Drittes Buch

1.

Doktor Kolben saß in seinem Arbeitszimmer. Das war ein mäßig großer

Raum mit roten Tapeten und dunklen Nußholzmöbeln. Der Schreibtisch

stand schwer und massig vor einem großen Fenster, und durch die

Fensterscheiben sah man in einen gepflegten Garten mit Hecken,

Büschen, grünen Wipfeln und blühenden Rosen. Darinnen ruhte das

kleine helle Haus, das dem Doktor gehörte, wie ein weißer Vogel in

einem grünen Nest. Still war es hier draußen am Rande der Großstadt,

ihr Lärm verbrauste, ehe er bis zu dem anmutigen Tal gelangte,

das waldbestandene Hügel umsäumten und schützten. Eine Eisenbahn

vermittelte in regem Verkehr die Verbindung mit der Stadt, in kaum

zwanzig Minuten war man drinnen, und so hatte man hier alle guten Dinge

des Landlebens samt allen Bequemlichkeiten der Großstadt beisammen und

konnte sich’s wohl sein lassen.

Der Doktor schrieb fleißig und bedeckte Bogen um Bogen eines starken

gelblichen Papiers mit regelmäßigen Buchstaben in gedrängten Zeilen.

Da klopfte es, die Tür ging auf und Fritz stand so, wie er eben vom

Bahnhof gekommen, in ihrem Rahmen.

„Schnell kommst du!“ sagte Kolben. „Und das ist sehr vernünftig. Sieh

dir unterdessen die Bilder an, ich bin gleich fertig.“

Er deutete auf ein kleines, mit Mappen und Zeitschriften überladenes

Tischchen in der Ecke. Dann ließ er die Feder wieder über die

gelblichen Bogen wandern, und erst nach einer Viertelstunde legte er

sie weg.

„So! Jetzt laß dich einmal anschaun!“

Er stand auf und Hellwig, der unterdessen die Zeitschriften

durchstöbert hatte, ebenfalls. Der Doktor legte ihm beide Hände auf

die Schultern und blickte ihm in die Augen. Fritz hielt eine kleine

Weile diesem forschenden Blick stand, dann senkte er halb trotzig, halb

verlegen die Lider.

„Laß gut sein!“ sprach Kolben. „Es hat nichts auf sich. Besser ein

Jahr, als sich selbst verloren. So was macht jeder durch, wenn er

nicht gerade ein bleichsüchtiger Musterknabe ist oder eine große

Null. Also hör’ zu: Der Kampf ums allgemeine Wahlrecht soll langsam

vorbereitet werden. Ein paar große Streike werden sich nicht mehr lang

hinausschieben lassen. Die Schriftleitung der Freien Blätter hat junge

unverbrauchte Kräfte dringend nötig. Ich schätze, es könnte dir nicht

schaden, wenn du da ein bissel mittust. Willst du?“

„Geht denn das so einfach?“ fragte Hellwig und horchte hoch auf.

„Wird sich machen lassen. Ich hab’ das Kunstreferat, bin auch sonst mit

den Leuten bekannt. -- Es ist keine Protektion!“ beschwichtigte er, als

Fritz eine heftig abweisende Bewegung machte. „Glaubst du, ich würde

dich empfehlen, wenn ich dich nicht bis in die Nieren kennte? Noch

einmal: Willst du?“

„Ich hab’ keine Ahnung von der ganzen Sache, weiß nicht, ob ich

überhaupt dazu tauge ...“

„Du taugst schon. Und die Handwerksgriffe lernen sich leicht. Ein paar

Wochen Einschulung, und das Werkel geht von selber. Zum dritten und

letztenmal: Willst du? Ja oder nein?“

Noch einige Minuten zögerte Fritz mit der Antwort. Kolben ließ ihm Zeit

zum Überlegen, trat ans Fenster und sah einem Rotschwänzchen zu, das im

Lindenwipfel flink sich regte.

„Nun?“ fragte er endlich.

„Ja!“ antwortete Fritz.

Nach einigen Tagen saß er in der Redaktion der Freien Blätter, hatte

Monatsgehalt und Zeilenhonorar vertragsmäßig zugesichert und kam rasch

ins Fahrwasser.

Um ihn tönte der Lärm, schrien die Parteien des Tages, forderten von

der Gegenwart ungestüm ihre vermeintlichen Rechte. Und er stand mitten

drin, mitten in dem heißen, tosenden Leben, das jeden Tag seine Gestalt

änderte, Verbrauchtes abstieß und neue Schlagworte ausgab. Was heute

oben war, hatte morgen seine Macht verloren, lang Niedergehaltenes

stieg plötzlich empor, ein immerwährender Wechsel war da, ohne

Stetigkeit und Ruhe, scheinbar ein Wirrwarr und doch eins durch das

andere bedingt.

Von besonderem Reiz für ihn war es da, den Zusammenhängen nachzuspüren,

die das wertlos gewordene Gestern mit dem schillernden Heute

verknüpften, die vielen durcheinander wirbelnden Strömungen und

Gegenströmungen bis zu ihrer gemeinsamen Quelle zu verfolgen und aus

dem beständigen Auf und Ab der fließenden Erscheinungen das Bleibende

herauszufinden.

Und er erschrak über die drückende Machtfülle, die gewaltig

aufgespeicherte Vermögen den verdienstlosen Besitzern über ganze große

Menschengruppen verliehen, sah diese vergeblich dagegen ankämpfen,

matt und mutlos werden, und fühlte mehr, als er klar erkannte, daß

eine Ordnung, in welcher derartiges möglich war, irgendwie krank sein

müsse, ohne daß er hätte finden können, wo eigentlich die Krankheit saß

und wie sie zu heilen wäre. Denn alle die Wohlfahrtseinrichtungen, die

Krankenkassen, Unfallversicherungen, Altersversorgungen, schienen ihm

bestenfalls Verlegenheitsmittel, durch die nur die Folgeerscheinung

der Krankheit erträglicher gemacht, nicht aber die Krankheit selbst

behoben werden konnte, so etwa, wie man einem schwer Verwundeten

Morphium einspritzt, um die unerträglichen Schmerzen für Augenblicke zu

übertäuben.

Da war nun seiner grüblerischen Natur wieder ein reicher Stoff geboten.

Aber er blieb in beständiger Fühlung mit dem Leben und arbeitete

freudig drauflos, so daß es gewöhnlich sehr spät wurde, ehe er zum

Nachtmahl und in seine Wohnung kam. Aber auch dann gönnte er sich noch

nicht Ruhe, las vielmehr, schrieb und studierte, als wollte er in

Wochen nachholen, was er während der leeren Monate in Prag versäumt

hatte.

So verging der Sommer im Flug, es wurde Herbst und eines Tages traf

Heinz Wart in Wien ein. Er hatte die Reifeprüfung abgelegt, und

zielsicherer als Hellwig schwankte er keinen Augenblick, sondern kam

mit der festen Absicht, sich ganz dem Zeitungswesen zu überantworten

und dort mitzuarbeiten, wo er am ehesten die Verwirklichung seiner

Jugendideale erhoffte.

Er war noch blasser und stiller geworden, die Augen brannten ihm groß

und wie im Fieber unter der weißen Stirn. Von den dunklen Haaren bis in

die Fingerspitzen schien die ganze überschlanke Gestalt mit verhaltener

Leidenschaft durchtränkt, von Temperament förmlich gesättigt zu sein.

Er war einer von jenen, die mit dem Herzen entscheiden, sich an der

eigenen Glut verzehren und unbesinnlich zur Selbstopferung bereit sind,

wenn sie glauben, der Idee, für die sie brennen, dadurch dienen zu

können.

Hellwig aber freute sich sehr, den besten Freund seiner Jugend wieder

zu haben. Sie bezogen zwei einfenstrige Stuben im selben Haus, und

da sie auch im gleichen Redaktionszimmer saßen, waren sie fast

ununterbrochen beisammen. Nur abends, wenn Fritz zu Hause arbeitete

oder an Versammlungen teilnahm, tat Heinz nicht mit. Das war nichts für

ihn, das Studieren oder Debattieren bis in die späten Nachtstunden.

Er wollte das Elend nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener

Anschauung kennenlernen. Und er ging in die Massenquartiere und

Schnapsbuden, kroch in alle Schlupfwinkel der Obdachlosen. Bisweilen

blieb er dann tagelang verschwunden. Und wenn er wieder in der Wohnung

auftauchte, hatte er statt der getragenen guten Kleider ein paar Fetzen

an, geflickt und schmutzstarrend, und Fritz mußte ihm bis zum Ersten

des nächsten Monats mit Geld aushelfen.

Wo er sich herumtrieb, verriet er nicht. Aber er war dann noch stiller

und bleicher als sonst, und seine Augen schienen gleichsam nach innen

zu schauen, und in ihrem dunklen Grunde lag unbeweglich etwas seltsam

Starres, vereister Schreck oder versteintes Grauen, wie bei Leuten, die

hart am Tod vorübergegangen oder an einer furchtbaren Gefahr.

Allen Fragen wich er aus. „Laß mich nur, Fritz, ich komm’ schon allein

drüber weg. Dann wirst du’s erfahren.“

Da drang Hellwig nicht weiter in ihn.

2.

