1. Die Schizophyceen oder Spaltalgen.

Wo sich in verdorbenem Wasser schmutzig graugrüne oder dunkel

stahlblaue Flocken an der Oberfläche ansammeln oder an feuchten Mauern

ein rötlicher gallertartiger oder schleimiger Überzug entsteht, wo

sich auf Teichen spangrüne Wasserblüten bilden oder bräunlichgrüne

Gallertkugeln schwimmen, in den Torflachen des Hochmoores wie in

den Seen der Ebene, an nassen Felswänden wie auf feuchter Erde und

zwischen Moos treten uns die Spaltalgen entgegen. Viele Arten, wie

die echten Oscillarien, bedürfen grösserer Mengen organischer Stoffe

zu ihrem Gedeihen und treten deshalb vorzugsweise in verdorbenem

Wasser, in Abzugsgräben von Fabriken und ähnlichen Orten auf, einige

sind genügsamer und stellen wesentlich dieselben Forderungen an ihr

Nährsubstrat, wie andere Algen auch.

Es sind sehr einfach organisierte Geschöpfe. Teils bilden sie nur

einzelne Zellen, welche in festerem oder lockerem, oder auch in

gar keinem Zusammenhange mit einander stehen, teils bleiben sie zu

verschiedenartig gestalteten Zellfäden verbunden. Die Membran der

Zellen ist meist sehr dünn, aber in vielen Fällen, wenigstens in den

äusseren Schichten, sehr quellbar und zur Gallertbildung geneigt.

Neuerdings hat man auch sehr kleine und zwar mehrere Zellkerne in

den Zellen nachgewiesen. Die Färbung scheint nicht an bestimmte

Chromatophoren gebunden, sondern im Plasma verteilt zu sein, sie kann

sehr verschieden, rot, blau, braun, blaugrün, spangrün, violett, in den

verschiedensten Nüancen, aber niemals rein chlorophyllgrün sein. Die

Vermehrung erfolgt durch Querteilung der Zellen und Loslösung derselben

oder einer Gruppe von Zellen, wenn diese einen gemeinschaftlichen

Verband darstellen, seien es Fäden oder nur lose verbundene

Einzelzellen. Solche losgelöste Fadenstücke, welche man Hormogonien

nennt, bilden dann neue Familien, wenn man diesen Ausdruck auf einen

selbständigen Zellkomplex von sehr verschieden innigem Zusammenhange

ausdehnen will.

Neben diesen rein vegetativen Zwecken dienenden und in der Mehrzahl

vorhandenen Zellen kommen auch noch seltener bei manchen Arten zwei

andere Arten von Zellen vor, die +Grenzzellen+ oder Heterocysten und

die +Dauerzellen+ oder Dauersporen. Die ersteren unterscheiden sich

von den vegetativen Zellen leicht durch die bedeutendere Grösse, durch

einen geringeren Gehalt an plastischen Stoffen und durch abweichende,

meist sehr viel hellere Färbung. Sie haben das Vermögen verloren,

sich zu teilen und bilden gewissermassen Grenzpfähle zwischen den

vegetativen Zellen; welchen Zweck sie erfüllen, ist nicht bekannt.

Die Dauerzellen oder Dauersporen, auch kurz Sporen genannt, weichen

ebenfalls von den vegetativen Zellen in der Gestalt ab, nur sind sie

im Gegensatz zu den Heterocysten reicher an Plasma und in der Regel

dunkler gefärbt. Auch ihre Membran ist meist stärker, so dass sie

schädlichen äusseren Einflüssen besser widerstehen können als die

vegetativen Zellen. Sie dienen denn auch dazu, unter ungünstigen

Verhältnissen die Art zu erhalten und fortzupflanzen. Tritt

beispielsweise grosse Dürre ein und trocknen die Pfützen aus, welche

von Dauerzellen bildenden Spaltalgen bewohnt waren, so gehen wohl die

vegetativen Zellen zu Grunde, die Dauerzellen bleiben aber am Leben,

treten in einen Ruhezustand ein und entwickeln, wenn sich die Pfützen

wieder füllen, neue Pflänzchen.

