Arthur.

Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, daß es, zum

Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit

gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen

haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelöscht,

und mit reuiger Asche überstreut.

Hubert.

Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.

Arthur.

Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur erröthen, und

über euer Verfahren vor Schaam glühen machen; ja, vielleicht werden

sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen

genöthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle

Dinge, die ihr gebrauchen könnt mir übels zu thun, versagen ihren

Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als

Feuer und Eisen, Geschöpfe, die doch zu den unbarmherzigsten

Verrichtungen gebraucht werden.

Hubert.

Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrühren,

wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schäze geben wollte. Und

doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem

Eisen hier sie auszubrennen.

Arthur.

O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war't ihr

verlarvt.

Hubert.

Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen,

als daß ihr todt seyd. Ich will diese hündische Auflaurer mit

falschen Nachrichten anfüllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe

ruhig, und sicher, daß Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides

thun wollte.

Arthur.

O Himmel! ich danke euch, Hubert.

Hubert.

Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich

keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.

(Sie ziehen ab.)

Zweyte Scene.

(Verwandelt sich in den Hof von England.)

(König Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.)

König Johann.

So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekrönt, und,

wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen.

Pembroke.

Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubniß, überflüßig; ihr

seyd vorher schon gekrönt worden, und dieser königliche Schmuk ist

euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch

Empörung gebrochen worden. Kein Verlangen nach Veränderungen hat

das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Glük

zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelüsten lassen.

Salisbury.

Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon

sicher war, ist eben soviel als feines Gold übergülden, die Lilie

weiß färben, die Viole parfumiren, das Eis glätten, den Regenbogen

mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schönen Auge des Himmels

durch ein Fakel-Licht einen höhern Glanz geben wollen; es ist

vergebliche Verschwendung und lächerlicher Überfluß.

Pembroke.

Allein, da euer königlicher Wille erfüllt werden mußte, so ist

dieser Actus nun ein neu-erzähltes altes Mährchen; jedoch, weil

eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten

Wiederholung, widrig und übel aufgenommen.

Salisbury.

Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten ächten Herkommens

ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich

drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt

die stuzende Überlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank,

und Wahrheit verdächtig, da es in einer so neuzugeschnittnen

Kleidung aufzieht.

Pembroke.

Wenn Handwerksleute sich bemühen noch besser zu machen als gut, so

bringt ihr Fleiß Mißgeburten hervor; und die Entschuldigung eines

Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die

Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen

kleinen Riß gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des

Risses mehr entstellen, als der Riß that, eh er so geflikt war.

Salisbury.

Aus diesen Betrachtungen mißriethen wir diese neue Krönung eh sie

vollzogen wurde; allein es gefiel Eu. Hoheit darüber hinaus zu

gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes,

was wir wollen könnten, vor Eu. Hoheit Willen Halte machen muß.

König Johann.

Einige Ursachen von dieser doppelten Krönung hab' ich euch schon

eröffnet, und ich halte sie für stark. Noch weit stärkere werd'

ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts

wegen ohne Furcht. Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne

verbessert hättet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich

eure Bitten anhören und erfüllen will.

Pembroke.

Erlaubet also, Gnädigster Herr, daß ich, als derjenige, der die

Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens

ausspricht, (für Sie sowol als mich selbst, am meisten aber für

eure eigne Sicherheit, für welche wir alle unsre besten Bemühungen

anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten;

dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Mißvergnügens in

gefährliche Reden auszubrechen reizt. Wenn ihr das, was ihr in

Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie

man sagt, sonst nur den Fußtritt des Unrechts begleitet,) euch

bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer

barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle

Vortheile einer guten Erziehung zu versagen? Laßt euch also

gefallen, damit die Übelgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie

bey Gelegenheit sich bedienen könnten, uns eine Bitte zu gewähren,

wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu

schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil

unser bestes von dem Eurigen abhängt. (Hubert zu den Vorigen.)

