Sieht man das System der Tiere als Ausdruck ihrer phyletischen
Entwickelung, ihrer Stammesgeschichte, an, so lassen sich die
Rädertiere nur mit manchen Bedenken in einem der Endzweige des
natürlichen Stammbaumes unterbringen. Ihre Organisation ist nämlich so
eigenartig, dass sie sich an keine Tiergruppe bei ausschliesslicher
Berücksichtigung der erwachsenen Individuen derselben anschliessen
lassen. Am ungezwungensten reihen sie sich noch auf Grund ihres
Cilienapparates und ihrer Nephridien an die Turbellarien an.
Verständlich wird ihr Verhältnis zu den Evertebraten erst dann,
wenn man in ihnen eine sehr alte, primitive Tiergruppe sieht, deren
Ahnen den Ausgangspunkt für die Phylogenie einer ganzen Anzahl
anderer Tierklassen gebildet haben. Zu dieser Ansicht drängt der
Umstand, dass bei sehr vielen Anneliden, Turbellarien, Mollusken
und Bryozoen im Laufe der Ontogenie Larven auftreten, die eine
ausgesprochene Ähnlichkeit mit Rädertieren aufweisen, Larven, die man
unbedingt für Rotatorien halten würde, wenn sie in diesem Zustande
geschlechtsreif würden und einen Kauapparat besässen. Man nimmt daher
zurzeit an, dass jene Tierklassen und die Rädertiere phyletisch in
einer rotatorienartigen Stammform wurzeln, welche als „Trochophora“
bezeichnet wird.
Die Rotatorien zerfallen, wenn wir von den marinen Seisoniden absehen,
in zwei natürliche Gruppen:
1. _Digononta seu Philodinida_: Geschlechtsorgane paarig, jedes mit
oder ohne Ovidukt. Mitteldarm von einem Zellsyncytium gebildet. Stets
ohne laterale Taster. Am Rücken ein grosser, einstülpbarer Rüssel,
welcher die spannerraupenartige Bewegung vermittelt. Teils Erd-, teils
echte Wasserbewohner. Gattungen: _Rotifer_, _Philodina_, _Actinurus_,
_Callidina_. -- _Adineta._
2. _Monogononta_: Ovar unpaar, stets mit Ovidukt. Mitteldarm aus
grossen Zellen gebildet. Mit lateralen und dorsalen Tastern. Ohne
Rückenrüssel. Schwimmend oder festsitzend. Nur ständige Wasserbewohner.
-- Hierher gehört die Mehrzahl aller Rädertiere, deren weitere
systematische Einteilung am besten aus Hudson-Gosses Monographie zu
ersehen ist. Wir erwähnen nur die Hauptfamilien:
a) _Melicertida seu Rhizota._ Im Alter festsitzend. Ohne Zehen.
Hinteres Körperende nicht einziehbar. Gattungen: _Floscularia_,
_Stephanoceros_, _Melicerta_, _Lacinularia_, _Limnias_, _Oecistes_,
_Conochilus_.
b) _Illoricata._ Haut weich. Gattungen: _Asplanchna_, _Synchaeta_,
_Hydatina_, _Notommata_.
c) _Loricata._ Mit Panzer. Gattungen: _Rattulus_, _Dinocharis_,
_Salpina_, _Euchlanis_, _Lepadella_, _Colurus_, _Pterodina_,
_Brachionus_, _Anuraea_.
d) _Scirtopoda._ Mit scharf abgesetzten, beweglichen Anhängen.
Gattungen: _Polyarthra_, _Triarthra_, _Hexarthra_, _Pedetes_,
_Pedalion_.
Figurenerklärung.
Alle Abbildungen sind bei starker Vergrösserung gezeichnet. Die
Buchstaben bedeuten:
_a_ After
_c_ Kutikula
_c.v_ Kontrakt. Blase
_dst_ Dotterstock
_dt_ dorsaler Taster
_dr_ Magendrüse
_est_ Eierstock
_f_ Fussdrüse
_g_ Gehirn
_hg_ Hypodermis
_kl_ Kloake
_l_ lateraler Taster
_ma_ Kauapparat
_mu_ Muskel
_ne_ Nephridie
_o_ Augenfleck
_oe_ Oesophagus
_ov_ Ei
_re_ Enddarm
_r_ Räderapparat
_sto_ Magen
_t_ Tastborste
_te_ Hoden
_ut_ Uterus
_z_ Zitterflamme (Geisselzelle).
Litteratur.
