„Was der Martin sagt, ist zwar eine arge Übertreibung, aber nehmen

wir an, es ist so. Gut. Und was weiter? Wenn’s wirklich so ist, wie

er sagt? Und wenn’s noch ärger wäre, wenn ihr vier und sechs und

zehn Jahre braucht, um den Lohnausfall hereinzubringen. Was weiter?

Dürft ihr euch deswegen mit Halbheiten begnügen? Mit einem Erfolg,

der keiner ist, nicht Fisch, nicht Fleisch? Da hätten wir gar nicht

anfangen dürfen! Jetzt gibt’s einfach kein Biegen mehr! Jetzt muß es

brechen -- und wenn wir alle dabei zugrunde gehn! Jawohl! Schaut nicht

so entsetzt drein! Ihr könnt einfach nicht nachgeben! Könnt nicht,

versteht ihr? Denn die einmal aufgestellten und nicht befriedigten

Forderungen, die würden fort und fort in euch weiternagen, und ihr

hättet keine Ruhe, bis ihr sie früher oder später doch durchsetzt. Und

der Kampf, den ihr dann um den Rest führen müßtet, wäre größer und

schwerer als der heutige ums Ganze! Das ist es! Und sind die Opfer, die

ihr jetzt bringt, wirklich zu groß? Wenn dann euch und mindestens noch

euern Kindern, von den Enkeln will ich nicht reden, wenn auch dann ein

ruhiges Fortarbeiten bei halbwegs hinreichendem Verdienst sicher ist?

Seid mir drum nicht so verzagte Angstmeier! Kleinmütige Kreuzerbettler!

Vertraut und seid starr! Unser Sieg ist nur noch eine Frage von Tagen.

Er kann einfach nicht ausbleiben! Nur, ihr müßt auch dran glauben!“

Nun hatte er sie wieder fest. Der alte Nörgler wiegte zwar noch

unschlüssig den Kopf. Aber auch er sprach nicht mehr dagegen.

Ziemlich zur selben Zeit saßen im großen Sitzungssaale des Palastes,

den sich die Grubenbesitzer erbaut hatten, ungefähr fünfzehn Herren

um einen grünen Tisch. Hagere Gestalten zumeist, mit schmalen Händen

und nervösen Bewegungen, in Gehrock oder Jackett, tadellos nach

der letzten Mode gekleidet. Nur einer war dabei, der wollte in die

elegante Versammlung gar nicht recht hineinpassen, Max Koppenstein,

ein fettes Herrchen mit einer goldenen Kette über dem Spitzbauch.

Er hatte eine ganz enge, niedrige Stirn, und daran hing, breit

ausgebaucht, mit roten Backen und mächtigem Doppelkinn, das feiste

Schlemmergesicht wie ein runder Luftballon. Aus zwinkernden Äuglein

hinter weißlichen Wimpern schaute er sehr harmlos in die Welt und war

doch der Gefährlichste unter diesen kalten Geldmenschen, unübertroffen

in der sanften, zärtlichen Grausamkeit, mit der er seine Angestellten

auspumpte und seinen Schuldnern die letzte Habe pfändete. Und wenn er

sich manchmal im Bureau in Gegenwart eines Geschäftsfreundes ein Glas

ältesten Kognaks einschenkte, dann sagte er wohl zungenschnalzend:

„Das ist ein Schnäpschen! Wie das duftet! Hm?“ und hielt dem Zuschauer

lobgewärtig das leere Becherchen unter die Nase. Aber einschenken tat

er ihm nichts. Doch schadete das seinem Ansehn keineswegs, denn er war

steinreich, besaß die meisten und die ergiebigsten Flöze und hatte

deswegen auch in der heutigen Versammlung den Ehrenplatz inne, zur

Rechten des uniformierten Vertreters der Regierung.

Steif und förmlich, mit herablassenden Mienen und gemachtem Gleichmut,

rückten sich die Herren auf den schweren Lederstühlen zurecht, als

Hellwig mit seinem Häuflein in den Saal trat. Der Beamte wies ihnen

die Plätze an und hielt eine Rede, die dem Geist der Versöhnung, dem

friedlichen Zusammenwirken in Eintracht und Brüderlichkeit einen

Preishymnus sang. Man solle, sagte er, bedenken, daß noch kein Friede

ohne beiderseitiges Entgegenkommen geschlossen worden sei. Man solle

dem großherzigen Beispiel der Unternehmer folgen und der Allgemeinheit

zuliebe Opfer bringen, die nur scheinbar Opfer seien, denn sie werden

sich reichlich bezahlt machen durch das Blühen und Gedeihen des Staates

und der Volkswirtschaft, aus welcher Quelle dann hinwiederum allen

Bürgern Vorteil fließe.

Und kühl und ruhig, mit ganz leichtem Spott, erwiderte Hellwig darauf:

„Die fünfzehntausend Menschen, die zu vertreten wir die Ehre haben,

wollen nicht Großherzigkeit oder Gnade, sondern ihr Recht. Von schönen

Worten werden sie nicht satt und ebensowenig von dem großmütigen

Angebot. Das Sattwerden aber ist zum Blühen und Gedeihen zumindesten

des einzelnen eine so notwendige Sache, daß sie jedes Opferbringen

ausschließt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Und wer

zu essen hat, braucht nicht zu arbeiten, nicht wahr, meine Herren?

Jedenfalls haben Sie zu essen. Nun, und die hinter mir stehn, wollen

das auch. Sie wollen beileibe nicht so gut, sie wollen nur genug essen.

Das ist ein so klares, einfaches und selbstverständliches Verlangen,

und ist doch so ernst und fromm, daß sich nichts davon herunterhandeln

läßt. Der Versuch zu schachern und zu feilschen ist Ihrer ebenso

unwürdig, wie es für uns unwürdig wäre, darauf einzugehen. Wir können

kein Jota nachlassen. Sie haben lang genug getrotzt, -- geben Sie es

auf! Es war ein Irrtum, -- gestehen Sie ihn ein! Denn früher oder

später müssen Sie doch nachgeben! Tun Sie es heute -- und schon morgen

wird in allen Gruben wieder gearbeitet!“

Auf ein so stolzes, selbstbewußtes Auftreten waren die Herren nicht

gefaßt, hatten vielmehr erwartet, daß ihr Angebot ohne Besinnen

werde angenommen werden. Wie Könige waren sie sich vorgekommen, die

unverdiente Gnaden austeilen. Jetzt schwiegen sie mit gefalteten

Stirnen und undurchdringlichen Mienen. Nur Max Koppenstein zog die

Schultern hoch, breitete die Arme aus und sagte: „Ich denke, meine

Herrn, darauf kann es nur _eine_ Antwort geben.“ Und zu dem Beamten

gewendet, fuhr er fort: „Nun haben Sie sich, verehrtester Herr

Ministerialrat, wohl selbst überzeugt, wo die Schuld liegt. Es tut

uns ja aufrichtig leid, aber“ -- wieder zog er die Schultern hoch und

wieder breitete er die Arme aus -- „schließlich kann doch kein Mensch

verlangen, daß wir uns verbluten sollen.“

So schien der Einigungsversuch gescheitert und der Gegensatz zwischen

den beiden Parteien verschärft. Aber es war doch anders. Denn die

Regierung bot nach wie vor alles auf, um die Unternehmer zur Annahme

der sämtlichen, in keiner Weise übertriebenen Forderungen zu bewegen.

Es gelang ihr auch, einen nach dem andern nachgiebig zu stimmen. Aber

jeder machte seine Einwilligung von der Bedingung abhängig, daß Max

Koppenstein, dem ein reichliches Achtel der gesamten Kohlengruben

gehörte, sich ebenfalls anschließe. Der indes war wie ein Aal und ließ

sich nicht greifen. Er war sehr höflich, ungemein konziliant, von einer

bestrickenden Liebenswürdigkeit. Aber nein sagte er trotzdem. Unter

tausend Entschuldigungen, überzuckert und verblümt, aber dennoch: nein.

Nach einigen Tagen wurde ihm vorsichtig und vertraulich die Möglichkeit

einer Ordensauszeichnung angedeutet. Da legte er zehn Prozent zu. Und

es hätte wohl nicht mehr viel gebraucht, um ihn ganz zu gewinnen. Denn

es gab noch höhere Orden und es gab Adelsbriefe.

Da kam ein unerwartetes Ereignis den Arbeitern und der Regierung zu

Hilfe.

7.

Die gewaltige Braunkohlenablagerung umfaßte ein Gebiet, das gut

fünfzehn Kilometer breit und fast viermal so lang war. Von Urgebirgen

eingeschlossen und nur manchmal durch schmale Bänder eruptiven Gesteins

unterbrochen, lagen hier die Flöze neben- und übereinander, bald knapp

unter der Erdoberfläche, bald Hunderte von Metern tief.

Offene Tagbaue gab es, in deren schwarze Vierecke die Sonne schien und

die bloßgelegte Kohle bald da, bald dort an den senkrechten Wänden in

Brand setzte, so daß beständig Rauchsäulen emporwirbelten. Und nicht

weit davon bohrten sich unterirdische Schachtanlagen dreihundert Meter

ins Erdinnere. Und überall qualmte die Lösche, zu Bergen getürmt, auf

den Halden, füllte ein brenzlicher, staubgesättigter Dunst die Luft,

hing der Rauch wie ein feiner Nebel über den verwüsteten Landstrichen,

die nach dem Abbau eines Schachtes zurückgeblieben waren, über den

noch üppigen Weizenfeldern daneben und über den -- wie lange noch? --

lachenden Fluren.

Und mitten in dem Becken lag, zwischen Porphyrhügel eingebettet, weit

berühmt durch ihre heilkräftigen Quellen, eine Badestadt. Rund um sie

rauchten die Schächte, wurde der Boden von den Bergleuten durchwühlt,

die Stollen und Querschächte trieben gleich Gängen riesiger Feldmäuse.

Und dicht daneben bahnten sich durch die Spalten des zerklüfteten

Porphyrs die warmen Quellen den Weg zur Stadt.

