Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche
Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll,
nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lächerlich machen.
Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stüks geschieht, als ein
Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich
vermuthe, die Absicht war zu zeigen, daß die Römischen Höflinge
ungleich bessere Politici als Theologi seyen. Warbürton.}
Östreich.
Rebellion, offenbare Rebellion--
Faulconbridge.
Kan es denn nicht seyn? Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein
Maul stopfen kan?
Ludwig.
Vater, zu den Waffen.
Blanca.
An deinem Hochzeit-Tage? Wider das Blut, mit dem du dich vermählt
hast? Wie? Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen?
Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu
unserm hochzeitlichen Gepränge geben? O höre mich, mein Gemahl, (o
Himmel! wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens
willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen
Knien, bitt' ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen
Oheim.
Constantia.
O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien,
bis sie hart würden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel
zugedachte Rache nicht ab.
Blanca.
Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was
für ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer
Gemahlin?
Constantia.
Das was ihn und dich aufrecht erhält, seine Ehre. O deine Ehre,
Ludwig, deine Ehre!--
Ludwig.
Ich erstaunen wie Euer Majestät so kalt seyn kan, da so wichtige
Betrachtungen auf sie würken.
Pandolph.
Ich will den Fluch über sein Haupt aussprechen.
König Philipp.
Du sollst es nicht nöthig haben. England, ich falle von dir ab.
Constantia.
O edle Wiederkehr der verbannten Majestät!
Elinor.
O schändliche Empörung der Französischen Unbeständigkeit!
König Johann.
Frankreich, du sollst diese Stunde noch in dieser Stunde bereuen.
Blanca.
So muß die Sonne in Blut untergehen. Schöner Tag, fahr' wohl! Wo
ist die Parthey mit der ich gehen muß? Ich stehe zwischen beyden,
jede Armee hat eine Hand, und indem ich beyde halte, reissen sie
sich in ihrer Wuth von einander, und zerstüken mich. Gemahl, ich
kan nicht beten, daß du gewinnen mögest; Oheim, ich bin gezwungen
zu beten, daß du verliehrest; Vater, ich kan das Glük nicht auf
deine Seite wünschen; Großmutter, ich will nicht wünschen, daß
deine Wünsche erhört werden; keine Parthey kan gewinnen, ohne daß
ich auf der andern verliehre.
Ludwig.
Folget mir, Madame, euer Glük hängt nun von dem meinigen ab.
Blanca.
Wo mein Glük lebt, stirbt mein Leben.
König Johann.
Vetter, geh und ziehe unsre Völker zusammen.
(Faulconbridge geht ab.)
Frankreich, ich bin von einem Grimm entflammt, dessen Hize nichts
als Blut, das Blut, das kostbarste Blut von Frankreich löschen kan.
König Philipp.
Deine Wuth soll dich aufzehren, und du sollt in Asche
zusammenfallen, eh unser Blut diß Feuer löschen soll. Sieh zu dir
selbst, du wagest viel.
König Johann.
Nicht mehr als der so mir dräuet. Zun Waffen! hinweg!
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in das Schlachtfeld.)
(Lerm; Gefecht; Faulconbridge mit Östreichs Kopf, tritt auf.)
Faulconbridge.
Nun bey meinem Leben, dieser Tag wird entsezlich heiß; irgend ein
feuriger Teufel brütet in der Luft, und schüttet Unheil herab.
Hier lig du, Östreichs Kopf,--So hat König Richards Sohn sich
seines Gelübds entlediget, und der unsterblichen Seele seines
Vaters Östreichs Blut zum Todten-Opfer gebracht. (König Johann,
Arthur und Hubert treten auf.)
König Johann.
Hier Hubert, bring diesen Knaben in Verwahrung--Richard, ermuntre
dich; meine Mutter wird in ihrem Gezelt bestürmt, und ist, wie ich
besorge, gefangen.
Faulconbridge.
