Sohn, gieb diesem Vorschlag Gehör, geh dieses Bündniß ein, und gieb
ihnen mit unsrer Nichte eine Morgengabe, womit sie zufrieden seyn
können; denn durch dieses Band kanst du dein izt wankendes Recht an
die Crone so feste machen, daß jener grüne Bube keine Sonne haben
wird, um die Blüthe zu zeitigen, die eine mächtige Frucht
verspricht. Ich sehe Nachgiebigkeit in Frankreichs Bliken; sieh,
wie sie einander zuflüstern; fasse sie bey diesem Augenblik, da
ihre Seelen fähig sind, sich durch die Hoffnung einer vergrösserten
Macht bestechen zu lassen, sonst möcht' ihr Eifer für Arthurs Sache,
der izt durch den lauen Athem von sanften Bitten, Mitleiden und
Bedenklichkeiten aufgeschmelzt worden, wieder erkalten, und zu der
vorigen Härte gefrieren.
Bürger.
Was antworten Eure Majestäten auf den gütlichen Vorschlag unsrer
bedräuten Stadt?
König Philipp.
Sprecht zuerst, England, da ihr der erste waret, der seinen Antrag
an diese Stadt machte; was ist eure Gesinnung?
König Johann.
Wofern der hier gegenwärtige Dauphin, dein königlicher Sohn, in
diesem Buche der Schönheit lesen kan, ich liebe; so soll ihre
Mitgift soviel wägen als eine Königin; denn Anjou, und das schöne
Touraine, Maine, Poitou, und alles, was (diese belagerte Stadt hier
ausgenommen,) auf dieser Seite des Meers unsrer Crone einverleibt
ist, soll ihr Braut-Bette vergülden, und sie an Titeln, Würden und
Gütern so reich machen, als sie an Geburt, Erziehung und Schönheit,
jeder andern Princeßin in der Welt die Wage hält.
König Philipp.
Was sagst du denn, Junge? Sieh der Princeßin ins Gesicht.
Ludwig.
Ich thu es, Sire, und ich find' in ihren Augen ein Wunderwerk, oder
doch eine wunderbare Erscheinung, meinen eignen Schatten in ihren
Augen abgebildet, der, ob er gleich nur der Schatten euers Sohnes
ist, eine Sonne wird, und euern Sohn zu einem Schatten macht. Ich
versichre euch, ich liebte mich selbst noch nie bis izt, da ich
mich selbst in der schmeichelnden Tafel ihres Auges abgerissen
finde.
Blanca (zu Ludwig.)
Meines Oheims Wille ist in dieser Sache der meinige; was er nur
immer an euch sehen mag, das ihm gefällt, dieses Etwas, das ihm
gefällt, kan ich ohne Mühe zu meinem Willen übertragen; oder, um
eigentlicher zu reden, wenn ihr wollt, kan ich es leicht meiner
Liebe aufnöthigen. Milord, ohne euch über alles was ich
liebenswürdiges an euch sehe, zu schmeicheln, will ich nur soviel
sagen, daß ich nichts an euch sehe, was, wenn gleich die Tadelsucht
selbst Richter seyn sollte, einiges Hasses würdig wäre.
König Johann.
Was sagen diese jungen Leute? Was sagt ihr, meine Nichte?
Blanca.
Daß ihre Ehre sie verbindet, alles zu thun, was eurer Klugheit ihr
zu befehlen belieben wird.
König Johann.
Redet dann, Prinz Dauphin, könnt ihr diese Lady lieben?
Ludwig.
Fragt mich vielmehr, ob es mir möglich sey, sie nicht zu lieben;
denn ich liebe sie im höchsten Grade.
König Johann.
So geb' ich dir also Volquessen, Touraine, Maine, Poitiers und
Anjou, diese fünf Provinzen, mit ihr; und über dieses noch die
volle Summe von dreyßigtausend Mark Englischen Geldes. Philipp von
Frankreich, wenn du damit zufrieden bist, so befiehl deinem Sohn
und deiner Tochter einander die Hände zu geben.
König Philipp.
