1. Die _Güte des sprachlichen Ausdrucks_ be steht darin, daß er _klar_
und _nicht flach_ (banal) (S. 47) ist. Am klarsten ist er nun freilich,
wenn er sich nur allgemein gebräuchlicher Wörter bedient, was aber
Flachheit mit sich bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Dichtung des
_Kleophon_ und die des _Sthenelos_. Erhaben und das Gewöhnliche
(Alltägliche abstreifend wird er durch die Anwendung fremdartiger
Wörter. Unter einem fremdartigen Wort verstehe ich die Glosse, die
Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was sich von dem
Alltäglichen entfernt.
2. Wollte aber jemand in lauter derartigen Wörtern dichten, so wird sich
entweder ein _Rätsel_ oder ein _Kauderwelsch_ (Barbarismus) ergeben und
zwar, falls in Metaphern, ein _Rätsel_; falls in Glossen, ein
Kauderwelsch. Denn es liegt im Wesen des Rätsels, zwar Tatsächliches zu
sagen, aber Unmögliches zu verbinden. Durch die Verknüpfung anderer
Wörter kann man dies nicht bewirken, durch eine Verknüpfung von
Metaphern aber ist dies möglich, wie z.B.
_Einen sah ich mit Feuer das Erz anlöten dem andern_[57] und
dergleichen. Aus Glossen entsteht (wie gesagt), der Barbarismus <z.B.
....>.
Man muß daher diese Formen, nämlich die Glosse, die Metapher, die
schmückende Bezeichnung und die übrigen bereits erwähnten Arten in einer
gewissen Mischung verwenden. So wird man etwas nicht Alltägliches und
nicht Flaches schaffen, das Allgemeingebräuchliche wird dagegen die
(nötige) Deutlichkeit verleihen.
[Sidenote: c. 22, 3. Der sprachliche Ausdruck.]
3. Aber den keineswegs geringsten Teil zur Klarheit (1458b) des
sprachlichen Ausdrucks, ohne darum ins Alltägliche zu verfallen, tragen
Verlängerungen, Verkürzungen und Umwandlungen bei. Da sie nämlich
anders lauten als (S. 48) das allgemein Gebräuchliche bewirkt das vom
Üblichen Abweichende, daß man nichts Alltägliches zustande bringt; durch
die Verquickung mit dem allgemein Gebräuchlichen dagegen wird die
Klarheit sich ergeben.
4. Deshalb sind diejenigen Nörgler im Unrecht, welche eine derartige
Redeweise einer scharfen Kritik unterziehen und den Dichter (Homer)
verhöhnen, wie _Eukleides_ der Ältere es getan, indem er behauptete, daß
es gar leicht sei zu dichten, wenn jemand berechtigt wäre, (Vokale) nach
Gutdünken zu verlängern oder zu verkürzen und jenes (Verfahren) in dem
Ausdruck selbst verspottete.[58]
_Ĕ̅pichár|en_[59] _ĭ̅|don Mara|thónade bă̅di|zonta_ (= _Aepicharen sah
ich gen Marathón spazieren gehen_)
_Ouk an|g' ě̅ramen|os ton|keínon|ellě̅|bŏ̅ron_[60] (= _Der wohl kaum in
Liebe entbrannte für jenes Niésswurz_.)
Freilich ist ein irgendwie augenfälliges Verfahren dieser Art
lächerlich. Aber eine maßvolle Anwendung ist überhaupt eine gemeinsame
(Vorbedingung) für alle Teile (des sprachlichen Ausdrucks). Denn wollte
jemand geschmacklos, d.h. absichtlich auf die komische Wirkung
rechnend, Metaphern, Glossen und die übrigen Arten anwenden, würde er
dasselbe erreichen (wie bei jenen Dehnungen).
[Sidenote: c. 22, 5. Der sprachliche Ausdruck.]
5. Welch einen _Unterschied die angemessene Verwendung_ (dieser Formen)
_macht_, möge man am Epos sich veranschaulichen, indem man die
_allgemein_ (S. 49) _gebräuchlichen Wörter in den Vers_ setzt und auch
wenn jemand bei der Glosse, der Metapher und den übrigen Arten die
allgemein gebräuchlichen Wörter dafür eintauscht, würde er sehen, daß
unsere Behauptung wahr ist. So hat z.B. Euripides denselben jambischen
(Trimeter) gedichtet wie _Aischylos_ und nur durch das Einsetzen eines
einzigen Wortes, nämlich einer Glosse statt eines allgemein
gebräuchlichen, üblichen Wortes, bewirkt, daß sein Vers nun trefflich,
der _des Aischylos_ aber gewöhnlich erscheint. _Aischylos_ dichtete
nämlich im _Philoktet_:
/*
_Das Krebsgeschwür, das meines Fußes
Fleisch frißt_.
*/
Jener (Euripides) setzte an Stelle von "frißt" den Ausdruck "schmaust."