/*
"_Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger
Schliefen die ganze Nacht_"
*/
und doch heißt es unmittelbar darauf
/*
"_Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde.
Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_."[85]
*/
Jenes, "_Alle_" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein
"Alles" ist nur eine Art des "Vielen".
Auch jenes "_allein nicht teilnimmt_"[90] ist metaphorisch zu verstehen,
denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".
12. Ferner kann man auf Grund der _Prosodie_ (Einwände widerlegen), wie
_Hippias_ der Thasier dies tat in jenem "_wir gewähren_ (dídomen) _ihm
aber_"[87] und "_Das zum Teil durch den Regen verfault_"[88].
[Sidenote: c. 25, 13. Probleme und Losungen.]
13. Wieder anderes vermittelst der _Interpunktion_, wie z.B.
_Empedokles_[89] sagt:
/*
"_Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte,
Und als gemischt, was lauter zuvor_."
*/
[Sidenote: c. 25, 14. Probleme und Lösungen.]
14. Anderes sodann durch die Annahme einer _Amphibolie_ (S. 62)
(Doppelsinn):
/*
"_Von der Nacht entschwand der größere Teil_"[91]
*/
denn der Ausdruck "größere" (_pleíō_) ist doppelsinnig.
15. Andere _Bedenken_ (lösen sich) mit Berufung auf den
_Sprachgebrauch_: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein.
Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet:
/*
"_Schiene von neubereitetem Zinne_"[92],
*/
nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter.
Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es:
Ganymed
/*
"_schenkt dem Zeus Wein ein_",
*/
obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken[93]. Doch könnte man dieses
Beispiel auch als Metapher auffassen.
16. Man muß auch, wenn ein Wort etwas _Widersprechendes_ zu bezeichnen
scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden)
Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "_Da hielt die eherne Lanze
an_"[94], wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann.
17. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen
möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem _Glaukon_
berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach dem
sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt (S. 63) haben, bauen
sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas
stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das
gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen
über _Ikarios_. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein
_Lakone_. Es schien daher ungereimt, daß _Telemachos_, als er nach
_Sparta_ kam[95], mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich
damit aber vielleicht so, wie die _Kephallenier_ berichten. Sie
erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei
_Ikadios_ und nicht _Ikarios_ (sein Schwiegervater). Demnach ist es
wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist.
18. Im allgemeinen muß man das _Unmögliche_ in der Dichtung entweder auf
das _Zweckmäßigere_ oder auf die _herrschende Meinung_ zurückführen.
Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar
Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht
unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. _Zeuxis_ zu
malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem
Ideal gebührt der Vorrang.
19. _Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen,
zurückführen_ und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie
auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es
wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich
ereignet.
[Sidenote: c. 25, 20. Probleme und Lösungen.]
20. _Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die
Widerlegungen in der Dialektik_, ob es sich um das Nämliche oder ob es
in derselben Beziehung oder derselben (S. 64) Art und Weise gilt, mithin
auch der _Dichter_ entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen
das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in
Widerspruch verwickeln darf).
21. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie
Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des
Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des _Aigeus_[96],
oder der Charakterschlechtigkeit, wie im _Orestes_[97] der des
_Menelaos_.
22. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus _fünf Arten_, denn
entweder _tadelt_ man etwas als _unmöglich_ oder als _vernunftwidrig_
oder als _sittenverderblich_ oder als _widerspruchsvoll_ oder als _einen
Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit_. Die _Lösungen_
(Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu
betrachten deren es _zwölf_ gibt.
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