Pichler hatte sein Verhältnis mit der Helenka gelöst. Nach einem

heftigen Streit waren sie auseinander gegangen, und keins fragte

mehr dem andern nach. Jetzt diente er sein Freiwilligenjahr ab, beim

Fuhrwesen, wegen der schönen Uniform. Und die Uniform stand ihm

ausgezeichnet. Das wußte er, und konnte es kaum erwarten, bis er einen

dreitägigen Feiertagsurlaub bewilligt erhielt, den er in der Heimat

zubrachte, um sich dort den Leuten in all seinem Glanz zu zeigen. Die

Geschwister bestaunten den stolzen Krieger wie ein farbenprächtiges

Fabelwesen, und auch der lustige Küster unterließ das Witzeln und hatte

helle Freude an dem stattlichen Sohn. Den aber trieb es nach Neuberg.

Er wollte die Eva Wart sehen und Eindruck machen.

Das alte Haus war, wenn möglich, noch schwärzer und verwitterter

geworden, aber die muntere Arbeit erfüllte es jetzt wie einst, und wie

vor Jahrhunderten schon leuchteten die bunten Glasmalereien noch immer

frisch und kräftig im Sonnenschein. Der Rehbock Hansl tummelte sich im

Garten, und unter den Bäumen am Grasplatz stand seine Herrin, zierlich

und fein, ein gefaltetes Tuch um den Leib, und befestigte Leinenwäsche

mit hölzernen Klammern an den kreuz und quer zwischen die Bäume

gespannten Schnüren. Sie trug eine blaue Hausjacke mit weiten Ärmeln,

und so oft sie ein Wäschestück hob, fielen sie bis zu den Ellenbogen

über die runden Arme zurück. Das freute die fröhlichen Sonnenlichter

und liebkosend streichelten sie die glatte Haut, durch deren Weiß

in einem ganz zarten und duftigen Schein, nur kaum wie die Farbe

junger Apfelblüten, das Blut schimmerte. Eine warme Anmut war in den

Bewegungen der fleißigen Arbeiterin, und wenn sie sich auf die Zehen

stellte, mit zurückgebeugtem Oberkörper eine höher hinlaufende Leine zu

sich niederzog, formten die kleinen Brüstlein zwei feine schattenhafte

Hügel in den leichten Stoff des losen Kleides.

Im knapp sitzenden Waffenrock mit funkelnden Knöpfen, glänzend

gewichste Röhrenstiefel an den Füßen, kam Otto über den Hof, und

die Scheide des schweren Säbels stieß mit lautem Klingen gegen das

Pflaster. Verwundert schaute das Fräulein nach der geräuschvollen

Erscheinung und vergaß vor Überraschung die blühweiß gewaschenen

Unterhosen Wart Nikls aufzuhängen, die es gerade aus dem Korb genommen.

Unschlüssig hielt es diese in der Hand und wartete der Dinge, die da

kommen würden.

Der fremde Krieger aber ging schnurstracks auf den Garten zu, blieb,

die Hacken zusammenschlagend, vor dem Gitter stehen stehen und

salutierte stramm:

„Servus, Fräulein Eva!“

Nun erkannte sie ihn an der Stimme. „Jemine, der Herr Pichler!“ rief

sie und lief, das Gartentürl zu öffnen. Sie tat es mit einem kleinen

Knicks und sagte unüberlegt dazu: „Tretet ein, hoher Krieger!“

„Der sein Herz Euch ergab!“ ergänzte Otto schnell und verneigte sich

tief, wobei er die weißbehandschuhte Rechte gegen seine Brust drückte.

Das Fräulein errötete. „Bei Ihnen muß man mit dem Zitieren vorsichtig

sein!“ lachte es. „Sie sind gut beschlagen!“ Dann wollte es ihm die

Hand zum Willkomm reichen und bemerkte, daß es noch immer des Vaters

Unterhose hielt. Unmutig weggeschleudert flog diese im Bogen neben den

Korb. Pichler gewahrte den Zorn.

„Lassen Sie sich nicht stören!“ sagte er und zog die Handschuhe aus.

„Wenn es Ihnen recht ist, werde ich helfen.“

„Ja?“ antwortete sie vergnügt. „Kommen Sie, das ist lustig!“

Dann hängten sie mitsammen die Wäsche auf. Im Rasen blühten die

Gänseblümchen und der gelbe Löwenzahn, die jungen Blätter der Obstbäume

glänzten frisch, und mit geschmeidigen Gliedern sprang das Reh über

die grünen Wiesenflächen. Eva regte sich flink, Otto reichte ihr die

feuchten Leinenstücke und stellte sich ungeschickt, um einen Vorwand

zu haben, seine Finger mit ihrer warmen Hand oder dem kühlen festen

Fleisch der Arme in Berührung zu bringen. Sie achtete nicht darauf.

Ganz Eifer war sie, und die blonden Stirnhaare bewegten sich in krauser

Unordnung wie ein leichtes goldenes Gitterwerk vor der klaren Stirn.

Dabei plauderten sie von allem möglichen, und nur von einem sprachen

sie nicht, obwohl Eva mit still klopfendem Herzen darauf wartete: von

Fritz Hellwig.

Aber auch Pichler dachte an ihn und wiegte sich in der frohen

Zuversicht, daß es ihm gelingen werde, den Gegner auszustechen. Denn

er wußte, daß Hellwig sein Mitbewerber war. So ängstlich dieser auch

das Geheimnis behütete, den Spüraugen Ottos war es nicht verborgen

geblieben.

Alle Register seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit zog er, und

das Bewußtsein, daß er fesch und vorteilhaft aussah, verlieh ihm

große Sicherheit. Er übertraf sich selbst an Witz, Geist und

drolligen Einfällen, so daß Eva fortwährend lachen mußte und in ihrer

Vertrauensseligkeit, die ohne Arg war, dem lustigen Gesellschafter mit

warmen Blicken entgegenkam. Und sie merkte auch die Absichtlichkeit

nicht, als er ihr mit zögernden Händen die Haare aus der Stirn ordnete,

mit ihrem Armband sich zu schaffen machte oder wie zufällig über ihr

Kleid hinstrich. Wie mit einem guten Kameraden unterhielt sie sich und

begegnete seinen Vertraulichkeiten auch wohl mit anderen, indem sie ihn

auf die Finger schlug oder belustigt ihren schmalen Fuß zum Vergleich

auf seinen großen Stiefel stellte.

Otto aber deutete alles zu seinen Gunsten. Er brannte lichterloh und

glaubte, daß die Kleine nicht weniger in ihn verliebt sei als er in

sie. Seine übermütige Siegessicherheit ließ ihn immer mehr wagen.

Als er aber mit einer halben Wendung seinen Arm einen Augenblick um

ihre Hüfte legte, klatschte sie ihm ein nasses Tuch ins Gesicht. „Das

fordert Strafe!“ rief er und wollte sie jetzt erst recht an sich

ziehen. Das Mädchen aber stand plötzlich mit einer so erstaunten und

kalt abweisenden Miene vor ihm, daß er betreten seine Absicht aufgab.

Er sah ein, daß er fürs erste Mal zu weit gegangen. Um den ungünstigen

Eindruck zu verwischen, war er jetzt doppelt aufmerksam und bescheiden.

Eva hantierte indes gleich wieder fröhlich weiter und tat, als sei

nichts vorgefallen. Erst dieser vornehme und sichere Anstand brachte

ihn aus dem Text. Er wurde verlegen, verlor den Faden und einen

Augenblick stockte das lebhaft geführte Gespräch.

Der Rehbock kam, rieb den Kopf an seiner Herrin und schaute sie mit

klugen Augen an. Da benützte sie endlich die Gelegenheit und sagte:

„Wie doch die Zeit vergeht! Jetzt hab’ ich ihn schon das dritte Jahr!

Was mag denn eigentlich der edle Spender machen?“ Ganz leichthin sagte

sie das, aber ihr Herz schlug laut dabei.

„Wer?“ fragte Otto und wollte nicht verstehen.

„Sie wissen wohl gar nicht, von wem er ist?“ erwiderte sie. Es war ihr

nicht möglich, den Namen über die Lippen zu bringen.

„Ja so!“ antwortete Pichler gedehnt und gleichgültig. „Sie reden von

Fritz Hellwig? Da kann ich nicht dienen. Seit der wegen jener gewissen

Geschichte von Prag hat fortmüssen, hab’ ich nichts mehr von ihm

gehört.“

„Was für gewisse Geschichte?“ fragte sie und schaute ihn bang an. Da

hoffte er sein Eisen zu schmieden, begann zu erzählen und stellte die

Sache so dar, als ob Fritz aus Mangel an Mut den Zweikampf abgelehnt

hätte.

„Man darf das nicht!“ schloß er. „Erst beleidigen und dann auskneifen.

Es ist mir schwergefallen, aber ich hab’ schließlich nicht anders

handeln können.“

„Wieso?“ Eine kleine Falte stand ihr zwischen den Brauen.

„Mit einem Auskneifer verkehrt man nicht. Der ist gesellschaftlich tot.

Ich hab’ dennoch versucht, mir den Freund zu erhalten, hab’ heimlich

mit ihm zusammentreffen wollen, trotz der Gefahr, daß es herauskommt

und mich ebenfalls unmöglich macht.“

Er mußte innehalten. Eva hatte mit dem Fuß aufgestampft und ungestüm

dazwischengerufen: „Fritz ist kein Auskneifer!“

Mit einem nachsichtigen Lächeln blickte er sie groß an.

