„Ruhe, Frau Eva, Ruhe -- _ihm_ ist nichts geschehen. Jetzt endlich wird
er heimkommen.“
Sanft legte er den Arm um die Wankende. Aber sie stieß ihn ungestüm
zurück. „Jetzt, Kolben? Jetzt? Nein! Nein! Das erträgt er nicht! Doktor
... er verzweifelt ja! Wir müssen hin! Doktor ... wir kommen ja schon
zu spät ...“
Kolben hielt ihr die zitternden Hände fest. „Seien Sie vernünftig, Frau
Eva, ich hab’ Ihnen schon gesagt: Jetzt endlich wird er heimkommen.
Vielleicht ist er schon auf dem Weg ...“
Da schaute sie ihn mit einem wilden Blick an und rief: „Vielleicht!
Vielleicht auch nicht! Bringt Sie denn nichts aus Ihrem Gleichmut? Und
Sie wollen sein Freund sein? Schämen Sie sich! Wissen Sie denn ... ob
er -- überhaupt noch lebt?“
Und ganz ruhig, ganz bescheiden antwortete der Doktor darauf: „Gewiß,
Frau Eva ... Er ist ja schon heimgekommen.“
Er öffnete die Tür. Hellwig stand unter der Schwelle. Und während
Kolben mit zuckendem Gesicht, -- nun er allein war, brauchte er nichts
mehr zu verbergen, -- während Kolben über die Treppe hinabeilte, warf
sich Eva stürmisch an die Brust ihres Mannes.
„Fritz!“ flüsterte sie in heißer Freude. „Fritz!“
„Eva!“ Das klang rauh und war wie ein Schrei.
Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn. „Nun bist du wiedergekommen!
Nun bist du endlich wiedergekommen!“ sagte sie und wiederholte es
immerfort, langte nach seinen Wangen und streichelte sie und schaute
ihn mit strahlenden Augen an und hatte alles Leid vergessen. „Blaß und
schmal bist du geworden! Wo sind deine roten Backen hin? Bist du müde?
Komm, setz’ dich, mach’ dir’s bequem, ruh’ dich aus ...“
Und er hielt sie fest an sich gepreßt und legte ihren Kopf an seine
Brust und schaute auf ihren blonden Scheitel und biß die Zähne
zusammen, um nicht aufzuschluchzen. Alles Unrecht, das er ihr angetan,
stand mit einem Male, nun er die Sanfte, Geduldige, Frohe wiedersah,
riesengroß vor ihm auf, und er fühlte sich elend und schlecht und aller
Liebe unwert.
Aus dem Vorzimmer klang das Getrappel von Kinderfüßen und Geplapper.
Der kleine Hansl kam vom Spaziergang heim. Und dann ging die Tür auf,
sprang der Bub über die Schwelle, auf die Mutter zu. Da sah er den
großen fremden Mann, wurde kleinlaut und wagte sich nicht weiter. Eva
ergriff seine Hand. „Hansl!“ sagte sie mühsam heiter. „Hansl, komm zu
Vaterl!“
Halb scheu, halb zutraulich trippelte der Bub heran.
„Vaterle ...?“ fragte er furchtsam.
„So trau’ dich doch, Hansl! Na?“ Und um ihm die oft vorgesprochenen
Worte ins Gedächtnis zu rufen, begann sie: „Grüß’ -- Gott --“ Da
stellte sich das Kerlchen stramm vor den großen Vater hin und sagte
hell und herzhaft: „Grüß’ Gott, Vaterle, und hab’ mich lieb. Hab’ auch
Mutterl lieb und bleib’ bei uns!“
Wortlos, in tiefster Bewegung, hob Fritz seinen Sohn zu sich hinauf und
küßte ihn.
„So!“ rief Eva. „Jetzt komm, Hansl, wir wollen Vaterl was zu essen
holen!“
Und rasch führte sie den Buben aus der Stube. Er durfte seinen Vater
nicht länger in solcher Erregung sehen.
2.
Ein Tag nach dem andern ging vorüber und Hellwigs düstere Miene wollte
sich nicht aufhellen. Sein Inneres war wie ausgebrannt, wüst, nackt und
leer. Alle Quellen waren versiegt, alle Hoffnungen verdorrt. Was er für
sein Lebenswerk gehalten, lag in Trümmern. Da schämte er sich vor sich
selbst, vor seinem Weibe, vor den Menschen.
Führer hatte er ihnen sein wollen, Pfadfinder, Heilbringer -- und
war nichts gewesen als was so viele andere auch: ein Irrlehrer und
dünkelhafter Maulheld, der da glaubte, den Menschen die Wahrheit
schenken zu können. Jeder andere durfte mit gleichem Recht das gleiche
behaupten. Die Wahrheit hatte ja doch keiner, konnte keiner haben,
weil es im ständigen Fluß der Entwicklung einfach keine Wahrheit gab.
Keine Wahrheit wenigstens, die zu allen Zeiten Wahrheit bleiben muß.
Wer am Ufer steht oder im Strome treibt, weiß vielleicht, daß die
Strombahn in diesem Augenblick von Westen nach Osten zieht. Aber ob
sie sich tausend Meter weiter unten nicht nach Süden wendet oder nach
Norden oder im Bogen zurück nach Westen, das weiß er erst, bis er’s
mit eigenen Augen sieht. Doch so wahr der Strom ein paar Meter weit
nach Osten fließt, so wahr fließt er auch ein paar Meter weiter unten
nach Süden. Wer aber wäre vermessen genug, zu behaupten: Tausend Meter
abwärts _muß_ dieser unbekannte Strom im unbekannten Lande so fließen
und nicht anders! -- In tausend Jahren _muß_ die Menschheit diesen und
diesen Weg gehen und keinen andern!
Wer wäre so vermessen?
Er, Fritz Hellwig, er hatte die Vermessenheit gehabt und schämte sich
jetzt, da er sie erkannte. Und noch etwas anderes erkannte er jetzt:
den Frevel, so nannte er es, der kein Freund der Beschönigung war, den
Frevel, den er an Eva und seinem Kinde begangen -- und an sich. Das
frohe Lachen und Plaudern des Buben war ihm wie beständiger Vorwurf.
Aus den guten Augen seiner Frau las er ihn und immer haltloser wurde er.