Wir sind es vollkommen zufrieden, ihr jungen Prinzen, vereinigst
eure Hände.
Östreich.
Und eure Lippen dazu; denn ich erinnre michs noch wohl daß ich es
so machte, wie ich das erstemal versprochen wurde.
König Philipp.
Nun, ihr Bürger von Angiers, öffnet eure Thore, um die Freundschaft
einzulassen die ihr gestiftet habt, damit ohne Verzug diese
Vermählung in St. Martins Capelle sollennisirt werden könne. Ist
die Lady Constantia nicht in dieser Gesellschaft? Doch sie kan
nicht hier seyn; ihre Gegenwart würde diesem neugeschloßnen
Verglich ein starkes Hinderniß in den Weg gelegt haben. Wo ist sie,
und ihr Sohn, wer kan es mir sagen?
Ludwig.
Sie sizt voll Traurigkeit und Unwillen in Eurer Majestät Gezelt.
König Philipp.
Bey meiner Ehre, dieses Bündniß das wir getroffen haben, wird ihrer
Schwermuth wenig Lindrung geben. Bruder von England, wie können
wir diese Fürstliche Wittwe zufrieden stellen? Zu Behauptung ihres
Rechts sind wir gekommen, und nun haben wir uns, Gott weiß es, zu
unserm eignen Vortheil, auf eine andre Seite gedreht.
König Johann.
Wir wollen alles gut machen; denn wir wollen den jungen Arthur zum
Herzog von Bretagne und Grafen von Richmond ernennen, und ihn
überdiß zum Herrn dieser schönen reichen Stadt machen. Ruffet die
Lady Constantia; ladet sie eilfertig zu unsrer Feyrlichkeit ein;
wenn wir gleich nicht das ganze Maaß ihres Willens erfüllen, so
werden wir sie doch in gewissem Maasse befriedigen, und wenigstens
ihren Ausruffungen den Mund stopfen. Izt laßt uns zu Vollziehung
dieser unvorgesehnen und unvorbereiteten Solennität keine Zeit
verliehren.
(Alle gehen ab, bis auf Faulconbridge.)
Sechste Scene.
Faulconbridge.
Närrische Welt! närrische Könige! närrisches Zeug zusammen!
Johann, um Arthurn sein Recht zum Ganzen zu benehmen, begiebt sich
freiwillig eines Theils; und Frankreich, dem das Gewissen seine
Rüstung angeschnallt, den Eifer und Christliche Liebe als Gottes
eignen Waffenträger ins Feld geführt, läßt sich nun von diesem
Vorsaz-Ändrer entwafnen, diesem schlauen Teufel, diesem Mäkler,
der immer der Treue den Hals bricht, diesem täglichen Eidbrecher,
der alle Menschen verführt, Könige, Bettler, Alte, Junge, und der
die Mädchen selbst, die sonst nichts äusserliches zu verliehren
haben als das Wort Mädchen, die armen Dinger auch um das betrügt;
diesem glattmaulichten Stuzer, diesem kizelnden Schmeichler,
Interesse--Interesse, der die ganze Welt aus ihrem ebnen
natürlichen Lauf heraushebt, und ohne alle gerade Richtung, Absicht
und Regel forttreibt. Und eben dieses Interesse, diese Kupplerin,
dieser Mäkler, dieser allesverwandelnde Zauberer, auf das Auge des
wankelmüthigen Philipps geplakt, hat ihn von seinem festgesezten
Endzwek, von einem beschloßnen und ehrenvollen Krieg, zu einem
höchst schimpflichen und niederträchtigen Frieden gezogen--Und
warum ziehe ich wider dieses Interesse los, als weil es noch bisher
nicht um mich gebuhlt hat; nicht, weil ich die Stärke hätte die
Hand zuzuschliessen, wenn seine schönen Engel mir die ihrige
darreichen würden; sondern weil meine Hand, die noch immer leer
gelassen worden, gleich einem armen Bettler über die Reichen
schmählt. Wohl dann, so lang ich ein Bettler bin, will ich über
die Reichen schmählen, und sagen, es sey keine grössere Sünde als
reich seyn: Und wenn ich reich bin, dann soll meine Tugend darinn
bestehen, daß ich behaupte, es sey kein Laster als Dürftigkeit.
