vollendet wurde. Sie war eine Stiftung des Domherrn Konrad von Boritz,
der sich auch um die Kolonisation namhafte Verdienste erworben hat. Die
Kapelle gehört der Frühgotik an. Um dieselbe Zeit begann man mit dem
Dombau und führte ihn bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
fort. Der Meißener Dom ist das früheste Beispiel eines Hallenbaues
in den Elbgegenden. Der Chor entstand nach 1270, das Langhaus wurde
in der Zeit von 1312 bis 1342 aufgeführt. In ihm befinden sich die
Grabdenkmäler sächsischer Fürsten des fünfzehnten und sechzehnten
Jahrhunderts. Damals entstanden auch (nach Gurlitt) die Statuen, die
sich jetzt im Chor des Domes und in der Johanniskapelle befinden und
Kaiser Otto und seine Gemahlin Adelheid, den heiligen Donatus, Johannes
den Täufer u. a. darstellen. Gurlitt spricht dabei die Vermutung aus,
daß unter dem Namen des deutschen Kaisers und seiner Gemahlin der
prachtliebende Markgraf von Meißen, Heinrich der Erlauchte, selbst
dargestellt sei nebst seiner dritten Gemahlin Elisabeth von Maltitz;
denn Heinrich residierte in Meißen und war auch als Minnesänger bekannt
und geachtet. Der Tannhäuser nennt ihn „Heinrich den Mizenäre“ und
Walther von der Vogelweide kurzweg den „Mizenäre“ (Meißener).
[Illustration: Abb. 27. +Meißener Gefäße in Scharffeuerfarben.+
(Zu Seite 34.)]
[Illustration: Abb. 28. +Das Mädchen aus der Fremde.+
Erzeugnis der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen. (Zu Seite 34.)]
Die Fürstenburg neben dem Dom, die erst 1676 offiziell den Namen
Albrechtsburg erhielt, und jedenfalls eines der bedeutendsten
Fürstenschlösser jener Zeit war, wurde unter der gemeinschaftlichen
Regierung der beiden Brüder Ernst und Albrecht 1471 begonnen. Der
Schöpfer des Baues, der denselben auch noch zehn Jahre bis zu seinem
Tode leiten konnte, war der Baumeister Arnold aus Westfalen. Bei der
Trennung der Hofhaltung beider Brüder 1482 wählte Albrecht Stadt und
Schloß Torgau. Leider wurde die stolze Burg später, als die sächsischen
Fürsten längst ihren dauernden Sitz in Dresden aufgeschlagen hatten,
vernachlässigt und mußte über anderthalb Jahrhunderte die berühmte
Meißener Porzellanfabrik in sich aufnehmen, bis erst nach der Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts besondere Fabrikgebäude im Triebischtal
errichtet wurden und die Albrechtsburg in würdiger Weise wieder
hergestellt und mit Wandgemälden, die sich auf die Geschichte des
Fürstenhauses und die sächsischen Lande beziehen, geschmückt werden
konnte (Abb. 22). Diese Wiederherstellung der Albrechtsburg, die man
den frühesten deutschen Palastbau genannt hat, war 1881 vollendet,
nachdem die Porzellanfabrik schon 1864 daraus entfernt war.
Ein drittes Gebäude, das auf dem Höhenrande des Stadtgebietes
errichtet, neben Dom und Burg die Silhouette des Stadtbildes mit
bestimmt, ist die Fürstenschule, ein nüchterner, moderner Bau, der nur
praktischen Zwecken dient und auf künstlerische Wirkung verzichtet hat.
Ihre Gründung fällt in die Zeit Luthers, 1543. Ihre Bedeutung liegt
darin, daß sie seit mehr als 300 Jahren eine vorzügliche Pflanzstätte
humanistischer Bildung gewesen ist, aus der die bekanntesten
sächsischen Dichter des achtzehnten Jahrhunderts: Gellert, Rabener
und Lessing hervorgegangen sind. Dasjenige Erzeugnis aber, das den
Namen Meißen in alle Weltteile getragen hat, ist das Porzellan der
königlichen Fabrik (Abb. 23). Nachdem Johann Friedrich Böttger (gest.
