Faulconbridge.

Halt deinen Zorn zurük, mächtiger Himmel! Und leg' uns nicht mehr

auf, als wir tragen können! Ich muß dir sagen, Hubert, daß die

Helfte meiner Armee, indem ich diese Nacht über diese Untieffen

sezte, von der Fluth ergriffen worden; diese Lincoln-Sümpfe haben

sie verschlungen, und ich selbst, obgleich wohl beritten, bin mit

Noth davon gekommen. Laß uns eilen; führe mich zum Könige; ich

besorge, er möchte schon verschieden seyn, eh ich ihn sehe.

(Sie gehen ab.)

Neunte Scene.

(Verwandelt sich in einen Garten der Abtey zu Swinstead.)

(Prinz Heinrich, Salisbury und Bigot treten auf.)

Heinrich.

Es ist zu späte; sein ganzes Blut ist vom Gift angestekt, und sein

sonst so gesundes Gehirn, (welches einige für das zerbrechliche

Wohnhaus der Seele halten) kündigt uns durch die unordentlichen

Phantasien, die es hervordrängt, das Ende der Sterblichkeit an.

(Pembroke zu den Vorigen.)

Pembroke.

Der König redet noch, und glaubt, wenn er in die freye Luft

gebracht würde, so könnte sie die brennende Hize des Giftes lindern,

das ihn verzehrt.

Heinrich.

Laßt ihn hieher in den Garten tragen. Phantasirt er noch?

Pembrok.

Er ist ruhiger als ihr ihn verlassen habt; eben izt sang er.

Heinrich.

Dieses giebt uns wenig Hoffnung. Übel, die aufs äusserste

gekommen sind, fühlen sich selbst nicht mehr. Wenn der Tod einmal

die äusserlichen Theile benagt hat, läßt er sie unempfindlich, und

greift alsdann das Gemüth an, welches er durch ganze Legionen von

seltsamen Einbildungen anfällt und verwundet, die in ihrem Gedränge,

bey diesem lezten Sturm, sich selbst untereinander aufreiben; wie

wunderbar, daß der Tod singen soll--Doch es ist das traurige

Sterbelied dieses bleichen verschmachtenden Schwans, der aus der

Orgelpfeiffe der Sterblichkeit seine Seele und seinen Leib in die

ewige Ruhe singt.

Salisbury.

Seyd guten Muthes, Prinz, denn ihr seyd dazu gebohren, das was er

so roh und ungestalt zurückläßt, zu formen und zur Vollkommenheit

zu bringen.

(König Johann wird herbeygetragen.)

König Johann.

Ah, wohl, nun hat meine Seele freyen Paß; sie wollte nicht zum

Fenster oder zur Thüre hinaus. Es ist ein so heisser Sommer in

meinem Busen, daß sich alle meine Eingeweide zu Staub zerkrümmeln.

Ich bin eine Figur, die mit einer Feder auf Pergament gezogen

worden, und schrumpfe an diesem Feuer zusammen.

Heinrich.

Wie befindet sich Eu. Majestät?

König Johann.

Vergiftet, todt, vergessen; und keiner von euch will dem Winter

befehlen, daß er komme, und seine beeißten Finger in meinen Schlund

steke; noch machen, daß die Ströme meines Königreichs ihren Lauf

durch meinen brennenden Busen nehmen; noch dem Nord sagen, daß

seine kalten Winde meine ausgedörrten Lippen küssen, und mich

abkühlen sollen. Ich verlange ja nichts als einen kalten Trost,

und ihr seyd so unbarmherzig, so undankbar, und schlagt ihn mir ab.

Heinrich.

O! daß doch in meinen Thränen eine Kraft seyn möchte, euch

Lindrung zu verschaffen!

König Johann.

Das Salz darinn ist heiß. Ich habe die Hölle in mir, und das Gift

ist der Teufel, der darinn eingesperrt ist, mein ohne Hoffnung

verdammtes Blut zu peinigen.

Zehnte Scene.

(Faulconbridge zu den Vorigen.)

Faulconbridge.

Oh! ich bin athemlos und ganz abgebrüht, vor äusserster

Eilfertigkeit Eu. Majestät zu sehen.

König Johann.

Vetter, du kommst eben recht, mir die Augen zuzudrüken; das

Takelwerk meines Herzens ist zerrissen und verbrannt, und alle die

Thaue, womit mein Leben segeln sollte, sind bis auf einen einzigen

Faden, ein armes kleines Haar abgenuzt; mein Herz hängt nur noch an

einem einzigen schwachen Zwirn, der nur so lange halten wird, bis

du deine Zeitungen gesagt hast; und dann ist alles was du siehst,

nur ein Kloz und Model von zerstörter Majestät.

