günstige Talbecken eingezogen, und zwar erst, wie seine im Boden
hinterlassenen Spuren an Waffen und Geräten zeigen, in der
jüngeren Steinzeit, in der Zeit der durchbohrten und geschliffenen
Steinwerkzeuge; denn in der älteren Steinzeit, die sich nur roher
Steingeräte bediente, deckte noch der starre Mantel skandinavischer
Eisströme das Land bis in das Sandsteingebirge und bis auf die
Vorhöhen des Erzgebirges. Aber man hat auch südlich von der Grenze
des nordischen Eises, das überall seine Spuren durch Moränen und
Geschiebelehm zurückgelassen hat, keine Steingeräte oder Tonscherben
gefunden, die uns das Vorhandensein von Menschen verrieten.
[Illustration: Abb. 18. +Jagdschloß Moritzburg.+
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachf. R. Tamme in Dresden.
(Zu Seite 20.)]
[Sidenote: Die älteste Bevölkerung.]
Die erste Besiedelung des flacheren Landes in Sachsen erfolgte von
Westen, von Thüringen her; die Spuren dieser ältesten Bewohner
sind nachgewiesen bei Leipzig, im Elbtal, besonders nördlich von
Dresden, und um Bautzen an der Spree. Eine spätere, aber auch noch
vorgeschichtliche Einwanderung scheint von Böhmen her ebenfalls das
Elbtal von Pirna bis Riesa besetzt zu haben. Dann folgt die Bronzezeit.
Gräberfelder aus diesem Zeitalter sind zahlreich über den ganzen
Norden von Sachsen, über die Ebene und das Hügelland verbreitet. Die
Bevölkerung erscheint bereits seßhaft zu sein; aber es haben sich
doch aus dieser Zeit nur wenige Ansiedelungen nachweisen lassen, so
bei Dresden[1] und überraschenderweise auf dem Pfaffenstein in der
Sächsischen Schweiz. Die Herdstellen unterscheiden sich in der äußeren
Form noch nicht von denen der Steinzeit. Und wenn nun gar in der Nähe
von Dresden an hundert Feuerstätten nahe beieinander aufgedeckt sind,
dann kann eine solche Ansiedelung schon als Dorf bezeichnet werden.
Auch Eisen ist neben der Bronze bei diesen Urbewohnern gefunden. Daß
die Römerzeit für Sachsen spurlos vorübergegangen ist, erklärt sich
aus seiner Lage, die sich eben so fern von der Westgrenze Germaniens
am Rhein, als von der Südgrenze an der Donau befand. Auch scheinen die
Handelswege, die von der Donau her die Bernsteinküsten an der Ostsee
aufsuchten, unser Land, das im Rücken des unwegsamen Erzgebirges lag,
nicht berührt zu haben. Daher sind in Sachsen bis jetzt noch keine
Funde von römischen Münzen gemacht, die auf einen solchen Verkehr
hinweisen könnten. Und wenn römische Geschichtsschreiber doch eine
allgemeine Kenntnis von den geographischen Verhältnissen Sachsens
scheinen gehabt zu haben, insofern sie von der Elbquelle und dem
Oberlaufe des Stromes Mitteilungen machen, so liegt doch die Vermutung
nahe, die Römer hätten die Saale für den oberen Elblauf gehalten und
danach ihre Beschreibung verfaßt. Wir wissen aus dieser Zeit nur, daß
die deutschen Stämme der Hermunduren und Semnonen im Lande wohnten
und zwar so, daß die Elbe etwa die beiden Volksstämme voneinander
schied. Doch wird ein großer Teil dieser Bewohner in der Zeit der
Völkerwanderung das Land wieder verlassen haben.
[Illustration: Abb. 19. +Partie aus Brießnitz.+
Nach dem Stich von Peschek. (Zu Seite 26.)]
[Sidenote: Die Wenden.]