„Sprechen wir nicht mehr davon. Mir geht die Geschichte nah, und helfen

tut das Reden doch nichts mehr!“

„Ihnen nicht, das seh’ ich jetzt schon selber!“ sprach sie ihm mit

funkelnden Augen entgegen. Gekränkt versetzte er: „Warum sind Sie so

bös? Sie tun ja gerade, als ob ich an allem schuld bin!“

„Beileibe!“ entgegnete sie und in ihrer Stimme war Spott und Zorn.

„Fein haben Sie sich benommen! Ein unschuldiger Engel sind Sie!“ Dann

aber ging ihr doch das mühsam gezügelte Temperament durch. „Wollen Sie

wissen,“ fuhr sie heftig fort, „wollen Sie wissen, wer der Feigling

ist? Nehmen Sie einen Spiegel und schaun Sie sich an! Dann sehen Sie

ihn!“

„Fräulein Eva!“

Das klang gereizt und grollend. Sie hörte nicht darauf. Rücksichtslos

warf sie ihm ihre Empörung ins Gesicht.

„Vielleicht nicht? Sie haben nicht den Mut gehabt, offen zu Ihrem

Freund zu halten. Wie alle sich losgesagt haben, haben auch Sie ihn

aufgegeben! Das ist feig! Das ist schlecht! Pfui!“

Sie drehte sich auf dem Absatz herum, schritt tiefer in den Garten

hinein mit heißen Wangen und wild schlagendem Herzen. Aber ihre

blitzenden Augen waren jetzt voll Tränen.

Pichler war sehr blaß geworden und zerknüllte seine Handschuhe. Das

Reh, das ihm gerade in die Quere kam, erhielt einen unsanften Stoß.

Doch kein Wort erwiderte er. Eine Weile stand er noch unschlüssig, dann

kehrte er sich langsam ab und schritt durch das Gartentürl in den Hof

zurück. Aber sein Säbel klang jetzt nicht mehr hell auf den Steinen. Er

hielt ihn am Korb fest und bestrebte sich eines möglichst geräuschlosen

Abgangs.

Eva schrieb an diesem Tage noch einen langen Brief an Heinz. Aber

obwohl sie dabei fortwährend an Fritz dachte und obwohl jedes Wort

eigentlich für ihn bestimmt war, kam auf den vier eng beschriebenen

Seiten schließlich nicht einmal sein Name vor. Und nur ganz zum Schluß,

als Nachschrift, schrieb sie: „Deinen Stubennachbar lasse ich grüßen.“

Sie schrieb es hastig und überstürzt und wagte dabei nicht auf das

Papier zu schauen, so daß diese Zeile schief und mit unordentlichen

Buchstaben dastand und von der sauberen Nettigkeit der übrigen

erheblich abstach.

3.

Fritz blieb es erspart, dem Kaiser zu dienen. Eine Unregelmäßigkeit

in der Krümmung der Hornhaut beeinträchtigte das Sehvermögen seines

rechten Auges und machte ihn zum Waffendienst untauglich. Er war froh

darüber, und als er auch die letzte Musterung glücklich hinter sich

hatte, verleitete er seinen Freund Heinz zu einem kleinen Gütlichtun in

einem Weinkeller. Von dort gingen sie noch in ein Nachtkaffeehaus. Ein

Streichorchester spielte hier, und der große, schäbig elegante Raum war

gesteckt voll. Studenten, ledige junge Beamte und alte Witwer waren in

der Überzahl, saßen angeheitert, lustig oder schläfrig bei den runden

Marmortischchen und musterten die geschminkten und geputzten Weiber,

die von der Straße kamen und Liebe feilboten. Allenthalben saßen oder

standen sie bei den Herren, von den großen Hüten nickten die gefärbten

Federn, und falsche Edelsteine funkelten an billigen Spitzenblusen.

Eine aber saß allein und abseits in einer Ecke, hatte ein schlecht

sitzendes dunkles Kleid an, und ihr Gesicht war ohne Schminke. Mit

ängstlichen Augen schaute sie in das lärmvolle Durcheinander, und wenn

ein Mann sie ansprach, begann sie zu zittern, errötete und gab keine

Antwort. Eine Anfängerin. Der Zahlkellner beobachtete sie mißtrauisch.

Er sorgte sich um sein Geld für die Zeche. Aber auch Heinz Wart ließ

sie kaum aus den Augen.

Die Musik spielte den neuesten Gassenhauer, die Gäste sangen mit,

stampften, klatschten und pfiffen.

Leichthin sagte Heinz: „Ich werde mich an ihren Tisch setzen. Gehst du

mit?“

„Was dir nicht einfällt!“ erwiderte Fritz und schaute den Epikuräer

entrüstet an. Der bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen,

wurde aber doch rot, als er jetzt meinte: „Dann wäre ich dir dankbar,

wenn du mich allein ließest.“

„Wie du willst. Zugetraut hätte ich’s dir nicht!“

„Man täuscht sich eben. Gute Nacht.“

Hellwig hatte schon den Hut auf und stürmte davon. Er war nicht prüde

und kein Sittenrichter. Aber die käufliche Liebe ekelte ihn an.

Die junge Frau zuckte erschreckt auf, als sich Heinz mit einem

ungelenken: „Erlauben Sie?“ zu ihr setzte. Aber bald verlor sie alle

Scheu. Weder Unverschämtheit noch freches Begehren war in seinem Blick,

nur ernste Teilnahme, die Vertrauen heischte und Vertrauen wachrief.

Sie hieß Marie und war aus dem Waldviertel. Nach einem verstorbenen

Onkel hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester einen Milchhandel in der

Stadt übernommen. Aber da sie beide nichts vom Geschäft verstanden,

wollte es nicht gehen und wurde ihnen schließlich versteigert. Die

ältere Schwester hatte mit einem Lohnkutscher ein Verhältnis, das ihr

allwöchentlich Prügel und alljährlich ein Kind einbrachte. Die Marie

aber ging einem Heiratsschwindler ins Netz, der sie um die letzten

Kreuzer betrog und dann sitzen ließ. Weil sie zart und schwächlich

aussah, glückte es ihr nicht gleich, als Dienstmagd unterzukommen, die

Quartiersfrau wollte ihr ohne Zahlung nicht länger Unterstand geben,

bei der Schwester war Not und Elend und kein Platz für noch einen

müßigen Kostgänger. Deswegen saß die Marie jetzt hier und wollte das

Letzte, das ihr noch geblieben, feilgeben, um wieder einmal ordentlich

essen und die Miete zahlen zu können.

Das alles erzählte sie dem Wart, und die Aussprache tat ihr wohl. Er

unterbrach sie mit keinem Wort, hörte still zu und lebte ihr einfaches

Schicksal mit, das ihn ans Herz griff, trotzdem er vorausgewußt hatte,

daß ihr Bericht so oder ähnlich lauten würde.

Dann redeten sie noch über viele Dinge. Die Marie fühlte sich geborgen,

wurde lebhafter und wenn sie lächelte, glitt über ihr mageres

Gesicht ein wehmütig freundliches Licht. Wie wenn im Vorfrühling der

Sonnenschein über ein erstes blasses Schneeglöckchen hinhuscht, sah es

aus, und in ihren goldbraunen Augen war ein sanfter Glanz von einer

Munterkeit, die ungewiß, ob sie sich vorwagen sollte, ihre leuchtenden

Flüglein hob und senkte.

Es war sehr spät geworden. Heinz schlug vor, zu gehen. In ihr Schicksal

ergeben, folgte sie ihm. Aber auf der Straße nahm sie doch seinen Arm

und schmiegte ihre Wange daran, zum Dank, daß er sie rücksichtsvoll und

wie ein anständiges Mädchen behandelte. Vor einem Logierhaus machte er

halt. Bevor er klingelte, bot er ihr mit behutsamen Worten ein Darlehen

an. Sie gab keine Antwort, wurde verwirrt und schluchzte kurz auf.

Aber das Geldstück nahm sie doch, mit kaum verhehlter Gier, aus seinen

Händen und barg es bebend in ihrem Täschchen. Dann wartete sie mit

fliegendem Atem, daß er anläuten und das Zimmer bestellen würde. Doch

er hielt ihr nur die Hand hin.

„Gute Nacht!“ sagte er einfach.

Freudig erschrocken schaute sie ihn an.

„Sie gehn nicht mit?“ rief sie in der Ratlosigkeit ihrer Überraschung.

Und das war wie ein Aufjubeln, und die hellen Tränen stürzten ihr über

die Wangen.

„Schlafen Sie sich aus. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich Sie morgen

früh ab. Dann sehen wir weiter.“

Sie war ganz fassungslos und wußte nicht, wie sie ihm dankbar sein

könnte. In überströmendem Empfinden neigte sie sich über seine Hand.

Unwillig machte er sich frei, zog die Nachtglocke und wollte rasch

davon. Sie ließ es nicht zu.

„Sie ... du ...“ stammelte sie, legte ihre Arme um seinen Hals und

küßte ihn.

Die Sommernacht war lau und ausgesternt, rein und rund hing der Mond

im dunklen Blau, lautlos war es und niemand in der Gasse zu sehen. Und

nichts war zu hören als der Herzschlag der vielen schlafenden Menschen,

der durch die Mauern der großen Zinshäuser drang und leis und warm

durch die Stille pochte.