(1: =F. Cohn=, Die Fortpflanzung der Rädertiere. Zeitschr. f. wiss.
Zool. VII, 1856, p. 431-486.
(2: =E. v. Daday=, Morphologisch-physiol. Beiträge zur Kenntnis der
Hexarthra polyptera. Budapest 1886.
(3: =C. Eckstein=, Die Rotatorien der Umgegend von Giessen. Zeitschr.
f. wiss. Zool. XXXIX, 1884, p. 343-443.
(4: =G. Chr. Ehrenberg=, Die Infusionstierchen als vollkommene
Organismen. Leipzig 1838.
(5: =H. Grenacher=, Einige Beobachtungen über Rädertiere. Zeitschr. f.
wiss. Zool. XIX, 1869, p. 483-497.
(6: =C. T. Hudson= u. =P. H. Gosse=, The Rotifera or Wheel-Animalcules.
2 Bde. London 1886 und 1 Supplementband 1889. Grundlegend für die
Systematik.
(7: =F. Leydig=, Über den Bau u. die systematische Stellung d. Räd.
Zeitschr. f. wiss. Zool. VI, 1854, p. 1-120.
(8: =L. Plate=, Beiträge z. Naturgesch. d. Rot. Jenaische Zeitschr. f.
Nat. XIX, 1885, p. 1-120.
(9: =L. Plate=, Untersuch. einiger an den Kiemenblättern des Gammarus
pulex lebenden Ektoparasiten. Zeitschr. f. wiss. Zool. XLIII, p.
229-235.
(10: =L. Plate=, Über die Rotatorienfauna des bottnischen Meerbusens
etc. ibid. XLIX, p. 1-42.
(11: =G. Tessin=, Über Eibildung und Entwickelung der Rotatorien. ibid.
XLIV, 1886.
(12: =E. F. Weber=, Notes sur quelques Rotateurs des Environs de
Genève. Arch. de Biologie. VIII, 1888.
(13: =C. Zelinka=, Studien über Rädertiere. I. Über die Symbiose und
Anatomie von Rot. aus dem Genus Callidina. Zeitschr. f. wiss. Zool.
XLIV.
(14: =C. Zelinka=, II. Der Raumparasitismus u. die Anatomie von
Discopus Synaptae. ibid. XLVII.
Die Krebsfauna unserer Gewässer.
Von Dr. =J. Vosseler= in Tübingen.
Die Krebse (_Crustacea_) werden zu dem grossen Tierkreise der
Gliederfüssler (Arthropoden) gerechnet, welche eigentlich besser
mit dem Namen Kerftiere bezeichnet werden, denn im Grunde genommen
besitzen die meisten höheren Wirbeltiere ebenfalls gegliederte Beine
und müssten somit auch unter den Begriff „Arthropoden“ eingereiht
werden. Im grossen Ganzen kann man die Kerftiere in zwei Klassen
trennen: in solche, welche durch Kiemen atmen (_Branchiata_ Krebse),
und solche, welche durch Tracheen (fein verzweigte Röhrchen, welche
die Luft im ganzen Körper herumleiten) atmen (_Tracheata_). Zwischen
beiden Klassen finden sich, wie beinahe überall im Tierreiche,
Übergänge. Zu der zweiten Klasse, welche ihrer Organisation wegen als
die höher entwickelte angesehen werden muss, zählt man die Tausendfüsse
(_Myriopoda_ oder Vielfüsser), die Spinnentiere (_Arachnoidea_ oder
Achtfüsser) und die Insekten (_Hexapoda_ oder Sechsfüsser).
Die Krustaceen (_Branchiata_) selbst können in zwei Abteilungen
untergebracht werden, welche jedoch nicht vollkommen wissenschaftlich
gegen einander abgegrenzt sind. Dennoch ist es für die
Übersichtlichkeit unseres Stoffes von Vorteil, wenn die von
verschiedenen Lehrbüchern bis jetzt durchgeführte systematische
Trennung beibehalten wird.
Hiernach werden die kleineren Krebse, welche eine einfache Organisation
besitzen und wenigstens teilweise in der Entwickelung Übereinstimmung
zeigen, als +Entomostraken+ den grösseren Krebsen mit vollkommeneren
Einrichtungen, den +Malakostraken+, gegenübergestellt. Die Vertreter
beider Abteilungen lassen sich leicht mit blossem Auge unterscheiden
und von einander trennen und innerhalb dieser zwei Gruppen machen
sich weitere Verschiedenheiten bei genauer Beobachtung bemerklich,
welche charakteristisch genug sind, um auch für den Nichtkundigen hier
angeführt zu werden.