Wenn Könige selbst ihren Eid aus Eigennuz brechen, so sey du mein
Gott, Gewinnst; denn dir allein will ich dienen.
(Er geht ab.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Des Französischen Königs Gezelt.)
(Constantia, Arthur und Salisbüry, treten auf.)
Constantia.
Gegangen, um sich zu vermählen? Um einen Frieden zu schwören?
Treuloses Blut mit treulosem Blut vereinigt! Gegangen, um Freunde
zu seyn? Ludwig soll Blanca haben, und Blanca diese Provinzen? Es
ist nicht so, du hast dich verredet, du hast nicht recht gehört; es
kan nicht seyn, du sagst nur, es sey so; ich bin versichert daß du
nicht die Wahrheit sagst, denn dein Wort ist nur der eitle Athem
eines gemeinen Mannes. Glaube mir, Mann, ich glaube dir nicht, ich
habe den Eid eines Königs für das Gegentheil; du sollt dafür
gestraft werden, daß du mich so erschrekt hast; denn ich bin krank,
und leicht in Furcht zu sezen; mißhandelt und unterdrükt, und also
voller Furcht; eine Wittwe ohne Mann, ohne Beschüzer, also der
Furcht unterworffen; ein Weibsbild, von Natur zur Furchtsamkeit
gebohren; und wenn du izt gleich bekennen würdest, daß du nur
gescherzt habest, so könnte ich doch meine in Unordnung gebrachten
Lebensgeister nicht sogleich wieder beruhigen, sondern sie werden
diesen ganzen Tag zittern und schaudern. Was soll dieses
Kopfschütteln bedeuten? Warum siehst du meinen Sohn so traurig an?
Warum legst du die Hand auf deine Brust? Warum diese Thränen, die
wie ein aufgeschwollner Bach über ihre Ufer stürzen? Sind diese
schwermüthigen Seufzer Bekräftigungen deiner Worte? So sprich noch
einmal, nicht deine vorige Erzählung, sondern nur diß einzige Wort,
ob deine Erzählung wahr ist oder nicht?
Salisbury.
So wahr als ihr Ursache habt, diejenige für falsch zu halten,
welche schuld an der Wahrheit meiner Aussage sind.
Constantia.
Oh, wenn du mich lehrst diese kummervolle Zeitung zu glauben, so
lehre diese kummervolle Zeitung wie sie mich tödten soll, damit ihr
Glaube und mein Leben so an einander stossen, wie die Wuth von
zween ergrimmten Männern, die in dem Augenblik da sie auf einander
treffen, fallen und sterben. Ludwig vermählt sich mit Blanca? O
Junge, was bist dann du? Frankreich, Freund von England? Was wird
dann aus mir? Geh, Mann, ich kan deinen Anblik nicht ausstehen
diese Zeitung hat dich zu einem abscheulichen Mann gemacht.
Salisbury.
Was habe ich dann Übels gethan, gute Lady, als das Übel
anzuzeigen, das andre gethan haben?
Constantia.
Welches aber an sich selbst so scheußlich ist, daß es alle die nur
davon reden abscheulich macht.
Arthur.
Ich bitte euch, Mutter, gebt euch zufrieden.
Constantia.