„Bleib’ bei mir, du!“ flüsterte die Marie. „Geh’ nicht fort, laß mich

nicht wieder allein. Ich bin so froh, daß ich dich gefunden hab’!“

Der Schlüssel rasselte im Schloß. Schläfrig öffnete der Pförtner das

Tor. Nur einen flüchtigen Blick warf er auf das Pärchen, dann sagte er

mit einem verständnisinnigen Blinzeln zu Heinz: „Ein Zimmer mit zwei

Betten ist nicht mehr frei. Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen

mit Nummer einundvierzig?“

Heinz stand wie betäubt.

„Geh’ nicht fort!“ bat die Marie.

Da nahm er wortlos den Zimmerschlüssel aus der Hand des Türstehers.

Und noch ehe er im zweiten Stockwerk angelangt war, hatte er schon den

schlanken, bebenden Frauenleib ganz dicht an sich gezogen.

Körper an Körper und Wange an Wange stiegen sie die Treppe hinan, mit

fieberndem Blut und hämmernden Herzen, und wie eine glühende Wolke

umhüllte sie die ungestüme Sehnsucht ihrer jungen lebenshungrigen Sinne.

So kam die große Leidenschaft der Liebe über Heinz Wart. Er bezog mit

Marie eine aus Küche und Zimmer bestehende Wohnung im fünften Stock

eines Miethauses. Dort war es hell und freundlich, und die schlichten

Möbel glänzten im Morgensonnenschein mit den Zähnen, den Augen der

Marie um die Wette. Heiter ging sie an ihr Tagewerk und beschloß es

heiter, ganz geborgen fühlte sie sich, wußte sich geliebt und liebte

wieder mit aller Zärtlichkeit ihres unverbrauchten kindlichen Herzens.

Ein sachtes Rot kam in ihre schmalen Wangen, leicht und federnd schritt

sie einher. Aber ihre Arme blieben mager, und der trockene Husten

wollte nicht weichen.

Beglückt und froh ließ sich Heinz von ihrer warmen Liebe wiegen. Seine

Starrheit löste sich, er wurde weicher, menschlicher sozusagen. Im

schnurgeraden Wandern nach dem Ziel hatte er eine heimliche Stätte

gefunden, wo er traumverloren ruhen und endlich auch einmal der Melodie

seines eigenen Lebens lauschen konnte.

Fritz bat den Freund -- wortlos, nur mit einem festeren Händedruck --

um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die er von ihm gehabt, und

mit der Marie schloß er bald gute Kameradschaft. Viele schöne Abende

verlebte er in ihrem Heim, aber auch jeden freien Tag verbrachte er mit

ihnen.

Dann fuhren sie alle drei in den Wiener Wald oder in die Voralpen

hinaus, nach denen die Marie solche Sehnsucht hatte, daß sie sich immer

wie zu einem Fest schmückte, wenn sie die laubwaldumwachsenen Höhen

wiedersehen sollte, die weich hinfließenden Kämme und die weiten

Täler. Denn sie liebte die freie Gotteswelt, den blauen Himmel, unter

dem sie groß geworden, die blumigen Fluren, die ihr das Wiegenlied

geflüstert, die saalweiten Buchenwälder, durch die mit goldenen Mänteln

die Rehe sprangen wie verwunschene Märchenprinzen.

Abseits von dem großen Heer der Ausflügler streiften sie, meist weglos,

den ganzen Tag umher, an kühlen Bergquellen hielten sie Rast, von

duftschweren Maiglöckchen umblüht oder umloht von der berauschenden

Glut blutroter Alpenrosen. Und je einsamer es war, desto glücklicher

waren sie, großen Kindern gleich, die hinter die Schule gelaufen.

4.

Diese Ausflüge waren für Hellwig immer wie ein Jungbrunnen, aus dem

er sich Erquickung und neue Frische holte für sein aufreibendes

Tagwerk. Dieses war, je mehr er sich eingearbeitet hatte, je mühevoller

geworden. Die Partei hatte bald die Tüchtigkeit, die Werbekraft und

den Einfluß erkannt, den der junge Schriftleiter mit seiner warmen

Begeisterung und stillen Leidenschaftlichkeit auf breite Massen üben

konnte. Die Scheu vor dem öffentlichen Hervortreten hatte er rasch

überwunden, zauderte jetzt niemals mehr, in den Versammlungen als

Redner aufzustehen, und wenn er etwas zu sagen hatte, sagte er es frei

heraus und wunderte sich selbst manchmal, wie leicht und mühelos ihm

die Worte von den Lippen kamen. Mit frohen Kräften tat er sich überall

um, und je mehr man auf seine Schultern lud, desto wohler fühlte er

sich. Und seine Kräfte wuchsen, je mehr er sie brauchte.

Immer zu eng waren ihm die Grenzen abgesteckt, sein Ungestüm

schrie nach einer ganz großen Aufgabe, an der er sich ungehemmt und

uneingeschränkt erproben und wirklich abmessen konnte, was er zu

leisten imstande sei. Und die Aufgabe wurde ihm.

In dem ausgedehnten nordböhmischen Kohlenbecken waren die

Lohnverhältnisse schon lang unhaltbar und der Streik nicht länger

hinauszuschieben. Stürmisch verlangten ihn die Bergleute, und die

Parteileitung mußte nachgeben. Es wurde notwendig, einen verläßlichen

Mann in das unruhige Gebiet zu entsenden, der die Bewegung vorbereiten,

in geordnete Bahnen lenken und überwachen sollte. Die Wahl fiel auf

Fritz Hellwig. Eine große, verantwortungsvolle Sendung wurde ihm, der

wenig über vierundzwanzig Jahre alt war, damit auferlegt. Aber vor die

Entscheidung gestellt, schwankte er keinen Augenblick und sagte ja.

An einem trüben Herbsttag betrat er den Ort seines zukünftigen Wirkens.

Die große lärmvolle Provinzstadt machte keinen günstigen Eindruck.

Ein trockener Geschäftsgeist, der das Zweckmäßige auch schön findet,

sprach aus ihrer ganzen Anlage. Man sah es gleich: Diese Stadt hatte

keine Vergangenheit. Ihre Insassen wohnten nur erst wie zur Miete,

waren nicht auf diesem Boden erbgesessen und mit ihm verwachsen durch

vieljährige Überlieferung. Deswegen legten sie keinen Wert auf ein

behagliches Heim, hätten auch keine Zeit gefunden, es zu schmücken, in

ihrer rastlosen Jagd nach dem Erwerb.

Mit ihren vielen Fabriksschloten lag die Stadt, beständig von einer

Wolke schwärzlichen Qualms überschattet, mit Geratter, Gerassel und

Getöse angefüllt, in einer ungemein reizvollen Landschaft wie ein

häßliches Mal auf einem schönen Körper. Zahlreiche Berge schlossen

sie von zwei Seiten ein, ein stattlicher Strom hatte sich eine

breite Rinne durch das Gebirge gegraben und trug Frachtschiffe auf

seinem Rücken, beladen mit Obst und Korn und Kohlen, die rings in

dem großen Becken gefördert wurden. Und an seinen Ufern führten die

Schienenstränge, keuchten die Lokomotiven, knarrten die Dampfkrahne,

schwere Warenballen aus den Eisenbahnwagen hebend und in den

Schiffsrumpf senkend.

Es war eine reiche Gegend, und die Leute verwendeten den unerschöpflich

zuströmenden Reichtum mit klugem Bedacht. Sie legten ihn in der Erde

an, vergruben ihr Pfund und wucherten doch damit, teuften Schacht

um Schacht ab, stellten immer stärkere Fördermaschinen auf, und die

schwarzen Diamanten brachten hundertfältigen Nutzen.

Aber die Landschaft litt darunter, und schon jetzt sah man weite

Flächen mit rauchenden Löschhalden eingesunken und verrollt, wo

einst auch fruchtschwere Obstbäume standen und gelbes Korn der Ernte

entgegenreifte. Und wenn der letzte Kohlenblock dem Bauch der Erde wird

entrissen sein, dann wird eine Wüste ringsum zurückbleiben und ein

großes Elend.

Daran dachten sie jedoch vorläufig nicht. Sie waren stolz auf ihre

Bergwerke, stolz auf ihre Fabriken, stolz auf ihren Reichtum und

hielten sich für ungemein geschäftstüchtig, weil sie sich alles

dienstbar zu machen und aus allem Vorteil zu ziehen wußten.

Am stolzesten aber war die Stadt auf ihre chemische Fabrik. Die bildete

ein eigenes Viertel, und wohl fünfzig Schlote ragten hoch in die Luft,

gewaltige Säulen für den Thron der Königin Industrie. In dicken Wolken

hing der schwarze Rauch darüber als Baldachin und unten sausten und

grollten die Räder, knatterten die Treibriemen, ächzten die Winden,

schrillten die Dampfpfeifen: die große Sinfonie zu Ehren der Königin.

Weit über fünftausend Arbeiter beschäftigte diese Fabrik, und weit

über fünfzehntausend Bergleute fanden in den Kohlengruben ihr Brot.

Die sollte Fritz Hellwig nun führen, organisieren und vorbereiten zum

Kampfe gegen die mächtigen Handelsherren.