Der Farbstoff, welcher den Spaltalgen eigen ist, wurde Phycochrom

und daher die ganze Gruppe Phycochromaceen genannt; derselbe besteht

wesentlich aus dem blauen Phycocyan (daher Cyanophyceen) und dem gelben

Phycoxanthin, welches dem Blattgelb (Xanthophyll) ähnlich ist, daneben

scheint aber noch ein dem Chlorophyll sehr ähnlicher grüner Farbstoff

vorhanden zu sein. Ausser diesem das Innere der Zellen erfüllenden

Farbstoff finden sich aber noch andere, welche den Hüllen selbst eigen

sind und meist eine gelbbraune oder rote Färbung verleihen, über deren

Eigenschaften man aber noch so gut wie gar nichts weiss. Wenn wir uns

unter den Spaltalgen umsehen, so finden wir eine grosse Einförmigkeit;

nur geringe Unterschiede trennen die Gruppen und die Artenkenntnis

ist grösstenteils eine recht zweifelhafte. Am übersichtlichsten ist

wohl die nachstehende Einteilung der Spaltalgen in Hauptgruppen oder

Familien, jenachdem man unter ihnen noch besondere Unterabteilungen

bildet oder nicht.

1. +Coccogene Spaltalgen+, _Chroococcaceae_. Die Zellen trennen

sich nach der Teilung von einander und bleiben entweder völlig ohne

Zusammenhang oder stehen nur in äusserlichem durch die Gallertbildung

der Membran bedingtem Zusammenhang (Fig. 1 _a_–_c_). Die wichtigsten

Gattungen sind folgende: _Chroococcus_ (Fig. 1 _a_), Zellen rund oder

eckig, einzeln, zu zwei oder vier in eine nicht zerfliessliche Gallerte

eingebettet, in welcher man zwar bei manchen Arten Schichtungen, aber

keine Einschachtelungen erkennen kann. Die Gattung _Gloeocapsa_ (Fig.

1 _b_) unterscheidet sich von der vorhergehenden durch stets runde

Zellen und durch Zellfamilien, in welchen die Zellmembran der Mutter

um die Tochterzellen stets erhalten bleibt, so dass vollständige

Einschachtelungen entstehen. Viele Arten besitzen eine sehr lebhafte

rote oder violette Färbung dieser Gallertschichten, während der Inhalt

der Zelle selbst mehr spangrün gefärbt ist. Ganz ähnlich ist die

Gattung _Gloeothece_, nur sind hier die Zellen länglich. Diesen beiden

Gattungen entsprechen _Aphanocapsa_ und _Aphanothece_ vollständig,

nur sind hier die Hüllmembranen nicht in einander eingeschachtelt,

sondern bilden eine homogene Gallerte. Die Gattung _Merismopedia_

bildet Zellfamilien von Tafelform, je vier Zellen stehen näher zusammen

(Fig. 1 _c_). _Clathrocystis_ bildet rundliche Zellen, welche durch

vergallertende Membranen zu kleinen Hohlkugeln verbunden bleiben.

Sie bildet, ebenso wie die sehr ähnliche Gattung _Polycystis_, oft

spangrüne Wasserblüten, welche den Fischen verderblich werden können.

[Illustration: Fig. 1.

Spaltalgen. _a_ _Chroococcus_ -- _b_ _Gloeocapsa_ -- _c_ _Merismopedia_

-- _d_ _Oscillaria_ -- _e_ _Cylindrospermum_ -- _f_ _Limnochlyde_ --

_g_ _Rivularia_ (junge Fäden) -- _h_ _Nostoc_ -- _i_ _Hapalosiphon_

-- _k_ _Chamaesiphon_ -- _l_ _Lyngbya_ -- _m_ _Spirulina_ -- _n_

_Beggiatoa_. Sämtlich stark vergrössert.]

2. +Nematogene Spaltalgen.+ Die Zellen bleiben zu längeren oder

kürzeren Fäden vereinigt. Die +Oscillariaceen+ repräsentieren

unter ihnen den niedrigsten Stand. Bei ihnen ist noch keinerlei

Unterschied zwischen den einzelnen Zellen vorhanden, sie besitzen

weder Heterocysten noch Dauersporen und beide Enden des Fadens

sind gleichartig ausgebildet. Unter ihnen ist wieder die Gattung

_Oscillaria_ (Fig. 1 _d_) am einfachsten organisiert, es sind

einfache scheidenlose spangrüne, blaugrüne oder violette Fäden, in

denen man die Querwände der einzelnen Zellen oft nur undeutlich

erkennt. Von ihr unterscheidet sich die Gattung _Beggiatoa_ (Fig.

