Über den sonstigen Bau von _Microstoma lineare_ können wir uns kurz
fassen. Die flimmernde Epidermis besteht bei dieser Spezies aus
polygonalen Zellen, zwischen denen die birnförmigen +Nesselkapseln+
liegen. Diese sind über den ganzen Körper zerstreut und gleichen
in ihrem Aussehen fast ganz den gleichnamigen Gebilden bei den
Süsswasserpolypen, nur dass sie ein wenig kleiner sind, als bei diesen.
Sie haben eine Länge von 0.015 _mm_ und der herausgeschnellte Faden
misst etwa 0.12 bis 0.14 _mm_. Am Halsteile der Kapsel sitzen vier
kleine Widerhaken. +Leydig+ hat mit gewohntem Scharfblick noch eine
zweite Art von Nesselkapseln bei _Microstoma lineare_ entdeckt, die
eine ovale Gestalt haben und nicht mit Widerhaken versehen sind. Ich
hebe diesen Umstand ausdrücklich hervor, weil wir bei _Hydra_ das
gleiche Verhalten beobachten. Fig. 56 stellt eine grössere Kapsel mit
ausgestossenem Faden dar.
Der +Leibesraum+ ist bei _Microstoma lineare_ von einem reichen
Maschenwerke heller Fasern durchsetzt, zwischen denen zahlreiche
kleine Bindegewebszellen und -kerne eingelagert sind. Das +Gehirn+
ist in dieses Parenchym eingebettet. Es besteht aus zwei seitlichen
Ganglien und einer Kommissur, die den Schlund umfasst. Zwei Längsnerven
durchziehen den Körper. Das +Wassergefässsystem+ wurde zuerst von +M.
Schultze+ bei dieser Spezies entdeckt, aber nicht genauer beschrieben.
Ich habe dasselbe neuerdings genauer studiert und gefunden, dass
zwei seitliche Hauptstämme vorhanden sind, deren Verästelungen
nach der Mittellinie zu konvergieren und ein ventral stärker als
dorsal entwickeltes Kanalnetz bilden[103]. Am Kopfende der einzelnen
Kettenglieder liegen die +Augen+ in Gestalt rostroter Pigmenthäufchen.
Dicht dahinter befinden sich die +Wimpergrübchen+ -- kleine tiefe
Becher mit kreisrunder Öffnung, die innerlich mit Flimmerepithel
ausgekleidet sind. Der +Darmtraktus+ besitzt, wie man am lebenden Tiere
deutlich sieht, ebenfalls wimpernde Epithelzellen, und der einfache
+Schlund+ ist mit zahlreichen Drüsenzellen (Pharyngealzellen) besetzt,
die einen förmlichen Mantel um denselben bilden. Die +Farbe+ der
Tierchen ist ein dunkles Gelbbraun, sodass sie in dieser Beziehung fast
genau mit _Hydra fusca_ übereinstimmen. Ein Hauptfundort für dieselben
sind Tümpel stehenden Wassers, deren Boden mit zerfallendem Laube oder
sonstigen Pflanzenresten bedeckt ist.
_Stenostoma leucops_ +O. Schm.+
Auch bei dieser Gattung haben wir es fast immer nur mit Ketten zu thun,
die aber selten aus mehr als zwei Gliedern bestehen. Ihre Länge beträgt
gewöhnlich 2-3 _mm_. Dem unbewaffneten Auge erscheinen sie als kleine
weisse Linien.
Wie bei _Microstoma lineare_, so finden wir auch hier zu beiden
Seiten des Kopfteiles +Wimpergruben+ (Fig. 57 _wg_ S. 262), die
mit einer zierlichen Zellenrosette umgeben sind. Echte Augen sind
nicht vorhanden; vielleicht sind aber die dem Gehirn anhängenden
eigentümlichen Bläschen (_bl_) als lichtperzipierende Organe zu deuten.