Auch Kolben vermochte da nichts zu richten. „Dir hätt’ ich auch eine
Schuld abzuzahlen, Albert!“ hatte Fritz bitter gesagt und als der
Doktor dagegen lachend protestierte, hatte er tonlos weiter gesprochen:
„Ich muß nur nehmen und immer nehmen! Immer nur in euerer Nachsicht
leben! Das ist nicht gut, Albert, nein, das ist nicht gut ...“ Und
er war wieder in das tatenlose Hindämmern gefallen, jedem Zuspruch
unzugänglich und taub für jeden Trost.
Seit seiner Rückkunft hatte er die Wohnung nicht verlassen. In sich
vergraben und ganz in seine Verzweiflung eingewühlt lebte er, zeigte
für nichts Interesse, rührte die Zeitungen nicht an. Briefe von
Reinholt liefen ein. Sie blieben ungelesen. Wenn die Flurglocke klang,
schrak er zusammen. Er fürchtete sich vor den Menschen, weil er sich
vor ihnen schuldig glaubte.
„Doktor, was sollen wir nur machen?“ fragte Eva oft ganz mutlos.
„Gehn lassen!“ antwortete dieser. „Es wird auch wieder anders werden.“
Und sie ließen ihn gewähren. Mit keinem Wort rührte Eva an der
Vergangenheit, tat, als wäre er nie fort gewesen. Sie drängte sich
ihm nicht auf, aber stets war sie in seiner Nähe, hielt jede Störung
fern, barg ihren Kummer hinter hellen Mienen und lächelnder Heiterkeit,
hüllte ihn ganz in ihre Liebe ein und umhegte ihn mit jener stillen
Hausmütterlichkeit, deren Walten unmerklich ist und die doch alles
durchleuchtet und durchwärmt.
Und wenn sie sich gar keinen Rat mehr wußte, schickte sie Hansl zu
ihm. Den konnte er dann stundenlang auf seinen Knien haben, wie ein
Kind konnte er mit ihm plaudern und alle Märchen, die er noch wußte,
erzählte er ihm. Aber sobald der Junge fort war, sank er wieder
zusammen wie ein Feuer, das allen Brennstoff aufgezehrt hat.
Unangemeldet kam eines Tages Kaufmann Wart hergereist, um nach dem
Rechten zu schauen und nebenbei auch seinem Schwiegersohn gründlich den
Kopf zu waschen. Aber als er ihn so elend sah, unterließ er es. „Das
Flamändern wird dir jetzt wohl vergangen sein!“ knurrte er nur.
Einige Tage später nahm er ihn beiseite: „Fritz, was wirst du jetzt
eigentlich anfangen?“
„Ich -- weiß es nicht ...“
„Aber ich wüßt’ was!“ lächelte verschmitzt der rundliche Mann, der
jetzt wieder frisch und blühend aussah und unter seinem weißen Barthaar
feiste rote Wängelein hatte. „Ich wüßt’ was! Komm zu uns nach Neuberg!“
„Das geht nicht!“
„Muß gehn, Fritz. Schau, es ist ein wahrer Jammer. Alles klerikal,
alles schwarz, bis über die Ohren schwarz! Das wär’ was für dich.
Misch’ auf! Jag’ sie davon! Schließlich, es ist ja doch deine
Vaterstadt. Wär’ ein Verdienst, Fritz, -- und besser, als so ins Weite,
Nebulose hinein. Dort hast du wenigstens festen Boden und weißt, daß
du darauf gehörst und für wen du’s machst. Dein Bub, -- hm -- ich
denk’ halt, jeder Baum braucht seine Erde. Und so eine Großstadt, das
ist doch keine richtige Heimat. Irgendwo aber soll jeder Mensch seine
Wurzeln haben. Pflanz’ halt den Hansl dort ein, wo er hingehört, nicht?
Und dann -- uns zwei Alten tät’s auch wohl. Die Mutter, -- sie hat zu
viel durchmachen müssen, -- die Mutter kann nicht mehr recht fort. Es
zwickt und reißt sie überall. Gefahr ist keine, aber beschwerlich ist
so was, drum ist sie auch nicht mitgekommen. Die Mutter, siehst, und
ich -- jetzt sind wir schon ganz allein. Und dann hätten wir wenigstens
wieder jemanden. Und schreiben -- du wirst ja doch nichts andres tun
als Bücher schreiben und für die Zeitungen -- schreiben kannst bei uns
draußen auch. Was meinst?“
Fritz antwortete nicht gleich. Kolben kam herein.
„Stör’ ich?“ fragte er.
„Nur herein, Herr Doktor! Ich sag’ grad’ nur, der Fritz soll mit nach
Neuberg!“
Kolbens Augen hinter der goldenen Brille leuchteten auf. Das konnte
eine Lösung sein. Aber diplomatisch meinte er nur: „Hm, Neuberg? Was
dort?“
Fritz sagte nicht ja, nicht nein. Doch die Worte klangen in ihm nach.
Und die beruhigende Aussicht in eine Zuflucht ließ ihn gefaßter werden,
wenn er sich das auch nicht eingestehen wollte, und richtete ihn auf
und war wie das Bändchen Bast, das ein ins Krumme wachsendes Bäumchen
am stützenden Pfahl festhält.
3.
Und die Tage glitten weiter, sacht und gleichmäßig, wie weiße Schwäne
auf einer unergründlich tiefen und dunklen Flut. Glatt war die
Oberfläche und verriet nicht, was darunter brausend durcheinander
brodelte, alle Leidenschaften deckte sie zu, alle Angst und Qual und
Aufregung, und darüber segelten die weißen Schwäne, einer hinter
dem anderen, ruhig und lautlos. Kaum merklich war die Bahn, die sie
zogen, aber sie war doch da und in den sanft bewegten Wellen spiegelte
sich mit kleinen Lichterchen die verbannte Freude, versuchten die
Silberfischchen der Hoffnung zaghaft ihren Tanz. Und zwischen das
stürmische Einst und das Jetzt schob sich mit mildem Glanz, die
scharfen Konturen abtönend und verschleiernd, wie eine durchsichtige
Wolke der Friede.