Ich befreyte sie, Gnädigster Herr; ihre Hoheit ist in Sicherheit,
besorget nichts. Aber zurük, mein König; noch ein wenig Arbeit
wird diesen Tag zu einem glüklichen Ende bringen.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene.
(Lermen; Gefecht; Flucht; König Johann, Elinor, Arthur,
Faulconbridge, Hubert und Lords treten wieder auf.)
König Johann.
So soll es seyn;
(zu seiner Mutter.)
Euer Gnaden soll unter einer starken Bedekung zurükbleiben;
(zu Arthur.)
Vetter, sieh nicht so traurig aus; deine Großmama hat dich lieb,
und dein Oheim will deines Vaters Stelle bey dir vertreten.
Arthur.
O diß wird meine Mutter vor Schmerz sterben machen.
König Johann (zu Faulconbridge.)
Vetter, auf, nach England; eile voran, und siehe, daß du noch vor
unsrer Ankunft unsre reichen Äbte schüttelst; sez du ihre
gefangnen Engel in Freyheit; der hungrige Krieg muß an den fetten
Ribben des Friedens zehren. Vollziehe unsern Auftrag mit dem
äussersten Nachdruk.
Faulconbridge.
Gloke, Buch und Kerze sollen mich nicht zurüktreiben, wo Gold und
Silber mich einladen einen Besuch zu machen. Ich verlasse Eu.
Majestät; Großmutter, wenn mir anders einmal einfällt fromm zu seyn,
will ich für eure Wohlfahrt beten; und hiemit küß' ich euch die
Hand.
Elinor.
Lebe wohl, mein lieber Vetter.
König Johann.
Vetter, lebe wohl.
(Faulconbridge geht ab.)
Elinor.
Komm zu mir, kleiner Vettermann--auf ein paar Worte--
(Sie nimmt den Arthur auf die eine Seite des Theaters.)
König Johann (zu Hubert auf der andern Seite.)
Komm hieher, Hubert. O mein lieber Hubert, wir sind dir sehr
verbunden; in diesen Mauern von Fleisch ist eine Seele die dein
Schuldner ist, und deine Liebe mit Wucher zu bezahlen gedenkt.
Glaube mir, mein guter Freund, der freywillige Eid, womit du dich
zu meinem Dienst verbunden hast, lebt in diesem Busen und wird
theuer geachtet. Gieb mir deine Hand, ich wollte dir etwas sagen--
aber ich will es auf eine gelegnere Zeit versparen. Beym Himmel,
Hubert, ich bin recht beschämt, wenn ich denke, wie grosse
Verbindlichkeiten ich dir habe.
Hubert.
Ich bin es, der Euer Majestät unendlich verpflichtet ist.
König Johann.
Mein guter Freund, du hast noch keine Ursache das zu sagen--Aber du
sollt bekommen--und so langsam die Zeit auch kriechen mag, so soll
sie doch kommen, daß ich dir Gutes thun kan. Ich hatte dir was zu
sagen--Aber, laß es gehen: Die Sonne ist am Himmel, und der stolze
Tag, von den Freuden der Welt umgeben, ist zu üppig, zu voll von
Lustbarkeiten, um mir Gehör zu geben. Wenn die mitternächtliche
Gloke mit ihrer ehernen Zunge über die schlaftrunkne Geschöpfe der
Nacht Eins erschallen liesse; wenn dieser Plaz wo wir stehn, ein
Kirchhof wäre, und du vom Gefühl von tausend Beleidigungen besessen
wärst; oder wenn der saure Geist der Melancholie dein Blut, das izt
küzlend in deinen Adern auf- und ab rollt, so dik wie Leim gemacht
hätte; oder wenn du sehen könntest ohne Augen, hören könntest ohne
Ohren, und mir antworten ohne Zunge; wenn du, ohne Augen, ohne
Ohren, ohne den beleidigenden Schall von Worten, durch blosse
Gedanken mit mir reden könntest; denn wollt' ich, troz dem
großaugichten wachtsamen Tag meine Gedanken in deinen Busen
ausschütten--Aber so, will ich nicht--Und doch liebe ich dich sehr,
und bey meiner Treue, ich denke, du liebest mich auch.