Das +Gehirn+ hat bei den Stenostomiden eine mächtige Entwickelung, wie
aus den Figuren 57 und 58 hervorgeht. Dasselbe setzt sich auch schärfer
als bei den übrigen Rhabdocölen gegen das umgebende Bindegewebe ab. Es
besteht aus zwei ausserordentlich grossen mehrlappigen Ganglien, die
unmittelbar vor dem Munde gelegen sind. Man unterscheidet jederseits
einen grössern hintern (_h_) und einen schmälern Vorderlappen (_v_).
Nach +B. Landsberg+[104], der den Bau dieser Gebilde spezieller
analysiert hat, überwiegt in denselben der gangliöse Teil gegen den
faserigen, was bei den anderen Turbellarien nicht der Fall ist.
+Darm+ und +Schlund+ sind bei _Stenostoma leucops_ (Fig. 57) sowohl
wie bei _Stenostoma unicolor_ (Fig. 58) in allen wesentlichen Stücken
so gebaut wie bei _Microstoma lineare_, sodass wir auf das dort
Gesagte verweisen können. Das Wassergefässsystem hingegen hat bei
den Stenostomiden eine besondere Gestaltung, insofern es aus einem
einzigen Kanal besteht, der am Hinterende ausmündet und von hier aus
(der Mittellinie des Körpers folgend) bis in den Kopfteil verläuft, um
hier in einer Schlinge umzubiegen und zurückzukehren. Was aus diesem
rückläufigen Teile wird, ist noch nicht genau klargestellt. +L. v.
Graff+ vermutet, „dass derselbe sich in feinere Zweige auflöst“. Ich
habe aber von einer solchen Verästelung auch mit den besten Linsen
nichts entdecken können.
[Illustration: Fig. 57.
_Stenostoma leucops_ (Kopfteil).]
[Illustration: Fig. 58.
_Stenostoma unicolor_ (Kopfteil).]
_Stenostoma unicolor_ unterscheidet sich von _Stenostoma leucops_ schon
bei Lupenvergrösserung durch den besser markierten Kopfteil, durch
den schlankeren Habitus und durch zahlreiche einzellige Drüsen im
Darmepithel, welche schwärzliche Konkremente enthalten. Beide Spezies
sind sehr häufige Erscheinungen in unseren stehenden und fliessenden
Gewässern; sie sind auch sehr leicht aufzubewahren, wenn man sie
in kleine Glasdosen mit algenhaltigem Wasser bringt. In derartigen
Miniaturaquarien leben die Tierchen viele Monate lang und pflanzen
sich unausgesetzt durch terminale Knospung (vergl. S. 259) fort.
[Illustration: Fig. 59.
_Catenula lemnae._]
Zu den Stenostomiden stellt +v. Graff+ auch das gewandt schwimmende
+Meerlinsenkettchen+ (_Catenula lemnae_), dessen Aussehen in Fig. 59
veranschaulicht ist. Diese Rhabdocöle ist ein fast ständiger Bewohner
kleiner Moortümpel und man trifft sie in solchen stets massenhaft
an. Wie bei den vorhin geschilderten Formen, so vermehrt sich auch
diese durch Querteilung. Am Vorderende befindet sich eine kopfartige
Anschwellung, in welcher das Gehirn mit dem Hörbläschen (_ot_) liegt.