Ohne Geräusch und ohne viele Worte, mit einer gleichmäßig stillen
Freundlichkeit und innigen Hingabe, versah Eva den Haushalt und
pflegte den kleinen Hansl und den großen Fritz und jede Bequemlichkeit
bereitete sie ihm. Und täglich kam sie mit den Zeitungen und fing von
Dingen zu reden an, die ihr ganz fern lagen. Von Doktor Kolben oder
aus den gelehrten Büchern holte sie sich Aufklärung, in die schwer
gangbaren Gebiete der Finanzwissenschaft und der hohen Politik drang
sie mutig ein, schlug sich tapfer mit den schwierigsten Lehren und mit
den verwickeltsten Ereignissen herum, um nur mit ihrem Manne über etwas
sprechen zu können, was vielleicht seine Teilnahme wecken und ihn aus
der schweren Dumpfheit reißen könnte. Oder sie legte ihm Zeitschriften
und Bücher auf den Tisch: hier sei ein bemerkenswerter Aufsatz, den
müsse er lesen. Und dieses neue Werk vom Wesen des Geldes werde ihn
möglicherweise auch ansprechen. Doch wenn sie ihm von Reinholt Briefe
brachte, dann sagte sie nichts dazu und schaute ihn nur freundlich
bittend an: Er solle doch einmal einen aufmachen und lesen. -- Aber
mit keinem Wort rührte sie an der Vergangenheit, erwähnte auch nichts
davon, daß viele Blätter für ihn eintraten und das Vorgehen seiner
Feinde in der schärfsten Weise verurteilten. Das hatte Zeit, das konnte
ihm später als Genugtuung dienen. Jetzt sollte er nur erst aus der
schlaffen Teilnahmslosigkeit heraus. Aber es wollte und wollte nicht
anders mit ihm werden. Meist saß er vor seinem Schreibtisch, hatte
die weißen Papierbogen vor sich liegen und die Feder daneben, aber er
rührte sie nicht an und nicht eine Zeile schrieb er, sondern grübelte
nur und brütete vor sich hin, viele, viele Stunden lang. Aber die
Melodie der Häuslichkeit tönte immerzu leis um ihn und ruhiger und
ruhig schlug allmählich sein Herz.
Und da geschah es eines Tages -- ein Gewitter war verrauscht und durch
zerrissenes Gewölk drang die sinkende Sonne mit schrägen Strahlen,
die von den Fensterscheiben gegenüber in gelber Lohe zurückflammten.
Dämmrig wurde es und düster, und Eva zündete die Lampe an. Das Gas
brodelte leise im messingnen Auslauf, und vor den Fenstern draußen im
Garten schlief sanft und sacht die Erde ein und eine Amsel sang vom
eisernen Windpfeil eines Landhauses herab der müden das Schlummerlied.
Da geschah es. In dieser seltsam leuchtenden und heimlich klingenden
Stille außen und innen, in diesem feierabendlichen Frieden, der alle
Dinge weich und warm in seine Arme nahm, geschah es.
Halb vom Vorhang zugedeckt, saß Fritz beim Fenster. Er hatte, nach
langer Zeit wieder einmal, in seinem Werk geblättert, das er einst in
einem Rausch der Schaffensfreude niedergeschrieben, hatte auch einzelne
Stellen gelesen, wieder und wieder gelesen, aber keinen Widerhall in
seiner Seele gehört. Worte waren das, leere, taube Worte, die an ihm
abglitten und hohl tönten, wie Gefäße ohne Inhalt. Und alle Glut war in
sich zusammengesunken, und unter der Asche glomm kein Funke mehr.
Er klappte das Buch zu und lächelte bitter, als er den gepreßten
Lederrücken sah. Für Jahrhunderte schien dieser Einband berechnet
und was er umschloß, war schon widerlegt, war schon verbrannt und
ausgekühlt und wertlos.
Lang saß er dann und schaute in den Garten hinaus. Noch tobte das
Gewitter und die Wolken hingen ganz niedrig und die Bäume bogen sich
und zitterten im Sturm und wenn ein Blitz grell aufflammte, der Donner
nachkrachte, duckten sie sich noch tiefer und bebten sie noch stärker.
Und die weißen Landhäuschen fürchteten sich mit ihnen und kauerten wie
verirrte junge Tiere in dem zitternden Grün. Und in dicken Strängen
fiel der Regen nieder. Und dann wurde es stiller und lichter und freier
und der letzte Donner war noch nicht vergrollt, da war auch schon
wieder Amselsingen und war leuchtender abendlicher Friede.
Dann flammte die Lampe auf, und Eva kam und legte ihm die Abendblätter
aufs Fensterbrett. Und wie jedesmal schob er sie beiseite, ohne einen
Blick hineinzutun. Denn er wollte nicht erinnert werden, wollte nicht
wissen, was draußen in der Welt vorging, das sollte tot für ihn sein,
wie er für die Welt tot sein wollte.
Lebhaft und ungestüm sprang jetzt sein Bub, des stillen Spielens mit
den Bauklötzchen in der Ecke müd, zu ihm her, legte die Arme um seinen
Leib und den Kopf auf seine Knie: „Vaterle, erzähl’ was!“
Da schrak er aus seinem Grübeln und schaute das Kind mit ausdruckslosen
Augen an.
„Was erzählen!“ bettelte der Bub.
Nun bezwang er sich mühsam, hob den Knaben auf seinen Schoß, fing nach
einer geraumen Weile zu reden an: „Also -- es war einmal ein Mann, der
war verwunschen, immerzu irre zu gehen. Wenn er wohin gewollt hat, in
die Kirche oder auf den Jahrmarkt in die Stadt, hat er niemals den
rechten Weg finden können. Er selber freilich, er hat schon geglaubt,
daß er richtig geht. Immer der Nase nach geradeaus, dann links um die
Ecke und noch einmal rechts um die Ecke, dann muß die Kirche ja da
sein. So hat er geglaubt. Aber die Kirche ist nicht da gewesen, sondern
die Ziegelscheuer oder die Herberge oder sonst ein Haus, nur nicht die
Kirche. Und er hätte doch darauf geschworen, daß er recht gegangen ist.
Und wenn er zum Jahrmarkt nach Aberg gewollt hat, ist er sicher zum
Viehmarkt nach Beheim gekommen, was doch in einer ganz anderen Richtung
liegt. Weil er aber nicht leer nach Haus hat kommen wollen, hat er
sich halt dort eine Kuh gekauft oder einen Ziegenbock und den hat er
dann sicherlich dem Meister Schneider oder Fleischhauer in den Stall
getrieben, die doch am andern Ende vom Dorf gewohnt haben. Und kurz und
gut, er hat halt nie dorthin kommen können, wohin er gewollt oder wo er
zu tun gehabt hat. Immer hat er sich verirrt oder ist immerzu im Kreis
herumgegangen, immerzu rundherum im Kreis.“
Er schwieg und holte tief Atem.
„Der dumme Mann!“ rief der kleine Hansl.