Wenn du, der mich zufrieden seyn heißt, häßlich wärest, ungestalt,
und deiner Mutter Leibe schimpflich, voller Fleken und ekelhafter
Finnen, lahm, albern, buklicht, krummbeinicht, ungeheuer, und mit
Kräze und Eiterbeulen überdekt; dann wollt' ich mich nicht
bekümmern, dann wollt' ich mich zufrieden geben; denn alsdann würd'
ich dich nicht lieben, nein, noch würdest du deiner hohen Geburt
werth seyn, und eine Crone verdienen. Aber du bist schön, und
Natur und Glük haben bey deiner Geburt, du theurer Knabe, sich
vereiniget, dich groß zu machen. Wie die Natur dich begabt hat,
kanst du mit Lilien und halb entfalteten Rosen um den Vorzug
streiten. Aber das Glük! oh sie ist treulos worden, sie ist von
dir abgefallen, hält stündlich mit deinem Oheim zu, und hat mit
ihrer goldnen Hand Frankreich an sich gerissen, und dahin gebracht,
die Ehre der unumschränkten Herrschaft in den Staub zu treten, und
seine Majestät zu ihrer Kupplerin zu machen. Frankreich ist eine
Kupplerin zwischen dem Glük und Johann, dem Glük, dieser ehrlosen
Meze, und diesem räuberischen Johann. Sag mir, Bursche, ist
Frankreich nicht meineidig? Vergift' ihn mit Worten, oder geh
deines Weges, und laß mich allein bey diesen Kränkungen, die ich
allein tragen muß.
Salisbury.
Verzeihet mir, Madam, ich darf nicht ohne euch zu den Königen zurük
kommen.
Constantia.
Du darfst, du sollst, ich will nicht mit dir gehen; ich will meinen
Schmerz lehren stolz zu seyn; denn Schmerz ist stolz, und macht
seinen Besizer eigensinnig. Zu mir, und zu dem Hofstaat meines
grossen Kummers mögen die Könige sich versammeln; denn mein Kummer
ist so groß, daß nichts als die unbewegliche gigantische Erde ihn
unterstüzen kan; hier siz' ich und mein Schmerz; hier ist mein
Thron, sage den Königen, daß sie kommen und sich vor ihm büken.
(Sie sezt sich auf den Boden.)
Zweyte Scene.
(König Johann, König Philipp, Ludwig, Blanca, Elinor,
Faulconbridge und Östreich.)
König Philipp.
Es ist wahr, schöne Tochter; und dieser gesegnete Tag soll auf ewig
in Frankreich festlich seyn. Diesen Tag feyrlicher zu machen, hält
die glorreiche Sonne in ihrem Lauf inne, und spielt den Alchymisten,
indem sie durch den Glanz ihres funkelnden Auges die magre
klumpichte Erde in schimmerndes Gold verwandelt. Der jährliche
Kreislauf, der diesen Tag wiederbringt, soll ihn nie anders als
einen Fest-Tag sehen.
Constantia (indem sie aufsteht.)
Ein unglüklicher Tag, und nicht ein Fest-Tag! Was hat dieser Tag
verdient? Was hat er gethan, daß er mit goldnen Buchstaben unter
die heiligen Zeiten in den Calender gesezt werden soll? Nein,
stoßt ihn vielmehr aus der Woche aus, diesen Tag der Schande, der
Unterdrükung und des Meineids; oder wenn er ja stehen bleiben muß,
so laßt schwangre Frauen beten, daß sie ihrer Bürde nicht an diesem
Tag entbunden werden; laßt, ausser an diesem Tag, den Seefahrer
keinen Schiffbruch fürchten, und keinen Vertrag gebrochen werden,
der nicht an diesem Tage gemacht worden; ja, alles was an diesem
Tage angefangen wird, nehm' ein unglükliches Ende, und die Treue
selbst verwandle an ihm sich in Falschheit und Betrug!
König Philipp.
Beym Himmel, Lady, ihr habt keine Ursache die freudigen Begegnisse
dieses Tages zu verwünschen; hab ich euch nicht meine Majestät zum
Unterpfand gegeben?
Constantia.
Ihr habt mich mit einer nachgemachten Majestät betrogen, die,
sobald sie auf den Probstein gestrichen worden, sich falsch
befunden hat; ihr seyd meineidig, meineidig seyd ihr; ihr kam't in
Waffen, meiner Feinde Blut zu vergiessen, und vermischet und
verstärket es nun mit dem eurigen. Freundschaft und geschminkter
Friede haben den Plaz der kühnen Streitbegierde und des edeln
kriegrischen Zorns genommen, und unsre Unterdrükung ist zum Sigel
dieses Bundes gemacht worden. Waffnet, waffnet euch, ihr
himmlischen Mächte, wider diese meineidigen Könige; eine Wittwe
ruft: Sey mein Gemahl, o Himmel! Laß diesen Ungöttlichen Tag sich
nicht im Frieden schliessen; sondern sende, eh die Sonne
untergegangen seyn wird, bewaffnete Zwietracht zwischen diese
treulosen Könige. Höre mich, o höre mich!