Im sechsten Jahrhundert erschienen dann, wahrscheinlich im Gefolge der
Awaren, die Slaven, Wenden, die sich in kleinen Dörfern, sogenannten
Rundlingen, oder auch in Straßendörfern ansiedelten. Die erste Form der
Ortschaften zeigt uns die Häuser in Kreisform geordnet, mit den Giebeln
nach dem inneren Dorfplatz gekehrt, der, da nur ein Weg von außen
hineinführt, wohl geeignet ist, das Vieh der Gemeinde für die Nacht
in sicheren Schutz zu nehmen. Man hat aus dieser Dorfanlage mit Recht
geschlossen, daß die Bewohner vor allem Viehzucht getrieben haben. Die
zweite Form der Dörfer stellt die Häuser in zwei parallele Reihen,
zwischen denen die Straße entlang geht; daher der Name Straßendorf.
-- Die Wenden erscheinen uns aber keineswegs als Träger einer höheren
Kultur, wie eine voreingenommene Geschichtsschreibung sie bezeichnet
hat. Sie besaßen noch wenig Metalle, brauchten mehr Werkzeuge von
Knochen, Horn und Holz. Nur in der Töpferei zeigt sich ein wesentlicher
Fortschritt durch die allgemeine Anwendung der Drehscheibe.
Der Burgwall in Koschütz über dem Plauischen Grunde ist als zu einer
slavischen Ansiedelung gehörig erkannt worden. Im allgemeinen nahmen
die Wenden dieselben Gebiete in Sachsen ein wie vor ihnen die Germanen,
das heißt, sie besetzten nur das Flachland und die offenen Flußtäler,
ließen aber das höhere Bergland mit seinem schwereren Boden meist
unaufgebrochen. Am meisten nach Süden drangen sie im Elbtale vor,
aber auch hier nur bis nach Pirna. Es waren also immer wieder nur
die schon in der Steinzeit besiedelten Gegenden, die von den neuen
Ankömmlingen besetzt wurden. Die ersten Spuren eines in weitere Ferne
gehenden Handels und Verkehrs sind in den Funden arabischer Münzen des
zehnten Jahrhunderts aus den innerasiatischen Münzstätten von Bochara
und Samarkand zu erblicken. Aber solche Funde sind nur in der Lausitz
gemacht; indes wissen wir doch, daß arabische Kaufleute um dieselbe
Zeit Deutschland durchzogen haben und elbaufwärts auch in Böhmen
eingedrungen sind.
Von den Wenden ist auch Dresden gegründet; und da die Slaven von
Osten her kamen, lag ihre älteste Ansiedelung Dresden auf dem rechten
Elbufer, in der heutigen Neustadt. In der alten Gestalt des Neustädter
Marktes nahe der Augustusbrücke will man noch den Rundling der ältesten
Dorfanlage erkennen. Von hier sind die neuen Ansiedler dann auf das
gegenüberliegende Ufer, die Altstädter Seite, hinübergegangen, haben
aber hier sich nur als Fischer ansässig gemacht, legten daher nicht ein
Dorf nach der Gestalt des Rundlings an, sondern wohnten in einer Reihe
von Häusern am Flußufer, „an der Elbe“, der heutigen Terrasse und in
der Fischergasse.
Der Ackerbau der Slaven war (nach O. Schulze) eine Art wilder
Feldgraswirtschaft, womit eine halbnomadische Weidewirtschaft verbunden
war. Der hölzerne Hakenpflug vermochte nur den leichten Alluvialboden
oder den Heidesand umzubrechen. Nach wenigen Ernten wurde das Feld
wieder verlassen. Wo sich Rundlinge erhalten haben, überwog jedenfalls
die Viehzucht. Erst als die Deutschen mit dem Eisenpfluge erschienen,
konnte auch der schwerere Löß- und Lehmboden des Berglandes urbar
gemacht werden. Daher finden wir auch jetzt noch in den Tälern und im
Flachlande slavische Ortsnamen, im Hoch- und Berglande dagegen deutsche.