Der cylindrische Schlund flimmert auf seiner Innenfläche, ebenso der
Darm, welcher übrigens, falls er leer ist, nur mit Mühe wahrgenommen
werden kann. Der Raum zwischen Darm und Hautmuskelschlauch wird von
sehr grossen, dicht an einander gedrängten Parenchymzellen eingenommen,
die in unserer Figur mit _pz_ bezeichnet sind. Das Wassergefässsystem
hat genau denselben Charakter wie bei _Stenostoma leucops_ und stellt
einen äusserst feinen, vielfach geschlängelten Kanal dar, der auf
der dorsalen Seite des Tieres (subcutan) vom vordern bis zum hintern
Körperende verläuft. Abgesehen von diesem Exkretionskanal aber und
von dem Vorhandensein eines markierten Kopfteils kann ich zwischen
_Catenula lemnae_ und den Stenostomiden auch nicht die geringste
morphologische Verwandtschaft erblicken, so dass ich es nur als einen
Notbehelf ansehen kann, wenn wir das Meerlinsenkettchen einstweilen
mit in die Gattung Stenostoma aufnehmen. Eigentlich steht Catenula
unter den Rhabdocölen völlig isoliert da; wir suchen vergeblich nach
Anknüpfungspunkten für dieses sonderbare Wesen, in welchem +Dugès+
seinerzeit ein den Bothriocephalen verwandtes Tier zu sehen glaubte.
_Mesostoma viridatum_ +M. Sch.+
Die Mesostomiden, d. h. diejenigen Rhabdocölen, welche eine auf der
Mitte der Bauchseite gelegene Mundöffnung und einen rosettenförmigen
Schlund besitzen, stellen eine sehr verschiedenartige Gesellschaft
dar, sodass Prof. +M. Braun+ unlängst mit Recht den Vorschlag gemacht
hat, den Genusnamen Mesostoma ganz über Bord zu werfen, resp. ihn
nur noch für Arten beizubehalten, die ungenügend bekannt sind. Die
Charaktere dieser Gruppe sind von vornherein zu allgemein gefasst
worden und daher erklärt es sich, dass alles, was nach Lage und
Form des Pharynx ihr nicht ganz direkt widersprach, stets bequeme
Unterkunft darin finden konnte. In Fig. 60 sehen wir einen sehr kleinen
Repräsentanten der Gattung Mesostoma, ein hellgrünes Würmchen von etwa
Millimetergrösse, welches fast überall in klaren Gewässern zu finden
ist. Im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Gattungsverwandten ist dasselbe
augenlos. Der Schlund liegt bei dieser Art etwa am Anfange des zweiten
Körperdrittels, und ebendaselbst gewahrt man eine Verbindung zwischen
den beiden seitlichen Stämmen des Wassergefässsystems, deren weiterer
Verlauf aber schwer zu verfolgen ist. Gleich hinter dem Pharynx
(_ph_) liegt die von Cilien umsäumte +Geschlechtsöffnung+ (_gp_) und
nicht weit davon der birnförmige Penis (_p_), der einen chitinösen
Ausführungsgang besitzt. Die +Leibeshöhle+ ist fast ganz erfüllt von
Parenchym, und nicht selten findet man Individuen, welche im Innern 6-8
braunschalige, elliptische Eier enthalten, so dass zwischen Darm und
Leibeswand kaum noch ein freier Raum übrig bleibt.
[Illustration: Fig. 60.
_Mesostoma viridatum._]
In den Zellen der Epidermis entdeckt man zahlreiche +Rhabditen+ von
0.018 _mm_ Länge, und bei tieferer Einstellung des Mikroskops zeigen
sich im Parenchym ganze Strassen solcher Stäbchen, die nach dem
Vorderende zu konvergieren.
Die +grüne Färbung+ des Tierchens rührt von winzigen,
chlorophyllhaltigen Körnchen her, die eine förmliche Schicht unter der
Haut bilden; dieselben sind höchst wahrscheinlich als einzellige Algen
zu betrachten, die in einem symbiotischen Verhältnisse zu ihrem Träger
stehen. Dergleichen Chlorophyllkörner kommen auch bei einigen anderen
Turbellarien und ausserdem bei mehreren Infusorienspezies vor.
In unseren europäischen Seen und Wassertümpeln sind im ganzen etwa
zwanzig Arten von Mesostomiden einheimisch. Eine ähnliche Verbreitung
derselben konstatiert +W. A. Silliman+ für Nordamerika. Die Gattung
Mesostoma weist übrigens neben sehr kleinen (1-5 _mm_ grossen) Formen
auch recht stattliche Vertreter auf. So z. B. das 10-15 _mm_ lange
und 4-5 _mm_ breite _Mesostoma Ehrenbergii_, welches vollkommen platt
gestaltet und glashell durchsichtig ist. Diese Spezies tritt oft so
massenhaft auf, dass die untergetauchten Stengel der Wasserpflanzen
ganz damit bedeckt sind. Hiernach kommt _Mesostoma tetragonum_ O.