Die Schächte aber waren seit vielen Wochen unbeaufsichtigt. Und niemand

wußte, daß in den Gruben Koppensteins seit einigen Tagen, meist zur

Nachtzeit, aus der Ferne angeworbene, schlecht geschulte Kreaturen

wieder arbeiteten. Der schlaue Fuchs traf seine Vorbereitungen, um nach

Beendigung des Streiks -- das Ende hing ja nur mehr von ihm ab, und

er konnte es herbeiführen, wann es ihm paßte, -- um nach Beendigung

des Streiks die Lieferungen unverzüglich mit aller Kraft aufnehmen zu

können. Die Kohlen blieben vorläufig noch unten in den Schächten --

denn die Förderschalen mußten still stehn. Aber schon waren alle Hunde

voll beladen. Wo nur ein freies Plätzchen in den Stollen war, türmten

sich die Kohlenstücke und konnten nach der Aufnahme des regelmäßigen

Betriebes sofort hinaufgeschafft, sortiert und in die Eisenbahnwagen

verladen werden. Auf solche Weise hoffte Koppenstein der Konkurrenz

einen Vorsprung von einigen Tagen abzugewinnen.

Da geschah es, daß bei diesem Abbau ohne planmäßige Leitung eine

Schwimmsandschicht angefahren wurde. Ungeheure Sandmassen gerieten in

Bewegung, durchbrachen, einmal in Fluß, die trennenden Schachtwände

und stürzten gleich riesigen Lawinen in die Gruben. Und die Erdrinde,

unter der sie seit Jahrhunderten ruhig gelegen, wurde mitgerissen von

der furchtbaren Gewalt des wandernden Sandes, kam ins Rutschen, Gleiten

und brach nieder.

Es war eine laue, regendrohende Febernacht, als die Bewohner der

Badestadt durch ein ohrenbetäubendes Gedröhn und Geprassel aus dem

Schlaf geschreckt wurden. Der Boden schwankte, Mauern barsten,

Häuser wankten, sanken krachend in sich zusammen. Eine ganze breite

Straßenzeile, die mit schönen Gebäuden gerade über dem Schwimmsandlager

errichtet war, hatte sich gesenkt, zwanzig Häuser waren eingestürzt,

viele standen windschief mit gespaltenen Grundpfeilern, geknickten

Eisenträgern, verschobenen Dachstühlen und zitterten wie große Tiere.

Tote und Verwundete lagen unter Ziegelschutt, Sparrenwerk und

zertrümmertem Hausrat. Aus den Betten gescheuchte Menschen rannten

halb nackt durch die dunklen Gassen, fragten, stießen sich, weinten,

schrien, heulten und rangen die Hände, ratlos, planlos irrend, von

einer entsetzlichen Angst geschüttelt. Und dazwischen tönte das

Stöhnen und Brüllen der Verschütteten, das Prasseln der Balken, das

Aufschlagen fallender Dächer. Und jedesmal, wenn eine Wand sich neigte,

ein Schuttregen niederging, hetzte die Furcht aufs neue in wirbelndem

Knäuel die aufgestörten Menschen durcheinander. Gellend schrien sie

auf, duckten sich, hielten sich die Ohren zu, prallten aneinander und

waren wie von Sinnen. Der Türmer läutete Sturm mit allen Glocken. Auf

den Bahnhöfen pfiffen die Lokomotiven in winselnden, langgezogenen,

Hilfe heischenden Klagelauten. Und die Finsternis stand unbeweglich und

schlang alle Tonwellen mit dunkel gähnendem nimmersatten Rachen.

Endlich kam Hilfe. Ärzte, Rettungsmannschaften, Feuerwehren. Besonnene

Männer nahmen die Leitung in die Hand. Aus den Nachbarstädten trafen

in mehreren Eisenbahnzügen Verstärkungen ein. Die nervenzersetzende

Angst wich, der panische Schrecken machte einer verzweifelten

Entschlossenheit Platz. Hunderte und Hunderte regten sich im Schein der

flackernden Windlichter, handhabten Schaufel und Spaten, trugen die

Verwundeten zum Verbandsplatz, schleppten Möbel aus bedrohten Gebäuden.

Vor den Schächten aber hatten sich die Bergleute gesammelt. Freiwillig

waren sie gekommen, im Arbeitskittel, mit Lederschurz und Grubenlampe.

Ohne Besinnen, als ein ganz Selbstverständliches, boten sie ihre Hilfe,

ihr Leben an, machten sich zur Einfahrt fertig. Die eingerosteten

Ketten der Förderschalen ächzten schrill, langsam begannen sich die

Räder zu drehen, schnurrten die Seile.

„Glückauf!“

„»Glückauf!“«

Und unter der Führung einiger Ingenieure ging es in die feindliche

Tiefe, der Gefahr zu Leibe, um nachzuforschen, einzudämmen, abzulenken,

Tote zu bergen, und die Schächte vor dem Ersaufen zu bewahren.

Aber noch ein anderes war geschehen.

Durch die ungeheure Erschütterung im Innern der Erde war auch eine der

dünnen Wände gesprengt worden, die die weit vorgetriebenen Stollen von

den Quellspalten trennten. Die Thermalwasser waren in die Grubenbaue

eingedrungen, breiteten sich darin aus, und im gleichen Maße, wie sie

in den Schächten stiegen, fielen sie in ihrem früheren Staubecken,

bis sie nach dem Gesetz kommunizierender Gefäße hier wie dort mit

gleich hohem Spiegel standen, in ersoffenen Schächten einerseits und

anderseits so tief unter den Badehäusern, daß die Leitungsröhren nicht

mehr bis zum Wasserspiegel reichten. Die heilkräftigen Quellen, der

Ruhm und Stolz der Stadt, drohten zu versiegen.

Jetzt freilich wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet. Sie

enthüllte Ungeheuerliches. Unter dem Eindruck desselben nahmen die

Gewerken alle Forderungen ihrer Arbeiter in Bausch und Bogen an, um

wenigstens _einen_ Feind vom Hals zu haben und nicht zwischen zwei

Feuer zu geraten. Sie hofften auch, daß die Regierung, dadurch zur

Milde gestimmt, Gnade für Recht üben und ein Vertuschen der Verbrechen

ermöglichen würde. Auch an Hellwig traten sie heran, baten ihn

und boten als Anzeigengelder große Bestechungssummen, wenn er die

Angelegenheit in seiner Zeitung totschweige. Er wies ihren Vertretern

die Tür. Und brachte Artikel nach Artikel, sachlich, trocken, auf Grund

amtlicher Feststellungen.

Die Bergwerksinspektoren hatten bisher die Aufsicht nur lax oder gar

nicht ausgeübt. So war es möglich geworden, daß sich die Unternehmer

seit Jahrzehnten über alle Sicherheitsvorschriften wegsetzen konnten.

Am ärgsten schaute es in den Koppensteinschen Gruben aus. Die lagen

in der Nähe der Heilquellen und zu beiden Seiten der Eisenbahn. Dort

durfte die Kohle nicht abgegraben werden, sollten Stützen, Wände und

Pfeiler stehen bleiben zum Schutz der Quellen und der Bahn. So stand es

in der Vorschrift. Aber in Wirklichkeit war die Kohle doch abgegraben,

und die Pfeiler, Wände und Stützen waren kaum halb so dick, wie es das

Gesetz verlangte. Und unter dem Bahnkörper liefen Stollen weg und

Gänge. Und darüber, auf der dünnen Rinde, keuchten Tag und Nacht ohne

Pause die schweren Lastzüge, donnerten die Eilzüge mit den Kurgästen.

Als durch Hellwigs Zeitung diese Dinge bekannt wurden, ging der übliche

Entrüstungssturm durch die Presse. Noch nie hatte ein Provinzblatt

solchen Aufruhr erregt. Auch die Blätter des Auslandes rauschten

mit. Sie brachten Abbildungen und ergingen sich in schauerlichen

Schilderungen der Unfälle, die möglich gewesen wären. Erzählten von

kranken Menschen, die voll Hoffnung den Bädern entgegeneilten und nicht

wußten, daß der Weg dahin über bereitete Gräber führte. Auch der Reiter

über den Bodensee wurde vielfach zitiert. Und man war darüber einig,

daß die Inspektoren ihre Pflicht in unverantwortlicher Weise verabsäumt

hatten.

Nun wurden Beamte in Massen versetzt, gemaßregelt, entlassen.

Koppenstein aber war zugrunde gerichtet. Auf seine Kosten sollten

die Hohlräume unter den Schienen ausgefüllt, die schwachen

Pfeiler und Schutzwände durch Mauerwerk gesichert, sollte, um die

Heilquellen in ihre früheren Wege zurückzudrängen, die Verbindung

zwischen den Quellspalten und Gruben durch Dämme und Betonfüllungen

gestopft werden. Und die Bahn forderte Ersatz für die unter ihrem

Grundeigentum gewonnenen Kohlen, und die Stadtgemeinde, die Besitzer

der eingestürzten Häuser, die Hinterbliebenen der Getöteten und die

Verletzten stellten ebenfalls Ersatzansprüche. Und überdies drohte ein

Strafprozeß wegen fahrlässiger Gefährdung von Menschen, Beschädigung

fremden Eigentums, wegen Diebstahls und einer Menge anderer Verbrechen.

Das ertrug Koppenstein nicht. Aus dem Gefängnis hätte er sich

vielleicht nicht viel gemacht, aber daß die rastlos angehäuften

Reichtümer mit einem Schlag in alle Winde zerstieben sollten, das warf

ihn nieder. In der Marmorwanne seines Badezimmers öffnete er sich die

Pulsadern und verblutete.

Seine Verwandten richteten ihm ein Begräbnis erster Klasse mit

jeglichem Pomp. Viele folgten dem sechsspännigen Leichenwagen. In den

Augen seiner Standesgenossen war er entsühnt.

Glimpflicher kamen die andern Grubenbesitzer weg. Aber fast keiner war

ganz frei von Raubbau und Unterlassungssünden. Da wurden die stolzen

Herren gar klein. Auf einmal konnten sie geschmeidig den Rücken beugen,

sich entschuldigen, um Gnade betteln. Die Arbeiterfrage war vollständig

in den Hintergrund gedrängt. Willig zahlte man die höheren Löhne,

suchte alles zu vermeiden, was die Öffentlichkeit noch mehr aufbringen

konnte. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis die Anordnungen der

Behörden durchgeführt waren und der Skandal halbwegs in Vergessenheit

kam.