Aber es wäre irrig, aus der Verbreitung slavischer Ortsnamen immer
bestimmt auf altslavischen Anbau schließen zu können. Die slavische
Benennung im allgemeinen ist nach Schulzes Ansicht gar kein Beweis
dafür, daß wir es mit einem ursprünglich von Sorben oder Wenden
angelegten Ort zu tun haben. Die leidige Vorliebe der Deutschen für
alles Fremdländische war anscheinend schon den Kolonisten des zwölften
und dreizehnten Jahrhunderts eigen. Nicht nur behielten sie den
wendischen Namen der Ortschaften, aus denen die sorbischen Bewohner
vor ihnen wichen, sondern auch von ihnen selbst gegründeten neuen
Siedelungen gaben sie oft genug der fremden Sprache entlehnte Namen. So
928 Misni (Meißen), ferner Albertitz, Berntitz, Rampoltitz oder Rampitz
auf dem Boden von Altstadt Dresden. Der Name der Rampischen Straße
erinnert noch an den Ortsnamen. Conradesdorf ist um 1190 von einem
deutschen Ritter angelegt und erscheint schon um 1206 als Conratiz.
Es muß daher auffallen, wenn wir unter den zahlreichen Ortschaften im
Dresdener Talkessel nur drei deutsche Ortsnamen: Niederau, Zaschendorf
und Naundorf finden, von denen Naundorf urkundlich am frühesten, schon
im zehnten Jahrhundert genannt wird und sicher damals ein neues Dorf,
eine neue Dorfanlage war, wie der Name aussagt. Aber nach Schulzes
Forschungen sind viele Dörfer mit slavischem Namen auch in der Ebene
erst zur Zeit der deutschen Herrschaft nachweisbar und von deutschen
Herren angelegt. Nur die Ortsnamen mit patronymer Bildung, in denen
also ein Personenname steckt, sind entschieden slavischer Gründung
und geben über die ältesten sorbischen Anlagen Auskunft. Aber ihre
Erklärung ist deshalb oft schwierig, weil ein Name mehrere Deutungen
zuläßt.
[Illustration: Abb. 20. +Meißen.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 31.)]
[Illustration: Abb. 21. +Der Dom und die Albrechtsburg in Meißen.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 32.)]
Dazu kommt ferner noch die eigentümliche Erscheinung, daß die deutschen
Rittergeschlechter fast durchweg die Namen der Sorbenorte annahmen,
in denen sie saßen, als mit dem Ende des zwölften Jahrhunderts die
Familiennamen aufkamen. Dahin gehören die Namen Carlowitz, Könneritz,
Minckwitz, Nostitz, Planitz, Seydlitz, Seydewitz, Wallwitz und
Zezschwitz.
[Sidenote: Die Deutschen.]
Die Deutschen kamen erst im zehnten Jahrhundert wieder an die Elbe, um
ihren herrschenden Einfluß bis zu dem Strome auszudehnen. Als Heinrich
I. 928 den Grund zur Burg Meißen legte, handelte es sich noch nicht um
die Ausdehnung des Reiches bis dahin, sondern nur darum, die Slaven
tributpflichtig zu machen. Das sollte dadurch erreicht werden, daß
am hohen Rande des westlichen Elbufers an geeigneten Plätzen Burgen
errichtet wurden, die eine Reihe von Militärposten darstellten, und
die zu gleicher Zeit der Mittelpunkt und Hauptplatz eines besonderen,
Burgward genannten Distrikts waren, der eine militärische Verfassung
erhielt. Solche Burgwarde waren für den Elbtalkessel Meißen, Woz, das
man fälschlich in Weistropp gesucht hat, wo sich kein geeigneter Platz
findet, Brießnitz (Abb. 19), Pesterwitz und Dohna. Kriegserprobten
Männern waren die Burgen anvertraut, die Deutschen fanden sich nur in
den Burgen, deutsche Ansiedler wurden noch nicht herangezogen, auch
lag es anfänglich noch nicht in der Absicht des Königs, die Wenden dem
Christentum zuzuführen. Die deutsche Reichsgrenze blieb einstweilen
noch an der Saale.
