselbe Vorsichtsmaßregeln treffen könnte.
Jahn nahm daher den verdächtigen Maler ins Verhör, befragte ihn
über den Zweck seines Hierseins und verlangte seinen Paß. Weil
Zingg nun keinen Paß hatte, auch sich „seiner Verrichtungen halber
nicht legitimieren konnte“, so wurde ihm von seiten des Stadtrates
Stubenarrest angekündigt und Beschlag auf seine Effekten gelegt.
Bei Durchsicht der Habseligkeiten fand man, daß Zingg den Lilienstein,
alle vier Seiten der Festung Königstein und die Passage über die
Elbe bei der Ziegelscheune, wo im Jahre 1756 die sächsische Armee
übergegangen, aufgenommen hatte. Der Bürgermeister nahm ihm diese
gefährlichen Zeichnungen weg und erstattete sofort an das Amt Pirna,
seine vorgesetzte Behörde, über den Vorgang Bericht, sendete die
Zeichnungen mit ein und fragte an, was mit dem Arrestanten geschehen
solle.
Tags darauf langte der Bescheid des Amtmannes an: „Da dergleichen
charakterisierte und bei Hof engagierte Personen keine Legitimationes
oder Passe-ports, wie sie verlangt worden, und welche nur ein
Militär-Terrorismus wären, nötig hätten, so sei Arrestant sofort wieder
auf freien Fuß zu stellen und könne sich noch länger im Städtchen
Königstein aufhalten und bei seiner Rückkehr nach Dresden die in das
Amt gesendeten Zeichnungen wieder abholen.“
Über diesen der Kunst günstigen Bescheid beschwerte sich aber der
Kommandant beim Generalfeldmarschall Prinzen Chevalier de Saxe, und
dieser wiederum beim Administrator von Sachsen, dem Prinzen Xaver.
Daraufhin bekam das Amt einen Verweis.
Zingg aber richtete nun ein Gesuch an die Regierung, worin er bat,
ihm die Ausübung seiner Kunst überall in Sachsen zu gestatten. Darauf
erhielt er unterm 20. August 1768 den Bescheid: „Dem Zingg bleibt
zwar frei, die ihm gefälligen Gegenden in hiesigen Landen zu zeichnen
und wird er auf sein Anmelden mit den hierzu etwa erforderlichen
Pässen versehen werden, jedoch ist die Festung Königstein hiervon
ausgenommen.“ An diese Ausnahme scheint sich Zingg später aber nicht
gekehrt zu haben, denn wir finden unter seinen radierten Ansichten
mehrfach den Königstein vertreten.
[Illustration: Abb. 59. +Das Königliche Schloß und die Wettinsäule in
Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 57.)]
Ein günstiger Zufall hat das Skizzenbuch Zinggs vom Jahre 1766
erhalten, es befindet sich in der Kupferstichsammlung der
Sekundogenitur des Königlichen Hauses. Und unter diesen Zeichnungen
befindet sich auch ein Blatt, eine Studie von einer alten Weide am
Elbufer, mit der handschriftlichen Bemerkung Zinggs: „Den 30. August
1766, ware arretiert worden“ (Abb. 64).
Zweifellos haben Zingg und Graff auch die Veranlassung gegeben, daß
sich auch aus der Schweiz Schüler einfanden, um unter ihren berühmten
Landsleuten sich ganz der Kunst zu widmen. Daß Zingg als Kupferstecher
und Landschafter weit mehr Veranlassung hatte, unser schönes Bergland
immer wieder zu durchwandern, als der Porträtmaler Graff, das liegt
auf der Hand, davon zeugen auch die zahlreichen in Sepia ausgeführten
Umrißradierungen, die noch von Zingg bekannt sind.
Fabrikmäßig wurden die zierlichen, geschickt ausgemalten Blätter und
Blättchen, mit Zinggs Stempel versehen, auf den Markt geworfen -- Zingg
selbst bezog mit großen gefüllten Mappen zu dem Behufe die Leipziger
Messen --; aber bei einer solchen Massenproduktion mußte man eines
guten Absatzes gewiß sein -- und die Käufer waren nicht lediglich
Liebhaber der Kunst, sondern vorwiegend Freunde der Sächsischen
Schweiz, die sich Zinggs Blätter (Abb. 65) als Andenken erwarben.
