4. Anatomie und Histiologie.

Als im Jahre 1875 +F. E. Schulze+ die erste seiner zahlreichen

Untersuchungen über den Bau und die Entwickelung der Spongien

veröffentlichte, begann eine neue Periode in der Kenntnis der Schwämme.

Obwohl vor jenen Untersuchungen kein anderer Schwamm anatomisch

und histiologisch so genau zergliedert worden war wie gerade unser

Süsswasserschwamm (+Lieberkühn+, +Carter+), so gaben doch erst

+Schulzes+ Arbeiten das richtige Verständnis für die Organisation auch

unseres Tieres, weshalb wir auch hier auf denselben fussen, ohne in all

den einzelnen Fällen immer wieder den Namen dieses Forschers anzuführen.

Soweit bekannt, giebt es keine Süsswasserschwämme ohne ein aus

Kieselnadeln gebildetes Skelett. Wir werden also passend die beiden

einen Schwamm zusammensetzenden Teile, das Skelett und den Weichteil,

gesondert besprechen.

a) Das Skelett.

Dasselbe besteht aus dem festen Gerüste und den lose und ohne Ordnung

im Weichteil liegenden sogenannten Fleischnadeln. Das Gerüst wird aus

schlanken, fast immer leicht gekrümmten, glatten oder bedornten Nadeln,

welche an beiden Enden zugespitzt sind, aufgebaut. In ihrem Innern

zeigen sie einen an beiden Enden geschlossenen Kanal, den Zentralkanal,

in welchem man an geeigneten Präparaten einen feinkörnigen Zentralfaden

erkennt. Die diesen umhüllende Kieselsubstanz ist nicht homogen,

sondern lässt abwechselnd Lagen von Kieselsäure und Spongiolinsubstanz

erkennen. Diese Nadeln legen sich nun zu mehreren zu einem Bündel

zusammen, an welches sich ein zweites, dann ein drittes und so fort

anschliesst, welche alle durch eine Kittmasse (Spongiolinsubstanz)

mit einander verbunden sind. So kommen festere Stäbe zustande, die

an der Basis des Schwammes mächtiger sind als an der Oberfläche.

Wir nennen sie Hauptfasern. Sie allein würden dem überaus zarten

Weichteil noch keinen genügenden Halt geben; sie sind deshalb durch

Querbrücken, Verbindungsfasern, gestützt, welche nur aus wenigen, oft

nur aus einer einzigen Nadel bestehen. So kommt ein netzförmiges, auf

einer basalen Spongiolinplatte angekittetes Skelettwerk mit Maschen

von der verschiedensten Gestalt und Grösse zustande. Schon in dem

wenige Stunden alten Schwamm macht sich die Tendenz bemerkbar, die

jungen Nadeln, deren jede stets in einer Zelle gebildet wird, zu

einem Netzwerk zusammenzufügen. Der lockere Weichteil kann desselben

nicht entbehren. Auch an einem schon grossen Schwamm sehen wir immer

noch neue Nadeln entstehen, die durch eine oder mehrere kugelige

Verdickungen in dem mittleren Teile als solche meist kenntlich sind.

+Noll+ hat die Bildung der Spikula verfolgt und glaubt, dass die

Zelle (Silikoblast), in welcher die Nadel entsteht, zu deren weiteren

Ausbildung auch genüge, obwohl dagegen spricht, dass die ausgewachsene

Nadel um sehr vieles grösser ist als die junge. Auch der Umstand, dass

man den Nadelsträngen seitlich anliegend viele Zellen sieht, welche

gar keine Nadel in sich bergen, weist darauf hin, dass die Spikulae

nachträglich durch besondere Zellen wachsen. Was die Kittsubstanz

anlangt, so verdankt sie ebenfalls besonderen Zellen (Spongoblasten)

ihre Entstehung (+Noll+). -- Unter den Nadeln eines Süsswasserschwammes

kommen fast stets Abnormitäten mannigfaltigster Art vor; es können

zwei Nadeln unter verschiedenem Winkel vollständig mit einander

verwachsen, das eine Ende einer Nadel kann gegabelt oder umgebrochen

oder abgerundet sein; eine Nadel kann in der Mitte in verschiedenen

Winkeln geknickt werden, kurzum es sind dieser Gestalten so viele, dass

man einige Tafeln Abbildungen zusammenstellen könnte. Man verwechsele

aber hiermit nicht jene kleineren in der Mitte kugelig angeschwollenen

Nadeln, welche nur die Jugendzustände der Gerüstnadeln sind und häufig

als Fleischnadeln angesprochen wurden.

b) Der Weichkörper.