Faulconbridge.

Der Dauphin rüstet sich, hieher vorzudringen, und der Himmel weiß,

wie wir ihm begegnen sollen; denn ich habe in einer Nacht, da ich

mich mit Vortheil zurükziehen wollte, meine besten Truppen in den

Morästen von Lincoln verlohren, alle, ohne Rettung, von der

unerwarteten Fluth verschlungen.

(Der König stirbt.)

Salisbury.

Ihr athmet diese tödtlichen Zeitungen in ein todtes Ohr--Mein

Gebieter, mein König--doch--kaum ein König, izt diß.

Heinrich.

Eben so muß ich nun lauffen, und eben so stille stehn. Was für

Sicherheit, was für Hoffnung, kan uns diese Welt geben, wenn das,

was eben izt ein König war, so bald ein Erdkloß ist.

Faulconbridge.

Bist du dahin? O! ich bleibe nur zurük, das Amt der Rache statt

deiner zu vollziehen; und dann soll meine Seele dir im Himmel

aufwarten, wie sie dir auf Erden immer gedient hat--

(Zu den Lords.)

Nun, nun, ihr Sterne, die ihr in eure Kreise zurükgetreten seyd,

wo sind eure Völker? Beweiset nun eure wiedergekehrte Treue und

eilet unverzüglich wider mit mir zurük, um ausländische Verwüstung

und ewige Schmach aus der schwachen Thüre unsers unmächtigen Landes

auszutreiben. Laßt uns den Feind eilends aufsuchen, oder wir

werden von ihm gesucht werden. Der Dauphin wüthet beynahe an

unsern Fersen.

Salisbury.

So scheint es also, ihr wisset nicht so viel als wir. Der Cardinal

Pandolph ist hier, und ruhet drinnen aus, indem er nur vor einer

halben Stunde von dem Dauphin mit solchen Friedens-Vorschlägen

hieher gekommen, die wir mit Ehre und Vortheil, zu Endigung des

gegenwärtigen Kriegs, annehmen können.

Faulconbridge.

Er wird desto geneigter zum Frieden seyn, wenn er uns zur

Vertheidigung gefaßt sehen wird.

Salisbury.

Die Sache ist gewisser massen schon in Richtigkeit; denn er hat

schon den grösten Theil seiner Kriegsgeräthschaft nach der Küste

abgeschikt, und dem Cardinal Vollmacht gegeben, den Frieden zu

machen; und wenn ihr es gut befindet, so wollen wir, ihr, ich

selbst und die übrigen Lords uns diesen Nachmittag mit ihm auf den

Weg machen, um dieses Geschäfte glüklich zu Ende zu bringen.

Faulconbridge.

Laßt es so seyn; und ihr, mein edler Prinz, mit den übrigen Fürsten,

die am besten geschont werden können, bleibet zurük, euers Vaters

Leichenbegängniß zu besorgen.

Heinrich.

Zu Worcester soll, vermöge seines lezten Willens, sein Leichnam

beerdiget werden.

Faulconbridge.

Er soll also dahin gebracht werden, und glüklich möge Euer

theurstes Selbst die Erbfolge und den glorreichen Scepter dieses

Landes übernehmen, als welchem ich hier, mit aller Unterwürfigkeit,

auf meinen Knien, meine getreuen Dienste und immerwährenden

Gehorsam angelobe.

Salisbury.

Eben dieses Gelübde thut unsre zärtliche Liebe, welche auf ewig

ohne einigen Fleken dauern soll.

Heinrich.

Meine gerührte Seele wünscht euch danken zu können, und weiß es

nicht anders zu thun als durch Thränen.

Faulconbridge.

Laßt uns einem Übel, welches wir so lange zum voraus bejammert

haben, nur nöthige Trauer bezahlen--So lag England niemals, und

soll künftig nie zu eines Erobrers Füssen ligen, als wenn es sich

vorher durch seine eigne Hände verwundet hat. Nun, da diese seine

Fürsten wieder heimgekehrt sind, nun laßt drey Theile der Welt in

Waffen herkommen, und wir sind stark genug, sie abzutreiben. So

lange England sich selbst getreu bleibt, ist nichts das uns

erschreken kan!

Leben und Tod des Königs Johann, von William Shakespeare

(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).

Leben und Tod des Königs Johann · 第 6 / 6 段