Unter ihnen wahrscheinlich auch Landsleute von Zingg. -- Nun lesen wir
in der von Götzinger verfaßten Geschichte und Beschreibung des Amts
Hohnstein und Lohmen vom Jahre 1786 die Bemerkung: Alle Schweizer,
welche die hiesige Gegend besucht haben, versichern, daß sie mit den
schweizerischen Gegenden sehr viel Ähnlichkeit habe. Götzinger, der
erste Schriftsteller und Lobredner der Sächsischen Schweiz, ist hier
durchaus glaubwürdig; denn es wird ziemlich um dieselbe Zeit auch von
anderer Seite bezeugt, daß von Schweizern zuerst die Vergleichung der
Sandsteinfelsen mit den Schweizerbergen ausgegangen sei.
Man nahm bisher an, daß der Name „Sächsische Schweiz“ zuerst 1794 in
der Literatur nachweisbar sei. Allein wir müssen noch weiter, noch vor
dem Erscheinen der ersten Schrift Götzingers (1786) zurückgehen. Da
findet sich nun in Hasches Umständlicher Beschreibung Dresdens (Leipzig
1783, II. 453) folgende Stelle zunächst in unmittelbarer Beziehung
zu dem Plauischen Grunde: „Diese Sächsische Schweiz im kleinen, eine
außerordentlich schöne Gegend fürs Auge,... ein Tal, so schön als
die Natur nur bilden kann“ u. s. w. Der Plauische Grund wird jene
Sächsische Schweiz im kleinen genannt; es mußte also damals jedermann
bereits verstehen, was der Verfasser mit diesem Vergleiche sagen
wollte. Der Ausdruck „Sächsische Schweiz“ mußte schon in aller Munde
sein, denn der Verfasser macht keinerlei Andeutung, daß das eine neue,
noch ungewohnte Bezeichnung sei. Dann mußte sie doch wohl schon Jahre
vorher entstanden oder erfunden sein; und wir kommen auf solche Weise
dem Zeitpunkt, wo die beiden Schweizer ihre ersten Ausflüge ins Gebirge
unternahmen, immer näher.
[Illustration: Abb. 60. +Weber-Denkmal in Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 58.)]
Später als bei Hasche erscheint dann um 1790 die Form „Sächsische
Schweiz“ in dem handschriftlichen Tagebuch der Elise von der Recke
und 1794 wird er zum zweiten Male in den „Mahlertschen Wanderungen
durch Sachsen“ gedruckt. Der Name hat sich dann bald so eingebürgert,
daß er allgemein angenommen wurde. Erst später bei der genaueren
wissenschaftlichen Erforschung des Gebietes machte sich das Bedürfnis
nach einem geologisch treffenderen Ausdruck geltend, und so wurde die
Bezeichnung „Elbsandsteingebirge“ geprägt. Wenn dieser Ausdruck nun
auch in wissenschaftlichen Schriften den Vorzug findet, so behauptet
sich doch im volkstümlichen Sinne und touristisch der Name „Sächsische
Schweiz“.
[Illustration: Abb. 61. +Das Japanische Palais in Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 58.)]
[Sidenote: Charakter der Sächsischen Schweiz.]
Das ganze Gebirgsland besteht nun, wie schon aus dem wissenschaftlichen
Namen zu ersehen ist, aus Sandstein, der nach der eigentümlichen Art
seiner Zerklüftung Quadersandstein genannt wird. Nur an wenigen Stellen
ist durch Klüfte und Spalten das plutonische Gestein des Basalts
heraufgedrungen und tritt auch hie und da an die Oberfläche, ohne
indes die eigentlichen für den Sandstein charakteristischen Formen zu
beeinflussen. Die Sächsische Schweiz besitzt keine Bergketten, keine
langhingezogenen Höhenrücken wie das Erzgebirge oder das Lausitzer
Gebirge, sondern nur einzelne Tafelberge mit senkrechten Felswänden,
tiefe, engschluchtige Täler und Talspalten mit und ohne fließendes
Wasser; aber die Felsberge sind wieder auf Hochebenen aufgesetzt, und
die Täler und Gründe zeigen vielfach deutlich ausgeprägte Talstufen.
Dazu hebt sich das Hochland allmählich nach Süden immer mehr (Abb. 66)
und die Höhen der Berge wachsen in gleicher Richtung, bis dann mit
einem Male oder in kurzen Absätzen das Gebirge gegen Böhmen abbricht.
Im nördlichen, niedrigeren Teile ist das Gebirge noch vielfach bebaut
und sind Dörfer über das Gebiet verstreut, der Süden aber wird
auf beiden Seiten der Elbe nur von Wald, vorherrschend Nadelwald,
bedeckt. Nur wo der Basalt zu Tage getreten und ein fruchtbarerer
Verwitterungsboden entstanden ist, trifft man auch Buchenwald an.