Östreich.
Lady Constantia, gebt euch zufrieden.
Constantia.
Krieg, Krieg, keinen Frieden; Frieden ist Krieg für mich. O
Lymoges, o Östreich! du schändest diesen edeln Raub, womit du
pralest! du Sclave, du Elender, du Memme, du kleiner Hasenritter,
in nichts groß als in Niederträchtigkeit, und nie herzhaft als wenn
du dich hinter die stärkste Parthey verbergen kanst; du Ritter der
Fortuna, der nie ficht, wenn dieses wetterläunische Fräulein nicht
neben dir steht, und dir Bürge für deine Sicherheit ist; du bist
auch meineidig, und schmeichelst den Grossen. Was für ein Narr
bist du, für ein kriechender Narr, zu pralen und zu stampfen und zu
schwören, daß du meine Parthey halten wollest; du kaltherziger
Sclave, hast du nicht wie ein Donner an meiner Seite gesprochen?
Geschworen, daß du die Waffen für mich führen wollest, und mich
ermahnet, mich deinem Glüke und deiner Stärke anzuvertrauen? Und
nun trittst du auch zu meinen Feinden über? du, eine Löwen-Haut
tragen? herab damit, wenn du noch eine Schaam in dir hast, und
häng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.
Östreich.
O daß ein Mann mir das sagte!
Faulconbridge.
Und häng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.
Östreich.
Untersteh dich das zu sagen, Schurke, wenn dir dein Leben lieb ist.
Faulconbridge.
Und häng' ein Kalbsfell um diese treulosen Schultern.
Östreich.
Mich däucht, Richards Stolz und Richards Fall sollt' eine Warnung
für euch seyn, Herr.
Faulconbridge.
Was für Worte sind das? Wie schwanken meine Sehnen! Meines Vaters
Feind in meines Vaters Raub gehüllt! Wie flüstert mir Alecto ins
Ohr: Zögre nicht, Richard, schlage den nichtswürdigen Kerl zu Boden,
zieh ihm dieses unvergleichliche Ehrenzeichen ab, das Denkmal des
Triumphs deines Vaters über die Wilden--Nun bey seiner Seele
schwöre ich, bey meines Vaters Seele, ich will nicht zweymal die
Sonne aufgehen sehen, bis ich dieses Siegeszeichen von deinem Rüken
gezogen, und dir das Herz davor zerschmettert habe, daß du dich
unterstanden es zu tragen.
König Johann.
Höre auf, du mißfällst uns mit solchen Reden, und vergissest dich
selbst.
Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)
König Philipp.
Hier kommt der heilige Legat des Papsts.
Pandolph.
Heil euch, ihr gesalbten Stadthalter des Himmels! An dich, König
Johann, geht meine heilige Gesandtschaft. Ich, Pandolph, Cardinal
Erz-Bischof von Meiland, und Legat des Papsts Innocentius allhier,
frage dich in seinem Namen auf dein Gewissen, warum du gegen die
Vorrechte der Kirche, unsrer heiligen Mutter, den erwählten Erz-
Bischof von Canterbüry, Stephan Langton, so vorsezlicher und
gewaltthätiger Weise von diesem heiligen Stuhl zurükstossest?
Dieses ists, was in unsers vorbesagten heiligsten Vaters, Papsts
Innocentius, Namen, ich dich fragen soll.
König Johann.