Er hatte sich außerhalb der Stadt in einem kleinen Hause am Ufer

des Stromes bei einem Faßbinder eingemietet. Hier war es still und

friedsam, die Hafenbahn führte nicht bis her und der Lärm drang nur

kaum noch wie ein leises Murmeln von fern. Um die Fenster schlang ein

edler Weinstock seine Ranken, bewaldete Berge stiegen am jenseitigen

Ufer mit anmutigen Gipfeln empor, und durch das grüne Tal glitt leise

rauschend mit eiligen Wellen der schöne Fluß. Früh morgens ging die

Sonne an den Fenstern vorbei, lag wie gleißendes Silber auf der breiten

Wasserfläche, Lastschiffe und Zillen wanderten bei günstigem Wind mit

aufgesteckten Segeln vorüber, Schleppdampfer bewegten sich an rollender

Kette stromaufwärts.

Bisweilen auch tönte unten auf dem gepflasterten Vorplatz lustiger

Schlegelklang. Aber der Bindermeister war rücksichtsvoll und fragte

jedesmal, wenn er die Reifen antreiben wollte, seinen Mieter, ob ihm

das Gehämmer nicht lästig sei. Er war außerordentlich mager, groß,

etwas vornüber gebeugt durch die Last seiner siebzig Jahre, und um

das ganze Gesicht starrte ihm ein wahrer Urwald von grauen Haaren,

so daß nur die kleinen Vogelaugen sichtbar waren und eine Hakennase

von abenteuerlicher Form. Wie ein Meergreis schaute er aus, grün, mit

grünlich verschossenen Kleidern und grünlich-schwarzer Hautfarbe.

Denn er wusch sich nur Sonntags. Dagegen hielt er viel auf leichtes

Schankbier und Schnupftabak, wovon er unglaubliche Mengen verbrauchte.

Seine Frau war ihm darin ähnlich. Auch sie verschmähte weder eine Prise

noch einen guten Trunk. Doch ging sie immer sauber gewaschen, und Fritz

hatte keinen Anlaß zu einer Klage. Seine Stube war kühl und hell, die

Aussicht prachtvoll, der Kaffee vortrefflich.

Wenn er zu Hause war, sah er am liebsten zum Fenster hinaus auf das

bunte Treiben im Strom, schaute den Scharen der Möven zu, die wie

Silberstreifen über die glitzernde Wasserfläche schossen und ließ sich

nachts von dem eintönigen Geplätscher der wandernden Wellen in Schlaf

singen.

Aber er hatte nicht viel Zeit zu beschaulicher Muße. Die Agitatoren,

die vor ihm dagewesen waren, hatten schlecht gewirtschaftet. Sie hatten

verhetzt, statt aufzuklären; sie hatten aufgereizt, wo sie hätten

belehren sollen. Sie hatten den Leuten die glückliche Unwissenheit

genommen und nichts dafür gegeben.

„Werdet Sozialdemokraten, und es wird euch gut gehen.“

Und sie wurden Sozialdemokraten. Aber es ging ihnen nicht gut. Es ging

ihnen schlechter. Denn zur gleichen Lebenslage war die Unzufriedenheit

gekommen.

So war es Hellwig nicht leicht gemacht, Vertrauen zu erwerben. Aber

es gelang ihm doch. Er war fortwährend unter ihnen, bereiste das

ausgedehnte Gebiet, warb um sie und ließ nicht locker. Und langsam

begann ihr Mißtrauen zu schwinden. Sie ließen ihn näher an sich heran,

öffneten ihm ihre Stuben, ihre Herzen. Sie spürten heraus, daß er es

ehrlich mit ihnen meinte und fingen an ihn zu lieben.

Bald kannten ihn alle Arbeiter. Es war auch nicht schwer, ihn unter

Hunderten herauszufinden. Schulterbreit, von einem kraftvollen Ebenmaß

der Glieder, überragte er die meisten um Haupteslänge. Wenn sie seinen

runden Schlapphut, den grauen Radmantel auftauchen sahen, kamen sie

näher, vertrauten ihm ihre Nöte. Und bald auch kamen sie zu ihm in die

Redaktion des Wochenblattes, dessen Leitung er mit übernommen hatte.

In den Frühstunden oder am Abend nach der Arbeit kamen sie, mit ihren

rußigen Gesichtern und schwieligen Fäusten, holten sich Rat in ihren

kleinen Kümmernissen und großen Mühsalen.

Es gab prächtige Menschen unter ihnen. Da war Anton Stanzig, der

Glasbläser, der in seinen freien Stunden in den Bergen herumlief,

um sich eine neue Lunge zu holen, weil er sich die alte beim heißen

Schmelzofen schon zur Hälfte herausgeblasen hatte. Er spuckte Blut und

sammelte Schmetterlinge, las darüber dicke Bücher und wußte alle Arten

mit ihren lateinischen Namen zu benennen. Oder da war Ferdinand Opitz,

der nach beendeter Häuerschicht die dunkle Kohlengrube verließ, um sich

mit Spektralanalysen zu beschäftigen und dessen ständige Klage war, daß

er so selten dazu käme, das Sonnenspektrum zu beobachten. Oder da war

Franz Bogner, der alte Kesselwärter, der in den Mußestunden mit seinen

knotigen Fingern zarte Blumengewinde und Figuren modellierte. Und was

sollte man von Karl Pfannschmidt halten, dem fünfunddreißigjährigen

Bergmann, der zur Rastzeit im Schacht mit dem Speck zugleich auch

ein Buch aus dem Brotsack zog und auf einem Haufen Kohle bäuchlings

hingestreckt, beim trüben Schein der Grubenlampe Rousseaus ~contrat

social~ im Urtext zu lesen anfing.

Er hatte eine zweiklassige Dorfschule besucht und mußte mit zwölf

Jahren ins Bergwerk. Schon längst war seine Gesichtsfarbe fahlgrün und

seine Luftröhre voll von Kohlenteilchen, die er obertags fortwährend

aushustete. Die heiße Schachtluft hatte den Körper angegriffen, aber

der Sehnsucht konnte sie nichts anhaben. Die war geblieben, und mit ihr

ein unstillbarer Hunger nach Wissen. Seine Stuben waren vollgepfropft

mit allen Lehrbüchern der Mittelschulen. Denn er hatte einst den

Ehrgeiz gehabt, es bis zum Doktor der Weltweisheit zu bringen. Da hatte

er heiraten müssen, kurz nach der Hochzeit war das erste Kind gekommen,

und die Sorge um das tägliche Brot zwang ihn, im Schachte auszuharren.

Hellwig war bald der wahren Natur des bescheidenen Bergmanns auf die

Spur gekommen, bot ihm seine Bücherei zur Benützung an, lud ihn zu sich

ein. Und Pfannschmidt zog eines Abends nach langem Zögern seine guten

Kleider an und ging hin. Frisch rasiert war er, trug blank gewichste

Stiefeletten und an den ausgearbeiteten Händen braunlederne Handschuhe.

Linkisch stand er unter der Tür und zog und zerrte an dem Knoten seiner

Halsbinde, die himmelblau auf einer brettsteifen Hemdbrust glänzte. Die

Hemdbrust hatte sich unter der Weste verschoben und wölbte sich nun wie

ein mächtiger Frauenbusen.

„Stör’ ich?“ fragte er schüchtern.

„Beileibe!“ erwiderte Fritz. „Schön, daß Sie kommen.“

Er nahm dem Besucher den Hut aus der Hand, legte ihn aufs Bett, öffnete

den Kasten und nahm eine Flasche Wein heraus.

„Machen wir’s uns gemütlich.“

Der Bergmann saß steif nur kaum auf dem Rand des angebotenen Stuhls

und hatte die Hände vor sich auf die geschlossenen Knie gelegt. Seine

Blicke wanderten in der Stube herum, blieben an den Büchergestellen

haften.

Fritz schraubte die Lampe höher. „Ich denke, wir lesen etwas!“ schlug

er vor. Denn auch ihm fehlte die Gabe, durch leichtes Geplauder Brücken

zu schlagen, über die ihre einander noch fremden Seelen sich hätten

näher kommen können. Er holte ein paar Bände, setzte sich seinem Gast

gegenüber, der ihn stumm und erwartungsvoll ansah.

„Vielleicht das hier!“ meinte Hellwig nach einigem Herumblättern. Und

nun las er mit verhaltener Leidenschaft Friedrich Adlers Gedicht ‚Nach

dem Strike‘.

„... Im tiefen Schacht, von Luft, vom Lichte,

Von jedem frohen Blick entfernt,

Gefahr, wohin der Fuß sich richte --

Wir haben tragen es gelernt.

Wir wissen uns dem Los zu neigen.

Wir gehen fürs Leben in den Tod.

Wir schweigen schon und werden schweigen,

Allein wir hungern, schafft uns Brot!“

Und weiter:

„... Und laßt es nicht zum höchsten steigen,

Bedenket, Eisen bricht die Not --

Wir schweigen schon und werden schweigen,

Allein wir hungern, schafft uns Brot!“

Pfannschmidt war aufgestanden. Gleich nach den ersten Versen war er

aufgestanden, ganz außer sich, mit geballten Händen und weit geöffneten

Augen.

„Herr! ... Herr ...!“

„Ein schönes Gedicht, nicht wahr?“ sagte Fritz leichthin, um die

eigene Ergriffenheit zu verbergen.