1719) im Jahre 1707 das rote Steinzeug und 1709 das weiße Porzellan
erfunden hatte, wurde die Fabrik schon im nächsten Jahre, 1710, in
Meißen gegründet. Nach Berling (Das Meißener Porzellan, S. 27) wurde
erst seit 1710 die auf dem Grundstücke des Hammerschmiedes Schnorr
zu Aue im Vogtlande gegrabene Erde, die sogenannte Schnorrsche Erde,
in der Meißener Porzellanfabrik verwandt, doch bildete daneben der
weiße Ton von Colditz von Anfang an einen wesentlichen Bestandteil
der weißen Masse. Unter der glänzenden Regierung Augusts des Starken
wurde der damals herrschende Barockstil ganz besonders auch in den
künstlerischen Gebilden des Porzellans angewendet und neben dem Rokoko,
das sich ebenfalls für die zierlich koketten und bemalten Figürchen
aus Porzellan eignet, bis auf die Gegenwart mit Erfolg beibehalten
(Abb. 24-28). „Meißen hat dem Porzellan des achtzehnten Jahrhunderts
das künstlerische Gepräge gegeben. Leicht, anmutig, gefällig in der
Form, frisch, lebhaft, fröhlich in den Farben, so steht es vor uns.
Nicht die Mutter des Rokoko ist es, wie man oft sagt, sondern eines
seiner Kinder, allerdings das am reichsten entwickelte. -- Es hat sich
ein ganz besonderer Porzellanstil herausgebildet, der überwiegend von
Meißen getragen erscheint und dessen Geschichte in großen Zügen die
gesamte Entwickelung des Kunstgewerbes im achtzehnten Jahrhundert
wiederspiegelt.“ (Lehnert, Das Porzellan, Bd. V der Ill. Monographien,
S. 47.)
[Illustration: Abb. 29. +Der Große Markt in Meißen.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 34.)]
Die Stadt Meißen, die sich zu Füßen des Burgfelsens und der
anschließenden Höhen auf beschränktem Raume entwickelt hat (Abb.
29), zeigt in den krummen und ansteigenden Gassen und alten Häusern
noch viel Altertümliches (Abb. 30) und bietet dem Maler zahlreiche
Vorwürfe; namentlich aber ist die Gesamtansicht der Stadt von
hoher malerischer Wirkung und unzählige Male gezeichnet, radiert,
gemalt und photographiert. Daher denn auch die Stadt mit ihrer
reizenden landschaftlichen Umgebung für den Fremden eine besondere
Anziehungskraft besitzt und wohl unter allen kleineren Städten Sachsens
am meisten besucht wird (vgl. Abb. 10 u. 20).
[Illustration: Abb. 30. +Rote Stufen in Meißen.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 34.)]
[Sidenote: Dresden.]
[Sidenote: Gründung der Stadt Dresden.]
Dresden, eine Großstadt von nahezu einer halben Million Einwohner,
erscheint historisch an zweiter Stelle unter den Städten des
Talkessels, hat aber im Laufe des letztvergangenen Jahrhunderts
dermaßen die anderen überflügelt, daß gegenwärtig mehr als drei Viertel
aller Bewohner des Talkessels von Pirna bis Meißen hier vereinigt
leben. Und aus wie bescheidenen Verhältnissen ist sie erwachsen! Ein
kleiner slavischer Rundling auf dem rechten Ufer, Fischerhäuschen
auf der linken Seite des Stromes: das waren die Anfänge. Obwohl
die Lage auf dem rechten Ufer günstiger scheint, wurde doch die
deutsche Stadt Dresden auf dem linken Ufer errichtet (Abb. 31), das
wir bereits als das deutsche Ufer bezeichnet haben, und zwar neben
der slavischen Ansiedelung. Die Niederung der Elbaue war zum Teil
mit Sümpfen und Teichen erfüllt, zwischen denen eigentlich kaum
genügender Raum für eine Stadtanlage vorhanden war. Diese Sümpfe
oder Seen, wie der Städter sie nannte, gewährten aber andererseits
wieder dem Orte gegen unerwartete Überfälle und Angriffe Schutz. Jetzt
sind diese Lachen verschwunden, aber Lokalnamen in der Stadt, wie
Seestraße, Am See, Seevorstadt erinnern noch an die alten Zustände.
