2. Bacillariaceen.

Höher organisiert als die Spaltalgen, stehen sie doch allen anderen

Gruppen der Algen als ein streng abgeschlossenes Ganzes gegenüber und

zeigen überhaupt eine ganz isolierte, durch keinerlei Beziehungen zu

anderen Organismen vermittelte Stellung im Reiche der lebenden Wesen.

Unter dem Mikroskop sind sie leicht erkennbar; ihr durch einen

Kieselpanzer geschützter Zellinhalt wird aus farblosem Protoplasma

gebildet, in welchem in bestimmter Stellung braune Körner oder Platten

auftreten, deren Farbstoff, Diatomin genannt, das Chlorophyll vertritt.

Weit mehr fällt aber der Kieselpanzer selbst in die Augen, da er meist

eine feine Zeichnung trägt, welche die Diatomeen oder Bacillarien zu

den zierlichsten Geschöpfen macht. Diese Zeichnung tritt besonders

schön bei manchen marinen Arten auf, in Form von sich kreuzenden

Liniensystemen oder dicht aneinanderschliessenden Sechsecken; sie

sind bei den in Fig. 2 (S. 42) abgebildeten Formen (ebenso wie der

Zellinhalt) weggelassen, weil die Abbildungen sonst zu grossen Raum

beansprucht haben würden. Die Linien liegen bei manchen Arten so nahe,

dass es nur den besten Mikroskopen gelingt, sie aufzulösen, d. h.

getrennt von einander deutlich sichtbar zu machen; deshalb werden

gewisse Diatomeen wie _Pleurosigma angulatum_ und _Surirella gemma_ zur

Prüfung der besten Objektive verwendet.

Die überaus zierlichen Kieselalgen verdienen übrigens wegen ihrer

Schönheit und Mannigfaltigkeit eine eingehendere Beobachtung auch

von solchen, denen irgend eine naturwissenschaftliche Beschäftigung

erwünscht ist und welche sich im Besitz eines Mikroskopes befinden,

oder sich ein solches anschaffen können (vergl. die Anmerkung am

Schluss). Der Formenreichtum ist ein ausserordentlicher und wenn bei

den Spaltalgen die Einförmigkeit der ganzen Gruppe auffiel, so tritt

uns bei den Kieselalgen eine Vielgestaltigkeit entgegen, wie sie

ausgeprägter kaum in einer anderen Pflanzenklasse vorkommt. Die Figur

2 giebt uns einen Überblick über die verschiedenen Formen, welche

unsere süssen Gewässer bewohnen; freilich konnte nur ein kleiner Teil

berücksichtigt werden.

In Nr. 1 tritt uns eine der vielen schwer unterscheidbaren Arten der

Gattung _Pinnularia_ entgegen. Sie sind fast symmetrisch gebaut und

mit deutlicher, in der Regel starker Streifung, welche auch in der

Figur angegeben ist. Sehr ähnlich ist _Navicula_ von kahnförmiger

Gestalt (Nr. 2), die Streifung ist aber sehr zart und oft nur mit

den besten Linsen zu erkennen. Die Streifen sind hier aus dichten

reihenförmigen Punkten gebildet. Bei der Gattung _Stauroneis_ (Nr.

3) ist ein deutliches helles Kreuz erkennbar, welches die ebenfalls

kahnförmige Zelle am Längs- und Querdurchmesser trägt. Eigentümlich

gebogen sind die Zellen der Gattung _Pleurosigma_ (Nr. 4) und nur nach

einer Richtung symmetrisch die stark gestreiften von _Cymbella_ (Nr. 5).

[Illustration: Fig. 2.

Kieselalgen, Bacillariaceen. 1. _Pinnularia_ -- 2. _Navicula_ -- 3.

_Stauroneis_ -- 4. _Pleurosigma_ -- 5. _Cymbella_ -- 6. _Amphora_ --

7. _Gomphonema_ -- 8. _Nitschia_ -- 9. _Surirella_ -- 10. _Synedra_ --

11. _Epithemia_ -- 12. _Meridion_ -- 13. _Fragillaria_ -- 14. _Diatoma_

-- 15. _Melosira_ -- 16. _Campylodiscus_ (_a_ von der Seite, _b_ von

oben). Stark vergrössert.]

Bei _Amphora_ (Nr. 6) bildet die Streifung zwei eigentümliche

Bänder, während andere Teile des Kieselpanzers ungestreift bleiben.