Schm., welches 8 bis 10 _mm_ lang wird. Durch zwei Lamellen, die auf
der Rücken- und Bauchseite des Tieres vom vordern bis zum hintern
Ende sich erstrecken und wie Flossen gebraucht werden, hat dasselbe
im Querschnitt eine vierkantige Gestalt. Diese charakteristische
Eigentümlichkeit ist in der Speziesbezeichnung zum Ausdruck gebracht.
Das ungemein häufige _Mesostoma lingua_ O. Schm. (7-8 _mm_) gehört
auch noch zu den grösseren Erscheinungen, wogegen die meisten anderen
bei uns vorkömmlichen Spezies (z. B. _Mesostoma rostratum_ Ehrb.,
_M. personatum_ O. Schm. etc.) bedeutend kleiner sind und zwischen
Algenfäden oft nur mit Mühe entdeckt werden können.
_Vortex truncatus_ +Ehrb.+
Hier haben wir eine vollständig kosmopolitische Art vor uns, die
von Lappland bis nach Ägypten verbreitet ist, und die man in den
schlammigen Tümpeln der Ebene ebenso häufig antrifft, wie in klaren,
kalten Gebirgsseen. Es sind (Fig. 61 _a_ S. 266) kleine, etwa 1.5 _mm_
lange Tierchen von hell- oder dunkelbrauner Färbung. Sie besitzen ein
abgestutztes Kopfende und ein zugespitzes Schwänzchen. Die Haut als
solche ist vollkommen farblos und mit Stäbchen gespickt, welche meist
zu zweien bei einander liegen. Der Sitz des bräunlichen Pigments sind
die Bindegewebszellen des Parenchyms. Ist der Farbstoff in grosser
Menge vorhanden, so können die Würmchen ein fast schwarzes Kolorit
annehmen. Am Kopfe stehen zwei schwarze halbmondförmige Augen und der
Schlund hat die für die Vorticiden schon eingangs (S. 247) erwähnte
typische Tonnengestalt. Alle Vortex-Arten sind durch ein mehr oder
weniger kompliziertes (chitinöses) Kopulationsorgan ausgezeichnet,
welches aus paarigen Leisten mit Stachelbewehrung besteht. Bei der
in Rede stehenden Spezies (_V. truncatus_) ist dasselbe ziemlich
einfach gebaut. Es setzt sich aus zwei gabelig auseinanderweichenden,
etwas gekrümmten Ästen zusammen, die auf ihrer konkaven Seite eine
Reihe feiner Zähnchen (Fig. 61 _b_) tragen. Man bringt sich diese
Hartgebilde am besten zur Ansicht, wenn man mit möglichster Vorsicht
ein Quetschpräparat des ganzen Tieres herstellt.
[Illustration: Fig. 61.
_Vortex truncatus_ Ehrb.]
Die meisten Vortex-Spezies sind kleine, unscheinbare Würmchen. Nur _V.
viridis_ M. Sch. und _V. scoparius_ O. Schm. sind Riesen unter ihren
Gattungsgenossen, insofern sie oft eine Länge von 5-6 _mm_ erreichen.
