KAPITEL XXIV

1. Weiterhin muß die _epische Dichtung dieselben Arten haben wie die

Tragödie_, denn sie muß entweder einfach oder verflochten,

charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die

Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen

Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der

Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen

Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck

kunstgerecht sein.

2. All diesen Forderungen hat _Homer_, sowohl als erster wie in

genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte

dementsprechend angelegt, die _Ilias_ einfach und leidvoll, die

_Odyssee_ verflochten --beruht sie doch ganz auf Erkennungen--und

charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in

der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.

[Sidenote: c. 24, 3. Das Epos.]

3. Was nun die _Komposition_ anbelangt, so unterscheidet sich die

epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer _Ausdehnung_ und

ihres _Versmaßes_. In bezug auf die _Ausdehnung_ dürfte die bereits

angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein

müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn

einerseits die Kompositionea von geringerer Ausdehnung als die der

alten (Epiker) (S. 54) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine

einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.

4. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner

eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der

Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich

gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den

Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern

abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden

Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile

vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des

Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner

Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt

und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das

nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu

verschulden pflegt.

5. Was aber das _Versmaß_ anbelangt, so hat sich das heroische (der

Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte

jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung

nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend

erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste

und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und

Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende

Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen

Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter

haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz,

jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn jemand

allerhand Versmaße untereinander (S. 55) mischen würde, wie dies

_Chairemon_ getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische)

Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet,

sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende

Versmaß zu wählen gelehrt.

6. _Homer_, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch

darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist,

_was er selbst zu tun habe_. Der Dichter soll nämlich _so wenig wie

möglich in eigner Person reden_, denn nicht nach dieser Richtung hin ist

er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen

treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges

und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt

nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend

eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern

mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.

[Sidenote: c. 24, 7. Das Epos.]

7. In der Tragödie muß man das _Wunderbare_ darstellen in der epischen

Dichtung dagegen hat vielmehr das _Vernunftwidrige_, auf dem in der

Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst)

nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge

bei der Verfolgung _Hektors_[70] auf der Bühne dargestellt einen

lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die

stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer[71],

der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen

Vorgangs) verborgen, denn das Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein

Beweis dafür (S. 56) ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht

damit zu erfreuen.

8. Im besonderen hat _Homer_ auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man

(zweckmäßig) _Unwahres sagen könne_. Dies beruht aber auf einem

_Trugschluß_. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die

erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite

Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist,

auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein

Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B)

aber--die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt --notwendigerweise

wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B)

hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser

Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes

aus der Badeszene[72] <....>

9. Endlich muß man dem _unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen

Unglaubhaften den Vorzug geben_. Allerdings darf man nicht die Stoffe

auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich

überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht

möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung

Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im _Oidipus_, seine Unkenntnis

nämlich, auf welche Weise _Laios_ ums Leben kam[73], aber nicht

innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra[74] die Berichterstattung

über die pythischen Spiele oder in den _Mysern_ der Mann, (S. 57) der

stumm von Tegea bis Mysien wanderte.[75] Zu sagen, daß sonst die Fabel

in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von

vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch

getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man

auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die

Unzuträglichkeit der Szenen in der _Odyssee_, die sich bei der

Aussetzung[76] (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in

die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte.

Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das

Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.

10. Dem _sprachlichen Ausdruck_ soll der Dichter seine _besondere

Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden_, d.h. solchen, die weder

durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen.

Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die

Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.

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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 60 / 65 题