V. Überblick über das System der Rotatorien.

Sieht man das System der Tiere als Ausdruck ihrer phyletischen

Entwickelung, ihrer Stammesgeschichte, an, so lassen sich die

Rädertiere nur mit manchen Bedenken in einem der Endzweige des

natürlichen Stammbaumes unterbringen. Ihre Organisation ist nämlich so

eigenartig, dass sie sich an keine Tiergruppe bei ausschliesslicher

Berücksichtigung der erwachsenen Individuen derselben anschliessen

lassen. Am ungezwungensten reihen sie sich noch auf Grund ihres

Cilienapparates und ihrer Nephridien an die Turbellarien an.

Verständlich wird ihr Verhältnis zu den Evertebraten erst dann,

wenn man in ihnen eine sehr alte, primitive Tiergruppe sieht, deren

Ahnen den Ausgangspunkt für die Phylogenie einer ganzen Anzahl

anderer Tierklassen gebildet haben. Zu dieser Ansicht drängt der

Umstand, dass bei sehr vielen Anneliden, Turbellarien, Mollusken

und Bryozoen im Laufe der Ontogenie Larven auftreten, die eine

ausgesprochene Ähnlichkeit mit Rädertieren aufweisen, Larven, die man

unbedingt für Rotatorien halten würde, wenn sie in diesem Zustande

geschlechtsreif würden und einen Kauapparat besässen. Man nimmt daher

zurzeit an, dass jene Tierklassen und die Rädertiere phyletisch in

einer rotatorienartigen Stammform wurzeln, welche als „Trochophora“

bezeichnet wird.

Die Rotatorien zerfallen, wenn wir von den marinen Seisoniden absehen,

in zwei natürliche Gruppen:

1. _Digononta seu Philodinida_: Geschlechtsorgane paarig, jedes mit

oder ohne Ovidukt. Mitteldarm von einem Zellsyncytium gebildet. Stets

ohne laterale Taster. Am Rücken ein grosser, einstülpbarer Rüssel,

welcher die spannerraupenartige Bewegung vermittelt. Teils Erd-, teils

echte Wasserbewohner. Gattungen: _Rotifer_, _Philodina_, _Actinurus_,

_Callidina_. -- _Adineta._

2. _Monogononta_: Ovar unpaar, stets mit Ovidukt. Mitteldarm aus

grossen Zellen gebildet. Mit lateralen und dorsalen Tastern. Ohne

Rückenrüssel. Schwimmend oder festsitzend. Nur ständige Wasserbewohner.

-- Hierher gehört die Mehrzahl aller Rädertiere, deren weitere

systematische Einteilung am besten aus Hudson-Gosses Monographie zu

ersehen ist. Wir erwähnen nur die Hauptfamilien:

a) _Melicertida seu Rhizota._ Im Alter festsitzend. Ohne Zehen.

Hinteres Körperende nicht einziehbar. Gattungen: _Floscularia_,

_Stephanoceros_, _Melicerta_, _Lacinularia_, _Limnias_, _Oecistes_,

_Conochilus_.

b) _Illoricata._ Haut weich. Gattungen: _Asplanchna_, _Synchaeta_,

_Hydatina_, _Notommata_.

c) _Loricata._ Mit Panzer. Gattungen: _Rattulus_, _Dinocharis_,

_Salpina_, _Euchlanis_, _Lepadella_, _Colurus_, _Pterodina_,

_Brachionus_, _Anuraea_.

d) _Scirtopoda._ Mit scharf abgesetzten, beweglichen Anhängen.

Gattungen: _Polyarthra_, _Triarthra_, _Hexarthra_, _Pedetes_,

_Pedalion_.

Figurenerklärung.

Alle Abbildungen sind bei starker Vergrösserung gezeichnet. Die

Buchstaben bedeuten:

_a_ After

_c_ Kutikula

_c.v_ Kontrakt. Blase

_dst_ Dotterstock

_dt_ dorsaler Taster

_dr_ Magendrüse

_est_ Eierstock

_f_ Fussdrüse

_g_ Gehirn

_hg_ Hypodermis

_kl_ Kloake

_l_ lateraler Taster

_ma_ Kauapparat

_mu_ Muskel

_ne_ Nephridie

_o_ Augenfleck

_oe_ Oesophagus

_ov_ Ei

_re_ Enddarm

_r_ Räderapparat

_sto_ Magen

_t_ Tastborste

_te_ Hoden

_ut_ Uterus

_z_ Zitterflamme (Geisselzelle).

Litteratur.