König Johann.

Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an--

Hubert, was bringt ihr Neues?

Pembroke (zu Salisbury.)

Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem

von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte. Das Bild einer

gräßlichen Übelthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und

gezwungnes Aussehen verräth ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist

bange, die That möchte schon geschehen seyn, die ihm befohlen

worden.

Salisbury.

Der König verändert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht

von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem,

wie Herolde zwischen zwey fürchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine

Gemüthsbewegung schwillt so sehr an, daß sie nothwendig aufbrechen

muß.

Pembroke.

Und wenn sie aufbricht, so fürcht ich, es wird nichts anders

herauskommen, als der schändliche Eiter von eines holdseligen

Kindes Tod.

König Johann.

Wir können der mächtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun. Er

sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben.

Salisbury.

In der That, wir besorgten, seine Krankheit möchte unheilbar seyn.

Pembroke.

In der That, wir hörten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind

selbst fühlte daß es krank war. Dafür muß Rede und Antwort gegeben

werden, hier oder anderswo.

König Johann.

Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich? Denkt ihr, ich trage

die Scheere der Göttin des Schiksals? Hab' ich über den Puls des

Lebens zu befehlen?

Salisbury.

Es ist augenscheinlich, daß es nicht richtig zugegangen; und es ist

schändlich, daß Grösse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt.

Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und

hiemit gehabt euch wohl.

Pembroke.

Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das

Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Königreich von einem

gewaltsamen Grabe suchen. Dieses Blut, das ein Recht an alles was

auf dieser Insel athmet, hatte, schließt nun ein Raum von drey

Schuhen ein. Es ist izt eine schlimme Welt! Aber das muß nicht so

gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern

Beschwerden zum Ausbruch helfen.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.

(Ein Courier zu den Vorigen.)

König Johann (für sich.)

Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund

der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod

schlecht gesichert.

(Zum Courier.)

Du siehst erschroken aus! Wo ist das Blut, das ich sonst in

deinen Wangen wohnen gesehen habe? Ein trüber Himmel erheitert

sich nicht ohne einen Sturm; schütte dein Ungewitter herab; wie

geht es in Frankreich?

Courier.

Niemals ist in einem Land eine so fürchterliche Kriegszurüstung

gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England. Sie

haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet

werden sollte, daß sie sich rüsten, kommt die Zeitung schon, daß

sie geländet haben.

König Johann.

In was für einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen?

Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt? daß eine solche Armee in Frankreich

aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon hören?

Courier.

Gnädigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten

April starb eure edle Mutter, und wie ich höre, ist drey Tage

vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben. Doch dieses

habe ich nur von einem schwärmenden Gerüchte; ob es wahr oder

falsch ist, weiß ich nicht.

König Johann.

Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o! mach einen

Waffenstillstand mit mir, bis ich meine mißvergnügten Pairs

befriedigst habe. Wie? Meine Mutter todt? Wie übel muß es also

in meinen Französischen Staaten gehen!--Unter wessen Anführung

haben diese Völker aus Frankreich, die du mir ankündigest, hier

geländet?

Courier.

Unter dem Dauphin. (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den

Vorigen.)

König Johann.

Du hast mich mit diesen bösen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht--

(Zu Faulconbridge.)

Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren? Stopfe mir nicht noch

mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll.

Faulconbridge.

Wenn ihr euch fürchtet das schlimmste zu hören, so müßt ihr das

schlimmste ungehört über euern Kopf einstürzen lassen.

König Johann.

Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betäubt; aber

izt athme ich wieder frey, und kan alles hören, was mir irgend eine

Zunge sagen kan.

Faulconbridge.

Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, können die

Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen. Allein indem ich

das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find' ich das Volk

in einem seltsamen Anstoß von Schwärmerey, von Rumoren besessen und

voll wunderlicher Träume, voller Furcht und Schreken, ohne zu

wissen, was sie fürchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den

Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzähliches Volk nachlief,

weggenommen, und mit mir gebracht habe. Er sang ihnen in rauhen

hartklingenden Reimen, daß vor nächstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu.