Die letztgenannte Art besitzt ein Kopulationsorgan, welches in seiner
Form lebhaft an ein paar kurzgestielte Stallbesen erinnert, die dicht
beisammen liegen. Daher der sonderbar klingende lateinische Beiname,
der aber sehr treffend gewählt ist. Zu den kleinsten Spezies, die wie
_V. truncatus_ nur 1-1.5 _mm_ gross sind, gehören _V. pictus_ O. Schm.,
_V. Hallezii_ v. Graff, _V. sexdentatus_ v. Graff und _V. cuspidatus_
O. Schm.
* * * * *
Die vorstehenden kurzen Andeutungen über die speziellere Organisation
einiger häufiger vorkommenden Strudelwürmer sollten lediglich dazu
dienen, den Anfänger mit diesen interessanten, aber noch viel zu wenig
beachteten Tieren bekannt zu machen. Das eingehendere Studium derselben
muss an der Hand von Prof. +L. v. Graffs+ ausgezeichneter „Monographie
der Turbellarien“ (Leipzig 1882, Wilh. Engelmann) geschehen, in welcher
auch ein umfassender Litteraturnachweis zu finden ist, der noch die
neuesten Arbeiten berücksichtigt. Ein Atlas mit 20 lithographischen
Tafeln erläutert die bis in das kleinste Detail gehenden Ausführungen
des umfangreichen Textes. -- Ein sehr brauchbares litterarisches
Hilfsmittel beim Studium der Turbellarien findet man auch in einer
1885 erschienenen grösseren Abhandlung von Prof. +M. Braun+ (Rostock),
welche die rhabdocöliden Strudelwürmer Livlands behandelt und dieselben
durch vorzügliche Abbildungen veranschaulicht. Weiteres ersehe man aus
der diesem Kapitel angehängten Übersicht der Litteratur.
Präparationsmethode.
Es ist hier vielleicht der passendste Ort, einige Worte über
die Art und Weise zu sagen, wie man Turbellarien zum Zwecke der
mikroskopischen Untersuchung gut konservieren kann. Dies gelingt
meinen Erfahrungen zufolge am raschesten und sichersten mit erwärmter
Lösung von Quecksilberchlorid in Wasser. Für grössere Arten nimmt
man diese Flüssigkeit konzentrierter als für kleinere; aber in jedem
Falle erfüllt sie ihren Zweck. Die Tiere werden mit möglichst wenig
Wasser in ein Uhrgläschen gebracht und in dem Augenblicke, wo sie am
schönsten ausgestreckt sind, schnell mit dem Sublimat übergossen. Je
nach der Grösse der Objekte muss letzteres 5-20 Minuten einwirken. Dann
wässert man die getöteten Würmer längere Zeit aus, damit keine Spur
des Quecksilbersalzes in den Geweben zurückbleibt. Zur Aufbewahrung
benutzt man 70prozentigen Alkohol. Die so konservierten Rhabdocölen
und Dendrocölen halten sich Jahre lang und können jederzeit, nach
vorhergegangener Färbung, zur Herstellung von Schnittserien verwendet
werden. --
Zur Anfertigung von Totalpräparaten, die alles Notwendige erkennen
lassen, hat Prof. +M. Braun+ ein Verfahren angegeben[105], welches
hier mitgeteilt werden soll. Dasselbe eignet sich besonders gut für
+kleine+ Formen. Der genannte Forscher verfährt dabei wie folgt. Er
lässt bei gelindem Deckglasdruck zu dem Wasser, in welchem sich das
zu konservierende Tier befindet, eine Mischung von 3 Teilen Langscher
Flüssigkeit[V] und einem Teil einprozentiger Osmiumsäure zufliessen,
die sehr rasch tötet, zumal wenn man sie etwas erwärmt anwendet.
Sobald das Tier undurchsichtig geworden ist, die Gewebe also geronnen
sind, wird die überschüssige Flüssigkeit mit Löschpapier abgetupft
und 45prozentiger Alkohol unter das Deckglas gebracht. Derselbe wird
im Verlauf einiger Minuten mehrere Male erneuert und dann durch
70prozentigen ersetzt. Nunmehr kann man das Deckglas vorsichtig
abheben; das Tier bleibt in der Regel an letzterem oder am Objektträger
haften und wird in dieser Lage mit 90prozentigem Alkohol behandelt.