[Sidenote: Die deutschen Ansiedelungen im Mittelalter.]
Die Verhältnisse erfuhren zunächst eine Änderung unter Kaiser Otto I.
Die Slaven wurden unterworfen, das Gebiet östlich der Saale in die
drei Marken Merseburg, Zeitz und Meißen geteilt und 968 das Bistum in
Meißen begründet, um die Christianisierung des Landes durchzuführen.
Die Ritter, die zur Verteidigung des Landes herangezogen wurden, kamen
meistens aus Thüringen und Franken. Bauern kamen auch jetzt noch nicht
und konnten auch nicht die Urbarmachung des Bodens in Angriff nehmen,
solange der Besitz des Gebietes noch von böhmischen und polnischen
Fürsten bestritten wurde, solange das Land von unaufhörlichen Kriegen
verheert und das Volk zu Tausenden in die Sklaverei geschleppt
wurde. Also auch im elften Jahrhundert konnte noch nicht an eine
Germanisierung gedacht werden. Es soll nur daran erinnert werden, daß
983 Meißen für die Deutschen verloren ging, aber 987 wieder gewonnen
wurde. Im Jahre 1002 ging die Meißener „Wasserburg“, die am Fuße der
Albrechtsburg gelegen haben soll, von neuem verloren, der Ort selbst
wurde 1015 verbrannt, aber 1029 von Konrad II. wieder erobert. Endlich
erschien 1075 noch ein feindliches böhmisches Heer im Lande. Erst
als 1089 die Mark Meißen an den Wettiner Heinrich von Eilenburg,
den Stammherrn des sächsischen Königshauses, kam, gewann das Land
allmählich seine Ruhe wieder. Zwar besaß anfänglich, schon seit 1086,
Wiprecht von Groitzsch, der Schwiegersohn des Herzogs Wratislaw von
Böhmen, den Gau Nisani, in dem Dresden lag, aber auch dieser südlich
von der Mark gelegene Gau fiel 1143 an das Haus Wettin. Wiprecht
von Groitzsch hatte aber das Verdienst, zuerst in größerem Stil die
deutsche Kolonisation befördert und deutsche Bauern von Thüringen und
Franken ins Land gerufen zu haben. Ihm schreibt der Chronist auch die
Verordnung zu, daß er den Einwanderern, die im Berg- und Hügellande
Land angewiesen erhielten und es in fränkischen Hufen austeilten,
gestattete, ihr Dorf nach ihrem Führer oder Schulzen zu benennen, daher
wir in der Umgebung des Elbtales bis in die Sächsische Schweiz hinein
so häufig Namen begegnen wie Kunnersdorf, Hermsdorf, Dittersbach,
Seifersdorf, Rennersdorf u. a., die also nach Konrad, Hermann,
Dietrich, Siegfried oder Reinhard benannt worden waren. Doch fand die
Ansiedelung zunächst an der Elbe ihre Ostgrenze. Und so bildete der
Strom noch bis ins zwölfte Jahrhundert auch die Grenze zwischen den
christlichen Deutschen und den heidnischen Slaven.
Die deutschen Bauern kamen, wie die Ritter, vorwiegend aus Franken
und Thüringen, einzelne Gruppen auch aus Niedersachsen oder wurden
aus den Niederlanden gerufen. Diese, die Vlaemen, sollten vor allem
die sumpfigen Niederungen entwässern und urbar machen. Sie teilen
die Dorfflur, abweichend im Größenmaß, in vlaemische Hufen. Die viel
häufiger angewandten fränkischen oder Königshufen, auch Waldhufen
genannt, umfaßten in der Regel 47-50 _ha._
[Illustration: Abb. 22. +Die große Appellationsstube in der
Albrechtsburg zu Meißen.+ (Zu Seite 33.)]