(1: =F. Cohn=, Die Fortpflanzung der Rädertiere. Zeitschr. f. wiss.

Zool. VII, 1856, p. 431-486.

(2: =E. v. Daday=, Morphologisch-physiol. Beiträge zur Kenntnis der

Hexarthra polyptera. Budapest 1886.

(3: =C. Eckstein=, Die Rotatorien der Umgegend von Giessen. Zeitschr.

f. wiss. Zool. XXXIX, 1884, p. 343-443.

(4: =G. Chr. Ehrenberg=, Die Infusionstierchen als vollkommene

Organismen. Leipzig 1838.

(5: =H. Grenacher=, Einige Beobachtungen über Rädertiere. Zeitschr. f.

wiss. Zool. XIX, 1869, p. 483-497.

(6: =C. T. Hudson= u. =P. H. Gosse=, The Rotifera or Wheel-Animalcules.

2 Bde. London 1886 und 1 Supplementband 1889. Grundlegend für die

Systematik.

(7: =F. Leydig=, Über den Bau u. die systematische Stellung d. Räd.

Zeitschr. f. wiss. Zool. VI, 1854, p. 1-120.

(8: =L. Plate=, Beiträge z. Naturgesch. d. Rot. Jenaische Zeitschr. f.

Nat. XIX, 1885, p. 1-120.

(9: =L. Plate=, Untersuch. einiger an den Kiemenblättern des Gammarus

pulex lebenden Ektoparasiten. Zeitschr. f. wiss. Zool. XLIII, p.

229-235.

(10: =L. Plate=, Über die Rotatorienfauna des bottnischen Meerbusens

etc. ibid. XLIX, p. 1-42.

(11: =G. Tessin=, Über Eibildung und Entwickelung der Rotatorien. ibid.

XLIV, 1886.

(12: =E. F. Weber=, Notes sur quelques Rotateurs des Environs de

Genève. Arch. de Biologie. VIII, 1888.

(13: =C. Zelinka=, Studien über Rädertiere. I. Über die Symbiose und

Anatomie von Rot. aus dem Genus Callidina. Zeitschr. f. wiss. Zool.

XLIV.

(14: =C. Zelinka=, II. Der Raumparasitismus u. die Anatomie von

Discopus Synaptae. ibid. XLVII.

Die Krebsfauna unserer Gewässer.

Von Dr. =J. Vosseler= in Tübingen.

Die Krebse (_Crustacea_) werden zu dem grossen Tierkreise der

Gliederfüssler (Arthropoden) gerechnet, welche eigentlich besser

mit dem Namen Kerftiere bezeichnet werden, denn im Grunde genommen

besitzen die meisten höheren Wirbeltiere ebenfalls gegliederte Beine

und müssten somit auch unter den Begriff „Arthropoden“ eingereiht

werden. Im grossen Ganzen kann man die Kerftiere in zwei Klassen

trennen: in solche, welche durch Kiemen atmen (_Branchiata_ Krebse),

und solche, welche durch Tracheen (fein verzweigte Röhrchen, welche

die Luft im ganzen Körper herumleiten) atmen (_Tracheata_). Zwischen

beiden Klassen finden sich, wie beinahe überall im Tierreiche,

Übergänge. Zu der zweiten Klasse, welche ihrer Organisation wegen als

die höher entwickelte angesehen werden muss, zählt man die Tausendfüsse

(_Myriopoda_ oder Vielfüsser), die Spinnentiere (_Arachnoidea_ oder

Achtfüsser) und die Insekten (_Hexapoda_ oder Sechsfüsser).

Die Krustaceen (_Branchiata_) selbst können in zwei Abteilungen

untergebracht werden, welche jedoch nicht vollkommen wissenschaftlich

gegen einander abgegrenzt sind. Dennoch ist es für die

Übersichtlichkeit unseres Stoffes von Vorteil, wenn die von

verschiedenen Lehrbüchern bis jetzt durchgeführte systematische

Trennung beibehalten wird.

Hiernach werden die kleineren Krebse, welche eine einfache Organisation

besitzen und wenigstens teilweise in der Entwickelung Übereinstimmung

zeigen, als +Entomostraken+ den grösseren Krebsen mit vollkommeneren

Einrichtungen, den +Malakostraken+, gegenübergestellt. Die Vertreter

beider Abteilungen lassen sich leicht mit blossem Auge unterscheiden

und von einander trennen und innerhalb dieser zwei Gruppen machen

sich weitere Verschiedenheiten bei genauer Beobachtung bemerklich,

welche charakteristisch genug sind, um auch für den Nichtkundigen hier

angeführt zu werden.

