3. Der Räderapparat.

Von allen Organsystemen zeigt keines eine so grosse Vielgestaltigkeit

und einen so verschiedenen Ausbildungsgrad als dasjenige, welches

die Lokomotion und die Nahrungsaufnahme vermittelt, das Räderorgan.

Dennoch zeigt eine vergleichende Betrachtung, dass den meisten

Rotatorien eine gemeinsame Grundform in der Anordnung der Cilien

zukommt, die freilich nicht immer mit gleicher Deutlichkeit zu Tage

tritt. Dieselben stehen nämlich in zwei Kreisen, von denen der eine,

innere in vielen Fällen vor, der andere, äussere hinter der Mundöffnung

gelegen ist; der letztere setzt sich in der Regel in die Mundöffnung

selbst fort. In sehr prägnanter Weise treffen wir einen derartigen

doppelten Wimpersaum, einen praeoralen und einen postoralen, bei den

Gattungen _Rotifer_, _Philodina_, _Callidina_ (Fig. 64), _Pterodina_,

_Melicerta_, _Lacinularia_ und einigen anderen an. Hier ist auch eine

Arbeitsteilung in der Funktion der beiden Cilienkränze eingetreten.

Der praeorale ist mit besonders starken Cilien versehen und dient

zur Fortbewegung des Tieres, während die schwächeren Flimmern des

postoralen Kranzes die Nahrungsteilchen in den Mund strudeln. Die

eigenartige Radbewegung, welche das Spiel der praeoralen Wimpern dem

Auge vortäuscht, ist, wie schon erwähnt wurde, die Veranlassung zur

Benennung der hierher gehörigen Organismen als Rädertiere gewesen.

Unsere Abbildung der _Callidina symbiotica_ (Fig. 64) zeigt, wie die

Cilien dieses vordern Kranzes auf zwei durch eine mediane Furche

von einander getrennten Polstern, Ausstülpungen der Stirnfläche,

randständig angebracht und in der Mitte der Bauch- und Rückenseite

durch eine nackte Stelle unterbrochen sind. Man könnte daher auch von

zwei unvollständigen Cilienkreisen reden, wenn die Raddrehung derselben

nicht in gleichem Sinne dem Auge sich darböte. Der hintere, postorale

Kranz besteht nicht aus einer einfachen Cilienreihe, sondern stellt

einen Flimmerstreifen dar, welcher jederseits aus der ventralwärts

stark lippenförmig vorspringenden Mundöffnung hervortritt und um

jene Stirnpolster herum sich dem Rücken zuwendet. Eine Verschmelzung

in der dorsalen Mediane findet aber auch bei diesem Kranze nicht

statt. -- Die Umbildung der beiden für die genannten Gattungen

charakteristischen primitiven Wimpersäume erfolgte bei den übrigen

Rädertieren nach zwei Richtungen hin, jenachdem der postorale, äussere

oder der praeorale, innere Cilienkranz der mächtigere wurde und

besondere Differenzierungen einging. Der erstere Fall ist nur selten,

nämlich bei den festsitzenden Gattungen _Floscularia_ (Fig. 65) und

_Stephanoceros_, eingetreten. Bei beiden hat sich die Stirnfläche

kelchförmig eingesenkt und trägt im Grunde die von kleinen Cilien

des inneren Kranzes umstellte Mundöffnung. Der Kelchrand trägt

die sehr langen [bei einzelnen Arten (_Floscularia mira_ Huds.)