Daß hier ursprünglich nur Sumpfwald und Gebüsch bestanden haben kann
und daß danach die Slaven ihre Ansiedelung benannt haben, muß als
die natürlichste Erklärung des Stadtnamens gelten, der in der Form
_dresga_ Sumpfland und Gebüsch bedeutet, wonach dann die Bewohner
_dresjan_, d. h. Bewohner des Sumpfwaldes waren. Mit dieser
Erklärung ist die früher beliebte Deutung des Namens Dresden als Fähre,
Übergang über den Fluß (slavisch Trasi) gefallen. Aus der Entwickelung
der Stadt ergibt sich auch, daß der Begriff einer Fähre historisch
später zutreffend war, aber nicht von Anfang an paßte; abgesehen
davon, daß sprachliche Bedenken gegen die Ableitung von Trasi erhoben
sind. Aber die kleinen slavischen Siedelungen, die zum Burgwarde
Brießnitz gehörten, traten lange Jahre noch hinter diesem benachbarten
Dorfe derart zurück, daß auch in kirchlicher Beziehung Dresden von
Brießnitz abhängig war. Brießnitz war nicht bloß die zweitälteste
Kirche an der Elbe, sondern auch die Mutterkirche für Dresden. Die
Frauenkirche, die älteste Kirche im Dorf Dresden, war eine Filiale
von Brießnitz, und Dresden gehörte auch noch im ganzen Mittelalter
zum Kirchensprengel von Brießnitz. Da die Frauenkirche nun vermutlich
schon im elften Jahrhundert gegründet ist, so konnte sie nicht wohl in
dem wahrscheinlich größeren Dorfe Dresden am rechten Elbufer errichtet
werden, weil die Elbe noch bis ins zwölfte Jahrhundert die christliche
und die heidnische Uferseite des Stromes trennte. Dresden selbst wird
urkundlich zuerst 1206 genannt und zehn Jahre später, 1216, als Stadt
bezeichnet. So wird also die Gründung der Stadt in den Anfang des
dreizehnten Jahrhunderts fallen. Die markgräfliche Burg (Abb. 32) und
die Stadt lagen aber neben der slavischen Siedelung, die sich wohl um
die Frauenkirche scharte; denn auch die Frauenkirche lag außerhalb
der Stadt. Und wie nun sehr bald die Burg in Dresden sich in ihrer
Bedeutung rasch über die Burg Brießnitz erhob, gewann auch die neue
Stadt, die ihren Namen vom slavischen Nachbarorte entlehnt, bald das
Übergewicht über das Dorf und nahm schließlich die alten Ansiedelungen
auf beiden Seiten der Elbe in sich auf.
[Illustration: Abb. 31. +Dresden von der Bärbastei.+ 1820. Nach
dem Stich von L. Richter.
Aus: „Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der
nächsten Umgebung“. (Zu Seite 35.)]
[Sidenote: Die Elbbrücke.]
Wie bei vielen neuen Städten im slavischen Koloniallande, wurde auch
die Stadt Neudresden, wie sie im Gegensatze zum Dorfe Altdresden
genannt wurde, nach einfachem Grundplane angelegt. In der Mitte lag der
Marktplatz (Abb. 33), gleichsam das Herz der Stadt, der Mittelpunkt
des städtischen Lebens und Verkehrs, und eine Reihe Gassen, die
sich rechtwinkelig schnitten, berührten die Seiten des Marktes oder
liefen ihnen parallel. Die wichtigsten Gassen -- denn diesen besseren
Namen hatten die Straßen bis in die zweite Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts, wo von Norddeutschland her sich der auch sprachlich
unschöne Name Straße eindrängte -- waren die Elbgasse, die vom Markte
nach und über die Elbe führte und die seit dem sechzehnten Jahrhundert
Schloßgasse hieß, und die wilische Gasse, jetzt Wilsdruffer Straße.
Wie auch heute, war schon damals der Punkt am Markte, wo diese beiden
Gassen sich trafen, am meisten vom Verkehr belebt. Denn die wilische
Gasse führte über Wilsdruff nach Freiberg. Freiberg war älter als die
Stadt Dresden; und je mehr sich der Bergbau entwickelte, um so mehr
hob sich auch der Verkehr nach und von Dresden. Freiberg war aber im
ganzen Mittelalter bedeutender und volkreicher als Dresden. Dresden lag
nicht an der ältesten Verkehrsstraße, die von Merseburg und Leipzig her
durch das Flachland ostwärts führte und im Burgwart Boritz, südlich von
Riesa, den bequemsten Elbübergang fand, um weiter nach Polen zu ziehen.