Hoheit die Crone niederlegen würden.

König Johann.

Du eitler Träumer, warum thatest du das?

Peter.

Weil ich vorher weiß, daß es geschehen wird.

König Johann.

Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefängniß, und auf den Tag, mittags,

wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, laß ihn

aufhängen. Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn

ich habe dich nöthig.

(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.)

O mein liebster Vetter, hörst du die Zeitung, die sich von einer

Landung ausbreitet?

Faulconbridge.

Jedermanns Mund ist voll davon; überdas traf ich den Lord Bigot und

den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes

Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen,

der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden

sey.

König Johann.

Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab'

einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich.

Faulconbridge.

Ich will sie aufsuchen.

König Johann.

Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen. O laßt mich keine

einheimische Feinde haben, wenn auswärtige Gegner meine Städte mit

dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken! Sey mein

Mercurius, seze Flügel an deine Füsse, und fliege, wie ein Gedanke,

von ihnen zu mir zurük.

Faulconbridge.

Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren.

(Er geht ab.)

König Johann.

Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll.

Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den

Pairs nöthig; du taugst am besten dazu.

Courier.

Von Herzen gerne, mein Gebieter.

(Geht ab.)

König Johann.

Meine Mutter todt!

Vierte Scene.

(Hubert tritt auf.)

Hubert.

Gnädigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht fünf Monde

sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der fünfte habe

sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier

herumgedreht.

König Johann.

Fünf Monde?

Hubert.

Alte Männer und alte Mütterchen, auf den Strassen, machen

gefährliche Propheceyungen hierüber; des jungen Arthurs Tod ist

immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schütteln sie

die Köpfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, faßt den

Hörer bey der Hand, indem der, so zuhört, Gebehrden des Entsezens

macht, die Stirne rümpft, den Kopf schüttelt und die Augen verdreht.

Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, indeß daß sein

Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines

Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in

der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit

den unrechten Fuß gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen

erzählte, die in Kent in Schlachtordnung stünden; bis ein andrer

hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzählung ein Ende machte,

und von Arthurs Tod redte.

König Johann.

Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen?

Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft? Deine Hand ist sein

Mörder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wünschen, du

hattest keine.

Hubert.

Ich hatte keine, Sire? Wie? Reiztet ihr mich nicht dazu an?

König Johann.

Es ist ein Fluch der Könige, Sclaven um sich zu haben, die ihre

Launen für Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn für ein

Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die

Gedanken der gefährlichen Majestät zu befolgen glauben, wenn sie

vielleicht mehr aus einem Anstoß von schlimmem Humor als aus

überlegter Absicht sauer sieht.

Hubert.

Hier ist eure Hand, und euer Sigel, für das was ich that.

König Johann.

O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden

wird, dann wird diese Hand und diß Sigel wider uns zeugen! Wie oft

wird eine Übelthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu

thun, vor uns sehen! Wärest du nicht bey der Hand gewesen, ein

Geselle, den die Hand der Natur zu Ausführung einer Schandthat

ausgezeichnet hat, dieser Mord wäre mir niemals in den Sinn

gekommen. Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die

Willigkeit zu gefährlichen Dingen und blutigen Bubenstüken, die ich

an dir fand, versuchte mich--Und du, um dich einem König beliebt zu

machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden.

Hubert.

Gnädigster Herr--

König Johann.

Hättest du nur deinen Kopf geschüttelt, nur eine Pause gemacht, da

ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen

bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich

gebeten, daß ich deutlich reden sollte; die Schaam würde mich stumm

gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben. Aber du

verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch

blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du

dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That

vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten--Hinweg aus

meinem Gesicht, laß dich nimmer vor mir sehen. Meine Edeln

verlassen mich, mein Reich wird überfallen, und die feindlichen

Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach! in diesem

Königreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem,

herrscht Feindseligkeit und bürgerlicher Aufruhr zwischen meinem

Gewissen und meines Neffen Tod.