Jetzt endlich konnte Hellwig aufatmen. Die Kämpfe gegen die

Lotterwirtschaft hatten mit ihren schlaflosen Nächten und furchtbaren

Aufregungen seinen widerstandsfähigen Körper doch stark mitgenommen.

Es war sein Verdienst, daß der Augiasstall gründlich gesäubert wurde.

Er war der Herold gewesen, der Rufer im Streit, hatte die anderen

wachgerüttelt und rücksichtslos alles aufgedeckt, was sonst vielleicht

nur entstellt oder gar nicht in die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Als

hierauf das große Rauschen der Blätter anhob, schwieg er. Zu stolz, um

zu jubeln oder den Besiegten zu höhnen, schwieg er und überließ anderen

die Ausnützung des erfochtenen Sieges.

Jetzt war er wieder viel zu Hause, saß beim Fenster und blickte über

den Strom hinüber zu den waldigen Bergen, wo schon die Blütenkätzchen

aus den Zweigen brachen und die ersten Spitzen des jungen Grüns. Eine

leise Schwermut war in ihm, eine gärende Sehnsucht, die nicht Wunsch

werden wollte. Wieder war ihm, als müßte er etwas suchen, und wußte

doch nicht was. Fühlte er den Drang zum Schaffen, das Verlangen nach

irgendeiner befreienden Tat, fand aber weder Umriß noch Plan.

Es war bald recht still um ihn geworden. Selten besuchte ihn jemand.

Sie waren ihm dankbar, sprachen mit anerkennenden Worten von seiner

energischen Führung. Aber da sie ihn nicht mehr brauchten, hatten

sie keinen Anlaß, zu ihm zu gehen. Nur Pfannschmidt kam regelmäßig.

Der arbeitete nicht mehr im Schacht. Hellwig hatte sich an die

Parteileitung wegen Beigabe einer Hilfskraft gewendet und den

Bergmann in Vorschlag gebracht. Das war genehmigt worden, und so saß

Pfannschmidt nunmehr in der Schriftleitung, besorgte die laufenden

Geschäfte und fühlte sich endlich auf einem richtigen Platz.

8.

Es war bereits Frühling geworden, als Fritz eines Tages die Nachricht

erhielt, daß Doktor Kreuzinger gestorben sei. Da fuhr er mit dem

nächsten Zuge nach Neuberg. Seit sechs Jahren war er nicht mehr dort

gewesen. Und was lag alles dazwischen. Erst als ein Vorkämpfer des

Deutschtums von den Studenten gepriesen, dann als Verräter und Feigling

in Acht und Bann getan, von allen Leuten als Verkommener und Verlorener

abgeurteilt, kehrte er jetzt wie ein Sieger zurück. Der Streik hatte

seinen Namen überall bekannt gemacht. Auch die klerikalsten Neuberger

waren stolz, daß ein Kind ihrer Stadt so was hatte leisten können. Und

kaum daß er vom Bahnhof ins Städtchen kam, sprach ihn jeder, der ihn

noch erkannte, mit grüßenden Worten an, wollte ihm die Hand drücken,

fragte, ob er sich noch seiner erinnern könne. Sein Name war aber

auch monatelang täglich in allen Wirtshäusern genannt worden. Sogar

Professor Hermann hatte voll Genugtuung erklärt, daß Fritz Hellwig sein

Schüler und wie begabt er gewesen sei. Und nur Pater Romanus hatte dann

immer säuerlich-süß den Mund verzogen und ein paar Worte fallen lassen

vom Hochmut, der vor dem Fall kommt. --

Doktor Kreuzinger hatte einen wunderschönen Tod gehabt. An einem warmen

Frühlingsmorgen war er auf seiner Gartenbank eingeschlafen, das neueste

Werk eines berühmten Forschers mit dessen eigenhändiger Widmung auf den

Knien. Die Vögel sangen über ihm im Buchenbaum, die Sonne streichelte

sein weißbärtiges Antlitz. Und als sie ihn so fanden, glaubten sie,

er lächle aus einem schönen Traum heraus. Nun lag er zwischen seinen

Sammlungen aufgebahrt und sollte nach Gotha zur Feuerbestattung

gebracht werden. Heinz und Kolben, Fritz und Wart Nikl trugen die

Bahre zum Bahnhof. Priester war keiner zugegen. Und nur wenige Freunde

folgten dem Sarge des als gottlos Bekannten. Denn die Stadt war ganz

in den Klauen des Klerikalismus und es gehörte Mut dazu, sich diesem

unduldsamen Riesen entgegenzustellen.

Und über den Toten weg ging das starke Leben unbekümmert weiter.

Eva, der kleine Backfisch von einst, war groß und reif und frauenhaft

geworden. Die Trauer um den Großvater lag über ihrem Frohsinn wie der

weiche Flaum auf der Schale einer schönen Frucht. Aber die schlanken

Glieder regten sich wie unter unerwünschten Fesselbändern, und hinter

den ernsten Mienen drängte verhalten die Daseinsfreude zum Durchbruch.

So stand sie im Garten vor Fritz, am Tag nach dem Begräbnis, und

mühte sich ruhig zu erscheinen, während ihm ihre ganze Jugend

entgegenzitterte. Gleichgültige Dinge redete sie, und hätte ihm doch am

liebsten zugerufen: „Steh nicht so hölzern da! Nimm mich in deine Arme!

Dort gehör’ ich hin, ich bin ja dein ...“

„Haben Sie wirklich nicht an mich gedacht? Die ganze Zeit her nicht?

Nicht einen einzigen Gruß hatte mir Heinz zu melden!“

Er blickte ihr in die schimmernden Augen.

„Aber von Ihnen hat er mir einmal einen Gruß ausgerichtet,“ sagte er

langsam. Sie wurde rot. Er fuhr fort: „Ich dank’ Ihnen heute dafür. Und

wenn ich es nicht durch Heinz hab’ besorgen lassen ...“ Er stockte und

wollte hinzufügen: „Sie sind mir zu gut dafür.“ Aber das brachte er

nicht über die Lippen, sondern meinte nur: „Was hätten Sie auch davon

gehabt?“

„Mich hätt’s gefreut!“ antwortete sie leise.

„Kann man sich über leere Worte freuen?“

„Ah -- wenn es nur leere Worte gewesen wären -- dann gewiß nicht!“ Das

klang zornig. Und als er zögernd fragte: „Wofür hätten Sie’s denn sonst

gehalten?“, zuckte sie die Achsel: „Wenn Sie das nicht selbst wissen

... übrigens, ich hab’ auch ohne das gelebt!“

Mit einer schnellen Wendung kehrte sie sich von ihm weg.

Fritz konnte sich die plötzliche Ungnade nicht erklären. Und weit

entfernt, den wahren Grund auch nur zu ahnen, ritt er sich mit seiner

bärentatzigen Ehrlichkeit noch tiefer hinein: „Ich hab’ nichts

Schlimmes dabei gedacht, Fräulein Eva. Ich hab’ nur gemeint, so durch

einen Vermittler ... Wenn ich’s aber weiß ...“

Da unterbrach sie ihn bös: „Sie bilden sich doch nicht am Ende ein, daß

ich um Ihren Gruß stehe? Den können Sie schon behalten. Mir liegt gar

nichts daran!“, gab sich einen Ruck, warf den Kopf in den Nacken und

rauschte stolz davon.

Fritz sah ihr nach, wie sie über den Hof ins Haus schritt und fühlte

den zornigen Wunsch, ihr nachzustürzen, sie an den Armen zu packen

und zu schütteln: „So versteh mich doch!“ Da drehte sich das Tor in

quietschenden Angeln, fiel hinter dem blonden Fräulein ins Schloß.

Und mit einem Male war der weite Hof mit den regsamen Arbeitern, den

zahlreichen Fuhrwerken und den stampfenden Pferden öd und leer. Wie von

fernher kommend rauschte der Lärm der Auflader an seinem Ohr vorüber.

Und während Minute um Minute verrann, fühlte er erst noch dumpf, dann

bewußter, deutlicher und erkannte endlich mit ganz scharfer Klarheit,

wie es um sein Herz eigentlich stand.

Im selben Augenblick legte ihm der Kaufmann die Hand auf die Schulter.

„Nanu?“ sagte er. „Sie stehen ja da wie der steinerne Roland beim

Röhrkasten!“

Fritz fuhr zusammen, schaute den gemütlichen Mann mit fremden Augen an.

„Wissen Sie,“ sprach dieser weiter, „wissen Sie, das gefällt mir gar

nicht von Ihnen! Himmel, Schimmel, wenn man jung ist, soll man wie ein

Eichkatzl sein und die Welt zusammenreißen vor lauter Lebendigkeit!

Nicht so leutscheu und winkelheimlich! Wenn Sie sich jetzt sehn

könnten! Das Gesicht! Die Milch gerinnt, wenn Sie hineinschaun! Was ist

denn eigentlich mit Ihnen los?“

Und als Fritz auch darauf keine Antwort gab, schüttelte er bedenklich

den Kopf: „Sonderbar, die Leute von heute! Der meinige ist gerade so!

Wenn man Sie ansieht, meint jeder, Sie könnten nicht bis drei zählen.

Und wenn’s nicht wahr wär’, möcht’ ich niemals glauben, daß so ein

Mannl die Raubritter da oben zusammenhaut und die Kohlen so teuer

macht, daß man sie bald nicht mehr wird bezahlen können!“

„Es hat so kommen müssen,“ antwortete Hellwig gedankenlos, „mein

Verdienst ist’s nicht.“

„Kruzitürken und Chineser, bescheiden sind Sie auch? Das hat noch

gefehlt! Sagen Sie mir nur, was hat man denn von der Bescheidenheit?

Höchstens, daß man tüchtig übers Ohr gehauen wird. Auftreten muß man

heutzutage: ‚So bin ich und wenn ich euch nicht pass’, steigt mir alle

auf den Buckel!‘ -- Das gibt einem erst Gewicht! -- Mein Schwiegervater

war auch so einer. Nur ja nicht merken lassen, daß er mehr versteht wie

die andern. Und er hätt’ sie doch alle in die Tasche stecken können.