Aber in dem ganzen Elbtalkessel hatte Dresden eine einzig günstige
Lage, um einen bequemen Übergang über den Strom zu gestatten. Sonst
traten, sei es am rechten oder linken Ufer, die steilen Bergabhänge
hemmend in den Weg, und nur allein bei Dresden senkte sich sowohl
vom Erzgebirge, als von dem Lausitzer Hochlande her das Gelände so
allmählich, daß auch Warenzüge die Schwierigkeiten der Talsenkung
leicht überwinden konnten. Als nun mit der Entwickelung des Bergbaues
das höhere Bergland rasch besiedelt wurde, mußte die Straße von
Freiberg den Elbübergang in Dresden suchen. Ihm diente in der Stadt die
wilische Gasse, aus der dann aber am Markte die Elbgasse rechtwinkelig
zum Strome abbog. Darin liegt die Erklärung, daß die Ecke am Altmarkt,
bei der heutigen Löwenapotheke, von jeher die verkehrsreichste Stelle
in der ganzen Stadt war.
[Illustration: Abb. 32. +Hof im Königl. Schlosse zu Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 36.)]
Nach dem erst in neuerer Zeit geschehenen Durchbruche der
König-Johannstraße vom Altmarkte nach dem Pirnaischen Platze (Abb.
34), ist auch dieser Platz durch den immermehr wachsenden Verkehr,
namentlich da sich die Vorstädte nach Südosten am meisten ausdehnen,
außerordentlich stark belebt und bietet eins der interessantesten
Verkehrsbilder der Stadt.
Die Elbbrücke bestand seit 1222, und zwar zunächst nur aus
Steinpfeilern mit Holzverbindung, ähnlich wie in Meißen. Ganz in der
Nähe lag die markgräfliche Burg in dem Stadtteil, der heute noch der
Taschenberg heißt. Mit dem Worte Tasche bezeichnete man den Abhang
zur Elbe. Die Burg beherrschte die Hauptverkehrslinie und den Zugang
zur Brücke. Entfernter lag, aber auch in der Nähe des Marktes, die
erste, dem heiligen Nikolaus, dem Patron der Schiffer und Fischer,
geweihte Nikolaikirche. Als der jugendliche Markgraf Heinrich der
Erlauchte (1221-1288) 1234 sich mit Constantia, der Tochter des Herzogs
Leopold von Österreich vermählte, brachte diese als besonders wertvoll
geachtete Reliquie ein Stück vom Kreuze Christi mit. Zur würdigen
Aufstellung wurde an die Kirche eine Kapelle angebaut, die man die
Kreuzkapelle nannte. Dieser Name verdrängte bald den Namen des heiligen
Nikolaus und dann hieß die Hauptkirche allgemein „Kreuzkirche“. Zur
Verehrung der Reliquie entstanden Wallfahrten. Die dadurch der Stadt
zufließenden Einnahmen sollten zur Erhaltung der Brücke verwandt
werden. Da nun der Wunsch, diese Brücke ganz aus Stein zu errichten,
bedeutende Mittel erforderte, so wurde, um diese zu beschaffen, 1319
von seiten der Kirche gestattet, allen Wallfahrern einen vierzigtägigen
Ablaß zu verheißen. Die dadurch erzielten Einnahmen flossen zunächst
dem Vermögen der Kirche zu, aber diese hatte die Verpflichtung,
für den Ausbau der Brückenbogen zu sorgen. So flossen Kirchen- und
Brückeneinnahmen zusammen und werden bis heute unter dem Namen
„Brückenamt“ verwaltet.
[Illustration: Abb. 33. +Der Altmarkt mit dem Rathause zu Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 36.)]
Die Häuser der Stadt waren anfänglich noch recht ärmlich und bestanden
aus Holz und Lehm mit Strohdach, später aus Fachwerk mit Schindeln.