Hubert.

Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und

euerm Gewissen Friede machen. Der junge Arthur lebt noch; diese

meine Hand ist noch eine jungfräuliche, unschuldige Hand, und von

Blut unbeflekt. Noch niemals ist in diesen Busen ein

meuchelmördrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer

Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet. So rauh es

scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemüth, das zu edel ist, der

Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn.

König Johann.

Lebt Arthur noch? O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht

auf ihren flammenden Grimm, und zähme sie zu ihrer Schuldigkeit.

Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft über deine Gestalt

gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine

Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir

gräßlicher dar als du bist. O, antworte mir nicht, sondern bringe

mir die erzürnten Lords mit der äussersten Geschwindigkeit in mein

Cabinet. Ich beschwöre dich nur langsam; renne noch eilfertiger.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.

(Eine Strasse vor einem Gefängniß.)

(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.)

Arthur.

Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen. Guter

Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid. Es kennt mich hier

niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt

eines Schifferjungens völlig unerkenntlich. Ich fürchte mich, und

doch will ich es wagen. Wenn ich herunter komme, und unbeschädigt

bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist

eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als

mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe.

(Er springt herab.)

Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen! Himmel, nimm

meine Seele auf, und England meine Gebeine.

(Er stirbt.)

(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.)

Salisbury.

Lords, ich will ihm zu St. Edmondsbury entgegen kommen; es ist für

uns das sicherste; wir können in den gefährlichen Umständen, worinn

wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen.

Pembrok.

Wer überbrachte diesen Brief von dem Cardinal?

Salisbury.

Der Graf von Melun, ein Französischer Edelmann, dessen mündliche

Erzählung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit

mehr gesagt hat, als dieser Brief

Bigot.

So wollen wir ihm dann morgen früh entgegen gehen.

Salisbury.

Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange

Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden. (Faulconbridge

zu den Vorigen.)

Faulconbridge.

Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der König

ersucht durch mich um eure unverzügliche Gegenwart.

Salisbury.

Der König hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen

seinen dünnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre füttern,

noch den Fuß begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fußstapfen

zurük läßt. Kehrt zurük, und sagt ihm das; wir wissen das ärgste.

Faulconbridge.

Was ihr auch denken möget, so wären gute Worte, wie ich glaube, das

beste.

Salisbury.

Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium.

Faulconbridge.

Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem.

Pembroke.

Hier ist das Gefängniß; wer ligt hier?

(Indem er Arthur gewahr wird.)

Salisbury.

O Tod, stolz auf die Zerstörung dieser reinen und fürstlichen

Schönheit. Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen.

Bigot.

Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat,

legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen.

Salisbury.

Sir Richard, was denkt ihr? Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder

gelesen, oder gehört, oder euch vorstellen können, als ihr hier

sehet; ja, könnt ihr es begreiffen, ob ihr's gleich sehet? Könnte

die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche

Vorstellung hervorbringen? Es ist der Gipfel, die höchste Spize,

das Äusserste von dem Äussersten was der Meuchelmord wagen kan;

es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der

niederträchtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den

Thränen des sanften Mitleidens dargestellt hat.

Pembrok.

Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese

entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu

vergleichen, daß sie die noch ungebohrnen Sünden der Zukunft rein

und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz

macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel.

Faulconbridge.

Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mördrischen

Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist.

Salisbury.

Wenn es die That irgend einer Hand ist? Wir hatten eine Art von

Licht, was erfolgen würde. Es ist die schändliche That von Huberts

Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Königs gewesen ist.

Und hier, schwöre ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn

los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme

zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelübdes,

eines heiligen Gelübdes, daß ich eher von keinem Vergnügen des

Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu

mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die

feyrlichste Rache versöhnt haben werde.