Bei der Gattung _Gomphonema_ sitzen die einzelnen Zellen auf

Gallertstielen, welche ein vielfach verzweigtes Bäumchen darstellen

(Nr. 7). Eigentümliche ovale oder verzogene Zellen werden durch die

Gattung _Surirella_ (Nr. 9) repräsentiert, _Synedra_ bildet meist

lange, nadelförmige Zellen, welche oft wie die Speichen eines Rades

zusammensitzen (Nr. 10). Die Gattung _Epithemia_ (Nr. 11) erinnert

etwas an _Cymbella_, ist jedoch schon durch die Streifung leicht

unterschieden. Dann giebt es eine Gruppe von Diatomeen, deren Zellen zu

Fäden verbunden bleiben, wie bei _Fragillaria_, _Diatoma_, _Meridion_,

_Melosira_ (Nr. 12-15), noch andere bilden schildförmige, mehr oder

weniger gebogene Platten, wie _Campylodiscus_ (Nr. 16). Aber auch nur

einigermassen genaue Beschreibung der deutschen Gattungen zu liefern,

ist an diesem Ort wegen des Formenreichtums und der Vielgestaltigkeit

der Diatomeen unmöglich. Dagegen soll uns noch ein Blick in das Leben

dieser zierlichsten aller Geschöpfe vergönnt sein.

Der Kieselpanzer einer Diatomee ist kein einheitliches Gebilde, sondern

besteht aus zwei sehr ähnlichen Hälften, die sich nur durch eine

geringe Grössendifferenz unterscheiden, sonst aber, namentlich in der

Zeichnung, vollständig übereinstimmen. Diese beiden Hälften sitzen in

einander wie die Teile einer Schachtel, was man bei günstigen Objekten

direkt sehen kann. Nimmt die Zelle an Volumen zu, so kann dies nur

dadurch geschehen, dass die beiden Teile etwas auseinanderweichen, da

ja die starren Kieselschalen ein Wachstum in die Länge oder Breite

verhindern. Endlich kommt bei dieser Volumenzunahme der Zelle aber

ein Stadium, in welchem die beiden Hälften oder Schalen nicht mehr

ineinandergreifen, sondern die Zelle nicht mehr vollständig bedecken

und einen schmalen Streif Plasma zwischen ihren Rändern freilassen.

Dann bilden sich an dieser Stelle zwei neue Schalen, von denen sich

die eine der grösseren, die andere der kleineren der alten Schalen

ebenso einfügt, als diese es ursprünglich waren, und aus der einen

Diatomee sind bei diesem Vorgange zwei geworden, welche in jeder

Beziehung dem Mutterindividuum gleichen, nur ist die eine um die Dicke

einer Schale kleiner als jene. Eine derartige Verkleinerung muss immer

erfolgen, weil die Kieselschalen starr sind und sich die jüngere Schale

immer der ältern einfügt. Bei weiteren Teilungen werden die jüngeren

Individuen mit der jüngern Schalenhälfte immer kleiner und wir sehen

oft von derselben Art Exemplare, die um mehr als das Doppelte in der

Länge von einander abweichen. Die Verkleinerung findet aber auch

naturgemäss ihre Grenze; ist die Grösse der Individuen bis auf ein

bestimmtes Mass herabgesunken, so teilen sie sich nicht weiter, sondern

es erfolgt eine Art Regeneration durch einen Vorgang, den man als

+Auxosporenbildung+ bezeichnet hat.

Die Auxosporenbildung tritt in drei verschiedenen Modifikationen auf;