Was für ein irdischer Name kan den freyen Athem geheiligter Könige
zu Fragstüken anhalten? Du kanst keinen schlechtern, unwürdigern
und lächerlichern Namen erdenken, Cardinal, um mich zu einer
Antwort zu vermögen, als des Papsts seinen. Sag ihm das, und seze
noch dieses aus Englands Mund hinzu, daß wir nicht gestatten werden,
daß ein Italiänischer Priester Zehnden oder Zoll in unsern
Gebieten einziehe; sondern, so wie wir in unsern Reichen, unter dem
Himmel das oberste Haupt sind, so wollen wir auch unter ihm, diesem
grossen Oberherrn, allein und ohne Beyhülf einer sterblichen Hand,
dieses unser Ansehen behaupten. Sagt das dem Papst, mit
Beyseitsezung aller Ehrfurcht gegen ihn und seine anmaßliche
Autorität.
König Philipp.
Bruder von England, ihr lästert indem ihr so sprecht.
König Johann.
Ob gleich ihr und alle Könige der Christenheit euch von diesem
unruhigen Priester auf eine grobe Art hintergehen laßt, daß ihr
einen Fluch fürchtet, der sich mit Geld abkauffen läßt, und durch
das Verdienst von abschäzigem Gold, Quark, Staub, verfälschten
Ablaß von einem Menschen erkauft, der bey diesem Handel den Ablaß
sich selber abkauft, ob gleich ihr und alle übrigen, euch so grob
betrügen laßt, diesen heiligen Taschenspieler mit Einkünften zu
überhäuffen; so hab ich doch Muth, ich allein, mich dem Papst
entgegenzusezen, und halte seine Freunde für meine Feinde.
Pandolph.
So sey dann du, kraft der rechtmäßigen Gewalt die ich habe, mit dem
Fluch und Bann der Kirche belastet; und gesegnet soll der seyn, der
sich wider seine Lehenspflicht gegen einen Kezer empört; und
verdienstlich soll die Hand genennt werden, canonisirt und als
heilig verehrt, die, durch was für ein Mittel es auch sey, dir dein
verfluchtes Leben nimmt.
Constantia.
O laß es erlaubt seyn, daß mir Rom eine Weile Plaz mache, ihm zu
fluchen. Guter Vater Cardinal, sprich du Amen zu meinen Flüchen;
denn ohne eine Kränkung, wie die meinige, ist keine Zunge, die
Gewalt hat, ihm recht zu fluchen.
Pandolph.
Hier, Lady, ist die gesezmäßige Vollmacht, die meinen Fluch
rechtmäßig macht.
Constantia.
Ist es der meinige minder? Wenn das Gesez kein Recht thun kan, so
laßt rechtmäßig seyn, daß das Gesez kein Unrecht hindre; das Gesez
kan meinem Kinde hier sein Königreich nicht geben; denn der, der
von seinem Königreich Meister ist, ist Meister vom Gesez; da nun
das Gesez selbst vollkommnes Unrecht ist, wie kan das Gesez meiner
Zunge verbieten zu fluchen?
Pandolph.
Philipp von Frankreich, wenn du nicht selbst in den Bann fallen
willst, so laß die Hand dieses Erz-Kezers fahren, und biete die
ganze Macht von Frankreich wider ihn auf, es wäre dann, daß er sich
unter Rom demüthigte.
Elinor.
Wirst du blaß, Frankreich? Laß deine Hand nicht gehen.
Constantia.
Habe Sorge, Teufel, damit Frankreich sich nicht ändre, und durch
Zurükziehung seiner Hand die Hölle eine Seele verliehre.
Östreich.
König Philipp, gieb dem Cardinal Gehör.
Faulconbridge.
Und häng' ein Kalbsfell um seine ehrlosen Schultern.
Östreich.
Gut, Galgenschwengel, ich muß diese Beleidigungen einsteken, weil--
Faulconbridge.
deine Hosen weit genug dazu sind, sie zu tragen.
König Johann.
König Philipp, was sagst du zu dem Cardinal?
Constantia.
Was kan er anders sagen, als wie der Cardinal.
Ludwig.
Bedenket euch, Vater; die Frage ist, ob ihr euch den schweren Fluch
von Rom, oder den leichten Verlust von Englands Freundschaft
zuziehen wollt; wählet das leichteste Übel.
Blanca.
Das ist Rom's Fluch.
Constantia.