Aber der dümmste Kerl hat sich vor ihm in der Sonne den Bauch wärmen

dürfen, und er ist zufrieden im Schatten sitzen geblieben. So ein Wesen

begreif’ ich einfach nicht.“ --

„Er hat ...,“ entgegnete Fritz versonnen, „er hat -- die fremde Wärme

nicht gebraucht. Er hat von uns überhaupt nichts gebraucht, hat alles

in sich selber gehabt. -- Wie Bettler sind wir vor ihm gestanden.

Haben uns beschenken lassen und -- konnten nicht einmal dafür danken.

Weil er auch für unsern Dank zu reich gewesen ist. Wir -- verlieren

uns hundertmal -- an die Erde -- an die Menschen -- verzetteln und

verpulvern uns -- damit wir nur nicht an uns zu denken brauchen und

an unsere Armut. Glück suchen nennt man das. Er -- ist mit sich allein

geblieben -- ist groß genug gewesen zum Alleinsein -- und hat das

Glück _gehabt_. Von den Ranken, die sein Herz getrieben hat, ist keine

verdorrt. Sie sind um die Welt gewachsen, ja -- ganz rund herum sind

sie gewachsen und doch alle wieder in seinem Herzen zusammengekommen.

So war er.“

Während er sprach, schaute er unablässig auf einen blauen Ölkäfer, der

seinen dicken Leib träg über den Kiesweg ins Gras schleppte. Jetzt

schwang sich ein Spatz vom blühenden Apfelbaum, nahm das Kerbtier in

seinen Schnabel und flatterte durch den Sonnenschein davon. Ein paar

weiße Blütenblätter fielen lautlos wie Flocken vom schwingenden Ast auf

den grünen Rasen.

Wart Nikl räusperte sich und nahm Hellwigs Hand zwischen seine beiden.

„Ich versteh’ nicht, was Sie da gesagt haben. Aber fühlen kann ich’s

schon, wie Sie’s meinen. Ein Alter, über den die Jungen so reden, der

muß wohl viel wert gewesen sein.“ Und als ob er den düster Starrenden

trösten wollte, fügte er hinzu: „Er hat Sie sehr gern gehabt.“

Fritz lächelte bitter. Über den Hof herüber rief die krähende Stimme

eines Lehrbuben nach dem Kaufmann.

„Kopf hoch, Fritz!“ sagte er noch. Und mit verlegener Herzlichkeit:

„Wissen Sie, ganz so ohne sind Sie auch nicht. Ich hab’ ordentlich

einen Respekt vor Ihnen, Kreuzdonnerwetter! Den krieg’ ich vor solchen

Grünschnäbeln nicht so bald!“

Und fort war er.

Hellwig atmete auf. Fluchtartig, damit ihn nicht abermals jemand

aufhalte, hastete er durch die rückwärtige Gartentür auf die Gasse

und lief seinen alten Weg über die Brücke, die Hügellehne hinan zu

den stillen Lichtungen, wo im Sommer die Erika glühte. Jetzt standen

späte Himmelschlüssel in den Fluren und in heimlichen Waldwinkeln unter

Strauchwerk versteckt blühten die Maiglöckchen auf.

Er suchte die Einsamkeit. Aber er fand sie nicht. Überall regte sich’s,

trieb Blätter, surrte um Blumen, flatterte, zwitscherte, lockte und

holte sich die Genossin. Da warf er sich mit dem Gesicht nach abwärts

auf den Boden und deckte die Hände vor die Augen. Er schämte sich

seiner Liebe. Weil sie ihn von einem andern Wesen abhängig machte, ihm

die Selbständigkeit raubte, als ein Fremdes von seinem Herzen Besitz

ergriff, seine Ziele verdunkelte und Zwiespalt in sein Wollen brachte,

ohne daß er sich davon befreien konnte. Er bäumte sich dagegen, wollte

das Gefühl ersticken und den Zwang abschütteln. Aber immer wieder

drängte sich das Bild des schlanken Mädchens unter seine wirbelnden

Gedanken, zwang ihn, an schimmernde Augen zu denken, an trotzig

geschürzte Lippen und blondes Haar, das über einem feinen Gesicht wie

ein Goldhelm leuchtete.

Und endlich erlahmte ihm die Kraft zum Widerstand. Auf dem Rücken

liegend, schaute er traumverloren in das durchsonnte grüne Netz

der Äste, ließ sich von seiner Sehnsucht leise wiegen. Ein Kuckuck

schrie aus der Ferne immerzu. Und jetzt sang auch von irgendwo eine

schmetternde Männerstimme in den fröhlichen Wald hinein:

„Es fallen drei Sterne vom Himmel,

Die geben hellen Schein.

Wer wird uns früh aufwecken

Beim braunen Mädelein?

Ei, wer uns früh aufwecken wird?

Das tun die Waldvögelein.

Die wecken uns all die Morgen

Beim braunen Mädelein!“

Ein übermütiges Jauchzen klang dem Liede nach.

Da riß sich Fritz ungestüm aus der weichen Stimmung. Was war ihm denn

so Großes widerfahren, daß er müßig sein und schlaff werden durfte?

Hatte sich eine Ranke, die _sein_ Herz getrieben, um ein blondes Mädel

geschlungen und war nach diesem Umweg wieder zu ihm zurückgewachsen?

Fast höhnisch lächelte er. Nun, und wenn? Sollten deswegen die anderen

verdorren? Er bewegte die Unterarme mit den geballten Fäusten vor sich,

wie wenn er einen Stab zerbrechen wollte. Und den trotzigen Blick

geradeaus gerichtet, als sähe er an den Stämmen vorbei nach einem nahen

Ziel, schritt er durch den Wald. Niemand sollte ihn mehr abdrängen!

Niemand!

Andern Tags reiste er ab. Beim Abschied vermied er, Eva die Hand zu

reichen.

9.

Otto Pichler hatte das letzte Rigorosum abgelegt. Glühend vor Freude

eilte er nach Haus, umarmte die Wondra, und dann, in seiner Stube,

begann er unverweilt seine neue Unterschrift einzuüben. ~Dr.~ Otto

Pichler. In markigen Buchstaben, mit einem schwungvollen Schnörkel.

Aber das genügte ihm nicht. Er kniete auf den Fußboden nieder und wohl

fünfzigmal schrieb er mit Kreide auf die braunen Bretter: ~Dr.~ Otto

Pichler. Und immer markiger wurden die Buchstaben, immer besser gelang

der Schnörkel.

Seine Beziehungen zu Hellwig hatte er schon längst wieder lose

angeknüpft. Der Umstand, daß Heinz Wart, Kolben und Fritz bei den

Freien Blättern wirkten, hatte auch ihn zu einer Schwenkung ins

sozialistische Lager veranlaßt. Denn es schien ihm nicht unmöglich,

daß er, von den einstigen Freunden unterstützt, auf dem guten

Sprungbrett der Journalistik sich später in eine angesehene Stellung

hinüberschnellen könnte, in ein Reichsratsmandat oder ähnliches. Klug

und mit kühlem Bedacht arbeitete er auf dieses Ziel los. Er verstand

gewandt, geistreich und witzig zu schreiben, sein Stil war wie seine

Rede, flott, frisch und lebendig, und was seiner Überzeugung an Tiefe

fehlte, ersetzte er durch schöne Worte und verblüffende Wendungen.

Mit Warts Hilfe gelang es ihm, seine Aufsätze bei den Freien Blättern

unterzubringen, und bald hatte er als Feuilletonist einen kleinen

Ruf. Seine Schreibweise gefiel, das Publikum las die schaumleichten

Sächelchen gern, die sich noch obendrein wissenschaftlich gaben und

viele interessante Dinge ‚populär‘ darstellten. Aber auch mit den

Herminonen kam er deswegen nicht über Kreuz. Er wußte alle heiklen

Klippen geschickt zu umsegeln, so daß er nach wie vor ungestört in der

Gesellschaft der Studenten verkehren konnte.

Hellwig aber hegte gegen ihn keinen Groll mehr. Er war reif genug

geworden, um das Verhalten des einstigen Freundes damals bei der

Satisfaktionsverweigerung als jugendliche Torheit zu belächeln. Nach

wie vor glaubte er an die ehrliche Tüchtigkeit, hielt er viel von den

Fähigkeiten des Schulkameraden, und von der fröhlichen Leichtigkeit,

mit der Otto das Zutrauen der Leute und ihre Sympathien eroberte, ließ

auch er sich immer wieder gefangen nehmen.

Als ihn daher, nach dem Ende des Streiks und der Aufregungen, die Ruhe

und Tatenlosigkeit zu quälen anfing, während in Wien große Dinge sich

vorbereiteten, der Kampf um das allgemeine Wahlrecht mit aller Wucht

aufgenommen werden sollte und auch sonst dort, im Aneinanderprallen

des kühnsten Fortschritts und der verbissensten Reaktion, die Kräfte

immer frisch und stahlblank blieben, -- als ihn das nun in der tiefen,

schlaffen Stille der Provinz zu quälen und zu locken anfing, da schrieb

er an Pichler, ob er sein Nachfolger werden wolle. Wenn ja, möge er

sich bei der Parteileitung darum bewerben, er, Hellwig, gedenke wieder

zu den Freien Blättern zurückzugehen.

Und Pichler, der neugebackene Doktor, überlegte sich das nicht zweimal.

Hier bot sich ihm ein Anfang, ein festes Einkommen, eine selbständige

Stellung und die Möglichkeit, von dort aufzusteigen, alles schöner,

als er zu hoffen gewagt. Deswegen säumte er nicht lang, fuhr nach

Wien, stellte sich vor, setzte alle Hebel in Bewegung. Und von Wart

und Hellwig warm empfohlen, von Doktor Kolben nicht im Stich gelassen,

glückte es ihm auch, den Posten zu erhalten.