So hat man z. B. an der Gliederung der Dorfflur erkannt, daß das Dorf
Biela bei Dresden (in seiner offiziellen schlechten Schreibweise
Bühlau genannt) von Vlaemen angelegt ist. Die Dorfgemeinde teilte
die ihr zugewiesene Flur nach der Zahl der Hofstellen oder Familien
in gleichwertige Hufen, die sich von den in der Regel an einem Bach
gelegenen Bauernstellen als lange Feldstreifen auf die Höhen bis zur
Grenze hinzogen. Aus jedem Gehöfte führte dann ein Feldweg die ganze
Hufe entlang. So viele Höfe, so viele fast parallel laufende Feldwege,
die auf den Spezialkarten eingetragen, sofort die Einteilung der
Dorfflur erkennen lassen. Eine zweite Art der Einteilung, die man
besonders im Elbtal fast allgemein vertreten findet, sondert zunächst
die Gemeindeflur in größere Stücke gleichartigen und gleichwertigen
Bodens und teilte diese einzelnen Stücke wieder nach Anzahl der
Hofstellen in gleiche Streifen. Dann war die Aufteilung in Gewannen
erfolgt. Der Bauer besaß nicht einen einzigen zusammenhängenden
Landstreifen, sondern mehrere kleine Streifen in verschiedenen
Abteilungen der Gemeindeflur, die wohl auch bald besondere Namen
erhielten. Ein Teil der Flur wurde aber nicht aufgeteilt, sondern blieb
Gemeindeland als Weide oder Wald zu gemeinsamer Ausnutzung.
[Illustration: Abb. 23. +Die Königl. Porzellan-Manufaktur in
Meißen.+
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 34.)]
[Sidenote: Deutsche Ansiedelung und Germanisierung.]
Um die Ansiedelung des bisher unbebauten Landes machten sich nicht bloß
Fürsten und Herren, sondern auch die Geistlichen, in unseren Gebieten
ganz besonders das Domkapitel von Meißen, sehr verdient. Daneben aber
auch die Cisterzienser, die nach ihrer Ordensregel besonders auf den
Feldbau angewiesen waren. Das erste Cisterzienserkloster in Altzelle
wurde 1162 vom Markgrafen Otto gegründet und die Mönche, die von
Walkenried am Harz kamen, erhielten am Rande des bis dahin noch fast
unbewohnten Waldes südlich von Nossen 800 Hufen Landes angewiesen, ein
beträchtlicher Besitz, der aber erst für den Anbau gewonnen werden
mußte. Dieser Besitz erstreckte sich südwärts bis über Freiberg hinaus,
und hier wurde höchst wahrscheinlich, wenn auch nicht urkundlich zu
belegen, durch die Mönche selbst der erste Silberfund gemacht. Denn da
das Mutterkloster in Walkenried als wichtigen Teil seiner Einkünfte
einen Anteil vom Ertrage des Silberbergbaues im Rammelsberge bei
Goslar besaß, so verstanden die Mönche etwas vom Bergbau und kannten
die Gesteine, in denen Silberadern vorkommen können. Das führte denn
zur Entdeckung des Silbers bei Freiberg. Dadurch gewann der bis dahin
gemiedene Urwald des Erzgebirges eine besondere Anziehungskraft und
förderte wesentlich die Besiedelung auch der höheren Bergstriche. Es
sind diese Verhältnisse hier kurz berührt, wenn sie auch scheinbar
nicht in den Rahmen unseres landschaftlichen Gebietes fallen, weil, wie
wir später sehen werden, ohne die rasche Blüte des Freiberger Bergbaues
die Entwickelung Dresdens zur Hauptstadt des Elbtales und weiterhin zur
Hauptstadt des ganzen Landes nicht denkbar wäre.
[Illustration: Abb. 24. +Drehen, Formen und Gießen in der Königl.
Porzellan-Manufaktur zu Meißen.+
(Zu Seite 34.)]
[Sidenote: Die obersächsische Mundart.]
[Sidenote: Das oberfränkische Bauernhaus.]