Steinhäuser gab es noch wenig. Auf dem sumpfigen Boden waren die
ursprünglichen Fahrwege nur Knüppelwege mit Kiesaufschüttung, von denen
man deutliche Spuren noch 1898 beim Schleusenbau auf der Schloßstraße
aufgedeckt hat. Erst in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts (1558)
wurden die Straßen nivelliert und gepflastert.
Die Bürger waren ausschließlich Deutsche, doch durften auch Slaven in
einer besonderen, ihnen angewiesenen Gasse wohnen. Sie hieß daher die
windische Gasse, jetzt Galeriestraße. Da in der Stadt das Magdeburger
Recht galt, so hat man mit Recht daraus geschlossen, daß die Kolonisten
aus Niedersachsen stammten.
[Sidenote: Dresden wird Residenz.]
Es war für die junge Stadt von Bedeutung, daß Heinrich der Erlauchte
die letzten Jahre, von 1277-1288, beständig in Dresden residierte.
Bei seinem Tode, 1288, überwies seine Witwe die Güter Leubnitz und
Goppeln bei Dresden dem Kloster Altzelle, wo Heinrich auch seine
Grabstätte fand. Das Kloster erhielt damit auch das Recht, sich einen
Verbindungsweg zwischen Altzelle und Leubnitz zu schaffen, der, wenn
er auch gelegentlich durch ein Bauerngehöfte führte, Tag und Nacht dem
Verkehr offen gehalten werden mußte. Dieser Weg führte als Zellescher
Weg nahe an der Stadt vorbei und ist gegenwärtig, da sich Dresden
über diesen Weg hinaus ausgebreitet hat, noch in einem Straßennamen
erhalten. Nach Aufhebung des Klosters 1550 kam das Gut an Dresden.
[Sidenote: Schicksale der Stadt Dresden im Mittelalter.]
Nach Heinrichs Tode folgten lange unruhige Zeiten, bis Markgraf Wilhelm
I. seit 1387 seinen Sitz in Dresden nahm. Aber auch das fünfzehnte
Jahrhundert begann wieder durch die hussitische Bewegung mit neuen
Drangsalen für die Stadt, bis 1459 endgültig Friede geschlossen wurde.
Zwar hatte schon am Ende des dreizehnten Jahrhunderts die Stadt Dresden
Mauern besessen, 1299 werden sie zum erstenmal erwähnt; aber als man
nach der Niederlage der Sachsen bei Aussig 1426 einen neuen Einfall
der Böhmen fürchtete, schritt man eiligst zu einer Verstärkung der
Befestigung durch vorgeschobene Mauern an den gefährdetsten Stellen und
so entstand 1427 am Taschenberge der „Zwinger“, ein Name, der heute
noch die schönsten und eigenartigsten Bauwerke mit ihren weltberühmten
Kunstschätzen umfaßt.
Als dann 1429 Prokop mit den Hussiten vor Dresden erschien, fiel ihm
zwar der Ort rechts der Elbe, der als „Neustadt Dresden“ (Abb. 35.)
1403 Stadtrechte erhalten hatte, in die Hände, aber die Residenz der
Markgrafen, die feste Stadt an der linken Elbseite, nicht.
[Illustration: Abb. 34. +Pirnaischer Platz in Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 37.)]
Im Jahre 1465 schlugen die Söhne des Kurfürsten Friedrich II., Ernst
und Albert, ihren Sitz in Dresden auf; für die erweiterte Hofhaltung
mußte daher auch das Schloß vergrößert werden. Diesen Bau leitete von
1471-1474 Meister Arnold, der um dieselbe Zeit die Albrechtsburg in
Meißen baute. Bei dem 1485 abgeschlossenen Teilungsvertrag zwischen
den beiden fürstlichen Brüdern fiel Dresden dem jüngeren Bruder
Albrecht zu und verblieb seit jener Zeit ununterbrochen im Besitz der
Albertinischen Linie.
Albrecht selbst residierte zu selten in Dresden, um Einfluß auf die
Entwickelung der Stadt zu üben; aber die Stadt selbst gewann während
seiner Zeit -- leider durch ein großes Brandunglück, dem 1491 die
Hälfte aller Häuser zum Opfer fiel -- ein durchaus anderes Ansehen,
da beim Wiederaufbau alle Eckhäuser von Stein und Ziegeln gebaut
werden mußten und auch sonst den Bürgern, die sich verpflichteten,
feuersichere Wohnungen zu bauen, mancherlei Vergünstigungen zu teil
wurden. Noch in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts wird die
Bevölkerung auf nicht mehr als 6000 Seelen geschätzt. Einen neuen
Aufschwung gewann sie erst nach Albrechts Tode 1500, unter der
Regierung des Herzogs Georg (1500-1539).