Die Begegnung der einstigen Freunde war nicht gerade herzlich, aber

auch nicht farblos. Eine Entfremdung war vorhanden, aber dafür auch

jene ruhige Kameradschaft, wie sie zwischen Männern ist, die an

demselben Werk mitarbeiten. Eine Woche verwendete Fritz daran, den

Nachfolger einzuführen und sattelfest zu machen. Dann packte er seine

Sachen und nahm Abschied von allen. Nicht leichten Herzens ging er

fort. Und ungern ließen ihn die Arbeiter ziehen. Einzeln und in

Abordnungen waren sie gekommen, hatten ihn umstimmen, zum Bleiben

bewegen wollen. Und gar der alte Faßbinder hatte sich schon lang nicht

hineinfinden können. Immer wieder war er auf die Schönheit der Gegend

zu sprechen gekommen, auf die starke Luft, die Ruhe, auf alle Vorzüge

der Gegend und seines idyllisch gelegenen Hauses. Und erst als das

alles ohne Erfolg geblieben war, hatte er sich leidvoll in seine Kammer

hinter einen Wall von Bierflaschen zurückgezogen und hatte dort mit

Tränen in den Augen ohne Aufhören getrunken und getrunken, bis ihm der

Kopf schwer auf die bier- und tränenfeuchte Tischplatte gefallen und

das jammervolle Schluchzen in ein gewaltiges Schnarchen übergegangen

war. Das war eine würdige Abschiedsfeier gewesen, denn betrinken tat

sich der hoch geeichte Meergreis nur in ganz seltenen Ausnahmefällen.

Und von jener Stunde an trug er das Unvermeidliche mit männlicher

Fassung.

Pichler fand sich rasch zurecht. Viel brauchte es ja nicht dazu. Alle

Wege waren ihm geebnet worden, alle Räder griffen pünktlich ineinander,

Pfannschmidt arbeitete wie ein Zughund, und Otto hatte eigentlich

nichts zu tun, als sich in das bereitete Nest zu setzen und zuzusehen.

Sein schmiegsames Wesen, seine lächelnde Liebenswürdigkeit machten

es ihm leicht, mit den Arbeitern schnell in ein gutes Verhältnis zu

kommen. Und sie fanden bald, daß der Neue, der ihnen so freundlich

um den Bart ging und der sie niemals durch eine kantige Schroffheit

verletzte, daß der Neue nicht so übel wäre. Auch gefiel ihnen, daß er

stets tadellos gekleidet ging, zu repräsentieren verstand und nicht in

der Vorstadt wohnte, sondern nahe der Schriftleitung in einem schönen

Zinshaus zwei Zimmer innehatte. So streute er diesen einfachen Leuten

Sand in die Augen und blendete sie durch einen glanzvollen Schein.

Er machte sich aber auch mit der ‚guten Gesellschaft‘ der Stadt

bekannt und hielt es für nur selbstverständlich, Richard Deming, den

einflußreichen Direktor der chemischen Fabrik, höflich zu grüßen, seit

er ihm einmal in einer Versammlung vorgestellt worden war. Die Anna

Bogner aber, die achtzehnjährige Tochter des Kesselwärters, erkor er

sich -- ohne Frauen konnte er nicht mehr sein -- die Anna erkor er sich

zu seiner heimlichen Geliebten.

Er sah das braunhaarige Mädchen, das in der Zeitungsdruckerei

beschäftigt war, fast täglich und es gefiel ihm. Klein, rund und

frisch, trug es sich immer nett und sauber, schaute aus klaren Augen

vergnügt ins Leben und ließ beim Lachen alle Zähne blitzen. Es lachte

gern und viel, war stets gutes Mutes, freute sich bei der Maschine auf

den Feierabend, wenn es regnete, auf den Sonnenschein und wenn die

Sonne schien, über den lustigen Glanz in der Welt und im jungen Herzen.

So war die Anna, bis sich ihr Schicksal erfüllte. Ganz gewöhnlich fing

es an. Blicke herüber und hinüber, erst vorsichtig sondierend, bald

aber kühner werbend und eindringlicher. Dann griff Otto nach dem Hut

und grüßte. Da erschrak sie, sah darein, als faßte sie es nicht, war

erstaunt, verlegen, geschmeichelt, hastete purpurrot weiter. Aber sie

schaute doch noch einmal über die Schulter zurück, ob sie sich denn

wirklich nicht getäuscht habe, und da stand der fesche Doktor mit dem

dunklen Schnurrbart noch an der Ecke und winkte mit der beringten Hand.

Andern Tags klopfte ihr das Herz bis zum Hals hinauf, als sie ihn

kommen sah. Beklommen trippelte sie vorwärts in Harren und Bangen,

fürchtete schon, er sei gleichgültig vorüber gegangen. Aber da zog

er gerade wieder höflich den Hut. Nun neigte sie, wie sie sich fest

vorgenommen, mutig den kraushaarigen Kopf zum Dank, steif genug,

verschämt und beglückt.

Dann dauerte es keine Woche mehr, bis er ihr ein Briefchen zusteckte

und um ein Stelldichein für den Sonntag bat. Jenseit des Stromes wollte

er sie treffen, draußen im Freien, wo schon die Wälder anfingen und

nicht so leicht ein Bekannter hinkam.

Und das junge Ding zog sein bestes Kleid an, schmückte sich wie zum

Fest und wartete eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit bereits am

Waldrand.

Drei rote Rosen zwischen den Fingern, kam Otto gegangen und schon

von weitem schwenkte er grüßend den weißen Panamahut. Mit einer

Verbeugung überreichte er ihr die Blumen. Schüchtern griff sie darnach,

steckte sie mit hastenden Fingern vor die atmende Brust, kam nicht

gleich damit zurecht, schämte sich und stand mit gesenkten Wimpern

in einer argen Verwirrung. Aber er half ihr rasch darüber weg, sagte

ihr ein paar Artigkeiten im leichtesten Plauderton und benahm sich

ungezwungen, als treffe er sie nicht das erstemal, sondern kenne sie

schon lang und gut. Da verlor sie die Scheu, taute auf und fing nun

ebenfalls zu erzählen an, von ihrer Arbeit, von den Tongebilden ihres

Vaters, den Liebhabern ihrer Freundinnen. Gönnerhaft hörte er zu, fand

das Schwatzen abgeschmackt, aber das Mädel hübsch und schritt, das

Stöckchen schwingend, in fröhlicher Zuversicht an ihrer Seite.

Der Wald war still und erwartungsvoll, durch die grünen Büsche

schimmerte es wie goldene Gewänder, blitzte wie sonnige Augen, mit

blauen Kelchen standen die schlanken Glockenblumen, und die Anna

pflückte sie zum Strauß. Weiße Waldorchideen ordnete sie mit hinein und

die nickenden Blütenturbane des Türkenbunds, durch dessen Berührung

Juno einst den Mars empfing. Geschmeidig bog sie den Körper, sprang

wie ein Hirschlein zwischen den Bäumen und funkelte ordentlich vor

Lebenslust. Immer besser gefiel sie dem jungen Manne. Unternehmend

strich er den weichen Schnurrbart empor, faßte die Warme mit der

Rechten von rückwärts um den Leib, bog mit der Linken ihr glühendes

Gesicht zu sich herüber und küßte sie auf den Mund.

„Nein, so was ... aber Herr Doktor!“ wehrte sie ihm schämig und

versuchte loszukommen. Es war ihr jedoch nicht ernstlich darum zu tun,

sie sträubte sich zwar ein wenig, weil sie es für schicklich hielt,

schmiegte sich dabei aber nur fester in seinen Arm. Da küßte er sie

nochmals und gab sie dann frei. „Du gefällst mir, Annl!“ sagte er und

strich mit der Hand über ihre Wange.

„Spotten Sie nur nicht!“ antwortete sie und warf ihm von unten herauf

einen schnellen verliebten Blick zu.

„Spotten? Nein, du bist wirklich hübsch! Aber das Sie-sagen mußt du dir

abgewöhnen.“

Nun kicherte sie: „Was der Herr Doktor für Einfälle hat! Wir kennen uns

ja kaum!“

„Wer bin ich?“

„Der Herr Doktor!“

„Wer?“

„... Sie!“

„Du sollst du sagen! Trau’ dich nur, Mädl! Na?“

Sie schüttelte den gesenkten Kopf, daß alle Spitzen ihrer krausen Haare

zitterten. Da legte er den Arm um ihren miederlosen Leib. „Komm!“ sagte

er. „Schäm’ dich nicht, wir sind ja allein.“

Sie lehnte sich leicht an ihn.

„Du!“ sagte sie erschauernd und ließ sich widerstandslos fortführen,

tiefer und tiefer in den erwartungsvollen Wald.

10.

Hellwig war wieder im alten Fahrwasser, arbeitete viel, sprach in

Versammlungen und ruhte sich bei Heinz von der Hetzjagd aus.

So oft er zu ihm kam, müd und abgerackert, oft erst spät abends, fand

er den Tisch für sich mitgedeckt, Marie, die zarte, blasse Frau, kam

ihm mit sonnigen Augen entgegen, und die Lampe leuchtete hell über

weißem Tischzeug, sauberen Dielen und blankem Hausrat. Eng war das

Gemach, war Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer, alles in einem, aber die

freundlichen Geister des Behagens lugten aus allen Winkeln, schaukelten

sich in den Falten der baumwollenen Fenstervorhänge, tollten, ein loser

Schwarm, durch die offene Tür in die Küche, wo sie der Marie in den

Rostbraten bliesen, daß das Fett prasselnd aus der Pfanne spritzte.

Aber nicht immer gab es Rostbraten in der Pfanne. Manchmal, und

namentlich wenn der Monatsletzte nicht mehr fern war, lief Heinz zum

Greisler hinunter um Käse, Brot und Wurst, und auch ein paar Flaschen

Bier brachte er mit herauf. Aber wenn dann die Marie fragte: „Wo hast

du die Butter?“ oder „Wo ist denn der Emmentaler?“, da hatte er das

gewöhnlich unten auf dem Ladenpult liegen lassen und mußte die vielen

Stufen noch einmal hinab und hinauf.

Und wenn sie dann alle drei unter dem weißen Schirm der Hängelampe um

den Tisch saßen, war es Hellwig, als sei alle Leidenschaftlichkeit der

Fehde verbraust und aller Streit da draußen eingeschlafen, tief ruhig

wurde er, und leise schlug ihm das stürmische Herz, ganz leise, auf daß

es die heimliche Innigkeit dieser Stätte nicht störe, die voll Liebe

und Frieden war. Und kein Schatten wäre in dieser reinen Helligkeit

gewesen, wenn Marie nicht manchmal gekränkelt und immer anhaltender

gehustet hätte.

