Faulconbridge.

Wenn du nur deinen Willen zu dieser Unmenschlichkeit gegeben hast,

so verzweifle; und wenn du keinen Strik hast, so wird der dünnste

Faden, den jemals eine Spinne aus ihrem Leib gezogen hat, stark

genug werden, dich zu erdrosseln; ein Rohr wird ein Balken werden,

dich daran zu hängen; oder wenn du dich ersäuffen willt, so gieß

nur ein wenig Wasser in einen Löffel, und es wird soviel seyn als

der ganze Ocean, zureichend, einen solchen Bösewicht zu erstiken.

Du bist mir äusserst verdächtig.

Hubert.

Wenn ich durch That, Einwilligung oder nur durch die Sünde eines

Gedankens an dem Raub dieses anmuthsvollen Lebens schuldig bin, so

möge die Hölle selbst neue Qualen nöthig haben mich zu martern. Er

war wohl da ich ihn verließ.

Faulconbridge.

Geh, trag' ihn in deinen Armen fort. Ich bin ganz betäubt, däucht

mich, und verliehre meinen Weg unter den Dornen und Gefahren dieser

Zeit--Wie wenig Mühe brauchst du, ganz England aufzuheben! Aus

diesem kleinen zerbrochnen Gehäuse der rechtmäßigen Königs-Würde

ist das Leben, der Friede, die Treue von diesem ganzen Königreich

gen Himmel geflogen; und das verlaßne England als ein Ding, das

keinen rechtmäßigen Eigenthümer hat, ist dem überlassen, der es

zuerst zu paken kriegt. Der hündische Krieg sträubt nun, um den

halbabgenagten Knochen der Majestät, seinen zürnenden Kamm, und

bläkt die Zähne gegen die freundlichen Augen des Friedens. Nun

stossen auswärtige Kriegsschaaren und einheimische Mißvergnügte in

gerader Linie auf einander, und öde Verwüstung laurt, wie ein Rabe

auf ein angestektes und gefallenes Stük Vieh, auf den stürzenden

Fall des überwältigten Pomps. Nun ist derjenige glüklich, den sein

Priester-Rok und sein Gürtel vor diesem Ungewitter zu Hause bewahrt--

Tragt das Kind hinweg, und folget mir unverzüglich; ich gehe zu

dem König; tausend Geschäfte warten auf uns, und der Himmel selbst

schießt einen zürnenden Blik auf dieses Land.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

(Der Englische Hof.)

(König Johann, Pandolph und Gefolge treten auf.)

König Johann.

Hiemit übergeb ich in eure Hand diesen Cirkel meiner Königs-Würde.

(Er giebt ihm die Crone.)

Pandolph.

Empfanget wieder aus dieser meiner Hand, als ein Lehen des Papsts,

eure königliche Grösse und Autorität.

König Johann.

Und nun haltet euer geheiligtes Wort; gehet den Franzosen entgegen,

und bedienet euch aller Gewalt, die ihr von Sr. Heiligkeit habt,

ihnen, eh sie unser ganzes Reich in Flammen sezen, die Grenzen zu

versperren. Unsre mißvergnügten Grafschaften lehnen sich auf,

unser Volk sträubt sich gegen seine Pflicht, und schwört einem

fremden Blute Treue und Unterwürfigkeit. Dieser Schwall einer

fieberhaften Schwärmerey kan von euch allein besänftiget werden.

Säumet also nicht; denn die gegenwärtige Zeit ist so krank, daß sie,

ohne die Hülfe schleuniger Arzneymittel, gar bald unheilbare

Folgen nach sich zöge.

Pandolph.

Mein Athem war es, der wegen euers halsstarrigen Bezeugens gegen

den Papst, dieses Ungewitter erregte; nachdem ihr euch aber auf

eine so glükliche Art verändert habt, so soll eben dieser Athem,

diesen Sturm des Kriegs wieder hinweg hauchen, und schönes Wetter

in euerm erschütterten Lande machen. An diesem Auffahrts-Tage,

erinnert euch dessen wol, geh ich, auf den Eid hin so ihr zum

Dienst des Papsts geschworen habt, die Franzosen zu vermögen, daß

sie die Waffen niederlegen.

(Er geht ab.)

König Johann.