„Jawohl, der dumme, dumme Mann!“
„Fix, Hansl, dein Abendbrot ist da!“ rief die Mutter dazwischen. Der
Bub wollte nicht fort: „Erzähl’ mehr, Vaterl!“ bat er. Aber Frau Eva
machte keine Umstände. Sie packte den Zappelnden unter den Armen und
hob ihn in seinen Sessel. „Avanti! Jetzt wird gegessen, daß du mir
rechtzeitig in die Federn kommst!“ Sie band ihm ein Mundtuch vor, gab
ihm den Löffel in die Hand. Nun aß er gehorsam seine Eierspeise und
schmatzte mit den Lippen und ließ sich von der Mutter die Semmelbrocken
in den Mund stecken.
Durch das Gegitter des Spitzenvorhangs schaute Fritz zu. Da waren
sie beisammen, die beiden lieben Menschen, die schöne reife Frau und
der helläugige Knabe, im goldenen Kreis der Lampe. Und beide hatten
vergnügte Gesichter und waren guter Dinge und nicht ein leisester
Schatten trübte jetzt ihre heiteren Mienen. Im engsten Raum, vom
goldenen Lichtkreis eingeschlossen, Mutter und Kind, Erfüllung und
Verheißung, lachend und blühend wie die Erde im Juni. Und er -- hatte
sich selbst aus dem goldenen Kreis verbannt, -- um all das Licht hatte
er sich betrogen, mußte schuldbeladen abseits stehen.
Der dumme, dumme Mann!
Hart vor seinen Füßen hörte mit einer scharfen Linie das warme
Lichtrund auf und um ihn war Dunkel und Einsamkeit und Kälte.
Du dummer, dummer Mann!
So tritt doch heraus aus dem Dunkel. Wag’ den Schritt -- ins Licht, in
die Wärme, in die Liebe -- zurück in den leuchtenden Kreis des Lebens.
Diesmal kannst du nicht in die Irre gehen. Zu nah ist das Ziel. Ein
Schritt nur -- ein Öffnen der Arme -- und du hast es und hältst es fest
-- und nimmer, nimmermehr kann es dir dann entfliehen.
Aber es war ihm, als könnte er niemals über diese scharfe, klare
Grenzlinie hinüber.
„Weiter erzählen!“ rief Hansl und schlug mit seinem Löffel gegen den
blechernen Teller. „Weiter erzählen, Vaterle!“
Doch Eva hielt ihm die Hand fest und sagte: „Was gibt’s da noch viel
zu erzählen? Der Mann ist immer falsch gegangen, weil er ja doch
verzaubert war. Und einmal, da ist er schon weit fortgewesen und hat
sich gar nicht nach Haus finden können. Aber da ist ihm eingefallen,
daß seine Frau mit dem Essen auf ihn wartet und daß sein Bub auf
ihn wartet und eine Geschichte erzählt haben will. Und wie ihm das
einfällt, da hat er sich umgedreht, und keinen einzigen falschen
Schritt hat er mehr gemacht und ist nur immerzu geradeaus gelaufen und
gelaufen, bis er richtig zu Haus war. Und so schnell ist er gelaufen,
daß das Essen wirklich noch warm war und daß er auch noch eine
Geschichte hat erzählen können. Und seit der Zeit ...“
Mehr konnte sie nicht sagen. Denn Fritz war aus seiner dunklen Nische
in das helle Licht getreten, mit weit gebreiteten Armen -- und seine
Augen waren groß und leuchteten in ihren Tiefen, und die lieben zwei
lehnten ihre Köpfe an seine atmende Brust, und so stand er in stummer
Ergriffenheit und hatte sein Ziel erreicht und hatte sein Glück
gefunden im goldenen Kreis des Lebens.
4.
In der Nacht, die diesem Erlebnis folgte, da lag er wach bis zum
Morgen. Und während Eva neben ihm still atmete, fühlte er, wie Ring
um Ring von seinem Herzen sprang, Stück um Stück der Eiswall brach,
hinter dem es eingefroren nur müd gepocht hatte. Die Nacht flutete
dunkel und gleichmütig vorüber. Ihm aber leuchteten die Augen groß
und eines ernsten Glückes voll. Erlösung. Auferstehung. Weitab vom
tosenden Jubel, vom wütenden Haß des Tages, im engsten Raum, zwischen
seinen vier Pfählen, mit einer beglückenden Selbstverständlichkeit war
diese Stunde gekommen und hatte ihn zum Hafen getragen, mühelos, wie
eine Welle die Muschel auf den Strand spült. Und er konnte alle Segel
einziehen und Anker werfen.
Und langsam und allmählich lernte Fritz Hellwig wieder lachen und
wieder frei aufschauen. Und wenn er den Glauben an sich selbst verloren
hatte, so fand er ihn allmählich und langsam wieder in dem Glauben
an das Leben und in der Liebe der Seinen und zu den Seinen. Und alle
Zärtlichkeit Evas und aller Jubel des Buben strömte in seine Seele,
die ihre Tore weit offen hielt und machte ihn dankbar und fromm und
glücklich wie ein unartiges Kind über unverdiente Weihnachtsgaben.
Und jetzt bemerkte er auch die behutsame Zartheit, mit der Eva
seine Stimmungen belauschte und wie sie sich mühte, ihn abzulenken,
aufzuheitern und aus seiner Teilnahmslosigkeit zu wecken. Wie sie
immer und immer wieder leis an sein Herz pochte und Einlaß heischte
und die Geduld niemals verlor, wenn sie vergeblich warb, wenn er sie
rauh zurückstieß und keinen Teil mehr haben wollte an aller Freude und
Liebe. Und er zieh sich der Selbstsucht, weil er sich nur dem eigenen
Schmerz überantwortet hatte und zu allem angerichteten Unheil, zu allen
seinen Irrfahrten, die so viele bitter getäuscht und arm gemacht, noch
und abermals ein Unrecht gehäuft und jener weh getan hatte, die ihm
zunächst stand und ihn am liebsten hatte.
Schwere Schuld war zu sühnen und manches konnte überhaupt nicht
ausgetilgt werden. Aber irgendwie gutmachen und aufwiegen ließ es sich,
nur mußte er die Zeit nützen und seine Kräfte, statt sie in nutzloser
Selbstbemitleidung zu vergeuden, frei machen für die Sühne.
Und langsam wurden sie frei.