Hubert.
So sehr, daß ich, ich schwör es beym Himmel, alles unternehmen will,
was Euer Majestät mir befehlen kan, wenn gleich der Tod mit der
That verknüpft wäre.
König Johann.
Weiß ich nicht, daß du es thun würdest? Guter Hubert, Hubert,
Hubert, wirf dein Auge auf jenen Knaben; ich will dir was sagen,
Freund; er ist eine rechte Schlange in meinem Wege, und wohin ich
den Fuß sezen will, ligt er vor mir. Verstehst du mich? Du bist
sein Hüter.
Hubert.
Und ich will ihn so hüten, daß er Eu. Majestät nimmer in den Weg
kommen soll.
König Johann.
Tod.
(leise.)
Hubert.
Gnädigster Herr.
König Johann.
Ein Grab.
Hubert.
Er soll nicht leben.
König Johann.
Genug, nun könnt' ich aufgeräumt seyn. Hubert, ich habe dich lieb.
Gut, ich will nicht sagen, was ich für dich thun will; Vergiß es
nicht--
(indem er zu Elinor zurükgeht.)
Madame, lebet wohl, ich will Euer Majestät die bewußten Truppen
zusenden.
Elinor.
Mein Segen geht mit euch.
König Johann (zu Arthur.)
Izt nach England, Vetter; Hubert soll euer Mann seyn, und euch mit
aller schuldigen Ehrerbietung zu Diensten stehen, auf, nach Calais,
hinweg!
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in den Französischen Hof.)
(König Philipp, Ludwig, Pandolpho, und Gefolge treten auf.)
König Philipp.
So wird durch ein heulendes Ungewitter auf dem Meer eine ganze
Armade von vereinbarten Segeln zerstreut und von einander
verschlagen.*
{ed.-*Dieses Gleichniß, das an sich selbst an diesem Ort nicht zur
Sache paßt, ist, wie viele andere Stellen in diesem Stüke, eine
Anspielung auf die spanische Invasion im Jahr 1588, und die
damalige Zeit-Umständ; indem dieses Schauspiel längstens einen oder
zween Winter darnach zum erstenmal aufgeführt wurde. Warburton.}
Pandolph.
Nur guten Muth gefaßt, alles soll noch gut gehen.
König Philipp.
Was kan gut gehen, wenn es uns so übel geht? Sind wir nicht
geschlagen? Ist nicht Angiers verlohren? Arthur gefangen?
Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen? Und unser
blutiger Gegner, mit verächtlichem Troz nach England zurükgegangen?
Ludwig.
Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwürfe, mit
einem solchen Feuer ausgeführt, eine so gute Ordnung, in einem so
ungestümen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action
wie diese ist, gelesen oder gehört?
König Philipp.
Ich könnte es nach wohl ertragen, daß England dieses Lob erhielte,
wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, für unsre Schande kennte.
(Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier? Das Grab einer
Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der
verhaßten Gefangenschaft eines gequälten Athems hält. Ich bitte
dich, Lady, komm mit mir hinweg.
Constantia.
Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens.
König Philipp.
Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia.
Constantia.
Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was
allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht. Tod, Tod; o
angenehmer liebenswürdiger Tod! du wohlriechender Gestank, du
gesunde Fäulniß, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du
Abscheu und Schreken des Glüks; und ich will deine ekelhaften
Knochen küssen, und meine Augen in deine holen Augen-Löcher steken,
und diese Finger mit den Würmern, die in dir hausen, umwinden, und
diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein
scheusliches Gerippe werden, wie du. Komm, grinse mich an, und ich
will denken du lächelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du
Liebling des Elends, komm, komm zu mir!
