IV. Einige Bemerkungen über die Biologie der Rädertiere.

Planmässige und allseitige Studien zur Biologie der Rotatorien

fehlen fast ganz, sodass ich an dieser Stelle nur auf einige

wenige Verhältnisse eingehen kann. -- Über die Lebensdauer der

Wasserrotatorien ist nur das bekannt, was S. 295 über _Hydatina

senta_ gesagt wurde. Bei den Erdrotatorien wird sich dieselbe

überhaupt schwerlich ermitteln lassen, da sie je nach Länge und

Zahl der Trockenperioden sehr verschieden ausfallen wird. Aus den

an Hydatina gemachten Beobachtungen scheint hervorzugehen, dass

die Lebenskraft der Weibchen erlischt, wenn der Keimstock sich

erschöpft hat. Die Männchen hingegen führen nur ein ganz ephemeres,

zwei- bis dreitägiges Dasein. -- Als Nahrung dienen den Rädertieren

die verschiedenartigsten Mikroorganismen: Bakterien, Flagellaten,

Diatomeen, Infusorien, kleine Algen u. dergl. Einige Arten haben eine

schmarotzende Lebensweise angenommen und sich dadurch an besondere

Ernährungsbedingungen gewöhnt. So lebt _Proales (Notommata) Werneckii_

Ehr. im erwachsenen Zustande in den Kolben von Vaucheria und nährt

sich von dem Protoplasma dieser Alge. _Notommata parasita_ Ehr. und

_Hertwigia volvocicola_ Plate leben in Volvoxkolonien. Die genannten

Arten sind aber auch im stande, sich von ihrem Wirte zu entfernen

und sind daher nur als zeitweilige Schmarotzer anzusehen. _Albertia

vermiculus_ Duj. hingegen ist zum echten Entoparasiten geworden, der

dauernd in der Leibeshöhle des Regenwurmes und im Darme verschiedener

Nacktschnecken angetroffen wird. Eine Anzahl Rädertiere werden

konstant auf gewissen Tieren oder Pflanzen angetroffen, weil bestimmte

Lebensgewohnheiten derselben ihnen einen leichten Nahrungserwerb

sichern. Sie sind für den Wirt völlig indifferent, schaden ihm weder,

noch nützen sie ihm. Man hat ein derartiges Zusammenleben zweier

verschiedener Organismen als Raumparasitismus bezeichnet, eine

nicht gerade glückliche Benennung, da man von Parasiten nur dann

reden kann, wenn der eine Organismus durch den andern benachteiligt

wird. Zutreffender ist der Ausdruck „Raumsymbiose“, wenn die von

dem einen Lebewesen geschaffenen räumlichen Verhältnisse dem andern

zu gute kommen. Solche Raumsymbionten sind unter den Rädertieren

die Seisoniden, welche an den Extremitäten der marinen Krebsgattung

_Nebalia_ leben, die _Callidina parasitica_, welche in derselben Weise

dem Bachflohkrebse sich anheftet, der auf der Haut von Synapten lebende

_Discopus synaptae_ Zel. und endlich _Callidina symbiotica_ Zel. und

_Call. Leitgebii_ Zel., welche konstant auf gewissen Lebermoosen

der Gattungen _Radula_, _Lejeunia_, _Frullania_ angetroffen werden

und hier in kleinen, von bestimmten Blattteilen gebildeten Höhlen,

in denen die Feuchtigkeit sich relativ lange erhält, leben. -- Alle

Raumsymbionten leben in der Regel in einer grössern Individuenanzahl

zusammen. Das Gleiche gilt von vielen festsitzenden Rädertieren,

z. B. der _Lacinularia socialis_, der _Melicerta ringens_; indem die

jungen Tierchen sich neben den alten niederlassen, entsteht eine Art

Kolonie. Echte Kolonien werden nur von einem Rotator, dem _Conochilus

volvox_, gebildet. Sämtliche Individuen einer solchen stossen im

Zentrum einer Gallertkugel zusammen und sind selbst radiär gerichtet.