Hatte er früher alles an sich vorbeigehen und gleichgültig zu Boden
fallen lassen, so konnte er jetzt nicht genug tun und nicht genug
finden, was Eva freuen und fröhlich machen sollte. Auf alle ihre
Anregungen ging er ein, sprach mit ihr über die Tagesereignisse, und
wenn sie auf ein besonders verwickeltes Thema gerieten und wenn Eva
sich immer tiefer hinein verfitzte und hilflos hing wie ein Fisch im
Netz, dann lachte er wohl und sagte, sie solle sich doch keine solche
Mühe und seine Schuld nicht noch größer machen.
Sie erwiderte nicht auf solche Reden, blickte ihn nur strahlend aus
innigen Augen an und auf ihrem Gesicht lag ein ganz heller Schein der
Freude.
Bald hatte er nachgeholt, was er in den letzten Wochen versäumt, hatte
er die Zusammenhänge wiedergewonnen und die Zeitungen blieben nicht
mehr ungelesen neben dem Schreibtisch liegen. Und er las die maßlosen
Ausfälle in den Blättern der Gegner, las die Verteidigungen und die
Lobsprüche der Anständigen und ihm wurde dabei, als ob das alles
irgendwo weit in der Ferne sich abgewickelt und er gar keinen Teil
daran habe. Auch die Briefe Reinholts las er jetzt. Und da erfuhr er
denn das Schicksal der Empörer.
Karus, Leibinger, Sanders und fünf andere waren tot, Mark im Gefängnis,
die übrigen in alle Winde verstreut. Der Streik war zu Ende.
Fritz las das und wurde wieder sehr traurig. Aber es war nicht mehr
die dumpfe Verzweiflung, der tatenlose Trübsinn von früher. Eine tiefe
sanfte Wehmut war es, die ihn ganz läuterte und immer fester und
unlösbarer mit seinen Lieben verknotete.
Den ganzen Tag war er jetzt mit dem Buben im Garten, lehrte ihn die
Vögel nach dem Ruf, die Pflanzen und die Steine unterscheiden und wurde
nicht müd, die zahllosen Fragen des aufgeweckten Kindes zu beantworten.
Aber noch keinen Schritt hatte er seit seiner Rückkehr vor das Haus
getan. Er schämte sich noch.
Und auch jetzt, als ihn Eva zu einem Spaziergang aufforderte, wollte er
nichts davon wissen. Sie aber ließ nicht mehr locker, bat und drang in
ihn und endlich gab er nach.
Zwischen den gartenumhegten Villen gingen sie, in stillen Gassen, die
wie breite Alleen waren, von Bäumen flankiert und mit gelbem Kies
bestreut. Und nur wenig Menschen waren zu sehen. Eva hängte sich fest
an seinen Arm, war heiter, froh und herzlich und lachte und freute
sich. Da vergaß er alles andere und fühlte nur ihre sonnige Nähe,
blickte in ihre klaren Augen, die unter langen Wimpern hell und blank
in die blanke und helle Welt hineinlachten und er wurde sicherer,
ging aufrechter dahin und wenn ein Spaziergänger sie schärfer ansah,
stehenblieb und ihnen nachschaute, empfand er nicht Unbehagen oder
Befangenheit, sondern war stolz und freute sich über seine blühend
junge schöne Frau.
Eine sachte Lehne hinauf gingen sie, bis die Häuser den Weinpflanzungen
Platz machten und weiter oben eine freie Schau ins Land hinein sich
auftat.
Unten lag die große, turm- und giebelreiche Stadt, ein dunkler Wall
von schönen laubwaldumwachsenen Bergen mit weißen Schlössern und
bewimpelten Warten und Aussichtstürmen schloß den Horizont ein und hoch
und still weitete sich der Herbsthimmel darüber. Im Westen ging die
Sonne schlafen, von Gipfel zu Gipfel den Gebirgskamm entlang lief ein
zackiges Feuerband, und rings um das Himmelsrund, je weiter von der
goldenen Lohe im Westen, je tiefer und satter, wogten und wehten und
schwebten zarte, durchsichtige Schleier, purpurn und blau und violett,
sanken von den Höhen ins Tal, breiteten sich aus und hüllten gleitend,
wogend, weich und duftig die Türme, die Giebel und Dächer alle ein.
Eine lange Weile standen Fritz und Eva Schulter an Schulter und
schauten stumm zu, wie die Sonne in Licht und farbenfroher Schönheit
ertrank. Der runde Rücken des Hügels war fast baumlos. Lediglich vor
einem zierlichen Kapellchen waren ein paar junge Linden im Halbkreis
eingepflanzt und daneben war ein Friedhof mit blumigen Gräbern,
schlichten schwarzen und weißen Steinen, Kreuzen und dürftigen dunklen
Zypreßchen.
Sie öffneten die Lattentür, traten ein und gingen zwischen den
Gräberreihen hin. Einsam war es hier und still und gar nicht traurig.
Die Höhenluft spielte mit den welken Kränzen, wehte um die grünen
Gräser, um die nickenden Blütenköpfchen und um die prunklosen Male auf
den reinlichen Totenstätten. Und wo ein Kindergrab war, dort kniete
ein gipserner Engel in einem sauber angestrichenen Gitterchen und
betete. Und die blauen Berge winkten und grüßten noch von fern und die
Lichter der Stadt leuchteten durch die duftigen Abendschleier gedämpft
herauf, einzeln oder, wo ein Straßenzug ging, in feurigen Ketten.
Traulich war das alles und anheimelnd, und Eva sagte versonnen:
„Hier möcht’ ich auch einmal liegen, du. Es ist so lieb hier.“
„Sprich nicht vom Sterben!“ bat Fritz.
„Warum?“ fragte sie und schaute ihn aus lebensfrohen Augen an. „Leben
wir denn länger, wenn wir davon schweigen? Oder sind wir glücklicher?
Ich glaube doch nicht, Fritz. Mir wenigstens, mir ist immer, als müßt’
ich mich schnell noch doppelt freuen über die Gegenwart, wenn ich
denke, daß alles einmal vorübergeht. Und viel tiefer und stärker freue
ich mich dann über das bißchen Glück, das wir haben. Und das haben wir,
gelt, du?“
Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn, legte die Wange auf seinen Arm.
