Ein Wurzelfüsser des Süsswassers

in Bau und Lebenserscheinungen

dargestellt.

Von Prof. Dr. =A. Gruber=.

Noch ist der Schleier, der über die erste Entstehung des Lebens auf

unserer Erde gezogen ist, nicht gelüftet. Seit der Mensch angefangen

hat, über seine Umgebung nachzudenken, sind mythische und mystische

Vorstellungen, sind wissenschaftliche Spekulationen und Theorien

entstanden und vergangen und auch heute haben wir für die Frage, wie

die lebende organische Substanz entstanden sei, keine Antwort zu geben.

Wohl aber sind wir durch die Fortschritte der Wissenschaft der Lösung

einer sich daran schliessenden zweiten Frage nahegetreten, nämlich der,

wie die ersten lebenden Organismen ausgesehen haben mögen.

Die erste Anwendung des Mikroskops im 17. Jahrhundert lehrte den

Menschen in den Gewässern der Erde Wesen von ungeahnter Kleinheit

erkennen, die Begründung der Zellenlehre im Anfange unseres

Jahrhunderts verschaffte denselben ihre richtige Bedeutung als

Elementarorganismen und die ungeahnte Vervollkommnung der optischen

Hilfsmittel in unseren Tagen gestattet uns einen tiefen Einblick in den

einfachen und doch so komplizierten Bau ihres Körpers und lässt uns

an ihnen die Lebensäusserungen der Materie auf ihrer niedersten Stufe

erkennen.

In diesem Reiche der Urorganismen oder Protisten stehen wohl zu

unterst die Schleimtiere, die Wurzelfüsser oder wie ihr Name lauten

mag, kurz diejenigen Organismen, deren Protoplasmaleib, einer einzigen

Zelle an Wert entsprechend, keine feste Gestalt besitzt, sondern

regellos nach allen Richtungen des Raumes auszufliessen vermag. Ich

will die Streitfrage nicht weiter berühren, ob wirklich noch heute

in den Abgründen des Oceans ausgedehnte Mengen organischen Schleimes

leben oder nicht, ob der seinerzeit auch in der populären Litteratur

viel besprochene Bathybius, beziehungsweise ob ein ihm nahestehender

Organismus wirklich existiert, es mag uns die sichere Thatsache

genügen, dass wir viele und ganz unzweifelhafte Lebewesen kennen,

die eben jener Vorstellung von der niedersten Lebensstufe vollkommen

entsprechen. Im Meere sind die Wurzelfüsser schon lange bekannt, weil

dort auch dem blossen Auge sichtbare, von fester Schale umgebene Formen

leben. Die Reste solcher Schalen haben sich aus den ältesten Zeiten

unserer Erdgeschichte in grossen Massen erhalten und schon im Altertum

sind z. B. die Nummuliten bekannt, wenn auch nicht erkannt gewesen.

Aber auch das süsse Wasser, mit dessen Bewohnern dieses Buch

sich beschäftigt, beherbergt Wurzelfüsser in grosser Zahl und

mannigfacher Gestaltung. Schon im Jahre 1755 hat der wackere +Rösel

von Rosenhof+[64] die ersten Amöben aufgefunden und in seiner

„Insektenbelustigung“ beschrieben und abgebildet.

Die Beschreibung ist, obgleich sie sich natürlich nur auf die äussere

Gestalt und Formveränderung bezieht, trefflich und, wie alles im

+Rösel+schen Buch, anmutend und auch für uns Fortgeschrittenere noch

belehrend.

Die Amöbe ist nichts weiter als ein kleiner Protoplasmatropfen, von

keiner festeren Haut umgeben und aller denkbaren Formveränderung

fähig, bald in gleichmässigem schneckenartigen Kriechen oder, besser

gesagt, wie der Regentropfen an der Fensterscheibe gleitend, bald

sich zusammenkugelnd oder hie und da Fortsätze aussendend und wieder

einziehend. Es giebt kaum etwas Wunderbareres, als die mannigfaltigen

Bewegungen dieses Tröpfchens lebender Materie unter dem Mikroskope zu

verfolgen. Von hohem Interesse ist es, dass man in der jüngsten Zeit

dahin gekommen ist, dieselbe amöboide Bewegung an leblosen Objekten zu

beobachten[65]. Man stellte verschiedenartig gemischte Schmierseifen-

oder Olivenölschäume dar und sah Tropfen derselben gerade wie Amöben

bis sechs Tage lang ununterbrochen strömen. Ist es also gelungen,

künstliche Amöben im Laboratorium darzustellen? Das natürlich nicht,

denn all die komplizierten Lebenserscheinungen, von welchen wir

weiterhin zu sprechen haben werden, fehlen diesen Schaumtropfen, sie

lehren uns aber, wie die so rätselhaften Bewegungserscheinungen der

niedersten Lebewesen auf bekannte mechanische Vorgänge zurückgeführt

werden können.

