Bei _Macrostoma viride_ konnte ich auch einige Beobachtungen über
die +Spermatozoen-Entwickelung+ machen, welche diesen Vorgang in
seinen Hauptzügen klarstellen. Zerzupft oder zerquetscht man einen
reifen Hoden vorsichtig auf dem Objektträger, so hat man in einem und
demselben Präparate gleich alle Stadien der Spermatogenese beisammen.
Ich habe dieselben der Reihe nach in Fig. 54 abgebildet und mit
Buchstaben bezeichnet. Den Ausgangspunkt für die Entwickelung der
Samenkörper bilden die vollkommen kugeligen und ganz durchsichtigen
Hodenzellen oder +Spermatogonien+ (_a_). Diese zumeist mehrkernigen
Gebilde verwandeln sich durch Einschnürung ihres Protoplasmaleibes in
ebensoviele +Spermatocyten+ oder Samenzellen (_d_), die aber zunächst
in Zusammenhang mit einander bleiben. Jede einzelne Spermatocyte lässt
zwei kleine Fortsätze aus sich hervorsprossen, von welchen der eine in
der Folge zum Schwanzfaden des Spermatozoon, der andere zur sogenannten
„Nebengeissel“ desselben wird. Die einkernigen Spermatogonien (_b_)
entwickeln sich genau auf dieselbe Weise; nur zuweilen kommt es vor
(_c_), dass die Nebengeissel schon weit hervorgesprosst ist, ehe
sich noch irgend eine Spur von der Bildung des Schwanzfadens zeigt.
Bei fortschreitender Entwickelung lösen sich die Spermatocyten aus
ihrem ursprünglichen Verband (_d_) und nehmen das in _e_ dargestellte
Aussehen an, indem sich ihr protoplasmatischer Teil in die Länge
streckt. Erst zu allerletzt kommt die bislang im Ruhezustande
verbliebene Kernsubstanz in Bewegung, um in dem immer spindelförmiger
werdenden Spermatozoenkopfe sich gleichmässig zu verteilen. In _f_
sehen wir dann das völlig fertige Samenkörperchen von _Macrostoma
viride_, wie es zu vielen hunderten in dem Präparate eines zerdrückten
Hodens vorhanden zu sein pflegt. Der Schwanzteil dieser Körperchen
besitzt eine ausserordentlich lebhafte Schlängelbewegung, wogegen
die steife Nebengeissel nur mit mässiger Geschwindigkeit hin und her
pendelt.
Die am meisten verbreitete Spezies der Gattung Macrostoma ist übrigens
nicht diese, sondern _M. hystrix_ Oerst.; in den wesentlichen
Bauverhältnissen stimmen aber beide mit einander überein. Die
letztgenannte Art ist dadurch merkwürdig, dass sie nicht bloss im
süssen, sondern auch im salzigen Wasser vorkommt. Auch lebt sie nicht
bloss in seichten Pfützen und Tümpeln, sondern verträgt ebensogut
den Aufenthalt in beträchtlichen Tiefen. Nach einer Angabe von
+Duplessis+ ist sie sogar noch im Grundschlamme des Genfersees zu
finden[102]. An schwimmenden Holzstückchen und dem Wellenschlag
ausgesetzten Wasserpflanzen vermögen sich die Tierchen mit Hilfe
ihrer „+Klebzellen+“ festzuhalten, welche am untern Saume des
spatelähnlichen Hinterendes in grosser Anzahl befindlich sind. Solchen
eigentümlichen Haftapparaten begegnen wir auch bei mehreren anderen
Turbellariengattungen.
_Microstoma lineare_ +Oerst.+
Einzelindividuen von dieser Spezies kommen höchst selten vor;
gewöhnlich findet man nur Ketten, die, wie Fig. 55 veranschaulicht, aus
mehreren ungleichaltrigen Exemplaren bestehen. Dieser Befund findet
seine Erklärung in der Thatsache, dass _Microstoma lineare_ sich
vorwiegend durch Querteilung oder, richtiger gesagt, durch +terminale
Knospenbildung+ fortpflanzt. In nachstehender Figur haben wir eine
Kette von vier Individuen vor uns, deren Entwickelung wie folgt zu
denken ist. Aus dem ursprünglichen Muttertiere (_A_) ging _B_ als
Tochterspross auf die nämliche Art hervor, wie jetzt die Knospe _b_ aus
ihm selbst, oder wie _a_ aus _A_. Der Zeit nach ist die Reihenfolge
dabei diese: _A_, _B_, _b_, _a_. Das heisst: _A_ erzeugte zunächst _B_;
hierauf entstand die Knospe _b_ und dann erst die mit _a_ bezeichnete
neue aus dem alten Mutterindividuum _A_.
Bei genauerer Beobachtung dieser eigentümlichen Fortpflanzungsweise
bemerkt man, dass stets nur das hinterste Drittel des Muttertieres zur
Erzeugung des Tochtersprosses verwendet wird. Mit dem Auftreten zweier
Augenpunkte und der Bildung einer Einschnürung, welche die künftige
Trennungsstelle andeutet, nimmt der Knospungsprozess seinen Anfang.
In der Folge vergrössert sich das Tochterstück allmählich und holt
mit seinem rascheren Wachstum den sich gleichfalls regenerierenden
mütterlichen Teil ein, bis beide in ihren Dimensionen sich fast
vollkommen gleichen. Mit der Neubildung eines Gehirns und Schlundes am
Spross erreicht die Entwickelung des letztern ihren Abschluss, und es
erfolgt seine Lostrennung vom Stammorganismus. Aber bevor er selbst
noch fertig ausgebildet war, wurde in seinem hintern Leibesdrittel
bereits die dritte Generation angelegt, bezüglich deren sich der
nämliche Sprossungsvorgang wiederholt, und so geht diese Vermehrung
immer fort, den ganzen Sommer hindurch.
[Illustration: Fig. 55.
_Microstoma lineare._]
Erst im Herbst treten andere Verhältnisse ein. Dann finden wir Ketten,
an deren Teilsprossen man die Anwesenheit von Geschlechtsorganen
wahrnimmt, woraus beiläufig hervorgeht, dass geschlechtliche und
ungeschlechtliche Zeugung bei demselben Individuum von _Microstoma
lineare_ und zur nämlichen Zeit stattfinden kann. Jene Ketten sind
aber immer nur eingeschlechtlich, d. h. sie bestehen entweder aus
lauter weiblichen oder aus lauter männlichen Individuen. Die ersteren
besitzen ein einfaches Ovarium, die letzteren paarige, keulenförmige
Hoden und ein Begattungsorgan, dessen chitinöser Teil eine leichte,
schraubenförmige Windung zeigt.
[Illustration: Fig. 56.