Und bisweilen kam jetzt über Heinz wieder der alte Hang zum

Herumstreifen in den Elendquartieren. Dann litt es ihn nicht in dem

Frieden seines Heims, und mochte die Marie auch noch so freundlich

bitten, er ließ sich nicht zurückhalten. Wie an Seilen zog es ihn fort.

Da mußte auch Fritz aufbrechen, und manchmal begleitete er dann den

Freund.

Und da trafen sie einmal mit Robert Karus zusammen. In einem Bierbeisel

trafen sie ihn, wo er Lumpensammlern, Kanalstrottern und zittrigen

Bettelleuten die Idee des Anarchismus erläuterte und für die Propaganda

der Tat mit ungefügen Worten eintrat.

Hellwig erkannte ihn gleich wieder. Aber auch Karus hatte kein

schlechteres Gedächtnis. Mit einem lauten „Hei!“ ließ er die Faust

auf den Tisch fallen und rief: „Da schaut her, der Bergprediger! Wie

geht’s, Herr Bergprediger, wie steht’s? Ist die friedliche Rebellion

vorüber? Fressen die Hündlein wieder hübsch brav aus der Hand?“

Aber ehe Fritz noch antworten konnte, hatten sich die andern Gäste

bereits um Heinz geschart. „Das ist ja der Herr Wart!“ -- „Guten Abend,

Herr Wart!“ -- „Wir dachten schon, Sie hätten uns ganz vergessen,

Herr Wart!“ hieß es. Sie schüttelten ihm die Hände, waren von dem

Wiedersehen sichtlich erfreut.

„Also das ist der Ausbund, der so haarsträubend edle Werke tut!“ sagte

Karus und musterte den schmächtigen Mann mit einem raschen Blick von

oben bis unten. „Hand her, Heinz Wart!“ rief er dann. Er hielt ihm die

haarige Tatze hin. Wart legte seine kühle, schmale Rechte hinein.

„Endlich treffe ich Sie!“ sagte Karus mit gedämpfter Stimme. „Ist

höchste Zeit gewesen, sonst wär’ ich Ihnen nächster Tage auf die Bude

gerückt. Wir zwei gehören nämlich zusammen wie Faust und Arm!“

Heinz war es gewöhnt, auf seinen Streifzügen mit den absonderlichsten

Kostgängern des lieben Herrgotts in Berührung zu kommen. Deswegen

wunderte er sich nicht weiter über das Gehaben des struppigen Kumpans,

setzte sich schweigend zu ihm an den Tisch und Hellwig ebenfalls.

Diesem war die Begegnung sehr erwünscht, denn er hoffte jetzt den

seltsamen Menschen näher kennenzulernen, der mit ein paar hingeworfenen

Worten seine Gedanken wochenlang zu beschäftigen vermocht hatte. Er

konnte sich nicht klar werden über das Gefühl, das er für oder gegen

ihn hegte, spürte etwas seinem eigenen Wesen Verwandtes in ihm und doch

auch wieder etwas, was ihn schroff abstieß und zum Widerspruch reizte.

Dem Karus mochte es ebenso gehen. Die Art, wie er den ‚Bergprediger‘

behandelte, war halb kameradschaftlich, halb gehässig, und immer lief

daneben überlegener Spott mit. Jetzt saßen sie also beisammen in der

schweren, verdorbenen Luft, tranken schales Bier und die verluderten

und zermürbten Gesellen an den anderen Tischen rückten möglichst nahe

zu, spitzten die Ohren, und jedesmal, wenn Heinz eine Bemerkung machte,

lächelten und nickten sie einander zu, stießen sich an und taten, als

wäre ihnen ein Heil verkündet worden, wenn sie auch kaum die Hälfte

aller Worte vernehmen konnten. Karus aber rüstete sich zu einem Strauß

mit Hellwig.

„Also was?“ sagte er. „Sind Sie in der Provinz glücklich fertig? Wo

predigen Sie denn jetzt? Und worüber, wenn’s zu fragen erlaubt ist?“

Fritz wurde nicht zornig und wurde nicht grob. Ganz gelassen blieb

er und antwortete so naiv und unbefangen, als es ihm möglich war:

„Gegenwärtig geht’s um das allgemeine Wahlrecht.“

„Schöne Sache!“ entgegnete Karus, mit dem mächtigen Schädel nickend,

tiefernst. „Schöne Sache! Würdig der edelsten Begeisterung! Nun denken

Sie sich aber mal eine große Menagerie. Da sitzen die Tiere alle in

engen Käfigen. Der Löwe, der Tiger, die Gemse, der Falk, der Adler,

alle sitzen sie in ganz engen Käfigen. Und den Menageriebesitzer

wandelt eines Tages ein Mitleid an oder eine gnädige Laune, er stellt

einen etwas größeren Zwinger auf und erteilt den Bestien die Erlaubnis,

je eine aus ihrer Mitte, welche sie halt wollen, in den größeren

Käfig zu entsenden. Und dann springen die abgesandten Löwen, Tiger,

Gemsen, Falken, Adler dort drin herum, stoßen mit den Köpfen an das

gesetzmäßige Gitter, verletzen sich die Pranken, zerbrechen sich die

Flügel, beißen sich die Zähne aus. Und die anderen Vieher sehen das und

schreien, quieken, krächzen, brüllen: ‚Hoch unsere Freiheit! Hoch unser

allgemeines Wahlrecht!‘ Aber die Eisenstäbe zerbrechen, den Wärter in

Fetzen reißen? Das fällt keinem ein! Dazu sind sie zu faul und zu träg!

Sie fauchen wohl gegen ihn, aber kommt er ihnen mit der spitzigen Gabel

an den Leib, dann ducken sie sich und heulen! Denn schließlich gibt er

ihnen doch zu fressen.“

„Sie sind ein sonderbarer Schwärmer, Karus,“ erwiderte Fritz. „Ich

meinerseits glaube aber trotz Ihrer schönen Vergleiche, daß das

allgemeine Wahlrecht ein guter Sturmbock ist, mit dem wir die Gitter

schon brechen wollen. Nur haben müssen wir’s erst!“

Karus lächelte mitleidig.

„So sagen Sie mir doch einmal, was wir nach Ihrer Ansicht eigentlich

tun sollen, um frei zu werden?“ rief Hellwig ungeduldiger.

Da ging ein heftiger Ruck durch die gedrungene Gestalt des wilden

Gesellen, aus seinen Augen brach ein unbändiges Feuer. Aber seine

Stimme klang beinah gemütlich, als er jetzt sagte: „Dreinschlagen!“

„Wozu?“ meinte Hellwig achselzuckend. „Wir erreichen auf friedlichem

Weg mindestens genau so viel.“

Da klopfte ihm Karus auf den Rücken und sprach: „Lieber junger Freund,

wie stellen Sie sich denn das vor: Auf friedlichem Weg? Die wilden

Tiere im Käfig wollen heraus, nicht wahr? Und wenn nun so eine graziöse

Löwendame oder ein feuriger Tigerjüngling kommt und den Wärter bittet,

er solle doch so freundlich sein und das unangenehme Gitter entfernen,

so wird der Wärter natürlich nichts Eiligeres zu tun haben, als

diesem gewiß berechtigten Wunsche zu willfahren. Alle Bestien wird er

herauslassen, damit sie dann über ihn herfallen und ihn vor lauter

Dankbarkeit auffressen. Nicht wahr, so würde es kommen? Und das ist

das, was Sie meinen mit dem ‚Auf friedlichem Weg‘?“

„Nicht so ganz, Herr Karus. Sie sagten ja vorhin selbst, daß der Käfig,

wie Sie sich auszudrücken beliebten, immer weiter wird. Nun, und einmal

wird er eben so groß sein, daß wir das Gitter nicht mehr sehn und

spüren. Das ist doch gewiß auf friedlichem Weg zu erreichen.“

Karus lachte hell auf.

„Und das soll die Freiheit sein? So stellen Sie sich die Freiheit vor?

Wirklich so? Ich bedanke mich für so eine Freiheit! Ich will fliegen --

und stoß’ mir den Schädel an der Decke ein. Ich will ein bissel weiter

spazieren gehn, krach, renn’ ich -- ob früher, oder später, einmal

doch -- ans Gitter und kann nicht weiter. Muß ich da nicht die Stäbe

zerbrechen, wenn ich hinaus will? Und wenn ich allein zu schwach bin --

zum Teufel, hundert Fäuste knicken das Zeug schon entzwei! Aber feig

sind die Kerle! Feig und faul! Ihr eigenes Fleisch haben sie zu lieb,

und ihre einzige Sorge ist der Magen! Nein, nein, Bergprediger, damit

ist’s nichts! Wenn der Zwinger auch noch so groß ist, es bleibt eben

immer ein Zwinger. Und die Freiheit verträgt kein Gitter!“

Heinz saß da, die Linke vor den Augen und die Stirn in die Spanne

zwischen Daumen und Zeigefinger gestützt, hielt ein abgebranntes

Zündholz in der andern Hand und versah die runden Umrisse der

Bierlachen mit strahlenförmigen Ausläufern. Mit Fleiß und Sorgfalt

tat er das und bemühte sich, alle gleich lang und schön regelmäßig zu

machen. Aber als Karus schwieg, begann er unvermittelt zu sprechen.

„Nein,“ sagte er, „kein Gitter und kein Eisen. Weil wir ja keine wilden

Tiere sind, sondern Menschen. -- Es sollte keine Fesseln unter uns

geben, keine Käfige und keine Kerker. Und es sollte auch niemand unter

uns Macht haben, andere darin festzuhalten. Weder ein einzelner noch

ein Volk oder ein Staat. Niemand. Weil -- wer nicht für mich ist, der

ist wider mich ... das ist auch eine falsche Formel. Jeder für sich

-- und keiner wider den andern: so müßte es sein. Und bis das so sein

wird, dann sind wir alle edel genug, die Freiheit zu ertragen. Weißt

du, Fritz ...“

So redete er, und da er seine Haltung nicht änderte, war es, als ob er

in die Tischplatte hinein spräche. Aber das Zündholz war in seiner

Hand zerknickt, und seine Wangen waren ganz tiefrot geworden.

„Gehn wir!“ sagte er nach einer langen Pause und atmete schwer auf.