Hierauf giebt man 1-2 Tropfen Karminlösung auf das Objekt, die man etwa
drei Minuten einwirken lässt. Diese Zeit genügt zur Färbung; dann wird
mit destilliertem Wasser abgespült, mit allmählich zu konzentrierendem
Alkohol entwässert, bis man schliesslich zur Aufhellung mit Nelkenöl
oder Kreosot schreiten kann. Sodann erfolgt der Einschluss in
Kanada-Balsam und die Prozedur -- welche etwa 20 Minuten in Anspruch
nimmt -- ist beendet. Auf diesem Wege erhält man in vieler Beziehung
hübsche Präparate. Die Osmiumsäure bräunt gewisse Teile (Dotterstöcke
und Keimdotterstöcke z. B.) und hebt dieselben stärker hervor, während
die kernreichen Teile des Geschlechtsapparats (Hoden, Ovarien und
sonstige Drüsen) intensiv gefärbt werden. Leider kann man diese Methode
bloss bei solchen Arten verwenden, die sich etwas komprimieren lassen,
ohne zu zerplatzen. In anderen Fällen führt nur die Härtung der Tiere
(s. oben) und die Zerlegung derselben in Schnittserien zum Ziele.
[V] Diese besteht aus 5 Teilen Sublimat, 5 Teilen Eisessig und 100
Teilen Wasser.
Geographische Verbreitung der Turbellarien.
Durch zahlreiche faunistische Exkursionen, welche ich in dem Zeitraume
von 1884-1889 in den verschiedensten Teilen Deutschlands ausgeführt
habe[VI], hat sich mir die Überzeugung aufgedrängt, +dass die
Verbreitung der Strudelwürmer nicht längs gewisser Linien erfolgt,
aus denen eine Abhängigkeit dieser Tiere von klimatischen Einflüssen
oder von der Bodenbeschaffenheit der bezüglichen Wasseransammlungen
zu erkennen wäre+. Die Eier dieser Tiere scheinen vielmehr durch
zufällig sich darbietende Transportgelegenheiten überallhin verschleppt
werden zu können und da, wo es die äusseren Verhältnisse nur irgend
gestatten, die Ansiedelung der Art zu ermöglichen. Die meisten
Turbellarien-Eier sind hartschalig und widerstandsfähig, so dass sie
nicht leicht durch Stoss oder Druck Schaden nehmen können. Mit solchen
Eigenschaften ausgerüstet, können sie also selbst dann gut erhalten
bleiben, wenn das Muttertier, in dessen Leibeshöhle sie sich befinden,
bei der Luftreise am Gefieder eines Wasservogels durch Austrocknung
zu Grunde gehen sollte. Besucht nur der Transporteur gelegentlich ein
anderes Wasserbecken, so gelangen sie wohlbehalten und lebenskräftig
wieder in ihr Element und entwickeln sich dort ebenso gut wie in dem
Weiher oder Tümpel, welchem sie durch Zufall -- samt der mit ihnen
trächtigen Mutter -- entrissen wurden. Auf diese Art erklärt sich
auch die Launenhaftigkeit des Vorkommens mancher Turbellarienspezies,
die sonst völlig rätselhaft wäre. Es wird uns von dem nämlichen
Gesichtspunkte aus auch die Besiedelung hoch gelegener Bergseen
mit Strudelwürmern begreiflich, da man letztere doch unmöglich als
+aktiv+ dorthin gewandert ansehen kann. Der +Kleine Koppenteich+ im
Riesengebirge, der eine Höhenlage von 1180 _m_ hat, beherbergt --
wie schon eingangs mitgeteilt -- 14 Arten von Turbellarien[VII],
darunter auch eine sehr seltene Form (_Monotus lacustris_ Zach.),
welche zu einer Gattung gehört, die sonst nur Meeresbewohner
umfasst[VIII]. Dieser Süsswasser-Monotus wurde inzwischen auch im
Peipus-See (Russland) und in zahlreichen Seen der Schweiz aufgefunden.