1 _n_) durch das Fehlen des Farbstoffes. Beide Gattungen sowie die

verwandte korkzieherartig gedrehte _Spirulina_ (Fig. 1 _m_) besitzen

Bewegungsvermögen, eine kriechende mit Drehung um die Längsachse und

die Krümmungen des Fadens verbundene Bewegung, welche sie befähigt,

an den Wänden von Glasgefässen etc. in die Höhe zu steigen. Die

Oscillarien sind Bewohner unreinen Wassers, und wo man sie findet, kann

man ohne weiteres darauf schliessen, dass in dem Wasser irgendwelche

Fäulnisprozesse stattgefunden haben, und dass es für den Gebrauch als

Trinkwasser ungeeignet ist. Bei zwei anderen Gattungen dieser Gruppe

finden sich Scheiden um den Faden, welche aus den vergallertenden

Aussenwänden der Zellmembranen entstehen. Bei _Chamaesiphon_ ist die

Scheide sehr zart, die Pflänzchen bestehen aus wenigen undeutlich

begrenzten Zellen und sitzen oft massenhaft auf anderen Fadenalgen

auf (Fig. 1 _k_). Bei _Lyngbya_ (Fig. 1 _l_) sind sie sehr stark

und oft infolge der Einlagerung von Eisenocker gelb gefärbt. Die in

eisenhaltigem Wasser sumpfiger Gräben auftretenden rostroten Flocken

gehören den oft schon abgestorbenen Fäden der Ockeralge, _Lyngbya

ochracea_ an, welche allerdings viel feinere Fäden bildet als die in

Fig. 1 _l_ abgebildete Art.

Die +Nostocaceen+ stehen schon wesentlich höher; zwar bilden auch sie

nur einfache unverzweigte Fäden, deren Basis von der Spitze nicht

verschieden ist, aber es sind schon Grenzzellen vorhanden; und auch

Dauersporen kommen den meisten Arten auf der Höhe ihrer Entwickelung

zu. Die Gattung _Nostoc_ bildet rosenkranzförmige Ketten, welche

aus je einer Anzahl vegetativer Zellen zwischen zwei Heterocysten

zusammengesetzt sind (Fig. 1 _h_). Eine Anzahl solcher Perlschnuren

liegen dann in einer bestimmt geformten meist kugeligen Gallerte

eingebettet, welche wieder aus den quellbaren Membranen der Zellen

entstehen. So tritt uns _Nostoc_ im Wasser wie an feuchten Felsen

oder Hohlwegen im Walde nicht selten entgegen und hat wenigstens

teilweise eine Rolle bei der Sternschnuppengallerte gespielt, während

diese letztere auch, und wohl hauptsächlich, auf die ausserordentlich

quellbaren Elemente der Eierstöcke weiblicher irgendwie zerstückelter

Frösche zurückzuführen ist. Die Gattung _Anabaena_ unterscheidet sich

von _Nostoc_ nur dadurch, dass ihre Fäden nicht in Gallertklumpen

zusammengelagert sind. Wir kultivieren unabsichtlich eine Art derselben

in unseren botanischen Gärten, die _Anabaena Azollae_, welche

die hohlen Blätter des kleinen ausländischen Wasserfarns _Azolla

caroliniana_ fast regelmässig bewohnt. Eine andere hierher gehörige

Alge _Aphanizomenon_ oder _Limnochlyde Flos aquae_ (Fig. 1 _f_) mit

grossen cylindrischen Dauerzellen bildet kleine zusammenhängende

Flöckchen, welche auf der Oberfläche des Wassers schwimmen und oft eine

dichte Wasserblüte hervorrufen. In der Gattung _Cylindrospermum_ stehen

die Grenzzellen terminal, daneben die meist cylindrisch gestalteten

Dauerzellen.

Höher organisiert sind die +Stigonemaceen+, welche bereits verzweigte

Fäden bilden, wie der in Fig. 1 _i_ abgebildete _Hapalosiphon_. Die

Verzweigung entsteht dadurch, dass der Zellfaden nicht bloss an den

Enden, sondern auch in der Mitte wächst, d. h. dass sich die Zellen

auch hier teilen und eine Spannung der Gallertscheide bewirken, die

schliesslich an einer Stelle reisst und die Zellen hervordringen

lässt, welche nun wieder sich teilen und dadurch einen Zweig bilden.

Am höchsten stehen die +Rivularien+, welche bereits einen deutlichen

Gegensatz zwischen Basis und Spitze zeigen, wie eine in Fig. 1 _g_

abgebildete Gruppe junger Rivulariafäden erkennen lässt.

Wie schon erwähnt zerfällt der _Thallus_ der fadenbildenden Spaltalgen

auf einer bestimmten Entwickelungsstufe in eine Anzahl kurzer

Fadenstücke, Hormogonien, welche eine Zeitlang Bewegungsfähigkeit

besitzen und umherwandern, um sich ein neues Heim zu suchen. Dabei

wählen sie mit Vorliebe Orte zu ihrem Aufenthalt, die ihnen gegen

aussen Schutz gewähren, leere Insekten oder Crustaceenschalen, grosse

abgestorbene Pflanzenzellen, oder irgendwie hohle Organe lebender

Pflanzen, wie wir sie in den Schwimmblasen der _Utricularia_ und

bei mehreren Torf- und Lebermoosen finden. Auch aus den kugeligen

Zellenfamilien der Chroococcaceen können sich Kugelsegmente loslösen

und zu neuen Familien heranwachsen, wodurch alte Kolonien ein ganz

durchlöchertes Aussehen gewinnen.