Sie traten ins Freie. Karus faßte ihn unterm Arm. „Faust und Arm!“

sagte er noch einmal. „Oder Muskel und Nerv! Komm, Heinz Wart!“

Fritz ging schweigend nebenher und sah in den Himmel hinauf, der ganz

hell ausgesternt war. Und wieder fühlte er, wie schon öfter: wenn der

stille Heinz seine leidenschaftliche Stunde hatte, dann sagte er Dinge,

die seltsam überzeugend klangen. Und er sagte sie in so sonderbar

eindringlichem Ton, daß keine Entgegnung sich regen konnte. Und doch

mußte es eine Entgegnung geben, das spürte er ganz deutlich und wußte

nur nicht, wo die Lücke war, wo er den Fuß einsetzen mußte, um über die

glatte Mauer hinüberzukommen.

Karus fing an, aus seinem Leben zu erzählen.

Er war Hilfslehrer gewesen, aber seine vertrotzte Natur konnte sich

in kein Joch beugen. Statt die Buben zu pflichtbewußten Staatsbürgern

zu erziehen, redete er zu ihnen von der sozialen Bewegung und vom

Anarchismus, füllte ihre jungen Seelen mit dem wilden Freiheitsdrang,

der in ihm selbst brauste. Keine Verwarnung fruchtete. Schließlich

wurde er auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Da wußte er, woher der Wind

blies und kam um seine Entlassung ein. Und dann durchwanderte der

Doktor der Weltweisheit Robert Karus fast die ganze Erde, machte

den Aufstand der Insel Kreta mit, war auf den Philippinen einer der

Insurgentenführer, wurde in Rußland wegen nihilistischer Umtriebe nach

Sibirien geschickt, floh von dort durch Persien über den Ganges nach

Indien und war jetzt endlich wieder in seine Heimat zurückgekehrt, als

Fünfzigjähriger dieselbe Glut und Freiheitssehnsucht im Herzen, die ihn

als Jüngling in die Welt hinausgetrieben hatte. Vorläufig wollte er

ausruhen, wie er es nannte, und verdiente sich sein karges Brot, indem

er armen Handelsbeflissenen, die in Anbetracht der geringen Vergütung

gern sein verwahrlostes Äußere mit in den Kauf nahmen, Unterricht in

Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch erteilte.

Heinz Wart schloß sich seit diesem Tage ganz an den alten Revolutionär

an, war fortwährend mit ihm beisammen und wurde noch blasser und

stiller als vorher. Und noch größer und rätselvoller als vorher standen

ihm die heißen dunklen Augen im schmalen Gesicht.

11.

Pichlern ging es ungemein wohl. Sein Schifflein schwamm auf glatter

Flut, kein böser Windstoß rührte gefährliche Wogen auf, nirgends zeigte

sich eine Wetterwolke. Die Arbeit lief wie am Schnürchen, die Leute

hatten ihn gern, er war überall beliebt. Und wenn ihm etwas seine Laune

trübte, so war’s jetzt sein Verhältnis zur Anna Bogner.

Sie hatte ihm alles gegeben, was so ein schlichtes armes Ding einem

Mann wie Pichler überhaupt zu schenken vermochte, stand nun ratlos,

fremd, wie verloren in der Welt und hatte niemanden, an den sie

sich klammern konnte, als eben ihn. Gerade das aber wurde ihm bald

lästig, der Reiz der Neuheit war vorbei, der Schmetterlingsstaub von

den Flügeln gestreift, die einfache reine Seele des guten Kindes

konnte ihn nicht fesseln. Es kam die Überlegung, die Furcht vor einer

möglichen Entdeckung, der Überdruß. Seltener bat er sie um eine

Zusammenkunft, entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Und sie

ließ sich alles gefallen, sah ihr Glück -- es hatte kaum sechs Wochen

gewährt -- verblassen und war geduldig und gläubig und treu wie ein

Hund. Aber ihre Munterkeit war weg, kaum lachte sie noch oder freute

sie sich über den Sonnenschein.

Und endlich blieb Otto ganz fort. Acht, vierzehn Tage wartete sie, aber

er gab kein Lebenszeichen, war für sie wie vom Erdboden verschwunden.

Er birschte in anderen Gefilden. Dort war Grete Deming, die Tochter

des kaiserlichen Rates Richard Deming, der bei der großen chemischen

Fabrik den Direktorposten innehatte. Das war ein scharfsichtiger und

besonnener Selfmademan, dem das kühle Blut auch in den schwierigsten

Lagen nicht in raschere Wallung kam. Er war von festgefügtem

Knochenbau, ziemlich groß, stark, doch nicht fett, hatte breite Hände

und trug den grauen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinnes

kurz geschoren. Nie war das Unternehmen besser geleitet, der Gewinn

größer gewesen, als seit Deming an der Spitze stand. Geschäftsmann

durch und durch, von modernem Geist erfüllt, kühn und wagemutig, wußte

er günstige Marktlagen rasch zu packen, tatkräftig auszunützen und

hatte noch immer gegen die Vorsichtigen und Ängstlichen recht behalten.

Er war seit Jahren Witwer und hatte eine Tochter, das Fräulein Grete

Deming, eine dunkeläugige Schöne, die gertenschlank auf dem Kutschbock

saß und mit festen kleinen Händen ihren Traber lenkte. Umschwärmt und

begehrt, ging sie gleichgültig an dem Schwarm ihrer Bewunderer vorbei,

nicht warm, nicht kalt, ein wenig hochmütig, ein wenig herablassend

und sehr selbstbewußt. Sie war schön, war jung, das einzige Kind

ihres reichen Vaters und deshalb nahm man ihr nichts übel, fand

auch ihre Unarten reizend, und viele Mädchen der Stadt gingen mit

leicht vorgebeugtem Oberkörper und leise schaukelnden Hüften, trugen

Reitgerten und rauchten Zigaretten, ganz wie Grete Deming. Es gab eine

Grete-Deming-Frisur, ein Barett, einen fußfreien Rock, eine Tüllkrause

~à la~ Grete Deming. Aber keiner einzigen saß die runde Nerzmütze mit

dem Reiherstoß so fesch auf welligem Haar, fiel der glatte Rock auf

einen so tadellos fein geknöchelten Fuß, hob sich pfirsichfrisch und

rassig aus den weißen Tüllwogen ein so pikantes Gesicht -- wie eben dem

Fräulein Grete.

Pichler sah sie vorüberfahren, blickte ihr nach und stand wie gebannt.

Ein eigenes Gefühl drängte sich in sein Herz, weh und schmerzhaft,

als sei ihm ein Glück bestimmt gewesen, und er habe es leichtsinnig

selbst verscherzt. Unwürdig kam er sich vor und doch wieder wertvoll

genug, nach den höchsten Kränzen zu langen. Verheißende Möglichkeiten

blitzten in der Ferne, Ahnungen von Genüssen, um die er sich gebracht,

Sehnsucht nach einer geistreichen und glanzvollen Gesellschaft, von

der er sich freiwillig ausgeschlossen hatte. Fast reute ihn, daß er so

offen eine politische Gesinnung zur Schau gestellt hatte, statt in ein

Staatsämtchen zu schlüpfen oder einen anderen standesgemäßen Beruf zu

ergreifen. Und stärker und bestimmter kam ihm der Vorsatz, daß seine

jetzige Beschäftigung nur einen Übergang darstellen durfte, da weder

seiner Stellung als gebildeter Mensch, noch seinen Fähigkeiten der

ständige Verkehr mit den untersten Volksschichten angemessen sei. Und

so begann er denn seine Läuterung dort, wo ihm der Verkehr mit den

untersten Volksschichten dermalen am unangenehmsten geworden, bei Anna

Bogner. Er war sich selber für ein solches Verhältnis zu gut geworden.

Die Anna wartete geduldig noch eine Woche lang, dann aber faßte sie

sich ein Herz und ging zu ihm. Sie wollte Gewißheit haben, das Harren

und Bangen quälte gar zu sehr.

Zaghaft klopfte sie an, trat zaghaft ein. Da war gerade Karl

Pfannschmidt anwesend und beriet die Zusammenstellung der nächsten

Zeitungsnummer mit dem verantwortlichen Schriftleiter.

Verlegen sprang Pichler auf.

„Was bringen Sie mir denn Schönes, Fräulein?“ fragte er und bemühte

sich, seiner unsicheren Stimme einen geschäftsmäßigen Tonfall zu geben.

„Ich bring’ nichts,“ antwortete sie leise, „ich will mir was holen.“

„Ach ja richtig, das hatte ich ganz vergessen!“ erwiderte Otto und

schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Jetzt fällt’s mir

wieder ein! Bitte, wollen Sie hier eintreten!“ Er führte sie ins

Nebenzimmer. „Sie entschuldigen schon einen Augenblick!“ sagte er noch

zu Pfannschmidt.

Drinnen herrschte er das arme Ding mit scharfer Flüsterstimme an: „Was

soll das heißen, Anna? Was fällt dir ein, hieher zu kommen! Denk’ doch

an deinen Ruf!“

„Ich will mir was holen!“ murmelte das Mädchen.

Nun versuchte er es in einer anderen Tonart. „Ich konnte wirklich

nicht abkommen, Annl!“ sagte er mit biederer Herzlichkeit. „War mit

Geschäften überhäuft. Das geht manchmal nicht anders. Aber sobald ich

wieder Luft hab’ ...“

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Ich bin nicht deswegen da ...“

„Nicht deswegen?“

„Ich will mir nur was holen,“ sagte sie eintönig.

„Ja, aber was denn nur? So sag’s doch endlich!“

„Meine Ehre ...“

Ganz gleichgültig sprach sie das vor sich hin, mit rauher, brüchiger

Stimme und schaute mit toten Augen an ihm vorbei ins Leere.

Er wußte nichts zu erwidern, hob bedauernd die Hände und ließ sie auf

die Schenkel fallen.

„Aber Annl -- du hast mich doch lieb gehabt ...“

„Ja, ich hab’ dich lieb gehabt.“

„Und -- und ... es konnte doch nicht immer so fortgehn. Das hättest du

im voraus bedenken sollen.“

„Ja -- das hätte ich im voraus bedenken sollen ...“

Wie ein Automat sprach sie ihm die Worte nach.