Nichtsdestoweniger bleibt es überraschend, dass er durch die Gunst des
Zufalls auch in jene verlorene Felsenschlucht, auf deren Grunde der
Kleine Koppenteich liegt, verpflanzt werden konnte. Dies erklärt sich
nur aus der Widerstandsfähigkeit seiner Eikörper, die infolgedessen
weit verschleppt werden können, ohne ihre Entwickelungsfähigkeit
einzubüssen. Und in gleicher Weise haben wir uns die Ansiedelung der
übrigen 13 Arten von Strudelwürmern an jener Lokalität zu erklären,
wobei aber nicht ausgeschlossen sein soll, dass gelegentlich auch
einmal eine lebende Turbellarie am Gefieder eines Vogels hängen
bleiben und dadurch in ein anderes (nahe gelegenes) Wasserbecken
übergeführt werden kann. Viele Strudelwürmer besitzen sogenannte
„Klebzellen“ an ihrem Hinterende, mit welchen sie sich an allerlei
feuchten Gegenständen festzuheften vermögen. Diese eigentümlichen
Organe werden ihre guten Dienste wohl auch beim Transport durch
Vögel oder Wasserkäfer leisten, wenn es gilt, einen Halt gegen das
Fortgewehtwerden durch Luftzug während des Fluges jener Tiere zu
gewinnen[106].
[VI]
1. „Studien über die Fauna des Grossen und Kleinen Teiches im
Riesengebirge.“ Zeitschr. f. wiss. Zoologie. 41. Bd. 1885.
2. „Ergebnisse einer zoolog. Exkursion in das Glatzer-, Iser- und
Riesengebirge.“ Zeitschr. f. wiss. Zoologie. 43. Bd. 1886.
3. „Zur Kenntnis der pelagischen und littoral. Fauna norddeutscher
Seen.“ Zeitschr. f. wiss. Zoologie. 45. Bd. 1887.
4. „Faunistische Studien in westpreuss. Seen.“ Schrift. d. naturf.
Gesellschaft zu Danzig. 1887.
5. „Zur Kenntnis der Fauna des Süssen und Salzigen Sees bei Halle a.
d. S.“ Zeitschr. f. wiss. Zoologie. 46. Bd. 1888.
6. „Über das Ergebnis einer Seen-Untersuchung in der Umgebung von
Frankfurt a. d. O.“ Monatl. Mitteil. aus dem Gesamtgebiete der
Naturw. Nr. 8, 1888/89.
7. „Faunistische Untersuchungen in den Maaren der Eifel.“ Zool.
Anzeiger Nr. 295, 1888.
8. „Zur Kenntnis der Microfauna fliessender Gewässer Deutschlands.“
Biolog. Centralbl. Nr. 24, 1888.
[VII] _Mesostoma rostratum_ Ehrb., _Mesost. viridatum_ M. Sch.,
_Macrostoma viride_ van Bened., _Stenostoma leucops_ O. Schm.,
_Vortex truncatus_ Ehrb., _Vortex Hallezii_ v. Graff,
_Prorhynchus stagnalis_ M. Sch., _Prorhynchus curvistylus_ M.
Braun, _Prorhynchus maximus n. sp._, _Gyrator hermaphroditus_
Ehrb., _Bothrioplana silesiaca n. sp._, _Bothriopl. Brauni n.
sp._, _Monotus lacustris_ Zach. und _Planaria abscissa_ Ijima.
[VIII] Was das numerische Verhältnis der marinen Turbellarien-Formen
zu denjenigen des Süsswassers anbelangt, so sei bei dieser
Gelegenheit (nach +v. Graff+) angeführt, dass 160
Meeresbewohnern (darunter 15 Parasiten) 97 Süsswasser- und 1
Landbewohner (der hammerköpfige _Prorhynchus_) gegenüberstehen.
-- Die Familie der Monotiden galt bisher für eine
ausschliesslich marine Gruppe.