Die Besiedelung des flacheren Landes und des niedrigen Berglandes war
am Ende des dreizehnten Jahrhunderts durchgeführt. Damit verschwanden
die Slaven links von der Elbe und im Elbtal, ohne daß eine gewaltsame
Vertreibung stattgefunden hätte. Auch die Sprache erlosch allmählich,
und 1424 wurde der Gebrauch der wendischen Sprache vor Gericht im
Meißenerlande verboten. Dazu trug namentlich auch die Abneigung der
Deutschen bei, mit den Unterworfenen, den Hörigen, jedenfalls sozial
Niedrigerstehenden irgend welche Verbindung einzugehen. Wo sie in den
Städten aufgenommen wurden, mußten sie in besonderen Gassen wohnen.
Man findet daher oft und westwärts sogar bis zum Harz in den deutschen
Städten die Benennung „windische Gasse“. Die Zünfte nahmen keinen
Wenden auf und noch bis ins achtzehnte Jahrhundert wurde wohl bei
Ausstellung eines Lehrbriefes dem jungen Manne bezeugt, ehe er seine
Wanderschaft antrat, daß er aus einer deutschen Familie und nicht aus
slavischer Wurzel stamme. So breitete sich also auch im Elbgelände
wiederum die deutsche Sprache aus, nachdem der slavische Laut über 500
Jahre allein geherrscht hatte. Es entwickelte sich die obersächsische
Mundart, die aber eine ziemliche Anzahl slavischer Ausdrücke aufnahm
und auch bis heute im Volksmunde bewahrt hat. Wie die Ansiedler aus
Franken und Thüringen kamen, so ist auch das fränkische Wohnhaus im
ganzen Lande verbreitet. Es hat im Gegensatz zum niedersächsischen
Bauernhause ein Obergeschoß; Viehstall und Wohnhaus sind nicht unter
einem Strohdache. Wohnhaus und Kuhstall stehen vielmehr rechtwinklig
zur Straße und sind gegen die Straße durch eine Mauer, die den Hof
abschließt, verbunden. Durch diese Mauer führen das oft hochgewölbte
Einfahrtstor und die bescheidenere Pforte für die Fußgänger. Nach
hinten schließt die Scheune den Hofraum ab. Auf der dem Hof zugekehrten
Langseite des Wohnhauses lief sonst im Obergeschoß ein Laubengang
entlang, der aber in neuerer Zeit schon vielfach verschwunden ist. In
den Dörfern des Elbtales findet sich noch die Eigentümlichkeit, daß die
Hofmauer nach der Straßenseite über die Giebelfront des Wohnhauses in
die Straße hineingerückt ist, so z. B. in Radebeul und Kötzschenbroda;
vielleicht geschah es, um das Weinspalier nicht unmittelbar an der
Straße pflanzen zu müssen, sondern durch einen Zaun schützen zu können.
In dem sehr charakteristischen Rundling von Radebeul ist so fast
der ganze innere Dorfplatz von den vor den Häusergiebeln liegenden
Weingärten eingenommen, so daß nur schmale Fußwege vom Platz zwischen
diesen Weinpflanzungen zu den Häusern führen.
[Illustration: Abb. 25. +Malersaal der Königl. Porzellan-Manufaktur
zu Meißen.+ (Zu Seite 34.)]
[1] Auf dem Boden der Stadt, in Blasewitz, Strehlen und Übigau;
dann bei Löbtau, Brießnitz und Stetzsch.
IV.
Die Städte.
[Sidenote: Die Städte des Elbtales.]
Da erst die Deutschen als Städtegründer auftraten, so wird es ganz
erklärlich, daß die drei Städte des Elbtalkessels: Meißen, Dresden und
Pirna sämtlich auf dem linken Elbufer angelegt sind, die wir seit Otto
dem Großen als die deutsche Seite bezeichnen können. Alle drei Städte
liegen außerdem in der Nähe der Mündung größerer Zuflüsse der Elbe,
nämlich der Triebisch, Weißeritz und Gottleuba, aber diese Zuflüsse
mündeten ursprünglich nicht in, sondern neben den Städten. Ferner
liegen die Städte auffällig symmetrisch: Dresden in der Mitte des
Elbtales, Pirna am Eintritt der Elbe in dies Tal, Meißen am Austritt
des Stromes; Pirna und Meißen als die Wächter des Stromes mit festen
Burgen auf felsiger Höhe, Dresden dagegen ganz im Tal, in der Elbaue.