Ist heute Auffahrts-Tag? Sagte nicht der Prophet: An diesem Tage,

zu Mittag, sollt ich meine Crone niederlegen? Was hab ich gethan;

ich meynte, es sollte durch Gewalt geschehen, aber dem Himmel sey

Dank, es geschah bloß freywillig. (Faulconbridge tritt auf.)

Faulconbridge.

Ganz Kent hat sich ergeben; nichts hält sich noch als Dover-Castle;

London hat wie ein freundlicher Wirth den Dauphin und sein

Kriegsheer aufgenommen; eure Edeln wollen euch nicht hören, sondern

sind im Begriff, ihre Dienste euerm Feind anzubieten; und die

kleine Zahl eurer wankenden Freunde treibt wilde Betäubung hin und

her.

König Johann.

War die Nachricht, daß Arthur lebe, nicht vermögend, meine Lords

zur Wiederkehr zu mir zu bewegen?

Faulconbridge.

Sie haben ihn todt auf die Strasse geworffen gefunden; ein leeres

Kästchen, woraus der Juweel so darinn verschlossen war, das Leben,

von irgend einer verdammten Hand weggestohlen worden.

König Johann.

Der nichtswürdige Bube Hubert sagte mir, er lebe.

Faulconbridge.

Ich wollte für ihn schwören daß er nichts anders wußte--aber warum

seyd ihr so niedergeschlagen? Warum seht ihr so traurig? Seyd

groß in Thaten, wie ihr es in Entschliessungen gewesen seyd. Laßt

die Welt keine Furcht, kein banges Mißtrauen in einem königlichen

Auge lesen; seyd unternehmend, wie die Gelegenheit die euch

auffordert. Sezet dem Feuer Feuer entgegen, drohet dem Dräuer und

trozet der rümpfenden Stirne der pralenden Gefahr; so werden eure

Anhänger, die ihre Aufführung von ihrem Oberhaupt borgen, durch

euer Beyspiel groß werden, und einen unerschroknen Muth fassen.

Hinweg, und schimmert wie der Kriegs-Gott, wenn er dem Sieg

entgegenzieht; zeigt Kühnheit und Vertrauen auf euch selbst und

euer Glük! Wie, sollen sie den Löwen in seiner Höle aufsuchen, und

sie sollen ihn da erschreken, ihn zittern machen? O! laßt das

nicht gesagt werden. Geht dem Feind herzhaft auf den Leib, und

ringet mit ihm, eh er in das Herz euers Landes eindringt.

König Johann.

Der Legat des Papsts ist bey mir gewesen, und ich habe Frieden mit

ihm gemacht, und er hat mir versprochen, den Dauphin wieder heim zu

schiken.

Faulconbridge.

O unrühmliches Bündniß! Fremde sollen in unser Land einfallen, und

wir sollen kein anders Mittel haben, als Unterhandlungen, Compromiß

und erbettelten Waffenstillstand, um sie uns vom Halse zu schaffen?

Ein unbärtiger Junge, ein verzärtelter seidener Stuzer soll

übermüthig über unsre Felder einherziehn, seinen Muthwillen auf

einem kriegerischen Boden herumtummeln, der Luft mit dem bunten

Gepränge seiner flatternden Fahnen spotten, und keinen Widerstand

finden? Zu den Waffen, mein Königlicher Herr; vielleicht erhält

der Cardinal seine Absicht nicht; und wenn er sie auch erhält, so

laßt doch wenigstens von uns gesagt werden, daß wir in der

Verfassung gewesen, uns wehren zu können.

König Johann.

Ich übertrage dir die Gewalt, alles anzuordnen und zu thun, was du

in unsern gegenwärtigen Umständen nöthig findest.

Faulconbridge.

Auf dann, und guten Muth gefaßt; ich bin gewiß, daß unsre Parthey

im Stande wäre, einem stärkern Feind entgegen zu gehen.

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.

(Das Lager des Dauphins.)

(Ludwig, Salisbury, Melun, Pembrok, Bigot und Soldaten, treten in

Waffenrüstung auf.)

Ludwig.