Der Ähnlichkeit, welche diese beständig rotierenden Kugeln mit einem

_Volvox globator_ haben, verdanken die Tierchen ihren Speziesnamen. --

Gallertumhüllungen von Röhrenform werden auch von anderen festsitzenden

Arten abgeschieden, z. B. von dem schönen _Stephanoceros Eichhornii_.

_Melicerta ringens_ kann sogar den Anspruch erheben, ihr Gehäuse mit

Hilfe eines Kunsttriebes zu bauen. Sie weiss die herbeigestrudelten

Partikelchen in einer becherförmigen Vertiefung des Kopfes zu runden

Ballen zu formen und diese mittels einer Gallertausscheidung zu einer

sehr regelmässigen Wohnröhre zusammenzuheften. -- Alle festsitzenden

Rädertiere machen natürlich in der Jugend ein freibewegliches Stadium

durch. Zwei Arten der Lokomotion werden bei den Rädertieren beobachtet.

Weitaus die meisten schwimmen mit Hilfe ihres Räderapparates unter

beständigen Drehungen um die Längsachse herum, bald schneller, bald

langsamer. Besonders rasch bewegen sich so alle Männchen durch das

Wasser. Die wenigen Formen mit ventraler Wimperscheibe (_Adineta vaga_,

_Notommata tardigrada_) kriechen ohne Rotation über die Unterlage.

Ein spannerraupenartiges Kriechen ist ausser dem Schwimmvermögen den

Philodiniden eigen, wobei sie sich abwechselnd mit den Fusszehen und

der Rüsselspitze anheften. -- Unter allen biologischen Erscheinungen

der Rädertiere hat keines seit den Zeiten eines +Leeuwenhoek+ die

Aufmerksamkeit der Naturforscher mehr gefesselt als die wunderbare

Lebenszähigkeit und die schier unverwüstliche Lebenskraft, welche

einigen derselben, nämlich den Erdrotatorien, innewohnt. Die Fähigkeit,

nach einer Periode völliger Austrocknung auf Wasserzusatz wieder

aufzuleben, kommt nur den zwischen Erde und Moos lebenden Philodiniden

zu. Alle echten Wasserbewohner und auch schon die ständig im Wasser

lebenden Philodiniden[XVI] gehen hingegen beim Verdunsten des Wassers

rettungslos zu Grunde. Diesen Tieren ist eben in den Dauereiern

ein besonderes Anpassungsmittel zur Erhaltung der Art gegeben.

Sehr merkwürdig ist es, dass sich viele Erdrotatorien so sehr an

ein intermittierendes Leben gewöhnt zu haben scheinen, dass ihnen

zeitweilige Trockenperioden geradezu zum Bedürfnis geworden sind.

Thut man nämlich philodinidenhaltiges Moos in ein Wassergefäss, so

beobachtet man bei vielen Arten nach einigen Tagen den Eintritt des

Todes. Obwohl Wasserorganismen und obwohl nur im flüssigen Elemente

ihrer Lebenskräfte sich erfreuend, sterben die Tiere dennoch bei

längerem Aufenthalte im Wasser ab, weil ihnen ein solcher in ihren

natürlichen Existenzbedingungen nie zu Teil wird. Die Lebenszähigkeit

der Erdrotatorien erweist sich nun nicht bloss beim Verdunsten des

Wassers, sondern auch gegenüber ungewöhnlich hohen oder niedrigen

Temperaturen, denn beiden muss die auf schwarzem Basaltfelsen zwischen

Flechten lebende, der glühenden Augustsonne nicht minder als der Kälte

der Dezembernacht blossgestellte Callidine gewachsen sein, soll die Art

nicht zu Grunde gehen. So verträgt die _Callidina symbiotica_, wie

Zelinka gezeigt hat, im eingetrockneten Zustand eine Kälte von -20° C.

und eine Hitze von +70°, und mit anderen Philodiniden hat man ähnliche

Erfahrungen gemacht.

[XVI] Einige Wasser-Philodiniden sollen eine Gallertcyste ausscheiden

und in dieser austrocknen können, eine Angabe, die jedoch noch

der Bestätigung bedarf.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 89 / 112 题