„O -- du!“ antwortete er und seine Stimme war rauh und brüchig. „Ob
wir das haben! Unsere Stuben sind ja berstvoll davon -- und alles
durch dich! Alles, was darin schön und warm und hell ist, hast du
hineingetragen und bereitet mit deinen Händen. Und was darin häßlich
und kalt und dunkel ist -- durch meine Schuld ist es dazugekommen. Drum
sprich nicht vom Sterben! Ich mag nicht dran denken, du! Ich mag nicht
denken, wie wenig Zeit mir noch bleibt, um -- dir’s zu danken und dir’s
zu lohnen -- und abzuzahlen -- und zu vergelten, so gut ich’s kann. --
Ev, du Liebe, Gute, Gütige!“
Ein Schluchzen erstickte seine Worte. Noch nie hatte er so
leidenschaftlich zu ihr gesprochen, ihr so ganz unverhüllt und
rückhaltlos sein Innerstes offenbart. Ein seltenes, schweres
Glücksempfinden flutete wie eine heiße Welle über die Frau und ließ sie
zu tiefst erschauern.
Sie schwiegen. Lange, lange. Die Grabmale ragten ruhig in die halbhelle
Dämmerung, schwarze Schatten stiegen über die Hügel. Ein Stern flammte
auf und noch einer und wieder einer und lautlos schwebte die Nacht zu
Tal. Und der Himmel wölbte sich hoch über ihren Häuptern und baute sich
seltsam durchsichtig in einem ganz satten, ganz dunklen Blau über alle
die funkelnden Sterne hinaus höher und höher in die weite, leuchtende
Unendlichkeit empor.
5.
Jetzt ließ sich auch Doktor Kolben wieder öfter blicken, der sich in
der letzten Zeit ganz zurückgezogen hatte, um das Heilung bringende
Walten Evas nicht zu stören. Die Septembertage waren mild und klar und
sonnig, in den Nächten stand der Vollmond am Himmel, so daß es auf der
Erde gar nicht mehr finster wurde und Licht mit Licht, Goldglanz mit
Silberschimmer lautlos wechselte. Da nahmen Hellwig und Kolben ihre
Mondscheinpartien wieder auf. Vor Jahren, damals, als Fritz noch als
blutjunger Mitarbeiter bei den Freien Blättern saß, hatten sie solche
Wanderungen öfter unternommen, und regelmäßig war auch Heinz mit dabei
gewesen.
Diesmal fuhren sie in die Eisenerzer Alpen. Spät nachts kamen sie in
Kallwang an und machten sich ungesäumt auf den Marsch. In Nagelschuhen
und Lodenflaus, die Rucksäcke auf den Rücken, schritten sie wacker aus.
Erst war es noch dunkel und nur die Sterne leuchteten über ihrem Weg.
Aber dann ging rund und voll der Mond auf und schüttete sein Silber
auf die Erde. Die tief eingefalteten Täler füllte er und den endlosen
Luftraum, und vor dem hellen Himmel standen dunkel und riesengroß und
silberüberrieselt die gewaltigen Mauern des Hochgebirges. Jeder Gipfel
war scharf umrissen, und doch waren alle Linien weich und seltsam
fließend. Jeder Kamm war rein geprägt und war doch schattenhaft und
unbestimmt verschwimmend. Jeder Gebirgsstock ragte klar und fest mit
dem Boden verwachsen aus dem silbernen Tal in den silbernen Himmel,
und doch schien das alles, in diesem Licht, das so ruhig leuchtete
und dennoch immerwährend flimmerte und flutete und mit winzigen
Wellchen ineinanderspielte, schien das alles, die wurzelfesten Berge,
die mächtigen Kuppen und starr aufragenden Zinken, flaumenleicht und
schwebend, nur kaum wie mit ganz feinem Pinsel auf den zart silbernen
Himmel hingestrichen. Und das war das Seltsamste: daß die Wucht und
kolossale Größe des Gebirges nah und greifbar dastand und doch nicht
fühlbar und nicht drückend wurde.
Schweigend schritten sie dahin. Über ebene Wiesenflächen schritten
sie, und die Gräser rauschten unter ihrem Tritt und schimmerten
und flimmerten, eins im bläulichen Schatten des anderen. Und durch
mächtige Tannenwälder schritten sie, die still und undurchdringlich
finster waren gleich lichtlosen Kirchenhallen, und nur hoch oben,
über dem schwarzen Gitter der Nadelkronen, lag der Mondglanz wie ein
durchbrochenes Spitzengewebe.
Schweigend schritten sie vorwärts. Etwas tief Beruhigendes war in
dieser Wanderung durch Glanz und Stille, etwas, was alle Leidenschaften
einwiegte, alle Wünsche schweigen, alle Erdenmühe vergessen ließ,
und auf lautlosen Schwingen hob sich die frei und leicht gewordene
Seele und gleitend flog sie, flog schwebend in den unendlichen Frieden
hinein, der alle Berge und Täler, alle Höhen und Tiefen durchtränkte.
Schweigend schritten sie aufwärts. Und als sie den Wald hinter sich
hatten, ins Krummholz kamen und auf weiche Alpenmatten, da hatte der
sanfte Mondglanz schon dem härteren Licht des Morgens weichen müssen.
Und als sie den Kamm erstiegen, da brodelten tief unten schon und
brandeten die grauen Morgennebel, alle Täler füllend, wie ungebärdige
Ströme gegen die ruhige Kraft der Berge an. Und dann sprang die Sonne
rein und rund, ein junger Held in goldig flammender Rüstung, auf den
Burgwall und schleuderte die Feuerspeere ungestüm fernhin gegen die
weißen Hünen im Gesäuse, die gelassen ihre ungeheueren Schilde entgegen
hielten, gegen die funkelnden Panzer das Dachsteins, des Glockners,
der trotzig unbewegten Riesen -- und es war wie der heiße Ansturm des
vergänglichen Lebens, das seine überschäumende Kraft auszutoben begehrt
an dem unverrückbaren, sicheren, ewigen Sein.
Noch immer schwiegen die beiden Wanderer, schritten den felsigen Kamm
entlang zum Gipfel. Neuschnee lag hier oben, weich und unberührt, eine
duftige Decke, mit den tiefroten Sternen der Nelken, mit gelben und
blauen Alpenblumen leuchtend durchweht. Und zwischen dem Felsgetrümmer
blühte das Edelweiß.