Streifen wir mit einem kleinen Netz (wie es etwa zum Schmetterlingsfang

benutzt wird) die Wassergewächse ab und durchfahren damit auch in

der Nähe der Uferpflanzen das Wasser, so erbeuten wir eine ganze

Menge kleiner Krustaceen, die, in ein Glas mit Wasser gebracht, ein

unendliches Gewimmel darstellen. Auf einen derartigen Fang wollen

wir jetzt unsern prüfenden Blick werfen. Wir beginnen mit den

grösseren Insassen des durchsichtigen Behälters und fassen ein Tier

ins Auge, welches sich immer am Boden und zwischen den miterhaltenen

Pflanzenteilen zu verstecken sucht. Wird es gestört, so schwimmt es

mit gekrümmtem, seitwärts zusammengerolltem Körper eine kurze Strecke

geradeaus, fast immer auf der einen Körperseite liegend und auch in

der Ruhelage stets die Beine schwingend. Seine Länge beträgt einen

Centimeter und mehr, wenn es ausgewachsen ist. Der Umstand, dass mehr

als drei Beinpaare vorhanden sind, lässt auf einen Krebs schliessen.

Die genannten wenigen Merkmale, zu denen noch zwei Paar fadenförmige

Fühler von weniger als Körperlänge zu rechnen sind, genügen, um einen

Angehörigen aus der Abteilung der höheren Krebse zu kennzeichnen und

wir haben in dem beobachteten Tiere einen Flohkrebs oder _Gammarus_

der +Ordnung der Amphipoden+ vor uns. Fast noch leichter kenntlich

ist ein Verwandter desselben, welcher offenbar ein ganz schlechter

Schwimmer ist. Unter seinem wie bei einer Schildkröte verbreiterten,

an den Seiten überstehenden Rückendach sind ebenfalls mehr als drei

Beinpaare zu sehen und am Kopfe, wie vorhin, zwei Paar ungleich

langer Fühler. Unbehelligt krabbelt der plumpe Geselle langsam und

schwerfällig an der neuen Umgebung herum, immer mit den Fühlern

tastend und prüfend. Berührt man ihn jedoch mit einem Stäbchen, so

zeigt er, dass auch ihm rasche Bewegungen möglich sind, wenn auch

in geringerem Masse und weniger eleganter Ausführung, als seinem

Vorgänger. Die ganze Erscheinung dieses zweiten Krebses erinnert an

die bekannten Kellerasseln, aus deren Sippe er auch in der That einen

Spross vorstellt, welcher das kühle Wasserleben noch nicht mit dem auf

dem Lande vertauscht hat. Wir nennen ihn Wasserassel (_Asellus_) und

rechnen ihn ebenfalls zu den höheren Krebsen und zwar zur +Ordnung der

Isopoden+.

Diese beiden eben nach ihren gröbsten Umrissen und Gewohnheiten

erkannten, zu den +Malakostraken+ gehörigen Formen werden wir später

betrachten und wollen nun die kleinen Insassen des Glases, soweit

es nicht Junge der genannten Arten sind, nach ihrem Äussern mit

blossem Auge unterscheiden lernen. Es bleibt uns, da wir Insekten und

Würmer nicht beachten, nur noch das Gewimmel kleiner und kleinster

Wesen, welche oft kaum mehr mit dem blossen Auge erkennbar sind, die

Entomostraken, übrig. Trotzdem genügt auch hier ein wenig Geduld und

sorgsames Zuschauen, um sowohl in den Körperformen als in der Art der

Bewegung noch deutliche Unterschiede wahrzunehmen. Während die einen

durch ununterbrochenes Hüpfen voranzukommen oder sich wenigstens in der

Höhe zu halten suchen, zappeln die anderen scheinbar ziellos im Glase

herum. Diese wie jene setzen sich von Zeit zu Zeit, wie um auszuruhen

von der anstrengenden Bewegung, am Glase oder an Pflanzenteilen fest,

oder lassen sich auf den Grund niedersinken. Unsere Wissbegierde treibt

uns immer weiter, und da sich allmählich das Auge daran gewöhnt hat,

Unterschiede zu entdecken, so wird es nicht schwer fallen, unter den

hüpfenden Tierchen abermals zweierlei zu unterscheiden. Es heisst nun

allerdings etwas genau zusehen, denn wir sind nahezu auf dem Punkte

der Forschung angelangt, wo die Leistungsfähigkeit des unbewaffneten

menschlichen Auges der Wissbegierde des Forschers Grenzen setzt.