Das Fleisch oder Parenchym unseres Schwammes besteht aus einer inneren

Masse und einer äusseren Haut, welche dieselbe wie ein Sack einhüllt.

Diese Haut ruht auf den Enden der aus dem Innern kommenden Hauptfasern

des Skelettes und lässt unter sich einen grossen kontinuierlichen

Hohlraum, den Subdermalraum, frei, der nur durch die Skelettbalken und

gelegentlich durch nadelfreie Gewebszüge unterbrochen wird. Die Haut

enthält mikroskopisch kleine Löcher, die Einströmungsporen, deshalb

so genannt, weil durch sie das Wasser in den Schwamm einströmt. Am

Boden der grossen sackförmigen Höhle zwischen Haut und Innerm bemerkt

man mit dem blossen Auge grössere Löcher, es sind die Öffnungen von

Kanälen, die sich in den Schwamm hinein erstrecken, sich vielfach

verzweigen und seitlich angelagert kleine kugelige Gebilde tragen, die

man wegen ihrer Zusammensetzung aus wimpernden Zellen Wimper- oder

Geisselkammern genannt hat. Sie münden in die eben besprochenen Kanäle,

die wir Einströmungskanäle nennen, durch eine Anzahl sehr kleiner

Poren, Einströmungsporen der Kammern. Auf der abgewendeten Seite trägt

eine solche Geisselkammer ein grosses Loch, die Ausströmungspore, durch

welche sie sich in einen Kanal öffnet, der im allgemeinen weiter ist

als die Verzweigungen der Einströmungskanäle. Jene weiteren Kanäle

sammeln sich zu noch grösseren und münden endlich in ein einziges

grosses Rohr, das Kloakenrohr. Die zwischen den Geisselkammern

und diesem Rohr gelegenen Kanäle sind die Ausströmungskanäle. Das

Kloakenrohr durchsetzt den unter der äusseren Haut liegenden Hohlraum

mit einer eigenen geschlossenen Wand und öffnet sich an der Oberfläche

des Schwammes mit einem runden, von einem Hautsaum umgebenen Loch,

dem Oskulum, oder zeigt ein über der Oberfläche des Schwammes

hervorstehendes weissliches Röhrchen, das Oskular- oder Auswurfsrohr,

welches nichts anderes als eine Fortsetzung der äusseren Haut ist. An

Stelle des Kloakenrohres sehen wir an dünneren Stellen krustenförmiger

Schwämme und auf den Zweigen der verästelten Form besondere Rinnen

von oft sternförmiger Gestalt eingegraben; an dem Boden dieser

Furchen fallen grössere Löcher auf, welche die Enden der grossen

Ausströmungskanäle darstellen. Über den Furchen zieht sich die äussere

Haut hinweg, die an dieser Stelle einzelne grosse Poren oder Röhren

trägt und in der Mitte meist ein grösseres Auswurfsrohr zeigt. Diese

Rinnen oder das sternförmige Rinnensystem sind nur eine besondere Form

des Endabschnittes der Kloakenhöhle. An grossen Schwammexemplaren tritt

noch eine besondere Modifikation solcher Kloakenhöhlen auf. Wir sehen

nämlich hier an der Schwammoberfläche grosse, öfters bis 1 _cm_ breite

und tiefe Löcher, an deren Boden man in die Öffnungen der ausströmenden

Kanäle gelangt. Die so verschieden gestalteten Kloakenhöhlen sind

stets an der Stelle, an welcher sie den grossen unter der Haut

hinziehenden Hohlraum durchsetzen, von einer eigenen, soliden Wand

begrenzt. Dadurch entsteht ein für sich geschlossenes einführendes

Kanalsystem, welches von den Einströmungsporen der Haut bis zu den

Geisselkammern reicht, und ein für sich abgegrenztes ausführendes

System, von den Kammern beginnend und mit den Auswurfsöffnungen endend.