Mein Herr von Melun, laßt eine Copey hievon genommen, und zu unsrer

Erinnerung wol aufgehoben werden; den gegenwärtigen Aufsaz aber

gebt diesen Lords zurük, damit sie auch eine schriftliche Erklärung

unsers geneigten Willens haben, und wir sowol als sie, wenn wir

diese Papiere überlesen, uns erinnern worauf wir geschworen haben,

und unser Wort fest und unverbrüchlich halten.

Salisbury.

Auf unsrer Seite soll es niemals gebrochen werden. Und ob wir

gleich, edler Dauphin, euer Betragen gegen uns durch Zuschwörung

einer freywilligen Ergebenheit und unerzwungnen Treue erwiedern; so

glaubet mir doch, Prinz, ich bin nicht erfreut, daß ein solches

Geschwär der gegenwärtigen Zeit bey der verachteten Rebellion ein

Pflaster suchen, und den eingewurzelten Krebs einer Wunde durch

viele heilen muß. O, es kränkt meine Seele, daß ich dieses Metall

von meiner Seite ziehen muß, um ein Wittwen-Macher zu seyn, und

dieses in einem Lande, wo rühmlicher Widerstand und rechtmäßige

Gegenwehr über den Namen Salisbury schreyen! Aber so ist die

verpestete Krankheit dieser Zeit beschaffen, daß wir unser Recht zu

heilen, gezwungen sind die Hand des kühnen Unrechts und der

regellosen Gewaltthätigkeit anzuruffen. Und sollt es uns nicht

schmerzen, o meine tiefgekränkten Freunde, daß wir, die Söhne und

Kinder dieser Insel, gebohren seyn sollen, die Stunde zu sehen, da

wir, zu einem ausländischen Kriegsheer gesellt, über ihren schönen

Busen einhertreten, und die Linien ihrer Feinde ausfüllen; (ich muß

mich wegwenden, und die Schmach dieser traurigen Nothwendigkeit

beweinen) die Stunde zu sehen, da wir das Volk eines entfernten

Landes wider unser eignes unterstüzen, und unbekannten Fahnen hier

folgen müssen? Wie, hier? O mein Volk, möchtest du dich

zurükziehen können! Möchte Neptun, der dich ringsumfaßt, dich in

seinen Armen aus dem Schooß deines mütterlichen Bodens hinweg an

irgend ein Heidnisches Ufer tragen, wo diese Christlichen Heere das

Blut des Hasses in eine Ader des Friedens zusammenlegten könnten,

anstatt es hier so unnachbarlich zu vergiessen.

Ludwig.

Du zeigst hierinn eine edle Sinnesart; und der grosse Trieb, der in

deinem Busen kämpft, verursacht ein Erdbeben von edeln Empfindungen

in dir. Oh was für einen edeln Kampf zwischen Nothwendigkeit und

Liebe zum Vaterland hast du gekämpft! Laß mich diesen ehrwürdigen

Thau abwischen, der wie fliessendes Silber über deine Wangen rollt.

Mein Herz ist schon von den Thränen eines Frauenzimmers

zerschmolzen, die doch eine gewöhnliche Überschwemmung sind; aber

dieser Ausbruch von männlichen Thränen, dieser von dem Ungewitter

einer grossen Seele zusammengetriebne Regen, macht mein Auge

starren, und sezt mich in ein grösseres Erstaunen, als wenn ich das

ganze Gewölbe des Himmels auf einmal mit brennenden Meteoren

überwälzt sähe. Heitre deine Stirne auf, ruhmvoller Salisbury, und

treibe durch ein grosses Herz diesen Sturm hinweg. Überlaß diese

Thränen jenen Säuglings-Augen, die niemals die riesengleiche Welt

in Wuth gesehen, und das Glük nirgends als bey Lustbarkeiten und

üppigen Schmäusen kennen gelernt haben. Komm, komm, du sollt deine

Hand so tief in den Beutel des reichen Wohlstands steken als Ludwig

selbst; so, Milords, sollt ihr alle, die ihre Sehnen an die Stärke

der meinigen anknüpfen.

Dritte Scene.

(Pandolph zu den Vorigen.)

Ludwig.

Wie, hier eilet, däucht mich, ein Engel auf uns zu; sehet, der

heilige Legat kommt, uns Verhaltungs-Befehle vom Himmel zu bringen,

und unsern Unternehmungen durch seinen Beyfall das Sigel des Rechts

aufzudrüken.

Pandolph.