[Sidenote: Aufbau des Sandsteingebirges.]
Das ganze Sandsteingebirge wird in nordwestlicher Richtung von der
Elbe durchschnitten. Das Tal des Stromes bleibt von Tetschen bis Pirna
immer gleich eng, nirgends zeigt sich eine Talweitung, und so tritt uns
dasselbe als ein von dem fließenden Wasser erzeugtes Durchbruchstal
entgegen. Wenn man zu Schiff die ganze Strecke von Tetschen an
zurücklegt, was bei den günstig liegenden Eilfahrten der Dampfer einen
Zeitaufwand von vier Stunden beansprucht, dann wird man wahrnehmen, daß
die Felsenhöhen, die wir vom Schiffe aus das Tal begrenzen sehen, im
Süden sich noch mehr als 300 _m_ über den Elbspiegel erheben, z. B.
im Rosenkamm, an der Bastei noch 200 _m_, im Norden dagegen, bei Pirna,
nur noch eine Höhe von 55 _m_ über dem Wasser haben. Der Sockel des
Sandsteingebirges, auf dem die Felsberge einzeln aufsteigen, scheint
hiernach eine von Südost nach Nordwest langsam geneigte schiefe Ebene
zu sein.
Überall haben wir dieselben Erscheinungen im vertikalen Profil, wenn
wir vom Elbufer aus, sei es nach dem rechten oder linken Talrande
hinaufsteigen. Die Gestalt ist immer die der nebenstehenden Figur:
Auf eine sehr schmale Elbaue folgt eine aus Verwitterungsschutt
des Sandsteines gebildete, meist mit Nadelholz bewachsene Böschung
(_a_), aus der hie und da noch einige größere und kleinere Blöcke
aufragen. Darüber steigen senkrechte Felsenmauern (_b_) empor,
vielfach zerklüftet und gespalten, so daß man unschwer zwischen ihnen
die Höhe gewinnen kann. Wo im Süden die Felsenmauern wesentlich höher
sind, sind meist rohe Steinstufen angelegt, auf denen man die Höhe
erklimmt; im Norden reichen mehrfach die Böschungen so hoch hinauf,
daß es nur schräg aufwärts führender Fußpfade bedurfte, um die Höhe zu
gewinnen.
[Illustration]
Oben breitet sich ein meist ebenes Feld (_c_) aus, das an einigen
Stellen so gleichmäßig flach erscheint, daß man ihm den Namen einer
Ebenheit gegeben hat, z. B. Pirnische Ebenheit, Ebenheit am Lilienstein
(Abb. 67), Flächen, die so groß sind, daß sie mehrere Dorffluren
umfassen können. Weil hier vielfach besserer Lehmboden vorherrscht,
so sind diese Hochflächen meist in Ackerland verwandelt. Wo besserer
Boden fehlt, deckt Nadelwald das Land, das von zahlreichen engen
Schluchten und Felsgründen durchschnitten ist, wodurch die Anlegung von
Verkehrswegen erschwert wird.
[Illustration: Abb. 62. +Die Kreuzschule und das Körner-Denkmal in
Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 58.)]
[Illustration: Abb. 63. +Der Hauptbahnhof in Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 59.)]
[Sidenote: Die Meeresablagerungen.]
[Sidenote: Hebungen und Senkungen.]