Verfolgen wir jetzt den Lauf des Wasserstromes weiter. Durch die Poren

in den einführenden Subdermalraum gelangt, strömt das Wasser durch

die an dessen Boden liegenden Löcher in die einführenden Kanäle und

gelangt durch deren Verzweigungen in die +Geisselkammern+. Diese sind

es, in welchen wir die treibende Kraft für den beständigen Wasserstrom

im Schwamme zu erblicken haben. Von ihnen gelangt das Wasser durch

ihre grossen Ausströmungsporen in die ableitenden grösseren Kanäle,

und durch diese in das Kloakenrohr oder in die verschieden gestalteten

Kloakenhöhlen und fliesst schliesslich durch das Oskulum oder dessen

Röhren nach aussen ab. Wir sehen, dass die Bezeichnung Oskulum garnicht

für jene Löcher passt, welche vielmehr die Enden eines Kloakenrohres

sind und gerade das entgegengesetzte von dem bedeuten, was ihr Name

anzeigt. Deshalb hat auch schon +Grant+ statt Oskulum die Bezeichnung

Kloakenmündung vorgeschlagen, allein der erstere Name ist nun

einmal gang und gäbe geworden und lässt sich auch gebrauchen, wenn

man mit +Vosmaer+ das Wort in Verbindung mit _cloacae_ bringt. Die

Kloakenhöhlen und die sternförmigen Kloakenbezirke zeigen am Schwamme

nur sehr selten eine regelmässige Anordnung. So fanden wir einmal eine

_Spongilla fragilis_, an welcher die Kloakenhöhlen sämtlich in einer

Reihe übereinander lagen, während die ganze übrige Oberfläche frei

davon war. Wir wollen hier auch noch bemerken, dass bei den verzweigten

Formen die Oskula nie an den Spitzen der Zweige oder der Zapfen liegen,

wie es bei vielen marinen Schwämmen der Fall ist. Bei diesen führt dann

das auf dem Gipfel gelegene Ausströmungsloch in eine grosse zentrale

Kloakenhöhle, die sich in den Zweigen von _Eusp. lacustris_ nie findet.

Wir gehen jetzt zur Betrachtung der Gewebeschichten unseres Tieres

über. Die Aussen- und Innenseite der Haut, der Ausströmungsröhren,

ferner des Septums, welches den grossen Subdermalraum von dem

Endabschnitt der Kloakenhöhle trennt, diese selbst, der Boden des

Subdermalraumes und endlich alle Kanäle sind von einem dünnen

einschichtigen Lager platter, polygonaler Zellen ausgekleidet. Eine

besondere Gestalt gewinnen diese Zellelemente in der Umgebung der

Hautporen und der Ausströmungsöffnung der Geisselkammern. Sie haben

hier die Form einer Mondsichel von geringerer oder grösserer Breite.

Besonders die Poren, dann aber auch die Ein- und Ausströmungsöffnungen

der Kammern sind veränderliche Gebilde, die entstehen und vergehen

können. Besonders an den Hautporen lässt sich verfolgen, wie sie in

einer Zelle als Loch entstehen, ein solches Loch vergrössert sich

bald, bis von der Zelle nur noch ein schmaler Ring übrig bleibt. An

anderen Stellen sieht man, wie sich an der weit geöffneten Pore die sie

umgrenzende sichelförmige Zelle verbreitert, bis endlich von der Pore

nur noch ein kleines Loch übrig bleibt; auch dieses kann geschlossen

werden und die Pore ist verschwunden. -- Die zwischen dem ein- und

ausführenden Kanalsystem eingeschobenen Geisselkammern bestehen

aus langgestreckten, radiär um die Höhle der Kammer angeordneten

Zellen. Sie sind durch eine zwischen den Zellen liegende Substanz von

einander getrennt, oder sie stossen eng zusammen und platten sich auch

gegenseitig ab. Jede Zelle trägt einen langen hyalinen Kragen und eine

lange beständig schlagende Geissel; durch die Gesamtheit der Bewegungen

aller Geisseln wird der Wasserstrom erzeugt. Es ist interessant, dass

manchen im Winter gesammelten Schwämmen die Geisselkammern fehlen

können. -- Zwischen den Platten- und Geisselzellen bleibt nun eine

Schicht, welche, wie bei allen Schwämmen, auch hier an Mächtigkeit

die eben genannten Zelllager bei weitem übertrifft. Es ist die

Bindesubstanzschicht, welche aus einer hyalinen Substanz mit amöboiden

Zellen besteht. Unter den Zellen sieht man sofort zwei Sorten, die

einen haben einen Inhalt von eng aneinander liegenden, annähernd gleich

grossen Körnchen, die anderen führen ungleich grosse, weniger dicht

liegende Körner. Bei den grün gefärbten oder braunen Schwämmen enthält

stets nur die zuletzt genannte Sorte das grüne oder braune Pigment.

Das grüne Kolorit der Schwämme wird durch kleine rundliche Körperchen

in diesen Zellen hervorgebracht, welche Chlorophyll enthalten.

Während aber die einen dasselbe für tierischen Ursprungs halten,

betrachten die anderen jene Körper als einzellige Algen (_Zoochlorella

parasitica_ Brandt). Ausser den genannten Zellen finden sich noch

sehr langgestreckte Formen, die den kontraktilen Faserzellen anderer

Spongien entsprechen. Der Siliko- und Spongoblasten haben wir schon

oben gedacht und einige andere Zellformen, die sich nur zu gewissen

Zeiten finden, werden wir sogleich kennen lernen.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 44 / 112 题