Nun waren sie auf dem Gipfel, breiteten die Mäntel aus und hielten
Rast. Die Rucksäcke wurden ausgepackt, der sturmsichere Weingeistkocher
angezündet, der Tee bereitet. Ein harscher Höhenwind strich über
den Kamm, machte die Wangen rot, und die Lungen atmeten tief auf
in dieser reinen Frische. Ganz still war es. Die Morgennebel waren
verflogen, der Übermut der jungen Sonne war verbraust. Klar und ruhig
schien sie von einem blauen Himmel herab auf die gewaltige Bergwelt
mit ihren schroffen Zacken und jähen Abstürzen, ihren breiten Gipfeln
und schmalen Tälern, und tief unten zwischen dunklem Tannengrün
und hellen Wiesen duckten sich winzige Häuschen und Kirchlein und
Menschensiedelungen, duckten sich und ruhten an der Brust der Berge
sicher und gut wie Vögel im Nest.
Noch immer schwiegen die zwei oben auf der freien Höhe und ließen
die Gedanken ausklingen, die während des Aufstiegs, während der
mannigfaltigen Übergänge von der dunkelsten Nacht bis zum strahlenden
Tag in ihnen wach geworden. Es war wohl bei beiden dasselbe gewesen. An
die Not des Lebens hatten sie gedacht und an die herben Enttäuschungen,
die keinem von ihnen erspart geblieben. Durch Leid und Verzweiflung
waren sie beide gegangen, der eine, als er der geliebten Frau entsagen
mußte um des Freundes willen, der andere, als ihm ein Ideal um das
andere, ein schöner Traum nach dem anderen zerstob und entschwand. Und
doch war jetzt Ruhe in ihnen, eine sanfte, innige Ruhe wie Mondlicht
über Trümmern.
Kolben brach endlich das Schweigen.
„Hier ist Friede!“ sagte er und schaute immerzu in das lachende Tal zu
seinen Füßen.
Fritz lachte. Traurig und bitter lachte er.
„Ja -- hier oben -- ein paar tausend Meter weit von allen Menschen --
da ist Friede! Und Ruhe -- und Sicherheit. -- Aber schon dort unten,
in den elenden Hütten -- so friedlich schauen sie aus, so idyllisch
und poetisch -- schon dort unten ... weißt du, wie viele Kinder dort
schon mißhandelt, -- wie viele Tiere nutzlos gequält wurden und täglich
werden? Wie viel Elend und Schande und Leid diese Strohdächer zudecken,
diese -- Menschenstätten? _Hier_ ist Friede! Aber wo Menschen sind, da
ist Blut und Schmach und Kampf und Unzufriedenheit.“
Und nun brach auf einmal alles aus ihm vor, was wochenlang auf seiner
Seele gewuchtet hatte.
„Aber woher nur? Woher diese ewige Unzufriedenheit? Die Frage läßt mich
nicht los! Und ich finde keine Antwort! Das Tier ist zufrieden, die
Herde folgt noch heute willig dem Leitstier, die Wölfe rennen im Rudel
wie vor tausend Jahren. Nur wir Menschen ändern immer wieder unsere
Ordnung. Damit die Republik an die Stelle der Monarchie treten kann,
müssen Tausende verbluten. Und kaum haben die Überlebenden gelernt
‚Hoch die Republik!‘ zu schreien, müssen abermals Tausende sterben, die
nicht so schnell wie die anderen ihre Kehlen umstimmen können auf den
neuen Ruf: ‚Es lebe der Kaiser!‘ -- Und wieder zurück, wieder vorwärts,
ein steter Wechsel, eine Sehnsucht, so brennend heiß, daß sie manchmal
mit Blut gelöscht werden muß! Warum nur? Warum?“
Kolben brach eine purpurne Nelke aus dem weißen Schnee und betrachtete
sie aufmerksam: die Blütenblätter, die wie frierend zusammengerollt
waren und das Stengelchen, an dem ein ganz dünnes Eisfähnchen
glitzerte. Denn in der Sonne war der Schnee geschmolzen, aber der kalte
Höhenwind hatte das Wasser sogleich wieder gefrieren lassen. Von allen
Seiten betrachtete das der Doktor ganz genau und sagte dabei:
„Warum, Fritz? Weil wir -- das Denken gelernt haben. Das Leben -- das
hat die Natur in den ungeheueren Kreislauf hineingeworfen, gedankenlos
und zwecklos hat sie es geschaffen. Wie es sich weiter entwickelt,
darnach fragt sie nicht. Aber das Leben _hat_ sich weiter entwickelt
und wir -- haben uns im Daseinskampf als stärkste Waffe das Denken
geschmiedet. Die Natur denkt nicht, wir, ihre Kinder, denken, forschen
nach Ursache, Plan und Ziel, werfen unsere bangen Fragen an die Tore
der Ewigkeit. Und nichts tönt zurück, nichts kann zurücktönen -- als
Schweigen. Unseres Daseins uns bewußt, sind wir vom Unbewußten wie
von Mauern eingeschlossen und können nicht heraus. Seit wir zu denken
angefangen haben, sind wir über unsere Mutter hinausgewachsen. Wie
können wir da jemals zufrieden sein?“
Hellwig stöhnte dumpf auf. „Dieses Sich-bescheiden, diese Resignation
-- ich kann mich nicht damit abfinden ...“
„Du wirst schon müssen, Fritz. Vielleicht -- schau’, nimm’s einmal
so: Die Entwicklung steht nicht still. Darum wird die Menge immer
Rohstoff bleiben und niemals reif werden. Im Bilde: Sie ist ein
ungeheuerer Klumpen Ton. Und die einzelnen wenigen, die Erlöser,
Dichter, Denker, die in der Entwicklung Vorausgelaufenen, die ‚mit den
neuen Wahrheiten‘, die Herrenmenschen, was weiß ich, die alle kneten an
dem ungeheueren Klumpen herum. Der eine da, der andere dort, aber ihn
ganz bewältigen und zu _einem_ Bildwerk zusammenfassen, das ist keiner
imstand. Weil der Ton zu weich ist. Und eh’ er erstarrt, ist schon ein
neuer Bildner da und ändert die Nase, die Ohren, die Beine. Manchmal
patzt er auch, das tut nichts, ein anderer macht’s schon wieder besser.
Rohstoff ist die Menge, Fritz, und bleibt Rohstoff. Bildungsfähig ist
sie und wird doch niemals Bildung haben. Entwicklungsfähig ist sie
und wird doch niemals entwickelt sein. Oder: sie braucht immer ihren
Beglücker und wird doch nie beglückt sein. Oder zufrieden, was dasselbe
ist. Drum laß das gehn!“ -- Und jetzt wurde Kolben sehr herzlich. --
„Sieh lieber zu, daß dein Junge nicht in der breiigen Masse versinkt.