„Schön? -- Packen tut’s einem, daß man gleich mit Fäusten dreinschlagen

möcht’! Sakra! Wir schweigen schon und werden schweigen, allein wir

hungern! ... Das sind Worte, gerade solche Worte, wie sie unsereins

auch spricht ... aber was da alles drinliegt! Und was alles dazwischen

liegt, bis einer zu dem Ton kommt ... Herr, ich hab’ auch mein Lebtag

gehungert und geschwiegen und gewartet: es muß doch anders werden. Und

ein Tag nach dem andern ist vorbeigegangen, ein Jahr hinterm andern, --

bis mir meine Frau das erste graue Haar aus dem Bart zieht. Und da hab’

ich’s auf einmal gewußt: Du steckst drin und kannst nicht heraus ...!

-- Ich hab’ angefangen, auf die Tage aufzupassen, wie sie so langsam

vorüberschleichen. Und da ist mir geworden: Ich lieg’ sechs Schuh tief

in einem offenen Grabe ... und jeder Tag ist wie eine Schaufel Erde,

die sie auf mich werfen. Bei den Beinen fängt’s an, dann kommt’s auf

die Brust, die Arme ... immer schwerer ... immer mehr Erde ... Und

endlich fällt sie auch aufs Gesicht. Dann ist das Licht fort, jeder

Strahl, jeder Schimmer -- alles. Und das ist das Ende ... Lebendig muß

man sich begraben lassen und kann sich nicht wehren. Verfluchte Armut!“

„Pfannschmidt!“ rief Fritz erschüttert. „Um Himmelswillen, nicht so

mutlos! Denken Sie nicht ans Untergehn, sonst _sind_ Sie ja schon

unten! Verfluchte Armut, jawohl! Aber -- Hand aufs Herz, ihr, die ihr

da arm seid -- seid ihr ganz ohne Schuld? -- Ihr habt geschwiegen und

schweigt! Laßt alles auf euch niedergehn -- und schweigt! Zum Teufel!

So wehrt euch doch! Ihr habt Fäuste -- braucht sie! Habt Rechte --

fordert sie! Und weigert man sie euch -- erzwingt sie!“

Da lächelte der Arbeiter traurig und sagte: „Herr, Sie wissen eben

nicht, was jahrelang schuften und hungern heißt. Das macht einen schon

kaputt. Wenn man so Stücker zwanzig Jahre in der Tretmühle drin ist,

dann hört sich endlich alles andere auf. Man lebt nur noch so hin ...“

Fritz vermochte nicht zu antworten. Was er auch geredet hätte, es wären

doch nur Worte gewesen, leere Worte, die an diesen heißen Schmerz nicht

herankonnten, -- wie Wassertropfen in der Luft verdampfen, lang ehe sie

das Erz im Hochofen erreichen können.

So war Schweigen, während vor den Fenstern der dunkle Strom vorüberzog,

schnell, lautlos gleitend, Welle um Welle ohne Anfang und Ende.

5.

Tage aufreibender Tätigkeit folgten. Es galt die Forderungen

zusammenzustellen und den Grubenbesitzern bekanntzugeben. Hoch waren

die Forderungen nicht, denn die Leute waren wirklich hundejämmerlich

daran. Sechs, im besten Fall zwölf Gulden in der Woche verdienten die

Männer, die Weiber brachten es höchstens auf sieben, und zu alledem

waren die Lebensmittel schandhaft teuer. Es gedieh zwar alles in

Hülle und Fülle in der fruchtbaren Gegend und die Bauernhöfe hatten

große Viehbestände. Aber die klugen Geschäftsleute wußten auch aus

diesem Segen Gewinn zu ziehen, trieben mit Obst, Korn, Milch einen

schwunghaften Handel nach dem Ausland und den nahen Kurorten. Nur die

Ausschußware beließen sie dem heimischen Markt, forderten aber die

gleichen Preise wie für die gute. Und die Löhne waren seit Jahrzehnten

unverändert.

Das glatte Zuströmen des Reichtums hatte die Unternehmer übermütig

gemacht. Sie vertrauten ihrem mühelosen Glück und glaubten, daß ihnen

alles gelingen müßte und nichts geschehen könnte.

Rundweg lehnten sie die Forderungen ihrer Arbeiter ab. Alle ohne

Ausnahme, in Bausch und Bogen, brüsk, ohne Beschönigung. „Wir

bewilligen gar nichts! Wem’s nicht recht ist, der kann gehen!“

Da berief Hellwig die Bergleute zu einer Versammlung unter freiem

Himmel, am frühen Morgen, draußen vor der Stadt auf einem Hügel mit

weiter Fernsicht über das große Becken. Und sie, über die schroffe

Abweisung erbittert, legten trotzig die Arbeit nieder und strömten von

allen Seiten auf die frührotbeglänzte Höhe. Wohl achttausend kamen sie,

Männer mit struppigen Bärten, Weiber, die Kinder unterm Herzen trugen,

muskelbepackte Jünglinge und Mädchen mit wachsgelben Wangen. In ihren

besten Kleidern, wie zu einem Gottesdienst, kamen sie.

Blutrot stieg im Osten die Sonne empor. Unter ihr lag die herbstreife

Erde und hob die quellenden Brüste dem Licht entgegen. Rein war der

Himmel, rein die Luft, rein die Stadt vom Fabriksqualm. Rauchlos ragten

die Schlote, mahnende, warnende Finger, aus dem Häusergewirr.

Hellwig schwang sich auf eine Felsplatte, die in der weiten Fläche des

Gipfels wie eine natürliche Rednerbühne aufgebaut war und blickte über

die Versammelten. Eine schwankende dunkle Masse, brandete es da unten,

Kopf bei Kopf, und die Gesichter leuchteten seltsam weiß und fremd

daraus hervor. Und das Regen der Leiber, das Summen der gedämpften

Stimmen vereinigte sich zu einem dumpfen Brausen, wie der Schwall

mächtiger Wogen, die ohne Rand und Ufer im offenen Meer hinrollen.

Einen Augenblick stand er wie erschrocken vor dem ungeheuern Andrang

des Lebens, das ihm entgegenatmete. Und es dünkte ihn Vermessenheit,

als ein Einzelner, Jugendlicher, gleichsam darüberzustehen und ihm die

Bahn zu weisen. Und er sah Hoffnung in ihren glänzenden Augen, hörte

das Brausen leiser und leiser werden -- und lautlose Stille wurde unter

der blauen Himmelsdecke, wie in einem endlos gedehnten leeren Saal.

Alle schwiegen und hielten ihm die Gesichter zugewendet und erwarteten

etwas von ihm und waren begierig auf seine Botschaft. Da durchsengte es

ihn mit einer wilden, ganz heißen Glut. Noch einen freien, leuchtenden

Blick warf er über die Menschenmassen, dann sprach er mit weithin

tönender, schwingender Stimme.

Er sagte:

„Da unten liegt die schöne reiche Erde, die unser aller Mutter ist. Da

unten schläft auf Garbenbündeln die Fruchtbarkeit, biegen sich die Äste

fruchtschwer und segenbeladen.

Unsere Mutter ist so schön und so reich. Aber ihr, die ihr Kinder

dieser Mutter seid ... schaut dort hinab, wo die Essen ragen und die

Aschenhaufen rauchen! ... ihr, die ihr dort unten in den finsteren

Schächten, fern dem Licht, in der heißen, staubigen Luft, in den engen,

stickigen Gängen schweißtriefend die Karren schiebt und halbnackt die

Hauen schwingt beim bleichen Flackern der Grubenlampen -- eure Lungen

keuchen, eure Lippen sind zerrissen und wund, eure Augen haben rote

Ränder -- ihr armen Kinder dieser reichen Erde wißt nichts von der

Schönheit eurer Mutter!

Wenn noch die Nacht auf den Bergen träumt, müßt ihr Abschied nehmen

von Weib und Kind, jeden Tag Abschied fürs Leben, denn dort unten

lauert die Gefahr, kauert der Tod -- und eure Lieben wissen nicht, ob

sie euch lebend wiedersehen.

‚Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?

Ein Grubenlicht, ein Lebenslicht,

Ein Tropfen löscht es gar behende --

Ein Grubenlicht -- ein Totenlicht!‘

sagt euer alter Bergmannsspruch. Und Tag für Tag müßt ihr hinab in die

heiße, dunkle Tiefe. Und erst wenn der Tag zum Sterben kommt, wenn die

Nacht wieder auf den Bergen träumt, dann kommt ihr -- vielleicht! --

hervor aus der dunklen, heißen Tiefe und eure Augen sehen die Sonne

nicht mehr. Tag für Tag. Und keinen Tag seht ihr den Quell alles

Lebens, die Sonne.

Was habt ihr getan, um so gestraft zu werden?

Wolltet ihr Umsturz und Revolte? Den Untergang des Reiches? Den Tod des

Herrschers?

O, nichts von alledem, meine Brüder! Ihr seid nur -- arm!

Das ist es ja, was unsere Gesellschaftsordnung so furchtbar macht und

so ungeheuerlich! Daß die Armut zum Fluch, daß die Armut zur Strafe

wurde, zu einer harten, grausamen, entsetzlichen Strafe.

Und wenn ihr -- nicht ein Ende, beileibe! -- wenn ihr eine Milderung

wollt, wenn euere Forderungen noch so maßvoll sind, wenn ihr nichts

verlangt als nur ein wenig mehr Luft und Licht und ein wenig Würze zum

trockenen Brot -- auch dieses Wenige geben sie euch nicht!