[Illustration: Abb. 35. +Neustädter Markt in Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 39.)]
[Illustration: Abb. 36. +Großer Ballsaal im Königl. Schlosse zu
Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 40.)]
[Sidenote: Das Königliche Schloß.]
[Sidenote: Die Monumentalbauten des achtzehnten Jahrhunderts.]
[Sidenote: Der Zwinger.]
Es kamen auch in diesem Jahrhundert „geschwinde Zeiten, weil man sich
nicht wenig von den Türken und Wiedertäufern, je länger je mehr eines
Ein- und Ueberfalls und anderes Schadens befahren mußte“. Darum war die
nächste Sorge des Herzogs, neue festere Mauern um die Stadt mit Wall-
und Wassergräben zu bauen. Die fürstliche Wohnung wurde durch den Bau
des Georgenschlosses (Abb. 36, 37, 38) erweitert und 1534 das neue
Torhaus nach der Elbe durch Hans Dehne Rothfelser begonnen, ein auch
wegen seiner Skulpturen vielbewunderter Prachtbau. Leider wurde das
Georgenschloß mit seinem herrlichen Giebel 1701 zum Teil durch Feuer
zerstört. Kurfürst Moritz ließ dann 1547 das ältere enge und winkelige
Schloß abbrechen und erneuern. Die Stadt wurde dadurch erweitert, daß
die Frauenkirche samt ihrer Umgebung, die bis dahin außerhalb der
Mauern gelegen hatte, in die Stadt einbezogen und in den Mauerring
aufgenommen wurde. Damit wurde zugleich ein neuer Marktplatz gewonnen,
der im Gegensatz des früheren, nun Altmarkt genannten, der Neumarkt
hieß. Auch wurden die beiden bisher in der Verwaltung getrennten Städte
Altstadt und Neustadt um 1550 zu +einer+ Stadtgemeinde vereinigt.
Die beiden wichtigsten Stadttore, das Brückentor und das wilische
Tor wurden verstärkt, das Brückentor noch weiter hinausgerückt und
zählte dann zu den sieben Wunderwerken. Daß alle übrigen Tore nach
außen hin keineswegs die Bedeutung für den Verkehr hatten, als die
beiden genannten, wird recht ersichtlich daraus, daß man im Laufe des
sechzehnten Jahrhunderts, zuerst 1548 das nach Süden geöffnete Seetor
zumauerte, dafür mehr nach Südosten das Kreuz- oder Salomonistor
öffnete, aber auch dieses 1592 wieder vermauerte und im Osten der
Stadt das pirnische Tor dafür erbaute. Gegen das Gebirge zu war das
Bedürfnis für eine Verkehrsstraße, wie es scheint, nicht vorhanden,
eher in der Richtung flußaufwärts nach Pirna; aber als am Ende des
siebzehnten Jahrhunderts, 1678, der Große Garten (Abb. 39) angelegt
wurde, mußte auch der Weg nach Pirna sich einen unbequemen Umweg, zur
Ausbiegung vor dem Großen Garten gefallen lassen, gewiß ein Zeichen,
daß das öffentliche Interesse an der Erhaltung eines natürlichen
Straßenverlaufes nicht so mächtig war, als das private Interesse des
Fürsten: oder mit anderen Worten, der Verkehr Dresdens ging vielmehr
quer über die Elbe und die Elbbrücke, als im Elbtal entlang. Erst das
achtzehnte Jahrhundert wurde für den architektonischen Charakter der
Stadt und ihre kunstgeschichtliche Bedeutung maßgebend; und hier waren
es in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die beiden Fürsten August der
Starke (1696-1733) und Friedrich August II. (1733-1763), denen die
Stadt die hervorragendsten Bauwerke und die Pflege und Bereicherung
der unvergleichlichen Kunstschätze verdankt. Nach dem Schloßbrande
von 1701 beschloß August der Starke den Bau eines großen Königlichen
Schlosses, das in Größe des Entwurfes und Pracht der Ausführung mit den
Bauten in Versailles wetteifern sollte. Die Ausführung wurde Daniel