Über die Hochflächen und Ebenheiten steigen dann die Felsberge
(_f_) empor, die vorherrschend als „Steine“ bezeichnet werden, wie
Königstein, Lilienstein. Hier wiederholt sich dasselbe Profil, wie beim
Anstieg vom Elbufer aus, noch einmal: zuerst die Böschung (_d_),
dann die Steilwand (_e_) und endlich oben die mit Wald bedeckte
Fläche, wodurch alle diese „Steine“ das Aussehen von Tafelbergen
gewinnen. Man kann nun leicht durch alle diese Hochtafeln sich eine
zweite Ebenheit oder Fläche denken, von der aber nur die letzten
Trümmer in den „Steinen“ stehen geblieben sind. Die Wasserwirkung,
die wir vom Ufer der Elbe an, über die Böschungen und die Steilwände
hinauf bis zu den Ebenheiten erkennen und dem Durchbruch des Stromes
zuschreiben müssen, wird ebenso auch in der höheren Stufe der Steine,
die das untere Profil noch einmal wiederholt, maßgebend für die
Gestaltung der Sandsteinformen gewesen sein. Dann verdanken wir also
der spülenden und sich in den Boden eingrabenden Kraft des strömenden
Flußwassers, der Erosion, die heutige Gestalt der Sächsischen Schweiz
und wir bezeichnen es demnach als ein Erosionsgebirge. Ursprünglich
bestanden in der Bucht zwischen dem Erzgebirge und dem Lausitzer
Gebirge nur mächtige Sandablagerungen mit wagerechter Oberfläche, die
dann von der Elbe und ihren Zuflüssen auf das mannigfachste durchfurcht
und zerteilt ist. Da man nun zu unterst Sandstein mit Resten von
Landpflanzen, dann aber Sandstein mit Austernschalen findet, so muß
die früheste Ablagerung noch in süßem Wasser, dann aber die spätere
in Seewasser erfolgt sein. Reste von Seetieren, Muscheln, Schnecken,
Seeigeln und Seesternen findet man dann bis zu den oberen Schichten,
also müssen diese Sandablagerungen alle auch im Meere stattgefunden
haben. Die Arten dieser Seegeschöpfe weisen uns aber geologisch in
die Kreidezeit, in der auch die Kreideklippen auf der Insel Rügen und
auf den dänischen Inseln gebildet wurden. Durch die in fast allen
Meeren sich bildenden Niederschläge von kalkigem Schlamm wurden die
Sandmassen fester verkittet und schließlich zu Stein. Nun wird aber hie
und da auch der Abdruck von Zweigen eines Nadelholzes oder auch von
Holzstücken gefunden, die, in dem Sande eingebettet, sich allmählich
in Kohle umwandelten. Diese Pflanzenteile stammen vom Lande und werden
gemeiniglich in der Nähe der Küsten gefunden; man hat daraus mit Recht
geschlossen, daß diese Sandablagerungen im seichten Küstenwasser
erfolgt seien. Aber in der Zuführung von Sand mußten längere Pausen
eingetreten sein, da die mächtigen Schichten des Quadersandsteines
auch dünnere Ablagerungen von Kalk (Pläner) oder Tonschlamm zeigen,
deren Entstehung auf ein tieferes Meer, ferner von den Küsten, deuten.
Somit entsteht die einfache Gliederung aller Ablagerungen in den
unteren Quader, die Plänerschicht, und den oberen Quader. Die unteren
und oberen Sandsteinlager enthalten aber verschiedene Einschlüsse
von Muscheln und dergleichen. Die Änderung in der Gestalt dieser
Seegeschöpfe erfordert aber lange geologische Zeiträume. Wenn nun
die Ablagerungen teils im Küstenwasser, teils in tieferem Seewasser
erfolgt sind, so müssen dementsprechend auch Hebungen und Senkungen
der Erdrinde und Veränderungen in der Gestalt des Festlandes gegen das
Meer angenommen werden. In unendlich langen Zeiträumen haben also die
Ablagerungen stattgefunden, dazwischen sind Ruhepausen eingetreten, in
denen sich die Sandmassen zu festeren Steinbänken befestigt haben, auf
die dann dünnere Schichten von Kalk oder Tonschlamm niedergeschlagen
sind. Dadurch sind die allenthalben sichtbar voneinander absetzenden
Bänke entstanden, die eine so charakteristische Erscheinung des
Sandsteingebirges bilden.
[Illustration: Abb. 64. +An der Elbe bei Königstein.+ Zeichnung
von Adrian Zingg. 1766.
Nach „Über Berg und Tal“, Monatsschrift des Gebirgsvereins der
Sächsischen Schweiz. (Zu Seite 66.)]
In der auf die Kreidezeit folgenden Tertiärzeit traten dann dauernde
Hebungen ein, während auch das Erzgebirge langsam emporstieg. Die
Hebung des Erzgebirges beeinflußte auch das Sandsteingebirge. Wie
das Erzgebirge mit seiner längeren Abdachung nach Nord und Nordost
sich neigt, so auch der Sandstein westlich der Elbe. Hier liegen die
Quaderbänke nicht mehr wagerecht, sondern neigen sich allmählich in
gleicher Richtung. Und wie das Erzgebirge mit einer viel kürzeren
Abdachung gegen Süden, gegen Böhmen, abbricht und von dieser Seite
her eine mächtige Gebirgsmauer zeigt, so sind auch die Bänke des
Sandsteines zum Teil nach Süden abgesunken, zum Teil auffällig
schräg gestellt, wie an der Schäferwand bei Bodenbach (Abb. 68), die
eigentlich die scheefe, d. h. schiefe Wand heißen sollte, ein Name, aus
dem erst durch Mißverständnis und Entstellung Schäferwand gemacht ist.