König Philipp.
O schöne Bekümmerniß, stille!
Constantia.
Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen;
o, daß meine Zunge im Munde des Donners stäke, damit ich mit
meinem Schmerz die ganze Welt erschüttern, und dieses entfleischte
faule Gerippe vom Schlaf aufweken könnte, das die Anrufung einer
schwachen weiblichen Stimme nicht hören will.
Pandolph.
Lady, ihr stoßt Unsinn aus, nicht Schmerz.
Constantia.
Du versündigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig;
dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia,
ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist
verlohren! Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich wär' es! denn
alsdann könnt' ich vergessen, wer ich bin. O wenn ich es könnte,
was für einen Schmerz würd' ich vergessen! Predige irgend eine
Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt
werden, Cardinal. Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern
meinen Schmerz fühle, so arbeitet mein vernünftiger Theil, wie ich
mich von diesem Jammer befreyen möge, und lehrt mich, daß ich mich
erstechen oder erhängen soll. Wenn ich unsinnig wäre, würd' ich
meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nächste
Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut
fühl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers.
König Philipp.
Bindet diese fliegenden Loken auf; O was für Liebe seh ich in
dieser schönen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein
Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drängen sich
zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich
wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im
Unglük ausharren.
Constantia.
Nach England, wenn ihr wollt.--
König Philipp.
Bindet eure Haare auf
Constantia.
Ja, das will ich; und warum will ich es thun? Ich riß sie aus
ihren Fesseln, und rief. O daß diese Hände meinem Sohne so die
Freyheit geben könnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben
haben! Aber nun beneid' ich ihre Freyheit, und will sie wieder in
ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist.
Und Vater Cardinal, ich hab' euch sagen gehört, wir werden unsre
Freunde im Himmel wieder kennen. Wenn das ist, so werd ich meinen
Jungen nimmer wieder sehen. Denn seit der Geburt Cains, des ersten
männlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine
anmuthigere Creatur gebohren worden. Aber nun wird der Krebs des
Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schönheit von
seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst
schauen, so düster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter
Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht,
und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd' ich
ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur
nimmer, nimmer wieder sehen.
Pandolph.
Ihr überlaßt euch euerm Schmerz zu sehr.
Constantia.
Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte--
König Philipp.
Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt.
Constantia.
Mein Schmerz füllt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in
meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen
Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine
liebreizenden Eigenschaften; ich hab' also Ursache meinen Schmerz
zu lieben. Gehabt ihr euch wohl; hättet ihr einen solchen Verlust
erlidten wie ich, so könnte ich bessern Trost geben als ihr thut.
Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden,
(Sie reißt ihren Kopfzeug ab.)
da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist. O Gott, mein
Kind, mein Arthur, mein schöner Sohn! Mein Leben, meine Freude,
meine Nahrung, mein Alles in der Welt! Mein Trost, die einzige
Lindrung meines Kummers! Mein Sohn! Mein Sohn!
(Sie geht ab.)
König Philipp.
Ich besorge, es entsteht noch ein Unglük; ich will ihr folgen.
Siebende Scene.
Ludwig.
Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergnügen geben kan; das
Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzähltes Mährchen, das
die schlaffen Ohren eines schläfrigen Menschen plagt. Eine bittre
Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so daß sie
izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt.
Pandolph.
Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem
Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Anstoß am
heftigsten; scheidende Übel scheinen am schlimmsten, indem sie
verschwinden. Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages
verlohren?
Ludwig.
Alle ruhmvollen, frohen, glüklichen Tage meines Lebens.
Pandolph.
Glaubet mir, dann hättet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag
gewonnen hättet. Nein, nein; wenn's das Glük am besten mit den
Menschen meynt, so sieht es sie mit einem dräuenden Auge an. Es
ist unglaublich, wie viel König Johann gerade dadurch verlohren hat,
was er für klaren Gewinn rechnet. Schmerzt es euch nicht, daß
Arthur sein Gefangner ist?