Ludwig, halte fest; der Teufel versucht dich hier in Gestalt einer
schmuken jungen Braut.
König Johann.
Der König ist unruhig, und giebt keine Antwort.
Constantia (zu Philipp.)
O entfernt euch von ihm, und antwortet recht.
Östreich.
Thut das, König Philipp, hängt nicht länger im Zweifel.
Faulconbridge.
Häng nichts als ein Kalbsfell, du allerangenehmste Laus.
König Philipp.
Ich bin ganz in Verwirrung, und weiß nicht was ich sagen soll.
Pandolph.
Die Verwirrung würde noch grösser seyn, wenn du exkomunicirt und
verflucht würdest.
König Philipp.
Guter ehrwürdiger Vater, sezet euch an meine Stelle, und saget mir,
was ihr thun würdet? Diese königliche Hand und die meinige sind
nur erst zusammengefügt, und eine innerliche Vereinigung unsrer
Seelen durch ein feyrliches Bündniß und die ganze Stärke
geheiligter Eydschwüre unauflöslich gemacht worden. Der lezte
Athem, den unsre Lippen zu Worten bildeten, war festgeschworne
Treue, Friede, Freundschaft und aufrichtige Liebe zwischen uns und
unsern Königreichen. Und unmittelbar vor diesem Friedenschluß,
nicht länger als daß wir zu Beschwörung desselben die Hände waschen
konnten, waren sie, der Himmel weiß es, mit neuvergoßnem Blut
beflekt. Und sollen nun diese Hände, die nur erst davon gereiniget,
nur erst in Freundschaft zusammengefügt worden, sich wieder
trennen, die beschworne Treue brechen, und des Himmels spotten?
Sollen wir so unbeständige Kinder aus uns selbst machen, einen
Augenblik darauf wieder unsre Hände zurükzuziehen? Soll die
beschworne Treue wieder abgeschworen, und das Brautbette des
lächelnden Friedens von blutigem Krieg zertreten werden? O
heiliger Mann, mein ehrwürdiger Vater, laßt es nicht so seyn!
Erfindet, rathet, schlaget einen gelindern Weg vor, und wir wollen
uns glüklich schäzen, euch zu willfahren und Freunde zu bleiben.
Pandolph.
Alle Form ist unförmlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der
Freundschaft mit England entgegensteht. Zu den Waffen also; sey
der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird
ihren Fluch über dich aussprechen, den Fluch einer Mutter über
einen rebellischen Sohn. Frankreich, es wäre dir besser eine
Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Löwen bey seiner
mördrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zähnen zu
halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du hältst.
König Philipp.
Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zurük ziehen.
Pandolph.
Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest,
wie in einem Bürger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen
Versprechen. Hast du nicht dein erstes Gelübde dem Himmel gethan,
nemlich ein Beschüzer unsrer Kirche zu seyn, und muß dieses nicht
zuerst erfüllt werden? Was du seitdem geschworen hast, ist wieder
dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden;
denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das
Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur hältst; und wenn du ihn nicht
hältst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht
nicht besser halten, als wenn du ihn nicht hältst. In diesem Fall
ist das Rechtmäßigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht,
aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt
Untreue, wie Feuer in den gerösteten Adern eines Menschen, der
verbrennt wird, das Feuer kühlt. Die Religion ist es, was
beschworne Gelübde halten macht; allein du hast wider die Religion
geschworen; du schwörst bey etwas, wider welches du schwörst, und
machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid,
dessen Treue du dadurch unsicher machst. Wenn man schwört, so
schwört man ja allein, daß man nicht meineidig seyn soll; was für
ein Gespötte wär' es sonst zu schwören? Du aber schwörst allein,
um falsch zu schwören; und bist meineidig, wenn du hältst was du
geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten
geschworen hast, ist also in dir selbst eine Empörung gegen dich
selbst. Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen,
als wenn du dein beßres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten
Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst,
dir beystehen soll. Wo nicht, so wisse, daß unsre Flüche so heftig
auf dich blizen sollen, daß du nicht vermögend seyn wirst sie
abzuschütteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung
sterben wirst.