Heil dir, edler Prinz von Frankreich; das nächste ist dieses: König

Johann hat sich mit Rom ausgesöhnt; windet also diese dräuenden

Fahnen auf, und zähmet den grimmigen Geist des wilden Kriegs, damit

er, gleich einem Löwen der im Hause zahm aufgezogen worden,

freundlich zu den Füssen des Friedens lige, und ausser durch sein

Ansehen ferner keinen Schaden thue.

Ludwig.

Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich werde nicht zurük gehen. Ich bin

nicht gebohren, um mir befehlen zu lassen, und irgend eines

Souverains in der Welt Diener und Werkzeug zu seyn. Euer Athem

blies zuerst die todte Kohle des Kriegs zwischen mir und diesem

gezüchtigten Königreich an, und legte Materie zu, dieses Feuer zu

nähren; allein nun ist es schon zu heftig, um von eben dem

schwachen Winde, der es anfachte, wieder ausgeblasen zu werden.

Ihr lehrtet mich meine Befügnisse und Ansprüche an dieses Land

kennen, ihr allein legtet diese Unternehmung in mein Herz; und izt

kommt ihr, und sagt mir, Johann habe Frieden mit Rom gemacht! Was

geht mich sein Friede an? Kraft des Rechts so ich durch meine

Vermählung erhalten, spreche ich, da Arthur todt ist, dieses Land

als mein Eigenthum an; und nun da es halb erobert ist, soll ich

zurük gehen, weil Johann seinen Frieden mit Rom gemacht hat? Bin

ich Roms Sclave? Was für Subsidien hat Rom zu dieser Unternehmung

hergegeben, was für Volk, oder was für Kriegs-Vorrath? Bin ichs

nicht allein, der die Last derselben trägt? Wer anders als ich,

und diejenigen die meinen gerechten Anspruch unterstüzen, schwizt

in diesem Geschäft und führt diesen Krieg? Hab ich nicht diese

Insulaner mir zujauchzen gehört, (vive le Roi!) wie ich gegen ihre

Städte angezogen bin? Hab' ich hier nicht die besten Carten, um

dieses Spiel zu gewinnen, das um eine Crone gespielt wird? Und nun

soll ich es aufgeben, da ich den Saz schon in Händen habe? Nein,

bey meiner Seele, das will ich nicht thun.

Pandolph.

Ihr seht nur auf das Äusserliche dieses Geschäfts.

Ludwig.

Äusserlich oder innerlich, ich will nicht wieder heimgehen, bis

ich mein Vorhaben auf eine so glorreiche Art ausgeführt haben werde,

als ich zu hoffen von euch selbst aufgemuntert worden bin--

(Man hört eine Trompete.)

Was für eine muntre Trompete fordert uns hier auf?

Vierte Scene.

(Faulconbridge zu den Vorigen.)

Faulconbridge.

Vergönnet mir, nach dem Gebrauch gesitteter Völker, ein ruhiges

Gehör: ich bin von dem König abgeschikt, um von euch, mein heiliger

Lord von Meiland, zu vernehmen, wie ihr ihm euer Wort gehalten

habet; und nachdem eure Antwort beschaffen seyn wird, wird es die

Erklärung seyn, zu der meine Zunge bevollmächtiget ist.

Pandolph.

Der Dauphin will sich durch meine Vorstellungen nicht bewegen

lassen, und sagt rund heraus, er wolle die Waffen nicht niederlegen.

Faulconbridge.