Das Interesse, welches die Spaltalgen uns erwecken, wird vorzüglich

noch durch zwei Punkte vermehrt, durch ihre unbestreitbar nahe

Verwandtschaft zu den Spaltpilzen und durch die Rolle, welche sie im

+Flechtenthallus+ spielen.

Die Spaltpilze kommen wesentlich in denselben Formen vor, und nur

die Farbe der Zellen geht ihnen ab. Wir haben aber in vielen Fällen

so genau dieselbe Anordnung der Zellen, wie bei _Merismopedia_, bei

_Leptothrix_ und ähnlichen, dass die Gattungen sowohl bei Spaltalgen

wie bei Spaltpilzen aufgenommen wurden und man zu diesen die farblosen,

zu jenen die gefärbten Formen stellt. Aus anderen Gründen, deren

Erörterung hier zu weit führen würde, ist man noch mehr gezwungen,

in beiden Gruppen die nächsten Verwandten zu erblicken und nur

Zweckmässigkeitsgründe lassen es erwünscht erscheinen, sie noch aus

einander zu halten.

Dass die als Gonidien bezeichneten grünen Zellen des Flechtenkörpers

wirklich nur Algenzellen sind, wird wohl von niemandem mehr ernstlich

bezweifelt, der sich irgendwie eingehend mit diesen Fragen beschäftigt

hat. Nur einige ältere Flechtensystematiker können sich noch nicht zu

dieser Ansicht bekehren, denn sie wollen die Selbständigkeit derjenigen

Pflanzen, welchen sie soviel Zeit und Arbeit gewidmet haben, nicht

gern aufgeben. Thatsächlich sind die Flechten aber keine einheitlichen

Organismen, sondern durch ein höchst eigentümliches und interessantes

Zusammenleben von Pilzen und Algen entstandene Pflanzengebilde. Indem

die Sporen gewisser Pilze auf eine Algenvegetation fallen, treiben

sie Hyphen, mit welchen sie die Zellen umspinnen und vollständig

einschliessen. Die Algen nehmen übrigens, wie es scheint, dabei

durchaus keinen Schaden, sondern befinden sich ganz wohl dabei, teilen

sich in demselben Verhältnis wie die Hyphen, wachsen und liefern diesen

die nötigen organischen Stoffe, während sie anderseits von ihnen ihre

Feuchtigkeit und ihre anorganischen Baustoffe den Pilzen verdanken.

Dieses als +Symbiose+ bezeichnete seltsame Zusammenleben zweier so

ganz verschiedener Organismen hat die Förderung jedes einzelnen ohne

Benachteiligung des anderen zum Zweck. Allerdings sind dabei die

Pilze vollständig auf die Algen angewiesen, denn ihre Sporen gehen zu

Grunde, wenn sie nicht die entsprechenden Algen finden, während die

letzteren ebensogut auch ohne Pilze leben können. Das ist ja gerade

einer der Hauptbeweisgründe für die Algennatur der Flechtengonidien,

dass man dieselben Zellen auch ausserhalb des Flechtenthallus kennt,

und dass man sie hier zu selbständigen Gattungen und Arten erhob,

während sie in der Flechte durchaus nur unselbständige Teile des

Thallus sein sollten. Übrigens ist es nicht unmöglich, dass ein

grosser Teil der als „Raumparasitismus“ im Tier- und Pflanzenreich

bezeichneten Erscheinungen auf wirkliche Symbiose zurückzuführen ist,

bei welcher sowohl Wirt als Gast ihre Rechnung finden würden und

sich gewissermassen zu gegenseitiger Unterstützung verbunden haben.

Die meisten der bei der Flechtenbildung beteiligten Algen gehören

den Cyanophyceen an, einige den Grünalgen, besonders der Gattung

_Protococcus_; aber auch grüne Fadenalgen treten im Flechtenthallus

auf, so eine _Cladophora_ in der tropischen Gattung der Fadenflechten

_Coenogonium_.

Die Spaltalgen bilden mit den Spaltpilzen zusammen eine gegen die

übrigen Pflanzen streng abgeschlossene Gruppe, ohne jeden vermittelnden

Übergang. Mit dem Tierreich werden sie fast unmerklich und ohne

dass eine scharfe Grenze gezogen werden kann, durch die Gruppe der

+Monadinen+ verbunden.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 10 / 112 题