Wenn du’s zuwege bringst, daß er ein Bildner wird, ein vollwertiger
ganzer Kerl, ein Kneter, kein Gekneteter -- kurz und gut, wenn du der
Menschheit einen einzigen tüchtigen Mann heranziehst, dann hast du für
sie mehr getan, als wenn du zehntausend -- halb glücklich machst. Denn
zehntausend Halbheiten sind noch immer kein Ganzes!“
So sprach Doktor Kolben, der stille, versonnene Mensch, während er
unablässig die purpurne Blüte mit dem glitzernden Eisfähnchen zwischen
den Fingern drehte. Der täppische Bergwind riß ihm die Worte von den
Lippen, aber sie erreichten doch ihr Ziel, ein geneigtes Menschenohr,
ein empfängliches Menschenherz, wo sie Wurzel fassen und zum Blühen
kommen durften.
Und die Sonne lag funkelnd auf dem blendend weißen Schnee und die Täler
waren grün und leuchteten grüßend herauf und die Bergriesen standen
sicher und trotzig im Kreis und bewachten den Frieden, der mit weit
gedehnten Schwingen über allen Dingen schwebte.
6.
Als sie heimkehrten, Edelweiß auf den Hüten, die Kleider schwer vom
Duft der Alpenmatten, da waren Reinholt und Pfannschmidt und der alte
Bogner mit seinem Schwiegersohn zu Hellwig gekommen.
„Endlich!“ rief Reinholt und ging auf ihn zu und umarmte ihn. „Endlich
seh’ ich dich wieder! Wie konntest du ohne Abschied davonlaufen und
nichts mehr von dir hören lassen?“
„Leo!“ sagte Fritz dumpf. „Nein -- du mußt mir noch Zeit lassen, Leo!“
„Was hast du? Ich versteh’ dich nicht?“
Da schrie er gequält auf: „Habt Geduld mit mir! Ich _kann_ euch noch
nicht Rede stehen!“
„Fritz, -- laß doch Vergangenes vergangen sein!“
„Ich -- hab’ euch ärmer gemacht, als ihr gewesen seid, bevor ihr mich
gekannt habt! Ich hab’ euch viel versprochen und nichts hab’ ich
gehalten! Und kann euch nicht einmal Ersatz bieten -- ich bin ja selber
bettelarm dabei geworden!“
„Also _das_ quält dich?“ entgegnete Reinholt. „Na weißt du, so
überflüssig ist nicht bald was! Wen hast du ärmer gemacht? Die zu uns
gehalten, denen geht’s heut’ noch gut -- die anderen liegen, wie sie
sich selbst gebettet haben. Die Spekulation ist mißglückt, ein paar
Gulden sind beim Teufel -- das ist alles und das ist schon längst
verschmerzt. Geh, Fritz, brau’ dir nur um Himmelswillen nicht so
närrisches Zeug zusammen!“
„So zürnst du mir denn nicht?“
Reinholt lachte so laut und herzhaft, daß Hellwig, ob er wollte oder
nicht, von der Grundlosigkeit seiner selbstquälerischen Vorwürfe
überzeugt sein mußte.
„Meister! Mein guter Meister!“ rief jetzt der alte Kesselwärter und kam
schüchtern näher.
Nun flog doch wieder etwas wie ein Lächeln über Hellwigs Gesicht: „Was
macht mein lieber Bogner?“
Die harte Greisenhand strich zärtlich über seinen Rock.
„Jetzt geht’s schon wieder, Meister. Weil ich Sie nur gesund
wiederseh’. Im Anfang freilich ...“ -- und nun ballte er die Faust --
„Die verdammten Kerle! Gott hab’ sie selig, aber wenn sie nicht schon
der Teufel geholt hätte, ich selber müßt’ ihnen was antun ...“
„Ihr seid ja ein ganz blutgieriger Kumpan!“ meinte Kolben lächelnd.
Und der Alte darauf: „Ja, Herr, Sie sind eben nicht dabei gewesen. Wie
das so gekommen ist, so auf einmal mitten in den tiefen Frieden hinein
wie ein Hagelwetter, -- man kann kaum ein Vaterunser beten, ist schon
alles hin ... Der alte Schädel kann’s wirklich nicht aufnehmen ...“ Und
wieder in flackerndem Zorn, mit geballter Faust: „Der Hund, der Karus!“
„Wie ist’s mit ihm gewesen?“ wandte sich da Fritz rasch an Pfannschmidt.
„Ich hab’s nicht gesehen,“ erwiderte dieser, „weil mir der Hieb zu
schaffen gemacht hat. Aber wie sie erzählen, -- er muß rein den Tod
gesucht haben.“
„Ja, Meister!“ fiel ihm nun Adam Pichler ins Wort. „So was glaubt
niemand, der’s nicht mit angeschaut hat. Wie die Schießerei losgehen
soll, steht da nicht der Mensch oben auf dem Steinhaufen mit der Hacke
in der Hand? Und wie sie sich schußfertig machen, springt er, Meister,
er springt, so wahr ich leb’, mitten unter die Soldaten. Stücker drei,
vier schlägt er, daß sie wie Bullen umfallen, dann haben sie ihn fest.
Er aber reißt einem das Bajonett heraus -- ‚Lebendig nicht!‘ schreit er
und ‚Mordbuben!‘ und so was wie ‚Heinz!‘ und hat sich auch schon ins
Herz gestochen.“
„Er wollte nicht mehr leben ohne Heinz ...“ murmelte Fritz verstört.
Ganz still war es nach diesen Worten. Die Abendsonne fiel schräg
durchs Fenster und wob um alle einen warmen goldenen Schein. Wie eine
Botschaft des Friedens war das, und alle Herzen pochten ruhiger.
„Fritz, wir kommen eigentlich mit einer Bitte ...“ sagte Reinholt nach
einer Weile.
„Was könntet ihr von mir noch wollen!“
„Hör’ zu!“ antwortete der Fabrikant und mühte sich wieder einmal
möglichst leichthin und geschäftsmäßig zu sprechen: „Hör’ zu: Die
Spekulation ist also nicht geglückt, und ich bin es müde, hier
was Neues anzufangen. Wir wandern aus. In die deutschen Kolonien,
irgendwohin, wo’s noch unbebautes, ganz jungfräuliches Land gibt. Dort
nehmen wir den Pflug in die Hand und werden Bauern. Nicht um Gewinn,
wieder nur für uns wollen wir arbeiten. Komm mit!“