Bey allem dem Blut, das jemals von männlicher Wuth gekocht hat, der

Jüngling sagt recht. Höret izt unsern Engländischen König: Denn so

spricht seine Majestät durch mich; er ist vorbereitet, und die

Ursache davon ist, weil er es seyn soll. Auf diesen poßierlichen

Affenzug, auf diese geharnischte Mummerey, und unbesonnenes

Spiegelgefecht, auf dieses läppische Kriegsheer von sauersehenden

Knaben, lächelt der König herab; und ist in guter Verfassung,

diesen Zwergen-Krieg, diese Pygmäen-Waffen aus dem Umfang seines

Gebiets hinaus zu peitschen. Sollte diese Hand, welche Stärke

genug hatte, euch vor euern Hausthüren zu prügeln, und zu machen,

daß ihr, gleich Wasserkübeln, euch in gemaurte Brunnen täuchen,

unter die Schindeln eurer Ställe klettern, wie Pfänder in Kästen

und Kuffern eingeschlossen ligen, und euch zu euern Schweinen

verkriechen mußtet; daß ihr euere Sicherheit in Kellern und

Gefängnissen suchtet, und schon schaudertet und vor Angst zittertet,

wenn ihr nur einen Englischen Hahn krähen hörtet, in der

Einbildung, es sey die Stimme eines bewaffneten Engländers; diese

siegreiche Hand sollte hier entkräftet hangen, nachdem sie euch in

euern Kammern gezüchtiget hat? Nein; wißt, der dapfre Monarch ist

in Waffen, und schwebt gleich einem Adler über seinen Horst, um

jeden Unfall, der sich seinem Neste nähert, wegzuscheuchen. Und

ihr ausgeartete, ihr undankbare Rebellen, ihr blutigen Neronen, die

den Leib ihrer theuren Mutter England aufreissen, erröthet vor

Schaam; denn eure eignen Frauen und blaß-wangichte Töchter, kommen,

gleich Amazonen, hinter Trummeln hertrippelnd, vertauschen ihre

Fingerhüte um eiserne Handschuhe, ihre Nadeln um Lanzen, und ihre

sanftmüthigen Herzen um Grimm und Blutdurst--

Ludwig.

Hier mache deiner Pralerey ein Ende, und kehr im Frieden heim; wir

gestehen dir zu, daß du besser schimpfen kanst als wir; gehab dich

wohl; wir schäzen unsre Zeit zu hoch, sie mit einem solchen

Plauderer zu verderben.

Pandolph.

Laßt mich izt auch reden--

Faulconbridge.

Nein, ich will reden.

Ludwig.

Ich will keinen von beyden anhören, rührt die Trummeln, und laßt

die Zunge des Kriegs für unsre Sache reden.

Faulconbridge.

In der That, eure Trummeln wenn sie geschlagen werden, werden

schreyen, und so werdet ihr thun, wenn ihr geschlagen seyd; weke

nur ein Echo mit dem Geschrey deiner Trummel auf, und du wirst

sogleich eine andre hören, die bey der Hand ist, so laut

zurükzuschallen als die deinige; schlage noch eine, und wieder eine

andre, soll, so laut als die deinige, in die Ohren des Firmaments

rasseln, und dem holen Gebrüll des Donners Troz bieten. Denn, ohne

sich auf diesen hinkenden Legaten zu verlassen, den er mehr zum

Scherz als aus Noth gebraucht hat, ist der tapfre König Johann in

der Nähe, und ein Tod mit nakten Rippen sizt auf seiner Stirne;

dessen Amt an diesem Tage ist, die Franzosen bey tausenden

aufzufressen.

Ludwig.

Rührt die Trummeln, um diese Gefahr aufzusuchen.

Faulconbridge.

Du sollt sie finden, Dauphin, zweifle nicht.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.

(Verwandelt sich in ein Schlachtfeld.)

(Alarm. König Johann und Hubert treten auf.)

König Johann.

Wie gehts uns an diesem Tag? O sag es mir, Hubert.

Hubert.

Übel, fürchte ich; wie befindet sich Euer Majestät?

König Johann.

Dieses Fieber, das mich so lange schon plagt, sezt mir gewaltig zu;

o mein Herz ist krank! (Ein Bote tritt auf.)

Bote.

Gnädigster Herr, euer dapfrer Vetter, Faulconbridge, bittet Euer

Majestät, das Feld zu verlassen, und ihn wissen zu lassen, welchen

Weg ihr nehmet.

König Johann.

Sag ihm in die Abtey bey Swinstead.

Bote.

Ich bring gute Zeitungen; der grosse Succurs, den der Dauphin

erwartete, hat vor drey Nächten auf den Sandbänken von Godwin

gestrandet; Richard hat diese Neuigkeit so eben erfahren; die

Franzosen wehren sich nur noch schwach, und fangen schon an sich

zurük zu ziehen.

König Johann.

Ach! ach! dieses tyrannische Fieber brennt mich aus, und läßt

mich dieser guten Zeitung nicht froh werden. Auf, nach Swinstead

zu; meinen Tragsessel her; ich kan es nicht länger aushalten; ich

bin ganz schwach.