Ludwig.
So herzlich, als er sich freut daß er ihn hat.
Pandolph.
Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut. Nun höre mich aus
einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die
ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine
Hinderniß aus dem Wege wehen, der deinen Fuß gerade zu Englands
Thron führen wird; höre also! Johann hat sich Arthurs bemächtiget,
und es ist unmöglich, daß, so lange warmes Leben in seinen jungen
Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein
Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen könnte. Ein Scepter
der mit einer unrechtmäßigen Hand geführt wird, muß so gewaltthätig
erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem
schlüpfrigen Plaz steht, ist nicht so zärtlich, daß ihm etwas zu
garstig seyn sollte, woran er sich halten kan. Damit Johann stehen
könne, muß Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn
kan.
Ludwig.
Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen?
Pandolph.
Vermöge des Rechts eurer Gemalin Blanca, könnt ihr alsdann in alle
Ansprüche Arthurs eintreten.
Ludwig.
Und Ansprüche, Leben und alles verliehren, wie Arthur.
Pandolph.
Wie grün und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd! König Johann
thut das wichtigste für euch; die Umstände conspiriren mit euch,
und der, so in Vergiessung des rechtmäßigen Bluts seine Sicherheit
sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden.
Diese Übelthat wird die Herzen seines ganzen Volks erkälten, und
ihren Eifer für ihn so sehr gefrieren machen, daß sie den
schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit
Freuden ergreiffen werden. Es wird keine natürliche Ausdünstung in
der Luft seyn, kein Mißgriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein
gemeiner Sturmwind, keine gewöhnliche Naturbegebenheit, denen sie
nicht eine übernatürliche Ursache geben, die sie nicht Meteore,
Wunderzeichen, Mißgeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des
Himmels nennen werden, die überlaut wider Johann um Rache schreyen.
Ludwig.
Es ist aber möglich, daß er dem jungen Arthur das Leben läßt, und
sich begnügt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten.
Pandolph.
O Prinz, wenn er von eurer Annäherung hören wird, und Arthur nicht
schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden
die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn empören, sich
nach Veränderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu
Aufruhr und Krieg nehmen. Mich däucht, ich sehe diesen Lermen
schon vor meinen Füssen; und o! was kan für euch glüklichers
gebrütet werden, als was ich gesagt habe!--Der Bastard
Faulconbridge ist nun in England, brandschäzet die Kirche, und übet
unchristliche Gewaltthätigkeit aus. Wenn nur zwölf bewehrte
Franzosen dort wären, sie würden wie ein Zusammenruf seyn, und in
einem Augenblik zehntausend Engländer an ihrer Seite sehen; oder
wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwälzt und ein Berg wird.
Edler Dauphin, folge mir zum Könige; es ist erstaunlich, was für
Folgen aus ihrem Mißverständniß gezogen werden können. Izt, da
ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefüllet sind, izt England zu;
ich will an dem Könige treiben.
Ludwig.
Grosse Beweggründe zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr
Ja sagt, wird der König gewiß nicht Nein sagen.
(Sie gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Verwandelt sich in England.)
(Ein Gefängniß.)
(Hubert und zween Nachrichter treten auf.)
Hubert.
Macht mir diese Eisen glühend, und, du dort, bleibe hinter den
Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fuß stampfe, so rausch hervor
und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den
Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.
Nachrichter
Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.
Hubert.
Unnöthige Bedenklichkeiten! Fürchtet nichts, habt Sorge--Junger
Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen. (Arthur tritt auf.)
Arthur.
Guten Morgen, Hubert.
Hubert.
Guten Morgen, kleiner Prinz.
Arthur.
Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag.
Ihr seyd traurig.
Hubert.
In der That, ich bin schon lustiger gewesen!
Arthur.
