1. Was nun die erzählende und in einem (einheitlichen) Versmaß verfaßte
nachahmende Darstellung betrifft, so leuchtet es ein, daß diese Stoffe
wie in den Tragödien dramatisch angelegt sein müssen, d.h. daß sie sich
um eine _einheitliche, eine ganze und in sich abgeschlossene Handlung
bewegen müssen_, die Anfang und Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein
einheitliches und vollständiges Lebewesen, die ihr eigentümliche
Lustempfindung hervorrufe.
[Sidenote: c. 23, 2. Das Epos.]
2. Auch ist es klar, daß _diese Kompositionen nicht den
Geschichtsdarstellungen ähnlich sein dürfen_, die sich notwendigerweise
nicht die Darlegung einer einheitlichen Handlung zum Ziel setzen,
sondern die eines einzelnen Zeitabschnittes und alles, was etwa in
diesem an einer Person oder an mehreren sich ereignet hat, von welchen
Begebenheiten jede in (S. 52) einem beliebigen Verhältnis zu einer
anderen steht. So fanden die Seeschlacht bei _Salamis_ und die Schlacht
der _Karthager_ in Sizilien zwar gleichzeitig statt, ohne jedoch auf
dasselbe Endziel hinzusteuern. Und so erfolgt auch zuweilen in eng
aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten das Eine auf das Andere, von denen
keines auf ein und denselben Zweck abzielt, wenngleich die meisten
(epischen) Dichter dementsprechend verfahren.
3. Deshalb, wie wir schon hervorhoben, dürfte auch darin _Homer_ sich
als ein gottbegnadeter _Dichter_ im Vergleich zu den übrigen erweisen,
daß er gar _nicht den Versuch gemacht hat, den ganzen_ (Trojanischen)
_Krieg_, wiewohl er einen (regelrechten) Anfang und ein (ebensolches)
Ende hat, _darzustellen_. Denn gar zu groß und unübersichtlich dürfte
der Stoff geworden sein oder, selbst wenn der Dichter sich in bezug auf
den Umfang Grenzen auferlegt hätte, so würde der Stoff trotzdem durch
seine bunte Fülle allzu verwickelt gewesen sein. Bei dieser Sachlage hat
er nur einen Teilabschnitt abgesondert und viele der Begebenheiten in
Episoden untergebracht, wie z.B. den Schiffskatalog[68] und andere
Episoden, mit denen er seine Dichtung schmückt.
4. Die übrigen (Epiker) dagegen behandelten, was sich in bezug auf eine
einzelne Person oder einen einzelnen Zeitabschnitt abspielte oder, wenn
schon auf eine einzige Handlung, so doch eine vielteilige, wie z.B. der
Verfasser der _Kyprien_ und der der _Kleinen Ilias_. Denn aus einer
_Ilias_ und _Odyssee_ läßt sich nur je eine Tragödie entnehmen oder
höchstens zwei, aus den _Kyprien_ dagegen viele und aus der _Kleinen
Ilias_ acht, nämlich das Waffengericht, _Neoptolemos_, (S. 53) 1459b
[Eurypylos] _Philoktet_, Die Bettlerrhapsodie, [Die Lakonierinnen] die
Zerstörung _Ilions_, die Abfahrt, _Sinon_ und die _Troerinnen_[69].
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