Pembrok. Bigot.

Unsre Seelen bekräftigen dein heiliges Gelübde!

Sechste Scene.

(Hubert zu den Vorigen.)

Hubert.

Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur

lebt, und der König sendet nach euch.

Salisbury.

O, er ist kühn und erröthet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter

Lasterbube, aus meinem Gesicht!

Hubert.

Ich bin kein Lasterbube.

Salisbury.

Muß ich dem Gesez zuvorkommen?

(Er zieht seinen Degen.)

Faulconbridge.

Euer Schwerdt ist glänzend, Sir, stekt es wieder ein.

Salisbury.

Nicht eher, bis ich ihm eines Mörders Haut zur Scheide gemacht habe.

Hubert.

Zurük, Lord Salisbury; zurük, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist

so scharf als der eurige; ich möchte nicht, Lord, daß ihr euch

selbst vergässet, oder die Gefahr meiner abgenöthigten Gegenwehr

reiztet; oder ich möchte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth,

euern Adel und eure Grösse vergessen.

Bigot.

Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen?

Hubert.

Nicht für mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen

einen Kayser zu vertheidigen.

Salisbury.

Du bist ein Mörder.

Hubert.

Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen

Zunge falsch redet, redt nicht wahr, und wer nicht wahr redt, lügt.

Pembroke.

Haut ihn in Stüken.

Faulconbridge.

Halte Frieden, sag ich.

Salisbury.

Auf die Seite, Faulconbridge, oder ich will dir die Haut abziehen.

Faulconbridge.

Du würdest leichter dem Teufel die Haut abziehen, Salisbury. Wenn

du dich erkühnst mich nur sauer anzusehen, nur deinen Fuß

vorzusezen, oder ein unanständiges Wort gegen mich auszustossen, so

schlag ich dich tod nieder. Steke deinen Degen bey Zeiten ein,

oder ich will dich und deinen Bratspieß so zusammenpleuen, daß du

denken sollst, der Teufel aus der Hölle sey über dich gekommen.

Bigot.

Was willt du thun, ruhmvoller Faulconbridge? Einem Bösewicht

beystehen, einem Mörder?

Hubert.

Lord Bigot, ich bin keiner.

Bigot.

Wer ermordete diesen Prinzen?

Hubert.

Es ist noch keine Stunde seit ich ihn gesund verlassen habe; ich

ehrt' ihn, ich liebt' ihn, und ich will mein lebenlang den Verlust

seines süssen Lebens beweinen.

Salisbury.

Trauet nicht diesem heuchelnden Wasser in seinen Augen; ein

Bösewicht kan auch weinen, und eine lange Übung macht, daß seine

erzwungene Zähren Ströme des Mitleidens und der Unschuld scheinen.

Folget mir alle, deren Seelen den unreinen Geruch eines

Schlachthauses verabscheuen; ich erstike in den Ausdünstungen

dieser Schandthat.

Bigot.

Hinweg nach Edmondsbury, zu dem Dauphin.

Pembrok.

Saget dem König, dort könn' er uns erfragen.

(Die Lords gehen ab.)

Siebende Scene.

Faulconbridge.

Das ist eine feine Welt; wißt ihr was um diese saubre Arbeit?

Hubert, wann du diese That gethan hast, so reicht eine grenzenlose

Güte nicht zu, dir zu vergeben.

Hubert.

Hört mich nur an, Sir.

Faulconbridge.

Ha! ich will dir was sagen; du bist verdammt, so schwarz--Nein,

nichts ist so schwarz, tiefer verdammt als Lucifer; es ist kein so

scheußlicher Teufel in der Hölle wie du seyn wirst, wenn du diß

Kind umgebracht hast.

Hubert.

Bey meiner Seele--

Leben und Tod des Königs Johann · 第 4 / 6 段