(Gehen ab.)

Sechste Scene.

(Verwandelt sich in das Französische Lager.)

(Salisbury, Pembrok und Bigot, treten auf.)

Salisbury.

Ich glaubte nicht, daß der König noch so viel Freunde hätte.

Pembroke.

So auf einmal; sprecht den Franzosen Muth ein; wenn sie unglüklich

sind, sind wir verlohren.

Salisbury.

Der mißgezeugte Teufel, Faulconbridge, ist, troz allem Widerstand,

die einzige Ursach, daß wir diesen Tag verliehren.

Pembroke.

Man sagt, König Johann habe sich sehr krank aus der Schlacht

wegbegeben.

(Melun wird verwundet herbeygeführt.)

Melun.

Führet mich zu den Englischen Rebellen.

Salisbury.

Wie wir glüklich waren, hatten wir andre Namen.

Pembroke.

Es ist der Graf von Melun.

Salisbury.

Auf den Tod verwundet.

Melun.

Flieht, ihr edeln Engländer, ihr seyd gekauft und bezahlt. Ruft

die entlassene Treue wieder zurük, suchet euern König auf, und

fallet ihm zu Fuß; denn wenn Ludwig von diesem Tage Meister wird,

so gedenkt er euch die Mühe, die ihr nehmet, dadurch zu belohnen,

daß er euch die Köpfe abschlagen lassen will; das hat er geschworen,

und ich mit ihm, und viele andre mit mir, auf eben dem Altar zu St.

Edmondsbury, wo wir euch Freundschaft und ewige Liebe schwuren.

Salisbury.

Ist das möglich? Kan das wahr seyn?

Melun.

Hab ich nicht den scheuslichen Tod im Antliz? Blutet nicht das

wenige Leben, so ich noch habe, von Augenblik zu Augenblik weg, wie

ein Bild von Wachs im Feuer dahinschmilzt? Was in der Welt könnte

mich bewegen, izt zu betrügen, da aller Nuzen des Betrugs aufhört?

Wie könnt ich noch falsch seyn, da es wahr ist, daß ich sterben muß,

und nur durch Wahrheit jenseits des Grabes leben kan? Ich sag es

noch einmal: wenn Ludwig diesen Tag gewinnt, so ist er meineydig,

wenn diese eure Augen noch einen Tag in Osten aufgehen sehen;

sondern in eben dieser Nacht, deren schwarzer anstekender Athem

albereit den brennenden Kamm der alten, matten, ermüdeten Sonne

anhaucht; in dieser Nacht, sollt ihr zum leztenmal athmen, und für

die willkommne Verrätherey den gewöhnlichen Lohn der Verräther

bekommen. Empfehlet mich einem gewissen Hubert, der bey euerm

König ist; meine Liebe zu ihm, und die Erinnerung, daß mein

Großvater ein Engländer war, wekte mein Gewissen zu diesem

Bekenntniß auf. Bringet mich nun, ich bitte euch, dafür aus dem

Getümmel des Feldes an einen Ort, wo ich den Rest meiner Gedanken

in Ruhe ausdenken, und unter andächtigen Betrachtungen und Seufzern

meine Seele von diesem Leibe trennen kan.

Salisbury.

Wir glauben dir, und, auf meine Seele, ich bin erfreut über diese

günstige Gelegenheit, zu unsrer Schuldigkeit und zu unserm Könige

zurük zu kehren. Mein Arm soll dir beystehen, dich von hier hinweg

zu tragen, denn ich seh den ringenden Tod in deinen Augen. Hinweg,

meine Freunde, und von neuem auf die Flucht; doch glükliche Flucht,

die uns zu unsrer Pflicht zurük bringt!

(Sie gehen ab, und tragen Melun hinweg.)

Siebende Scene.

(Verwandelt sich in einen andern Theil des Französischen Lagers.)

(Ludwig und sein Gefolge treten auf.)

Ludwig.