Wenn ihr euch auch plagt und rackert und Arbeiten auf euch nehmt, die

oft einem Schwein zu schmutzig wären, geduldig und ohne Murren auf

euch nehmt -- denn eure Kinder wollen essen -- es hilft euch alles

nichts, plagt, rackert, schindet euch, so viel ihr wollt, ihr müßt --

ganz arm bleiben.

Nichts gibt man euch dazu, nicht einmal ein wenig mehr Luft und Licht

und ein bißchen Würze zum trockenen Brot!

Ballt sich euch die Faust? Will euch der wilde Zornschrei die Brust

zerreißen?

Gemach, ihr meine Brüder!

Nicht in Haß und Zorn dürft ihr handeln! Wägen müßt ihr, müßt alles

überlegen, und ruhig und besonnen, aber um so fester und sicherer,

strenger und unbeugsamer pocht dann auf euer Recht!

Und das erste Recht der Erdenkinder ist ein Anrecht auf die Früchte der

Mutter. Wie euern Kindern die Brüste eurer Frauen, so gehören euch die

Früchte der Erdenmutter. Und euer bestes Recht ist, daß ihr satt zu

essen habt für euch und eure Kinder.

Aber nicht mit der kurzen Gewalt der Fäuste dürft ihr euch dieses Recht

holen. Denn ...

Ich sehe viele unter euch, die Väter und Mütter sind. So frage ich

euch: Wollt ihr, daß euern Kindern dasselbe Los falle, das euch

beschieden ist? Wollt ihr, daß ihnen wie euch das Geleite geben durch

das ganze lange Leben der Hunger und die Not? Wollt ihr, daß eure

Kinder einst, wie ihr, vor einer Wiege stehn und emporschreien zum

harten kalten Tod: ‚Komm doch! Komm und nimm den Wurm zu dir, eh’ er

bei uns verhungert!‘

Wollt ihr das? O, nein doch, nein!

Nun denn, so unterdrückt den Zorn, laßt den Drang nach Aufruhr und

Empörung nicht mächtig werden -- um eurer Kinder willen. Denn wenn ihr

jetzt hingeht, die Maschinen zerstört und vernichtet und plündert,

werdet ihr in Ketten gelegt und in Kerker geworfen. Und eure Kinder

stehen schutzlos da, preisgegeben dem hohnlachenden Daseinskampf -- und

verderben.

Ihr seid Söhne der Erde: so seid ihr Söhne der Arbeit.

Ihr seid Söhne der Arbeit: so seid ihr stark und starr.

Und so rufe ich euch zum Kampf! Zum zähen, lautlosen Kampf der

härtesten Unnachgiebigkeit! Rührt keinen Finger zur Arbeit, bevor nicht

eure Forderungen erfüllt sind: Neun Stunden Arbeitszeit und vierzig

Prozent Lohnerhöhung.

Mehr könnt ihr vorerst nicht fordern. Mit einem Schlag fällt auch der

stärkste Mann keinen hundertjährigen Baum, aber durch viele Axtschläge

bringt ihn selbst ein Kind zu Fall.

Söhne der Erde, Söhne der Arbeit, seid stark und starr und achtet die

Gesetze um eurer Kinder willen!“

Als er geendet hatte, zerriß ein lautes Jubelschreien die atemlose

Stille. Ein entfesselter Strom, drängten sie gegen ihn, streckten die

Arme aus, schwenkten Hüte und Tücher. Die Vordersten erkletterten den

Felsen, haschten nach seinen Händen, drückten und schüttelten sie, und

einige wollten ihn auf den Schultern forttragen. Er aber wehrte ihnen

und schritt ergriffen durch die entflammte Menge, mit feuchten Augen

und hämmerndem Herzen.

Da stellte sich ihm ein Mann in den Weg, den er vorher noch niemals

gesehen hatte. Und doch mußte die kurze, gedrungene Gestalt mit

dem mächtigen Schädel, dem verwilderten Bart und den brennenden,

tiefhöhligen Augen sofort auffallen. Er war schlecht gekleidet, trug

einen abgeschabten Flausrock, Zwilchhosen, die an den Knien mit großen

Flicken ausgebessert waren, trangeschmierte hohe Stiefel, und das

blaue Leinenhemd ließ trotz der kühlen Herbstluft die haarige Brust

frei.

Etwas erstaunt schaute ihn Fritz an, und der Fremdling sagte mit

unverhohlenem Spott: „Sie wundern sich über mein Aussehen, guter

Freund? Das bin ich gewohnt. Übrigens heiße ich Karus, komme von Odessa

und wollte mir mal anschaun, wie ihr da draußen in Freiheitskämpfen

macht. Ich habe Ihre Rede gehört, es war eine schöne Rede, eine

gehaltvolle Rede, gewiß, aber eben doch nur eine Rede. Und das, nehmen

Sie mir’s nicht übel, junger Freund, aber das alles hat verflucht wenig

Wert. Ihr redet und redet, glaubt, weiß der Himmel was ihr für die

‚Freiheit‘ und für die ‚Menschheit‘ tut. Doch seien wir ehrlich, im

Grund genommen denkt ihr verteufelt wenig an die ‚Freiheit‘ und an die

‚Menschheit‘. Ihr denkt schließlich auch nur an eure Magen, wollt, daß

ihr genug für den Wanst habt -- -- daß aber draußen irgendwo zur selben

Zeit soundsoviele Hunderttausende im Straßengraben verrecken, daran

denkt ihr nicht, ihr -- altruistischen Egoisten!“

Er hatte mit halblauter Stimme gesprochen und keine Falte seines

verwitterten Gesichtes verzogen. Nur die Augen blitzten lebendig in

ihren tiefen Höhlen, und durch seine Worte zitterte es wie verhaltene

Glut.

„Stören Sie mir die Stunde nicht!“ antwortete Hellwig unwillig. „Was

geht es Sie an, wie wir für unser Recht eintreten? Ihnen zu Trost sei’s

gesagt: wir werden es auch bekommen! Weil wir uns rühren! Warum rühren

sich die soundsoviel hunderttausend anderen nicht auch? Oder, wie Sie

sagen, warum verrecken Sie lieber im Straßengraben, statt sich ihr

Recht zu holen?“

Da schüttelte sich die vierschrötige Gestalt des Unbekannten in

lautlosem Gelächter. Er schaute Fritz lang an, mit einem sonderbaren,

tief bohrenden Blick, dann sagte er langsam, jedes Wort betonend:

„Weil sie frei sein wollen!“, drehte sich auf dem Absatz herum und

ging weg. Rücksichtslos brach er sich mit den groben Fäusten und dem

Stiernacken Bahn durch das Gedränge, war im Nu darin untergetaucht.

Das ganze Auftreten des Mannes, sein hartes Wesen und dann die

rätselhaften Schlußworte, das alles hatte einen starken Eindruck auf

Hellwig gemacht. Und noch in seinem Zimmer grübelte er, suchte einen

Sinn in dem mystischen Satz:

... Sie verrecken lieber im Straßengraben, weil sie frei sein wollen ...

Aber er fand keine Deutung.

6.

Im Kohlenbecken ruhte die Arbeit.

Von allen Seiten liefen Spenden ein. Sogar Wart Nikl leistete einen

Beitrag. Kolben schickte tausend Gulden und schrieb dazu: „Noch einmal

die gleiche Summe steht dir in vier Wochen zur Verfügung, wenn du sie

brauchst. Es geschieht aus Freundschaft für dich, denn ich triefe nicht

von Menschenliebe. Nenn meinen Namen nicht. Ich verzichte auf den

blökenden Dank der Herde, verdiene ihn auch nicht. Halt dich tapfer!“

Das Geld wurde nicht verteilt, sondern zur Anschaffung von

Lebensmitteln in großen Mengen verwendet. Mehrere Küchen mit riesigen

Herden wurden aufgestellt, in denen das Essen für Hunderte auf einmal

bereitet werden konnte. So waren sie in der Lage, länger auszuhalten.

Sparsamkeit war aber auch notwendig, denn Woche um Woche verging, in

geschlossenen Schlachtreihen standen sich Arbeiter und Unternehmer

gegenüber, niemand dachte ans Nachgeben. Alle Schächte lagen wie

ausgestorben. Fünfzehntausend Bergleute feierten. Aber die Ruhe wurde

nirgends gestört.

Im Dezember fiel starker Frost ein. Die Lagerbestände der Gruben waren

vollständig geräumt. Der Kohlenmangel wurde immer empfindlicher, drohte

zu einer Katastrophe für Industrie und Bevölkerung zu werden.

Und dann war die Kohlennot wirklich da. Die Preise für Brennmaterial

wurden unerschwinglich. In den Gassen der Städte wurden die

Kohlenfuhrwerke immer seltener. Und auch die wenigen mußten von

Polizisten begleitet werden. Denn allenthalben strichen Leute mit

Körben und Säcken durch die Straßen, klaubten die Kohlenbröcklein --

wenn sie welche fanden -- gleich goldenen Münzen auf, und wiederholt

schon waren die Pferde ausgespannt, die Fuhren geplündert worden. Und

die Eisenbahnzüge, die den kostbaren Brennstoff aus dem Rheinland

und von England heranführten, rollten von der Grenze an unter

Gendarmeriebedeckung. Trotzdem aber warteten längs der Schienenstränge

Leute mit Stangen, Rechen und Harken, sprangen in die Bremshütten und

warfen von den fahrenden Zügen die Kohle ihren Genossen zentnerweise

hinab.