Pöppelmann (1662-1736) übertragen. Als geeignetster Bauplatz erschien
der Raum zwischen den Mauern des Zwingers, der bereits in einen Garten
umgewandelt worden war; aber die Schloßanlage sollte bis an die Elbe
reichen. Denn es handelte sich nicht bloß um einen Schloßbau, sondern
um eine Vereinigung von großen Speise-, Spiel- und Tanzsälen mit
Bädern, Grotten, Bogenstellungen, Lust- oder Spaziergängen, Baum- und
Säulenreihen, Gras- und Blumenbeeten, Wasserfällen und Lustplätzen,
auf denen alle Arten öffentlicher Ritterspiele, Gepränge und andere
Lustbarkeiten des Hofes abgehalten werden konnten. So begann man
mit dem ersten großen Vorhof und den ihn umgebenden Galerien und
Pavillons, ohne bei den ungeheuren Kosten bis zur Grundsteinlegung
des Schlosses selbst zu kommen. Aber auch so, in seiner unvollendeten
Gestalt, erregen die Gebäude des Zwingers (Abb. 40 u. 41), wie jetzt
die Schöpfung Pöppelmanns genannt wird, in der Leichtigkeit und
Kühnheit, mit der der Baumeister die phantastischen Formen des Barocks
beherrschte, die allgemeinste Bewunderung. Der Zwinger ist, nach
Steche, mit keinem Bauwerk der Welt vergleichbar, er überragt bei
weitem die französischen Bauten gleicher Zeit und gleicher Zwecke, er
ist das ganz individuelle Werk zweier sich ergänzender geistvoller
Männer, Friedrich Augusts I. und Pöppelmanns, und das Charakteristikum
einer ganz originalen sächsischen Kunst. Ganz besonders ragt das
nach der Ostra-Allee (Abb. 42 u. 43) führende Südtor empor, das
sich im Sinne eines römischen Triumphbogens aufbaut, aber in ein
Gemisch von Willkür und Haltung, von Ungezogenheit und Grazie sich
verliert. Jede ruhige Masse ist fast vermieden bei diesem aus Säulen,
Pilastern und Anten zusammengefügten luftigen Gloriettenbau mit seinen
vielen Figuren, Blumenkörben, Blumenvasen und seinem kioskartigen
Kronenabschluß.
[Illustration: Abb. 37. +Gobelinzimmer im Königl. Schlosse zu
Dresden.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 40.)]
Einen neuen Abschluß erhielt erst der nach der Elbe offengebliebene
Zwingerbau durch die Einfügung des in edlem Renaissancestil von
Gottfried Semper errichteten Prachtgebäudes für die Gemäldegalerie
(1846-1855). Alle Teile des Zwingerbaues dienen gegenwärtig der
Aufstellung naturwissenschaftlicher Sammlungen und inmitten des inneren
Zwingergartens erhebt sich das von Rietschel 1843 geschaffene, würdige
Denkmal Friedrich Augusts des Gerechten (1768-1827).
[Sidenote: Die Frauenkirche.]
Ein zweiter für die Stadt ebenso charakteristischer, aber ganz anderem
Kunstgeschmack huldigender Bau war die Frauenkirche (1726-1748, Abb.
44) von George Bähr (1666-1738). Bähr war nach H. Hettners Urteil der
einzige deutsche Baumeister des achtzehnten Jahrhunderts, der mit Ehren
neben dem großen Andreas Schlüter genannt werden kann. Als rings
um ihn, auch im Kirchenstil, entweder der verwildertste Barockstil
oder die kahlste Nüchternheit herrschte, war er es allein, der in die
gute italienische Renaissance zurückgriff und nach dem Muster der
Peterskirche einen Bau errichtete, der in seiner Haltung und Gliederung
so durchaus organisch aus sich herausgewachsen und in seinen Massen
und Maßen so kraftvoll und würdevoll ist, daß kein zweiter deutscher
Kirchenbau des gesamten Jahrhunderts an Mächtigkeit des Eindrucks auch
nur entfernt ihm gleichkommt.