Die Sonne däuchte mich, wollte heute nicht untergehen, sondern

blieb stehn, und machte die westlichen Wolken erröthen, da die

Engländer in muthlosem Weichen ihren eignen Boden zurükmassen; o

wir beschlossen den Tag auf eine rühmliche Art, da wir ihnen mit

einer vollen Ladung unsers, zwar unnöthigen, Geschüzes, nach einer

so blutigen Arbeit, gute Nacht sagten, und unsre zerfezten Fahnen

ruhig aufwanden, die lezten im Felde, und allerdings Meister davon--

(Ein Bote zu den Vorigen.)

Bote.

Wo ist mein Prinz, der Dauphin.

Ludwig.

Hier; was bringst du Neues?

Bote.

Der Graf von Melun ist erschlagen; die Englischen Lords sind durch

seine Vorstellungen zum Abfall bewogen worden; und die Verstärkung,

die ihr so lange gewünscht habt, ist auf den Sandbänken zu Godwin

zu Grunde gegangen.

Ludwig.

O schlimme, verdrießliche Zeitungen! So verdrießlich dacht' ich

diese Nacht nicht zu seyn, als ich es izt bin. Wer war der,

welcher sagte, König Johann sey geflohen, eine oder zwo Stunden, eh

die Nacht beyde Armeen schied?

Bote.

Wer es auch gesagt hat, hat die Wahrheit gesagt, Gnädigster Herr.

Ludwig.

Gut; haltet gute Wache diese Nacht über; der Tag soll nicht so

schnell seyn als ich, um es morgen noch einmal zu wagen.

(Sie gehen ab.)

Achte Scene.

(Ein freyer Plaz, unweit der Abtey zu Swinstead.)

(Faulconbridge und Hubert treten von verschiednen Seiten auf.)

Hubert.

Wer ist hier? Sprich! he! Rede augenbliklich, oder ich gebe

Feuer.

Faulconbridge.

Ein Freund. Wer bist du?

Hubert.

Von der Englischen Parthey.

Faulconbridge.

Und wohin gehst du?

Hubert.

Was geht das dich an? Frag ich dich denn nach deinen Verrichtungen,

daß du nach den meinigen fragst?

Faulconbridge.

Ich denke, du bist Hubert.

Hubert.

Du denkst richtig; ich will nun, auf alle Gefahr hin, glauben, du

seyest mein Freund, da du meine Stimme so gut kennest. Wer bist du?

Faulconbridge.

Was du willt; wenn du magst, so kanst du mir die Ehre anthun, und

denken, daß ich gewisser Maassen ein Plantagenet bin.

Hubert.

Ha! daß ich dich mißkennen konnte! Du und die augenlose Nacht

haben mich beschämt; tapfrer Kriegsheld, vergieb mir, daß der

wohlbekannte Ton deiner Stimme meinem Ohr fremde klingen konnte.

Faulconbridge.

Kommt, kommt, (sans compliment;) was giebt es Neues?

Hubert.

Ich war im Begriff, euch aufzusuchen.

Faulconbridge.

So mach' es kurz; was hast du Neues?

Hubert.

O mein werther Herr, eine Zeitung, die sich für die Nacht schikt,

schwarz, gefahrvoll, trostlos und schreklich.

Faulconbridge.

Zeige mir ohne Umstände die Wunde deiner schlimmen Zeitung; ich bin

kein Weibsbild, ich will nicht darüber in Unmacht fallen.

Hubert.

Der König ist, wie ich besorge, von einem Mönchen vergiftet worden;

ich verließ ihn beynahe sprachlos, und eilte sogleich fort, um euch

von diesem Unfall zu benachrichtigen; damit ihr euch desto besser

auf die Folgen desselben gefaßt machen könnet, als wenn ihr zu spät

von ihm überraschet würdet.

Faulconbridge.

Wie bekam er das Gift? Wer credenzte ihm?

Hubert.

Ein Mönch, wie ich euch sagte; ein entschlossener Bösewicht, dem

die Gedärme sogleich davon geborsten sind. Doch der König kan noch

reden, und vielleicht wieder zurecht kommen.

Faulconbridge.

Wen liessest du seiner Majestät zur Aufwartung?

Hubert.

Wie? wißt ihr nicht, daß die Lords alle wieder zu ihm zurük

gefallen sind, und den Prinzen Heinrich mit sich gebracht haben,

auf dessen Fürbitte der König sie begnadiget hat. Sie alle sind

gegenwärtig bey seiner Majestät.

Leben und Tod des Königs Johann · 第 5 / 6 段