entweder findet eine wirkliche Befruchtung durch die Verschmelzung

zweier Individuen statt, oder es findet nur eine Berührung statt,

oder endlich ein einziges Individuum schickt sich dazu an. Dieser

letzte Vorgang ist der einfachste, er ist am häufigsten bei Melosira

beobachtet worden. Eine der Zellen eines Fadens treibt unter rascher

Volumenzunahme die beiden Schalen ohne sich zu teilen aus einander,

tritt zwischen diesen teilweise hervor und bildet eine Kugel, welche an

zwei Punkten noch in den alten Schalen stecken bleibt, aber mehr als

den doppelten Durchmesser als diese hat. Erst jetzt teilt sich diese

„Auxospore“ und umgiebt sich mit Kieselschalen, welche zunächst von

denjenigen einer Melosira noch in der Gestalt wesentlich abweichen,

da sie Hälften einer nicht ganz regelmässigen Kugel sind. Aber schon

die beiden nächsten Schalen, welche sich innerhalb der Auxospore

entwickeln, nehmen die normale cylindrisch-schachtelförmige Gestalt an

und die beiden ersten aus der Auxospore entstehenden Zellen tragen je

eine halbkugelige und eine normale Schale. Die folgenden Individuen

sind wieder mit normalen Schalen versehen, nur zwei Nachkommen

behalten immer eine normale und eine Kugelschale. Bei einer Anzahl

anderer Diatomeen ist wenigstens eine Berührung zweier Individuen zur

Auxosporenbildung erforderlich. Die Schalen derselben weichen dann aus

einander, die Plasmamassen treten hervor und nehmen ausserordentlich

rasch an Volumen zu, während sich die zarte, nicht kieselhaltige

Membran dieser Plasmamassen stark dehnt. Erst wenn ein Wachstum nicht

mehr stattfindet, scheiden sich die Kieselschalen aus und die beiden

so entstandenen Zellen haben dann eine mehr als doppelte Länge wie

die Mutterzellen. Die Einzelheiten bei diesem Vorgang sind nach den

Gattungen verschieden und oft recht kompliziert. Noch andere Diatomeen

lassen ihre aus den Schalen ausgetretenen Plasmamassen wirklich

verschmelzen, wodurch ein der Konjugation der Spirogyren ähnlicher

Prozess herbeigeführt wird. Die konjugierte Plasmamasse wächst dann

bedeutend in die Länge und scheidet eine einzige zusammenhängende und

die ganze Zelle umschliessende Kieselmembran aus, innerhalb deren sich

die beiden Schalen einer neuen Zelle entwickeln. Dieselben werden durch

die Volumenzunahme der Zelle auseinandergetrieben und sprengen dann die

kieselhaltige harte Membran der Auxospore, wodurch die neue Zelle frei

wird und sich in normaler Weise weiter teilt. In allen Fällen hat die

Auxosporenbildung nur den Zweck, aus der allmählich zu klein gewordenen

Generation eine neue, grössere zu bilden, sie dient nicht ähnlichen

Zwecken wie etwa die Dauersporen der Schizophyceen, sondern es tritt

zwischen Auxosporenbildung und der Entwickelung neuer Zellen keinerlei

Ruhezustand ein.

Eigentliche Dauerzustände, welche durch besondere Zellen repräsentiert

werden, kommen bei den Diatomeen nicht vor, dagegen können Zellen unter

günstigen Verhältnissen auch eine längere Austrocknung ertragen, ohne

abzusterben. Das Plasma zieht sich dabei in eine Ecke der Kieselschalen

zurück und umgiebt sich mit einer Membran, bei Eintritt günstiger

Lebensbedingungen die normalen Funktionen wieder aufnehmend.

Eine eigentümliche, aber noch nicht aufgeklärte Eigenschaft der

Diatomeen ist ihre Bewegungsfähigkeit, welche ihnen jedoch nur

zukommt, wenn sie festem Substrat aufliegen, sie kriechen also an

demselben herum. Diese Thatsache macht es wahrscheinlich, dass die

Bewegung durch Plasmafäden vermittelt wird, welche durch Öffnungen

in den Kieselpanzern oder zwischen den Schalen hervortreten und sich

dem Substrat anheften; man hat jedoch bisher noch keinerlei derartige

Bewegungsorgane wahrnehmen können. Die Bewegung selbst ist eine

gleitende, oft ruckweise, meist genau der Längsrichtung des Körpers

folgend.

Die Diatomeen sind die einzigen Algen, welche sich seit der Zeit ihres

Auftretens auf der Erde in ihren Kieselschalen unverändert erhalten

haben, so viel Jahrtausende auch über ihre Grabstätten dahingerauscht

sind. Ihre Schalen haben auch so manche Proben bestanden, bei

denen nur wenig andere Geschöpfe nicht der völligen Vernichtung

anheimfielen. Von kleinen mikroskopischen Tieren verschluckt, wurden

die Diatomeen hier zum ersten Male verdaut, gerieten mit diesen in den

Magen von grösseren Weichtieren und mussten den Prozess zum zweiten

Male durchmachen. Zum dritten Male wurde ihnen das Los zu teil,

wenn diese Weichtiere von Fischen verspeist wurden, um mit diesen

zum vierten Mal von Seevögeln verdaut zu werden. Nichtsdestoweniger

passierten ihre Schalen unverändert den Darmkanal der Vögel und im

Guano finden sich dieselben noch in schönster Erhaltung. Bei solcher

Widerstandskraft ist es kein Wunder, dass sich die Diatomeen, wo sie

sich in Masse entwickelten, auch noch heute an diesen Orten fossil

vorfinden, nur das ist thatsächlich wunderbar, dass diese kleinsten

Organismen -- durchschnittlich gehen 10 bis 20 Millionen Individuen auf

1 Kubikmillimeter -- meilenweite und viele Fuss tiefe Lager bilden,

wie bei uns in Deutschland namentlich in der +Lüneburger Heide+, bei

+Berlin+ und bei +Königsberg+. Die als Tripel, Mergel, Kieselguhr und

Infusorienerde bezeichneten Fossilien sind wesentlich nichts anderes

als die Kieselschalen der Diatomeen, deren zierliche Form unter dem

Mikroskop sich sofort verrät.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 11 / 112 题