Eine grosse Anzahl der Süsswasser-Amöben umgiebt ihren weichen Körper

mit einer schützenden Schale, die zwar nicht so kompliziert ist, wie

bei vielen der Meeres-„Foraminiferen“, aber zierlich und in ihrer

Entstehung interessant genug. Diese Schalenträger sind es, welchen

ich diesen kleinen Aufsatz widmen möchte. Sie leben vorzugsweise in

den stehenden Gewässern, teils auf dem Grunde, teils an lebenden oder

abgestorbenen Pflanzenteilen hinkriechend. Umstehendes Gruppenbild

(Fig. 16 S. 140) zeigt einen Tropfen irgend eines Weihers oder

Sumpfes mit drei Algenfäden, auf welchen verschiedene Vertreter der

Wurzelfüsser sich festgeheftet haben, alles bei starker Vergrösserung.

Da sehen wir rechts unten (Fig. 16, 2) das spitz zulaufende Gehäuse

der _Difflugia acuminata_, ganz aus Sandkörnern aufgebaut, zwischen

denen auch längliche Diatomeenschalen angeklebt sind, aus der

Mündung treten die Plasmafortsätze aus, mittels deren das Tier sich

fortbewegt. Noch zwei andere Difflugia-Arten zeigt unser Bild: Die

eigentümlich gewundene _D. spiralis_ (Fig. 16, 3) und links oben (Fig.

16, 1) die _D. urceolata_, deren Gehäuse wie eine zierliche Urne

regelrecht gebaut ist. Ebenfalls eine Schale aus Fremdkörpern, zugleich

versehen mit stachelartigen Fortsätzen, besitzt die _Centropyxis

aculeata_ (Fig. 16, 5). Im Gegensatz zu den genannten Arten ist bei

der Fig. 16, 6 abgebildeten _Hyalosphenia papilio_ das Gehäuse ein

Ausscheidungsprodukt, ein feines Häutchen, so durchsichtig, dass man

den Plasmakörper deutlich darin liegen sieht, mit feinen Fäden in der

Schale aufgehängt. Nun giebt es aber auch Formen, bei denen die Schale

zwar auch vom Tier selbst erzeugt wird, aber nicht im ganzen, sondern

in einzelnen Stücken, die, wie wir später sehen werden, kunstvoll an

einander gefügt sind. Bei der _Arcella vulgaris_ (Fig. 16, 4), einer

der häufigsten Arten in unseren Gewässern, ist die linsenförmige

Schale aus winzigen Prismen zusammengesetzt, so dass dieselbe bei

nicht ganz starker Vergrösserung fein punktiert erscheint. Ebenso

aus ganz kleinen Bestandteilen besteht das Gehäuse der zierlichen

_Cyphoderia ampulla_ (Fig. 16, 8), während bei _Quadrula symmetrica_

(Fig. 16, 7) und _Euglypha alveolata_ (Fig. 16, 9) die einzelnen

Schalenbestandteile leichter zu erkennen sind; bei der erstern sind es

quadratische Plättchen, bei der andern annähernd kreisrunde Scheiben,

welche die zarte Hülle zusammensetzen. Ich könnte noch eine grosse

Reihe von Formen aufführen, die den auf der Tafel dargestellten mehr

oder weniger ähnlich sind und die, so weit unsere Kenntnisse diesen

Schluss erlauben, über die ganze Erde verbreitet sind. Dieselben Arten

nämlich, die wir in Europa kennen, sind zumteil schon in Nord- und

Südamerika, Asien, Afrika, Australien und in den arktischen Ländern

gefunden worden; auch vertikal scheint für ihre Verbreitung kaum eine

Grenze zu ziehen, denn in der Schweiz fanden sie sich noch in 8000′,

in Nordamerika sogar in 10000′ Höhe unverändert vor[66]. Es ist mir

aber hier nicht um eine Aufzählung aller bisher entdeckten Formen zu

thun, ich möchte mich begnügen eine einzige zu beschreiben, diese soll

aber in ihren feinsten Einzelheiten untersucht und in allen ihren

Lebensvorgängen verfolgt werden. Dass eine derartige Spezialisierung

ihren hohen Wert besitzt, hoffe ich dann am Schlusse nachweisen zu

können.

