1. Man könnte nun die Frage aufwerfen, _ob die epische nachahmende
Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei_. Ist nämlich die
minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein
besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige
nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine
plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein
Verständnis (für die Darstellung) zeigen, falls er (der Schauspieler)
nicht seinerseits etwas dazu (S. 65) beiträgt, so bewegen sich diese in
starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten,
wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den
Chorführer (am Gewände), wenn sie die _Skylla_ blasen.
2. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre
Nachfolger beurteilten, denn _Mynniskos_ nannte den _Kallipides_, weil
er gar zu sehr übertrieb, einen _Kallias_[98] und in einem ähnlichen
(üblen) Rufe stand auch _Pindaros_. Wie sich nun (1462a) jene (älteren
Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze
(tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man,
wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen
bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine
plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende.
3. Allein _erstens_ ist das eine Anklage _gar nicht gegen die
Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst_, denn es kann auch der
Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies _Sosistratos_ getan und
(ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies _Mnasitheos_ der
Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen,
da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von
Stümpern, wie ja auch _Kallipides_ getadelt wurde und heutzutage andere,
weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen.
[Sidenote: c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]
4. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung
_ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung_, denn schon durch die
bloße Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie (S. 66) also
im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls
jener Tadel nicht notwendig anzuhaften.
5. Sodann (2) (ist sie überlegen) _weil sie alles besitzt was die
epische Dichtung hat_, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und
darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der
musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche
die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt
sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den
(tatsächlichen) Aufführungen.
6. Ferner (3) _erreicht die Tragödie das Ziel_ (1462b) _der_
nachahmenden Darstellung _innerhalb eines kleineren Umfangs_; denn was
gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit
Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den
_Oidipus_ des _Sophokles_ in so viel Verse setzen würde wie die _Ilias_
hat <....>.
7. Endlich (4) ist die _epische Dichtung eine weniger einheitliche_
nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen
nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß,
selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten,
diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit
der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält,
wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus
mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die _Ilias_ viele derartige
Teile hat und die _Odyssee_, Teile, die auch für sich schon eine
(genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte
in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende
Darstellung, soweit dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen
Handlung. (S. 67)
8. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) _überlegen_
ist und überdies indem _Ziel_ der Kunst--denn diese (Dichtarten) sollen
nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits
erwähnte--so leuchtet ein, _daß sie vortrefflicher als die epische
Dichtung ist_, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht.
[Sidenote: c. 26, 9. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]
9. Über die Tragödie also und das Epos sowohl an sich wie über ihre
Arten und Bestandteile, wie viele deren sind und wie sie sich
unterscheiden, welches die Ursachen ihres Erfolges oder Mißerfolges
sind, und über die Probleme und deren Lösungen mag derartiges gesagt
sein....
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