Streifen wir mit einem kleinen Netz (wie es etwa zum Schmetterlingsfang
benutzt wird) die Wassergewächse ab und durchfahren damit auch in
der Nähe der Uferpflanzen das Wasser, so erbeuten wir eine ganze
Menge kleiner Krustaceen, die, in ein Glas mit Wasser gebracht, ein
unendliches Gewimmel darstellen. Auf einen derartigen Fang wollen
wir jetzt unsern prüfenden Blick werfen. Wir beginnen mit den
grösseren Insassen des durchsichtigen Behälters und fassen ein Tier
ins Auge, welches sich immer am Boden und zwischen den miterhaltenen
Pflanzenteilen zu verstecken sucht. Wird es gestört, so schwimmt es
mit gekrümmtem, seitwärts zusammengerolltem Körper eine kurze Strecke
geradeaus, fast immer auf der einen Körperseite liegend und auch in
der Ruhelage stets die Beine schwingend. Seine Länge beträgt einen
Centimeter und mehr, wenn es ausgewachsen ist. Der Umstand, dass mehr
als drei Beinpaare vorhanden sind, lässt auf einen Krebs schliessen.
Die genannten wenigen Merkmale, zu denen noch zwei Paar fadenförmige
Fühler von weniger als Körperlänge zu rechnen sind, genügen, um einen
Angehörigen aus der Abteilung der höheren Krebse zu kennzeichnen und
wir haben in dem beobachteten Tiere einen Flohkrebs oder _Gammarus_
der +Ordnung der Amphipoden+ vor uns. Fast noch leichter kenntlich
ist ein Verwandter desselben, welcher offenbar ein ganz schlechter
Schwimmer ist. Unter seinem wie bei einer Schildkröte verbreiterten,
an den Seiten überstehenden Rückendach sind ebenfalls mehr als drei
Beinpaare zu sehen und am Kopfe, wie vorhin, zwei Paar ungleich
langer Fühler. Unbehelligt krabbelt der plumpe Geselle langsam und
schwerfällig an der neuen Umgebung herum, immer mit den Fühlern
tastend und prüfend. Berührt man ihn jedoch mit einem Stäbchen, so
zeigt er, dass auch ihm rasche Bewegungen möglich sind, wenn auch
in geringerem Masse und weniger eleganter Ausführung, als seinem
Vorgänger. Die ganze Erscheinung dieses zweiten Krebses erinnert an
die bekannten Kellerasseln, aus deren Sippe er auch in der That einen
Spross vorstellt, welcher das kühle Wasserleben noch nicht mit dem auf
dem Lande vertauscht hat. Wir nennen ihn Wasserassel (_Asellus_) und
rechnen ihn ebenfalls zu den höheren Krebsen und zwar zur +Ordnung der
Isopoden+.
Diese beiden eben nach ihren gröbsten Umrissen und Gewohnheiten
erkannten, zu den +Malakostraken+ gehörigen Formen werden wir später
betrachten und wollen nun die kleinen Insassen des Glases, soweit
es nicht Junge der genannten Arten sind, nach ihrem Äussern mit
blossem Auge unterscheiden lernen. Es bleibt uns, da wir Insekten und
Würmer nicht beachten, nur noch das Gewimmel kleiner und kleinster
Wesen, welche oft kaum mehr mit dem blossen Auge erkennbar sind, die
Entomostraken, übrig. Trotzdem genügt auch hier ein wenig Geduld und
sorgsames Zuschauen, um sowohl in den Körperformen als in der Art der
Bewegung noch deutliche Unterschiede wahrzunehmen. Während die einen
durch ununterbrochenes Hüpfen voranzukommen oder sich wenigstens in der
Höhe zu halten suchen, zappeln die anderen scheinbar ziellos im Glase
herum. Diese wie jene setzen sich von Zeit zu Zeit, wie um auszuruhen
von der anstrengenden Bewegung, am Glase oder an Pflanzenteilen fest,
oder lassen sich auf den Grund niedersinken. Unsere Wissbegierde treibt
uns immer weiter, und da sich allmählich das Auge daran gewöhnt hat,
Unterschiede zu entdecken, so wird es nicht schwer fallen, unter den
hüpfenden Tierchen abermals zweierlei zu unterscheiden. Es heisst nun
allerdings etwas genau zusehen, denn wir sind nahezu auf dem Punkte
der Forschung angelangt, wo die Leistungsfähigkeit des unbewaffneten
menschlichen Auges der Wissbegierde des Forschers Grenzen setzt.
