Planmässige und allseitige Studien zur Biologie der Rotatorien
fehlen fast ganz, sodass ich an dieser Stelle nur auf einige
wenige Verhältnisse eingehen kann. -- Über die Lebensdauer der
Wasserrotatorien ist nur das bekannt, was S. 295 über _Hydatina
senta_ gesagt wurde. Bei den Erdrotatorien wird sich dieselbe
überhaupt schwerlich ermitteln lassen, da sie je nach Länge und
Zahl der Trockenperioden sehr verschieden ausfallen wird. Aus den
an Hydatina gemachten Beobachtungen scheint hervorzugehen, dass
die Lebenskraft der Weibchen erlischt, wenn der Keimstock sich
erschöpft hat. Die Männchen hingegen führen nur ein ganz ephemeres,
zwei- bis dreitägiges Dasein. -- Als Nahrung dienen den Rädertieren
die verschiedenartigsten Mikroorganismen: Bakterien, Flagellaten,
Diatomeen, Infusorien, kleine Algen u. dergl. Einige Arten haben eine
schmarotzende Lebensweise angenommen und sich dadurch an besondere
Ernährungsbedingungen gewöhnt. So lebt _Proales (Notommata) Werneckii_
Ehr. im erwachsenen Zustande in den Kolben von Vaucheria und nährt
sich von dem Protoplasma dieser Alge. _Notommata parasita_ Ehr. und
_Hertwigia volvocicola_ Plate leben in Volvoxkolonien. Die genannten
Arten sind aber auch im stande, sich von ihrem Wirte zu entfernen
und sind daher nur als zeitweilige Schmarotzer anzusehen. _Albertia
vermiculus_ Duj. hingegen ist zum echten Entoparasiten geworden, der
dauernd in der Leibeshöhle des Regenwurmes und im Darme verschiedener
Nacktschnecken angetroffen wird. Eine Anzahl Rädertiere werden
konstant auf gewissen Tieren oder Pflanzen angetroffen, weil bestimmte
Lebensgewohnheiten derselben ihnen einen leichten Nahrungserwerb
sichern. Sie sind für den Wirt völlig indifferent, schaden ihm weder,
noch nützen sie ihm. Man hat ein derartiges Zusammenleben zweier
verschiedener Organismen als Raumparasitismus bezeichnet, eine
nicht gerade glückliche Benennung, da man von Parasiten nur dann
reden kann, wenn der eine Organismus durch den andern benachteiligt
wird. Zutreffender ist der Ausdruck „Raumsymbiose“, wenn die von
dem einen Lebewesen geschaffenen räumlichen Verhältnisse dem andern
zu gute kommen. Solche Raumsymbionten sind unter den Rädertieren
die Seisoniden, welche an den Extremitäten der marinen Krebsgattung
_Nebalia_ leben, die _Callidina parasitica_, welche in derselben Weise
dem Bachflohkrebse sich anheftet, der auf der Haut von Synapten lebende
_Discopus synaptae_ Zel. und endlich _Callidina symbiotica_ Zel. und
_Call. Leitgebii_ Zel., welche konstant auf gewissen Lebermoosen
der Gattungen _Radula_, _Lejeunia_, _Frullania_ angetroffen werden
und hier in kleinen, von bestimmten Blattteilen gebildeten Höhlen,
in denen die Feuchtigkeit sich relativ lange erhält, leben. -- Alle
Raumsymbionten leben in der Regel in einer grössern Individuenanzahl
zusammen. Das Gleiche gilt von vielen festsitzenden Rädertieren,
z. B. der _Lacinularia socialis_, der _Melicerta ringens_; indem die
jungen Tierchen sich neben den alten niederlassen, entsteht eine Art
Kolonie. Echte Kolonien werden nur von einem Rotator, dem _Conochilus
volvox_, gebildet. Sämtliche Individuen einer solchen stossen im
Zentrum einer Gallertkugel zusammen und sind selbst radiär gerichtet.