geradezu enorm grossen] Cilien des äusseren Kranzes und ist in fünf

Anhänge ausgezogen, auf die sich die Wimpern auch fortsetzen. Bei

_Floscularia_ sind es kurze, stumpfkegelförmige Zipfel, bei dem

schönen _Stephanoceros Eichhornii_ hingegen lange, zungenförmige

Fortsätze. -- Bei der weitaus grössten Zahl der Rotatorien erleidet

hingegen der innere Cilienkranz mannigfache Umgestaltungen: aus der

ursprünglich einfachen Cilienreihe werden mehrere; einzelne erheben

sich auf besonderen Polstern und nehmen dann die Gestalt derber Griffel

an; andere verlieren ihre Beweglichkeit und werden zu starren langen

Tastborsten; die ursprüngliche ringförmige Anordnung wird verwischt,

indem der Zusammenhang der Cilien durch nackte Partien unterbrochen

wird; es treten sehr feine Cilien sekundär an ursprünglich nackten

Stellen der Stirnfläche auf, und so fort. Auf alle diese zahlreichen

Modifikationen hier näher einzugehen, ist unmöglich, und seien daher

nur noch zwei Abweichungen erwähnt. Bei Besprechung der Körpergestalt

der Philodiniden wurde schon hervorgehoben, dass die Spitze des

dorsalen „Rüssels“ mit einer kleinen Flimmerplatte besetzt ist, also

mit einer Art sekundären Räderorgans (vgl. Fig. 64). Wie dieselbe zu

deuten ist, ob als Bildung sui generis oder als abgespaltener Teil

des ursprünglich einheitlichen Cilienapparates, lässt sich schwer

entscheiden. Letzteres scheint die grössere Wahrscheinlichkeit

für sich zu haben, indem der Dorsalrand der Wimperscheibe sich in

verschiedenen Gattungen in einen zungenförmigen Anhang auszieht, der

dann entweder (_Rhinops vitrea_) noch vom äusseren Wimpersaum umzogen

wird oder nur einige Tastborsten trägt (_Adineta vaga_) oder endlich

ganz nackt geworden ist (_Metopidia_, _Stephanops_). Abspaltungen

seitlicher Partien des Räderapparates werden auch sonst beobachtet,

so bei der Gattung _Synchaeta_, die jederseits ein „Wimperohr“ am

Kopfe trägt. -- Die zweite hier zu erwähnende Abweichung betrifft

Formen, deren Cilienapparat eine ventrale und vorn am Körper gelegene

Scheibe darstellt (_Notommata tardigrada_ Leyd., _Adineta vaga_

Dav., _Diglena forcipata_ Ehr., _Digl. giraffa_ Gosse), die dicht

mit kleinen Wimpern besetzt ist. Von einer ursprünglich ringförmigen

Anordnung der Cilien haben sich keine Andeutungen erhalten, und die

ganze Bildung erinnert ausserordentlich an die Gastrotrichen, eine

kleine Gruppe mikroskopischer Süsswassertierchen, die ungefähr die

Gestalt der Rotatorien haben, aber auf der ganzen Bauchseite bewimpert

sind. -- Der Räderapparat fehlt nur bei wenigen Gattungen, die auch

sonst in ihrer Organisation sehr abweichen, völlig: so bei dem an der

Unterseite von Nymphaeablättern festgehefteten _Apsilus lentiformis_

Metschn., bei dem Regenwurmparasiten _Balatro clavus_ Clap. und bei

dem marinen, auf Nebalia schmarotzenden _Paraseison nudus_ Plate. Bei

manchen der kleineren Arten scheint er stark reduziert zu sein, ohne

dass jedoch unsere Instrumente zurzeit für ein eingehendes Studium

derselben ausreichten. -- Der Cilienapparat kann bei allen Rotatorien

mit Ausnahme der Gattung _Adineta_ vorübergehend in den Mittelkörper

eingestülpt werden. In diesem Zustande ruhen die Cilien, beginnen aber

mit dem Moment der Ausstülpung, offenbar unwillkürlich, wieder ihre

Thätigkeit. Soll bei den Philodiniden der Räderapparat benutzt werden,

so muss der „Rüssel“ eingestülpt im Körper liegen. Anderseits wird

jener sofort eingezogen, wenn das Tier beginnt sich spannerraupenartig

unter abwechselnder Festheftung und Loslösung der Rüsselspitze und der

Zehen fortzubewegen. Man erblickt daher nur ausnahmsweise die beiden

Cilienregionen gleichzeitig in Thätigkeit.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 81 / 112 题