Auch in viel höher als 1000 _m_ gelegenen Bergseen finden wir noch
Turbellarien (Rhabdocölen sowohl als Dendrocölen), wie von Prof. +Fr.
Zschokke+ (Basel) neuerdings an einigen Seen des Rhätikons, jener
gewaltigen Grenzkette zwischen Vorarlberg und Graubünden, nachgewiesen
worden ist. Er fand da oben noch _Microstoma lineare_ und eine
Planarien-Spezies[107].
Diese Thatsache (und die Auffindung von Turbellarien in noch anderen
alpinen Seen) unterstützt die Theorie von deren passiver Migration,
sodass wir kein Bedenken tragen dürfen, uns die Verbreitung jener
leicht verletzbaren Würmer in derselben Weise zu denken, wie dies
von den kleinen Krebstieren längst bekannt ist, nämlich durch ihre
widerstandsfähigen Eikörper und die gelegentliche Verschleppung von
erwachsenen Exemplaren, welche am feuchten Gefieder eines wandernden
Wasservogels vor Austrocknung geschützt blieben und so eine Luftreise
nach einem andern Wasserbecken ohne Schaden für Leib und Leben zu
überstehen vermochten.
Litteratur.
[91] Vergl. =O. Zacharias=, Zur Kenntnis der niedern Tierwelt des
Riesengebirges nebst vergleichenden Ausblicken. Mit 6 Illustrationen.
1890.
[92] =E. Sekera=, Prispěvky ku známostem o turbellariéch sladnovodních.
Prag 1888. Mit 4 Tafeln.
[93] =L. v. Graff=, Monographie der Turbellarien (I. Rhabdocoelida).
1882. Mit 20 Figurentafeln.
[94] =Isao Ijima=, Untersuchungen über den Bau und die
Entwickelungsgeschichte der Süsswasser-Dendrocölen (Tricladen).
Zeitschr. f. wiss. Zoologie, 40. Bd. 1884. Mit 4 Tafeln.
[95] =Paul Hallez=, Embryogénie des Dendrocoeles d’eau douce. Avec 5
planches. 1887.
[96] =O. Zacharias=, Über Fortpflanzung durch spontane Querteilung bei
Süsswasserplanarien. Zeitschr. f. wiss. Zoologie, 43. Bd. 1885.
[97] =W. Weltner=, Dendrocoelum punctatum Pallas bei Berlin.
Sitzungsber. d. Königl. preuss. Akademie d. Wissenschaften. 1887. Mit 1
Tafel.
[98] =J. v. Kennel=, Die in Deutschland gefundenen Landplanarien.
Arbeiten des Zool.-zootom. Instituts zu Würzburg. 5. Bd. 1879.
[99] =F. Vejdovský=, Note sur une nouvelle planaire terrestre
(Microplana humicola nov. gen., nov. sp.). Revue biologique du Nord de
la France. No. 4, 1890.
[100] =M. Braun=, Über Dorpater Brunnenplanarien. Mit 1 Tafel. 1881.
[101] =O. Zacharias=, Zwei neue Vertreter des Genus Bothrioplana (M.
Braun). Zool. Anz. No. 229, 1886.
[102] =Du Plessis-Gouret=, Essay sur la faune profonde des lacs de la
Suisse. 1885.
[103] =O. Zacharias=, Das Wassergefässsystem bei Microstoma lineare.
Zool. Anz. No. 196, 1885.
[104] =B. Landsberg=, Über einheimische Microstomiden. Programm des
Königl. Gymnasiums zu Allenstein. 1887.
[105] =M. Braun=, Die rhabdocölen Turbellarien Livlands. Mit 4 Tafeln.
1885.
[106] =O. Zacharias=, Über Anpassungserscheinungen im Hinblick auf
passive Migration. Biolog. Centralbl. No. 4, 1889.
[107] =Fr. Zschokke=, Faunistische Studien in Gebirgsseen. 1890. --
Zweiter Bericht darüber: 1891.
* * * * *