Eine langsamere gleichmässige Bewegung, welche eigentlich das Tier,

falls es nicht gestört wird, weniger vorwärtsbringt, als vielmehr

stets in einer gewissen Höhe über dem Boden erhält, des weiteren ein

schwarzer Punkt, welcher am Kopfteil sitzt und das Auge darstellt,

kennzeichnet die Wasserflöhe oder Daphniden, welche zu der +Ordnung

der Blattfüsser+ (+Phyllopoden+) zählen. Der Leib selbst, vom Kopfe

nicht besonders scharf sich abhebend, ist mehr oder weniger eiförmig.

Über den Umrissen ragt hinten oftmals ein Stachel, am Kopf zwei wie

Hörner emporstehende Fühler, welche die Bewegung verursachen, hervor.

Viel mehr würden in Rücksicht auf ihre Bewegung die länglichen, vorn

dicken, hinten schlanken Hüpfer den Beinamen „Floh“ verdienen, welche

recht häufig mit einem grossen grünlichen bis weissen Säckchen an jeder

Körperseite (den Eiersäcken) und zwei (manchmal recht langen) Hörnchen,

welche wagrecht abstehend getragen werden, in eleganten weiten Sätzen

im Wasser herumschnellen. Wir nennen sie Hüpferlinge oder Widderchen

und reihen sie in die grosse +Ordnung der Ruderfüsser+ (+Copepoden+)

ein. Dem hüpfenden Teil der kleinen Tierwelt in unserem Glase hätten

wir nun auch ein Plätzchen im System angewiesen. Wir wenden uns jetzt

zu den am schwersten erkennbaren Formen und verfolgen mit einiger

Ausdauer das nächste beste der unruhig umherzappelnden Geschöpfe. Es

wird hier nötig, um leicht mögliche Verwechslungen auszuschliessen,

eine nicht zu den Krebsen gehörige Gruppe von Tieren in ihrem Habitus

zu schildern. Es mag somit das kleine Wesen einen annähernd kugelrunden

Körper, an dem sich vier nicht versteck-, sondern höchstens anlegbare

Beinpaare erkennen lassen, besitzen. Vielleicht gelingt es sogar, eine

schön gefärbte Zeichnung auf dem Rücken nachzuweisen. Diese Merkmale

lassen auf eine Wassermilbe schliessen, welche wir nicht weiter

beachten. Ganz ähnlich in ihren Bewegungen verhält sich eine Familie

der Entomostraken, deren Angehörige nach aussen von einer zweiklappigen

Schale umschlossen werden, zwischen denen das Körperchen ganz versteckt

liegt. Diese Schale ist der einer Muschel ausserordentlich ähnlich und

ihr verdanken die Insassen den Namen „+Muschelkrebse+“ (+Ostrakoden+).

Oft wird man überrascht, wie aus dem Spalt, der die beiden Klappen

trennt, plötzlich eine Anzahl Gliedmassen hervortreten und durch eine

rasche Thätigkeit das Tierchen in etwas unsicheren Linien von Stelle

zu Stelle bewegen. Während der Ruhepausen werden die Beine eingezogen

oder zum Krabbeln am Boden oder an Pflanzenstengeln benutzt. Glaubt das

Tier sich gefährdet, so zieht es ebenfalls sofort seine Beine ein und

schliesst die Schalen. Es liegt dann die nierenförmige Schale, wie ein

unbelebtes Ding, vor uns.

Wenn wir nun noch einer Form gedenken, in welcher die Krebstiere des

süssen Wassers den höchsten Grad der Entwickelung erreicht haben

und für welche, da sie der ganzen Tierklasse den Namen gegeben

hat, ein weiteres Charakteristikum wohl nicht nötig ist, -- ich

meine den Flusskrebs --, so kennen wir nun Vertreter aus allen

Abteilungen und Ordnungen der unsere Gewässer bewohnenden Krustaceen.

Selbstverständlich genügt nicht immer das Absuchen einer Fundstelle

allein, um alle, so wie es geschildert wurde, auf einmal vor Augen zu

bekommen; doch wird es nirgends an stehenden und fliessenden Wassern

fehlen, welche fast zu jeder Jahreszeit die typischen Formen zu sammeln

gestatten. Zum Schluss dieser systematischen Betrachtungen lasse ich

eine kurze Übersicht des Wesentlichsten folgen. Wir haben in der

zu den Kerftieren gehörigen Klasse der Krustaceen zwei Abteilungen

unterscheiden gelernt:

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 90 / 112 题