Eine langsamere gleichmässige Bewegung, welche eigentlich das Tier,
falls es nicht gestört wird, weniger vorwärtsbringt, als vielmehr
stets in einer gewissen Höhe über dem Boden erhält, des weiteren ein
schwarzer Punkt, welcher am Kopfteil sitzt und das Auge darstellt,
kennzeichnet die Wasserflöhe oder Daphniden, welche zu der +Ordnung
der Blattfüsser+ (+Phyllopoden+) zählen. Der Leib selbst, vom Kopfe
nicht besonders scharf sich abhebend, ist mehr oder weniger eiförmig.
Über den Umrissen ragt hinten oftmals ein Stachel, am Kopf zwei wie
Hörner emporstehende Fühler, welche die Bewegung verursachen, hervor.
Viel mehr würden in Rücksicht auf ihre Bewegung die länglichen, vorn
dicken, hinten schlanken Hüpfer den Beinamen „Floh“ verdienen, welche
recht häufig mit einem grossen grünlichen bis weissen Säckchen an jeder
Körperseite (den Eiersäcken) und zwei (manchmal recht langen) Hörnchen,
welche wagrecht abstehend getragen werden, in eleganten weiten Sätzen
im Wasser herumschnellen. Wir nennen sie Hüpferlinge oder Widderchen
und reihen sie in die grosse +Ordnung der Ruderfüsser+ (+Copepoden+)
ein. Dem hüpfenden Teil der kleinen Tierwelt in unserem Glase hätten
wir nun auch ein Plätzchen im System angewiesen. Wir wenden uns jetzt
zu den am schwersten erkennbaren Formen und verfolgen mit einiger
Ausdauer das nächste beste der unruhig umherzappelnden Geschöpfe. Es
wird hier nötig, um leicht mögliche Verwechslungen auszuschliessen,
eine nicht zu den Krebsen gehörige Gruppe von Tieren in ihrem Habitus
zu schildern. Es mag somit das kleine Wesen einen annähernd kugelrunden
Körper, an dem sich vier nicht versteck-, sondern höchstens anlegbare
Beinpaare erkennen lassen, besitzen. Vielleicht gelingt es sogar, eine
schön gefärbte Zeichnung auf dem Rücken nachzuweisen. Diese Merkmale
lassen auf eine Wassermilbe schliessen, welche wir nicht weiter
beachten. Ganz ähnlich in ihren Bewegungen verhält sich eine Familie
der Entomostraken, deren Angehörige nach aussen von einer zweiklappigen
Schale umschlossen werden, zwischen denen das Körperchen ganz versteckt
liegt. Diese Schale ist der einer Muschel ausserordentlich ähnlich und
ihr verdanken die Insassen den Namen „+Muschelkrebse+“ (+Ostrakoden+).
Oft wird man überrascht, wie aus dem Spalt, der die beiden Klappen
trennt, plötzlich eine Anzahl Gliedmassen hervortreten und durch eine
rasche Thätigkeit das Tierchen in etwas unsicheren Linien von Stelle
zu Stelle bewegen. Während der Ruhepausen werden die Beine eingezogen
oder zum Krabbeln am Boden oder an Pflanzenstengeln benutzt. Glaubt das
Tier sich gefährdet, so zieht es ebenfalls sofort seine Beine ein und
schliesst die Schalen. Es liegt dann die nierenförmige Schale, wie ein
unbelebtes Ding, vor uns.
Wenn wir nun noch einer Form gedenken, in welcher die Krebstiere des
süssen Wassers den höchsten Grad der Entwickelung erreicht haben
und für welche, da sie der ganzen Tierklasse den Namen gegeben
hat, ein weiteres Charakteristikum wohl nicht nötig ist, -- ich
meine den Flusskrebs --, so kennen wir nun Vertreter aus allen
Abteilungen und Ordnungen der unsere Gewässer bewohnenden Krustaceen.
Selbstverständlich genügt nicht immer das Absuchen einer Fundstelle
allein, um alle, so wie es geschildert wurde, auf einmal vor Augen zu
bekommen; doch wird es nirgends an stehenden und fliessenden Wassern
fehlen, welche fast zu jeder Jahreszeit die typischen Formen zu sammeln
gestatten. Zum Schluss dieser systematischen Betrachtungen lasse ich
eine kurze Übersicht des Wesentlichsten folgen. Wir haben in der
zu den Kerftieren gehörigen Klasse der Krustaceen zwei Abteilungen
unterscheiden gelernt: