1. Weiterhin muß die _epische Dichtung dieselben Arten haben wie die
Tragödie_, denn sie muß entweder einfach oder verflochten,
charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die
Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen
Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der
Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen
Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck
kunstgerecht sein.
2. All diesen Forderungen hat _Homer_, sowohl als erster wie in
genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte
dementsprechend angelegt, die _Ilias_ einfach und leidvoll, die
_Odyssee_ verflochten --beruht sie doch ganz auf Erkennungen--und
charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in
der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.
[Sidenote: c. 24, 3. Das Epos.]
3. Was nun die _Komposition_ anbelangt, so unterscheidet sich die
epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer _Ausdehnung_ und
ihres _Versmaßes_. In bezug auf die _Ausdehnung_ dürfte die bereits
angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein
müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn
einerseits die Kompositionea von geringerer Ausdehnung als die der
alten (Epiker) (S. 54) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine
einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.
4. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner
eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der
Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich
gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den
Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern
abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden
Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile
vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des
Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner
Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt
und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das
nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu
verschulden pflegt.
5. Was aber das _Versmaß_ anbelangt, so hat sich das heroische (der
Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte
jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung
nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend
erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste
und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und
Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende
Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen
Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter
haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz,
jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn jemand
allerhand Versmaße untereinander (S. 55) mischen würde, wie dies
_Chairemon_ getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische)
Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet,
sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende
Versmaß zu wählen gelehrt.
6. _Homer_, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch
darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist,
_was er selbst zu tun habe_. Der Dichter soll nämlich _so wenig wie
möglich in eigner Person reden_, denn nicht nach dieser Richtung hin ist
er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen
treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges
und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt
nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend
eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern
mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.
[Sidenote: c. 24, 7. Das Epos.]
7. In der Tragödie muß man das _Wunderbare_ darstellen in der epischen
Dichtung dagegen hat vielmehr das _Vernunftwidrige_, auf dem in der
Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst)
nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge
bei der Verfolgung _Hektors_[70] auf der Bühne dargestellt einen
lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die
stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer[71],
der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen
Vorgangs) verborgen, denn das Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein
Beweis dafür (S. 56) ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht
damit zu erfreuen.
8. Im besonderen hat _Homer_ auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man
(zweckmäßig) _Unwahres sagen könne_. Dies beruht aber auf einem
_Trugschluß_. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die
erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite
Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist,
auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein
Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B)
aber--die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt --notwendigerweise
wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B)
hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser
Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes
aus der Badeszene[72] <....>
9. Endlich muß man dem _unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen
Unglaubhaften den Vorzug geben_. Allerdings darf man nicht die Stoffe
auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich
überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht
möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung
Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im _Oidipus_, seine Unkenntnis
nämlich, auf welche Weise _Laios_ ums Leben kam[73], aber nicht
innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra[74] die Berichterstattung
über die pythischen Spiele oder in den _Mysern_ der Mann, (S. 57) der
stumm von Tegea bis Mysien wanderte.[75] Zu sagen, daß sonst die Fabel
in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von
vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch
getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man
auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die
Unzuträglichkeit der Szenen in der _Odyssee_, die sich bei der
Aussetzung[76] (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in
die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte.
Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das
Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.
10. Dem _sprachlichen Ausdruck_ soll der Dichter seine _besondere
Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden_, d.h. solchen, die weder
durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen.
Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die
Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.
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