Der Himmel sey mir gnädig! Mich däucht, niemand sollte traurig
seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war,
an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie
die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, wär ich nur aus dem
Gefängniß und hütete Schaafe, ich wollte so frölich seyn als der
Tag lang ist. Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht
von meinem Oheim noch mehr böses besorgte. Ist es mein Fehler, daß
ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und
wollte Gott ich wäre euer Sohn, so würdet ihr mich lieben, Hubert.
Hubert (vor sich.)
Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwäze
mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und
meinen Auftrag vollziehen.
Arthur.
Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blaß aus; gewißlich, ich
wollt' ihr wäret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben
euch sizen und mit euch wachen könnte. Ach! ich liebe euch mehr,
als ihr mich lieb habt.
Hubert.
Seine Reden dringen mir ins Herz.
(Er zeigt ihm ein Papier.)
Ließ hier, junger Arthur--
(Bey Seite.)
Wie nun, närrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden
aufthauen! Ich muß es kurz machen, oder mein Entschluß vertröpfelt
in weibischen Thränen aus meinen Augen--Könnt' ihr's nicht lesen?
Ist es nicht schön geschrieben?
Arthur.
Nur zu schön Hubert, zu einer so häßlichen Absicht. So müßt ihr
meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.
Hubert.
Ich muß, junger Herr.
Arthur.
Und ihr wollt es?
Hubert.
Und ich will.
Arthur.
Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band
ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte,
eine Princeßin hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals
wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den
Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle
Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut's euch weh? oder, was kan
ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn würde still
gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch
gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwärter--Doch
nein, ihr könnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und
eigennüzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so
gefällt, daß ihr übel mit mir umgehen sollt, nun dann, so müßt ihr--
wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen
sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?
Hubert.
Ich habe geschworen, daß ich es thun wolle, und ich muß sie mit
glühenden Eisen ausbrennen.
Arthur.
Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, würde das thun. Das
Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, würde, wenn es an diese
Augen käme, meine Thränen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser
seine feurige Wuth löschen. Seyd ihr härter als Eisen? O! wenn
ein Engel zu mir gekommen wäre und hätte mir gesagt, Hubert werde
mir die Augen ausstossen, ich hätt' es ihm nicht geglaubt; keiner
andern Zunge würd' ichs glauben, als deiner eignen.
Hubert (stampft auf den Boden, und die Männer kommen herein.)
Hervor, thut wie ich euch befehle.
Arthur (erschroken.)
O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den
grimmigen Bliken dieser blutigen Männer.
Hubert.
Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.
Arthur.
O Gott, wozu habt ihr nöthig so ungestüm-rauh zu seyn? Ich will
mich nicht sträuben, ich will wie ein Stein still halten. Um des
Himmels willen, Hubert, laßt mich nicht binden! Nein, höre mich,
Hubert, treibe diese Männer weg, und ich will ruhig still sizen wie
ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort
reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Männer
fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch für Marter
anthun möget.
Hubert.
Geht, bleibt vor aussen, laßt mich allein mit ihm.
Nachrichter.
Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.
(Sie gehen ab.)
Arthur.
Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen
erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; laßt ihn wieder
herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.
Hubert.
Komm, Junge, bereite dich.
Arthur.
Ist denn kein Mittel?
Hubert.
Keines, als deine Augen zu verliehren.
Arthur.
O Himmel! daß doch nur ein Stäubchen, ein Splitterchen, eine Müke,
ein irrendes Haar in den eurigen wäre; wenn ihr fühltet, was für
Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten,
euer grausames Vorhaben müßt' euch entsezlich vorkommen.
Hubert.
Ist diß dein Versprechen; komm her, schweig und rühre dich nicht--
Arthur.
Hubert, du willt mir nicht erlauben, daß ich um meine Augen jammere;
ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht;
oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und laß mich nur
meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt,
und würde mir kein Leid thun.
Hubert.
Ich kan es wieder heiß machen, Junge.