[Illustration: Abb. 65. +Schandau.+
Nach einem kolorierten Stich von Adrian Zingg. (Zu Seite 66.)]
[Sidenote: Die Zersprengung der Sandsteinbänke.]
Anders lagert der Sandstein auf dem rechten Elbufer; hier sind die
Sandsteinbänke in ihrer ursprünglichen wagerechten Lagerung nahezu
geblieben. Doch hat ähnlich, wie wir es bereits am Elbtalkessel
beobachtet haben, der Lausitzer Granit sich an einigen Stellen deutlich
über den Sandstein heraufgeschoben. Am auffälligsten ist dies bei dem
Städtchen Hohnstein nachgewiesen. Auf beiden Seiten des Polenztales
und am tiefen Grunde liegt der Granit über dem jüngeren Jurakalk und
dieser auf Quadersandstein. Die Reihenfolge der Gesteine ist völlig
umgestürzt. Der Granit ist schräg aus der Tiefe emporgetrieben und hat
den Jura, der sonst in ganz Sachsen nicht vertreten ist, mit in die
Höhe genommen. Die Höhe der Überschiebung ist hier auf 300 m geschätzt.
Auch südlich von der Kirnitzsch an dem Berggipfel der „Hohen Liebe“
liegt der Granit unter steilem Winkel über dem Sandstein, ähnlich bei
Saupsdorf. An den Berührungsflächen mit dem Sandstein zeigt dieser
sich oft stark verglast und gleichsam gefrittet. Durch den gewaltigen
Druck, den der Granit auf den Sandstein ausgeübt haben muß, sind die
mächtigen Quaderbänke zerdrückt, gesprengt und zerklüftet. So kamen
zu den natürlichen wagerechten Abteilungen der einzelnen mächtigen
Bänke auch noch unzählige, senkrechte Klüfte oder Lose, so daß die
Verwitterung, Regen, Wind, Frost und rinnendes Wasser um so stärker an
der Zertrümmerung des Gebirges arbeiten konnten. Diese Zerstörung hat
seit der mittleren Tertiärzeit eingesetzt und ist noch rastlos an ihrem
Werke tätig. Am meisten aber hat das fließende Wasser, am meisten also
die Elbe geleistet.
Da nun die erzgebirgische Erhebung die Sandsteinbänke schräg gehoben
hat, so daß die Neigung nach Nordosten geht, auf der Lausitzer Seite
aber die Schichten wagerecht geblieben sind, so muß sich zwischen
beiden Teilen von selbst eine nach Nordwesten geneigte Tiefenlinie
bilden, die für das abfließende Wasser die natürliche Tiefenrinne
vorzeichnet. Das ist das Elbtal, das den Sandstein in nordwestlicher
Richtung durchschnitten hat.
Nun hat man früher angenommen, daß die Elbe, die alle Gewässer des
inneren Böhmens in sich vereinigt, vor dem Sandsteingebirge zu einem
See aufgestaut worden sei und dann den Damm überflutet und sich immer
tiefer eingeschnitten habe. Allein wenn dem so wäre, müßte man noch
jetzt Spuren der Ablagerungen eines solchen Sees in Nordböhmen finden.
Diese fehlen aber, und daher muß eine andere Erklärung gesucht werden.
Zunächst steht fest, daß die Hebung der Sandmassen vom Meeresboden,
wo sie zuerst abgelagert sind, nur langsam vor sich gegangen ist und
daß auch das Erzgebirge an dieser Hebung teilgenommen hat. Über und
durch diese Sandmassen hat sich die Elbe ihren Weg gebahnt, ohne einen
großen See vorher geschaffen zu haben. Und in dem Maße, wie die Hebung
vor sich ging und sich die Ablagerungen zu festem Gestein verkitteten,
mußte sich die Elbe immer tiefer einschneiden.
Anfänglich hatte das Elbwasser noch keine vollkommen fest
vorgeschriebene Rinne, wenn auch die allgemeine Richtung gegeben war.
Das Wasser floß also über die breiten, fast wagerechten Bänke hin
und hat, da die Überschiebung des Lausitzer Granits die oberen Lagen
stärker zersprengt hat, hier die Trümmer bis zum Niveau der jetzigen
Ebenheiten fortgespült, so daß nur einzelne Felsberge oder Felsmassen
stehen blieben. Sie stehen jetzt da als die Zeugen einer einstigen weit
höheren Ebenheit; die Tafelflächen der „Steine“ sind die geringen Reste
derselben.