Der Ähnlichkeit, welche diese beständig rotierenden Kugeln mit einem
_Volvox globator_ haben, verdanken die Tierchen ihren Speziesnamen. --
Gallertumhüllungen von Röhrenform werden auch von anderen festsitzenden
Arten abgeschieden, z. B. von dem schönen _Stephanoceros Eichhornii_.
_Melicerta ringens_ kann sogar den Anspruch erheben, ihr Gehäuse mit
Hilfe eines Kunsttriebes zu bauen. Sie weiss die herbeigestrudelten
Partikelchen in einer becherförmigen Vertiefung des Kopfes zu runden
Ballen zu formen und diese mittels einer Gallertausscheidung zu einer
sehr regelmässigen Wohnröhre zusammenzuheften. -- Alle festsitzenden
Rädertiere machen natürlich in der Jugend ein freibewegliches Stadium
durch. Zwei Arten der Lokomotion werden bei den Rädertieren beobachtet.
Weitaus die meisten schwimmen mit Hilfe ihres Räderapparates unter
beständigen Drehungen um die Längsachse herum, bald schneller, bald
langsamer. Besonders rasch bewegen sich so alle Männchen durch das
Wasser. Die wenigen Formen mit ventraler Wimperscheibe (_Adineta vaga_,
_Notommata tardigrada_) kriechen ohne Rotation über die Unterlage.
Ein spannerraupenartiges Kriechen ist ausser dem Schwimmvermögen den
Philodiniden eigen, wobei sie sich abwechselnd mit den Fusszehen und
der Rüsselspitze anheften. -- Unter allen biologischen Erscheinungen
der Rädertiere hat keines seit den Zeiten eines +Leeuwenhoek+ die
Aufmerksamkeit der Naturforscher mehr gefesselt als die wunderbare
Lebenszähigkeit und die schier unverwüstliche Lebenskraft, welche
einigen derselben, nämlich den Erdrotatorien, innewohnt. Die Fähigkeit,
nach einer Periode völliger Austrocknung auf Wasserzusatz wieder
aufzuleben, kommt nur den zwischen Erde und Moos lebenden Philodiniden
zu. Alle echten Wasserbewohner und auch schon die ständig im Wasser
lebenden Philodiniden[XVI] gehen hingegen beim Verdunsten des Wassers
rettungslos zu Grunde. Diesen Tieren ist eben in den Dauereiern
ein besonderes Anpassungsmittel zur Erhaltung der Art gegeben.
Sehr merkwürdig ist es, dass sich viele Erdrotatorien so sehr an
ein intermittierendes Leben gewöhnt zu haben scheinen, dass ihnen
zeitweilige Trockenperioden geradezu zum Bedürfnis geworden sind.
Thut man nämlich philodinidenhaltiges Moos in ein Wassergefäss, so
beobachtet man bei vielen Arten nach einigen Tagen den Eintritt des
Todes. Obwohl Wasserorganismen und obwohl nur im flüssigen Elemente
ihrer Lebenskräfte sich erfreuend, sterben die Tiere dennoch bei
längerem Aufenthalte im Wasser ab, weil ihnen ein solcher in ihren
natürlichen Existenzbedingungen nie zu Teil wird. Die Lebenszähigkeit
der Erdrotatorien erweist sich nun nicht bloss beim Verdunsten des
Wassers, sondern auch gegenüber ungewöhnlich hohen oder niedrigen
Temperaturen, denn beiden muss die auf schwarzem Basaltfelsen zwischen
Flechten lebende, der glühenden Augustsonne nicht minder als der Kälte
der Dezembernacht blossgestellte Callidine gewachsen sein, soll die Art
nicht zu Grunde gehen. So verträgt die _Callidina symbiotica_, wie
Zelinka gezeigt hat, im eingetrockneten Zustand eine Kälte von -20° C.
und eine Hitze von +70°, und mit anderen Philodiniden hat man ähnliche
Erfahrungen gemacht.
[XVI] Einige Wasser-Philodiniden sollen eine Gallertcyste ausscheiden
und in dieser austrocknen können, eine Angabe, die jedoch noch
der Bestätigung bedarf.