[Illustration: Fig. 16.

Wurzelfüsser des süssen Wassers in einem Wassertropfen an Algenfäden

sitzend bei starker Vergrösserung. 1 _Difflugia urceolata_ -- 2

_Difflugia acuminata_ -- 3 _Difflugia spiralis_ -- 4 _Arcella

vulgaris_ von der Seite und von oben -- 5 _Centropyxis aculeata_ --

6 _Hyalosphenia papilio_ -- 7 _Quadrula symmetrica_ -- 8 _Cyphoderia

ampulla_ -- 9 _Euglypha alveolata_.

(Das Grössenverhältnis der hier abgebildeten Arten zu einander

entspricht nicht genau der Wirklichkeit.)]

Unter allen ihren Verwandten in der Gruppe der schalentragenden

Wurzelfüsser des süssen Wassers ist die +Euglypha alveolata+ wohl

am genauesten beschrieben, ja man kann wohl sagen, dass heute kaum

ein Organismus, Tier oder Pflanze, besteht, der so vollständig in

Gestalt und Lebensweise erforscht wäre. Anno 1841 wurde das Tier von

+Dujardin+ zum ersten Mal, später auch von +Ehrenberg+ kenntlich

dargestellt, und seither haben wohl mehr als fünfzehn Forscher sich

damit beschäftigt[67]. Kein Wunder also, wenn die Erkenntnis eines so

einfach gebauten Organismus weit gefördert werden musste.

Der Körper der Euglypha besteht, wie derjenige aller Wurzelfüsser,

aus einer kleinen Menge von Protoplasma, welches mehr oder weniger

körnig erscheint und an dem zunächst bei schwächerer Vergrösserung

keinerlei Strukturen zu erkennen sind; ein starker lichtbrechender

kugeliger Körper tritt aber auch jetzt schon ziemlich deutlich hervor,

das ist der Kern, und damit haben wir die erste wichtige Thatsache

festgestellt, dass die Euglypha den Formwert nur einer Zelle besitzt.

Wir können also nicht erwarten, in ihrem Körper Organe im Sinne der

höheren Tiere und Pflanzen aufzufinden, denn ein Organ besteht ja schon

an sich aus einer Vielheit von Zellen. Gehen wir in der Betrachtung des

einzelligen Geschöpfes von aussen nach innen vor: Der protoplasmatische

Körper der Euglypha steckt in einem überaus zierlichen, etwa

tonnenförmigen Gehäuse (Fig. 17) von winzigen Dimensionen: Bei der

gewöhnlichen Form nämlich ist der Längsdurchmesser nur ⁶⁄₁₀₀ _mm_ und

der Querdurchmesser ³⁄₁₀₀ _mm_ im Mittel.

Trotz dieser Winzigkeit gestatten uns unsere heutigen Instrumente,

die einzelnen Bestandteile, aus welchen die Schale aufgebaut ist,

genau zu erkennen: Es sind konvex-konkave Plättchen aus einer dem

Chitin ähnlichen, vielleicht von Kieselsäure imprägnierten Substanz.

Die Plättchen, deren konvexe Seite nach aussen gekehrt ist, decken

sich dachziegelartig und da diejenigen Stellen, wo sie über einander

greifen, dunkler erscheinen, so macht es den Eindruck, als wenn die

Schale polygonal gefeldert wäre. Diejenigen Plättchen, welche vorn

die Öffnung umgeben, sind nicht rund, sondern laufen in eine Spitze

aus und sind an ihrem freien Rande fein gezähnelt. Bei einer andern

Euglypha-Art stehen noch zwischen den Schalenplättchen ab und zu spitze

Stacheln.

[Illustration: Fig. 17.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 27 / 112 题