„Annl, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wir -- können deswegen ja gut

bleiben. Nur -- das wirst du einsehn, ich ... Herrgott, wenn nur der

Kerl nicht draußen wär’! Der paßt auf jedes Wort! -- Wir treffen uns

morgen, Annl! Um sechs Uhr! Da reden wir dann weiter. Wirst du kommen?“

„Ich werde schon nicht kommen. Was gibt’s auch noch zu reden? Das ist

nun einmal so, da nützt nichts mehr.“

„Annl!“

Noch immer schaute sie an ihm vorbei, mit derselben steinernen Ruhe.

„Nenn’ mich nicht mehr so. Ich nenn’ dich auch nicht mehr so. Ich denk’

mir nur -- so, wie du jetzt bist, das sollte doch anders sein. Es ist

nicht recht so. Nur, es wird wohl auch wieder besser werden -- oder --

die Welt hätt’ sonst kein Gewissen ...“

Mit schleppenden Schritten ging sie zur Tür, öffnete und schob sich

müde durch das vordere Zimmer an Pfannschmidt vorüber zum Ausgang. Dort

schlug Pichler noch einmal den Geschäftston an. „Also die Sache ist in

Ordnung, nicht wahr?“

„In Ordnung,“ sagte sie tonlos und bewegte die trockenen Lippen kaum.

Nun trat sie über die Schwelle, den Kopf steif oben, und in dem starren

Gesicht regten sich nicht einmal die Lider, um die weit offenen Augen

zu kühlen.

Als sie fort war, sagte Pichler mit gemachter Leichtigkeit: „Es war

mir so peinlich ... sie hat mir nämlich eine Novelette angeboten

für unser Blatt und sich jetzt Bescheid geholt. Ich mußte ablehnen.

Schriftlich wär’ das einfacher gegangen. Zu dumm! Jedes Frauenzimmer

will heutzutag’ schon schreiben!“

Pfannschmidt blätterte in den Manuskripten, die er vor sich

ausgebreitet hatte. Dann sagte er: „Also mit dem Leitartikel sind Herr

Doktor einverstanden? Was bringen wir denn unterm Strich?“

Otto biß sich auf die Lippe. Er fühlte, daß ihm hier die Ausrede nicht

geglaubt worden war. Aber er faßte sich schnell.

„Unterm Strich? Haben wir nicht irgendeine verliebte Geschichte lagern?

So was zieht immer!“

12.

Fritz, Heinz und Karus schlenderten mitsammen durch die Großstadt. Es

war ein schöner Vorfrühlingstag. Die Sonne glänzte am blauen Himmel,

hing durchsichtige Silberschleier vor die Fronten der Mietkasernen,

machte die Fiakerrosse fröhlich, und sogar den geplagten Pinzgauer

Hengsten vor den schweren Fuhrwerken verlieh sie ein gemütliches

Aussehen. Zwischen lautlos gleitenden Elektromobilen, Automobilen,

Karossen und Straßenbahnwagen bewegten sich rasselnde Streifwagen,

Handkarren, Radfahrer. Eisen klirrte, Pferde wieherten, Kutscher

schrien „Ooooohb!“, das klingelte, ratterte, stampfte, dröhnte, surrte,

tutete ohrenbetäubend durcheinander. Und auf den Gehsteigen wimmelten

die Menschen, Hut neben Hut und Ellbogen bei Ellbogen, vereinigten

sie sich rechts und links der Straßenzeile zu je einem ununterbrochen

flutenden schwärzlichen Strom, der langsam wogte, still stand und

wieder vorwärtsdrängte. Es sah aus, als würde hier das Blut der Stadt

durch die Stöße eines unsichtbaren Herzens im Kreislauf erhalten. Nur

vor den Kirchen schien es zu stocken. Die Kirchentüren waren offen,

fremd leuchteten die gelben Kerzenflammen aus den dämmrigen Schiffen

in die lärmende Nüchternheit des Tages. Viele der Vorübergehenden

zogen die Hüte, bekreuzigten sich oder beugten wohl auch die Knie. Mit

einem Pack Federbetten kam ein molliges Frauchen vorbei. Während des

langen Faschings war im Haushalt das Geld knapp geworden. Aber heute

abends war ein Bürgerball. Und die Kirchenpforten waren der Schönen

nicht umsonst aufgetan. Rasch trat sie ein, legte ihr Bündel auf die

Steinfließen, kniete darauf und sprach andächtig ein Vaterunser. Dann

setzte sie gestärkt ihren Weg zum Versatzamt fort.

Mit schlurfenden Schritten schob sich ein Bettler die Häuser entlang.

In der Hand hielt er einen irdenen Topf mit schmutziggrauem Reisbrei,

wie man ihn den Jagdhunden zum Fressen gibt. Den mochte ihm eine

gutherzige Köchin geschenkt haben, und der Alte schaute mit verzückten

Augen und wässerndem Mund auf seinen Schatz. Da war Karus blitzschnell,

mit einem Satz, bei ihm und schlug den Scherben aus der zittrigen Hand:

„Betteln, Schlappschwanz? Da! Jetzt friß!“

Der Mann winselte und bückte sich jammernd nach den Scherben. Fritz

packte Karus am Arm: „Was heißt das?“ Und der gleichmütig darauf: „Sie

sehen’s ja!“

Leute sammelten sich. Fritz zog die Börse. „Geben Sie ihm nichts!“

knurrte Karus. Hellwig schob ihn beiseite, drückte eine Münze in die

verlangend aufgehobene Hand, schritt schnell davon.

„Wie konnten Sie das tun?“ sagte er. „Das war grausam!“

„Ach was, grausam!“ rief Karus zornig. „Verdient so einer was Besseres?

He? -- Verflucht, daß doch die Kerle mit Bettelsuppen und Küchenabfall

zufrieden sind! Daß sie nicht fordern, was ihnen vorenthalten wird! Daß

sie nicht wenigstens rauben und stehlen! Aber da stehen sie blödsinnig

neben brechenden Tischen, verrecken vor Hunger und wagen nicht

dreinzuhauen. Mit einem rechtschaffenen Knüttel oder meinethalben mit

Pulver und Bomben! Pfui Schande und Feigheit!“

Heinz aber sah unterdessen nach einem hageren Menschen, der vor

ihnen hertaumelte, manchmal stehn blieb, sich an die Stirn griff,

umherschaute, weitertorkelte und endlich hinfiel. Im Nu war eine

johlende Menge um ihn. Heinz aber sagte ganz aufgeregt zu den Freunden:

„Schaut euch die Augen an! So blickt kein Betrunkener!“, lief hin und

beugte sich über den Gefallenen. Die Umstehenden lachten und spotteten:

„Seht den Lumpen! Schon am hellen Vormittag hat er einen Rausch!“

„Nein!“ sagte Heinz laut und hart. „Der hat keinen Rausch, der hat

Hunger! Und da lacht ihr und spottet noch!“

Und er faßte den Liegenden: „Komm, mein lieber Bruder!“ und half ihm

auf die Füße. Sie nahmen ihn in die Mitte, stützten ihn sorgsam und

führten ihn aus dem Gedränge. Vor einem gut bürgerlichen Gasthaus

machte Wart halt.

„Heinz, das ist ein Unsinn!“ sagte Hellwig und suchte ihn

zurückzuhalten. Doch der wehrte sanft ab: „Laß mich nur, Fritz, ich bin

dem Menschentum Genugtuung schuldig in diesem hier!“ Und er öffnete die

Tür.

An den runden Tischen saß ein zahlreiches Publikum beim Frühschoppen.

Alle Augen richteten sich auf die Ankömmlinge. Es war aber auch ein

ungewöhnlicher Aufzug. Heinz im englischen Überzieher, den rassigen

Kopf mit den langen schwarzen Haaren hoch aufgereckt, Karus, wie immer,

mit zerknittertem Hemd und tranigen Stiefeln, zwischen beiden der

dürre Mensch, von oben bis unten mit Straßenkot besudelt, endlich der

breitschultrige Hellwig mit Radmantel und Schlapphut. Der Oberkellner

kam gelaufen und fragte, ob sich die Herrschaften nicht geirrt hätten.

Die Schenkstube sei rückwärts im Hof. Da sagte Heinz: „Nein, wir haben

uns nicht geirrt, aber Sie scheinen sich in uns zu irren. Dieser

schmutzige Mensch hier ist mein Bruder. Die Speisekarte, bitte!“

„Bitte sehr, bitte gleich!“ antwortete der Befrackte und wußte nicht

recht, wie er sich verhalten sollte. Wart und Hellwig kannte er. Aber

die zwei andern schienen doch nicht so ganz in das feine Lokal zu

passen. Da jedoch die andern Gäste nicht beleidigt taten, glaubte er es

wagen zu können und winkte dem Speisenträger. Heinz bestellte Fasan mit

Trüffeln und Moselwein. Das imponierte. Die Gäste aber hielten ihn und

Fritz für zwei reiche Müßiggänger, Hetzbrüder oder Hausherrnsöhnchen,

die nach einer durchzechten Nacht einen Ulk ausführten. Deshalb

lächelten sie gönnerhaft oder blinzelten nachsichtig und wohlwollend zu

ihnen hinüber.

„Seht sie euch an!“ sagte Karus halblaut. „Seht doch, wie sie dasitzen,

die Herren Hofräte und Hausbesitzer und Großkaufleute! Und wie sie

nicht zu begreifen vermögen, daß jemandem so eine Tat Bedürfnis sein

kann. Oh, wie gut sie unsern Heinz zu verstehen glauben. Wie gut

sie wissen, daß er, auch nicht anders als sie in ihrer Jugend, aus

Langweile und Übermut mit der Armut seinen Spaß treibt! Wie sie das

verstehen, entschuldigen, verzeihen! Wüßten sie, daß es ihm ernst damit

ist, sie ließen uns alle vier hinauswerfen!“

Unterdessen brachte man auf einer silbernen Platte den Fasan, goldbraun

gebraten und würzig duftend. Und der hungrige Mensch griff gierig

nach einem Schenkel, aß und sprach, nachdem er alles gegessen: „Mich

hungert, gebt mir Wurst!“ Den Wein aber schob er weit von sich: „Ich

trink’ nur Bier!“

Der Volksbeglücker · 第 22 / 35 题