Noch bedrohlicher wurde die Lage, als eine große Maschinenfabrik

nicht mehr alle Kessel heizen konnte, den Betrieb einschränkte und

achthundert Gießer entließ. Andere Unternehmer folgten diesem Beispiel,

und die Erregung wuchs ungeheuer unter den brotlos gewordenen Massen.

Fast schien es, als stände das Land am Vorabend einer Revolution.

Beschwerden, Bittschriften, Drohbriefe liefen bei den Ministerien

ein. Unternehmer, Kaufleute, Handwerker, die gesamte Bevölkerung

forderte stürmisch von der Regierung Hilfe. Hohe Beamte gingen in das

Streikgebiet ab, um zu vermitteln, zu schlichten und ein Ende der Not

herbeizuführen.

Das Nachgeben fiel den stolzen Gewerken in ihrem Hochmut nicht leicht.

Aber unter dem Druck der öffentlichen Meinung blieb ihnen keine andere

Wahl. Widerwillig ließen sie sich zu Zugeständnissen herbei. Nicht alle

Forderungen wollten sie bewilligen, doch was sie anboten, war immer

noch so viel, daß es, gleich gewährt, genügt hätte, den Ausstand zu

vermeiden.

So erging denn vom Regierungsvertreter an die Vertrauensmänner der

Streikenden die Einladung zu einer gemeinsamen Besprechung. An Fritz

Hellwig war sie gerichtet als den Leiter und Führer der Bewegung.

Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit geworden. Man staunte über die

straffe Organisation, die er förmlich aus dem Boden gestampft hatte,

ließ ihm die geschickte Leitung gelten, lobte seinen lauteren Charakter

und seine vornehme Kampfesweise.

Und manche, die früher den Provinzredakteur über die Achsel angesehen,

suchten jetzt seine Bekanntschaft. Aber er blieb zugeknöpft und

verschlossen und ließ sie sich nicht nahe kommen.

Ungleich gemütlicher verkehrte er mit seinen Quartiersleuten. Der

Faßbinder war auf seine alten Tage auch Sozialdemokrat geworden.

Wenigstens behauptete er es. Die waschechte Gesinnung übte indes weder

auf seinen waschechten Hautüberzug, noch auf sein sonstiges Gehaben

einen bemerkenswerten Einfluß. Nach wie vor schnupfte er, trank

Schankbier und wusch sich nicht. Aber statt des nationalen Banners

schwang er jetzt die rote Fahne. Freilich nur seinen Reden nach. Dafür

aber gewaltig, mit dem Brustton der Überzeugung.

Er war stolz auf seinen Mieter und sonnte sich in dem Abglanz, der von

dessen Beliebtheit auf sein Haus fiel. Jeden Besucher hielt er auf und

fing ein Gespräch mit ihm an.

„Guten Tag, Genosse!“

„»Guten Tag!“«

„Was Neues?“

„»Bin keine Zeitung!“«

„Nun, nun, nur nicht so schnell! Lassen Sie doch unsern Herrn Genossen

Hellwig ein bissel ausschnaufen!“

„»Geht nicht, Herr Meister! Die Sache ist dringend.“«

„Schon wieder dringend? Ja, wir Roten! Wir marschieren nicht, wir

laufen Sturm!“

„»Könnt da schlecht mit, was? Wenn die Beine schon wacklig werden!“«

„Wacklig? Oho! Oho! Da schaun S’ her! La--uf--schritt!“

Und er lief ein Stück die festgefrorene sonnige Uferstraße entlang,

warf die langen Beine wie ein Droschkengaul, stand still und schaute

sich schnaufend und Beifall gewärtig um. Der Besucher hatte indes

die Gelegenheit benützt und war ins Haus geschlüpft. Da nahm der

Bindermeister eine Prise, spuckte in die Hände und schlug wütend auf

seine Fässer.

Und wenn Hellwig aus dem Haus trat, frühzeitig, kaum, daß die Sonne

hinter den weißen Bergen herauf wollte, machte sich der Binder, wenn

ihn nicht noch der Kater im Bett festhielt, jedesmal an ihn heran.

„Schon auf, Herr Genosse?“ fragte er zutunlich. „Sind Sie denn

nicht noch schläfrig? Arg spät war’s wieder. Ich hab’ schon einmal

ausgeschlafen gehabt, wie Sie die Fenster aufgemacht haben. Passen

Sie nur auf, daß Sie nicht verkühlen! Ich lieg’ immer bei zugemachten

Fenstern und doch friert mich in der Nacht wie einen Italiener. Und

jetzt gar Sie! Alle Fenster reißen Sie sperrangelweit auf. Das kann

doch nicht bekömmlich sein!“

„Ich bin das so gewohnt, Herr Meister. Und dann, es liegt sich so

schön, wenn’s dunkel ist und man hört draußen das Wasser am Eis

vorübergehn. Es wiegt einen ordentlich!“

„Jawohl, schön haben wir’s schon dahier! Und eine Luft! Eine starke

Luft! Die hält gesund und macht Appetit ... Teufelszeug noch einmal!

Hat Ihnen meine Alte den Kaffee gebracht? Man muß jetzt schon fort

hinter ihr her sein, wissen Sie, weil sie so arg viel vergeßlich wird.

Sie trinkt zu viel. Das tut den Frauenzimmern nicht gut.“

Nun mußte Fritz hellauf lachen, weil hier einmal der Blinde über den

Einäugigen König sein wollte.

„Nein, Herr Meister,“ sagte er, „auf den Kaffee hab’ ich noch nie

zu warten brauchen. Und was das andere betrifft,“ -- er klopfte dem

Meergreis auf die knochige Schulter -- „da sollten Sie sich doch erst

selber bei der Nase nehmen. Groß genug ist sie ja!“

„Haha! -- Haha!“ fing da der Alte ein stoßweises Gelächter an, und sein

Bartwald kam in stürmische Bewegung. „Meine Nase -- haha! -- das ist

ein gar wichtiges Glied der bürgerlichen Gesellschaft. Sie zahlt ihre

Tabaksteuer und erspart meiner Alten die Nachtlampe! Also darf sie sich

auch groß machen!“

Dabei rieb er sich die Hände und trat stampfend von einem Fuß auf den

andern. Denn es war kalt, und vom Fluß herüber pfiff ein eisiger Wind.

Die Sonne war kaum überm Horizont herauf und stand als tiefrote Scheibe

hinter einem rauchigen Frostnebel, der zwischen Himmel und Erde düster

brodelte. Fritz drückte den Schlapphut fest aufs Haar und ging in der

grauen Dämmerung eilig die Uferstraße entlang nach der Stadt, indes der

Bindermeister in seiner Werkstatt beim glühenden Ofen schnitzelte und

manchmal glucksend in sich hinein lachte. Denn er empfand den Scherz

des sonst so ernsten Mieters als beglückende Auszeichnung.

Vor der Redaktionsstube warteten bereits die Vertrauensmänner,

Pfannschmidt und fünf andere Bergleute, auf ihren Führer. Die Hände in

den Taschen der Winterröcke vergraben, dicke Wolltücher um den Hals und

den Rockkragen darüber, standen sie einsilbig beisammen. Als Hellwig

zu ihnen trat, rückten sie die Pelzmützen, reichten ihm die Hand und

harrten schweigend, bis er die Kanzlei aufgesperrt hatte. Dort war es

noch ungemütlich, es roch nach staubigem Papier und Druckerschwärze,

im eisernen Ofen brannte kein Feuer, und die Schreibtische, Pulte und

Schreine standen langweilig in einem unfreundlichen Halbdunkel. Der

Diener hatte sich verspätet, kam nun ganz abgehetzt keuchend gelaufen,

heizte ein und wollte abstauben. Fritz schickte ihn fort. Die Zeit

drängte, um elf Uhr sollte die Besprechung stattfinden und da gab es

noch manches zu beraten.

„Also was?“ fing, als der Bursche gegangen, einer der Männer an. „Also

was? Wird heut’ endlich Schluß werden?“

„Kaum!“ versetzte Fritz achselzuckend. „So mürb sind sie noch nicht.“

„Mürb! Mürb!“ knurrte der andere unwirsch. „So nehmen wir doch an, was

sie uns bieten! Ich hab’s satt! Gebratene Tauben kriegen wir nicht,

drum halten wir den Spatzen fest! Ist besser wie gar nichts!“

„Seid ihr auch der Ansicht?“ fragte Hellwig finster die übrigen. Die

starrten stumm vor sich auf den Tisch. Nur Pfannschmidt sagte: „Der

Martin raunzt immer so herum. Wenn’s nach seinen Reden gegangen wär’,

hätten wir gar nicht anfangen dürfen!“

„Ich sag’, was ich sag’!“ beharrte der andere. „Wenn’s noch ein paar

Wochen so fortgeht, und wir verdienen nichts, haben wir so viel

verloren, daß wir dann beim höhern Lohn gut zwei Jahre fretten müssen,

bis wir den Verlust herein und die Schulden bezahlt haben. Ist’s nicht

wahr?“

Von seinen Gefährten nickte einer zustimmend. Die drei anderen schienen

unentschlossen. Pfannschmidt wollte etwas erwidern. Da brach auch schon

Fritz los:

Der Volksbeglücker · 第 21 / 35 题