Als wichtige Übergangsstellen über die Elbe liegt jeder der Städte auf
dem rechten Stromufer ein Vorort oder eine Vorstadt gegenüber. Vor
Meißen Cölln, vor Altstadt Dresden die Neustadt, vor Pirna Kopitz. Aber
die Bedeutung der drei Städte ist im Laufe der Jahrhunderte bedeutend
verschoben. Die älteste Stadt, nach der das ganze Land lange benannt
worden ist, nimmt gegenwärtig, der Volkszahl nach, nur den zweiten
Rang ein, und die Stadt Dresden, die ursprünglich neben unbedeutenden
Fischerhütten gegründet wurde, hat sich, durch ihre natürliche Lage und
durch Fürstengunst gehoben, zur Großstadt und Residenz des Königreichs
aufgeschwungen und zählt zu den volkreichsten Städten des Deutschen
Reiches.
Da die Deutschen von Nordwesten her an der Elbe aufwärts gedrungen
sind, so würde es der geographischen Lage entsprechen, wenn Meißen
zuerst und Pirna zuletzt als Stadt gegründet wäre. Leider ist das
Gründungsjahr, abgesehen von der Burganlage in Meißen, nicht bekannt;
aber urkundlich werden die Städte ihrer Reihenfolge nach so genannt,
wie sie liegen und zwar Dresden zuerst als Stadt 1206 und Pirna 1233.
Wir folgen bei unserer Betrachtung dieser Anordnung und beginnen mit
Meißen (Abb. 20).
Daß König Heinrich I. auf einer, von Bäumen bestandenen Höhe an der
Elbe den Grund zu einer Burg 928 gelegt habe, wird von dem Bischof
Thietmar von Merseburg bezeugt. Wenn daneben in den frühesten
Nachrichten eine Wasserburg erwähnt wird, die unterhalb des Rundturmes
an der Ostecke des Burgkomplexes gelegen haben soll, so muß diese
Angabe so lange zweifelhaft erscheinen, als sich von einer solchen Burg
nicht die geringsten Spuren haben nachweisen lassen. Jedenfalls ist
diese Mitteilung für die weitere Geschichte und Entwickelung der Stadt
völlig bedeutungslos. Wie dann unter der Regierung Ottos des Großen
von deutscher Seite die ernstesten Anstrengungen gemacht wurden, alles
Land zwischen Saale und Elbe dem Deutschen Reiche einzuverleiben und zu
behaupten, trotz der wechselnden Schicksale langdauernder Kriege und
Unruhen, das ist bereits oben (S. 26 u. 27) mit Zeitangaben kurz belegt.
[Illustration: Abb. 26. +Porzellanbrennofen der Königl.
Porzellan-Manufaktur zu Meißen.+ (Zu Seite 34.)]
Für die Stadtentwickelung war es wohl von größerer Bedeutung, daß sie
Bischofssitz wurde, als daß die Markgrafen zeitweilig bis zum Ende des
elften Jahrhunderts hier ihren Sitz hatten, denn in dieser frühen Zeit
war der Ort noch nicht im vollkommen sicheren Besitz der Deutschen.
Doch soll schon in dieser Zeit, um 1025, die Elbbrücke angelegt sein,
zunächst als Holzbrücke auf Steinpfeilern, denn es handelte sich darum,
von der wichtigsten Burg an der Elbe auch einen dauernden Einfluß auf
das überelbische Land im Osten zu gewinnen. Wenn gegenwärtig Dom und
Burg das Stadtbild vor allem bestimmen, so wird nach oben erwähntem
bischöflichem Einfluß auch der Dombau zuerst in Angriff genommen sein
(Abb. 21).
[Sidenote: Meißen.]